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Dr. Richard
Ziegert Nansteinstraße 5, 67065 Ludwigshafen |
Zwischen Kirche und Charismatismus
Ursprung
und religiöser Charakter des „Marburger Kreises“[i] Die
wenigsten Kirchenmitglieder haben den Namen „Marburger Kreis“
(MK) überhaupt schon einmal gehört. Und wenn, dann verwechseln die meisten
den MK mit den pietistischen „Marburgern“, die zur Arbeit der
„Marburger Mission“ des Diakonissen-Mutterhauses in Marburg/Hessen
gehören, einem selbständigen Zweig des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes.
Der MK ist etwas anderes. Der MK, anders (vor allem in der Schweiz) auch unter
dem Namen „Die Oxforder“ oder (ab 1938 ) als „Moralische
Aufrüstung“ bekannt und nicht selten und darin nicht wenig zutreffend als
„die Heilsarmee der oberen Zehntausend“[ii]
karikiert, ist in Deutschland mit heute immer noch über 4.000 Mitgliedern in
rd. 500 Gruppen ein bedeutsamer Teil der sogenannten
„Gruppenbewegung“, die jenseits kirchlicher Strukturen „als
überkonfessionelle Arbeitsgruppe“[iii]
Menschen zu einer intensiven, d.h. missionarisch wirksamen christlichen Lebensform
und Lebensführung bringen will. Der MK
ist z.B. auch im Gebiet der kleinen Pfälzischen Landeskirche mit neun Gruppen
vertreten, die hier „Mannschaften“ heißen: In Kaiserslautern drei
Gruppen, in Homburg, Hassloch, Ludwigshafen, Albersweiler (=Landau),
Frankenthal und Neustadt jeweils eine. Die größeren Städte sind damit
praktisch erfasst, der ländliche Raum nicht. Über Jahrzehnte haben diese
Gruppen auch das kirchliche Leben am Ort zum Teil durchaus spürbar indirekt mit
beeinflusst: In Neustadt-Hambach an der Weinstrasse z.B. hatte 1960ff Pfarrer
Paul Kreiselmaier mit den Mitgliedern des Neustadter MK eine weit
ausstrahlende Gottesdienst-Arbeit Gestalt gewinnen lassen, die viele junge
Menschen anzog, gleichwohl eine durch seinen hier hochengagierten Vikar
Arnold Bittlinger bald projektierte förmliche Niederlassung des MK mit Büro
innerhalb der Gemeinde dann doch entschieden ausgebremst. Bittlinger
hat später dann als Leiter des Volksmissionarischen Amtes der Pfälzischen
Landeskirche 1963 nicht nur jene denkwürdige Tagung in Enkenbach zuwege
gebracht, die nach allgemeiner Anerkennung als die Geburtsstunde der
charismatischen „Geistlichen Gemeinde-Erneuerung“ gelten darf: Bittlinger
hat ab 1968 über Jahre hinweg auch im MK die Richtung in entscheidender Weise
mit verändert, worüber noch zu sprechen ist. Auch einige pfälzische Pfarrer
sind oder waren Mitglieder des MK, darunter neben Bittlinger noch ein
weiterer früherer Leiter des „Volksmissionarischen Amtes“ der
Landeskirche. I. Die doppelte
Gratwanderung
Sich mit
dem MK zu beschäftigen heißt ein religiöses Feld besichtigen, das als Teil
der „Gruppenbewegung“ oder des „Oxfordismus“ konstant
kirchenkritisch arbeitet und zugleich voller religiöser Hochspannung ist
– und dementsprechend aber auch voller Gefahren. Die Auseinandersetzung
mit dieser Art von neuchristlicher Religionsarbeit ist aus jeder Perspektive
nicht einfach: Sie steht aber vor der Notwendigkeit mindestens dies anzuerkennen,
dass hier Menschen eine Methode oder ein Prinzip akzeptiert haben, das ihrem
als unvollkommen gefühlten Leben im Persönlichen einen völlig neuen Sinn
gibt. Ihre damit auch zum Ausdruck gebrachte Radikalität stellt dann
selbstverständlich die institutionelle Trägheit bzw. das mit ihrem Engagement
kontrastierende scheinbare Nicht-Funktionieren der Volkskirche infrage. Die
„Oxfordisten“ glauben so kritisch sein zu dürfen, weil sie nach
ihrer Meinung wirklich religiös ergriffen sind. Die Probleme beginnen dann aber
damit, dass man über ihre „religiöse Begeisterung“ oder „Ergriffenheit“
auch nachdenken und sprechen können muss. Doch die „Oxfordisten“ können
oder wollen nicht mit denen über ihre Art christlicher Begeisterung sprechen,
die eben nicht wie sie „ergriffen“ sind. Auch der MK behauptet für
sich, eine „sachgerechte Auseinandersetzung mit dem christlichen
Glauben“[iv] zu führen oder führen
zu wollen. Aber was die Sache bzw. der Gegenstand der Auseinandersetzung ist
oder sein soll, sollen andere nicht beurteilen dürfen. Sagen wir
es so: Der MK lässt wie der gesamte „Oxfordismus“ eine Kritik seines
Vorverständnisses nicht zu. Als Mittel und Methode der
„Auseinandersetzung“ bietet der MK strukturell außer einer vagen
„Selbstkontrolle“ und dem für seine Mitglieder alles
entscheidenden Abheben auf eine exzeptionell positiv erlebte „Erfahrung“
keinerlei theologisch substantielle Erklärungen und rationale Argumente.
Seine „religiöse Erneuerungsarbeit“ erhebt, wie wir sehen müssen,
zwar einen unerhört hohen Anspruch auf eine volle Kompetenz christlicher
Seelenführung einschließlich des „Rechtes“ auf begleitete,
besser: kontrollierte persönliche Beichtpraxis, sie arbeitet dabei aber ohne
jede Rechtfertigungskontrolle. Niemand
kann aber von „sachgerechter christlicher Auseinandersetzung“
sprechen, wenn es nicht die Möglichkeit gibt, auch das Elitäre eines
religiös-christlichen Selbstanspruchs wie vor allem auch eines radikal-religiösen
Urteils über die Kirche mit theologischen und vernünftigen Kriterien zu
prüfen. Der MK bietet dazu aber weder institutionell, in seiner
Organisationsstruktur, noch im religiösen Programm irgendeine kritische
Instanz oder entsprechende geistige Instrumente. Er entzieht sich vielmehr
wie ein Chamäleon der in der reformatorischen Tradition „mit Worten der
Heiligen Schrift oder evidenten Vernunftgründen“ selbstverständlich zu
führenden offenen Diskussion. Diese
Diskussion zu verlangen ist dabei kein taktisches Ausweichen vor der
Kirchenkritik des MK, die als das kirchliche Haupt-Dilemma den Mangel an
Sichtbarkeit des Glaubens, genauer: den „Mangel an Heiligem
Geist“ beklagt und von der Kirche deshalb die Hinführung zu einem bewussten
Glauben – bei allen Mitgliedern verlangt, was a priori nicht
möglich ist. Das Glaubensverständnis und die Theologie der Kirche ersetzt eine
rigide Moralpraxis und Gruppenideologie, bei der aber vom christlichen
Offenbarungsglauben bei näherem Zusehen nur wenig mehr als eine christlich-religiöse
Fassade vorhanden ist. Rigide urteilte deshalb Karl Barth schon 1936: Das
„Christentum“ des Oxfordismus ist „auf der ganzen Linie in
Humanität und Moral umgedeutet“[v]. Karl
Barths diesbezügliches Urteil geht aber ebenso rigide von dem Grundsatz aus: die
Kirche arbeitet „geistlich“, der Oxfordist
„ungeistlich“; der Oxfordismus betreibe „die
Säkularisierung des Christentums und der Kirche selber“[vi].
