Impressum

 

Helmut Foth
Beethovenstraße 13, 67126 Hochdorf-Assenheim

 

 

 

Irritationen und Störungen im christlich-jüdischen Dialog

 

Zur Änderung des katholischen Erwachsenenkatechismus in den USA und die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden im außerordentlichen Messe-Ritus

 

Ende 2009 berichteten die ICCJ-Nachrichten Nr.30 (hrsg. vom Internationalen Rat der Christen und Juden) über jüngste Spannungen im christlich-jüdischen Dialog in den USA. Im Jahr 2002 hatte eine hochrangig autorisierte christlich-jüdische Arbeitsgruppe eine Vereinbarung veröffentlicht (Reflections on Covenant and Mission), die zum Dialog ermutigen wollte und dabei jeglichen Missionierungsversuchen eine Absage erteilte. Im Juni 2009 nahmen zwei offizielle Komitees der Bischofskonferenz mit einem ausführlichen Kommentar (A Note on Ambiguities Contained in Reflections on Covenant and Mission)1 dazu Stellung, der Interpretationen zuließ, dass Katholiken im Rahmen des Dialogs Juden stets dazu einladen sollten, Christen zu werden.

 

Spitzenvertreter des amerikanischen Judentums und interreligiöse Führungspersönlichkeiten drückten in offenen Briefen ihren Protest und ihre Sorge um die Zukunft des christlich-jüdischen Dialogs aus. Am 5. Oktober präsentierte der Vorsitzende der Bischofskonferenz Kardinal Francis George eine offizielle Grundsatzerklärung zum christlich-jüdischen Dialog (Statement of Principles for Catholic-Jewish Dialogue)2, der als Brief an die religiösen Spitzenvertreter des amerikanischen Judentums ging3, und gab die Streichung zweier missverständlicher Sätze im Note-Dokument bekannt4. Der Kardinal betonte, dass der christlich-jüdische Dialog von der katholischen Kirche niemals als Mittel der Proselytenmacherei und Einladung zur Taufe benützt werden dürfe. Allerdings hält dieses Statement an der Position fest, dass, obgleich Gott die dem jüdischen Volk zugegangenen Gaben und Berufungen nicht gereuten, alle Bundesschlüsse und Verheißungen Israels allein in Jesus Christus Erfüllung fänden.

 

Weiterhin berichteten die ICCJ-Nachrichten:

„Wenige Tage später veröffentlichte die USCCB [Katholische Bischofskonferenz in den USA] eine Erklärung, der zufolge der Vatikan die Genehmigung erteilt habe, einen Passus im amerikanischen Erwachsenenkatechismus zu streichen, in dem es hieß:

 

‚Deshalb bleibt der Bund, den Gott mit dem jüdischen Volk durch Moses schließ, für sie auf ewig bestehen.’ In einer erläuternden Begleiterklärung wurde festgestellt, dass ‚alle früheren Bündnisschlüsse, die Gott mit dem jüdischen Volk einging, in Jesus Christus erfüllt sind durch den neuen Bund, der durch seinen Opfertod am Kreuz errichtet wurde’.

 

Dieser Satz konnte dahingehend gedeutet werden, dass die katho­lische Kirche überzeugt ist, dass der Sinaibund durch das Wirken von Jesus Christus als überholt betrachtet werden könne, so wie es über Jahrhunderte hin bereits gelehrt worden war.

 

An der Debatte beteiligte jüdische und christliche Gelehrte wiesen darauf hin, dass in keiner der beiden Erklärungen auch nur eines jener zahlreichen, relevanten päpstlichen und vatikanischen Dokumente zitiert worden sei, die seit 1965 verabschiedet wurden.“

 

Soweit der Auszug aus dem Bericht. Die Streichung dieser Spitzenaussage über den ewig bestehenden Bund Gottes mit seinem jüdischen Volk im amerikanischen Erwachsenenkatechismus war im August 2008 von einer überwältigenden Mehrheit aller Bischöfe beschlossen worden. Der Satz wurde ersetzt durch ein Zitat aus Röm 9, 4-5: Das jüdische Volk besitzt „die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihm ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst, die Verheißungen, sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus“.

 

Dieser Passus ist nahezu identisch mit dem Paragraph 839 des offiziellen Katholischen Weltkatechismus von 1992, auf den auch verwiesen wird und der übrigens von der Glaubenskongregation unter der Leitung von Kardinal Ratzinger verfasst worden war.

