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Michael Behnke
Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken

 

 

 

Sparmaßnahmen

 

Pastor Knöterich war sichtlich verärgert. Kaum war das Amen des Schlussgebetes verweht, stand er grußlos auf, schaute weder nach links noch nach rechts, stürmte schnaubend durch den Saal zur Tür und gab bei den freundlich lächelnden Damen missmutig seine Karte ab. Schon an der Treppe geriet er außer Atem, prustete wie ein Seeelefant und der Schweiß brach bei ihm aus allen Poren. Er musste kurz stehen bleiben, um einmal tief durchzuschnaufen. Japsend hielt er sich mit der rechten Hand am Geländer fest. Wie quälend unersprießlich war doch dieser Morgen, schoss es ihm durch den Kopf. Nur schlechte Nachrichten und Missverständnisse. Er hatte es mal wieder so richtig satt!

 

Was war nur passiert, das unseren Knöterich so arg derangierte? Nun, im Grunde ging es mal wieder um das leidige Geld, das bei Kirchens immer weniger und weniger wurde. Fetzen der Rede des Vertreters der Landessynode schossen ihm durch den Kopf. „Größter Druck wurde auf der Landesynode ausgeübt … Die Sozialstationen stehen kurz vor dem Aus … Die Kindergärten können kaum mehr bewirtschaftet werden … Einschnitte bei der Pfarrbesoldung…Ötzmannpapier… Baukostenpauschale…20/80…Mehrstufenpläne und so weiter und so fort.“ Ein Gräuel, das Ganze! Schon der Kirchenrechner hatte bei der Vorstellung seines Haushaltsplanes von Einschränkungen und Sparauflagen gesprochen. Doch hatte der gute Mann – Urgestein protestantischer Kameralistik – es auf seine Weise verstanden, einigen Optimismus zu verbreiten. Er erzählte aber auch von harten Verhandlungen, bei dem, wie er sagte, „sein Deo versagt habe“ und er durchgeschwitzt nach Hause ging – allerdings mit einem guten Verhandlungsergebnis.

 

Nun gehörte Hannfried Knöterich zu den Menschen, die für die Not ihrer Mitmenschen sehr empfänglich waren. Seine sensible und mitfühlende Natur ließ ihn in solchen Situationen immer fieberhaft nach Auswegen und Hilfen suchen, um sie dann mit warmer Stimme und glänzenden Augen anzubieten. Nun ja, Knöterich litt nicht gerade an einem „Helfersyndrom“, doch hatte er schon aus beruflichen Gründen immer den festen Willen, seinem Herrn zu folgen und den Menschen Trost und Linderung zu bringen. Und so arbeitete sein Hirnkasten auf Hochtouren!

 

Wie es der Zufall wollte, saß die Umweltbeauftragte des Dekanats just neben ihm. Knöterichs Bruder – wir erinnern uns – war Biologe und ein rechter Umweltfreak an Nordsees Küste. So war Knöterich auch immer auf der Höhe der technischen Entwicklungen, die ihm sein Bruderherz stets detailliert auseinander zu setzen wusste. Im letzten Telefonat ging es – eigentlich schon ein alter Hut! – um die Umwandlung von Abwärme in elektrische Energie.

 

Dieses Verfahren fiel Knöterich nun wieder blitzartig ein und eine Idee ward geboren, die er brühwarm seiner Kollegin auftischte: Man müsste nach einer technischen Möglichkeit forschen, die es erlaubte, die riesige Masse der tagtäglich von allen Pastoren und Pastorinnen der Landeskirche erzeugten heißen Luft aufzufangen und in elektrische Energie umzuwandeln. Nach einem groben Überschlag schätzte Knöterich, dass die dadurch gewonnene Elektrizität locker ausreichen würde, die gesamten Stromkosten der Landeskirche zu decken und dazu noch ein Gutteil davon verkauft werden könnte. Ein irres Modell und ein wahnsinniges Geschäft! Wenn man dazu noch in Betracht zog, dass alle Kollegen bei der Produktion heißer Luft noch über unschätzbare Reserven verfügen dürften, könnte man bei maximaler Auslastung ein kleines Atomkraftwerk vom Netz nehmen.