Barths Vorwurf trifft in dieser Hinsicht deshalb auch nicht wirklich zu: Auch
die „geistliche“ Vermittlungsarbeit der Kirche kann nicht wie die
Oxfordisten den „heiligen Geist pur“ beanspruchen, sondern ist in
vielen Bereichen ihrer religiösen Vermittlungsarbeit ebenfalls schon unausweichlich
„teil-säkularisiert“, weil auf säkulare Kompetenz und Kooperation
angewiesen. Was hier
tatsächlich auch im kirchlichen Wirken „geistlich“ ist und damit als
religiös tabuisiert gelten kann, berührt bei näherem Zusehen nur einen sehr
schmalen Sektor religiöser „Interna“, der auch im kirchlichen
Anspruch einer als „geistlich“ zu schützenden Kompetenz nicht
wirklich völlig losgelöst betrachtet werden kann von den kirchlichen „Externa“,
den „Verwaltungsangelegenheiten“, und eben auch nicht von den Säkulares
ungeschützt miteinbeziehenden „Res mixtae“: Kirchensteuer,
Religionsunterricht, Militärseelsorge usw., wie es beispielhaft für die
Landeskirchen der von der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei am Bußtag
1938 vorgelegte und oft zu wenig bekannte, von Heinz Brunotte in „Bekenntnis
und Kirchenverfassung“ von 1977 dokumentierte, hochinteressant differenzierte
Katalog kirchlicher Eigenständigkeiten noch heute mustergültig illustriert: Der kirchliche
Bezug zum Religiösen kennt und benötigt Abstufungen und viele „geistliche
Grautöne“, die Karl Barths, wie unten noch deutlich wird, in der Struktur
des religiösen Anspruchs dem Oxfordismus nicht unähnliche Anspruchslage
freilich ignoriert. Es gibt immer auch im Kernbereich des „Geistlichen“
viele Dinge, deren Bezug zum „Religiösen“ nicht völlig eindeutig ist
oder bleiben kann und über die nicht pauschal geurteilt, sondern im Detail gesprochen
werden kann und muss. Die
Auseinandersetzung mit dem MK bzw. der Gruppenbewegung oder dem Oxfordismus
kann deshalb nicht pauschal erfolgen. Ein Aufblättern der Problemlage und eine
Diskussion der Details beginnt deshalb mit einem einfach menschlichen Hauptkritikpunkt:
Was wir hier in der zu solcherart missionsaktivistischer Hochspannung gehörenden
Lebensform der MK-Leute als eine grundsätzliche Gefahr sehen, ist die
zusammen mit der religiösen Ich-Aufladung mitgelieferte exzeptionelle Versuchung
der Überschreitung der Persongrenzen, also eine Möglichkeit menschlicher Abhängigkeit
und Ausbeutung, die durch eine praktisch völlig kritikfrei gestellte Autorisierung
ihres Tuns massiv gefördert wird. Ein aggressives,
religiös tabuisiertes ideologisches Bewusstsein, eine elitäre
Gruppenmentalität und am sichersten eben eine mit missionarischen
Erfolgsvisionen aufgeheizte Religiosität – und der MK charakterisiert
sich selbst interessanterweise ja genau als ein religiöser
„Durchlauferhitzer“ – liefert regelmäßig ideale menschliche
Manipulations- und Steuerungsmöglichkeiten, die durch religiöse Suggestion,
Begeisterungsdidaktik, unvermeidlich subtilen Gruppendruck und in der
persönlichen „Beichte“ ganz besonders durch den Kenntnisgewinn
der echten Ruinpunkte eines Menschen nicht selten schnell und tiefgreifend
und dann immer mit kaum rückholbaren seelischen Folgen für die Betroffenen
auch stattfinden. Denn wie
bei jeder religiösen Elitisierung der Gläubigen bzw. Adepten dieser Gruppenwelt
ist die Verführung zu einer autoritaristischen Selbstüberschätzung für alle
sich als im Namen des Glaubens und der Wahrheit auserwählt Einfindenden eine
große Gefahr. Sie ist vor allem hochgefährlich für die, die darin
„Leiter“ sind oder Leiter werden wollen und darin auch von der
Gruppe, in der sie wirken, meist unbemerkt ihre ganz persönlichen Pathologien
heilen oder einfach nur im religiösen Gewand abgeschirmt exzessiv bedienen
lassen können. Die Jahrhunderte
alte kirchliche Erfahrung gerade aus dem Bereich der Kommunitäten lädt hier
zu größter Vorsicht ein, weil gerade sie auch das Wissen bewahrt haben: Es
gibt wie im normalen Leben auch in allen christlichen Kontexten unter hundert
mindestens vier oder gerade hier im Feld extremer Frömmigkeitsbemühungen erwartungsgemäß
sogar noch mehr als vier sehr „missionsstarke“ Persönlichkeiten,
die zwar unerhört überzeugend auftreten können, aber sie tun dies mit dem
verborgenen Handikap eines seelischen Schadens; sie sind tief beschädigte
Personen oder klassisch gesagt: Sie sind Menschen ohne Gewissen. Sie haben
es in ihrer frühen Sozialisation verloren oder aus genetischen Gründen nie
gehabt: Sie haben kein Gefühl für den Anderen, können dieses Fehlen aber sozial
überspielen. Ihr „religiöser“ Habitus besteht, wie ein geschulter
Blick stets bald erkennt, aus einer lediglich äußerlichen, perfekt stilisierten
Religionsmoral, die von ihnen vorzüglich in fundamentalistischen Kontexten einfach
nur ebenso rigide wie machtorientiert angewandt werden muss, um Erfolg zu
haben. Die „fromme Herzen“ in die abgeschirmte Geschlossenheit
ihrer Mannschaften sammelnde elitär-religiöse Methode des MK riskiert schon deshalb
sehr viel, weil ihr das institutionell-professionelle Filtersystem fehlt, das
jedenfalls in den Kirchen die meisten der menschlichen Spezies am Wirken
hindert, die, je intelligenter um so besser getarnt, auch im religiösen Feld nur
auf ihrem persönlichen Beutezug sind. Diese
können, für sich selbst religiös völlig unüberzeugt, ungerührt auch eine
religiöse Maske tragen – weil sie bei allem, was sie tun, ja immer eine
Maske tragen und sich ihrer Gruppen-Umgebung und deren Glaubens-Ideologie stets
fast vollkommen anpassen können. Sie spielen ihr Macht-Spiel – ohne
dass Dritte es am Anfang jedenfalls erkennen können – und sie spielen
es immer solange, bis auf diese Weise von außen nicht mehr ignorierbarer Schaden
angerichtet ist. II. Die Verweigerung der
kirchlichen Anschlussrationalität
Der MK wäre
niemals richtig erfasst, wenn wir ihn als eine quasi
„pietistische“ Gemeinschaftsbewegung im kirchlichen Feld
begreifen würden, was aus Verlegenheit genauer Kenntnis im kirchlichen Feld zuweilen
geschieht. Die mit Pietismus und Aufklärung im Protestantismus angewachsene Kultur
liberaler Kritik und die Forderung nach frommer Pluralität ist hier nicht zu
finden. Was hier als Eigenart des MK wie des Oxfordismus insgesamt ebenso zu
finden ist, ist das Angebot einer „Alternative zum Gottesdienst“[vii],
was meint: zum üblicherweise „erfolglosen“ Gottesdienst der
Kirchen: „Alle Gelehrsamkeit, Trübsinnigkeit und Ausführlichkeit wurde
verbannt. Es gab
keine analysierenden Vorträge, keine grundsätzliche Reflexion oder kritische
Auseinandersetzung. Stattdessen lag das Hauptgewicht auf Zeugnissen von
Leuten aus allen Gesellschaftsschichten. Diese öffentlichen
Sündenbekenntnisse wurden immer mit dem Bericht von einer plötzlichen Wende
fortgesetzt, um mit dem neuen Leben die Aktualität und Tragfähigkeit der vier
‚Standards’ bezeugen zu können“[viii],
die Heiligkeit und Erfolg miteinander verbinden. Der grundlegende Charakter
dieser Bewegung war und ist, „dass sie nie kirchlich-apologetisch war“
und ebenso typisch für sie, dass sie darin „ihre nicht-theologische,
synkretistische, politisch-relevante Sprache selber zugab“[ix].
Was hier
für die Anfänge dieser Bewegung festgestellt wird, gilt heute in den
Grundzügen noch immer: Der MK hat sich mit dem Anspruch aufgestellt, die
kirchlich traditionelle „Zweiteilung“[x]
oder in der heutigen religionssoziologischen Perspektive: die Dreiteilung des
kirchlichen Christentums in unterschiedliche religiöse Anspruchsebenen und
Frömmigkeitstemperaturen (erstens rechnerische Kirchenmitglieder, zweitens aktive
oder besser: interaktive Kirchenmitglieder und drittens „Ordinierte“)
aufzuheben und in einer neu durchorganisierten Führungskultur christlicher Veränderungs-Begeisterung
endlich zu überwinden. Der MK
verlangt von allen unterschiedslos die selbe persönliche Entscheidung, die
eine spürbare Lebensveränderung in Gang bringt und er liefert dafür auch ganz
bestimmte verbindliche Zielhorizonte missionarischen Engagements.
