Impressum

Michael Landgraf
Stiftsstraße 23, 67433 Neustadt


Die Bibel unter die Menschen und ins Gespräch bringen - 90 Jahre Pfälzischer Bibelverein (1915 - 2005)

Mit 90 Jahren ist der Pfälzische Bibelverein das Jüngste aller deutschen Bibelwerke. Er ist Glied der Deutschen Bibelgesellschaft (DBG) und damit des Weltbundes der Bibelgesellschaften. Als einziges regionales Bibelwerk ist der Pfälzische Bibelverein kein offizielles Werk einer Landeskirche, sondern als Verein organisiert, der für die Evan­gelische Kirche der Pfalz das Aufgabenfeld eines Bibelwerkes übernimmt. Es besteht institutionelle Verknüpfung zu verschiedenen Arbeitsfeldern der Landeskirche, zum Referat III (Christian Schad) und zum Missionarisch-Ökumenischen Dienst mit seinen beiden Schwerpunkten Volksmission und Weltmission. Auch zu weiteren Arbeitfeldern bestehen enge Bindungen wie zu den Religionspädagogischen Zentren, der Erwachsenenbildung, zur Bibliothek- und Medienzentrale oder zum Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz. Dabei arbeiten Vorstand und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern ehrenamtlich, um das weit gespannte Arbeitsfeld eines regionalen Bibelwerkes zu bewältigen.

 

 

Aufgaben eines regionalen Bibelwerkes

 

Die Aufgabe eines regionalen Bibelwerkes ist auf einen Nenner gebracht: Die Bibel unter die Menschen und ins Gespräch bringen. Seit Gründung der Cansteinschen Bibelgesellschaft in Halle 1710 erwuchs die Idee, allen Menschen, besonders den Armen, preiswerte Bibeln zur Verfügung zu stellen. Aus dieser Bewegung entstanden die regionalen Bibelgesellschaften und Werke.

Ihnen geht es im Allgemeinen darum,

- die Bibel, wo Bedarf an ihr besteht, Menschen zur Verfügung zu stellen

- die Übersetzung der Bibel in die Sprachen der Welt zu fördern

- die Bibel durch kontinuierliche Arbeit und durch Aktionen ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu bringen

- die Bedeutung der Bibel für unsere Kultur herauszustellen.

Dies wird in der Regel nicht theoretisch, sondern durch folgende Aktionen geleistet:

Vertrieb von Bibeln durch die regionale Bibelgesellschaft und Versorgung der Gemeinden in der Region. Bereitstellung einer Auswahl von Bibelausgaben zur Orientierung bis hin zur finanziellen Unterstützung von Bibel-Aktionen.

Unterstützung der Weltbibelhilfe und ihrer Übersetzungsprojekte über Einnahmen durch Spenden oder Kollekten. Zum Teil auch Unterstützung von Einzelprojekten über landeskirchliche Direktpartnerschaften.

Unterhalt eines Bibelhauses mit Bibelausstellung, um Besuchergruppen (SchülerInnen, KonfirmandInnen und Erwachsenen) einen vielfältigen Zugang zum Thema Bibel zu ermöglichen. Weitere Aktionsformen sind „das Jahr (mit) der Bibel", Bibelsonntag, Bibelwochen oder ein regionales Bibelfest, Bibelausstellungen und Vorträge in Gemeinden.

Vorträge, Veröffentlichungen oder der Dauerbetrieb eines Bibelmuseums mit kulturgeschichtlichem Schwerpunkt.

Nicht nur die weltweite Perspektive, sondern auch der Blick auf die Menschen im eigenen Umfeld - das ist der Handlungsrahmen der Bibelwerke heute. Dabei liegen die Anfänge des Pfälzischen Bibelvereins nicht in einer Entscheidung der Landeskirche, wie sie schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts in allen Territorien gefällt wurden, wodurch beispielsweise Bibelwerke wie die Württembergische Bibelanstalt oder die Badische Bibelgesellschaft entstanden sind. Sie lagen in der Not des Ersten Weltkrieges.[1]

 

 

Die Anfänge des Pfälzischen Bibelvereins: 1916 bis 1934

 

Erst spät wurde in der Pfalz ein eigenes Bibelwerk gegründet. Die pfälzische Bibelvereinsbewegung im 19. Jahrhundert gründete in der Initiative von Gemeinden, die sich zunächst dem Bayerischen Central-Bibelverein anschlossen. Nachdem sich die protestantische Kirche nach den Wirren von 1848 selbst organisieren konnte, kam es zum Zusammenbruch von über 200 Bibelvereine, die es auf der Ebene der Kirchengemeinden gab. Bibeln wurden von der „Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft" bezogen. Die Protestanten in der Pfalz dachten pragmatisch - solange die Briten die Gemeinden mit preiswerten Bibeln belieferten, verzichtete man auf eine eigene Bibelgesellschaft.[2]

