Impressum

 

Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67435 Neustadt / Wstr.- Gimmeldingen

 

 

 

Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang

 

In „Der bewachte Lebensbaum und die Heroen“ gehe ich von der Feststellung von Hartmut Gese aus, dass Gen 322+24von einem Redaktor stammen, der den Menschen ontologisch zwischen den himmlischen und den irdischen Wesen ansiedelt. Diese Zwischenstellung präzisiert der Verfasser in Gen1 durch den Herrschaftsauftrag gegenüber den Kreaturen einerseits und die Gottbildlichkeit des Menschen andererseits, wobei er den Herrschaftsauftrag durch einen Konsekutivsatz an den Kohortativ in Gen126 anschließt und in 128 im Imperativ des Segensspruchs wiederholt.

 

Mit dem vom Tiersegen in den Menschensegen umgewandelten Fruchtbarkeitssegen gerät der Redaktor von J und P in Konflikt mit dem Menschenfluch, der ursprünglich bei J im Strafspruch Gen317 zu finden war, tilgt ihn und macht ihn zum Kainsfluch in Gen410/11, indem er die Sethiten an die Stelle der Keniten setzt, auf die sich bei J der Menschenfluch bezogen hatte. Das Verbasa in Gen1,26a passt zu 2,7, während bara in Gen1,27 zu Gen5,1-3 passt, wo allerdings auch asa vorkommt, das wiederum 126 wiederholt, ebenso wiederholt Gen51-3 die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau aus 127 und den Segen aus 1,28. 5,1-2 enthält also eine vollständige Menschenschöpfung, wenn auch die einzelnen Elemente nicht aus einer Quelle stammen. So ist „Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich“ sei ein Zitat aus Enuma Eliš (Maag), das wahrscheinlich von P zitiert wurde. P greift die Wendung allerdings auf und überhöht sie durch bara (Gen127).

 

In der salomonischen Aufklärung trat der Mensch ins Zentrum. J dagegen stellt Jahwe und sein kontingentes Handeln ins Zentrum und übt Kritik am Menschenbild der salomonischen Aufklärung. An die Stelle des Geschichtsoptimismus tritt bei ihm ein Geschichtspessimismus, ja, der Mensch ist unter den Fluch Gottes gestellt, solange er nicht am Abrahamssegen teil hat. Mit Abraham beginnt die Geschichte des Volkes Israel. Durch ihn sind die Völker der Erde gesegnet. Vor der Sintflut stand die Menschheit, und sie bestand nach J aus Keniten, unter dem Fluch (Gen3,17), wenn auch (Gen3,20), (Gen4,13) abgemildert durch Bewahrung und Trost (Noah, Gen5,29).

 

Nach P beginnt die Menschheit mit den Sethiten, denn Seth wurde von Adam nach seinem Bilde gezeugt, so wie Adam von Gott zu seinem Bild geschaffen worden war. Die Erschaffung Adams zu Gottes Bild (Gen1,27) geschieht als Erschaffung als Mann und Frau. D.h. sie haben beide an der Gottebenbildlichkeit teil und geben diese an ihre Nachkommen weiter, wie z.B. an ihren ersten Sohn Seth. Von Kain weiß P nichts. Die jahwistische Brudermorderzählung wird erst vom Redaktor zwischen die Weltschöpfung nach P und den Sethiten-Stammbaum nach P eingefügt, an dessen Anfang die Menschenschöpfung stand (Gen5,1-3).

 

Dem Brudermord voraus ging die Erschaffung von Mann und Frau nach J. Sie enthielt jeweils einen Wort- und einen Tatbericht. Der jahwistische Wortbericht wird bei der Erschaffung des Mannes durch die Notiz ersetzt: Doch kein Mensch war da, der das Land bebaute. Ihr voraus geht eine Aufzählung dessen, was noch nicht war. Sie endet mit: Gott hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, aber ein Nebel stieg auf und befeuchtete alles Land.(Gen 2, 4b-6)

 

Der Anfang der J-Erzählung ist ursprünglich. Sie leitet über zum Brudermord. Nach Gen 24b-224 folgte Gen 41-16a. Gen29-18,25, 31-24 ist eine Überarbeitung des J-Stoffes. Der J-Text behandelte ein erstes Gebot, das die Menschen im Garten Eden übertreten haben, wodurch sie aus diesem vertrieben wurden. Sie werden von einer Schlange verführt, von den Früchten des verbotenen Baumes zu essen, von dem der Leser weiß, dass es der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ist, die beiden Protagonisten wissen es jedoch nicht. Was sie nach der Tat merken, ist lediglich die Tatsache, dass sie nackt sind, wie 2,25 es ausdrücklich hervorhebt , weshalb sie sich denn auch aus Scham vor Gott verstecken.

 

Sie begründen dies aber damit, dass sie sich fürchteten, weil sie nackt sind. Gott erkennt daran, dass sie von dem verbotenen Baum gegessen haben. Das Essen von der Frucht des Baumes bewirkte also die Erkenntnis der Nacktheit und in der Lesart des Redaktors der Gottesfurcht. Diese ist den Sprüchen Salomos zufolge der Anfang der Weisheit (1,7; 9,10). Die Furcht Gottes ist also die Frucht des Essens vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, nicht Scham, sondern Furcht Gottes. So ist die Bezeichnung des Baumes irreführend, denn Erkenntnis des Guten und Bösen ist eines, die Furcht Gottes ein anders, das Sein wie Gott ein drittes.

