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Eichbornstraße 17, 76829 Landau Ausbildung
für eine Kirche mit Zukunft
Vorlage für die Tagung der
Fachkommission I der Gemischten Kommission am 16./17. September 2004 in Berlin 1. Zur Situation der theologischen
Ausbildung In den durch den Bologna-Prozess
bedingten Veränderungen des deutschen Hochschulsystems steht auch die
theologische Ausbildung auf dem Prüfstand. Ziel der Weiterentwicklung der
theologischen Ausbildung muss es sein, zukünftige Pfarrerinnen und Pfarrer angemessen
auf die Aufgaben der evangelischen Kirchen im Europa des beginnenden 21.
Jahrhunderts vorzubereiten. Dies wird nur dann sachgemäß geschehen, wenn sowohl
Stärken als auch Schwächen des bisherigen deutschen Ausbildungssystems in den
Blick genommen werden. Strukturell gekennzeichnet ist dieses System durch das
zeitliche Nacheinander von Studium und Vikariat und die zwischen Hochschulen
und Kirchen aufgeteilte Zuständigkeit für diese beiden Phasen. Seit der Mitte der 1990er Jahre ist die Zahl der Theologiestudierenden in Deutschland deutlich zurückgegangen. In der Folgezeit haben sich dadurch in etlichen (freilich nicht in allen!) Landeskirchen die Anstellungsmöglichkeiten im Pfarrdienst und damit die Berufsperspektiven für zukünftige Pfarrerinnen und Pfarrer deutlich verbessert. Zu den eher bedrohlich erscheinenden Auswirkungen dieser Entwicklung gehört nicht nur die bange Frage, ob der pastorale Dienst langfristig gesichert werden kann, wenn die Theologiestudierendenzahl sich dauerhaft auf dem niedrigen Niveau der ersten fünf Jahre des 21. Jahrhunderts hält. Auch Schließungen und Zusammenlegungen von Predigerseminaren, Diskussionen über die erforderliche Anzahl von theologischen Fakultäten und Überlegungen, wie bei knapper werdenden finanziellen Ressourcen die Zukunft der Kirchlichen Hochschulen gesichert werden kann, gehören in diesen Zusammenhang. Im Übrigen trägt der Rückgang von Mitgliederzahlen und Finanzmitteln bei den Kirchen dazu bei, beim Blick auf die gegenwärtige Situation der theologischen Ausbildung eher die Probleme als die Chancen wahrzunehmen. Unabhängig von den genannten Entwicklungen macht der Bologna-Prozess mit der geplanten Einführung modularisierter BA/MA-Studiengänge eine erneute Prüfung der Frage notwendig, welche Gestalt theologischer Ausbildung der Theologie als Wissenschaft wie den gegenwärtigen und zukünftigen Aufgaben der Pfarrerinnen und Pfarrer am ehesten gerecht wird. Leitend muss dabei sein, dass das Theologiestudium dem Erwerb der für den Pfarrberuf erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten dient, ähnlich wie das Medizinstudium die Vermittlung der für den ärztlichen Beruf nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten zum Ziel hat. Gegenstandsbezug, Konfessionalität (also eine bestimmte Perspektive auf den Gegenstand der Theologie) und Professionsbezug sind für das Theologiestudium gleichermaßen konstitutiv. Dabei schließt der Bezug des Theologiestudiums auf den Pfarrberuf eine sachgemäße Ausrichtung des Theologiestudiums auf andere berufliche Ziele (z.B. Religionslehrer/in) keineswegs aus. Charakteristisch für das im internationalen Vergleich keineswegs alternativenlose derzeitige deutsche System ist die Gliederung der theologischen Ausbildung in zwei Phasen. Das Theologiestudium an der Universität bildet die 1. Phase, der kirchliche Vorbereitungsdienst, das Vikariat die 2. Phase. Kennzeichnend für diese Zweiphasigkeit ist nicht nur ein sachlich begründetes zeitliches Nacheinander. Das Studium ist auf die Entwicklung theologischer Urteilsfähigkeit ausgerichtet und geht dem Vikariat voraus, das auf den Erwerb pastoraler Handlungskompetenzen zielt. Genauso wesentlich wie die zeitliche Abfolge ist die Teilung der Verantwortung für die theologische Ausbildung zwischen staatlichen Universitäten und Kirchen. Das Studium liegt