Die Anfänge des Pfälzischen Bibelvereins gründen in der Initiative des Landauer Pfarrers Adolf Risch (1869-1940). Neben der Erforschung der Lutherbibel[3] setzte er sich mit neuen Bibelübersetzungen auseinander und zeigte auf, warum gerade der Luthertext gleichzeitig wissenschaftlich fundiert ist und die Herzen der Menschen anspricht. Seine 1911 in Landau erschienene Schrift „Die Bibel und das gegenwärtige Geschlecht" führte Risch zu einer wesentlichen Frage: „Wie gewinnen wir das heutige Geschlecht für die Bibel?" Auf Dauer könne sich kein christliches Leben in einem Volk halten, wenn die Bibel fehle.[4] Seine Grundüberzeugung lautete: „Wollen wir unserem Volke die Religion erhalten, so müssen wir ihm die Bibel als Volksbuch erhalten." Provozierend formulierte er: „Wer für die Bibel werben will, muss das Zutrauen zu ihr haben, dass sie selbst ihre Sache in der Menschen Herzen vertreten kann. ... Wie im irdischen, so führt Gott auch im geistigen Leben jeden seinen besonderen Weg - das ist das Wunderbare an der Bibel, dass sie für die Millionen von Menschen mit ihren millionenfach verschiedenen Seelenbedürfnissen das Buch des Lebens ist."

Risch teilte die Menschen in Bibelfreunde, Bibelfeinde und Gleichgültige ein. Das Ziel sah er darin, Menschen zu Bibelfreunden zu machen. Als Aufgabe aller Bibelfreunde betrachtete er es, der Unkenntnis über die Bibel entgegenzuwirken und Zeugen der Lebenskraft der Bibel zu sein.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war für Risch ein einschneidendes Erlebnis. In Landau wurden Kasernen zu Lazaretten umfunktioniert, und als Seelsorger der Gemeinde wurde Risch zu Verwundeten und Sterbenden gerufen. Diese Erfahrungen brachten ihn dazu, im März 1915 im "Evangelischen Kirchenboten" und der „Union" Artikel unter dem Leitwort: "Etwas, was unserer Pfalz fehlt" zu platzieren. Der erste Satz lautete schlicht: "Unserer Pfalz fehlt ein Bibelverein". Risch begründete sein Vorhaben zur Gründung eines Bibelvereins zunächst ganz pragmatisch: "Was ist in der Pfalz zur Bibelversorgung unserer Pfälzer, die im Felde stehen, geschehen? - Sehr wenig, eigentlich offen gesagt, so gut wie gar nichts."

Um den Kirchengemeinden an den Garnisonsorten die Kosten nicht alleine aufzubürden, sollte ein Verein die Bibelversorgung mittragen. Nur weinige Tage nach der Veröffentlichung des Artikels gingen die ersten Spenden ein, so dass Risch am 22. April 1915 eine Versammlung nach Neustadt an der Haardt einberief, die den Pfälzer Bibelverein gründen sollte.[5] Die Statuten des Vereins gingen über die Notversorgung hinaus. Risch begründete den Namen „Bibelverein" im Unterschied zu „Bibelgesellschaft" mit der Tradition der pfälzischen Bibelvereinsbewegung im 19. Jahrhundert, auch wenn diese Lokalbibelvereine „sanft entschlafen" seien.

Rischs Vorhaben traf auf breite Unterstützung. So rief das Speyerer Konsistorium in einem Erlass dazu auf, den Bibelverein zu unterstützen. Die Generalversammlung des Bibelvereins vereinbarte 1916 mit der Buchhandlung des „Evangelischen Vereins" in Kaiserslautern, Bibeln in der Pfalz zu vertreiben. Außerdem trat man dem „Ausschuss der Deutschen Bibelgesellschaften" bei.