Ähnliche Versuche haben in der Geschichte des Christentums freilich schon
viele andere Orden und Gemeinschaften unternommen – und sind allesamt
daran gescheitert. Auch der Weg des MK ist deshalb so neu nicht. Seine
inhaltlichen Richtungsnahmen und menschlichen Gebote wiederholen im
halbsäkularen Gewand bis in Details z.B. alte franziskanische Projekte,
nehmen aber nun auch vor allem in der Beicht- und Seelsorgepraxis des MK unübersehbare
Anleihen bei der modernen US-Therapeutik-Industrie und dem damit verbundenen,
auf Lebenserfolg getrimmten Populärchristentum, dessen mediale Botschaften
unisono auf „moralische Transformation“ ausgerichtet sind:
gläubiger, besser, glücklicher, engagierter, aktiver, disziplinierter muss
man werden wollen, um es dann sein zu können. Auch die
vom MK verlangte „Entscheidung“ für eine totale Lebenshingabe
„ohne Preisermäßigung“ zielt zentral auf das Willenszentrum des
Menschen und gründet das vollständig erneuerte Glaubensleben des MK-Mitglieds
auf einen „Willensakt“, dessen Begleit-Propaganda behauptet:
„Die Glaubens-Entscheidung ist der Beginn eines vollständig neuen
Lebens“. Damit meint der MK die entscheidende soziale Bedeutsamkeit
eines selbstindizierten religiös-moralischen Wollens, das für den Einzelnen
auch ganz genau den „Plan Gottes für das eigene Leben“ entrollt,
der dann wohlgemerkt nur mit der Hilfe der Gruppe begriffen, als
Lebensprojekt angenommen und im eigenen Leben dann plangetreu
„nachgebaut“ werden kann. Der Glaube folgt dem, was hier schon Billy
Graham sagte: „Glaube funktioniert so“ – bzw. dieser Glaube
funktioniert nur so. Was hier strategisch organisiert wird, ist der
neuzeitliche Wille zum Erfolg, der an den Erfolg auch wirklich glaubt, auch
an den „Frömmigkeitserfolg“. Das religiöse
Angebot des MK erweist sich damit als eine moderne, gruppentechnisch methodisierbare,
also praktisch „industriell anwendbare“ Form eines auf Effizienz ausgerichteten
Moral-Christentums made in USA, das ganz auf den persönlichen Willen und die
technisch-rationale Bearbeitung der eigenen Seele setzt und das religiöse
Heil voll und ganz in weltlicher Form als „effizientes Leben“
auch sichtbar machen will. Sehr
erhellend ist hier auch der Titel einer Veröffentlichung dieser Bewegung von
1957: „America needs an Ideology“[xi].
Nicht zuletzt aus dieser Interessen- und Verwandtschaftslage wurde 1947/1948
die Oxford-Gruppenbewegung in Deutschland „sehr oft von den
Besatzungsbehörden tatkräftig unterstützt“[xii].
Auch wenn sich so noch in den 1950er Jahren einige EKD-Kirchenführer wie
Heinrich Held, Heinrich Rendtorff und Theophil Wurm zum „Oxfordismus“
nachhaltig positiv äußerten oder wie Hans Stroh in Württemberg dafür
regelrecht zum Super-Propagandisten wurden: Die
genaue kirchliche Wahrnehmung ließ die Propaganda der Gruppenbewegung weitgehend
ins Leere laufen. Die theologische Bildung hat hier in unseren (europäischen)
Verhältnissen sofort dagegenhalten müssen: Das gemeinsame
(alt)christliche Verständnis des Menschen relativiert in allen Hinsichten die
Behauptung einer vollkommenen menschlichen Handlungs-Freiheit in den
Willensentscheidungen immer und überall auch sich selbst gegenüber. Der
kirchliche Konsens hat schon immer die Annahme einer „freien
Willensentscheidung“ als souveräner, heroischer Auslöser auch einer Glaubenswende
verworfen. Stattdessen wird von der gesamten christlichen Theologie die
Willensfreiheit des Menschen aus der Sicht des Glaubens in zutreffender Weise
definiert als unbewusster oder vorbewusster Handlungsimpuls des Menschen.
Diese andere, traditional „kirchliche“ Sichtweise entdeckt, wie
schon Luther im Anschluss an Augustin noch einmal unüberbietbar klar vorgezeichnet
hat, alle Rede von „Willensfreiheit“ und „freier
Glaubensentscheidung“, d.h. hier auch die diesbezügliche „oxfordistische“
Ideologie des MK als modernes vulgärreligiöses Konstrukt, mit dem der
Mensch sich selbst religiös betrügen kann. Auch der
Ertrag christlicher Theologie aus den monastisch-kommunitären Zusammenhängen kann
sehr gut erklären, wie eine gewollte religiöse „Erfahrung“
blitzschnell zum Instrument der Selbstbehauptung umfunktioniert werden kann. Schon
immer hat die christliche Theologie gesehen, dass sich die Behauptung einer
bewusst erfahrenen Glaubensgewissheit und einer darauf gründenden
persönlichen Geisterfüllung niemals abstrakt ereignen kann, sondern stets
im voraus mit der (passiven) Erfahrung einer Handlung verknüpft ist. Dies
will sagen: Alle religiösen Begeisterungsapostel wie die Oxfordisten, auch alle
Pfingstler und Charismatiker erliegen prinzipiell einer großen Selbsttäuschung,
wenn sie den räumlichen und zeitlichen, den geschichtlichen und sozialen Zusammenhang
des Glaubens, oder einfacher: wenn sie den vororganisierenden Kontext ihres religiös-propagandistischen
Wirkens ausblenden. So
täuscht die Rede von der „Glaubens-Entscheidung“ regelmäßig eine Unabhängigkeit
vor, die nicht wirklich existiert. Denn sie behauptet eine Vereinigung des
Entschiedenen mit dem Objekt seiner Entscheidung, die sich bei jedem genauen
Hinsehen als Konstrukt psychischer Selbstkonditionierung erweist. Wäre diese
Glaubensentscheidung eine reine „Selbst-Entscheidung“, dann
bräuchte sie gar kein religiöses Objekt mehr, sondern muss nur an sich selbst
glauben. Die von
vielen kirchlichen Stimmen von Anfang an gegen solches Instant-Life-Changing-Christentum
erhobenen Einwände, die solches „neue Selbst des Glaubenden“ bei
den Oxfordisten kritisch reflektieren, machen stets dasselbe deutlich: Jede
sprachliche Äußerung einer Glaubenserfahrung des Menschen lässt immer nur einen
schon vorhandenen Glauben an die Erfahrung auch wirklich zu einer
eigenen subjektiv-persönlichen Erfahrung werden. Die „Mitteilung“
einer Glaubenserfahrung ist damit alles andere als ein ausschließlich
persönlicher Willensakt oder eine „durch persönliche Erfahrungsberichte
belegte Darstellung der Botschaft“[xiii],
die die Bekräftigung einer Lebenswende oder Glaubens-Einstellung wirklich „authentisch“
bzw. „überzeugend“ testieren könnte: Alle so
behauptete Erfahrung, auch die der „vollen Heiligung“, der
„Erfüllung durch den Hl. Geist“ usw. ist stets (nur) das
Aufscheinen eines oft sehr komplexen Handlungsvorgangs, der Sachverhalte
schafft, die stets schon in Zusammenhang mit anderen Sachverhalten stehen.
Anders gesagt: Eine „Glaubensentscheidung“ ist die nicht näher
reflektierte Übernahme eines Verhaltensmusters, einer Erinnerung oder einer
durch Umstände aktivierten Gefühlslage, die ganz wesentlich mit einem in
bestimmter Weise durch äußere Umstände festgelegten Denken und Sprechen über
die Dinge des Glaubens zusammenhängt. Ihre
persönliche Echtheit, wenn diese denn wirklich ein Thema sein soll, hängt
dann mindestens daran, dass sie den Glaubens-Akt als ein
„Gefunden-werden“ versteht und deshalb immer den Gnaden-
und Geschenkcharakter eines Glaubens-Dürfens bekennt und darin eben auch die
niemals wirklich aufhebbare menschliche Unvollkommenheit bekennt, die keine
„Heiligung“ ohne Anfechtung, ohne das Kreuz kennt und deshalb
jeden Zwang, auch den einer Gruppe, prinzipiell von sich weisen muss. III. Die Ursprünge der Ideologie
des Marburger-Kreises
Die
heutige Form und Wirkungsgestalt des MK verdankt sich einem ebenso ereignis-
wie spannungsreichen geschichtlichen Werden, das in verschiedene Phasen
eingeteilt werden kann. Die erste ist die seit der Gründung der modernen
„Gruppenbewegung“ als solche durch den deutschstämmigen
US-amerikanischen lutherischen Pfarrer Frank Buchmann (geboren 1878 in Pennsburg
/ Pennsylvania, gestorben 1961 in Freudenstadt), heute immer
„Buchman“ genannt. Buchman hatte in Deutschland Bodelschwinghs
Anstaltsarbeit in Bethel besucht, Wicherns „Rauhes Haus“ in
Hamburg und die Arbeit der Berliner Stadtmission und dann nach der Rückkehr
in die USA ähnliches versucht. Aber erst eine Bekehrung 1908 in England gab
ihm den entscheidenden persönlichen Anschub, Menschen in Gruppen zu sammeln,
die frei von jeglichen kirchlichen Bindungen sich nun entscheiden, für ihr
Leben neu anfangen zu wollen und dies völlig rückhaltlos gleichsam auf einer
neuen weißen Leinwand.
