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Michael Behnke |
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Sparmaßnahmen
Pastor Knöterich
war sichtlich verärgert. Kaum war das Amen des Schlussgebetes verweht, stand er
grußlos auf, schaute weder nach links noch nach rechts, stürmte schnaubend
durch den Saal zur Tür und gab bei den freundlich lächelnden Damen missmutig
seine Karte ab. Schon an der Treppe geriet er außer Atem, prustete wie ein
Seeelefant und der Schweiß brach bei ihm aus allen Poren. Er musste kurz stehen
bleiben, um einmal tief durchzuschnaufen. Japsend hielt er sich mit der rechten
Hand am Geländer fest. Wie quälend unersprießlich war doch dieser Morgen, schoss
es ihm durch den Kopf. Nur schlechte Nachrichten und Missverständnisse. Er
hatte es mal wieder so richtig satt!
Was war nur
passiert, das unseren Knöterich so arg derangierte? Nun, im Grunde ging es mal
wieder um das leidige Geld, das bei Kirchens immer weniger und weniger wurde.
Fetzen der Rede des Vertreters der Landessynode schossen ihm durch den Kopf.
„Größter Druck wurde auf der Landesynode ausgeübt … Die
Sozialstationen stehen kurz vor dem Aus … Die Kindergärten können kaum
mehr bewirtschaftet werden … Einschnitte bei der Pfarrbesoldung…Ötzmannpapier…
Baukostenpauschale…20/80…Mehrstufenpläne und so weiter und so
fort.“ Ein Gräuel, das Ganze! Schon der Kirchenrechner hatte bei der
Vorstellung seines Haushaltsplanes von Einschränkungen und Sparauflagen gesprochen.
Doch hatte der gute Mann – Urgestein protestantischer Kameralistik
– es auf seine Weise verstanden, einigen Optimismus zu verbreiten. Er
erzählte aber auch von harten Verhandlungen, bei dem, wie er sagte, „sein
Deo versagt habe“ und er durchgeschwitzt nach Hause ging –
allerdings mit einem guten Verhandlungsergebnis.
Nun gehörte
Hannfried Knöterich zu den Menschen, die für die Not ihrer Mitmenschen sehr
empfänglich waren. Seine sensible und mitfühlende Natur ließ ihn in solchen
Situationen immer fieberhaft nach Auswegen und Hilfen suchen, um sie dann mit
warmer Stimme und glänzenden Augen anzubieten. Nun ja, Knöterich litt nicht
gerade an einem „Helfersyndrom“, doch hatte er schon aus
beruflichen Gründen immer den festen Willen, seinem Herrn zu folgen und den
Menschen Trost und Linderung zu bringen. Und so arbeitete sein Hirnkasten auf
Hochtouren!
Wie es der
Zufall wollte, saß die Umweltbeauftragte des Dekanats just neben ihm.
Knöterichs Bruder – wir erinnern uns – war Biologe und ein rechter
Umweltfreak an Nordsees Küste. So war Knöterich auch immer auf der Höhe der
technischen Entwicklungen, die ihm sein Bruderherz stets detailliert
auseinander zu setzen wusste. Im letzten Telefonat ging es – eigentlich
schon ein alter Hut! – um die Umwandlung von Abwärme in elektrische
Energie.
Dieses
Verfahren fiel Knöterich nun wieder blitzartig ein und eine Idee ward geboren,
die er brühwarm seiner Kollegin auftischte: Man müsste nach einer technischen
Möglichkeit forschen, die es erlaubte, die riesige Masse der tagtäglich von
allen Pastoren und Pastorinnen der Landeskirche erzeugten heißen Luft
aufzufangen und in elektrische Energie umzuwandeln. Nach einem groben
Überschlag schätzte Knöterich, dass die dadurch gewonnene Elektrizität locker
ausreichen würde, die gesamten Stromkosten der Landeskirche zu decken und dazu
noch ein Gutteil davon verkauft werden könnte. Ein irres Modell und ein wahnsinniges
Geschäft! Wenn man dazu noch in Betracht zog, dass alle Kollegen bei der
Produktion heißer Luft noch über unschätzbare Reserven verfügen dürften, könnte
man bei maximaler Auslastung ein kleines Atomkraftwerk vom Netz nehmen.