Adolf Risch rief die Bedeutung des Vereins in den folgenden Jahren immer wieder ins Gedächtnis. In den Amtsblättern der Pfälzischen Landeskirche erschien in den Jahren 1921 und 1924 die Aufforderung, Brautleuten Traubibeln zu schenken. Als Schriftleiter des Pfälzischen Pfarrerblattes informierte er über Neuerscheinungen exegetischer Literatur und warb für den Bibelverein: "Der Pfälzer Bibelverein besteht noch; allerdings vegetiert er mehr, als dass er lebt. Aber er ist noch da. ... Es schien vor wenigen Jahren so, als ob ein Bibelverein für die Pfalz eigentlich überflüssig sei, weil jeder leicht in der Lage war, sich eine billige Bibel zu kaufen. ... Heute ist die Geldknappheit, sagen wir offen, die Armut so groß, dass vielen neu gegründeten Haushaltungen die Anschaffung selbst einer billigen Bibel schwer fällt ... Die Freude am Besitz einer eigenen Bibel ist sicher größer als viele ahnen. Jedenfalls möchte sich der Pfälzer Bibelverein in Erinnerung bringen und betonen, dass er an seinem schwachen Teile gerne mithilft, das jedes evangelische Haus in Besitz einer Bibel ist."[6] In der Zeit finanzieller Not war also das ursprüngliche Ziel der Bibelvereinsbewegung wieder aktuell. Aber die Not traf auch die Gemeinden, von denen nur noch wenige einen Mitgliedsbeitrag leisteten. So war der Verein auf Zuwendungen durch die Landeskirche und durch Institutionen wie den Evangelischen Kirchenboten angewiesen.

Mit Rischs Pensionierung und Übersiedelung nach Stuttgart im Jahre 1934 endete diese erste Periode des Pfälzischen Bibelvereins. Es sind nicht die großen Mitgliederzahlen, sondern es war der besondere Einsatz Adolf Rischs für die Lutherbibel und seine Suche nach „Bibelfreunden", die diese Zeit prägte. Festzuhalten bleibt, dass es Risch gelang, den Bibelverein im Bewusstsein vieler Gemeinden zu verankern. Eine besondere Würdigung seiner Lebensarbeit war die Wahl Adolf Rischs zum Vorsitzenden des „Ausschusses der Deutschen Bibelgesellschaften" im Jahr des Bibeljubiläums 1934.

 

 

NS-Zeit und Weltbibelhilfe: 1934 - 1967

 

Noch unter der Leitung von Adolf Risch wurde in Landau eine Generalversammlung einberufen. Als Nachfolger bestimmte man den aus Neuhofen stammenden Pfarrer Paul Kreiselmaier (1900-1967), der lange Jahre sein Amt von Ludwigshafen aus versah, bis er als Leiter des Volksmissionarischen Amtes und ab 1959 als Pfarrer von Hambach den Sitz des Bibelvereins nach Neustadt verlegte.[7]

Paul Kreiselmaier verband von Anfang an die Sache des Bibelvereins stark mit den Pfarrkonferenzen, die er regelmäßig besuchte. Die wichtigste Aufgabe des Vereins war es, in der NS-Zeit zur Hochzeit die Traubibel als Gegengewicht zu Hitlers „Mein Kampf" zur Verfügung zu stellen. An Jugendliche wurden Schulbibeln verbilligt oder als Geschenk weitergegeben. Man stellte sogar in Stuttgart eine eigene Bibelausgabe her, die „Pfälzischer Bibelverein" im Impressum aufweist. Hierfür wurde über die damaligen Kirchenmedien und beim Landeskichenrat geworben. Zudem wollte man in protestantischen Vereinen, Werken und Dekanaten Vertrauensleuten für die Bibelsache werben. Darüber hinaus unterstützte der Verein die zweite Auflage der Bibel in der Suaheli-Sprache und rückte dadurch zum ersten Mal in der Pfalz das Anliegen der Weltbibelhilfe in den Blick.

Mit der Buchhandlung des „Evangelischen Vereins für die Pfalz" wurde vereinbart, Bibeln an Bibelvereinsmitglieder mit Nachlass zu liefern. Die Kirchenleitung stellte Geldmittel in Aussicht, um die Versorgung mit Bibeln in größerem Maßstab zu gewährleisten. Im Juli 1944 wurde die Druckerei der Bibelanstalt in Stuttgart bombardiert. Daher setzte sich Paul Kreiselmaier im Juli 1945 aufs Fahrrad und fuhr nach Stuttgart, um die Lage zu erkunden. Dank US-amerikanischer Hilfe wurden das Material zur Herstellung von Bibeln, aber auch deutschsprachige Lutherbibeln durch die „American Bible Society" zur Verfügung gestellt. Kreiselmaier orderte einen großen Bestand dieser Ausgaben, mit denen die Pfalz in den ersten Jahren nach dem Krieg versorgt wurde.

Im Blick auf die NS-Zeit gilt festzuhalten, dass der Pfälzische Bibelverein das große Vereinssterben im Protestantismus dieser Zeit überlebte. Vermutlich schienen Größe und das Arbeitsfeld des Vereins den Machthabern ungefährlich. Da die Buchhandlung des „Evangelischen Vereins" in Kaiserslautern im Krieg zerstört wurde, brauchte man nun ein Depot, Vertriebsmöglichkeiten und einen Geschäftsführer. 1948 bis 1963 übernahm diesen Dienst der später „Bibelmüller" genannte Carl Müller aus Ludwigshafen. Aus dem Verkaufserlös verkaufter Bibeln finanzierte man Aktionen wie Bibelausstellungen, die besonders aus der Wanderausstellung des Verbandes der Evangelischen Bibelgesellschaften in Deutschland bestanden.[8] Um die Bibelausstellungen einzuführen, gestaltete man Bibeltage, beispielsweise 1954 in Landau und 1955 in Neustadt.[9] Paul Kreiselmaier führte in dieser Zeit die Tradition der Bibelwochen ein.

