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Erzbischof Jeremiasz

 

 

 

Säkularisierung als Herausforderung für Europa

 

 

1. Einleitende Bemerkungen

 

Die Beurteilung der Säkularisierung hat eine lange Geschichte. So ist auch genügend Literatur zu diesem Thema vorhanden. Die Bewertung der Säkularisierung ist nicht eindeutig. Die Meinungen darüber gehen vielmehr weit auseinander. Die einen weisen auf das Positive dieser Erscheinung des geistlichen Lebens hin. Aber es gibt auch Meinungen, die darin die größte Gefahr für den christlichen Glauben sehen. Beide Standpunkte haben einiges für sich.

 

Phänomenologisch betrachtet, ist die Säkularisierung mit ihrer weitgehend liberal orientierten Kritik an jeder Religion zu einer Erscheinung des modernen Lebens geworden, die oft mit Gottlosigkeit und einer moralischen Haltung identifiziert wird, die – so meinen viele – direkt dem christlichen Glauben widerspreche.

 

Gleich zu Anfang sei hier meine Hauptthese formuliert: Die Säkularisierung als geistige Bewegung der Moderne ist eine vielschichtige und vielseitige Erscheinung, die vom Standpunkt der orthodoxen Theologie sowohl positive wie negative Elemente enthält. Die Säkularisierung darf als Herausforderung verstanden werden, die dem christlichen Glauben einen guten Dienst erweisen kann.

 

 

2. Zur Erörterung der Ausgangspunkte

 

a) Die Botschaft der Säkularisierung

Als Erscheinung unserer Zeit muss die Säkularisierung vor allem ernsthaft zur Kenntnis genommen werden. Ausgehend von der christlichen Botschaft ist die Frage zu stellen, was Säkularisierung uns eigentlich zu sagen hat?

Mit ihrer Verneinung aller Autoritäten, ihrer atheistisch orientierten, euphemistisch agnostisch genannten Weltanschauung und mit ihrem ethischen Liberalismus kann sie als extremer Ruf nach Autonomie und Freiheit des Menschen verstanden werden. Diese Forderung erwies sich – vielleicht – als notwendig.

 

Man muss aber fragen, ob die herkömmliche Auslegung des christlichen Glaubens den Menschen so sehr seiner Würde und Autonomie beraubt hat, dass eine Rebellion gegen den von Christen gepredigten Gott unausweichlich wurde. Wenn dem so wäre, dann wäre die Erforschung des theologischen und des anthropologischen Ansatzes der Säkularisierungsvorgänge unserer Zeit notwendig.

Die Antwort auf diese Fragen hätte auch Folgen für die Ethik. Sie würde erklären, wann menschliches Handeln dem Evangelium gemäß ist und wann nicht.

 

b) Das historisch-theologische Problem

Ein Problem unserer Zeit ist, dass sowohl bei säkularisierten wie in weiten Kreisen nicht säkularisierter Christen, aber auch bei Agnostikern, kein Bewusstsein vorhanden ist für die enge Verbindung zwischen den Vorstellungen von Gott und den Prinzipien menschlichen Handelns.

Heutige Ethik wird vor allem durch die von früheren Generationen vererbten Vorstellungen von Gut und Böse bestimmt. Es gibt Tendenzen, die maßgebliche Rolle der Gottesvorstellungen (Theologie) und Weltvorstellungen (Kosmologie) für die Bestimmung der Kriterien und Werte des Handelns zu verneinen. Oft hat man den Eindruck, dass die „Idee Gott“ hier eher stört als hilft.

 

Die Überzeugung, wegen theologischer Differenzen sei in der Vergangenheit Gewalt angewandt und sogar Blut vergossen worden, ist weit verbreitet. So ist die Theologie faktisch kompromittiert worden. Außerdem wird behauptet, für theologische Spitzfindigkeiten bestünde kein Interesse, die Trinitätslehre, die Homousie, die Zweinaturenlehre, oder der Monotheletismus seien Themen, die heute keinen Wirklichkeitsbezug mehr hätten. Sie hätten den Menschen längst nichts mehr zu sagen und versuche man, sie neu zu beleben, würde man nur wieder sinnlose Konflikte auslösen.