 

Knöterich geriet durch seine Darlegung geradezu in einen Zustand der Verzückung. Mit strahlenden Augen, ach was, mit dem hell glänzenden Gesichte eines erleuchteten Heiligen sah er in die riesig gewordenen Glupschaugen seiner Kollegin. Ein unbeschreibliches Erstaunen meinte Knöterich in deren Antlitz entdeckt zu haben, was er erfreut als Zustimmung interpretierte. Und in der Tat, die gute Frau brachte keinen Laut über ihre Lippen. Offenen Mundes stierte sie ihn an. Es hatte ihr schier die Sprache verschlagen; und das sollte bei ihr schon etwas heißen!

 

Doch dann bemerkte Knöterich mit Entsetzen, dass auf einmal der Zeigefinger ihrer rechten Hand an ihre Schläfe fuhr, um dort mehrmals dran zu tippen. Brüsk verschränkte daraufhin die Dame ihre Arme und wandte sich demonstrativ von ihm ab. Knöterich konnte es nicht fassen. Diese undankbare Öko-Theo-Wald-und-Wiesen-Schnecke hielt ihn doch tatsächlich für verrückt! In Sekundenschnelle verfiel sein leuchtendes Antlitz in eine finstere Leidensmiene. Seine Gloriole erlosch wie eine geplatzte Glühbirne und seine Mundwinkel rutschten tief nach unten und lagen fast auf seinem Hemdkragen; derweil schauten seine Augen glasig und hoffnungslos ins Nirgendwo. Er resignierte! Wie oft schon  – so sinnierte er schmollend – hatte er seine genialen Gedanken wie Perlen vor die Säue geworfen. Kein Wunder, dass es mit Kirchens immer mehr den Bach hinunter ging!

 

Er brauchte einige Minuten, um sich einiger Maßen zu fassen. Innerlich fühlte er sich nach dem Vorfall zutiefst verletzt und deprimiert. Jedoch wurde bald darauf sein Interesse erneut geweckt. Es wurde über das Ötzmann-Papier gesprochen. Nicht wirklich verwandt mit dem legendären „Ötzi“, hatte dieser Herr Ötzmann einen Plan für die Pfarrstellenbewirtschaftung entwickelt. Demnach sollten pro 1700 und ein paar gequetschten Gemeindegliedern eine Pfarrerin oder Pfarrer eingesetzt werden. Knöterich hörte diese Zahl mit großem Unbehagen. Wie kam der gute Mann nur auf 1700? Als versierter Bibeltheologe und entschiedener Anhänger des „Sola-Scriptura-Prinzips“, wonach sich Bekenntnis und kirchliche Ordnungen streng von der Schrift abzuleiten hatten, fahndete er vergebens in seinem ratternden Gehirn nach einer Stelle, die ihm die Zahl 1700 begreiflich gemacht hätte. Da war nichts! Gab es diese Zahl überhaupt in der Bibel? Er wollte zu Hause nachschlagen. Aber er war sicher, dass diese Ziffer niemals im Zusammenhang mit der Gemeindegröße genannt wurde.

 

Doch unser Knöterich, da sind wir uns alle gewiss, war und ist nun mal ein Liebling und Erwählter des Herrn, und kurze Zeit später beschenkte ihn der Geist mit einer weiteren Erleuchtung. Knöterich fiel nämlich ein, dass in den Evangelien erzählt wird, dass Jesus bis zu 5000 Menschen auf einen Schlag bepredigen und versorgen konnte. Das stelle man sich einmal vor! 5000 Menschen auf einmal geistlich und leiblich zufrieden zu stellen. Dabei hatte dieser Mann noch nicht einmal studiert! Er hatte kein Abitur, keine kirchlichen Examina abgelegt und arbeitete mit einem eher ungebildeten Personal.

 

Zudem schaffte er alles ohne Hilfsmittel der heutigen Zeit. Weder verfügte der Heiland über ein Auto, noch hatte er eine Mikrofonanlage mit Head-Set und großem Verstärker, was ja wohl das Mindeste gewesen wäre damals in der galiläischen Einöde. Wie musste der Herr sich die Kehle aus dem Leib geschrieen haben! Auch fehlten ihm die segensreichen Hilfen des Internet und der e-Mail-Kommunikation, auch logistisch gesehen, war der Ablauf alles andere als professionell organisiert gewesen. Trotzdem hatte sein Herr und Meister das irgendwie hingekriegt. Aber, räsonierte Knöterich, wenn Jesus das Alles mit so primitiven Mittel hinbekam, dann müsste die mit  modernsten Hilfsmitteln ausgestattete und hoch gebildete Pfarrerschaft doch locker ein paar tausend Menschen mehr versorgen können.