Dabei ist interessant, dass im nachfolgenden Paragraph 840 bei der Beschreibung der ähnlichen Ziele von Juden und Christen in der Messiaserwartung eine qualitative Einschränkung dahingehend erfolgt, dass die jüdische Erwartung „durch das Drama der Unkenntnis (quam tragoedia ignorantiae) oder des Verkennens Jesu Christi begleitet wird.

 

Diese jüdischem Glauben zugeschriebene inhärente Tragik bildet m.E. gerade nicht die anspruchsvolle dialektische Beziehungsbeschreibung von Juden und Heidenchristen in Röm 11, 25 ab: „…Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren solange, bis die Fülle der Heiden eingegangen ist!“

Begründet wurde in offiziellen Stellungnahmen die Notwendigkeit der Änderung des Erwachsenenkatechismus pädagogisch, die ursprüngliche Formulierung habe in Katechetenlerngruppen Uneindeutigkeiten über den Bund Gottes mit Israel entstehen lassen. Auf keinen Fall erfolge durch diese Streichung eine Änderung der kirchlichen Lehre in Bezug auf das Judentum. Die ursprüngliche Version könne, so heißt es, derart verstanden werden, dass die früheren Bundesschlüsse Erlösung ohne die Mittlerschaft Christi beinhalteten, während für den christlichen Glauben Christus der universale Retter aller Menschen sei.

 

Father Massa, der Exekutivdirektor des Sekretariats für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten, erklärte, ein Katechismus sei nicht der Ort, schwierige theologische Probleme auszuarbeiten5. Dies sei Aufgabe von Wissenschaftlern. Der Status des jüdischen Bundes sei in jüngster Zeit ein fruchtbares Aufgabenfeld für theologische Reflexionen gewesen, obwohl die kirchliche Lehre in zwei aufeinander bezogenen Punkten geklärt sei:

„Das jüdische Volk steht in einer wirklichen Beziehung zu Gott, begründet durch einen niemals aufgekündeten Bund.“ „Alle Bundesschlüsse mit Israel finden ihre Erfüllung in Christus, dem Retter aller Menschen.“

 

Die neue Katechismusversion hätte eine stärkere Fundierung im neuen Testament, wird ebenso argumentiert6. Sie steht aber m.E. exegetisch auf wackeligen Füßen. Gerade wenn man ein Pauluszitat aus Römer 9 als Lehrsatz in den Katechismus aufnimmt, darf man die weitergehende Gedanken des Völkerapostels in Röm 11, 25-26 nicht unterschlagen: „Aus Zion wird Rettung kommen …Und dieses ist mein Bund mit ihnen, wenn ich das von ihnen begangene Unrecht wegnehme“ (BiGS).

 

Diese prägnante katholische Neupositionierung tangiert nicht unerheblich den christlich-jüdischen Dialog, der so hoffnungsvoll mit dem Paradigmenwechsel des II. Vaticanums begann und vielerorts mit großem Engagement betrieben wird.

Sowohl die wegweisende Konzilserklärung „Nostra aetate“ von 1965 („Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind. Denn die Kirche glaubt, dass Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat.“) als auch die kirchenrechtlich höher stehende Konstitution Lumen gentium von 1964 haben eine genauere Fokussierung des Todes Jesu in seiner möglichen Bedeutung für das jüdische Heilsverständnis unterlassen. Eine zweifellos segensreiche und für die folgenden Jahrzehnte dialogfördernde Entscheidung.

 

Jetzt jedoch werden theologische Sprachgrenzen enger abgesteckt und in jüdisches Glaubensverständnis an seinen empfindlichsten Punkten eingedrungen. Der nach Nostra aetate durch Christi Versöhnungshandeln geschenkte „Friede zwischen Juden und Heiden“ muss einem kirchlich verwalteten Versöhnungsmonopol („alle früheren Bundesschlüsse sind in Christus erfüllt“) weichen, auf das Juden auch heute angewiesen bleiben sollen. Trotz freundschaftlicher Dialogbekundungen wird hier der jüdische Glaube in seiner Gottesbeziehung als unzureichend gesehen und der jüdische Partner defizitär beschrieben.