 

Ohne auf die Polemik dieser Meinungen einzugehen, sei hier bemerkt, dass der Raum, den die Theologie im Bewusstsein des Menschen frei gemacht hat, durch Ideologien besetzt wurde, die häufig eine Neigung zum Totalitarismus aufweisen. Der atheistische Kommunismus und der nicht weniger gottferne Nationalsozialismus sollten auch in Zukunft als Warnsignale nicht vergessen werden.

 

Es wäre aber einseitig, nur auf die Erfahrung mit diesen beiden Ideologien hinzuweisen. Sie waren Folgen einer langen Entwicklung, die sowohl mit dem Kolonialismus der Europäer wie auch mit den tragenden Ideen der sogenannten „konstantinischen Ära“ eng verbunden sind. Der Versuch, einen christlichen Staat aufzubauen, war sehr verlockend. In Byzanz hatte er 1000 Jahre lang Bestand, in den westeuropäischen Staaten Hunderte von Jahren, oft auch nur für kurze Zeitabschnitte.

 

Die anziehende Kraft dieser Unternehmungen bestand in dem Versuch, den christlichen Glauben im Alltag und in allen Bereichen des menschlichen Lebens zu verwirklichen. Heute wird aber kaum noch bedacht, dass im christlichen Denken der ersten drei Jahrhunderte und auch noch am Anfang des vierten Jahrhunderts dieses Problem viel komplexer war. Der Staat mit seinen Strukturen wurde als Institution gesehen, die nur für begrenzte Zeit existiere. Wenn ein Kaiser Christ wird, hört er auf, Kaiser zu sein. So haben die Christen in den ersten Jahrhunderten gedacht. Der Staat wird – und müsste eigentlich – absterben. Die Anschauung über die Installation des Königs in Israel als Ausdruck des Unglaubens der Israeliten gemäß dem I. Samuelbuch (Kap. 8) war für diese Ansicht maßgebend.

 

Die Freude an der Bekehrung des Staates in Person des Kaisers war aber so groß, dass diese nüchterne Sicht bald vergessen wurde. Die Christen im Osten wie im Westen konnten dieser Versuchung nicht widerstehen. In den theologischen Streitigkeiten des vierten Jahrhunderts haben beide Seiten gerne die Hilfe der staatlichen Macht in Anspruch genommen. Im Namen des christlichen Glaubens und des christlichen Staates wurden Folter und manchmal sogar Völkermord gutgeheißen. Die Nationalstaaten Europas funktionierten in diesem Geiste bis zur großen Erschütterung durch den Ersten Weltkrieg.

 

Heute sollten wir Christen weniger Angst vor der Säkularisierung haben und dafür größere Kraft für Umkehr und Reue, für Metanoia, einsetzen. Die Frage nach dem konkreten Ausdruck dieser Metanoia im Bereich des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens muss gestellt werden. Sind die Europäische Union und andere Staaten, die sich gerne christlich nennen, bereit, den anderen, darunter vielen noch vor kurzer Zeit ausgebeuteten Völkern und Staaten, zu helfen und zwar auch so, dass sie auf eigene Gewinne verzichten?

Die Wahrnehmung und Erfüllung solcher Aufgaben ohne die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, bedarf einer Rückkehr zur biblischen und patristischen Gotteslehre.

 

Wenn es nicht gelingt, die universale Bedeutung der Trinitätslehre lebensnah im theologischen Denken darzustellen und das Leben entsprechend danach auszurichten, wird Europa seine Zeit verpassen. Für uns Christen lautet diese Frage noch dringlicher: In wie weit sind wir fähig, mit unserem Leben zu bezeugen, dass wir an Einen Gott glauben, der Vater aller Menschen ist, dass Er wegen der Sünde des Menschen leidet und dass Er uns alles gibt, was zum Aufbau der Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit der gesamten Schöpfung nötig ist. Dieses Leben beginnt mit der Metanoia, d. h. es erfordert eine Verklärung, eine Theosis des Menschen. Diese Umkehr macht uns fähig, die eigenen leiblichen Bedürfnisse zu kontrollieren und zu begrenzen, Egoismus zu überwinden und uns von Selbstgerechtigkeit und Hochmut zu befreien.