Knöterich
geriet durch seine Darlegung geradezu in einen Zustand der Verzückung. Mit
strahlenden Augen, ach was, mit dem hell glänzenden Gesichte eines erleuchteten
Heiligen sah er in die riesig gewordenen Glupschaugen seiner Kollegin. Ein
unbeschreibliches Erstaunen meinte Knöterich in deren Antlitz entdeckt zu
haben, was er erfreut als Zustimmung interpretierte. Und in der Tat, die gute
Frau brachte keinen Laut über ihre Lippen. Offenen Mundes stierte sie ihn an. Es
hatte ihr schier die Sprache verschlagen; und das sollte bei ihr schon etwas
heißen!
Doch dann
bemerkte Knöterich mit Entsetzen, dass auf einmal der Zeigefinger ihrer rechten
Hand an ihre Schläfe fuhr, um dort mehrmals dran zu tippen. Brüsk verschränkte
daraufhin die Dame ihre Arme und wandte sich demonstrativ von ihm ab. Knöterich
konnte es nicht fassen. Diese undankbare Öko-Theo-Wald-und-Wiesen-Schnecke
hielt ihn doch tatsächlich für verrückt! In Sekundenschnelle verfiel sein
leuchtendes Antlitz in eine finstere Leidensmiene. Seine Gloriole erlosch wie
eine geplatzte Glühbirne und seine Mundwinkel rutschten tief nach unten und lagen
fast auf seinem Hemdkragen; derweil schauten seine Augen glasig und
hoffnungslos ins Nirgendwo. Er resignierte! Wie oft schon – so sinnierte er schmollend –
hatte er seine genialen Gedanken wie Perlen vor die Säue geworfen. Kein Wunder,
dass es mit Kirchens immer mehr den Bach hinunter ging!
Er brauchte
einige Minuten, um sich einiger Maßen zu fassen. Innerlich fühlte er sich nach
dem Vorfall zutiefst verletzt und deprimiert. Jedoch wurde bald darauf sein
Interesse erneut geweckt. Es wurde über das Ötzmann-Papier gesprochen. Nicht
wirklich verwandt mit dem legendären „Ötzi“, hatte dieser Herr
Ötzmann einen Plan für die Pfarrstellenbewirtschaftung entwickelt. Demnach
sollten pro 1700 und ein paar gequetschten Gemeindegliedern eine Pfarrerin oder
Pfarrer eingesetzt werden. Knöterich hörte diese Zahl mit großem Unbehagen. Wie
kam der gute Mann nur auf 1700? Als versierter Bibeltheologe und entschiedener
Anhänger des „Sola-Scriptura-Prinzips“, wonach sich Bekenntnis und
kirchliche Ordnungen streng von der Schrift abzuleiten hatten, fahndete er
vergebens in seinem ratternden Gehirn nach einer Stelle, die ihm die Zahl 1700
begreiflich gemacht hätte. Da war nichts! Gab es diese Zahl überhaupt in der
Bibel? Er wollte zu Hause nachschlagen. Aber er war sicher, dass diese Ziffer
niemals im Zusammenhang mit der Gemeindegröße genannt wurde.
Doch unser
Knöterich, da sind wir uns alle gewiss, war und ist nun mal ein Liebling und
Erwählter des Herrn, und kurze Zeit später beschenkte ihn der Geist mit einer
weiteren Erleuchtung. Knöterich fiel nämlich ein, dass in den Evangelien
erzählt wird, dass Jesus bis zu 5000 Menschen auf einen Schlag bepredigen und
versorgen konnte. Das stelle man sich einmal vor! 5000 Menschen auf einmal
geistlich und leiblich zufrieden zu stellen. Dabei hatte dieser Mann noch nicht
einmal studiert! Er hatte kein Abitur, keine kirchlichen Examina abgelegt und
arbeitete mit einem eher ungebildeten Personal.
Zudem
schaffte er alles ohne Hilfsmittel der heutigen Zeit. Weder verfügte der
Heiland über ein Auto, noch hatte er eine Mikrofonanlage mit Head-Set und
großem Verstärker, was ja wohl das Mindeste gewesen wäre damals in der
galiläischen Einöde. Wie musste der Herr sich die Kehle aus dem Leib geschrieen
haben! Auch fehlten ihm die segensreichen Hilfen des Internet und der e-Mail-Kommunikation,
auch logistisch gesehen, war der Ablauf alles andere als professionell
organisiert gewesen. Trotzdem hatte sein Herr und Meister das irgendwie hingekriegt.