„Schenke dem fernen Bruder Gottes Wort in seiner Muttersprache". Mit diesem Slogan begannen in der Pfalz die Aktionen für die Weltbibelhilfe. Seit einem Vortrag im Jahre 1956 durch den Missionar Walther Trobisch über „Bibelmission drinnen und draußen" wurde die Weltbibelhilfe zu einer der prägenden Aufgaben des Bibelvereins. Kreiselmaier schrieb Artikel im Evangelischen Kirchenboten, in denen er für den Druck von Bibeln für Länder in Übersee und für die Förderung von Übersetzungsarbeit warb. Konkret ging es in den ersten Jahren um die Übersetzung der Bibel in die afrikanischen Sprachen Fulani, Bali, Twi und um die Finanzierung einer Neuauflage des Tibetischen Neuen Testamentes. 1962 gab der Mainzer Professor und Pfälzer Pfarrer Eugen Ludwig Rapp im Auftrag des Pfälzischen Bibelvereins das Markusevangelium in der Gurenne-Sprache heraus. Ein besonderes Ereignis hierbei war der Besuch des Kirchenpräsidenten der Presbyterianischen Kirche Kameruns, Paul Jocky, im Jahre 1958. Es kam zu Kontakten mit der Kirchenleitung, dem Landtag und der Industrie. Viele Gemeinden und Schulen wurden in der Pfalz besucht und so das bibelmissionarische Anliegen bekannt gemacht.

Im Jahre 1965 feierte der Pfälzische Bibelverein sein 50-jähriges Bestehen. Der inzwischen 300 Mitglieder starke Verein bekam nun neue Geschäftsführer, die ihre Aufgabe bis 1999 übernahmen -  das Ehepaar Adelheid und Adolf Brust.

Zum Jubiläum wurden die deutschen Bibelgesellschaften nach Landau eingeladen, die hierbei auch am 16. und 17. Mai 1965 die Gründung des Evangelischen Bibelwerkes für die Bundesrepublik Deutschland vollzogen. Das neu entstandene Bibelwerk sollte schlagkräftiger sein, stärker mit Kirchenleitungen zusammenarbeiten und besonders die Bibelverbreitung in Übersee fördern. Zum Vereinsjubiläum wurde von Hans Joachim Belitz, Ludwigshafen, eine Festschrift mit Namen „Pfälzischer Bibelverein 1915-1965" verfasst. Bis zum Tode Kreiselmaiers im Jahr 1967 wuchs der Verein auf 400 Mitglieder an. Als Grund für diesen starken Zuwachs kann wohl die rührige Öffentlichkeitsarbeit Paul Kreiselmaiers für die Weltbibelhilfe angesehen werden.

 

 

Der Pfälzische Bibelverein von 1968 bis 2005

 

Nun begannen die Dekaden unter den Vorsitzenden Horst Hahn (1968-1977), Martin Beck (1977-1987) und Karl Börner (1987-1999). Prägende Persönlichkeiten in dieser Zeit waren die Geschäftsführer des Bibelvereins, Adolf und Adelheid Brust. Neben der Versorgung von Gemeinden mit Bibeln erreichten sie es, dass der Bibelverein durch ihre kontinuierliche Büchertischarbeit bald in der ganzen Pfalz bekannt wurde. Sie wurden 2004 durch die höchste Auszeichnung der Deutschen Bibelgesellschaft, die Canstein- Medaille geehrt, die zuvor noch nie an Nicht-Theologen verliehen wurde.