 

Da fiel ihm plötzlich der neue Pastoralplan für seine katholischen Kollegen ein. Dieses Papier sieht vor, dass in Bälde jeder Pfarrer eine Großgemeinde mit 10.000 Gliedern betreuen solle. Wie Schuppen fiel es Knöterich von den Augen. Das ist die Lösung und dazu gut biblisch begründet. Mit den heutigen Hilfsmitteln müsste es doch ein Kleines sein, wenn ein Pfarrer oder eine Pfarrerin das Doppelte unseres Herrn zu betreuen die Ehre hätte: Zwei mal 5000! Das war es! Und wenn man erst einmal an die dadurch erzielbaren Einsparungen dachte, dann dürfte unsere Kirche für lange Zeit einen sanierten Haushalt vorlegen können.

 

Als der Vorsitzende der Synode zur Aussprache bezüglich des Ötzmann-Papieres aufrief, ging Knöterich kurz entschlossen nach vorne. Federnden Schrittes eilte er zum Podium, nahm das Mikrofon und trug mit sonorer Stimme engagiert seine Gedanken vor. Nachdem er geendet hatte, sah er erwartungsvoll und mit vorgestreckter Brust in die plötzlich ganz stumm gewordene Hörerschaft. Alle glotzten ihn an, als wäre er ein Pfingstochse im Badeanzug. Doch anstatt ihn frenetisch wie einen Messias zu beklatschen und zu bejubeln, hub auf einmal ein Buhen und Schreien an, wie er es noch nie in diesem Hohen Hause erlebt hatte. Auf einmal warf einer doch tatsächlich einen Schuh nach ihm. Es folgten Papierflieger, angebissene Bretzeln, Gesangbücher und Badeschlappen. Wo die auf einmal herkamen, erstaunte ihn in diesem Trubel dann doch am meisten.

 

Mit hoch erhobenen Armen, die er schützend vor seinen Kopf hielt, stolperte er auf seinen Platz zurück, wo man ihn dann in Ruhe ließ. Doch das Gekeife und Gemurre lag noch eine ganze Weile unheilschwanger über dem Saal. Knöterich schniefte, er hätte am liebsten lauthals losgeheult. Doch hielt ihn ein letzter Funken männlichen Stolzes zurück, die unterirdischen Wasserschleusen zu öffnen und den Saal zu fluten. Wie Noah kam er sich vor. Dieses sündige Geschlecht war nicht mehr zu retten. Hieß es doch schon in der Bibel, dass die Irregeleiteten und Verstockten die vom Herrn geschickten Propheten verfolgten und steinigten. Genauso erging es ihm heute! Und er war sich sicher: Wenn da vorne ein Kreuz gestanden hätte, hätten sie ihn genüsslich dran genagelt.

 

Bald danach ging die Bezirkssynode zu Ende. Bis dahin würdigte ihn keiner mehr eines Blickes. Selbst Hanna-Carina Lübbersdorf-Kraut… Verflixt, die Gute hieß ja gar nicht mehr so. Hatte sie doch nach langen vergeblichen Bemühungen, ihn zu freien, einen Krankenhaus-Seelsorger in dritter Ehe an den Traualtar geschleppt. Nun nannte sie sich Lübbersdorf-Möff. Die Konfirmanden in ihrer Gemeinde hatten sich aber angewöhnt, sie nur noch „die Möff-Möff“ oder „Ätsch-si“ zu rufen, was sie wegen der anglisierten Form besonders liebte. Nun ja,  Hanna-Carina, die gute Seele mit  neuer Dauerwelle und lila Strähnchen, selbst sie schaute demonstrativ weg, als er an ihr vorbeilief.