 

c) Das Bild des Menschen

Mit dem Gesagten wird die Frage nach dem Menschenbild gestellt. Die Säkularisierung rückt diese Frage ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie tut es im Namen der Befreiung des Menschen. Nicht nur das Christentum, auch andere Religionen werden der Unterdrückung oder der Versklavung des Menschen angeklagt. Die Menschenrechte in der modernen Zeit wurden mehrheitlich von Bewegungen formuliert, die sich ohne Beteiligung der etablierten Kirchen durchgesetzt haben. Erstaunlich lange herrschten in kirchlichen Kreisen des Mittelalters und der Neuzeit Vorstellungen vom Menschen, die mit der biblisch- christlichen Anthropologie nicht übereinstimmten. Die Aufklärung und die französische Revolution haben trotz ihres gewaltsamen Verlaufs paradoxerweise den biblischen Begriffen von Freiheit und Gleichheit aller Menschen zur Geltung verholfen.

 

Eine Anthropologie, die von Freiheit und Verantwortung des Menschen spricht, hat sich hauptsächlich in Opposition zu den herrschenden „christlichen“ Vorstellungen entwickelt. Nicht nur in der römisch-katholischen Kirche hat die Anthropologie unter dem Druck einer hierarchischen Ekklesiologie gelitten.

 

Diese Tatsache muss in Betracht gezogen werden. Auf der anderen Seite ist jedoch deutlich zu machen, dass – stärker noch als entstellte christliche Vorstellungen – rein säkulare und offen atheistische Haltungen zur Versklavung des Menschen führen. Ohne auf die primitive Vorstellung vom Menschen als bloß konsumorientiertes Wesen einzugehen, muss klar gesehen und betont werden, dass rein weltliche Vorstellungen den Aufbau einer menschlichen Gemeinschaft unmöglich machen. Weil sie letztlich die partnerschaftliche Ausrichtung des Menschen unterwandern und sich den Prinzipien des Existenzkampfes unterordnen. Die Leidenschaften des Menschen werden nicht durch bloßes Nachgeben überwunden. Gleichheit kann in Uniformität ausarten, Freiheit in menschenbedrohende Anarchie.

 

Der Mensch kann ohne Gott nicht existieren. Die Partnerschaft zwischen Menschen ist auf die Partnerschaft Gottes mit dem Menschen gegründet. Der unerschütterliche Grund jeder Gemeinschaft ist die Erniedrigung (Kenosis) des Sohnes Gottes, seine Menschwerdung und sein Sterben am Kreuz, also die volle Hingabe an den Partner. Die Menschheit ist schon verschiedenste Wege gegangen und sie wird auch noch weitere gehen. Die Geschichte lehrt uns aber, dass ohne Liebe, die zum Opfer bereit ist, alle Wege zur Zerstörung des Menschen und der ganzen Schöpfung führen.

 

d) Der Umgang mit der Heiligen Schrift

Die Geschichte lehrt uns auch, dass jede Generation ein Wissen braucht, um Irrwege zu vermeiden. Die Bibel ist für Christen das wichtigste Orientierungssystem. Für die Bücher des Alten Testaments gilt das sowohl für Juden wie für Christen. Die Rolle der Bibel als eines Wegweisers wurde im Laufe der Geschichte von zwei Seiten bedroht, sogar fast zunichte gemacht. Mit Vorbehalten könnte man die eine Gefahr als sturen Verbalismus, die andere als krassen Liberalismus bezeichnen.