in der Verantwortung der Hochschulen, der Vorbereitungsdienst in der Verantwortung der Kirchen. Diese Aufteilung schließt eine wechselseitige Entlastung von Ansprüchen an Praxis- bzw. Wissenschaftsorientierung ein; die Gestaltung der beiden Ausbildungsphasen kann sich an ihren je spezifischen Zielsetzungen orientieren. Freilich bringt dies auch eine Gefahr mit sich. Die Zweiphasigkeit legt es nahe, das Studium nahezu ausschließlich vom Gegenstandsbezug der Theologie sowie vom Ort der Theologie im Wissenschaftssystem her zu konzipieren und das Vikariat komplementär dazu auf die Vermittlung von professionellen pastoralen Kompetenzen im landeskirchlichen Handlungszusammenhang zu konzentrieren. Dies schließt nicht aus, dass der für die evangelische Theologie konstitutive Zusammenhang zwischen Theologie, Kirche und Pfarrberuf bereits im Studium deutlich wird; doch wird dieser Zusammenhang durch die beschriebene Komplementarität strukturell eher verdeckt[1]. Insbesondere in den Predigerseminaren, die für die konkrete Ausgestaltung der 2. Ausbildungsphase zuständig sind, wird dieses Problem spürbar. Denn hier geht es sowohl um die Vermittlung zwischen wissenschaftlich-theologischen Kenntnissen und berufspraktischen Anforderungen als auch um die Begleitung des biographischen Übergangs vom Studium in den Beruf und die Ausbildung einer pastoralen Identität. Die Anforderungen der pastoralen Praxis nötigen häufig dazu, im Verlauf des Vorbereitungsdienstes den Bedarf an theologisch-diskursiver Arbeit und an individueller Einübung in Praxisvollzüge gegeneinander abzuwägen. Ungeachtet aller Unterschiede zwischen den Ausbildungskonzepten der einzelnen Landeskirchen lässt sich dabei eine Entwicklung konstatieren. Bedingt durch die Wahrnehmung eines massiven Nachholbedarfs im Bereich humanwissenschaftlich fundierter Praxistheorien, insbesondere auf dem Feld der Seelsorge, hatte sich die Ausbildung in den Predigerseminaren während der 1970er und 1980er Jahre stark auf Methoden aus Psychologie und Kommunikationswissenschaften, seit den 1990er Jahren zunehmend auch auf Aspekte von Management und Organisationsentwicklung konzentriert. Verstärkt durch Erfahrungen in einzelnen Feldern pfarramtlicher Praxis, konnte durch diese Schwerpunktsetzung vereinzelt der Eindruck entstehen, Theologie sei für den Pfarrberuf weitgehend überflüssig, Pfarrberuf und theologische Existenz hätten nichts miteinander zu tun. Dieser Eindruck ist seit einiger Zeit als Problem auch für die Praxis des Pfarrdienstes erkannt[2]. Die Vermutung, einer Praxisvergessenheit der 1. Ausbildungsphase korrespondiere eine Theologievergessenheit der 2. Ausbildungsphase[3] ist durch die gegenwärtige Realität des Vorbereitungsdienstes und die Arbeit in den Predigerseminaren nicht gedeckt. Vielmehr wird die von verschiedenen Seiten eingeforderte Aufgabe der „theologischen Nachklärung einer beruflich wirksamen Glaubensüberzeugung"[4] in den meisten Seminaren gezielt wahrgenommen. Wer die Ausbildungspläne der Landeskirchen zur Kenntnis nimmt, erkennt leicht, wie sowohl spirituelle Praxis als auch theologische Reflexion seit den 1990er Jahren einen erkennbar höheren Stellenwert in der Arbeit der Predigerseminare besitzen. Worin gründet nun die von verschiedenen Seiten geäußerte Kritik an der Praxisvergessenheit der 1. Ausbildungsphase[5]? Sie macht sich an verschiedenen Wahrnehmungen fest. So werden die fortgeschrittene Ausdifferenzierung der theologischen Teildisziplinen, die Orientierung zahlreicher Lehrveranstaltungen an forschungsspezifischen Fragen und eine daraus resultierende Vernachlässigung des Grundlagenwissens sowie ganz allgemein der Abstand zwischen der Hochschultheologie und den Aufgaben der kirchlichen Praxis angeführt. Um dem zu begegnen, wird mit dem Ziel einer stärkeren Praxisorientierung der Ausbildung auf eine stärkere Verschränkung der beiden