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Michael Behnke |
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2. Zur
Auseinandersetzung mit Klaus-Peter Jörns
Das
Evangelium nach Jörns
Im
Warschauer Ghetto gegen Ende des Jahres 1942: Ein vor Hunger ausgemergelter
zehnjähriger jüdischer Junge wurde von einem blutjungen SS-Mann angehalten. Wie
sich herausstellte, hatte der Junge versucht, unter seiner Jacke ein Kilo
Karotten in das Ghetto zu schmuggeln. Als das Gemüse auf dem Boden lag,
handelte der SS-Mann gemäß seinem Befehl. Er erschoss den Jungen auf der Stelle.
Eine
Randnotiz aus einer grausamen Zeit. Eine Geschichte wie sie zu tausenden in dem
Ringelblum-Archiv, dem „Oneg Schabbat“, für die Nachwelt aufbewahrt
wird.
Wie ist bei
dieser Geschichte die Schuldfrage zu lösen? Es gibt hierzu einen neueren
theologischen Ansatz von Klaus-Peter Jörns, in der der Gedanke der Sühne
konsequent abgelehnt wird: „Durch ein Verbrechen traumatisierte Menschen
rufen in der Phase ihrer Therapie, in der es wichtig ist, Wut auf den Täter zu
entwickeln, nach Sühne und der damit verbundenen Genugtuung. Wenn es gut geht,
werden sie aber irgendwann erkennen, dass sie selbst ‚nicht ohne Sünde
sind’ (Joh. 8,7), sondern anderer Menschen Seelen beschädigt haben. Sie
erkennen, dass wir alle nicht nur Opfer, sondern auch Täter sind. Und dann wird
ihnen die Möglichkeit zu vergeben genau so wichtig werden wie das Bedürfnis,
selber das zu bekommen, womit sie andere Menschen – und Tieren
übrigens auch – verletzt haben.“[1]
Was heißt
das für unsere Geschichte? Sollten die vor Verzweiflung und Ohnmacht
traumatisierten Eltern des getöteten Jungen – nach einer therapeutischen
Phase des Hasses – irgendwann Verständnis für die grausame und sinnlose
Tat des jungen SS-Mannes aufbringen, weil dieser auch nur ein Opfer einer
menschenverachtende Weltanschauung geworden ist, wonach Juden keine Menschen,
sondern nur schädliches Ungeziefer waren. Sollten sie sich angesichts des
Mordes an ihrem Sohn zuerst ihrer eigenen Vergehen bewusst werden und sie gegen
das Verbrechen des Mörders verrechnen, um letztendlich zum Ergebnis zu kommen,
dass sie sich erst einmal selbst vergeben müssten, bevor sie dem Soldaten die
ihm schuldige Vergebung zusprechen können?
Ist die
Täter-Opfer-Problematik im Grunde nichts anderes als ein Nullsummenspiel vor
dem Hintergrund der anthropologischen Annahme, wonach prinzipiell jeder Mensch
zugleich Täter und Opfer ist und damit auf Vergebung angewiesen? Ja, man ist
geneigt zu fragen: Wer ist eigentlich der Schlimmere? Derjenige, der etwas
Böses getan hat oder derjenige, der ein ihm zugefügtes Leid nicht vergeben
kann?
Wie kommt
Jörns zu einer solchen Theorie? Er schreibt: „Im Zentrum steht für mich
die Verkündigung der unbedingten, also bedingungslosen Liebe Gottes… Sie
stellt keine Vorbedingungen und erwartet keine Vorleistungen... Die Bezeugung
der unbedingten Liebe Gottes geschieht in der Vergebung der Sünden.“
Nehmen wir
an, der junge SS-Mann war Christ. Hat er nun ohne jede Vorbedingung Anspruch
auf die Vergebung seiner Tat, also ohne innere Zerknirschung und Reue, ohne ein
Schuldeingeständnis und der daraus kommenden Bitte um Vergebung? Muss seine
Schuld nicht gesühnt werden? In welcher Beziehung steht die göttliche Liebe zur
Gerechtigkeit Gottes?
