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Prof. Dr. Okko Herlyn
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Sühnopfermahl?

 

Statement beim Konvent der Leiterinnen und Leiter der landeskirchlichen Ämter, Werke und Einrichtungen der Evangelischen Kirche im Rheinland am 8.10.2009 im LKA, Düsseldorf

 

Als ich mich vor zwei Jahren aus Anlass des 400. Geburtstags von Paul Gerhardt ein wenig intensiver mit dessen Liedern beschäftigte, fiel mir etwas Merkwürdiges auf. Nämlich dass es im Gegensatz zu den immer noch beliebten Hits wie „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ oder „Befiehl du deine Wege“ um seine Passionslieder merkwürdig still geworden ist. „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“? Ich jedenfalls kann mich nicht entsinnen, wann ich diese Lieder das letzte Mal im Gottesdienst gesungen habe.

 

Kollegen und Kolleginnen, die ich darauf anspreche, reagieren mit hochgezogenen Augenbrauen. „O Haupt voll Blut und Wunden“? Das sei doch blutrünstige Opfertheologie längst vergangener Zeiten. Ein Gott, der den Tod seines Sohnes verlange, um Gnade vor Recht ergehen zu lassen, sei dem modernen Menschen nicht mehr zu vermitteln. Zorn, Strafe, Schuld und Sühne – all diese befremdlichen Vokabeln seien doch eher dazu angetan, den Menschen klein und unwürdig zu machen und vertrügen sich nicht mit einem Gottesbild, das doch von Liebe, Güte und Barmherzigkeit geprägt sein sollte. „Geh aus, mein Herz und suche Freud“? Gerne. Aber „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“? Nein Danke.

 

Hinter dieser kleinen gottesdienstlichen Beobachtung tritt nun allerdings ein durchaus gewichtiges theologisches Problem zu Tage, nämlich schlicht die Frage, wie wir Leiden und Sterben Jesu eigentlich zu verstehen haben. Im Glaubensbekenntnis, das wir regelmäßig sprechen, ist ja nur von der Tatsache seines Todes die Rede: „… gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Seit ihren Anfängen geht nun allerdings die christliche Glaubenstradition davon aus, dass diesem Tod über seine Faktizität hinaus noch eine besondere Bedeutung zukommt. So wie es in konzentrierter Form etwa in den Einsetzungsworten des Abendmahls zum Ausdruck kommt: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“

 

Über die historische Tatsache des Todes Jesu am Kreuz müssen wir nicht lange streiten. Dieser ist im Neuen Testament vielfach bezeugt und zudem von verschiedenen nichtchristlichen Historikern der damaligen Zeit glaubwürdig belegt. Der historisch auszumachende Grund für Jesu gewaltsames Ende ist offenbar ein doppelter: ein religiöser und ein politischer.

 

Der religiöse Grund für Jesu Tod tritt vor allem in den Sabbatkonflikten zu Tage. Seine souveräne Deutung der Thora als eine den Menschen nicht knechtende, sondern ihm dienende Gabe Gottes kommt einer fundamentalen Kritik am religiösen System seiner Zeit gleich. Mehr noch: Jesus spricht zudem in göttlicher Vollmacht Vergebung der Sünden zu – eine Ungeheuerlichkeit. Und auf die Frage des Hohepriesters, ob er der Sohn Gottes sei, antwortet er lapidar: „Du sagst es“ (Mt 26, 64). Ein sicheres Todesurteil, wie der Fortgang der Passionsgeschichte zeigt.

 

Der politische Grund für Jesu Hinrichtung ist ein anderer. Mögen die römischen Behörden auch wenig Zugang zu den religiösen Hintergründen gehabt haben, so doch eine feine Witterung für jedwede Unruhe im Volk. Querulanten sind nun einmal das Allerletzte, was diktatorische Regime gebrauchen können. So kommt dem römischen Statthalter das „Kreuzige, kreuzige ihn“ womöglich ganz gelegen. Die Hände in Unschuld waschend nutzt er die günstige Gelegenheit, ein politisches Problem rasch und sauber zu entsorgen.

