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Helmut Aßmann |
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Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang
In „Der bewachte
Lebensbaum und die Heroen“ gehe ich von der Feststellung von Hartmut Gese
aus, dass Gen 322+24von einem Redaktor stammen, der den Menschen
ontologisch zwischen den himmlischen und den irdischen Wesen ansiedelt. Diese
Zwischenstellung präzisiert der Verfasser in Gen1 durch den Herrschaftsauftrag
gegenüber den Kreaturen einerseits und die Gottbildlichkeit des Menschen
andererseits, wobei er den Herrschaftsauftrag durch einen Konsekutivsatz an den
Kohortativ in Gen126 anschließt und in 128 im Imperativ
des Segensspruchs wiederholt.
Mit dem vom Tiersegen in den
Menschensegen umgewandelten Fruchtbarkeitssegen gerät der Redaktor von J und P
in Konflikt mit dem Menschenfluch, der ursprünglich bei J im Strafspruch Gen317
zu finden war, tilgt ihn und macht ihn zum Kainsfluch in Gen410/11,
indem er die Sethiten an die Stelle der Keniten setzt, auf die sich bei J der
Menschenfluch bezogen hatte. Das Verbasa in Gen1,26a passt zu 2,7,
während bara in Gen1,27 zu Gen5,1-3 passt, wo allerdings
auch asa vorkommt, das wiederum 126 wiederholt, ebenso wiederholt
Gen51-3 die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau aus 127
und den Segen aus 1,28. 5,1-2 enthält also eine
vollständige Menschenschöpfung, wenn auch die einzelnen Elemente nicht aus einer
Quelle stammen. So ist „Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns
gleich“ sei ein Zitat aus Enuma Eliš (Maag), das wahrscheinlich von
P zitiert wurde. P greift die Wendung allerdings auf und überhöht sie durch
bara (Gen127).
In der salomonischen
Aufklärung trat der Mensch ins Zentrum. J dagegen stellt Jahwe und sein kontingentes
Handeln ins Zentrum und übt Kritik am Menschenbild der salomonischen Aufklärung.
An die Stelle des Geschichtsoptimismus tritt bei ihm ein Geschichtspessimismus,
ja, der Mensch ist unter den Fluch Gottes gestellt, solange er nicht am
Abrahamssegen teil hat. Mit Abraham beginnt die Geschichte des Volkes Israel.
Durch ihn sind die Völker der Erde gesegnet. Vor der Sintflut stand die
Menschheit, und sie bestand nach J aus Keniten, unter dem Fluch (Gen3,17),
wenn auch (Gen3,20), (Gen4,13) abgemildert durch
Bewahrung und Trost (Noah, Gen5,29).
Nach P beginnt die
Menschheit mit den Sethiten, denn Seth wurde von Adam nach seinem Bilde
gezeugt, so wie Adam von Gott zu seinem Bild geschaffen worden war. Die
Erschaffung Adams zu Gottes Bild (Gen1,27) geschieht als Erschaffung
als Mann und Frau. D.h. sie haben beide an der Gottebenbildlichkeit teil und
geben diese an ihre Nachkommen weiter, wie z.B. an ihren ersten Sohn Seth. Von
Kain weiß P nichts. Die jahwistische Brudermorderzählung wird erst vom Redaktor
zwischen die Weltschöpfung nach P und den Sethiten-Stammbaum nach P eingefügt,
an dessen Anfang die Menschenschöpfung stand (Gen5,1-3).
Dem Brudermord voraus ging
die Erschaffung von Mann und Frau nach J. Sie enthielt jeweils einen Wort- und einen
Tatbericht. Der jahwistische Wortbericht wird bei der Erschaffung des Mannes
durch die Notiz ersetzt: Doch kein Mensch war da, der das Land bebaute. Ihr
voraus geht eine Aufzählung dessen, was noch nicht war. Sie endet mit: Gott
hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, aber ein Nebel stieg auf und
befeuchtete alles Land.(Gen 2, 4b-6)
Der Anfang der J-Erzählung
ist ursprünglich. Sie leitet über zum Brudermord. Nach Gen 24b-224
folgte Gen 41-16a. Gen29-18,25, 31-24 ist eine
Überarbeitung des J-Stoffes. Der J-Text behandelte ein erstes Gebot, das die
Menschen im Garten Eden übertreten haben, wodurch sie aus diesem vertrieben
wurden. Sie werden von einer Schlange verführt, von den Früchten des verbotenen
Baumes zu essen, von dem der Leser weiß, dass es der Baum der Erkenntnis des
Guten und Bösen ist, die beiden Protagonisten wissen es jedoch nicht. Was sie
nach der Tat merken, ist lediglich die Tatsache, dass sie nackt sind, wie 2,25
es ausdrücklich hervorhebt , weshalb sie sich denn auch aus Scham vor Gott
verstecken.
Sie begründen dies aber
damit, dass sie sich fürchteten, weil sie nackt sind. Gott erkennt daran, dass
sie von dem verbotenen Baum gegessen haben. Das Essen von der Frucht des Baumes
bewirkte also die Erkenntnis der Nacktheit und in der Lesart des Redaktors der
Gottesfurcht. Diese ist den Sprüchen Salomos zufolge der Anfang der Weisheit
(1,7; 9,10). Die Furcht Gottes ist also die Frucht des Essens vom Baum der
Erkenntnis des Guten und Bösen, nicht Scham, sondern Furcht Gottes. So ist die
Bezeichnung des Baumes irreführend, denn Erkenntnis des Guten und Bösen ist
eines, die Furcht Gottes ein anders, das Sein wie Gott ein drittes.
