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Barbara Kohlstruck Utestraße 13, 67069 Ludwigshafen |
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Calvin und die
Liebe* Calvin und die
Liebe – was für ein Thema? – Natürlich ließe sich über ganz
anderes reden: z.B. könnte der Genfer
Reformator noch einmal gewürdigt werden - als entscheidender
Motor der Reformation, - als Wegbereiter
der Demokratie oder - als
geistiger Vater eines Widerstandsrechtes von Christinnen und Christen. Oder man könnte
ihn ein weiteres Mal von so manchem Missverständnis befreien: In Sachen Prädestinationslehre,
die weniger der Willkür Gottes das Wort reden, sondern verfolgten Gläubigen
Halt und Trost geben will. Nicht zuletzt könnte man Calvin auch nochmals von
dem Vorwurf freisprechen, der geistige Vater des Kapitalismus zu sein. Auch seine
Schwächen könnte man erneut deutlich machen, so vor allem sein Verhalten im
Fall Michel Servet, dessen Hinrichtung er
betrieben, zumindest aber nicht verhindert hat. Und schließlich
ließe sich gegen Ende des Calvinjahres seine Gegenwarts- und
Zukunftsbedeutung herausarbeiten und betonen, welche entscheidenden Weichen er
gestellt hat für die Freiheit der Christenheit heute. All das wurde in diesem
Jahr schon vielfältig getan, darum geht es heute Abend aber nicht. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit
auf einen Aspekt lenken, der gewöhnlich wenig Beachtung findet, der
vielleicht geradezu abwegig erscheinen könnte: Calvin und die Liebe –
und ein bisschen weiter gefasst: Calvin und die Frauen. „Was kann
man dabei schon finden?“, werden sich manche fragen. Bei diesem
asketischen und nicht besonders lebensfroh wirkenden Menschen? Geht es jetzt
um Enthüllungen und Sensatiönchen? Der völlig
unbekannte Calvin, am Ende gar ein Doppelleben mit Bordellbesuchen und
heimlichen Liebschaften? Keineswegs, ganz einfach weil es da wohl wirklich
nichts zu finden und zu enthüllen gibt. Warum also
Calvin und die Liebe? Ganz einfach,
weil es wohl kaum einen Menschen gibt, der davon unberührt bleibt, der nicht
wenigstens eine Sehnsucht nach Liebe hätte, nach Annahme und Geborgenheit.
Das muss sich nicht alles in innigen Liebesbeziehungen abspielen, das können
auch Beziehungen auf Abstand sein, wo dennoch Verstehen und Empathie eine
große Bedeutung haben. Solche Beziehungen gab es auch im Leben von Johannes
Calvin, auch wenn darüber wenig berichtet wird. Ich verspreche mir von einem
solchen Blick auf den Reformator Calvin ein vollständigeres,
differenzierteres und auch nahbareres Bild eines Menschen, der oft so schroff
und distanziert wirkt und dargestellt wird. Schauen wir uns also
die verschiedenen Frauen in seinem Leben an und richten wir unseren Blick auf
das, was Calvin für diese empfand, was er über sie sagte und schrieb. Aber
auch was er zur Stellung der Frauen im Gegenüber zu Männern äußerte, wie er
ihre Rolle in der Gemeinde sah, wie er über Frauen dachte, will ich in
Ansätzen beleuchten. Die Mutter Beginnen wir
ganz am Anfang. Die erste Frau im Leben Calvins war – wie bei den
meisten Menschen – seine Mutter – Jeanne le Franc, Tochter eines
wohlhabenden, aus Flandern stammenden Gastwirtes. Es ist wenig über sie bekannt.
Sie ist es aber, von der er die katholische Frömmigkeit lernt oder mit der er
eine Pilgerfahrt in ein nahes Zisterzienserkloster unternimmt. Die ersten
Jahre seines Lebens waren wohl relativ unbeschwert, doch als Johannes Calvin
fünf Jahre alt ist, stirbt seine Mutter und lässt ihn mit seinen drei Brüdern
bei dem Vater zurück. Die Beziehung zum Vater ist nicht besonders innig.
