Ragini Wahl
Im Malerwinkel 3, 72622 Nürtingen |
Debatte
Dialog mit wem? – Ein „Dritter
Weg“ ist nötig
Seit etwa
20 Jahren erlebe ich innerkirchliche Plädoyers für einen „Dialog mit
Muslimen“, der davon ausgeht, im Gespräch bauten sich Vorurteile,
Unwissen und Ängste ab. Ich habe jedoch keineswegs den Eindruck, dass wir
heute – mit Ausnahmen – in unseren Kirchengemeinden wirklich
weiter sind. Meine
Erfahrung ist, dass sich „Dialog“ dort in unseren Gemeinden am
glaubwürdigsten entwickelt, wo das leitende Gremium einer Kirchengemeinde
(Pfarrer und KGR) sich bewusst für ein gemeindenahes Miteinander mit
Flüchtlingen und Migranten in ihrem Seelsorgebezirk
entscheiden. Begegnungsmöglichkeiten gibt es in der Regel über die Schulen, Kindergärten
oder einfach auch über die Nachbarschaftsarbeit etc. Bei dieser Form des
„Dialogs“ steht in der Regel auch der Mensch aus dem Lande X
– und nicht die Religion im Vordergrund. Dass
diese Gewichtung vom Staat zunehmend „zu Muslimen“ im Vergleich
„zu den Anderen“ verschoben wird, halte ich für eine falsche und
verhängnisvolle Weichenstellung. Gerade aus der Flüchtlingsarbeit sind mir
endlose Beispiele und Menschen aus solchen Ländern bekannt und begegnet, in
denen die Betonung auf „Religion und damit häufig auch die Zuordnung zu
einer Ethnie“, den Staat erodieren lassen,
zweierlei Maß schaffen, ein „wir gegen die“. – Die Folgen
waren allzu oft Bürgerkriege bzw. Kriege. Ich bin deshalb auch beunruhigt,
dass unsere Landeskirche dieser staatlichen Vorgabe weitgehend unkritisch
folgt. Im
„Christlich-Islamischen Dialog“ wird allzu häufig das Gegenüber
über seine Religion wahrgenommen und definiert, was meines Erachtens nicht
förderlich ist. Ich komme nun selbst mit meiner zweiten Identität aus einem
Land (Indien), in dem Religion eine ungleich wichtigere Rolle als bei uns
einnimmt, und habe erlebt, wie dort unterschiedliche Religionen fast
konfliktfrei miteinander in einer Stadt oder einem Bundesland leben können
– sofern keine einzelne Religionsgemeinschaft einen Absolutheitsanspruch
erhebt. Dass
dieses fast friedliche Miteinander immer wieder unterbrochen wird, weil eine
der Religionsgemeinschaften exklusiven Anspruch in ihren Rechten einklagt,
ist Ihnen sicher geläufig, so auch, dass derzeit Christen in Indien besonders
unter den Hindu-Nationalisten zu leiden haben. Diese Erfahrungen haben mein
Denken entsprechend beeinflusst und geprägt. Zurück
zum „Dialog mit Muslimen“ in unseren Gemeinden. Ich meine
bewusst, dass wir einen kritischen Dialog mit ihnen brauchen. Zuviel ist
hierzu in den letzten 20 Jahren nicht erfolgt aus Sorge, die
„Falschen“ zu motivieren oder nicht tolerant genug zu sein, oder
einfach auch, weil Theologen die Mühe scheuten, sich intensiv mit der
theologischen Entwicklung islamischer Strömungen auseinanderzusetzen. Ein
Zeichen dafür ist, dass wir noch immer viel zu wenige Theologen haben, die
islamwissenschaftliche Zusatzausbildungen haben, oder Pfarrer die
interkulturell geschult sind, wenn sie nach der Z.A.-Zeit
erstmals volle Verantwortung für eine Kirchengemeinde übernehmen. Im
ländlichen Raum mögen diese defizitären Voraussetzungen noch nicht so zum
Tragen kommen, doch auch dort ist es nur noch eine Frage von wenigen Jahren,
dass die Folgen hieraus sichtbar werden. In den städtischen Ballungsgebieten
geht es heute nicht mehr ohne diese Zusatzqualifikationen im Pfarramt –
oder die Gemeinde hinkt weiterhin dem gesellschaftlichen Prozess nach bzw.
lebt neben einer interkulturellen Wirklichkeit in unseren Städten
„fremd“ nebenher. Aufgrund
dieser fehlenden Zusatzausbildung ist der „christlich-islamische
Dialog“ häufig lediglich von dem Geist gespeist, ein besseres
Miteinander auf diesem Wege zu fördern – doch diese kirchlichen
Verantwortlichen haben keine Antwort auf das „WIE für den Alltag“
und gehen einer Präzisierung, „mit WEM sie Dialog“ führen wollen,
aus dem Weg. In aller Regel sitzen jedoch an unseren
„Dialogtischen“ Muslime, die keinen wertfreien, rein
theologischen Islam nach Lehrbuch vertreten. Sie vertreten jenen Islam, dem
sie sich über ihre Moscheevereine verpflichtet fühlen: Milli
Görus, DITIB, MB, VIKZ, Salafisten
etc. Doch
gerade diese Differenzierung zu benennen ist den Kirchengemeinden von ihren
verantwortlichen Theologen in aller Regel nicht vermittelt worden.