Buchman
verlangte abseits jeder kirchlich-kultischen Praxis, sich radikal unter
Gottes Willen zu stellen, d.h. bereit zu sein, ohne menschliche Sicherungen
sich überall hinschicken zu lassen und das Zeugnis weiterzugeben, dass und
wie „durch Gottes Plan“ das Leben jedes Menschen völlig
umgewandelt werden kann. Die in den USA beliebte Vokabel „Life
Changing“ war sein persönliches Schlüsselwort: Jeder
„Oxforder“ bzw. „Buchmanian“ sollte ein
„life-changer“[xiv]
werden.
Was
Buchman, wie er erklärte, damit „entdeckt“ hatte, war eine
Methode, wie man dem modernen Menschen sowohl zur Umkehr zu Gott als auch
gleichzeitig „zum Lebenserfolg verhelfen“ konnte, dessen
geistigen Kern Buchman wie folgt beschreibt: „Es gibt eine überlegene
Ideologie, die den Menschen neue Motive, ein neues Wesen gibt. Sie
funktioniert. Es ist ein neues Denken, das geprägt wird, wenn man nach absoluten
moralischen Maßstäben, absoluter Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und
Liebe lebt. Mit dieser Ideologie werden die Völker anfangen zu denken. Sie
werden alle ihre Probleme lösen... Für jedermann überall ist dies die Zukunft“[xv].
Ein
neuer Aufguss von seit über 100 Jahren im
US-Kontext sich ausbreitender „moralischer
Wissenschaftlichkeit“ wird hier mit Verve präsentiert, der das (früher)
Religiöse jetzt vom Standpunkt der Perfektionseffizienz beurteilt nach der
Devise Rousseaus: „Das Dogma ist nichts, die Moral ist alles“.
Was ein „heiliges Leben“ ist bestimmt sich jetzt ganz modern: Ein
Moralchristentum unterwandert oder überformt die kirchlichen Lebenswelten,
die in den 1950er Jahren in Deutschland Buchman paradoxerweise vielfältig die
kirchliche Bühne werbewirksam und autorisierend zur Verfügung stellen und
sich zum verlängerten Armen von Buchmans Visionen der „Veränderung von
ganzen Ländern und Nationen“[xvi]
machen lassen.
Die
weltanschauliche Eigenart von Buchmans neuer christlich-globaler Ideologie
sieht z.B. auch Paul Tillich nicht unzutreffend mit dem Barthianismus strukturell
verwandt[xvii],
der eben auch antipluralistisch das „für alle“ einzig wahre und
richtige Christen-Leben modelliert. Die geistige Verwandtschaft erscheint noch
klarer, wenn man diese Zielsetzungen und Methoden z.B. auch mit dem
zeitgleich auftretenden „Erfolgssystem“ des Deutschen Oscar
Schellbach vergleicht.
Auch Schellbach
studiert seit 1923 ebenfalls die „Gesetzmäßigkeiten des
Lebenserfolgs“ und vermittelt seine diesbezüglichen Erkenntnisse und
Erfahrungen ohne christliche Bezugnahmen in den „Erfolgskursen“
seiner Hamburger „Schule des Erfolges“ und in der später sehr
bekannt gewordenen „Harzburger Akademie“.
Sein
Markenzeichen ist die rückhaltlose Schaffung von Klarheit der eigenen
Antriebe und die Konzentration aller Kräfte auf den Willen zum Erfolg mit
einer Strategie der Negation des Alten, die alles auf eine Karte setzt:
„Ziehen Sie einen Strich hinter ihrer Vergangenheit“ –
„Ab heute sind Sie ein Erfolgsmensch“[xviii],
sagt Schellbach. „Ab heute sind Sie ein völlig verwandelter
Mensch“, sagt Buchman: „Von jetzt an ist das Leben wirklich richtig“
sagen beide und beziehen sich für die Gültigkeit ihrer angeblich echt religiösen
und einzig wahren Methode eben ganz genau auf ihre für sie selbst „erfolgreiche
Erfahrung“.
Auch Karl
Barth als „Theologe und Politiker“, der immer wieder deutlich an
seine für ihn exzeptionelle politische Erfahrung in der Realisierung der, wie
er definiert, „sozialistischen Zukunftshoffnung“ erinnert und
hierin sein alle seine Theologie explizierendes „ethisches
Objekt“ gefunden hat, spricht, wie Tillich begriffen hat, in der selben
Grundrichtung: Die ethische Grundaufgabe besteht in dem „unbeschadet
der Hoffnung auf ein ewiges Leben in einer neuen Welt zu denkenden Gedanken
eines Ziels der irdischen Geschichte“, oder in Barths O-Ton noch weiter:
in einem „geschichtlichen Ideal“, in „einer, wie man das
stammelnd zu umschreiben pflegt, auf Wahrheit, Gerechtigkeit, auf Geist und
Liebe, auf Friede und Freiheit gegründeten Verfassung der menschlichen
Gesellschaft“[xix].
Diese
von Barth so schön illustrierte „sozialistische Zukunft“ ist, wie
Tillich erkennt, von dem, was Buchman als seine aus der Bergpredigt
abgeleiteten, im MK bis heute eine zentrale Rolle spielenden „vier
Absoluten“ einer „menschlichen Zukunft“ benannt hat:
„Wahrhaftigkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe“ –
wohl kaum so weit entfernt, dass Barths frontale Abwehr theologisch wirklich ernst
zu nehmen wäre.
Denn
auch Buchman bezieht sich weniger als „Theologe und Politiker“,
sondern mehr als „Theologe und Psychologe“ auf ein
„geschichtliches Ideal“, auf seine „positive“ Erfahrung
im Training der erfolgreichen Konzentration der Lebenskräfte und der rechten
Lebensführung, die nach seiner festen Meinung dem Einzelnen Gesundheit und
Nervenkraft erhält.
Diese
Art von Erfolgs-Erfahrung lässt Buchman den Sinn und die Notwendigkeit von
klaren Zielsetzungen zum neuen Dekalog der Moderne machen, der für ihn die gesammelte
Erfahrung der Menschheit darstellt, die Buchman nach göttlicher Vorsehung auf
den Begriff bringt und in der Methode und rituellen Dauer-Wiederholung seines
neuen Tuns für alle lernbar abbildet. Dabei gilt die Devise: Nicht alles auf
einmal, man muss seine Kräfte einteilen. Über allem aber steht die Notwendigkeit
des Glaubens an die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges, der darin
aber zugleich „Gottes Plan für den einzelnen Menschen“ ist, d.h.
auf Erfahrung in der Zuverlässigkeit Gottes, die das Selbstvertrauen erhält,
und alles in allem Erfahrung in der Unterscheidung für wichtige und unwichtige
Dinge, die den Fortschritt auf dem Wege sichert.
Buchman war hier in der Tat nur einer von vielen,
die in ihrer Beschwörung der Differenz von alt und neu, im Aufbruch zu einer
visionären neuen Weltordnung als Haupt-Aufgabe und christliche-ethische Pflicht
des Menschen im Grunde die „Unterscheidung zwischen Gott und Mensch
eliminieren“[xx]: Sein Versuch gehört zu den modern-christlichen
„Bewegungen“ wie sie Tillich als idealtypische Projekte der
Moderne gelistet hat: „Fundamentalismus, Barthianismus, Buchmanianismus“
usw., deren neue Menschheitsführer zwar allesamt „Apostel des reinen Wollens“
(Trutz Rendtorff) sein mögen, aber darin doch einige problematische
Gemeinsamkeiten haben:
Eine Selbststilisierung
des zu historischer Erhabenheit Erwählten, ein sehr flacher Pragmatismus in
der Anwendung ihrer Prinzipien in der Politik wie in der Psychologie,
überdeutliche Schwächen ihrer Theorie und zuletzt die Unmöglichkeit eines
rationalen Diskurses über ihre fixierten Meinungen. Zitieren sie die Bibel,
was zuweilen für sie wichtig erscheint, kann die Willkür ihrer Bibelzitierung
und die Art und Weise ihrer Bibelauslegung nur noch abenteuerlich genannt
werden.