Der Verfasser unserer
Erzählung variiert hier bewusst zwischen den Motiven der Weisheit Gottesfurcht,
Erkenntnis von gut und böse und sein wie Gott, bzw. (in der Selbstaussage
Gottes) sein wie eines der himmlischen Wesen. Damit erzählt er, was die
Gottebenbildlichkeit des Menschen bedeutet. Die ganze Erzählung hat jetzt den
Zweck, den anthropologischen Begriff aus der Menschenschöpfung nach P zu
definieren und im Sinne der Weisheit zu präzisieren. Es handelt sich um vier
verschiedene Deutungsmöglichkeiten:
1. Die Gottebenbildlichkeit
bedeutet, dass der Mensch ein himmlisches Wesen ist (ontologische Deutung
– Ontologie).
2. Die Gottebenbildlichkeit
des Menschen bedeutet, dass der Mensch den Unterschied zwischen gut und böse
weiß (moralische Deutung, Ethik).
3. Die Gottebenbildlichkeit
besteht in der Gottesfurcht (Weisheit, Philosophie,Theologie).
4. Die Gottebenbildlichkeit
des Menschen besteht in der Herrschaft des Menschen über die Schöpfung, des
Mannes über die Frau und des Menschen über die Sünde (politische,
soziologische, psychologische Deutung).
Die vier
Deutungsmöglichkeiten des anthropologischen Grundbegriffs sind gleichzeitig
vier theologische Ansätze. Dem moralischen, dem soziologischen, dem
ontologischen und dem theologischen Deutungsversuch entsprechen vier Ansätze,
die alle in der neueren Debatte um den Theologiebegriff eine Rolle gespielt
haben. Alle vier stellen erst das Ganze der theologischen Wissenschaft dar und
eben auch das Ganze der Anthropologie. Sie sind: Ontologie, Politologie, Ethik,
Philosophie (Weisheit), Soziologie und Psychologie. Soziologie und Politologie
ergeben sich aus dem Begriff der Herrschaft über die Schöpfung, die als
Herrschaft über die Sünde und als Herrschaft über die Neigungen der Aggression
und der Sexualität entfaltet wird.
Zusammenfassung:
Die sogenannte
Paradieseserzählung ist von einem weisheitlichen Verfasser in den J-Faden
eingefügt worden, der gleichzeitig den J-Stoff mit dem P-Stoff verbunden hat.
Er setzt ein mit Gen2,9,15-17,25; 3,1-6;12-16,22-24. Er
überarbeitet eine Erzählung von J, die mit dem Strafspruch Gen 317
und dem Vollzug der Strafe Gen 325 endete und fügt kunstvoll den
Dialog zwischen der Frau und der Schlange und die Strafsprüche über diese
beiden ein. Seine Erzählung endet mit Gen322-24. Er fügt den
Lebensbaum hinzu, wo ursprünglich nur von dem Baum der Erkenntnis die Rede war.
Das Leitmotiv dieses
Verfassers ist das Wort aus Prov17: „Die Furcht des Herrn ist
der Weisheit Anfang“. Deshalb lässt er Adam sagen: „Ich hörte dich
im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“
Er trägt also in die alte Erzählung die Furcht ein, die doch ursprünglich von
der Scham als Reaktion auf die Nacktheit geredet hatte. Dieses erotische Moment
empfand der Verfasser als anstößig und korrigierte es im Sinne der Weisheit.
Schon der erste von Gott erschaffene Mensch lebte in der Furcht Gottes. Sie ist
die Frucht des Essens vom Baum der Erkenntnis.
Wir müssen uns den Redaktor
als einen Verfasser vorstellen, der zeitgleich mit den Sprüchen Salomos ist und
der alttestamentlichen Weisheit zugeordnet werden muss.
Dieser Verfasser spricht
also von einem Daseinsgewinn, während J von einer Daseinsverschlechterung
geredet hatte, die bis zum Fluch Gottes führte, den der Redaktor aber getilgt
hat. Die Furcht Gottes ist der Anfang der Weisheit. So reklamiert der Redaktor Adam
für sein Konzept der Weisheit. Er setzt die Gottesfurcht und damit die
Frömmigkeit an den Anfang der Menschheit
und damit an den Anfang im Leben eines jeden Menschen, wenn dieser in den
Besitz der Weisheit gelangt. Als Adam vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte,
wurde er weise. Er erkannte, was gut und böse ist und wurde wie eines der
himmlischen Wesen, ihnen gleich. Er erlangte die Fähigkeit zu verantwortlichem
Handeln und damit zur Gestaltung der Geschichte. Er ist zum Gegenüber des
kontingenten Geschichtshandeln Gottes geworden und damit zum Ebenbild Gottes. Er
ist in der narrativen Theologie des Redaktors zum dem geworden, wozu er
erschaffen wurde. Die Erzählung ist damit zur Ergänzung des Schöpfungsbegriffs
der P geworden.
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