Aber, räsonierte Knöterich, wenn Jesus das Alles mit so primitiven Mittel
hinbekam, dann müsste die mit modernsten
Hilfsmitteln ausgestattete und hoch gebildete Pfarrerschaft doch locker ein
paar tausend Menschen mehr versorgen können.
Da fiel ihm
plötzlich der neue Pastoralplan für seine katholischen Kollegen ein. Dieses
Papier sieht vor, dass in Bälde jeder Pfarrer eine Großgemeinde mit 10.000
Gliedern betreuen solle. Wie Schuppen fiel es Knöterich von den Augen. Das ist
die Lösung und dazu gut biblisch begründet. Mit den heutigen Hilfsmitteln müsste
es doch ein Kleines sein, wenn ein Pfarrer oder eine Pfarrerin das Doppelte
unseres Herrn zu betreuen die Ehre hätte: Zwei mal 5000! Das war es! Und wenn
man erst einmal an die dadurch erzielbaren Einsparungen dachte, dann dürfte
unsere Kirche für lange Zeit einen sanierten Haushalt vorlegen können.
Als der
Vorsitzende der Synode zur Aussprache bezüglich des Ötzmann-Papieres aufrief,
ging Knöterich kurz entschlossen nach vorne. Federnden Schrittes eilte er zum
Podium, nahm das Mikrofon und trug mit sonorer Stimme engagiert seine Gedanken
vor. Nachdem er geendet hatte, sah er erwartungsvoll und mit vorgestreckter
Brust in die plötzlich ganz stumm gewordene Hörerschaft. Alle glotzten ihn an,
als wäre er ein Pfingstochse im Badeanzug. Doch anstatt ihn frenetisch wie
einen Messias zu beklatschen und zu bejubeln, hub auf einmal ein Buhen und
Schreien an, wie er es noch nie in diesem Hohen Hause erlebt hatte. Auf einmal
warf einer doch tatsächlich einen Schuh nach ihm. Es folgten Papierflieger,
angebissene Bretzeln, Gesangbücher und Badeschlappen. Wo die auf einmal
herkamen, erstaunte ihn in diesem Trubel dann doch am meisten.
Mit hoch
erhobenen Armen, die er schützend vor seinen Kopf hielt, stolperte er auf
seinen Platz zurück, wo man ihn dann in Ruhe ließ. Doch das Gekeife und Gemurre
lag noch eine ganze Weile unheilschwanger über dem Saal. Knöterich schniefte,
er hätte am liebsten lauthals losgeheult. Doch hielt ihn ein letzter Funken
männlichen Stolzes zurück, die unterirdischen Wasserschleusen zu öffnen und den
Saal zu fluten. Wie Noah kam er sich vor. Dieses sündige Geschlecht war nicht
mehr zu retten. Hieß es doch schon in der Bibel, dass die Irregeleiteten und
Verstockten die vom Herrn geschickten Propheten verfolgten und steinigten. Genauso
erging es ihm heute! Und er war sich sicher: Wenn da vorne ein Kreuz gestanden
hätte, hätten sie ihn genüsslich dran genagelt.
Bald danach
ging die Bezirkssynode zu Ende. Bis dahin würdigte ihn keiner mehr eines Blickes.
Selbst Hanna-Carina Lübbersdorf-Kraut… Verflixt, die Gute hieß ja gar
nicht mehr so. Hatte sie doch nach langen vergeblichen Bemühungen, ihn zu
freien, einen Krankenhaus-Seelsorger in dritter Ehe an den Traualtar
geschleppt. Nun nannte sie sich Lübbersdorf-Möff. Die Konfirmanden in ihrer
Gemeinde hatten sich aber angewöhnt, sie nur noch „die Möff-Möff“
oder „Ätsch-si“ zu rufen, was sie wegen der anglisierten Form
besonders liebte. Nun ja, Hanna-Carina,
die gute Seele mit neuer Dauerwelle und
lila Strähnchen, selbst sie schaute demonstrativ weg, als er an ihr vorbeilief.