Ausbildungsphasen[6] gedrängt. Bislang gibt es noch wenige Beispiele dafür, wie eine solche Verschränkung überzeugend gestaltet werden kann. Ob die in Wuppertal geplante engere Kooperation zwischen Kirchlicher Hochschule und Predigerseminar zu befriedigenden Ergebnissen führt, wird sich zeigen. Die meisten Klagen über die Praxisferne der akademischen Theologie klammern die studienbegleitenden Angebote der Kirchen (z.B. die in der Pfalz seit mehr als einem Jahrzehnt durchgeführte „Theologische Werkstatt") und die spätestens seit den 1990er Jahren in nahezu allen Landeskirchen verbindlichen Praktika (mit Vor- und Nachbereitung) aus. Die Tatsache, dass unter den derzeitigen Theologiestudierenden deutlich mehr Studierende mit einer starken Prägung durch gemeindepraktische Erfahrungen (Kindergottesdienst u.ä.) sind als in den 70er und 80er Jahren, findet ebenso wenig Berücksichtigung wie der gestiegene Anteil von Theologiestudierenden mit evangelikalem oder freikirchlichem Erfahrungshintergrund. Auch das muss bedacht werden, wenn es um ein angemessenes Bild von der gegenwärtigen Situation der theologischen Ausbildung geht. 2. Kirche mit Zukunft Zukunftsfähig ist eine Kirche, die auch in ihrem Handeln mit der Wirksamkeit des göttlichen Geistes rechnet und sich zugleich so auf absehbare Entwicklungen einstellt, dass Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten auch unter veränderten Rahmenbedingungen bestmögliche Voraussetzungen für die Wahrnehmung des kirchlichen Auftrags gewähren. Ist von Kirche mit Zukunft oder der Zukunftsfähigkeit der Kirche die Rede, gilt es zunächst, ein mögliches Missverständnis auszuräumen. Nach ihrem theologischen Selbstverständnis schafft sich die Kirche ihre eigene Zukunft nicht selbst. Vielmehr weiß sie sich getragen von der Zusage ihres Herrn (Mt 28,21), und als „creatura verbi" in ihrem Tun angewiesen auf die Kraft und Orientierung, die der Heilige Geist ihr in vielfältiger Weise verleiht. Dadurch ist die Kirche freilich erst recht mit der Aufgabe konfrontiert, unter sich wandelnden Lebensverhältnissen ihrem Auftrag so gerecht zu werden, dass ihr Umgang mit gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen die Klarheit und Überzeugungskraft der ihr aufgetragenen christlichen Botschaft nicht verdunkelt. Um den Beitrag der theologischen Ausbildung zu einer Kirche mit Zukunft beschreiben zu können, ist es notwendig, den Kontext der Überlegungen genauer zu fassen. Angesichts der Integrationsbestrebungen auch im Hochschulwesen erscheint es sinnvoll, von Europa als weiterem und Deutschland als engerem Bezugsrahmen auszugehen. Aussagen über zukünftige Entwicklungen lassen sich auf der Basis von gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen und politischen Tendenzen machen, die bereits gegenwärtig wahrnehmbar sind. Diese Tendenzen sind wahrzunehmen und ernst zu nehmen, ohne dabei der Täuschung zu verfallen, als ließe sich Zukunft mit der linearen Fortschreibung gegenwärtig beobachtbarer Entwicklungen in eins zu setzen. Zu den gesellschaftlichen Tendenzen, auf die sich die evangelische Kirche und damit auch die theologische Ausbildung mit großer Wahrscheinlichkeit einzustellen hat, gehört der demographische Wandel mit einem Rückgang des evangelischen Bevölkerungsanteils in Deutschland und einer Veränderung des Altersdurchschnitts der Kirchenmitglieder nach oben, sowie das Wachsen der Zahl von Anhängern außerchristlicher Religionen, insbesondere des Islams. Diese seit mehr als einem Jahrzehnt absehbaren Tendenzen sind bereits seit einigen Jahren spürbar und nicht durch kurzfristige Maßnahmen umzukehren. Auch wenn es sich um Entwicklungen handelt, die ganz Deutschland betreffen, so wirken sie sich regional in unterschiedlicher Intensität aus. Für die Zukunft ist damit zu rechnen, dass die Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd, und dabei jeweils noch einmal