Dieser galt als herrschsüchtig und stets unzufrieden, was in der Folgezeit auch
immer wieder zu Konflikten mit dem Sohn führte. Was bedeutete
dieser frühe Tod der Mutter für das Kind? Hat seine ernste, schweigsame und
zurückhaltende Art hier vielleicht auch einen Grund? Renee von Ferrara Von
Liebesbeziehungen zu Frauen in Jugendjahren ist nichts bekannt. Calvin war offenbar
zu sehr beschäftigt. Zunächst soll er Priester werden, studiert dann aber auf
Betreiben des Vaters Jura. Nach dem Tod des Vaters wendet er sich dem
Humanismus zu und verfasst einen
Kommentar über die Schrift „De clementia“
(„Über die Milde“) des römischen Philosophen Seneca. Mit diesem
Kommentar wird er als einer der führenden Humanisten Frankreichs bekannt. Die
Gedanken der Stoiker und die Vorstellung, mit Vernunft ließen sich die
Gefühle beherrschen, scheinen ihm zu entsprechen. Aber auch die
neuen reformatorischen Gedanken faszinierten ihn, er vertiefte sich in diese
Gedankenwelt und kam zu einer immer kritischeren Haltung der katholischen
Kirche gegenüber. Den Zwang des Zölibates kritisierte er vehement und sah
darin eine Verkehrung der biblischen Botschaft. Seine Kritik an der
katholischen Kirche trug er auch öffentlich vor, in pointierter Weise in der
Vorrede der ersten Ausgabe seiner „Institutio“,
die er im Laufe seines Lebens immer wieder überarbeitete. Mit seinen
kritischen Äußerungen konnte Calvin sich nicht mehr in Paris, wo er
studierte, halten. Er floh nach Italien und fand wie manch andere Aufnahme
bei einer Frau: Renee von Frankreich und spätere
Herzogin von Ferrara. Sie war sehr angetan von den Lehren des christlichen
Humanismus, sympathisierte mit den Gedanken Calvins und machte sich stark für
eine Toleranz in Glaubensfragen. Ihr Mann – Herzog Ercole
II. d’Este – teilte ihre Auffassungen
nicht und entfernte immer wieder sog. Ketzer, die mit den reformatorischen Gedanken
sympathisierten, aus ihrem Umfeld. Mit dieser Frau –
Renee von Ferrara – unterhielt Calvin Zeit
seines Lebens brieflichen Kontakt. Er fühlte sich ihr in besonderer Weise
verbunden, wollte – wie er selbst schrieb – ihr dienlich sein.
