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„Die christliche Kirche ist die Gemeinde…“ (Barmen III)

Das Impulspapier der EKD und das evangelische Kirchenverständnis.* Prof. Dr. Eberhard L. J. MechelsWangerooger Straße 14, 26810 Westoverledingen-Ihrhove Vorbemerkung Eine persönliche Bemerkung möge mir vorweg erlaubt sein: das Faszinierende und Aufregende amThema „Kirche“ und an der Lehre von der Kirche, der Ekklesiologie, ist für mich ihre Scharnierfunktionoder Brückenfunktion zwischen der unsichtbaren Wirklichkeit, die Gegenstand des Glaubens ist, undder sichtbaren Welt, die Sache der empirischen Erfahrung ist. Zwar gibt es eine ziemlich langeprotestantische Tradition, die gerade diese Vermittlungsfunktion von geistlicher und empirischerWirklichkeit der  Kirche umgeht oder gar beseitigt. Dann haben wir eine Art Zwei-Bereiche-Lehre imGebiet der Ekklesiologie. Demnach verhält sich die geglaubte Kirche zu ihrer empirischen Gestaltoder Organisation indifferent. Dann gerät die Ebene der Gestalt, auch der Gestaltung, in dieBeliebigkeit. Das bedeutet: die Organisation der Kirche, ihre äußere Gestaltung, ihre Sozialgestaltregeln wir je nach den Erfordernissen der Nützlichkeit, der geschichtlichen Situation, d.h de facto:nach der jeweiligen Verfassung der gesellschaftlichen Umwelt. D.h.: die Kirche hat in diesenscheinbar „äußerlichen“ Belangen keinen eigenen Kompass, sondern ist außengelenkt. Die Fragender Organisation, der Gestaltung sind Ermessensfragen, sie haben keine geistliche Relevanz undsind in der gegenwärtigen Reformdiskussion bezogen auf Erfordernisse der Integration von Kircheund Gesellschaft. D. Bonhoeffer war als junger Mensch von 21 Jahren  in mancher Hinsicht seinerZeit theologisch weit voraus, indem er genau an dieser Stelle der Dissoziierung von geistlicher undempirischer Ebene der Kirche das Problem erkannte und  die geglaubte communio sanctorum mit dersozialen Empirie der Kirche wieder auf Tuchfühlung brachte. In Anlehnung an Lessings Dictum formuliert: Den garstigen breiten Graben zwischen der geglaubtenunsichtbaren Kirche und der empirischen sichtbaren Kirche hat er ins Visier genommen. SeinAnliegen steckt bereits im Titel: „Sanctorum communio. Eine dogmatische Untersuchung zurSoziologie der Kirche“. Sanctorum communio ist eine Glaubenswirklichkeit – Soziologie ist eineempirische Wissenschaft, und die dogmatische Untersuchung bringt das in Berührung, sie sitzt genaudazwischen an der Schnittstelle. Und so durchbrach er die ekklesiologische Zwei-Bereiche-Ideologie.Es geht um den Schnittpunkt (das ist der Akzent von A. Denecke) bzw. die Schnittmenge (das isteher meine Interpretation) zwischen geistlicher und sozialer Wirklichkeit der Kirche. Dieses Bemühenfür die heutige Situation fortzuschreiben, das ist ein Weg, um im gegenwärtigen Streit über den Wegder Kirche aus der derzeitigen Blockade, um nicht zu sagen Agonie herauszukommen. In dieserSache auf Bonhoeffer zu hören ist außerordentlich hilfreich. Um es mit Worten von Eberhard Jüngelzu sagen (er sagte das in Bezug auf Karl Barth): Die Zitrone gibt immer noch Saft.   I. Evangelisches Kirchenverständnis. 1. Die Kirche ist versammelte Gemeinde Am häufigsten (46 mal)  kommt das neutestamentliche Wort für Kirche: „ekklesia“, in denPaulusbriefen vor. Und Paulus war es auch, der diesem Wort seine besondere Prägung gegebenhat.  