 

Auf der Treppe unten angekommen, spürte er plötzlich einen brennenden Druck auf der Blase. Die Toilette befand sich glücklicher Weise gleich neben dem Ausgang. Als er schließlich mit einem Ton der Erleichterung am Pissoir stehend die Schleusen seiner Blase öffnete und es munter ins Becken sprudelte, stellte sich ein riesiger junger Mann neben ihn an das zweite Urinal. Mit einem freundlichen Blick sah er unseren Knöterich von weit oben herab an und stellte sich vor. Er kam ganz frisch vom Seminar, hatte gerade sein Zweites Examen gemacht und wurde vor ein paar Wochen als Pfarrverweser in einer Gemeinde am anderen Ende des Dekanats eingesetzt. Es entstand ein kleines nettes Gespräch, das Hannfried etwas Trost gab in seinem großen Leid. Wenige Minuten danach verabschiedete sich der junge Kollege mit Handschlag von ihm, wozu Knöterich seine Hand fast in Augenhöhe hochheben musste, so groß gewachsen war der andere. Mit einem freundlichen aufmunternden Lächeln verschwand der liebenswürdige Lulatsch schließlich aus der Toilette, wobei er an der Tür instinktiv den Kopf einzog und leicht in die Knie ging.

 

Langsam trottete Knöterich zu seinem Fahrrad. Unterwegs überdachte er noch einmal die letzte Begegnung im Kirchenklo. Ein netter, prachtvoller junger Mann, gewiss, ohne Zweifel! Sicherlich wird er bald eine große Stütze innerhalb der Pfarrerschaft werden. Jedenfalls wünschte Knöterich ihm alles erdenklich Gute für die Zukunft. Aber irgendwie – dachte Hannfried – hat der junge Mann auch sehr viel Glück gehabt. Denn, so dachte es in ihm, in Zukunft werden wir uns solch große Pfarrer nicht mehr leisten können. Seit drei Jahrzehnten hatte seine Kirche fast 200.000 Menschen verloren, also fast ein Viertel aller Gemeindeglieder. Dieser dramatische demographische Schrumpfungsprozess sollte sich seiner festen Überzeugung nach auch in der körperlichen Verkleinerung der Pfarrkollegen ausdrücken. Ein Riese wie der junge Kollege oder eine Walküre wie die Umweltbeauftragte bildeten in keiner Weise die jetzige Kleinheit der Kirche mehr ab. Das konnte so nicht weitergehen! Im Landeskirchenrat sollte man, so seine Idee, eine Obergrenze für das Längenmaß der künftigen Pfarrerinnen und Pfarrer festlegen.

 

Erneut eröffnete sich vor seinem Geiste ein weites Feld großer Einsparmöglichkeiten. Denn nicht nur die Körperlänge, sondern auch Schuhgröße, Gewicht und IQ konnte man in Zukunft entsprechend den Erfordernissen einschränken. Eine kleine feine Kirche mit kleiner und beschränkter Pfarrerschaft! War das nicht eine zukunftsfähige Idee? Stand er hier nicht auch auf dem festen Boden der Schrift? Hatte Gott nicht den kleinen Hirtenjungen David erwählt, der den Riesen Goliath besiegte und ihn einen Kopf kürzer machte? Wurde nicht der körperlich lange König Saul von Gott verworfen? Rief sein Herr Jesus nicht einmal jubelnd aus: „Ich preise dich Vater, dass du dies vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber offenbart hast?“ (Lk 10,21) Ja, Knöterich sah in der künftigen Kleinheit der Pfarrerschaft geradezu die göttliche Kenosis sich verwirklichen (Phil 2). Gott, der sich in seiner Liebe für uns Menschen klein gemacht hat, wollte uns nahe sein! Das war das Evangelium! Darum brauchte seine Kirche in der Zukunft nichts dringender als ein Personal aus Kleinen und selig Armen im Geiste, die sich groß machten für den Herrn! Gleich übermorgen wollte er im Landeskirchenamt anrufen und seine Gedanken dazu darlegen.

 

Er erinnerte sich wehmütig, aber auch mit einem gewissen Stolz an seine letzte Kampagne, als er dafür warb, Teile des Artenschutzgesetzes in das Pfarrerdienstrecht einzuführen. Ein harter Kampf! Doch letztendlich hatte es damals auch geklappt!

 


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