Tief ist sie geprägt und überlagert von den Projektionen
irgendwelcher Gegner oder Unterdrücker der Wahrheit, wie sie sie sehen oder
erkannt zu haben glauben. Kontrolle zu gewinnen ist deshalb das erstrangige
strategische Ziel, eine ideologische Kontrolle über die Bibelauslegung im
Fundamentalismus, eine politische Kontrolle über das Kirchensystem im
Barthianismus, eine gruppenpsychologische Kontrolle über das Selbst im
Buchmanianismus.
Die strukturelle
Identität all dieser neuchristlichen Bewegungen im 20. Jahrhundert hängt an
der positiv einfach nur statuierten Richtigkeit ihrer Mission. Als selbsternannte
„Kontrolleure“ glauben sie dabei zuerst an die einschlägigen Negationen,
die sie praktisch regelmäßig mit Versagensbeispielen illustrieren. Doch positiv,
konkret bestimmt ist ihr Glauben kein Loslassen der eigenen Existenz wie auch
kein Loslassen der Mitmenschen im Vertrauen auf Gott, sondern der archimedische
Punkt eines Tatzwangs, bei dem sie nur noch an ihren mit ihrer erhaben
gestellten Erfahrung begründeten Glauben glauben. Was uns bei den Oxfordern (und
nicht nur bei ihnen) begegnet ist der typisch moderne, im Evangelikalismus noch
einmal übermächtig Gestalt gewinnende „faith in faith“[xxi], der im Kern eine über den Leisten eines primitiven
Bibel-Fundamentalismus gezogene gesellschaftsfunktionale Religionsmoral ist,
die weniger mit Gottvertrauen als mit der Demonstration des entsprechenden
nun religiös aufgeladenen Bewusstseins und Sendungsanspruchs nach außen zu
tun hat.
Es ist der neue Glaube einer selbstbewussten „religionized
community“, die für subtile theologische Unterscheidungen auch kein
Verständnis mehr aufbringt[xxii].
Was sich hier innerhalb des 20. Jahrhunderts herausgebildet und ereignet hat,
ist ein qualitativ völlig neuer Typus und Gestaltgewinn des Christentums
innerhalb eines zuerst vom Calvinismus und dann vom Methodismus radikal
durchindividualisierten persönlichen Macht- und Erfolgsstrebens.
Bei
Buchman wird dieser neue „Glaube“ vermittelt in für moderne
Menschen geeigneten Formen geselliger Zusammenkünfte und Veranstaltungen. In
ihnen steht, wie moderne Menschen auch selbstverständlich erwarten, die
Vermittlung des für ein wahres oder gutes Leben Richtigen im Mittelpunkt.
Sagen wir es zugespitzt: Der Gott dieser allesamt mehr oder weniger verborgen
deistisch grundierten Bewegungen ist „das mit Gott verbundene Richtige“.
Diese „christliche Richtigkeit“ repräsentiert genau den typisch modernen
Christentumsaufguss des 20. Jahrhunderts, der sich zielgerichtet auf das konzentriert,
was „auf die Zuhörer wirkt, was sie heraus hören und nicht so sehr auf
das, was objektiv“[xxiii]
ist. Dies ist ganz verständlich, wenn und weil es um Macht, Politik und
Wachstum geht. Denn in diesem Feld zählt immer nur der Geländegewinn des Tages.
Wie er zustande kommt, interessiert nicht und darüber machen sich die Akteure
auch keine Kopfschmerzen mehr.
Der „Oxfordismus“
jedenfalls behauptet, dass seine
Methode funktioniert. Sein „Statement of faith“ deklamiert
refrainartig den Willen zum Erfolg wie die scheinbar beweisbare Behauptung
seiner Möglichkeit. Dazu lassen sie dann auch nur das als ihre Wahrheit
gelten, was die Erfahrbarkeit des aus diesem Wollen resultierenden Erfolges
unterstreicht. Substantielle Kritik wird einfach weggebügelt, auch gegenüber
ihnen anfänglich durchaus wohlwollenden Theologen wie Emil Brunner:
„Critizise yourself“ antwortet Buchman rüde auf Brunners ernste Anfrage
und Kritik: „In theologischen Einwänden sah Buchman nur die Kraft der
Zerstörung und daher eine Gefahr für die Oxfordgruppe“[xxiv].
Machtvoll
und laut verkündet Buchman das neue „heilige Muss“ der Menschheit
und beansprucht dafür blanko das „Teaching of Holy Spirit“[xxv]. Mit
der verbalen Hypostasierung seiner „Erfahrung“ zum höchsten
ethischen Objekt ist jede Diskussion der Wahrheit und damit jede
intellektuelle Kritikmöglichkeit von vornherein ausgeblendet. Und dieser
Zustand gewinnt unter Buchmans Adepten dann schnell den Status der Normalität:
Mit der kategorialen Inanspruchnahme dieser „Erfahrungswahrheit“ wird
jeder Zugreifende gleich betroffen und gleich kompetent, was nicht jedem und
nicht überall sofort auffällt. Denn es geht um das praktische Leben, nicht
mehr um religiöse Dinge oder um Glauben im eigentlichen Sinn, es geht um die
Gesellschaft, um die Politik, es geht um „mein Leben“, für das es
aber jetzt bzw. sogar eine göttliche Richtigkeit bzw. einen „göttlichen
Erfolgs-Maßstab“ gibt.
Buchman
jedenfalls entwickelte als Maßstab des persönlichen Sollzustandes bzw. des zu
erreichenden Erfolgs seine aus der Bergpredigt bekannten, im MK bis heute
eine zentrale Rolle spielenden „vier Absoluten“: Wahrhaftigkeit,
Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe und wandte sie ziemlich schematisch auf
das persönliche Leben in allen Beziehungen an: Partnerschaft, Familie, Beruf,
Öffentlichkeit. Er meinte damit inhaltlich zuerst die Forderung, dass man
sich daran gewöhnen solle und notwendigerweise auch daran gewöhnen müsse,
sein Innerstes einem Aussprachepartner zu öffnen.
Wir
würden heute sagen: Buchman ideologisiert die Forderung, eine therapeutische
Dauerbeziehung einzugehen, in der die gesamte Innerlichkeit geöffnet und mit
dem Ziel der Klarheit und der Aufhebung aller Widersprüchlichkeiten in der
eigenen Seele dauerhaft kontrolliert und bearbeitet wird. Vergessen wir
nicht: Buchmans Zeitalter ist aber schon das Zeitalter der Trennung von
Religions-Moral und Geschäftserfolg, das Zeitalter der Säkularisierung eben
auch der puritanischen Erfolgsfrömmigkeit in den USA, das Zeitalter der neuen
Erfolgsphilosophien, in dem dann auch Sigmund Freud die Psychoanalyse
„erfindet“: Lebensbilanz, Bestandsaufnahme, Selbstkontrolle und
Kontrolle über das eigene Unbewusste sind notwendig, um persönlichen
Lebenserfolg wie auch soziale Beständigkeit und Verantwortlichkeit
füreinander zu sichern, jenseits, neben den nicht mehr tauglichen Versuchen
der alt-etablierten christlichen Kirchen:
Der
moderne, erfolgreiche Mensch braucht täglich eine „Stille Zeit“
der Besinnung – möglichst mit schriftlicher „Buchführung über den
Seelenzustand“, er muss, wenn er erfolgreich leben will, sich selbst
genau kennen, sich integrieren können in eine Dauer-Kontrolle seines
Innenlebens, in eine Existenz-Veränderung einübende Gruppe, in ein
„Team“, in eine „Mannschaft“, wie der MK sagt, die
den Willensprozeß begleitet und durch möglichst wöchentliche Reihum-Berichte
über den Status des Lebens-Gehorsams gegenüber der Ideologie der absoluten
Pflichten ermöglicht, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Was Buchmans
moderne Moral-Medizin leisten will, ist klar: „kleine Abbilder Gottes
in Serienfabrikation herstellen“, die „behaupten, tatsächlich
neue Menschen zu sein: absolut ehrlich, absolut rein, absolut selbstlos,
absolut liebend“[xxvi].
IV. Der Weg der Gruppenbewegung
in Deutschland
In einem
Pfarrkonvent wurde der MK einmal etwas karikierend als eine Art „religiöse
Weight-Watchers“ bezeichnet, ein die Ursprünge in jedem Fall durchaus
treffender Vergleich, wenn man dabei berücksichtigt, dass es dem MK vor allem
um die führenden Schichten der Gesellschaft geht: Der MK bewirbt und konzentriert
sich auf „Schlüsselpersonen“ („key persons“):
„Hochgestellten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und
Kirche galt das besondere Interesse, weil solche ihren Einfluss auf eine
größere Umgebung geltend machen konnten. Der
personalistische Ansatz der Evangelisation wurde mit einem Strukturelement
von oben nach unten kombiniert“[xxvii].