„Madame, ich bitte Sie demütig
darum, mit Wohlwollen aufzunehmen, dass ich die Kühnheit hatte Ihnen zu
schreiben, und zu erwägen, dass ich dieses nicht aus Verwegenheit tat,
sondern aus reiner und wahrer Zuneigung Ihnen im Herrn dienlich zu
sein.“ (1541) Der Herzogin dienen, das bedeutet für Calvin zweierlei:
zum einen sie in den reformatorischen Gedanken zu unterrichten, zum anderen ihr
aber auch geistlich beizustehen, auch als sie von ihrem eigenen Mann der
Häresie bezichtigt und verklagt wird und unter Druck den reformatorischen
Gedanken abschwört. Die Briefe an Renee von Ferrara – den letzten schrieb er wenige
Wochen vor seinem Tod – sprechen eine eigene Sprache, nicht die
Schroffheit des theologischen Arguments kommt hier zum Ausdruck, sondern Gefühle
wie Zuneigung, Verständnis, Bewunderung und Wertschätzung. Hier begegnet uns eine
„zärtliche Sanftheit“, wie es Isabelle Graessle,
Direktorin des Genfer Reformationsmuseum, nennt, eine Sanftheit, die wir dem
Calvin, wie wir ihn gewöhnlich kennen, vielleicht gar nicht zugetraut hätten. Auf dem Weg zur Ehe Der Aufenthalt
Calvins 1536 in Ferrara war nur von kurzer Dauer. Calvin muss schon nach
wenigen Wochen Ferrara wieder verlassen, nachdem bei einem Eklat im
Karfreitagsgottesdienst offenbar wurde, dass sich eine ganze Reihe
Sympathisanten der Evangelischen am Hof befanden. Doch er bleibt in brieflichem
Kontakt mit ihr. Calvin kehrt in
Begleitung seines Freundes Louis de Tillet Ferrara
den Rücken und kommt im Mai 1536 nach Basel. Kurz darauf fährt er in seine
Heimatstadt Noyon nördlich von Paris, um einige Familienangelegenheiten zu klären. Die Rückreise nach Basel
gestaltet sich aber anders als geplant. Er bleibt gewissermaßen in Genf
hängen, was zu einem längeren Aufenthalt und einer entscheidenden Station in
seinem Leben wird. Knapp zwei Jahre bleibt Calvin in Genf und beteiligt sich
an der Reformation der Stadt. Doch auch hier
verschärft sich die Situation und Calvin muss Genf wieder verlassen. Auf
Drängen Martin Bucers kommt er nach Straßburg. Die Zeit
dort war wohl mit die glücklichste Zeit in Calvins Leben, die Arbeit in der
französischen Flüchtlingsgemeinde machte ihm Freude, er fühlte sich anerkannt
und gebraucht, auch wenn er stets überlastet und in Geldnöten war. Seine Freunde
sprechen ihn immer wieder darauf an, dass ihm eine Ehe, eine Familie gut
täte, dass sich das auch für einen Evangelischen gehöre, doch Calvin hat
dafür wenig übrig. „Wenn ich auch
feindlich zum Zölibat stehe, so habe ich doch noch nie eine Frau genommen,
und ich weiß auch nicht, ob ich jemals heiraten werde. Wenn ich es tue, dann
zu dem Zweck, um meine Zeit mehr dem Herrn widmen zu können und weniger durch
alltägliche Beschäftigungen in
Anspruch genommen zu werden.“ Eine Frau, die ihm den Haushalt macht
und den Rücken frei hält für die eigentlich wichtige Arbeit – das
scheint es zu sein, was sich Calvin unter Ehe vorstellt. Dennoch gab es
einige Berührungen mit der Liebe. Einmal hat es ihn zu einer jungen Frau
gezogen, deren Namen wir allerdings nicht kennen. Doch sie sprach kein Französisch
und war auch nicht bereit es zu lernen. Daraufhin verlor sich sein Interesse an
ihr wieder. Ein anderes Mal warb er um eine Frau, die jedoch ihn nicht
wollte. Schließlich gab
es sogar eine Verlobung, die aber nach kürzester Zeit wieder aufgehoben
wurde, weil Calvin Dinge über seine Braut erfuhr, die ihm nicht akzeptabel
erschienen. Immer wieder schreibt er in seinen Briefen von diesen missglückten
Versuchen: „Von meinen Heiratsplänen will ich nun