 

Man kann nicht an Zufall denken, dass im selben ersten Halbjahr 2008, in dem der Vatikan in kürzester Zeit der amerikanischen Katechismusänderung seine Zustimmung gegeben hat, Papst Benedikt XVI. die von ihm selbst formulierte Karfreitagsfürbitte „Für die Juden“ in Kraft setzte. 2007 hatte er die Erlaubnis zur Feier der vorkonziliaren „tridentinischen Messe“ in Latein – das „missale romanum“ von 1962 – als außerordentlichen Ritus gegeben, um kleine Traditionalistengruppen mit der Kirche zu versöhnen7. Vergeblich hatten namhafte Katholiken und Juden, der offizielle jüdische Dialogpartner des Vatikans, die deutsche und auch die amerikanische Bischofskonferenz darum gebeten, die nachkonziliare Karfreitagsbitte für die Juden von 1970, die die Wertschätzung der Würde Israels und den eigenen jüdischen Heilsweg betont („Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat ...“), in die lateinische Messe zu integrieren. Der Papst blieb von alledem unbeeindruckt. Nun kann am Karfreitag weltweit gebetet werden: „Lasst uns auch beten für die Juden, dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Heiland aller Menschen erkennen“8.

 

Pikanterweise wird diese Karfreitagsfürbitte für die Juden (überschrieben mit Pro conversione judaeorum) umrahmt von der Bitte für die Irrgläubigen und Abtrünnigen (Pro unitate Ecclesia), „dass unser Gott und Herr sie allen Irrtümern entreiße …und zur heiligen Mutter, der katholischen und apostolischen Kirche, zurückrufen wolle …“ und der Bitte für die Heiden (Pro conversione infidelium), „dass Gott, der Allmächtige, das Sündenelend von ihren Herzen nehme …“.

 

Diese liturgische „Reform“ hat Ratlosigkeit, Bestürzung und Empörung hervorgerufen, auch im Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken9. Rabbiner Henry G. Brandt, Vorsitzender der allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands, nannte das Gebet „reaktionär“ und stornierte seine zugesagte Teilnahme am Katholikentag. Jüdische Theologen und Intellektuelle fühlen sich beleidigt, zur „Menschengruppe mit verfinstertem Herzen“ gezählt zu werden.

 

Treffend dazu die Titelbildmontage für den Aufsatzband „’… damit sie Jesus Christus erkennen’. Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden“10: die beiden Frauenfiguren vom Südportal des Straßburger Münsters, Ecclesia mit hocherhobenem Siegeskreuz und die Synagoga mit gebrochener Lanze, traurig gesenktem Haupt und verbundenen Augen! Die jahrhundertealte Bitte, Gott möge den Juden den Schleier von ihren Herzen nehmen, ist in das persönliche Gebet Benedikt XVI. „Gott möge ihre Herzen erleuchten“ umgewandelt worden.

 

Welche Chancen liegen künftig überhaupt noch in einem christlich-jüdischen Dialog, wenn die Kirche schon immer weiß, wo Blindheit und Wahrheit zu finden sind?

Prominente katholische Theologen, die seit Jahrzehnten im Dialog mit jüdischen Freunden stehen, sind mehr als enttäuscht: „Gerade die Karfreitagsliturgie … ist für heutige Juden verständlicherweise das Schibboleth des christlich-jüdischen Verhältnisses. Das haben die Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. klar erkannt – und dementsprechend die ´alte` Fürbitte geändert: eine ´kleine` Geste von großer Bedeutung. … Wie wichtig Gesten und Symbole im Raum der Weltpolitik und in der Kirche sind, haben wir in den letzten Jahrzehnten wieder neu gelernt. Und deshalb ist auch die ´neue` alte Fürbitte von Benedikt XVI. keine Kleinigkeit, wie manche ´Verteidiger` nun sagen“ (Erich Zenger)11.

 

„Die neue Fürbitte wird aber nicht nur dem Judentum aus christlicher Sicht theologisch nicht gerecht, sondern beschädigt darüber hinaus auch den Glauben der Kirche, weil sie damit jenem Gott, auf den sie zugeht, seine Verheißungen nicht glaubt“12.

 

 Ergreifend zu lesen im erwähnten Aufsatzband ist die Stellungsnahme des bedeutenden Gelehrten und Rabbiners Michael A. Signer, einem der besten Kenner der katholischen Tradition und hochgeschätzter Dialogpartner. Er ging in seinem Beitrag „Wenn ein Gebet kein Segen ist“13 vom inzwischen historischen Wunsch des Papstes Johannes Paul II. aus, dass Juden und Christen einander zum Segen werden sollten und dann zum Segen für die Welt werden können und resümiert mit spürbarer Bitterkeit, dass diese neueingesetzte Karfreitagsbitte kein Segen sei. Rabbiner Michael Signer14 weist nach, wie die vom II. Vaticanum herkommende von Gott geschenkte Versöhnungsvision zwischen Juden und Christen bei dem Theologen Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI. in eine christologische Engführung mündet und Jesus der Mittler von Erlösung und Versöhnung sein wird, auch für die Juden. Und dass die Karfreitagsbitte des außerordentlichen Ritus der spezifischen Theologie des Papstes, der aus seiner Liebe zum lateinischen Ritus nie einen Hehl machte, entspricht.