Die Antwort
Jörns: Gott ist allein vergebende Liebe. Den Gedanken einer Genugtuung im Sinn der
Gerechtigkeit lehnt er ab. Dass Gott
seinen Sohn stellvertretend für die Sünden der Welt als Sühneopfer
darbrachte, offenbare nur ein archaisches, blutrünstiges Gottesbild, das im
Verhängnis von Gewalt und Gegengewalt verstrickt bleibt. Indem behauptet wurde,
„Sünde müsse durch Blutvergießen gesühnt werden und der unschuldige Tod
Jesu sei diese Sühne gewesen, hat sie die Liebe Gottes wieder zu etwas
Bedingtem gemacht und die Liebespredigt Jesu durch eine Gnadentheologie
ersetzt.“
Wenn aber
der Komplex von Schuld und stellvertretender Sühne und die Frage nach der
göttlichen Gerechtigkeit letztendlich nichts anderes als ein Stück
fehlgeleiteter Theologie darstellt, was ist dann Sünde? Dazu Jörns: „Nicht
mehr gilt: Der Mensch ist böse von Jugend auf und hat eigentlich kein
Lebensrecht. Sondern: Unsere Sterblichkeit ist geschöpflich, nicht der ‚Sünde
Sold’. Sündig, schuldig werden wir an Gott und Mensch, weil wir um unsere
Endlichkeit wissen und weil die begehrten Güter des Lebens nicht beliebig
produzierbar sind. So werden wir uns gegenseitig zu Konkurrenten.“
Der Mensch
wird also nicht in ein geschichtlich bestehendes Schuldverhängnis hinein
geboren, bzw. Sünde wird nicht mehr als eine vererbte Beziehungsstörung
zwischen Gott und Mensch gesehen und das Heil im Rahmen des Kreuzes
interpretiert. Nein, Schuld und Sünde ergeben sich lediglich akzidentiell durch
unser Zusammenleben. Sünde ist demnach nur ein ethisches Problem. Darum können
wir – so Jörns – uns diese Sünden auch gegenseitig vergeben.
In diesem
Sinne können wir auch unserem SS-Mann – so er denn noch lebt –
zurufen: Solltest du Gewissensbisse haben, gehe mit deinem Rollator in eine
Kirche, die das Abendmahl nach der Liturgie des Herrn Jörns feiert. Dort
gestehen sich alle Teilnehmer vor dem Mahl gegenseitig ein, „immer wieder
einander schuldig geblieben zu sein, was sie sich an Liebe und Achtsamkeit
schulden. Und dann sprechen sie sich gegenseitig los, vergeben sich ihre
Sünden. Und erst danach wird das Mahl gefeiert.“
Ist das
nicht schön? Man gesteht sich gegenseitig in allgemeiner Form die Schuld und
vergibt sie sich gleich danach, ohne dass einer wüsste, was die anderen so auf
dem Kerbholz haben.
Ich vergebe
demnach meinem unbekannten Mitkommunikanten Schuld, die er nicht an mir,
sondern an wem auch immer begangen hat und umgekehrt. Die unbedingte Liebe
Gottes wird dazu als gegeben vorausgesetzt. Fragen muss man ihn nicht mehr. Es
drängt sich der Eindruck auf, als solle hier die fundamental-christliche
Institution der Vergebung auf einem Wühltisch im Schlussverkauf als
christlicher Restposten billigst verramscht werden.
Denn ist
das nicht wirklich ein neues Evangelium? All ihr Menschenschinder, ihr
Mafia-Killer, ihr Frauen- und Kinderschänder, all ihr korrupten Banker und
Politiker, all ihr kleinen Gauner und Betrüger frohlocket und singet dem Herrn
ein neues Lied! Flüchtet in die Arme der bedingungslosen Liebe, hier gibt es
Vergebung – ohne Vorbedingung. Und hört ihr auch den Hauch der göttlichen
Stimme, die euch nachraunt: „Sündige hinfort nicht mehr!“, so ist
das Leben eben nicht danach. Die Lebensbedingungen, die eigene Natur, der
politische Gegner, der Konkurrent zwingen uns zum lieblosen Handeln und wieder
und wieder werden wir rückfällig. Schließlich geht es um unser Leben –
das einzige, das wir haben! Denn für Herr Jörns ist das Leben endlich, es wird
keine Auferstehung geben. Das göttliche Gericht können wir getrost vergessen. Doch
angesichts der alles überstrahlenden Liebe Gottes sind doch all unsere Vergehen
nur peanuts! Die Vergebung gibt’s immer wieder – nun wirklich
– gratis!
Hermeneutik und Schriftverständnis
Jörns
verabschiedet sich vom reformatorischen Schriftprinzip, wonach die Schrift sich
selbst auslegt. Neben die unterschiedlichen biblischen Traditionen treten bei
ihm die Religionsgeschichte, inklusive aller kanonischen Bücher der
Fremdreligionen, die Christentumsgeschichte und die kontinuierlichen
Geistoffenbarungen Gottes, „denn der Geist der Wahrheit hat nicht
ausgeredet mit dem, was das NT dokumentiert“. Demzufolge gewinnt der Glaube seinen Lebensbezug besonders in der
Kultur.