offener reden. Ich weiß nicht, ob dir schon jemand vor Michels Abreise die
Person erwähnte, von der ich schrieb. Aber jedenfalls weißt du, was ich an
ihr suche. Denn ich gehöre nicht zu der verrückten Art von Liebhabern, die
auch die Fehler (ihrer Geliebten) preisen, wenn sie einmal von der Schönheit
hingerissen sind. Das ist die einzige Schönheit, die mich anlockt, wenn sie
züchtig ist, gehorsam, nicht hochmütig, sparsam, geduldig, wenn ich auch
hoffen darf, dass sie zu meiner Gesundheit Sorge trägt…“ (An Farel, 1539). Wieder begegnen
wir einem sehr nüchternen Calvin, der wohl nichts mehr scheut, als dass ihn
die Liebe kopflos machen könnte. „Ich
fürchte, wenn du mit deinem Kommen bis zu meiner Heirat warten willst, so
kommst du zu spät. Ich habe noch keine Frau gefunden und weiß nicht, ob ich
überhaupt noch weiter suchen soll“ (An Farel,
Juni 1540). Offenbar hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, mit einer
Heirat eine Erleichterung des Alltags zu finden einerseits und andererseits seinen
sehr präzisen Vorstellungen von einer Ehefrau, will Calvin die Liebe nicht
glücken. Mit diesen festgelegten Vorstellungen, die einer Frau wenig Raum
lassen, sich für ihn zu begeistern, steht er sich im Wege. Letztlich ist ihm
seine Arbeit das Wichtigste. Idelette de Bure Umso
erstaunlicher, dass sich das Blatt dennoch wendete: Schon längere Zeit hatte
er in Straßburg Kontakt zu einer Familie, die der Täuferbewegung angehörte
und deshalb aus Belgien fliehen musste. Jean Stodeur
und Idelette de Bure. Calvin konnte sie dazu
bewegen, sich von den Täufern zu trennen. Doch dann stirbt Jean Stodeur 1540 an der Pest und lässt seine Frau Idelette mit den beiden Kindern zurück. Martin Bucer meint, dass Idelette gut
zu Calvin passen würde und bringt die beiden zusammen. Es ging alles
sehr schnell, denn noch im August desselben Jahres heiraten die beiden und
werden von Calvins Freund Farel getraut. Viel ist
aus dem Eheleben der beiden nicht zu erfahren. Bekannt ist, dass Idelette immer wieder Gäste beherbergt hatte und auch mit
Frauen anderer Reformatoren in brieflichem Kontakt stand. Auch wenn die
Heirat mit Idelette de Bure zunächst sicherlich
keine Liebesheirat war, sondern eher eine Vernunftehe, so erwuchs daraus
dennoch eine tiefe und innige Beziehung mit einer hohen Wertschätzung.
„Wäre mir etwas Schlimmes
widerfahren, sie hätte nicht nur willig Verbannung und Armut mit mir geteilt,
sondern auch den Tod. Solange sie lebte war sie mir eine treue Helferin in
meinem Amt. Von ihr ist mir nie auch nur das Geringste Hindernis in den Weg
gelegt worden“, sagt er nach ihrem Tod. Seit 1541 lebt
Calvin wieder in Genf, kurz danach kam auch seine Frau mit den beiden Kindern
aus erster Ehe nach. Knapp zwei Jahre nach der Hochzeit bringt Idelette ein Kind zu Welt. Doch der Junge – sein
Name ist Jaques – stirbt nur wenige Tage nach der Geburt. Für Idelette wie für Calvin ist dies ein schwerer Schlag
„Der Herr hat uns ja mit dem Tod
unseres Söhnleins einen schweren, herben Schlag gegeben; aber er ist der
Vater; er weiß, was seinen Kindern gut tut.“ Calvin gibt seinem
Schmerz und seiner Trauer wohl Ausdruck und relativiert sie dennoch zugleich,
indem er das Geschehen in einen größeren Rahmen setzt und darin irgendeinen
Sinn zu erkennen hofft. Idelette
jedoch erholt sich weder physisch noch psychisch vom Tod ihres Kindes. Fast
sieben Jahre ist sie geplagt von Schmerzen, Blutungen und Fieber. Auf dem
Sterbebett bittet sie Calvin, sich um ihre beiden großen Kinder zu kümmern,