 

So weit so schlecht. Zumindest ist uns ein solcher Vorgang nicht ganz fremd. Tausendfach zieht sich durch die Geschichte bis heute die Blutspur von Menschen, die mutig und unerschrocken für ihre Sache eingetreten sind und so zu unschuldigen Opfern von politischen oder auch klerikalen Machenschaften wurden. Es ist die Geschichte der Märtyrer. Wir tun gut daran, ihre Geschichten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auf diese Weise lassen wir ihnen wenigstens im Nachhinein Ehre zukommen, nicht zuletzt auch dadurch, dass wir versuchen, die Ideale, für die sie gelebt und gelitten haben, wach zu halten.

 

Ist der Tod Jesu so zu verstehen? Es würde von der Besonderheit der Person und Sendung Jesu wahrhaftig nichts wegnehmen, wenn wir diesen unerschrockenen Zimmermannssohn aus Nazareth auch so verstünden. Nichtchristen, die Jesus durchaus wohlwollend in einer Reihe sehen etwa mit einem Gandhi, einem Martin Luther King oder auch einem Dominik Brunner, der zum Schutz wehrloser Kinder sein Leben aufs Spiel setzte und verlor, jene Nichtchristen haben ja nicht rundweg unrecht. Jesus erscheint zunächst einmal in der Tat als einer unter vielen, die um einer Sache willen, von der sie überzeugt waren, in den Tod gingen. Wir tun unserem Glauben an Jesus Christus wahrhaftig keinen Abbruch, wenn wir sagen: Solche Menschen sind und bleiben auch uns Vorbild. Sehr viele haben wir ja nicht davon.

 

Aber: War da nicht noch etwas? Wer das Neue Testament aufschlägt, der wird bald gewahr, dass dort dem Tod Jesu durchweg noch eine weitere Bedeutung beigemessen wird, sozusagen ein über den Märtyrertod hinausgehender „Mehrwert“. Dass das so ist, muss nach Lage der Dinge verwundern. Hatten etwa die Jünger doch eigentlich allen Grund gehabt, nach Karfreitag das Jesus-Projekt abzuhaken. Gewiss, es war gut, es war lehrreich, es war vielleicht auch mitunter abenteuerlich und manch einer dankbaren Erinnerung wert, was sie mit ihrem Herrn und Meister erlebt hatten, aber das war’s dann auch. So stellen die beiden Emmausjünger resigniert fest: „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde“ (Luk 24, 21).

Doch nun geschieht nach den Evangelienberichten mit einem Mal etwas Unvorhergesehenes: Ostern. Gott erweckt den Gekreuzigten aus dem Tod zu neuem Leben.

 

Nun wird mit einem Mal alles anders. Dieselben Menschen, die noch eben unter dem Eindruck von Karfreitag ängstlich und enttäuscht auseinandergelaufen waren, schöpfen nun durch die Begegnung mit dem Auferstandenen neue Hoffnung und gewinnen Mut, seine Botschaft in die Welt zu tragen. Die Sache Jesu geht – o Wunder – weiter. So war seine Sendung offenbar doch nicht umsonst. Seit Ostern erscheint Jesu Leben, Leiden und Sterben mit einem Mal in einem völlig neuen Licht. Ja, auch sein Sterben. Nun bekommt dieser Tod eine besondere, eine einmalige, eine ihn von allen anderen menschlichen Toden, auch Märtyrertoden unterschiedene Bedeutung. Eine Bedeutung, die unser grundsätzliches Verhältnis zu Gott betrifft. Eine Heilsbedeutung. Wie das?

 

Beim Lesen der einschlägigen neutestamentlichen Texte fällt zunächst auf, dass die verschiedenen Autoren diese besondere Bedeutung des Todes Jesu in sehr unterschiedliche Worte fassen.

 

Paulus etwa oder auch später das Johannesevangelium beschreiben die Bedeutung des Todes Jesu z. B. im Bild des Passalamms: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Joh 1, 29). Es erinnert an das Befreiungsgeschehen des Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten. Bis heute ist im Judentum diese Erinnerung etwa in der Pessachfeier wach. Wenn Paulus und Johannes nun dieses – ihren Hörern vertraute – Motiv zur Deutung des Todes Jesu aufgreifen, so haben sie auf ihre Weise sozusagen „dem Volk aufs Maul geschaut“ und wollen mit diesem Bild offensichtlich sagen: Jesu Tod hat etwas mit Befreiung zu tun.