Auch dafür stimmt der Vergleich mit den „Weight-Watchers“: Es
gibt ein Ziel der konsequenten Verbesserung, für die kompromisslose Selbsttransparenz
erforderlich ist, die nur in einer Gruppe geleistet und kontrolliert werden
kann. Das schwere Ziel muss in seiner Richtigkeit und Notwendigkeit immer
wieder neu bewusst und einsichtig gemacht werden – durch die alles
begleitende Gruppe. Sie hilft durch ihr Kollektiv und muss auch helfen, wenn
„es“ funktionieren soll. Und es funktioniert ja auch – für
manche jedenfalls. Man hat
Buchmans „Gruppenbewegung“ nach dem historischen Ursprungsort die
„Oxford-Gruppenbewegung“ genannt, die in ihren späteren Jahren (ab
1938) als „Moralische Aufrüstung“ bekannt wurde (MRA – als
Abkürzung für „Moral Re-Armament“), die noch heute in Caux bei
Montreux am Genfer See eine zentrale Schulungsstätte hat. Buchmans Erfolg war
in den ersten Jahrzehnten in der Tat atemberaubend: „1930 versammelte
die Bewegung in Oxford 500, ... 1935 waren es 10.000! Schon 1934 besuchten
die Tagung in Oxford Teilnehmer aus 45 Ländern.“[xxviii]
1938 fand
in Interlaken/Schweiz die erste „Weltkonferenz für Moralische
Aufrüstung“ statt, die auch in Deutschland seit 1931 schon zahlreiche
„Gruppen“ hatte. Diese Gruppen standen aber schon von Anfang an völlig
außerhalb des kirchlichen Wirkungsraums. „Man hat gesagt, dass die
Gruppenbewegung in Deutschland eine innerkirchliche Bewegung gewesen sei. Das
trifft nicht zu“[xxix]:
Sie war von vornherein ein „überkonfessionelles“ Unternehmen ohne
Rücksicht auf irgendwelche kirchlichen Bekenntnisse und Verhältnisse. Ihr
Grundcharakter war und ist modern-religionstherapeutischer Art und darin dem
technisch-industriellen Erfolgsdenken verpflichtet, das die Menschen
„nach oben“ bringen soll: Sünden, Fehler, Verirrungen müssen
erkannt und benannt werden, und wenn irgend möglich auch „mit Papier
und Bleistift“. Wer sich hier selbst betrügt, schafft es nie sie zu
beseitigen. Was die Gruppenbewegung damit als Laien-Seelsorge ohne viel
Reflexion praktizierte, war der mit einer unüberbietbaren Verheißung verbundene
Versuch, einem Menschen zu einem völlig neuen Anfang zu verhelfen. Dazu war
nur eines nötig: Die Überwindung, sich einmal ganz gründlich und dann von
Zeit zu Zeit immer wieder mit einem anderen aus der Gruppe rückhaltlos über
das eigene Leben und den eigenen Glauben auszusprechen und mit seiner
Vergangenheit und seinen Problemen wirklich tabula rasa zu machen. Es ging
darum in Ordnung zu bringen, was dem Tun noch zugänglich war. Es ging darum, sich
einfach zu „bekehren“, nicht im fromm methodistischen Sinn, aber
in der Richtung, dass jetzt alles ständig neu auf Verantwortbarkeit und moralischen Fortschritt hin
geprüft wurde. Dies
hätte zunächst gar nicht viel anderes sein müssen als das, was schon 1540
Martin Bucers „kirchliche Gemeinschaften“ [xxx]
im Programm hatten oder J. H. Wicherns „Katholisch-Apostolische
Gemeinschaft“ von 1833 wenig anders auch. Schon Martin Bucers
„Christliche Gemeinschaften“ von 1540ff hatten die
„brüderliche Beratung“ im Programm, die sich für ein
verantwortliches Leben des „Besseren“ oder auch gar der „christlichen
Richtigkeit“ vergewissern will – freilich ohne formelle Berichtspflichten.
Auch Wicherns Kommunität wollte ähnliches, fügte aber der so protestantisierten
Form der in den Orden und Kommunitäten geübten „brüderlichen
Beratung“ schon wieder quasi doch ein investigatives Ausforschungsinstitut
hinzu: Es gibt abgeordnete
Mitglieder, die „über die Aufzunehmenden zu vigilieren“[xxxi]
haben. Freilich: Wicherns christliche „nicht nur ideelle, sondern
tatsächliche Vereinigung“ war noch streng innerkirchlich, ohne
irgendeinen Separatismus gedacht. Auch war die abzulegende Beichte im eigentlichen
Sinn noch streng rituell an das kirchliche Abendmahl gebunden. So nicht mehr
aber bei Buchman. Seine „Gruppenbewegung“ verlangt umstandslos
eine in nichts mehr kultisch verankerte rückhaltlose persönliche Offenlegung
aller Sünden angesichts des Absoluten, weil diese Beichte in der Gruppe
tiefe, in der Seele irreversible Wirkungen ermöglicht. In völlig
neuer Weise sichert Buchman seine Beichte nicht durch ein geschultes und
durch Schweigeauflagen massiv begrenztes und darin auch kontrolliertes
kirchliches oder öffentlich sanktioniertes Amt, sondern praktiziert sie als vervielfältigbares
Erfolgsrezept, als einfache religiös-moralische „Dienstleistung“
von mehr oder weniger trainierten Laien in einer völlig freien, als auch
Gruppenarbeit improvisierbaren Form: Lebensdisziplin kann nur verwirklicht
werden durch Einbindung des Einzelnen in eine Gruppe. Das
gereinigte, erneuerte „neue Leben“ ist für Buchman also nicht nur
ein Leben im inneren Gehorsam gegenüber Gott, es ist bzw. war vor allem ein
vollständig selbstkontrolliertes Leben in der Einbindung in die Disziplin und
Dauer-Überwachung der Gruppe. Als entschiedener Amerikaner hat Buchman sein,
wie er meinte, modern-christliches „Life Changing“ dann auch noch
einmal mit einem hochfliegenden global-ethischen Optimismus dekoriert,
„der sich in humanitäre und Weltverbesserungsideen zu verlieren
droht“ und „die ‚neue Welt’, von der die Bibel
spricht, allzu vordergründig erwartet“[xxxii].
1938
haben sich u.a. auch deshalb Buchmans Gruppen in Deutschland von seiner
Organisation getrennt und die „Arbeitsgemeinschaft für Seelsorge“
(AGS) gebildet: „Äußerlich war dieser Weg erzwungen durch die Politik
des nationalsozialistischen Staatsapparates, dem eine überkonfessionelle,
nicht organisierte Bewegung ohne formuliertes Bekenntnis oder Programm im
höchsten Maße verdächtig war ... Innerlich war die Gründung der AGS eine
notwendige Lösung von den angelsächsischen Wurzeln“[xxxiii].
Wie zutreffend auch immer die Begründungen waren: Die für die Behauptung
neuer Eigenständigkeit notwendige lose Anlehnung an die Kirchen „half
zum Überwintern“ von Buchmans Ideologie und ihrer Gruppenbasis in
Deutschland. V. Von der Gruppenbewegung
zum „Marburger Kreis“
Während
in den USA Buchmans Erbe und Ideenpotential von den neuen radikalen
postchristlichen „Positivdenkern“ wie Norman Vincent Peale, Billy
Graham und Robert Schuller übernommen und noch einmal auf einfachste
Handlungsrezepte reduziert und restlos individualistisch umgeformt wurde,
verlief die Entwicklung in Deutschland ganz anders: 1953 waren die Zerwürfnisse
der 1938 verselbständigten neuen AGS mit Buchman schließlich so stark
geworden, dass man sich endgültig trennte. Am 9. Oktober 1957 konstituiert
sich in Schwelm/Hessen dann die alte AGS-Mitgliederschaft völlig neu: Sie
wird jetzt der „Marburger Kreis“ als eingetragener Verein mit dem
Zusatznamen „Freunde der Mannschaftsarbeit“. Nur 12 wirkliche Mitglieder
hat der Verein – bis heute und spiegelt in dieser Struktur immer noch
genau den Willen und die Ideenwelt Buchmans. Die
übrige lediglich informelle „Mitgliedschaft“ in den örtlichen Gruppen
besteht aus völlig freier Selbstzuordnung, die nur das Gemeinschaftserlebnis
bzw. die soziale Gruppenkohäsion zusammenhält. Das Profil dieses MK ist jetzt
unübersehbar das einer entschiedenen neuen Art „Laienorden“ bzw.