zwischen einzelnen Regionen, je nach Urbanität und wirtschaftlicher Attraktivität eher zunehmen als zurückgehen werden. Insbesondere in wirtschaftlich schwachen Regionen Ostdeutschlands stellt die Abwanderung jüngerer, auf Erwerbsarbeit angewiesener Menschen bei einer insgesamt relativ geringen Anzahl an Kirchenmitgliedern die Tragfähigkeit der überkommenen parochialen Strukturen kirchlichen Handeln in Frage. Traditionelle Bindungen und Milieus haben im Zuge der Individualisierung und anderer gesamtgesellschaftlicher Prozesse an Bedeutung verloren. Dies heißt freilich nicht, dass Menschen in ihrer religiösen Orientierung nunmehr ausschließlich einer am individuellen Nutzen orientierten Wahlentscheidung folgen.[7] Soziologisch lassen sich Entwicklungen im Blick auf religiöse Orientierung, Mitgliedschaft und Mitwirkung in einer Kirche nur als Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Faktoren beschreiben.[8] So komplex die Situation und so schwierig Prognosen im einzelnen auch sind: Die mit dem Stichwort Traditionsabbruch markierte Erfahrung definiert eine schwer zu negierende Rahmenbedingung kirchlicher Arbeit in absehbarer Zukunft. Es erscheint nicht nur weitaus schwieriger als noch vor einem halben Jahrhundert, Inhalte und Ausdrucksformen des christlichen Glaubens sowie die damit verbundene lebenspraktische Orientierung an die jeweils jüngere Generation weiter zu geben. Das Wissen um das geschichtliche Erbe des Christentums und seine Aneignung in individuellen und gemeinschaftlichen Vollzügen ist in der Gesellschaft insgesamt deutlich zurückgegangen. Die Wiedergewinnung einer missionarischen Perspektive für kirchliches Handeln seit der EKD-Synode in Leipzig 1999 trägt auch dieser Erfahrung Rechnung. Will die evangelische Kirche unter diesen Bedingungen mittel- und langfristig mit ihrer Botschaft und ihrem Dienst in weite Teile der Gesellschaft hineinwirken, so muss sie bestrebt sein, ihre eigene Gestalt und Praxis so weiter zu entwickeln, dass auch Menschen, die auf Grund ihrer bisherigen Sozialisation keine oder nur wenige Berührungen mit dem christlichen Glauben und der Kirche hatten, Zugang zum Glauben und Beheimatung in der Kirche finden können. Einer missionarischen Perspektive kirchlichen Handelns entspricht es, wenn die gottesdienstliche und katechetische Praxis der Kirche der Vielfalt (a)religiöser Sozialisationserfahrungen Rechnung trägt. Darüber hinaus wird es angesichts einer verstetigten Migration, auch von Christen aus unterschiedlichen Ländern, darauf ankommen, dass die evangelische Kirche sich als Teil der weltweiten Christenheit zeigt und sich in dem hiesigen Kontext angemessener Weise öffnet für Ausdrucksformen des Glaubens aus anderen Weltregionen[9]. 3. Theologische Ausbildung und die
Zukunftsfähigkeit der evangelischen Kirche Da der Pfarrberuf als Profession die angemessene Repräsentation eines Sachthemas (christlicher Glaube) wie einer Institution (Kirche) durch eine dafür qualifizierte Person fordert, sind das Studium wie die theologische Ausbildung gleichermaßen sachorientiert und personorientiert zu gestalten. Im Blick auf ihre professionellen Vertreter/innen muss gerade der protestantischen Kirche an Personen gelegen sein, für die die Loyalität zum Auftrag der Kirche und zu ihrer konkreten institutionellen Gestalt der Auseinandersetzung mit dem Eigensinn der biblischen Texte und einer nicht von vorneherein zweckorientierten theologischen Fragehaltung entspringt. Eine massive Verkürzung des Studiums mit Absenkung des akademischen Niveaus und eine (vordergründig) stärkere Praxisorientierung sind deshalb genauso wenig hilfreich wie das Festhalten an der klassischen zweistufigen Ausbildung ohne verstärkte Kooperation zwischen akademischen und kirchlichen Einrichtungen. Was kann nun die theologische Ausbildung zur Zukunftsfähigkeit der Kirche in dem beschriebenen Sinne