 

Bei Paulus finden wir daneben aber auch z. B. das Bild vom Sühnopfer. „Den“ – gemeint ist Christus – „hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut“, heißt es etwa im Römerbrief (Röm 3, 25). „Sühnopfer“ erinnert an ein bestimmtes Ritual beim jährlichen Versöhnungstag (Jom Kippur). Stellvertretend für das ganze Volk lädt der Hohepriester die kollektive Schuld auf einen Ziegenbock, also einen sprichwörtlichen „Sündenbock“, der dann in die Wüste gejagt wird. Uns vielleicht fremd, den damaligen Hörern aber durchaus anschaulich: Durch Jesus, den Sündenbock, ist Neubeginn möglich.

 

Noch einmal anders der Hebräerbrief. Auch er schreibt an Menschen, denen jüdisches Denken vertraut ist. Christus wird nun selbst als „Hohepriester“ bezeichnet. Das meint: Christus ist der Mittler, und zwar der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch. Und nun wird das vertraute Bild vom Hohepriester noch einmal verändert. Es heißt: „Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit“ (Heb 4, 15). Im Tod Jesu – so die offensichtliche Botschaft – solidarisiert sich Gott mit unserem Leiden und unserer Schwachheit. Aber es geht noch weiter. Ein paar Kapitel später erscheint Christus nicht nur als Hohepriester, sondern gleichzeitig als Opfertier. Ein geradezu absurdes Bild. Surrealistische Malerei – um im Bild zu bleiben. Aber auch das offensichtlich mit einer Botschaft: Um das Verhältnis des Menschen zu Gott in Ordnung zu bringen, braucht es keine menschlichen Opfer. Gott selbst – in Christus Opfernder und Opfer zugleich – hat das bereits am Kreuz vollbracht.

 

Es wäre noch auf mancherlei andere Bilder und Begrifflichkeiten zur Deutung des Todes Jesu einzugehen. Der Galaterbrief etwa hebt auf den „Fluch“ des Kreuzes ab (vgl. Gal 3, 13). Der Philipperbrief sieht im Tod Jesu vor allem seine gehorsam erduldete „Erniedrigung“ (vgl. Phil 2, 8). Im Kolosserbrief lesen wir von einem „Schuldschein“, der zerrissen, oder von „Mächten und Gewalten“, die durch das Kreuz „ihrer Macht entkleidet“ werden (Kol 2, 14f). Der 1. Timotheusbrief schließlich spricht vom Tod Jesu als einem „Lösegeld für alle“ (1 Tim 6, 2). Und und und. In jedem Bild steckt offenbar ein anderer Aspekt, der eine jeweils eigene Beachtung verdiente.

 

Bereits diese kurze Tour d’ Horizont durch die neutestamentlichen Texte macht mehrerlei deutlich:

 

1. Die neutestamentlichen Zeugen versuchen allesamt, sich mit der Wahl ihrer Begrifflichkeiten und Bilder auf ihre jeweilige Hörerschaft einzulassen. Was uns z. T. als fremd, ja vielleicht sogar als absurd erscheint, war den damaligen Hörern, so dürfen annehmen, durchaus vertraut und nachvollziehbar.

2. So verschieden diese Bilder und Begriffe auch im Einzelnen sein mögen, sie haben, was ihre Botschaft anbelangt, offenbar einen gemeinsamen Nenner, nämlich den, dass der Tod Jesu über seine reine Faktizität hinaus eine für den Menschen grundlegende Bedeutung hat.

3. Diese Bedeutung betrifft unser Verhältnis zu Gott. Es ist – so meint es der häufig begegnende Begriff der Sünde – schlicht nicht in Ordnung. Dass das eine ganz und gar nicht harmlose Sache ist, das signalisieren so Begriffe wie „Knechtschaft“ (vgl. Joh 8, 34), „Strafe“ (vgl. Jes 53, 5) oder auch „Zorn Gottes“ (Röm 1, 18). Wohlgemerkt: Nicht Gottes Verhältnis zu uns, sondern unser Verhältnis zu Gott ist nicht in Ordnung und bedarf deshalb der Heilung, der Erneuerung und Versöhnung.