nach der Selbstdarstellung das „Modell einer Gemeinde, die den
Missionsauftrag Jesu Christi in der modernen Welt erfüllt“, die mit
ihrem geschlossenen 12-Leute-Verein als alles steuernde Kernmannschaft vor
jeder von außen kommenden gewaltsamen ideologischen Veränderung geschützt ist. Es war
Arthur Richter, der erste Generalsekretär und „Chefideologe“
dieser Phase, der diesen Gestaltgewinn des neuen MK als zweistufige christliche
Missions-Kommunität in der Moderne entscheidend geprägt hat. Zentral ist für
ihn der Gedanke des Gehorsams gegenüber Gott in der Nachfolge Jesu. Aber:
„Zum gehorsamen Leben brauchen wir noch eine andere Hilfe: die Gemeinschaft
der Freunde. Wir haben uns angewöhnt, von Mannschaft zu reden. Das ist mitten
in der Welt eine fast unbeschreibliche Sache. Wer Jesus nachfolgt, ist nicht
mehr allein ... Diese Lebensform
enthält die Lösung für die beiden Zeitprobleme der Vermassung und
Vereinsamung. Jedes Glied wird wieder Persönlichkeit und entwickelt sich ganz
in seiner eigenen Art. Und doch entsteht kein Individualismus, sondern eine
schöne und freie Gemeinschaft ... In einer solchen Gemeinschaft zu leben ist
ein großes Glück. Bequem ist es allerdings nicht, das sei auch nicht
verschwiegen. Wir sind in herzlicher Liebe miteinander verbunden, aber es ist
eine Liebe, die ‚des anderen Bestes will’. Dazu gehört
gelegentlich auch eine deutliche Korrektur. Die brüderliche
Verbundenheit, das unbedingte Vertrauen und die Bereitschaft zur Hilfe machen
es möglich, untereinander von den geistlichen Erfahrungen und Erkenntnissen
zu berichten, die uns geschenkt wurden. Das was uns in der Stille vor Gott
eingefallen ist, interessiert auch die Freunde. Ihr unbefangener Blick …
kann oft viel deutlicher erkennen, was Gottes Wille oder was Einbildung ist,
als wir selber. Darum machen wir Mut dazu, die Notizen möglichst häufig mit
einem oder mehreren Freunden auszutauschen. Die Mannschaft ist, wenn sie sich
richtig entwickelt, nicht ein frommer Verein unter vielen, sondern eine
Lebensgemeinschaft ... Auf jeden Fall ist alles darauf ausgerichtet, andere
Menschen auf den Weg der Nachfolge zu bringen und ihnen dann
weiterzuhelfen“[xxxiv].
Im Detail
beruht der Religionsstil des MK auf der Praxis von „sechs
Säulen“: (1) Die tägliche „Stille Zeit – mit Papier und
Bleistift“ – nicht unbedingt mit der Bibel, aber auch mit ihr,
wenn es beliebt, (2) der Austausch der aufgeschriebenen Gedanken mit einem
Partner aus der Gruppe, (3) Seelsorge mit persönlicher Beichte, (4)
regelmäßige, möglichst konsequent wöchentliche Teilnahme an der
„Mannschaftsarbeit“ d.h. an den Gruppenzusammenkünften, (5)
Teilnahme an der jährlichen Tagungsarbeit, (6) das Mittragen der finanziellen
Lasten. Der Habitus
der so zustande gekommenen „Gesinnungsgemeinde“ MK war der in
jedem Fall kollektive Bewusstseinszustand nachhaltiger eigener
„Klärung“, die ein „Clear-Werden“ „durch die
klare Härte der Bibel“[xxxv]
sein sollte, aber darin wohl viel mehr ein sich-einfügen in die moralischen
Standards einer Gruppe werden musste, die die „Werte“ der
Gegenwart in absoluter Gültigkeit zu repräsentieren behauptet. Was
Arthur Richter mit diesem inhaltlich wolkig bleibenden System sichern wollte,
war im Prinzip immer noch dasselbe, was auch Buchman schon gewollt hatte:
„Dass man als Mensch eine klare
Entscheidung treffen muss“:
„Die ‚Bekehrung’ ist Sache des Menschen. Sie ist
wie das Wegziehen eines kleinen Riegels, hinter dem eine gewaltige Kraft angestaut
liegt – aber wenn der Riegel nicht geöffnet wird, fließt die Kraft
nicht“[xxxvi]. Kritisches Hinsehen
erkennt das ideologische Muster: Auch Richter verengt mit der autoritativen
Rechtfertigung des „Ich will“ das Evangelium konsequent auf subjektgebundene
(gruppengesicherte) Religionsmoral. Denn überall dort, wo das
Vollkommenheitsdenken des „Entweder Schwarz oder weiß“, entweder
gläubig oder nicht und die Zumutung eines dazu passenden fundamentalistisch unkritisch
gestellten „Life Changing“ eine religiöse Gemeinschaft innerlich
stark macht, wird sehr schnell unsichtbar, dass auch mitten in ihr Gut und
Böse sich immer noch stets sehr nahe sind und sie durch diese selbstinduzierte
Unschärfe gegenüber dem Bösen dann noch viel mehr als vorher in Gefahr steht,
das Christliche in einer nichtchristlichen Gesellschaft zu verdunkeln. VI. Der Marburger Kreis in
der zweiten Phase ab 1967
Nicht
zufällig zeigte auch der Titel der seit 1960 von Billy Graham deutsch
herausgegebenen Zeitschrift „Entscheidung“ die geistige Nähe und
Verwandtschaft vieler religiöser Akteure jener Zeit zur Erfolgsphilosophie
des Positiven Denkens: Sie alle suchen mit ihrer Entscheidungs-Propaganda
letztlich den „sichtbaren Glauben“ und den daraus resultierenden
sichtbaren Lebenserfolg im Alltag, also das „not only I am, but I can
and I will“ des Glaubens. Es ist
der neue, modern-populistische Stil eines so behauptet praktischen
Christentums, das an einer primär moralisierenden Wahrnehmung der Welt
interessiert ist, die religiöse Orientierung auch und zuerst oder überhaupt
nur als den Weg zu „health, happiness and success“ versteht: Nur
in einer Reduktion auf Religionsmoral, also auf sozial normiertes und
kontrolliertes religiös konnotiertes Verhalten können das Gute und das Böse,
d.h. genauer: die Guten und die Bösen im Bewusstsein und in der sozialen
Zuordnung wirklich getrennt und damit auch die Vollkommenheiten des Glaubens sicher
zum Ausdruck gebracht werden: Gott will es so oder besser: Nur so
funktioniert es. Und im MK funktioniert es, weil hier die Gruppe das „I
can“ noch einmal vorgeblich sicher substituiert. Die Herkunft dieses Konzeptes aus der kulturellen
Verselbständigung und dann auch progressiven Säkularisierung des
US-Methodismus und seines Verständnisses von Lebensführung und Kontrolle ist
unübersehbar. Die Funktionalisierung und Popularisierung des „old
fashioned gospel“ mit der Emphase auf der „persönlichen
Bindung“ nimmt im Zuge der Industrialisierung und globalen
Verstädterung des Normallebens immer mehr Elemente eines religiösen
„Tuning“ auf, das Gott als „power or force“ versteht,
auch innerhalb des MK. Mitglieder des MK wie Arnold Bittlinger, die immer
intensivere Kontakte zu Pfingstlern pflegten, werben dann immer ungenierter
für die Übernahme pfingstlerischen Denkens, das dann ganz modern, ganz
pragmatisch, ganz selbstbewusst, erfahrungssuchend und darin völlig
unsystematisch mit machtvoller Begeisterung glauben will und Zeichen und
Wunder erwartet. Es war eine historische Weichenstellung des
Vereins, 1967 Arnold Bittlinger und Wilhard Becker, den ebenfalls
charismatisch gewordenen Leiter der baptistischen „Ruferbewegung“
zu hauptamtlichen Mitarbeitern des MK zu machen. Entsprechend schnell wuchsen
dann auch die Meinungsunterschiede wie die „erheblichen persönlichen
Spannungen“[xxxvii]
innerhalb der Führung (d.h. des Vereins MK) wie zwischen den verschiedenen
Gruppen. Viele Stimmen innerhalb des MK warnten vor diesem neuen Kurs, der direkt
„in die eigene Sonderkirche“ führen müsse. Umsonst. Was für den
Einzelnen „Klärung“ heißen sollte, übertrug sich wie von selbst
auf den MK als ganzen: Jetzt fand auch das „Clearing“ des MK
statt und zwar als eine ideologische Säuberung der neuen Führung: Diese Säuberung ging „nicht ohne Schmerzen
und manche Verletzungen ab“. 1968 beteiligt sich der MK an der Gründung
eines für die Charismatische Bewegung bedeutsamen Unternehmens: Die Schaffung
des Zentrums Schloss Craheim bei Wetzhausen, das sehr schnell eine große
Wirksamkeit entfaltete, auch weil hier viele MK-Leute mit engagiert waren.