Nachfolger von Paul Kreiselmeier wurde im Jahre 1968 Horst Hahn (geb. 1933). Er war seit 1962 Pfarrer in Schopp und wurde am 1968 Inhaber der gesamtkirchlichen Pfarrstelle beim Volksmissionarischen Amt in Klingenmünster. Eine seiner ersten Aufgaben war es, dem stark gewachsenen Verein eine zeitgemäße Satzung zu geben. Hahn suchte nicht nur in seiner Person eine enge Verbindung zwischen dem Volksmissionarischem Amt und dem Bibelverein. So wurde in der Satzung aufgenommen, dass dem Vorstand des Bibelvereins in Zukunft je ein Vertreter des VMA und des Pfarramtes für Weltmission als Mitglied angehören sollte. Einen weiteren Schritt wagte Hahn, indem er für Vertrauensleute warb, die den Bibelverein in den Dekanaten vertreten und Kontakte zu ihm aufrecht halten sollten. Seit den 1970er Jahren machte es sich der Vorstand zur Aufgabe, Kirchengemeinden in Gottesdiensten zu besuchen. Dabei wurde die Predigt von einem Vorstandsmitglied gehalten und die Ziele und Anliegen des Vereins durch Adolf Brust vorgetragen. Diese Zeit war auch geprägt von einer starken Mitgliederwerbung, die auch EKD-weit im Evangelischen Bibelwerk stattfand. In Form von thematischen Jahrestagungen versuchte Hahn, die Mitgliederversammlungen attraktiv zu gestalten und lud hierfür überregional bekannte Referenten ein. Schließlich übernahm Horst Hahn auch selbst überregional Verantwortung. Seit 1974 war er Vorstandsmitglied des Deutschen Bibelwerkes und seit 1981 der Deutschen Bibelgesellschaft.

Seine Berufung zum Oberkirchenrat hatte zur Folge, dass ein Nachfolger für den Vorsitz gesucht wurde. Dennoch blieb Host Hahn seit dieser Zeit permanent dem Bibelverein auch als stellvertretender Vorsitzender bis ins Jahr 2005 verbunden.

Martin Beck (geb. 1933) übernahm 1977 das Amt von Horst Hahn. In diesem Jahr war der Bibelverein Gastgeber der „Europakonferenz des Weltbundes der Bibelwerke" im Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen. 1978/1979 wurde erstmalig mit Pirmasens ein ganzes Dekanat mit Predigtdienst und Büchertisch besucht. Guten Anklang fand die Aktion auch in Bergzabern, Landau und Ludwigshafen. Seit 1979 besuchte man Dekanatsfrauentage. In den Jahren 1978 bis 1980 unterstützte der Bibelverein die Übersetzungsarbeit des aus der Pfalz stammenden Pfarrer-Ehepaars Werle an der Elfenbeinküste, das das Neue Testament in die Bété-Sprache übertrug. Meist wurden jedoch die Mittel der Weltbibelhilfe der Deutschen Bibelgesellschaft zur Verfügung gestellt, deren Mitglied der Pfälzische Bibelverein seit dem Zusammenschluss des Evangelischen Bibelwerkes und der Deutschen Bibelstiftung im Jahre 1981 ist.

Martin Beck erstattet 1982 einen Bericht über die Arbeit des Pfälzischen Bibelvereins vor der Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz. Hier stellte er die Arbeit des Bibelvereins mit folgenden Worten vor:

„Wenn aus den damaligen Anfängen des von Cansteinschen Anliegens, die Bibel allen zu einem erschwinglichen Preis anzubieten, heute in Gestalt der Deutschen Bibelgesellschaft und gar in dem Weltbund der Bibelgesellschaften ein großer Baum geworden ist, so sind wir als Pfälzischer Bibelverein ein kleines, aber doch ganz schönes Zweiglein daran."

Da die Büchertischarbeit immer größere Dimensionen annahm, musste Anfang der 80er Jahre ein Haus angemietet werden, in dem die Geschäftsstelle des Bibelvereins mit Lager- und Verkaufsraum untergebracht wurde. Mit dem Kauf eines gebrauchten Autos unterstützte der Verein die ehrenamtliche Büchertischarbeit der Familie Brust, die bis zu 50 Büchertische im Jahr durchführte. Die engagierte Arbeit der Familie Brust brachte es mit sich, dass man sich in vielfacher Hinsicht stark genug fühlte, ein Bibelhaus zu planen.

Unter Karl Börner, seit 1987 Vorsitzender des Bibelvereins, ist der Bau des Bibelhauses das herausragende Ereignis seiner Amtszeit. 1989 wurde der Bau beschlossen und bereits 1991 fertig gestellt. Mit dem Haus wollte man einen ersten Schritt weg von der reinen Ehrenamtsstruktur machen und durch die christliche Buchhandlung ein finanzielles Standbein neben den Büchertischen errichten.

Zum 75. Vereinsjubiläum erschien 1991 die Festschrift „Wort, das lebt". Im darauf folgenden „Jahr mit der Bibel" beteiligte sich der Verein an einer Erlebnisausstellung zur Bibel in Ludwigshafen, die über 18.000 Besucher anzog. Es folgte 1995 ein „Pfälzisches Bibelfest" in Otterberg, in dessen Rahmen mit dem Gemeinschaftswerk für Behinderte[10] ein Wettbewerb „Behinderte Menschen malen die Bibel" ausgerichtet wurde. Die eingereichten Werke wurden in Otterberg und Neustadt ausgestellt. Weitere Sonderaktionen waren Ausstellungen wie „Bach und die Bibel" oder die archäologische Ausstellung in der Speyerer Heiliggeistkirche „Südjordanien in biblischer Zeit", für die Peter Busch Verantwortung übernahm.