Diese paulinische Prägung hat das kirchliche Selbstverständnis immer wieder, wenn auch nichtdurchgängig, orientiert und geleitet. Dies Wort beschreibt unseren Konsens, es sagt, als was wir unsverstehen. Die Frage im Zusammenhang der Kirchenreformdiskussion ist, ob dieser Konsens nochbesteht. (Ich habe da Zweifel.) Dieses Wort enthält implizit die Antwort auf die Frage: Wer seid ihr?Was ist die Kirche? Die Antwort ist überraschend lapidar: Versammlung! Das Wort „ekklesia“ stammtaus dem Profangriechischen, hat dort überhaupt keine religiösen Implikationen und meinte schlicht:die Volksversammlung. Es ist sehr bedenkenswert, dass ein so profanes Wort ein ekklesiologischerZentralbegriff wird. Dieser Befund verweist uns bereits darauf, dass eine bestimmte Sozialform,nämlich die leibliche Anwesenheit von Menschen zu gleicher Zeit am gleichen Ort, zentraleBedeutung hat. Aber lassen wir Paulus sprechen: 1. Kor. 11,17ff. „Ich kann´s nicht loben, dass ihr nicht zu euremNutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zum ersten höre ich: Wenn ihr in derGemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch.“ 11,20): „Wenn ihr nun zusammenkommt,so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn…“ 11,33: „Darum, meine lieben Brüder, wenn ihrzusammenkommt, um zu essen, so wartet aufeinander.“ 14,26: „Wie ist es denn nun, liebe Brüder?Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung,er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Laßt es alles geschehen zur Erbauung!“ Auffällig oftist bei Paulus vom „Zusammenkommen“ die Rede. Es ist nicht zu übersehen, dass das leiblicheZusammenkommen in engem Zusammenhang steht mit dem Verständnis der Gemeinde als LeibChristi. Hier kommen bereits empirische und geistliche Wirklichkeit  in Kontakt. Otto Weber [1] fasst den neutestamentlichen Befund so zusammen: „Es ist deutlich, daß dasSchwergewicht der Aussage beim konkreten Zusammenkommen der ekklesia  liegt.  …Wir tun dahergut daran, bei dem Wort `Gemeinde` … stets das konkrete Moment des Zusammenkommens, der`Versammlung` mit zu denken…“ Weil die versammelte Gemeinde der Leib Christi ist, kann Paulus z.B. die Gemeinde zu Korinth „dieekklesia Gottes, die in Korinth ist“, nennen, und die Gemeinde in Thessalonich nennt er: „die ekklesiader Thessalonicher in Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus“. Die ekklesia zu Korinth, Thessalonich, Philippi usw. ist jeweils die ganze Kirche. Und alle Gemeindenzusammen sind auch die ganze Kirche, nicht aufgrund organisatorischen Zusammenschlusses,sondern weil sie alle die gleiche Substanz haben, sie sind alle eins in Christus, sind sein Leib. 2. Die Gemeinde ist Leib Christi Diese konkret an einem Ort zusammenkommende, versammelte Gemeinde ist der Leib Christi. Undso folgt  auf  1. Kor. 11, wo so oft vom Zusammenkommen der Gemeinde die Rede ist, das Kapitelüber die Gemeinde als Leib Christi, mit dem zentralen Vers 12: Denn wie der Leib einer ist und dochviele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind,  — nunwürde ich den Satz beenden, vermutlich jeder von uns: so auch die Gemeinde. Das ist ganzfolgerichtig gedacht. Die Gemeinde ist ein sozialer Leib, ein Organismus, und der besteht aus vieleneinzelnen Gliedern. Das ist doch so ganz logisch. Aber das sagt Paulus nicht, sondern er kommt miteiner Riesenüberraschung. Das ist der ekklesiologische Spitzensatz und der enthält das ganzeGeheimnis der Kirche: Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie vielesind, doch ein Leib sind, so auch Christus. Das ist der paulinische Indikativ: Ihr aber seid der LeibChristi (1. Kor. 12,27).…