 

Der Eindruck bleibt zwiespältig: Benedikt XVI. geht immer wieder in dem ihm eigenen Stil auf das Judentum zu – zuletzt mit seiner Israelreise im Jahr 2009 und jüngst beim Besuch der Großsynagoge Roms am 17.1.2010 – und gleichzeitig betreibt er die Versöhnung mit der Piusbruderschaft mit ihrem unseligen Holocaustleugner Bischof Williamson, ihrer Ablehnung des II. Vaticanums und des jüdisch-christlichen Dialogs und preist im November 2007 anlässlich der Feier des 130. Todestags Pius IX., den schlimmen Gegner der jungen italienischen Demokratie und Judenemanzipation, als mutigen Kämpfer gegen den Säkularismus des 19. Jahrhunderts.

 

Die prophetisch mahnenden Worte Kardinal Lehmanns aus dem Jahr 2006 werden aktuell bedeutsam: „Es kann künftig keine religiöse oder theologische Selbstprofilierung der Kirche auf Kosten des Volkes Israel geben, sondern eigentlich nur noch die Anerkennung einer grundlegenden und bleibenden „spirituellen Verbundenheit“15.

 

„Trotz Empörung, Misstrauen und Enttäuschung: der Dialog wird irgendwie weitergehen“, kommentiert Jonah Sievers, Gemeinderabbiner in Braunschweig und Vorstandsmitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz die Misere.

Wir Christen möchten aber, so muss man unbedingt hinzufügen, die großartige Bereicherung, die uns im Gespräch mit und im Lernen von Juden in den letzten Jahrzehnten geschenkt worden ist, nicht gefährdet wissen. Christen und Juden bleiben ganz besonders in diesem Land aufeinander angewiesen.

 

 

Anmerkungen

[1] http://www.usccb.org/bishops/covenant09.pdf

2 Das sechs Punkte umfassende Statement in: http://www.usccb.org/seia/StatementofPrinciples.pdf

3 Der Brief ist zu finden in: http://www.usccb.org/seia/ResponsetoRabbis.pdf

4 Die revidierte Version in: http://www.usccb.org/doctrine/covenant09.pdf

5 nachzulesen im Catholic News Service vom 12.8.2008: http://www.usccb.org/stories/bishops_vote_catec.shtml

6siehe den offiziellen Backgrounder for Recognitio of Change in Adult Catechismin: http://www.usccb.org/stories/bishops_vote_catec.shtml

7 Die sehr fundierte Stellungnahme des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) von Ostern 2007 zur Wiedereinführung des tridentinischen Ritus weist nach, dass dieser durch den Wegfall fast aller alttestamentlichen Lesetexte in vielem und theologisch Entscheidendem dem Zweiten Vatikanischen Konzil widerspricht. Nachzulesen unter: http://www.christenundjuden.org/de/?item=590

8 siehe dazu den ausgezeichneten Wikipedia – Artikel Karfreitagsfürbitte mit zahlreichen Links und Anmerkungen!

9 http://www.zdk.org/erklaerungen/erklaerung.php?id=165&page=2

10 Walter Homolka/Erich Zenger (Hg.): „… damit sie Jesus erkennen“. Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden, Freiburg 2008. Dort auch auf S. 120 die Synopse zu den verschiedenen Gebetsfassungen

11 ebd. S. 208

12 so der Pastoraltheologe Professor H.-G. Schöttler, ebd. S. 171

13 ebd. S. 78 - 90

14 dieser großartige jüdische Ökumeniker verstarb leider im vergangenen Jahr. Siehe den berührenden Nachruf von Hans Hermann Henrix und Edna Brocke in: KuI (24. Jahrgang), Heft 1.09

15 Zitat aus seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des jüdischen Abraham – Geiger – Preises, zu finden in: http://www.cardinalrating.com/cardinal_49__article_3446.htm

 


index / forum palatina / rezension / forum / archiv / links / e-mail