Auf der
Treppe unten angekommen, spürte er plötzlich einen brennenden Druck auf der
Blase. Die Toilette befand sich glücklicher Weise gleich neben dem Ausgang. Als
er schließlich mit einem Ton der Erleichterung am Pissoir stehend die Schleusen
seiner Blase öffnete und es munter ins Becken sprudelte, stellte sich ein
riesiger junger Mann neben ihn an das zweite Urinal. Mit einem freundlichen
Blick sah er unseren Knöterich von weit oben herab an und stellte sich vor. Er
kam ganz frisch vom Seminar, hatte gerade sein Zweites Examen gemacht und wurde
vor ein paar Wochen als Pfarrverweser in einer Gemeinde am anderen Ende des
Dekanats eingesetzt. Es entstand ein kleines nettes Gespräch, das Hannfried
etwas Trost gab in seinem großen Leid. Wenige Minuten danach verabschiedete
sich der junge Kollege mit Handschlag von ihm, wozu Knöterich seine Hand fast
in Augenhöhe hochheben musste, so groß gewachsen war der andere. Mit einem
freundlichen aufmunternden Lächeln verschwand der liebenswürdige Lulatsch
schließlich aus der Toilette, wobei er an der Tür instinktiv den Kopf einzog
und leicht in die Knie ging.
Langsam trottete
Knöterich zu seinem Fahrrad. Unterwegs überdachte er noch einmal die letzte Begegnung
im Kirchenklo. Ein netter, prachtvoller junger Mann, gewiss, ohne Zweifel!
Sicherlich wird er bald eine große Stütze innerhalb der Pfarrerschaft werden.
Jedenfalls wünschte Knöterich ihm alles erdenklich Gute für die Zukunft. Aber
irgendwie – dachte Hannfried – hat der junge Mann auch sehr viel
Glück gehabt. Denn, so dachte es in ihm, in Zukunft werden wir uns solch große
Pfarrer nicht mehr leisten können. Seit drei Jahrzehnten hatte seine Kirche
fast 200.000 Menschen verloren, also fast ein Viertel aller Gemeindeglieder.
Dieser dramatische demographische Schrumpfungsprozess sollte sich seiner festen
Überzeugung nach auch in der körperlichen Verkleinerung der Pfarrkollegen
ausdrücken. Ein Riese wie der junge Kollege oder eine Walküre wie die Umweltbeauftragte
bildeten in keiner Weise die jetzige Kleinheit der Kirche mehr ab. Das konnte
so nicht weitergehen! Im Landeskirchenrat sollte man, so seine Idee, eine
Obergrenze für das Längenmaß der künftigen Pfarrerinnen und Pfarrer festlegen.
Erneut eröffnete
sich vor seinem Geiste ein weites Feld großer Einsparmöglichkeiten. Denn nicht
nur die Körperlänge, sondern auch Schuhgröße, Gewicht und IQ konnte man in
Zukunft entsprechend den Erfordernissen einschränken. Eine kleine feine Kirche
mit kleiner und beschränkter Pfarrerschaft! War das nicht eine zukunftsfähige
Idee? Stand er hier nicht auch auf dem festen Boden der Schrift? Hatte Gott
nicht den kleinen Hirtenjungen David erwählt, der den Riesen Goliath besiegte
und ihn einen Kopf kürzer machte? Wurde nicht der körperlich lange König Saul
von Gott verworfen? Rief sein Herr Jesus nicht einmal jubelnd aus: „Ich preise dich Vater, dass du dies vor
Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber offenbart hast?“ (Lk 10,21)
Ja, Knöterich sah in der künftigen Kleinheit der Pfarrerschaft geradezu die
göttliche Kenosis sich verwirklichen (Phil 2). Gott, der sich in seiner Liebe für
uns Menschen klein gemacht hat, wollte uns nahe sein! Das war das Evangelium! Darum
brauchte seine Kirche in der Zukunft nichts dringender als ein Personal aus Kleinen
und selig Armen im Geiste, die sich groß machten für den Herrn! Gleich
übermorgen wollte er im Landeskirchenamt anrufen und seine Gedanken dazu
darlegen.
Er
erinnerte sich wehmütig, aber auch mit einem gewissen Stolz an seine letzte
Kampagne, als er dafür warb, Teile des Artenschutzgesetzes in das
Pfarrerdienstrecht einzuführen. Ein harter Kampf! Doch letztendlich hatte es
damals auch geklappt!
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