4. Diese Versöhnung wird nun – o Wunder – von Gott selbst geleistet. Dass solch eine Leistung alles andere als ein oberflächliches „Schwamm drüber“ ist, deutet sich in den Bildern vom „Lösegeld“ bzw. vom „Teuer-erkauft-Sein“ (1 Kor 6, 20) an. Dietrich Bonhoeffer hat bekanntlich immer wieder gegen eine „billige Gnade“ angewettert.

5. Weil nicht wir die Opfernden oder Versöhnenden sind, sondern Gott, deshalb wird uns diese Versöhnung, deshalb wird uns die Vergebung der Sünden zugesprochen – nicht zuletzt in den Abendmahlsworten „für dich gegeben“, „für dich vergossen“.

 

Wie sollen wir nun mit diesem – zugegeben: nicht ganz leicht verdaulichen – Befund umgehen? Eine schlanke Lösung scheint zu sein, die verschiedenen Bilder und Begrifflichkeiten gewissermaßen als ein Büffet zu begreifen, um sich das herauszusuchen, was einem – um im Bild zu bleiben – am besten „schmeckt“, oder, wie heute gern formuliert wird, „meinem Gottesbild entspricht“. Ich halte diese Vorgehensweise vor allem deshalb für problematisch, weil sie der Identität und Eigenwürde auch eines mir vielleicht sehr fremden Textes zu wenig Respekt zollt. Die biblischen Texte sind uns ja nicht gegeben, damit wir in ihnen unsere eigenen Überzeugungen oder Gottesbilder wiederfinden oder gar bestätigt sehen, sondern um auf das zu hören, was sie uns von sich aus zu sagen haben. Auch wenn uns das häufig nicht passt: Bei Lichte besehen ist Jesus eben nicht der empathische Sozialpädagoge, nicht der erste Frauenversteher, nicht der softe neue Mann. Bei Lichte sind die meisten Geschichten über ihn eine blanke Zumutung. Paulus spricht gelegentlich sogar von „Torheit“ und „Skandal“ (1. Kor 1, 23).

 

Aber könnte es nicht sein, dass solch eine Zumutung am Ende noch etwas anderes ist als ein dumpfes, unproduktives Ärgernis? Immerhin ruht doch auf der ganzen Heiligen Schrift die Verheißung, Evangelium, also auch eine für uns heilsame, befreiende, ein verantwortliches Leben ermöglichende Botschaft zu sein. Könnte es nicht sein, dass die auf den ersten Blick verwirrende Fremdheit der neutestamentlichen Aussagen sich am Ende als ein Reichtum erweist, der unseren Glauben tiefer, unsere Hoffnung weiter und unsere Liebe standfester macht? So dass wir schlicht dumm wären, wollten wir ausgerechnet darauf verzichten? Niemand hindert uns doch daran, aus diesem Reichtum ausgiebig zu schöpfen: erzählend, nachdenkend, meditierend, spielend, musizierend, schmeckend und sehend, produktiv streitend – wie auch immer.

 

Vergebung der Sünden durch Jesu Tod am Kreuz: ja oder nein? Um es pointiert zu sagen: Das haben wir uns nicht auszusuchen. Das ist uns als biblische Botschaft nun einmal vorgegeben. Dass solch eine Botschaft der immer wieder neuen Auslegung und Verständlichmachung bedarf, haben bereits die verschiedenen neutestamentlichen Zeugen eindrücklich vorgeführt.

 

Wovor mir allerdings graut – das will ich am Ende nicht verschweigen –, das wäre ein politisch korrekt bereinigtes Abendmahl ohne heilsame Zumutung, ohne eine Bereitschaft, sich auch der eigenen dunklen, schuldhaften Seiten zu stellen. Wovor mir graut – das wäre ein Abendmahl als Selbstfeier des protestantischen Gutmenschen, ein todlangweiliges Wiederkäuen theologischer Richtigkeiten, womöglich noch kurz vor dem Gottesdienst aus dem Internet downgeloaded. Geht jetzt der Kabarettist mit mir durch? Ich fürchte, die Realsatire Kirche hat uns da in dieser Hinsicht längst eingeholt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

 

 

Der Autor ist Professor für Ethik, Anthropologie und Theologie an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

 


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