was er ihr verspricht, ohne zu ahnen, welche Probleme sich zwischen ihm und
der Stieftochter Judith noch auftun werden. Calvin begleitet seine Frau bis
zur letzten Minute. Am 29. März 1549 stirbt sie in seinem Beisein. Auch
dieser Tod trifft Calvin hart. „Du
kennst die Empfindlichkeit oder besser Weichheit meines Herzens…hätte
ich mir nicht gewaltsam Mäßigung auferlegt, ich stünde nicht mehr aufrecht
bis jetzt“, schreibt er eine Woche später einem Freund. „Genommen ist mir die beste Lebensgefährtin.“ Der frühe Tod seiner
Frau nahm Calvin ungeheuer mit. Gewiss – zu Zeiten Calvins war es nicht
so ungewöhnlich, dass Menschen früh starben, aber das heißt nicht, dass es
für die Zurückbleibenden leicht war, damit fertig zu werden. Und der Tod Idelettes war ja nicht der einzige Verlust: Der frühe Tod
der Mutter und damit sicherlich der Verlust von Wärme und Nähe, der frühe Tod
des gemeinsamen Kindes und aller sich damit verbindenden Hoffnungen und
schließlich der Tod von Idelette – das
hinterließ seine Spuren, machten seine Seele hart und unerreichbar für die
Leichtigkeit der Liebe. Und so stürzt er
sich wieder in seine Arbeit, seine Aufgaben, die ihn so ganz und gar
beanspruchten, aber auch erfüllten. „Ich fresse meinen Schmerz in mich hinein, so dass ich in keiner Weise
meine Arbeit unterbreche. Obwohl der Tod meiner Frau für mich furchtbar war,
bemühe ich mich so viel wie möglich meinen Kummer zu dämpfen.“ Die
Arbeit hilft, sagen Menschen auch heute. Sie gibt Halt und Struktur in
Krisenzeiten, bewahrt davor zu versinken, aber sie lässt der Trauer vielleicht
zu wenig Raum. Nach Idelettes Tod gibt es keine Hinweise, dass Calvin
nochmals eine Beziehung zu einer Frau eingehen wollte oder eingegangen ist. Er
blieb Idelette, die dann doch wohl mehr für ihn
bedeutete als nur eine Haushälterin und Krankenschwester, in seinem Schmerz,
in seiner Einsamkeit, auch in seinem Arbeitseifer verbunden und ließ nie eine
anderen an ihre Stelle treten. Doch das Thema Frauen ist nicht abgeschlossen. Seine Schwägerin und seine Stieftochter In den
Folgejahren erfahren wir immer wieder auch von Auseinandersetzungen mit
Frauen und um die Stellung der Frauen in der Gemeinde. Konflikte gab es
mit zwei Frauen aus seiner Familie. Zum einen mit Anne le Ferts,
der Frau seines Bruders Antoine, der mit ihm nach Genf gegangen war. Gerüchte
behaupten, dass sie Ehebruch begangen habe. Calvin will deshalb, dass der
Fall vor dem Konsistorium verhandelt wird und bittet darum, dass sie nicht
anders behandelt wird als andere. Die Sache eskaliert soweit, dass Anne le Ferts gefangen gesetzt, gefoltert und schließlich aus Genf
verbannt, geschieden und gezwungen wird, ihre Kinder zu verlassen. Dass selbst in
seiner engsten Verwandtschaft die hohen moralischen Maßstäbe nicht
eingehalten werden, dürfte Calvin sehr zugesetzt haben. Aber seine konsequente
Haltung verbot es ihm, hier eine Ausnahme zuzulassen. Noch härter
dürfte ihn die Sache mit seiner Stieftochter Judith getroffen haben. Hatte er
doch seiner Frau versprochen, sich um sie zu kümmern. Auch sie wird wegen
Ehebruch verurteilt und geschieden. Auch in diesem Fall gingen Recht und
Gebot vor Liebe oder Gnade. Marie Dentier Eine scharfe Auseinandersetzung
führte Calvin mit Marie Dentier, eine ehemalige
Äbtissin, die in zweiter Ehe mit dem Reformator Antoine Froment
verheiratet war und seit 1535 in Genf öffentlich in Erscheinung trat. In der
Auseinandersetzung mit Calvin ging es vordergründig um eine Kleiderfrage.