Vorsitzend der Vorstandsperiode 1999 - 2005 waren Peter Busch (1999 - 2003) und Michael Landgraf (ab 2003). In dieser Zeit vollzogen sich starke Veränderungen. Zum einen war die Beendigung einer langen Tradition der fast 40 Jahre währenden Tätigkeit von Adelheid und Adolf Brust für den Verein deutlich zu spüren. Nicht zuletzt deshalb war der Bestand der Buchhandlung, aber auch des Bibelhauses durch den Wegfall des „Motors Brust" zeitweise gefährdet. Mit Erich Hollerith, dem pensionierten Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung Pfalz, wurde 2001 ein neuer ehrenamtlicher Geschäftsführer gewonnen. Zum anderen veränderten sich die finanziellen Voraussetzungen des Vereins. Die Arbeit des Bibelvereins war bislang durch einen Geschäftsstellenzuschuss der Deutschen Bibelgesellschaft für seine Arbeit abgesichert, der aber ab 2001 drastisch zurückgefahren wurde. Seither müssen Drittmittel eingeworben werden, um den Erhalt des Bibelhauses und der Vereinsarbeit zu sichern.

 

 

Der Pfälzische Bibelverein heute: Resümee und Ausblick

 

Das ursprüngliche Ziel der Bibelvereinsbewegung, jeden protestantischen Haushalt in der Pfalz mit einer Bibel zu versorgen, scheint erfüllt. Als Konfirmand oder spätestens als protestantisches Brautpaar bekommt man eine Bibel. Auch die finanziellen Voraussetzungen der meisten Menschen in der Pfalz sind gegeben, sich selbst ohne Not eine Bibel anschaffen zu können. Insofern geht das Arbeitsfeld des Bibelvereins nun über das ursprüngliche Anliegen der Bibelmission hinaus.

 

Ziel des Pfälzischen Bibelvereins ist es heute, im Sinne Adolf Rischs, „Bibelfreunde" zu gewinnen. Dabei setzt sich der knapp 530 Mitglieder starke Pfälzische Bibelverein Aufgaben, wie sie in seiner neuen Satzung (beschlossen in der Mitgliederversammlung vom 19.11. 2004) formuliert sind. Die Aufgaben, die Bibel allen Menschen zugänglich zu machen und die Auseinandersetzung mit ihr fördern, werden durch kontinuierliche Arbeit und durch Sonderaktionen umgesetzt.

Eines seiner „Kerngeschäfte", Menschen eine Bibel in ihrer Sprache zur Verfügung zu stellen, leistet der Bibelverein durch die Unterstützung der Weltbibelhilfe. Dabei werden konkrete Projekte des Weltbundes der Bibelgesellschaften wie z.B. ein Kinderbibelprojekt für Angola oder der Aufbau eines Bibelzentrums in Chile an die regionalen Bibelgesellschaften vermittelt. Allerdings führt der Bibelverein auch konkrete Partnerschaftsprojekte selbst oder in Kooperation durch, die mit eigenen, landeskirchlichen Kontakten zusammenhängen. So unterstützte er, in Zusammenarbeit mit dem Missionarisch-Ökumenischen Dienst der Landeskirche, 2003 die Partnerkirche in West-Papua mit Kinder-Bibeln, 2004 in Zusammenarbeit mit dem Gustav-Adolf-Werk das Bibelzentrum Bethania in Polen und 2005 in Verbindung mit dem pfälzischen Pfarrer Marc Reusch ein Bibelprojekt in Kolumbien. Für das Jahr 2006 ist ein Partnerschaftsprojekt mit der Partnerkirche der Evangelischen Kirchen der Pfalz in Ghana vorgesehen.

Ein wesentlicher Bestandteil der kontinuierlichen Arbeit des Vereins ist die Versorgung pfälzischer Gemeinden mit Bibeln. Deswegen unterhält der Verein, mit Hilfe von großem ehrenamtlichem Engagement, die Buchhandlung Bibelhaus in Neustadt. Sie möchte Bibelausgaben, exegetische, christliche und religionspädagogische Literatur zugänglich machen. Aus Überschüssen der Buchhandlung werden Mittel für die Arbeitsfelder des Vereins, vornehmlich die Weltbibelhilfe bereitgestellt. In der allgemein stagnierenden Wirtschaftslage der Bundesrepublik erweist es sich allerdings als zunehmend schwierig, eine Schwerpunkt- Buchhandlung mit positivem Betriebsergebnis zu führen.