Methodisch
werden die biblischen Texte zunächst einer historisch-kritischen Analyse
unterzogen. Das so gewonnene Material wird danach im Lichte der o.g. Quellen
theologisch gedeutet und für eine Verkündigung fruchtbar gemacht. Die
historische Kritik belegt hier dem Autor zufolge im Besonderen, dass die
Sühnetodtheologie im 1. Jahrhundert ihren Sitz im Leben hatte, für die heutige
Zeit sei aber dieser Ansatz irrelevant. Darum rücken die Paulusbriefe und der Hebräerbrief
nun in die hintere Reihe und dienen hinfort nur noch historischem Interesse.
Das Johannesevangelium mit seiner Liebesbotschaft und die historisch-kritisch
gereinigten Synoptiker mit ihrer Darstellung vom Leben und Werk des Jesus von
Nazareth treten hingegen in den Vordergrund. Daneben erfährt die apokryphe
Schrift der Didache eine Bevorzugung in der Abendmahlsfrage. Denn nur in Did
und in Joh steht die Eucharistie ohne Bezug zum Sühnetod Jesu.
Der
theologischen Einheit von Altem und Neuem Testament wird ein Ende gemacht.
Jörns spricht hier von einem „jüdisch-christlichen Doppelkanon“,
der aber auch nur eine mögliche, nämlich die uns vertraute Wahrnehmung Gottes
darstelle. „Die religiösen Erfahrungen der Menschen bezeugen, dass die
Begegnungen mit Gott über die Schaffung und Schließung aller Kanons
hinausgehen. Die Begegnungen mit dem einen Gott liegen vor aller schriftlichen
Bezeugung.“[2]
Jörns ist
sich indessen bewusst, dass durch diesen allumfassenden Ansatz sich jeder
theologische Ansatz einer nicht unbeträchtlichen Unschärfe aussetzen muss.
Insofern stellt sich naturgemäß die Frage nach der Wahrheit. Jörns kontert
diesen Einwand:
1. Jede
Begegnung mit Gott ergebe sich nicht aus einem schriftlichen Zeugnis, sondern
liege vor diesem. Darum sei ihr Kriterium nicht Wahrheit, sondern Authentizität[3].
2. Im
Johannesprolog (Joh 1) zeige sich, „dass die Inkarnation Gottes ein
Geschehen sei, durch das Gott sich bzw. Jesus uneindeutig gemacht und der Deutung der Menschen ausgeliefert
hat.“
Wie sehr
sich Gott nach Jörns den Menschen ausgeliefert hat, verdeutlicht er an anderer
Stelle im Blick auf Mt 25,31-45 (Gleichnis vom Weltgericht): „Einen Gott,
der sich gerade wenn wir leiden, so sehr mit uns Menschen verbindet, dass er
selbst der liebevollen Zuwendung bedarf, wenn Menschen hungern, dürsten,
schuldig im Gefängnis oder aus anderen Gründen verlassen sind oder leiden.“
Betrachten
wir uns die letzte Stelle etwas genauer: Der in Vollmacht gekommene
Menschensohn richtet alle Menschen nach ihrem Liebeshandeln. Dabei offenbart er
sich selbst als machtvoller Anwalt der Kleinsten und Schutzlosesten. Sie sind
der Maßstab für die göttliche Gerechtigkeit. Wer ihnen das Notwenige zum Leben
gegeben hat, der wird gerettet, wer ihnen lieblos begegnet ist, wird gerichtet
und ist verloren. Unter der Hand von Jörns wird aber aus dem machtvollen
Menschensohn ein ohnmächtiger und liebesbedürftiger Gott. Eine schon recht
außergewöhnliche Sicht! Eine solche Methode nennt man nicht mehr Exegese,
sondern Eisegese. Es wird etwas in einen Text hineingelesen oder gedeutet, was
dort nicht gemeint sein kann. Also handelt es sich um eine bewusste
Fehlinterpretation und steht damit im Widerspruch zu einer seriösen
Hermeneutik. Allerdings wird Jörns wohl auch hier auf seine
„Uneindeutigkeits-Theorie“ hinweisen, und schon stimmt wieder
alles.
I had a dream!