Marie Dentiere übte Kritik an den langen Roben der
Reformatoren und warf Calvin vor – bei aller Sympathie für seine
Reformen –, er verbiete die freie Rede und übe Tyrannei aus. Marie Dentier ging es darüber hinaus aber um noch mehr, um
grundlegende Fragen der Geschlechtergerechtigkeit. So fragt sie in
ihrer Schrift „Verteidigung der Frauen“: „Gibt es ein Evangelium für die Männer und
eines für die Frauen?“ In dieser Abhandlung arbeitet sie heraus, über
wie viele mutige Frauen in der Bibel berichtet wird und verwahrt sich gegen
alle, die Frauen verbieten wollen, sich auch schriftlich über die Bibel
auszutauschen. „Denen (die
das verbieten wollen; Anm. B.K.) kann
man in aller Ruhe antworten, dass alle diejenigen Frauen, die geschrieben
haben und die in der heiligen Schrift bewandert sind, nicht als waghalsig
gelten; vor allem weil mehrere in den Heiligen Schriften lobend erwähnt
werden, sowohl für ihre Tugenden, ihre Haltung, ihre Gesten, ihr Beispiel,
als auch für ihren Glauben und ihre Lehren.“ Gut
reformatorisch zieht sie die Bibel als Beleg heran, dass Frauen sich
einmischen dürfen, als Subjekte der Theologie anzusehen sind und nicht
diffamiert oder in Schranken verwiesen werden dürfen. Solche Ansichten
waren es wohl vor allem, die Calvin und den anderen Reformatoren in Genf
zuwider liefen. So viel Gleichberechtigung war offenbar zu viel. Frauen als
Expertinnen in Sachen Bibelauslegung – auf derselben Stufe wie Männer?
Das war selbst für Calvin nicht vorstellbar, obwohl er in Ausnahmesituationen
Frauen durchaus zugestand auch zu predigen. Aber eben nur in Notsituationen.
Und so sah sich Marie Dentier denselben
Diffamierungen ausgesetzt, wie sie Frauen auch heute noch erfahren. Sie wurde
zur Furie stilisiert, unter der andere – insbesondre Männer – zu
leiden haben. In diesem Sinne hatte sich Farel –
der Freund Calvins – abfällig über sie geäußert: „Unser Froment
(also der Ehemann von Marie Dantier; Anm. B.K.) ist der Erste der im Gefolge seiner Frau zu Spreu geworden
ist.“ An diesen
Auseinadersetzungen wird deutlich, wie sehr Calvin ebenso wie die anderen
Reformatoren ein Sohn seiner Zeit geblieben war. Theologisch war
es für ihn klar, dass Männer und Frauen vor Gott gleich sind, doch davon unterscheidet
er sehr deutlich die Stellung der Frau im weltlichen Bereich. Dass dies in Spannung
zueinandersteht, ist ihm wohl bewusst, und er ist bemüht, diese aufzulösen.