Schulungsangebote in den Gemeinden, die meines Erachtens ein wichtiger
Schritt wären, die Kirchengemeinde zu diesen Fragen mündig zu machen, bleiben
in der Regel aus. Daher sind KGR und kirchliche MitarbeiterInnen
vielfach hilflos und flüchten sich dann bestenfalls in Allgemeinheiten, wie
die oben erwähnten. Ich meine hier hätte längst – und spätestens nach
dem 11.09.01 – ein selbstkritischer innerkirchlicher Prozess beginnen
müssen, wie offizielle Begegnungen mit Muslimen auf eine neue Grundlage
gestellt werden könnten. Stattdessen
wurden jene in unserer Landeskirche aufgebaut, die genau die islamischen
Strömungen vertreten (s.o.), die mit unserer
protestantischen Theologie und Ethik fast nichts gemein haben. Die Gemeinden
vor Ort wurden angehalten, diese Präferenzen für gut zu befinden und nicht zu
hinterfragen. So wurden Riad Ghalaini, Murad Hofmann, Bekir Alboga, Fethullah Gülen etc. zu
Kronzeugen eines „dialogfreundlichen Partners“. Zugleich nahmen
die Kirchen gerne die erbetene Rolle des Staates an, das „gute
Miteinander vor Ort mit den Moscheegemeinden zu suchen“. Doch wo
stehen wir mit dieser unreflektierten Sicht heute? All die oben genannten
islamischen Organisationen drängen heute – spätestens seit Mitte der
90er Jahren – immer mehr in die Tagespolitik, bestimmen die Sozial- und
Schulpolitik in ihrem Sinne mit, zunehmend auch die Justiz etc. Mitnichten
haben sie ein nur religiöses Interesse! Wieso
fragen evangelische Theologen in unserer Landeskirche so wenig nach dem
Kerngehalt „des Islam“ bzw. hinterfragen seine Vordenker? Diese
waren Hassan Al Banna, Sayyid
Qutb, heutige Akteure wie Tariq
Ramadan, Al Maududi, Al Zayat
etc. – alles Protagonisten, die die parlamentarische Demokratie mit
ihrem demokratischen Regelwerk oder mit Gewalt überwinden wollen – um
schließlich ihre Staatsform einzuführen, die auf der Rechtsnorm der Scharia basiert, in der Minderheiten (Christen wie Juden)
bestenfalls noch einen geduldeten Status haben. Auf Grund
meiner Herkunftsbiografie beschäftige ich mich mit dem Nährboden dieser
Staatsform seit langem. Vielleicht verstehen Sie jetzt ein wenig mehr, wieso
ich für einen kritischen Dialog plädiere, der sich nicht an den ängstlichen
Grenzen von „zu evangelikal, intolerant, islamophob,
islamkritisch “ festmacht und sich auch nicht daran festmachen lassen
möchte. Wir hätten
innerkirchlich die Wahl und die Chance eines „Dritten Wegen“
zwischen den unreflektierten Extremen „gegen“ oder
„für“. Das hieße für mich, jene ernst zu nehmen, die uns durchaus
seit Jahren darauf hinweisen, dass ein unreflektierter Dialog Islamisten hoffähig macht. Diese kommen meistens nicht
aus unseren kirchlichen Reihen. Doch sie könnten uns viel darüber sagen, wie
einerseits ein Miteinander mit den „Fremden“ (ob Flüchtlinge oder
Migranten) ohne religiösen Überbau pragmatischer
gelingen könnte und zugleich uns viele Einblicke darüber geben, wieso es
fahrlässig ist, sich auf „Dialogpartner“ einzulassen, die sich
ihren religiös-politischen Verbandsorganisationen verpflichtet fühlen. In
jüngerer Zeit sind dieses z.B. Migrantinnen wie Elham Manea, Lamya Kaddur, Seyran Ates, Serap Cileli, Neclak Kelek etc. In der
von mir mitverantworteten Öffentlichkeitsarbeit zum Themenkreis
„Integration/Islam/Muslime“ in Nürtingen versuche ich so seit
Jahren Möglichkeiten zu schaffen, dass sich die Gemeindebasis mehr schulen
kann und öffentlich ein Diskurs um alternative Ansätze für einen ehrlichen
und fairen Dialog mit Muslimen geführt wird. Jüngst
verwies der Verfassungsrechtler Michael Bertram (NRW) bei einer
landeskirchlichen Veranstaltung in Münster darauf, dass Teile der heutigen
Islamauslegung (tradiert aus den Überzeugungen der Muslimbrüder) mit dem
Grundgesetz nicht kompatibel seien – und es Zeit sei, dass wir uns als
Kirche wieder auf die Thesen der Barmer Erklärung
von 1934 besinnen. Ich frage mich, wieso ich dieses Plädoyer von jemanden außerhalb
unserer Kirche höre – und nicht aus den eigenen Reihen! Ein
„Dritter Weg“ innerhalb unserer Kirche erscheint mir auf jeden
Fall möglich und nötig – vorausgesetzt, der
„Christlich-Islamische Dialog“, wie er derzeit von unserer
Landeskirche „offiziell“ vorgegeben wird, erfährt Selbstkritik um
unserer gemeinsamen Zukunft willen, die wir nicht in Religionen und religiöse
Gruppierungen aufteilen können und dürfen. Unsere Verfassung ist Basis und
zugleich Verpflichtung genug, um dieses Miteinander, auch unterschiedlicher
Religionen, gedeihlich zu gestalten. Ragini Wahl ist Beauftragte für Asyl im Kirchenbezirk Nürtingen in der
Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Der Beitrag wurde zur
Veröffentlichung vorgeschlagen von Dr. Klaus Beckmann, Bodelschwinghstraße
2, 66424 Homburg. |
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