Eine
umfassende Wertung der Gedanken Jörns liegt hier außerhalb des Machbaren. Dazu
müsste man gerechter Weise einen umfassenden Blick auf sein opus magnum,
„Notwendige Abschiede“[4]
werfen“. Hier soll nur versucht werden, zentrale Punkte einer kritischen
Würdigung zu unterziehen. Aber auch sein theologischer Ansatz als Ganzer wird
sich, wie alle anderen vor ihm, letztendlich dem weisen Urteil des Gamaliel
beugen müssen, Apg 5,39: „Stammt dieses Vorhaben nur von Menschen, so
geht es von selbst zugrunde. Ist es aber von Gott, so könnt ihr es nicht
zerstören.“
Die Zeit
wird es erweisen. Allerdings möchte ich zum Schluss auf einen Sachverhalt
besonders hinweisen. Es dürfte
aufgefallen sein, dass Jörns durch seine Hermeneutik und sein
Schriftverständnis so ziemlich allen reformatorischen Grundlagen den Boden
entzieht: Sola scritura, sola gratia, solus Christus und auch das sola fide
wird durch die Ablehnung der Heilsbedeutung des Kreuzes infrage gestellt, denn
das von Paulus durch Luther und die anderen Reformatoren ins Zentrum gestellte
Rechtfertigungsgeschehen wird von Jörns abgelehnt.
Jörns
Liebesmonismus hingegen bleibt äußerst schillernd. Wenn Gott einerseits ganz
Liebe und Vergebung ist, andererseits aber selbst als der menschlichen Liebe
bedürftig gesehen wird, bzw. die Glaubenden sich untereinander die Sünden
selbst vergeben können, so stellt sich mir doch die Frage nach Gottes Macht
angesichts des menschlichen Elends. Ist Gottes in Jesus erschienene Liebe also
nur sittliches Vorbild für unser eigenes Liebeshandeln? Wenn ja, so reduziert
sich Jörns Ansatz auf eine religiös verbrämte Ethik. Da der Autor davon
ausgeht, dass der Mensch ohne Sünde geboren wird, bedarf der Mensch auch keiner
Erlösung, sondern nur einer ethisch lebensdienlichen Anleitung, die am Leben
Jesu abzulesen ist. Der menschliche Wille ist nach diesem theologischen Ansatz
absolut frei und nicht wie bei Paulus durch die Sünde korrumpiert (Röm 7).
Darum kann
auch jeder Mensch sich ohne vorherige Buße, Rechtfertigung und Versöhnung für
die Nachfolge Jesu entscheiden. Ich glaube der Mann hieß Pelagius, der vor
langer Zeit mal etwas ganz Ähnliches behauptet hat. Er wurde damals als Ketzer
verdammt. Schlägt ihm nun durch Jörns erneut die Stunde?
Ich hatte
einen Traum. Verloren hörte ich leise die Beatles eines ihrer Lieder singen:
„Love, love, love, all you need is love.“ Es klang wie eine Hymne
auf das neue Evangelium des Heiligen Klaus-Peter. Hatte die Liebe nicht zu
allen Zeiten die Sänger und Dichter inspiriert, das Beste im Menschen zu
beschwören? So will auch ich diesem Rufe folgen und seufzend hauche ich mein
neues Bekenntnis: „Ach, meine Seele, lass fahren dahin alles lieb
gewordene Gerümpel theologischer Erkenntnis! Fahre dahin
sola scriptura, sola fide, sola gratia und solus Christus! Fahre dahin du schnöde
Rechtfertigungslehre mit deiner Bindung an Blut und Gewalt, an Kreuz und Sühne!
Fahre dahin du böser Paulus, der du die Christenheit mit deiner falschen Lehre so
lange in Gewalt und Gegengewalt gefangen hast! Fahre dahin du Einheit der
Bibel!
Mit Dank
und Scham gebe ich dich, Thora, dem wahren Besitzer, dem Judentum zurück! Fahre
dahin süße Hoffnung auf Auferstehung, du Sehnsucht nach einem ewigen Leben bei
dem Herrn. In innerer Zerknirschung nehme ich meine endgültige Sterblichkeit an,
doch mit neuer Freude und Inbrunst will ich mein zufälliges Leben erfüllen,
mich ganz im Diesseits der Liebe hingeben und werde irgendwann mit
Monod’scher Gelassenheit in den sinnlosen Ewigkeiten des Nichts verwehen.
„Love, love, love, all we need is love. Love, love, love...“
[1] Alle hier nicht eigens kenntlich gemachten Zitate
beziehen sich auf den Artikel im Dt.Pfr.bl. 3/2010, S. 145-153: Klaus-Peter
Jörns, Warum musste Jesus sterben? Eine historische und theologische Antwort.
2 Klaus-Peter
Jörns, Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum.
2.Aufl. Gütersloh 2005, S. 181.
3 A.o.a.O.,
S.181.
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[1] Alle hier nicht eigens kenntlich gemachten Zitate beziehen sich auf den Artikel im Dt.Pfr.bl. 3/2010, S. 145-153: Klaus-Peter Jörns, Warum musste Jesus sterben? Eine historische und theologische Antwort.
[2] Klaus-Peter Jörns, Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum. 2.Aufl. Gütersloh 2005, S. 181.
[3] A.o.a.O., S.181.
[4] Siehe a.o.a.O., FN 2.