In der Auslegung der Stelle aus 1. Kor 11,3
– „Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann
aber ist des Weibes Haupt…“ – schreibt er: „(…) schwieriger ist die Frage, warum zwischen Christus
und das Weib noch der Mann eingeschoben wird, so dass das Weib gar nicht
Christum unmittelbar als Haupt zu haben scheint. Lehrt doch derselbe Apostel
an einer anderen Stelle (Gal 3,28), dass in Christo
der Unterschied zwischen Mann und Weib seine Bedeutung verloren (habe). Warum
richtet er hier einen Unterschied auf, den er dort leugnet? Ich antworte: jede Stelle muss man aus ihrem
Zusammenhang verstehen. Handelt es sich um Christi geistliches Reich, so
schwindet jeder Unterschied zwischen Mann und Weib; hier gilt kein Ansehen
der Person; denn dieses ewige Reich Christi ist ganz und gar geistlich und
hat mit der irdischen Ordnung nichts zu schaffen…Dennoch liegt dem
Apostel nichts ferner, als die bürgerlich Ordnung umstoßen oder die in diesem
Leben unentbehrliche Abstufungen der sozialen Stellung aufheben zu wollen
(…).“ Die irdische
Ordnung contra das ewige Reich Christi! Schade, dass Calvin an dieser Stelle
seine theologische Erkenntnis aus der Bibel nicht umgesetzt hat in Vorgaben
für das Zusammenleben in der Gemeinde – wie er es an anderer Stelle so
folgenreich getan hat. Erstaunlich ist
jedoch, wie genau er die Bibel liest und all die vielen Stellen bewusst
wahrnimmt, die von Frauen in hervorgehobenen Rollen sprechen: die Richterin
Deborah, die ersten Zeuginnen der Auferstehung, die Apostelin
Junia, die Diakonin Phöbe – alle nimmt er sie
wahr. Und doch finden sich auch hierbei immer wieder einschränkende
Bemerkungen, die die genannten Frauen instrumentalisieren, ihre Bedeutung schmälern
und sie in die zweite Reihe verweisen: „Wenn deshalb Frauen, durch Gottes Geist dazu erweckt, einmal die
Stelle eines Propheten und Lehrers innegehabt haben, konnte er das tun, der
frei ist von allem Gesetz. Aber weil das eben etwas Besonderes ist, stößt er
die ständige gewöhnliche Ordnung nicht um.“ Oder „Man könnte es auf den ersten Blick seltsam
finden, dass unser Herr Jesus den Frauen und nicht den Jüngern erschien, wenn
er seine Auferstehung als gewiss bezeugen wollte. Dabei haben wir aber zu bedenken,
dass er die Demut unseres Glaubens prüfen wollte. Denn wir sollen uns nicht
auf menschliche Weise gründen, sondern ganz gehorsam annehmen, was von ihm
kommt. Andererseits hat er auch ohne Zweifel die Jünger strafen wollen, wenn
er ihnen Frauen zur Belehrung sandte…“ Auferstehungszeugnis
aus Frauenmund – eine Strafe für die Männer! Welche gedanklichen
Verrenkungen muss hier einer vollziehen, um das biblische Zeugnis mit den
eigenen Wertvorstellungen und den gesellschaftlichen Realitäten zusammenzubringen! Nichtsdestoweniger
gibt es eine Reihe von Äußerungen, in denen Calvin den Mut, die
Entschiedenheit und das Bekenntnis von Frauen lobt und als dem der Männer gleichwertig
anerkennt. In einem Brief an die wegen ihres Glaubens inhaftierten Frauen in
Paris schreibt er voller Hochachtung: „Wenn Gott die Frauen damals (in bibl.