 

Die erste betrachtet die Heilige Schrift als ein mit Angst und Strafe operierendes Gesetzbuch, das zusätzlich mit vielen Widersprüchen belastet ist. Gott wird als Tyrann gesehen und der Mensch als bloßer Befehlsempfänger. Die Welt gilt als Feind Gottes und des Menschen. Sie ist mit Sünde belastet und müsste letztendlich zerstört werden. Der konsequente Liberalismus im Verständnis der Heiligen Schrift bewegt sich in die Richtung, das Dasein Gottes faktisch zu ignorieren und die Freiheit des Menschen als Freiheit von einem Leben mit Christus zu konzipieren. Die Vorstellung über die Welt neigt dazu, die Materie an Gottes Stelle zu setzen.

 

Beide Standpunkte können verschiedene Formen haben. Es gibt viele Ansätze, die sich zwischen diesen beiden extremen Haltungen bewegen. Die Wurzel beider Standpunkte liegt wohl in der Unfähigkeit, das Prinzip, oder besser gesagt: die Wirklichkeit der Gottmenschlichkeit auf die Gestaltung von Theologie und Anthropologie anzuwenden. Der dreieinige Gott als Partner des Menschen und der Mensch als Partner Gottes – so könnte man in aller Einfachheit die These formulieren, die der biblischen Sicht Gottes und des Menschen am ehesten gerecht wird.

 

Die Gottmenschlichkeit, angewandt auf alle Bereiche des menschlichen Denkens und Handelns, kann vor der Wiederholung alter Fehler schützen. Es ist kein theoretischer Begriff, sondern die Beschreibung dessen, was das Leben eines Menschen vor Gott ausmacht.

 

 

3. Säkularisierung als eine Chance auf Umkehr (Metanoia)

 

Weder der Geist des Triumphalismus noch der Angst dürfen das Handeln des Christen bestimmen. Das Erste ist Zeichen der Verwerfung Gottes, das Zweite Ausdruck von Kleinglauben. Das muss auf die Bewertung der Säkularisierung übertragen werden.

Die Säkularisierung sollte somit als Folge des Versagens der Christen verstanden werden. Dieses Versagen darf weder als absolut, noch als bedeutungslos hingestellt werden. Die Geschichte Europas und der Menschheit hält genügend Beispiele  bereit, wie tief der Glaube vieler unserer Vorfahren war und wie viel Mut, Treue, selbstlose Liebe und Weisheit sie gezeigt haben. Die heutige Generation ist nicht weiter von Gott entfernt als frühere.

Der Mensch ist von Gott, dem Schöpfer, zum Herrn über die Erde gestellt. Das heißt aber nicht, dass Gott ins Abseits gerückt ist. Der gekreuzigte Gott bleibt allmächtig. Der Mensch, als Herr über die Erde, als Partner Gottes, ist ein Mensch, der seine Verantwortung kennt. Der Apostel Paulus ruft die Korinther dazu auf, ihn nachzuahmen, wie er Christus nachahmt (1 Kor 4,16; vgl. Gal 2, 20; 6, 14). Das wäre die Antwort eines Christen auf die Säkularisierung.

Wenn uns das gelingt, dann wird jede geistige Situation, auch die der Säkularisierung zum schöpferischen Ruf nach einer Korrektur des Lebens, zu einer Chance der Umkehr sowohl im Leben des einzelnen Menschen wie in allen Bereichen der gesamten Schöpfung.

 

Schriftliche Fassung des Vortrags, der im Zuge der Vorbereitung zur „Europäischen Ökumenischen Versammlung“ 2007 in Sibiu, Rumänien, bei der ökumenischen Begegnung vom 15. bis 18. Februar 2007 in Wittenberg gehalten wurde.

Verfasser: Erzbischof Jeremiasz (bürgerlicher Name: Prof. Dr. Jan Anchimiuk), Leiter der orthodoxen Erzdiözese Wroclaw-Szczecin, Rektor der Christlich-Theologischen Akademie in Warszawa, Ordinarius für biblische Theologie (orthodoxe Sektion), Präses des Polnischen Ökumenischen Rates. Von 1975 – 1991 Mitglied im Zentralkomitee des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf. Von der Heiligen Synode der Orthodoxen Kirche Polens beauftragt mit der Wahrnehmung der ökumenischen Beziehungen seiner Kirche

 


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