beitragen? Theologische Ausbildung formt zu einem wesentlichen Teil die Kompetenz derjenigen Personen, die als Amtsträger/innen durch ihr berufliches Wirken in Verkündigung, Unterricht, Seelsorge und anderen Bereichen Gesicht und Ausstrahlung der Kirche nach innen wie nach außen maßgeblich prägen. Ohne Zweifel trägt die vergleichsweise lange Zeit des akademischen Studiums und des sich daran anschließenden Vikariats zur Berufsidentität der Pfarrerinnen und Pfarrer und damit zu ihrer Praxis bei. Insofern ist es berechtigt, einen Zusammenhang zu sehen zwischen der Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrern und ihrer Fähigkeit, gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen angemessen zu begegnen, und dementsprechend hohe Anforderungen an die theologische Ausbildung zu stellen. Freilich darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass neben der Ausbildung auch die materiellen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen der Arbeit im Pfarrdienst (z.B. materielle und andere Anreize, die Bedingungen für das Leben im Pfarrhaus, das Ansehen des Pfarrberufs usw.) das pastorale Handeln wesentlich beeinflussen. Nicht erst heute wird die akademisch geprägte theologische Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer von verschiedenen Seiten für Defizite in der Wirksamkeit kirchlichen Handelns verantwortlich gemacht. Doch gewinnt der kritische Blick auf Stärken und Schwächen der theologischen Ausbildung besondere Relevanz in einer Situation, in der noch offen ist, in welchem Umfang die bisher in Deutschland praktizierte zweiphasige Ausbildung durch ein an angelsächsischen Vorbildern orientiertes Bachelor/Master-Studium abgelöst wird. Die Frage „Was ist gute Theologie?" wird so über ihre inhaltliche Dimension hinaus auf die Frage zugespitzt, wie gute Theologie entsteht und wie solche Theologie der Kirche auf dem Weg durch das 21. Jahrhundert hilft[10]. Dies gilt insbesondere angesichts des signifikanten Rückgangs der Zahl der Theologiestudierenden seit der Mitte der 90er Jahre. Für diesen Rückgang und die seitdem relativ niedrige Zahl der Studienanfänger können mehrere Ursachen namhaft gemacht werden. Sie haben damit zu tun, dass sich die gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen, unter denen sich Menschen entschließen, Theologie zu studieren, in verschiedener Hinsicht verändert haben. So ist das gesellschaftliche Ansehen sozial- und geisteswissenschaftlicher Berufe seit der Mitte der 1970er Jahre kontinuierlich gesunken; dies gilt insbesondere für den Beruf des Lehrers, der Lehrerin. Der Pfarrberuf ist zwar auf der Prestigeskala immer noch vergleichsweise hoch angesiedelt, doch dürften die mit diesem Beruf verbundenen Aufgaben weiten Teilen der Öffentlichkeit weitaus weniger klar und vertraut sein als vor einem Vierteljahrhundert. Insbesondere in urbanen Regionen werden Pfarrerinnen und Pfarrer nahezu ausschließlich im Kontext kirchengemeindlicher Aktivitäten und kaum noch in anderen Öffentlichkeiten wahrgenommen. Dadurch hat das Bild des Pfarrberufs zugleich an Identifizierbarkeit wie an lebensweltlicher Plausibilität eingebüßt. In den Augen vieler, insbesondere männlicher Jugendlicher wirken Pfarrerinnen und Pfarrer in einem randständigen Bereich der Gesellschaft. Diese Einschätzung findet sich auch bei solchen Jugendlichen, die an religiösen und philosophischen Fragen interessiert sind, sofern sie nicht in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert sind. Hinzu kommt, dass seit mehreren Jahrzehnten in der veröffentlichten Meinung das Bild einer Kirche vorherrscht, die an Bedeutung verliert. Im Schulunterricht spielen alte Sprachen nur noch eine marginale Rolle. Dies und der zurückgegangene Stellenwert geschichtlicher Bildung lassen das Theologiestudium als vergleichsweise antiquiert und exotisch erscheinen. Der Erwerb der für das Theologiestudium benötigten altsprachlichen Kenntnisse erscheint als hohe und nicht durch Praxisrelevanz gerechtfertigte Hürde vor dem eigentlichen Studium. Auch von den Anforderungen im Pfarrberuf her betrachtet zeigen sich Schwächen des herkömmlichen Theologiestudiums: - Der Zusammenhang der