 

Der Verfasser unserer Erzählung variiert hier bewusst zwischen den Motiven der Weisheit Gottesfurcht, Erkenntnis von gut und böse und sein wie Gott, bzw. (in der Selbstaussage Gottes) sein wie eines der himmlischen Wesen. Damit erzählt er, was die Gottebenbildlichkeit des Menschen bedeutet. Die ganze Erzählung hat jetzt den Zweck, den anthropologischen Begriff aus der Menschenschöpfung nach P zu definieren und im Sinne der Weisheit zu präzisieren. Es handelt sich um vier verschiedene Deutungsmöglichkeiten:

 

1. Die Gottebenbildlichkeit bedeutet, dass der Mensch ein himmlisches Wesen ist (ontologische Deutung – Ontologie).

2. Die Gottebenbildlichkeit des Menschen bedeutet, dass der Mensch den Unterschied zwischen gut und böse weiß (moralische Deutung, Ethik).

3. Die Gottebenbildlichkeit besteht in der Gottesfurcht (Weisheit, Philosophie,Theologie).

4. Die Gottebenbildlichkeit des Menschen besteht in der Herrschaft des Menschen über die Schöpfung, des Mannes über die Frau und des Menschen über die Sünde (politische, soziologische, psychologische Deutung).

 

Die vier Deutungsmöglichkeiten des anthropologischen Grundbegriffs sind gleichzeitig vier theologische Ansätze. Dem moralischen, dem soziologischen, dem ontologischen und dem theologischen Deutungsversuch entsprechen vier Ansätze, die alle in der neueren Debatte um den Theologiebegriff eine Rolle gespielt haben. Alle vier stellen erst das Ganze der theologischen Wissenschaft dar und eben auch das Ganze der Anthropologie. Sie sind: Ontologie, Politologie, Ethik, Philosophie (Weisheit), Soziologie und Psychologie. Soziologie und Politologie ergeben sich aus dem Begriff der Herrschaft über die Schöpfung, die als Herrschaft über die Sünde und als Herrschaft über die Neigungen der Aggression und der Sexualität entfaltet wird.

 

Zusammenfassung:

 

Die sogenannte Paradieseserzählung ist von einem weisheitlichen Verfasser in den J-Faden eingefügt worden, der gleichzeitig den J-Stoff mit dem P-Stoff verbunden hat. Er setzt ein mit Gen2,9,15-17,25; 3,1-6;12-16,22-24. Er überarbeitet eine Erzählung von J, die mit dem Strafspruch Gen 317 und dem Vollzug der Strafe Gen 325 endete und fügt kunstvoll den Dialog zwischen der Frau und der Schlange und die Strafsprüche über diese beiden ein. Seine Erzählung endet mit Gen322-24. Er fügt den Lebensbaum hinzu, wo ursprünglich nur von dem Baum der Erkenntnis die Rede war.

 

Das Leitmotiv dieses Verfassers ist das Wort aus Prov17: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“. Deshalb lässt er Adam sagen: „Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“ Er trägt also in die alte Erzählung die Furcht ein, die doch ursprünglich von der Scham als Reaktion auf die Nacktheit geredet hatte. Dieses erotische Moment empfand der Verfasser als anstößig und korrigierte es im Sinne der Weisheit. Schon der erste von Gott erschaffene Mensch lebte in der Furcht Gottes. Sie ist die Frucht des Essens vom Baum der Erkenntnis.

 

Wir müssen uns den Redaktor als einen Verfasser vorstellen, der zeitgleich mit den Sprüchen Salomos ist und der alttestamentlichen Weisheit zugeordnet werden muss.

Dieser Verfasser spricht also von einem Daseinsgewinn, während J von einer Daseinsverschlechterung geredet hatte, die bis zum Fluch Gottes führte, den der Redaktor aber getilgt hat. Die Furcht Gottes ist der Anfang der Weisheit. So reklamiert der Redaktor Adam für sein Konzept der Weisheit. Er setzt die Gottesfurcht und damit die Frömmigkeit an den Anfang  der Menschheit und damit an den Anfang im Leben eines jeden Menschen, wenn dieser in den Besitz der Weisheit gelangt. Als Adam vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, wurde er weise. Er erkannte, was gut und böse ist und wurde wie eines der himmlischen Wesen, ihnen gleich. Er erlangte die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln und damit zur Gestaltung der Geschichte. Er ist zum Gegenüber des kontingenten Geschichtshandeln Gottes geworden und damit zum Ebenbild Gottes. Er ist in der narrativen Theologie des Redaktors zum dem geworden, wozu er erschaffen wurde. Die Erzählung ist damit zur Ergänzung des Schöpfungsbegriffs der P geworden.

 


index / forum palatina / rezension / forum / archiv / links / e-mail