Eine besondere Aufgabe kontinuierlicher Arbeit des Pfälzischen Bibelvereins ist die Hinführung vor allem junger Menschen zur Bibel durch die Bibelausstellung. Seit der Umgestaltung der Bibelausstellung zu Lernstraße Bibelwelt im Jahre 1999 erfreut sich diese eines regen Zuspruchs, den der Verein kaum bewältigen kann.[11] Besonders Gemeinden und Schulen nutzen dieses Angebot, mit KonfirmandInnen oder mit Schulklassen die Bibelausstellung zu besuchen.

Um den Kreis der Erwachsenen und kulturgeschichtlich interessierten Menschen anzusprechen, erfolgt 2004 bis 2007 eine Umgestaltung der Bibelausstellung in ein Pfälzisches Bibelmuseum und der Aufbau einer Bibelsammlung. Durch Sachspenden und Leihgaben ist ein Grundstock an archäologischen Funden und historischen Bibeln vorhanden, der Etappen in der Geschichte der Bibel veranschaulicht. Dazu gehören auch regional bedeutsame Bibelausgaben wie eine „Neustadter Bibel" von 1594, „Luthers letzte Hand" von 1545 oder auch vorlutherische Bibelfragmente. In Zusammenarbeit mit dem Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz baut der Bibelverein eine wissenschaftlich erschlossene Bibelsammlung auf. Sonderausstellungen wie die erfolgreiche Wanderausstellung „Biblia deutsch - Deutschsprachige Bibeldrucke 1466-1522" stehen auch Gemeinden zur Verfügung. Gerade dieser museale Bereich ist nicht ohne die Unterstützung von Kultureinrichtungen möglich. Mit der Förderung durch die Deutsche Bibelgesellschaft, den Bezirksverband Pfalz, die Schröter-Stiftung Neustadt, die Kulturstiftung der Sparkasse Rhein-Haardt, den Museumsverband Rheinland-Pfalz und durch die Unterstützung von Mitgliedern und Einzelspendern konnte die Sammlung ausgebaut und die wirkungsvolle Präsentation der Exponate möglich gemacht werden.

Um die Auseinandersetzung mit der Bibel und ihrer Geschichte zu vertiefen, gibt es Erwachsenenbildungsangebote. Gruppen werden zu Fortbildungsveranstaltungen ins Bibelhaus eingeladen. Referenten des Bibelvereins gehen mit ihren Vorträgen in die Gemeinden. Monatlich findet ein festes Programm von Vorträgen statt.

Über die kontinuierlichen Angebote hinaus sind es Sonderaktionen, die der Verein selbständig durchführt oder tatkräftig unterstützt. Beispiele hierfür sind der Rheinland-Pfalzweite Wettbewerb „Bibel heute" (2002) oder die Unterstützung des Projektes Bibelbus der Evangelischen Kirche der Pfalz zum Jahr der Bibel 2003. Im Jahr 2005 fand ein Pfälzisches Bibelfest in Frankenthal statt, gemeinsam mit dem Freundeskreis missionarischer Dienste und dem MÖD. Die Idee eines regionalen Bibelfests soll in regelmäßigen Abständen weitergehen.

Auch Veröffentlichungen gehören in den letzten Jahren zum neuen Profil des Bibelvereins. Bisher erschienen sind die „Bibel uf Pälzisch", die 2004 erfolgreich die Veröffentlichungen starten ließ, die Bücher „Die Bibel und die Pfalz" und „Biblia deutsch - Bibel und Bibelillustration in der Frühzeit des Buchdrucks", sowie die Heftreihe „Bibel-Impulse".

Der Pfälzische Bibelverein ist wohl immer noch eher ein „schönes Zweiglein" (Martin Beck 1982) als ein großer Ast, verglichen mit anderen Vereinen in der Landeskirche oder mit anderen Bibelgesellschaften in Deutschland. Doch er wird auch weiterhin durch seine kontinuierliche Arbeit und seine Aktionen in der Pfalz immer wieder neue „Bibelfreunde" (Adolf Risch 1911) gewinnen und als Teil einer Kirche Jesu Christi, die sich dem Wort Gottes verpflichtet weiß, seine Arbeit tun.  

Als Verein ist der Pfälzische Bibelverein auf Einzelspenden, aber auch auf dauerhafte Mitgliedschaft angewiesen. Ohne die vielen Gemeinden oder die institutionellen Mitglieder, die das Bibelwerk als sinnvollen Partner ihrer jeweiligen Arbeit sehen, und besonders ohne die vielen Einzelmitglieder wäre vieles in unserer Landeskirche nicht möglich. Angesichts der zurückgehenden Geldmittel, die gerade Gemeinden trifft, und der anhaltenden Rezession stellen Mitglieder ihre Mitgliedschaften auf den Prüfstand. Wir können hier nur um solidarisches Verhalten bitten und darauf hoffen, dass die wertvollen Dienste des Bibelvereins, die Bibel unter den Menschen bekannt zu machen und die Auseinandersetzung mit ihr zu fördern, nicht aus dem Blickfeld geraten.