verschiedenen theologischen Disziplinen ist aus dem Lehrprogramm in den
einzelnen Fächern oft nicht ersichtlich. Die Aufgabe, diesen Zusammenhang zu
entdecken, wird vielmehr zu einem erheblichen Teil den Studierenden überlassen
und stellt sich in der Regel erst in der Phase der Examensvorbereitung.[11] - In der Praxis des Pfarrberufs in den vergangenen 40 Jahren ist der Anteil kommunikativer und kybernetischer Aufgaben im Verhältnis zur theologischen Arbeit im engeren Sinne (Predigtvorbereitung u.ä.) stark gewachsen. Dies führt zur nahezu regelmäßigen Infragestellung der Relevanz akademischer Theologie durch pastorale Praktiker. - Im Vergleich zur Erarbeitung von Inhalten in den einzelnen theologischen Teildisziplinen kommt die Förderung der theologischen Urteils- und Auskunftsfähigkeit und der Fähigkeit zur Elementarisierung theologischer Aussagen zu kurz. Dies hängt auch damit zusammen, dass (nicht nur in der Kirchengeschichte!) die historische Perspektive leitend für den Umgang mit Inhalten und Themen ist. - Der Zusammenhang zwischen theologischer Reflexion und christlicher Glaubenspraxis kommen selten zur Sprache. Vieles läuft eher nebeneinander her, etwa zwischen Hochschullehre und kirchlicher Praxis, auch in Studierendengemeinden, als dass es fruchtbar aufeinander bezogen würde. Diese Beschreibung von Schwächen des bisherigen Theologiestudiums verdankt sich keiner repräsentativen Erhebung; sie ist vielmehr hochgradig selektiv und gibt im Wesentlichen persönliche Beobachtungen wieder. Die meisten Mängelanzeigen sind durch entsprechende positive Gegenbeispiele aus unterschiedlichen Fakultäten, Fachbereichen und Kirchlichen Hochschulen zu entkräften. Insofern soll hier nur die Richtung für weitere Reformbemühungen angedeutet werden, ohne damit die vielfältigen Anstrengungen und Qualitätsverbesserungen in Abrede zu stellen. Kirchliches Handeln bewegt sich gegenwärtig vielfach in Zusammenhängen, in denen Grundzüge der biblisch-christlichen Überlieferung und der Bekenntnisaussagen kaum noch bekannt sind oder als lebensrelevant erachtet werden. Den meisten, die sich auf den Weg in den Pfarrberuf begeben haben, ist dies bewusst. Sie erwarten zu Recht eine theologische Ausbildung, die sie auf eine Praxis unter den für die nähere Zukunft absehbaren Rahmenbedingungen vorbereitet. Statt die Hochschulen mit weiteren Aufgaben zu überfrachten, für die an anderen Orten die geeigneten Ressourcen vorhanden sind, sollte dazu die Kooperation mit den Aus- und Fortbildungseinrichtungen der Kirchen strukturell vertieft werden. Die bereits entwickelten Angebote der Kirchen zur Sudienbegleitung samt den Praktika (mit Vor- und Nachbereitung) sollten verstärkt mit entsprechenden Modulen an den Universitäten verbunden werden. Voraussetzung dafür sind kontinuierliche Kontakte zwischen den Verantwortlichen in den Fakultäten und Kirchen. Die Landeskirchen haben ihrerseits die Möglichkeit, den Verpflichtungsgrad solcher Veranstaltungen den jeweiligen Inhalten und Zielsetzungen entsprechend festzulegen. Im Hinblick auf die unterschiedlichen Dimensionen des Pfarrberufs muss theologische Ausbildung stets den Zusammenhang von wissenschaftlicher, religiös-spiritueller und persönlicher Bildung im Blick haben. Genau betrachtet dient die Pflege dieses Zusammenhangs auch der Vorbereitung auf andere Berufsfelder, die sich an ein Theologiestudium anschließen können. Damit ist ein rein instrumentelles Verständnis von Ausbildung ausgeschlossen, das den reflexiven Momenten der Theologie und des christlichen Glaubens nicht Rechnung trägt. Vielmehr ist das in verschiedenen