Zeiten; Anm. B.K.) so zu Ehren gezogen
und ausgerüstet hat mit Kraft: glaubt Ihr, er habe jetzt weniger Macht oder
er habe seinen Willen geändert? Wie viel Frauen haben ihr Blut und Leben
nicht geschont zur Verteidigung des Namens Jesu Christi und zur Verkündigung
seines Reiches… Ist ihr Glaube nicht der Sieg gewesen, der die Welt
überwunden hat, so gut wie der der männlichen Märtyrer… haben wir es
nicht auch heute vor Augen, wie Gott täglich wirkt durch das Zeugnis von
Frauen und seine Feinde bestürzt macht, so dass es keine wirksamere Predigt
gibt als die Festigkeit und Beharrlichkeit, die sie gezeigt haben im
Bekenntnis des Namens Christ?“ (1557) Sein Denken und
Reden über Frauen ist eingespannt zwischen dem biblischen Zeugnis, das ja selbst
auch nicht widerspruchsfrei ist, der gesellschaftlichen Ordnung seiner Zeit,
die von einer deutlichen Unterordnung der Frauen gekennzeichnet ist, und den
Erfahrungen mit realen Frauen seiner Zeit, die er sowohl als Weggenossinnen
als auch als Kritikerinnen erlebt. Dieses Reden und Denken über Frauen ist
– wie wir sahen – reich an Spannungen und Widersprüchen. Vielleicht lässt
sich darin aber nicht nur ein Ärgernis sehen, sondern auch Anzeichen für
einen geistigen Aufbruch. Wo das Denken nicht mehr geschlossen ist, wo sich
Widersprüche zeigen, wächst die Chance für produktive Veränderung. Ich will
Calvin nicht zum Vorreiter des Feminismus machen, aber Anknüpfungspunkte für den
Gedanken der Geschlechtergerechtigkeit finde ich bei ihm durchaus. Manche
sehen sogar im Gedanken der Kirchenzucht einen Beitrag zur Frauenbefreiung.
So war z.B. das Verbot von Trinkgelagen, die oft in gewalttätigen Auseinandersetzungen
endeten, auch ein gewisser Schutz für die Frauen, die sonst oft Opfer
männlicher Gewalt wurden. Auch waren
Männer und Frauen gleichermaßen berechtigt bei Ehebruch eine Ehescheidung
einzureichen, auch wenn die Folgen für die Frauen sicher weitaus mehr
Nachteile mit sich brachten als für die Männer. In seiner Eheordnung
schreibt Calvin 1546: „Das Recht
sich scheiden zu lassen, steht beiden Seiten in gleicher Weise und
wechselseitig zu, denn beide Seiten haben die wechselseitige Verpflichtung
zur Treue. Obwohl in anderen
Angelegenheiten der Mann eine höhere Stellung (als die Frau) hat, ist die
Frau in Angelegenheiten des Ehebettes gleichberechtigt. Denn er ist nicht der
Herr seines Leibes; und daher ist seine Frau frei, wenn er die Ehe auflöst,
indem er Ehebruch begeht.“ Ich komme zum Schluss: Calvin und die
Liebe – Ich habe in der Beschäftigung mit Calvin zunehmend ein Stück
Zuneigung und Mitgefühl für ihn empfunden, ihn gewissermaßen lieben gelernt.
Ich habe entdeckt, dass sich unter aller Schroffheit auch eine Zartheit zeigt
– oder doch besser gesagt: verbirgt –, eine Zartheit, die meine
Sympathie findet. Ich entdeckte eine Treue zu den geliebten Menschen, die trägt
und sich durchhält – über lange Zeit, über große Distanzen und sogar
über den Tod hinaus. Ich spürte ein Stück Mitleid mit einem Menschen, den die
Härten des Lebens getroffen haben und der sich viel abverlangen musste, daran
nicht zu zerbrechen. Und in den Auseinandersetzungen um die Stellung und die
Rollen der Frauen in der Gemeinde und der Welt nehme ich bei ihm eine
Pluralität von Sichtweisen wahr, die mein Bild des Reformators aus Genf differenzierter
werden ließ. Auch dafür hat er meine Sympathie. So kann ich mich
zu einem guten Teil einer Äußerung von Klaas Huizing
anschließen, der sagt: „Der Calvin der Ketzerverbrennung ist durch
nichts zu entschuldigen. Und doch macht eine milde Grundtönung den nach außen
oft kalt und schroff wirkenden Calvin immer wieder sympathisch“ –
den Calvin, der selbst darum gebetet hat: „Gib, dass wir unseren Geist nicht in Bosheit verhärten, sondern uns
biegsam und gelehrig erweisen.“
„(…) dass durch
deinen Geist unsere Herzen erweicht
und unsere Härten gebessert werden.“ * Vortrag am
Reformationstag in der Stiftskirche, Kaiserslautern 2009 |
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