 

 

Aktuelle Veröffentlichungen des Bibelvereins:

 

Michael Landgraf (Hg).: Die Bibel und die Pfalz.

Heidelberg - Ubstadt-Weiher - Basel 2005,

Verlag regionalkultur und Verein für Pfälzische Kirchengeschichte,

128 Seiten, ISBN 3-89735-418-7, Preis: 12,90 €.

 

Die Bibel und die Pfalz  ...

... das Buch der Bücher und eine Region begegnen sich. Dies geschieht auf vielfältige Weise und in ökumenischer Weite durch Autoren, die ausgewiesene Fachleute auf ihrem Gebiet sind. Einen Schwerpunkt bilden regional bedeutsame Bibelausgaben. Die Verbindung zwischen der Welt der Bibel und der Pfalz sowie die Frage nach biblischen und pfälzischen Grundsymbolen geben reizvolle Impulse für einen ganz ungewohnten Blick auf die Region. Die Bearbeitung der Bibel bei Pfälzer Mundartautoren und eine „Pfälzische Predigtlehre" runden den Band ab, der Geschichte und Gegenwart der Heiligen Schrift und der Region begreifbar machen möchte.

 

Michael Landgraf und Henning Wendland,

Biblia deutsch - Die Bibel in der Frühzeit des Buchdrucks,

Evangelischer Presseverlag Speyer 2005, 96 Seiten, ISDN 3-925536-92-2, Preis 9,80 €

 

Deutsche Bibeln vor Luther?

Schon vor der Reformation entstanden deutschsprachige Bibelausgaben. Diese Kleinode der Druckkunst wurden vom finanzkräftigen Bürgertum der Städte in Auftrag gegeben. Doch aufgrund einer veralteten Textgrundlage waren sie allerdings schwer verständlich. Dies machte es Martin Luthers eingängiger Übersetzung leicht, diese Bibeln in Vergessenheit geraten zu lassen. Ihre bleibende Bedeutung aber ist, dass durch sie erstmals die Heilige Schrift in der Volkssprache gedruckt vorlag und ihre Holzschnitte die Bibelillustration der nächsten Jahrhunderte prägten.

Die vorliegende Einführung ermöglicht einen vielfältigen Zugang zu diesen Bibeln aus der Frühzeit des Buchdrucks. Die kunstvollen Illustrationen lassen biblische Geschichten aus Sicht der Menschen von damals wahrnehmen.

 



[1] Vgl. hierzu Michael Landgraf, Bibelverein und Bibelverbreitung in der Pfalz, BPfKG 70 (2003), 65-80.

[2] Hierzu ausführlich: Michael Landgraf, Bibelverbreitung in der Pfalz im 19. Jahrhundert, in: Michael Landgraf (Hg.), Die Bibel und die Pfalz, Heidelberg u.a. 2005, 74-83.

[3] Risch, A.: Die deutsche Bibel in ihrer geschichtlichen Entwicklung, 1907.

[4] Risch, A.: Die Bibel und das gegenwärtige Geschlecht, Landau 1911, 6.

[5] Laut Protokollbuch finden sich unter den Gründungs- und Vorstandsmitgliedern der Justizrat und königliche Notar Lintz aus Landau, die Dekane Oberlinger (Zweibrücken), Mayer (Kaiserslautern) und Munzinger (Kusel), Bezirksoberlehrer Walter aus Landau, der Queichheimer Pfarrer und spätere Oberkirchenrat Stichter (Rechner) und als Schriftführer Pfr. Lischer aus Niederhochstadt. Archiv des Bibelhauses Neustadt.

[6] Pfälzer Pfarrerblatt 31/ 1931, 36f.

[7] Biundo 2899.

[8] vgl. „Die Rheinpfalz" vom 4.11.1954 zur Bibelausstellung „Das Wort bleibt".

[9] Anlass 1955 war das 40jährige Vereinsbestehen, bei der eine für Schüler bestimmte Ausstellung von knapp 1500 Jugendlichen besucht wurde.

[10] In ökumenischer Trägerschaft von Evangelische Heimstiftung Pfalz und Caritasverband für die Diözese Speyer, Sitz ist Landstuhl.

[11] Landgraf, Michael, „Lernstraße „Welt der Bibel" im Bibelhaus Neustadt", in: Bibelreport 2/2001, 11.