Phasen der theologischen Ausbildung erreichte Verständnis des christlichen Glaubens jeweils neu unterschiedlichen Herausforderungen akademisch-diskursiver wie existenziell-praktischer Natur auszusetzen. Interdisziplinäre Studien wie kirchlich-praktische Erkundungen jenseits vertrauter Verhältnisse können gleichermaßen fruchtbare Begegnungen mit dem „Fremden" eröffnen. So kann sich missionarische Kompetenz auf dem Weg theologischer Bildung entwickeln und bewähren. Ausbildungsarrangements können dafür Hilfestellungen geben, sowohl indem sie gezielt Anforderungen im Hinblick auf die persönliche und religiös-spirituelle Bildung formulieren, als auch indem sie die zur kreativen Auseinandersetzung nötigen Freiräume lassen. Den Zusammenhang von fachlicher, persönlicher und spiritueller Bildung ernst nehmen, heißt auch: mit der Verschiedenheit von Wegen umgehen und sie konstruktiv fördern. Dazu nötig sind Sorgfalt und Kreativität in der konkreten Arbeit mit den Menschen, die sich auf den Weg der theologischen Ausbildung begeben haben. Als Stärke des angelsächsischen Hochschulsystems wird in der Regel die intensive Betreuung der Studierenden und der intensive Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden genannt. Diese Stärke ist keinesfalls zwingend mit Bachelor- und Master-Studiengängen verbunden. Was sie voraussetzt, ist vielmehr eine Bereitschaft zur intensiven Wahrnehmung dieser Aufgabe, und damit eine bestimmte Haltung, bei den Lehrenden wie bei den Studierenden. Zu dieser Haltung gehört auch die Einsicht in den untrennbaren Zusammenhang von theologischer Lehre und Forschung einerseits und kirchlicher Praxis andererseits. Ob der derzeitige Universitätsbetrieb hinreichend Anreize gibt, die genannten Aufgaben mit der gebotenen Intensität wahrzunehmen, lässt sich von außen nur schwer einschätzen. In der Vergangenheit schien es oft so, als förderten die universitären Karrieremechanismen eher die Abstinenz von den genannten Aufgaben. Doch ist keineswegs ausgemacht, dass die Nötigung, möglichst viel zu publizieren, zu Beginn einer Hochschulkarriere zwangsläufig zur Zurückhaltung bei der Betreuung der Studierenden und im Blick auf kirchliches Engagement führen muss. Auch hier ist vieles im Fluss, und es besteht kein Anlass zu Pauschalurteilen. Gegenüber der (durchaus verständlichen) Konzentration auf das Pro- und Contra zum Systemwechsel im Rahmen des Bologna-Prozesses ist deshalb primär darauf zu achten, dass Studium und theologische Ausbildung insgesamt auf die für zukünftige Pfarrerinnen und Pfarrer (wie auch für Religionslehrerinnen - und lehrer) notwendigen Bildungsprozesse angelegt sind. Modularisierung kann dazu beizutragen, bietet aber keine Garantie dafür. [1] Dies ist u.a. Thema der Diskussion zwischen
Peter Bukowski und Eberhard Hauschildt in Pastoraltheologie [2] Vgl. die epd-Dokumentation 2003/14 zur Konsultation in Halle „Die Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer angesichts der missionarischen Herausforderung der Kirche" im Oktober 2002. [3] Auf die missionarischen Herausforderungen des kirchlichen Alltags vorbereiten (im folgenden: Initiativkreis). Pastoraltheologie 91, 2002, 134 (Zitat von P. Bukowski). [4] Inititativkreis, 134 (M. Wohlgemuth). [5] Initiativkreis, 126-136 [6] Grundlagen der theologischen Ausbildung und Fortbildung im Gespräch, Stuttgart 1993, 27ff. [7] Hierzu Hans Joas: Glaube und Moral im
Zeitalter der Kontingenz, in: Ev. Akademie der Pfalz: Der [8] Vgl. die verschiedenen EKD-Mitgliedschaftsstudien,
zuletzt: Kirche Horizont und Lebensrahmen, Hannover [9] Hier ist etwa an die gottesdienstliche Musik zu denken. [10] Vgl. neben
der Reihe in der Zeitschrift „zeitzeichen" im Jahr 2003 den Beitrag von Peter
Bukowski, [11] „Im Studium
werden viele einzelne Fachsprachen und die Fähigkeit gelernt, historisch und
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