Wolfgang Schumacher

Friedrich Schorlemmer, Die Gier und das Glück, Freiburg

Wolfgang SchumacherEmmagasse 4, 67659 Kaiserslautern Friedrich Schorlemmer, Die Gier und das Glück, Freiburg (Verlag Herder) 2014, 176 Seiten, 14 Euro Was gibt es nicht alles an Literatur zum Thema Glück. Erst recht an christlicher Literatur. „Unterwegszum Glück“, „Zum Glück gibt’s Gott“ oder „Sinn und Glück im Glauben“. Glück ist ein Dauerwunschund ein Dauerthema. Und wer es in Buchform sucht, der findet es in erbaulicher Weise in den in denBuchhandlungen überbordenden Esoterikregalen, auf den schmalen  Brettern der Religions-„Abteilung“ und auf dem Sonderangebots-Wühltisch. Nun ist ein Buch erschienen, welches das Glück zum Thema macht und ganz ohne vomWeichzeichner bearbeitete Bilder von blauem Himmel oder bunter Blumenwiese auskommt. FriedrichSchorlemmer, der Theologe, für den der Begriff Protestant erfunden scheint, geht der Frage nach,was das Glück des Lebens ausmacht und wie wir ein intensives, ein glückendes Leben gewinnenkönnen. Dabei beginnt Schorlemmer ganz persönlich: „Das nenne ich Glück: auch einmal weltversunken sein,mit Freunden Weinlese betreiben, dann zur Weinprobe gehen, bleiben, bis Probe ins Gelingenübergeht.“ Eine Glückserfahrung, die der Wittenberger Theologe sicher bei seinen pfälzischenFreunden in den Weinbergen und Winzerhöfen rund um Landau gemacht hat. Schorlemmer, derehemalige Dozent am Predigerseminar Wittenberg und Studienleiter der Evangelischen Akademie inWittenberg, doziert nicht über, er erzählt vom Glück. Von der Märchenfigur des Hans im Glück überDietrich Bonhoeffer, den er mit einem Plädoyer für das irdische Glück zitiert, bis zu Dorothee Sölle,die Glück und Glaube verbinden konnte und sich wagte, Jesus einen glücklichen Menschen zunennen. Muss aber nicht derjenige, die vom Glück spricht, auch vom Unglück reden? Friedrich Schorlemmerverbindet in seinem Buch jedoch das Glück mit der Gier. Denn auch die Kraft des Begehrens gehörtzum Leben. Wobei die Gier per se nicht die schlechte Seite des Glücks ist. So ist die Neugier „eineschöne, spannende, erfrischende, weiterführende Gier“. Freilich gibt es Doppelgesichter der Gier, dieauf der einen Seite gierig im Sinne von hochmotiviert, auf der anderen Seite von unersättlich versteht.Darum spricht Schorlemmer auch über das Giersystem, von Geld- und Machtgier und greift dabei aufdie politischen Entwicklungen und wirtschaftlichen Verwicklungen der jüngsten Zeit zurück. Dabei begegnen wir Martin Luther genauso wie Adam Smith und Karl Marx. Zum Glück hebt der Autor nicht den belehrenden Zeigefinger, zieht nicht moralinsauer die bittereBilanz eines Systems oder einer Epoche. Er lädt freundlich zur „Suche nach dem menschlichen Maß“,zur Liebe ein. Wir müssen nicht unter das Joch der Gier geraten, wir können guten Mut behalten,„fröhlich bleiben in Mitten aller Unbill“. Friedrich Schorlemmer, der am 16. Mai seinen 70. Geburtstag feiert, lädt mit diesem Buch zumGespräch ein. Und er verweist darauf, dass es selbst im Gespräch entstanden ist. Unter anderem mitVolker Hörner, dem langjährigen Wegbegleiter und Freund. Als Dozenten an den Predigerseminarenihrer Kirchen lernten sie sich bereits lange vor dem Mauerfall kennen, als Akademieverantwortlicheluden sie seit 1991 zu gemeinsamen Tagungen in West und Ost ein, der linksrheinisch-ostelbischeClub bestand bis 2008. Auch ein Glück für alle, die daran teilnehmen konnten.

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