Die Vorstandwahlen des Vereins 1969 radikalisierten noch einmal weiter die
Spannungen: Abgewählt wurde der langjährige Vorsitzende Werner Lindenberg,
„der das Moment des missionarischen Einbaus von Marburger Impulsen in
die volkskirchliche Gemeindearbeit (zwar) nicht durch Integration, aber in
einem offenen Gegenüber zu den Kirchen vertreten hatte“[xxxviii].
Abgewählt wurde auch Hans Hartwig von Goessel als
engagierter Anwalt der kirchlichen Volksmission und der Auseinandersetzung
mit der modernen historisch-kritischen Theologie. Und abgewählt wurde auch noch
Hans Schulze, der immer wieder das Anliegen in die Arbeitsplanung eingebracht
hatte, „von Jesus aus volle Verantwortung für die ‚Welt’
übernehmen“ zu müssen. Er verstand diese Verantwortung „im Sinne
einer streng aus dem Glauben verstandenen Diakonie“[xxxix],
die sich zuallererst als menschliche Teilhabe an der Gesellschaft begreift: Für Schulze kann und darf eine im Glauben
engagierte Gemeinde sich nicht mit einer Betroffenheit „für sich“
in die säkulare Gesellschaft einschreiben, sondern vor allem anderen mit
einer möglichst absichtslosen, zweckfreien Ansprechbarkeit für die Nöte und
Dinge des Lebens. Nur dieses „Mitsein“ jenseits aller
Gruppenzwänge lässt in den weltlichen Zusammenhängen das schlichte Vertrauen
wachsen, das Geduld mitbringt, Zeit hat, zuhört, eine feste
Gemeinschaftlichkeit eben auch mit den „Ungläubigen“ zu schaffen
sich bemüht und im Wachsen der Beziehungen so etwas wie
„Verantwortung“ immer tiefer verbindlich macht. Alles, was bisher
irgendwie noch die Grenzen der Mannschaftsarbeit wie von selbst immer
überstiegen und damit auch für die Kirchenwelt fruchtbar gemacht hatte, wurde
jetzt eingezogen. Was der MK ab 1968 durch die charismatische
Aufladung fast aller Aktivitäten erlebte war dann in der Tat eine Revolution:
Kurzzeitig hat der Verein dann nur noch zehn Mitglieder, nur noch ein
einziger Theologe ist Vereinsmitglied. Die sich aus dieser Neuorientierung
ergebende Folge in fast allen Gruppen war nicht wirklich überraschend:
„Viele Pfarrer ziehen sich zurück“[xl].
Es war ein Fanal für die neue Richtung, als im Herbst 1969 dann sogar
das Gründungsmitglied des MK Curt Georgi seine Mitgliedschaft kündigte.
Hartwig Thieme nennt es zudeckend: „Ein Generationswechsel hatte
stattgefunden“[xli]
– es war mehr als das: Entstanden war ein neuer charismatischer und
alles in allem noch radikalerer MK. VII. Die ideelle Neuausrichtung
des Marburger Kreises 1973-1983
Mühsam
und quälend, in einem über fast zehn Jahre hin währenden Ringen hat der MK
dann doch zu einer gewissermaßen Viertel-Distanzierung vom inzwischen immer
breiter etablierten nichtkirchlich organisierten Charismatismus gefunden. Als
Bittlinger 1973 den MK ständig und auf Dauer an der Charismatiker-Arbeit in
Schloss Craheim/Franken beteiligen wollte, war das für die Mehrheit des
Vereins dann doch ein Schritt zuviel: Bittlinger wurde abgewählt und schied
aus dem MK aus[xlii]. Sich
selbst eine Vision, ein rationales Leistungsziel für die Missionsarbeit zu
geben und den christlichen Glauben im esoterisierten Denkstil als eine Art
„Lebensenergie“, als „Kraft“ (Power) für die
Unternehmungen auch des MK zu verstehen, das war dann doch auch im MK immer
noch nicht ganz mehrheitsfähig. Für solche Art von „Begeisterungschristentum“
hätte man sich 1938 und 1953/1957 von Buchmans MRA nicht trennen müssen. Die
Orientierungslosigkeit und das Hin und Her der Programm-Entscheidungen für
die Durchführung der traditionellen Studientagungen im MK wuchsen jedenfalls unaufhaltsam.
Es war
nur konsequent, dass der MK dann ab 1977 ganz zielbewusst
Bibelstudientagungen durchführte, um die Streitigkeiten unter den Leitern zu
beenden und endlich wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Dies war nicht
einfach zu erreichen und es gab bittere Rückschläge: 1978 trennte sich
Pfarrer Erwin Paehl, der die neuen Bibelstudientagungen durchgesetzt und
wesentlich bestimmt hatte, vom MK und nahm viele Mitglieder in den neuen
„Freundeskreis“ mit, der im Großraum Hannover bis heute eine
ähnliche Arbeit wie der MK betreibt. 1982 gab es eine weitere Abspaltung vom
MK im „Maulbronner Kreis“ mit vielen MK-Leuten aus dem
Stuttgarter Raum, darunter Johanna Ostertag, die Stuttgarter Regionalleiterin
des MK, und der Mannheimer Theologieprofessor Rainer Mayer. Beide
hatten versucht, wieder eine konzeptionelle Annäherung der MK-Arbeit an die
Kirchen in Gang zu bringen, was aber von den eingerasteten Voraussetzungen
her nicht gelingen konnte und deshalb auch hier wiederum nicht gelang. Jetzt
machten sie etwas Neues, einen „MK-light“, d.h. fromme
Gruppenarbeit mit einem nicht mehr ganz obligatorisch, aber doch ziemlich
verbindlich fakultativ gestellten Oxforder-Programm, freilich ganz getrennt
vom MK – zum relativen Gewinn auch der württembergischen Landeskirche. Es war
tragisch für den MK, dass Arthur Richter, seit 1964 selbst unübersehbar immer
pfingstlerischer inspiriert, Dauergast charismatischer Tagungen auf
„Schloss Craheim“ und offener Werber für das
„Zungen-Gebet“[xliii],
bis Dezember 1978 als Generalsekretär den Charismatikern im MK trotz aller Anfeindungen
die Stange hielt und sie förderte, wo er konnte. Und dies war auch nach 1978
noch lange nicht zu Ende: Richter schrieb noch bis 1986 die
„Rundbriefe“ des MK und behielt so einen gewissen Einfluss auch
durch seine Schülerin und Vertraute Ingeborg Glaser, die bis zu ihrem Ausscheiden
als Geschäftsführerin des MK 1990 (seit 1977) „aus dem Hintergrund
einen starken Einfluss ausübte“. Alle
schmerzlichen Abspaltungen – und die hier genannten waren nicht die
einzigen – erreichten zumindest, dass 1983 der Verein die Zügel energischer
in die Hand nahm, zumal der Mitgliederbestand inzwischen enorm abgenommen
hatte[xliv].
Die „neue Richtung“, die das Jahr 1983 dann bringen sollte und
die bis heute die Arbeit des MK im Hauptstrom ganz offensichtlich bestimmt,
hat das missionarische Engagement in die Mitte aller Aktivitäten des MK
gerückt. „Dienst-Seelsorge statt Betreuungsseelsorge“ – so
lautet jetzt die Parole des Vereins. Das Charisma des Einzelnen ist nicht
dazu da, im individuellen Lebenskreis und d.h. auch konkret: innerhalb der
„Mannschaften“ Gestalt zu gewinnen, sondern darin, „Menschen
zu rufen“ – und dies meinte: neue Mitglieder zu gewinnen und den
MK auf Wachstumskurs zu bringen. Neues
Wachstum zu erreichen war freilich nicht einfach: Zwar wurden schon 1984 21
„Gästetagungen mit 900 Teilnehmern“ gehalten, aber „nach 5
Jahren waren 85 % davon nicht mehr dabei“[xlv].
Es war dann nur konsequent: In den Programmen verschwindet das Thema
„gesellschaftliche Verantwortung“, dafür dominiert jetzt das
Thema „Haushalterschaft“: Es geht
um den praktischen Vollzug des Neuen Christlichen Lebens, also um die
Bereiche der persönlichen Verantwortung. Immer wieder neu flirtet der MK auch
auf seinen Tagungen mit dem Charismatismus: Man prüft 1986 mit dem durch den
„Toronto-Segen“ bekannten Star-Charismatiker John Wimber den
„Einbau charismatischer Elemente in die Mannschaftsarbeit“:
„Viele Mitarbeiter des MK besuchten Wimbers Kongresse, um sich zu
informieren und geistliche Impulse geben zu lassen“ [xlvi].
Und sie sind
positiv berührt: „Die Behauptung, dass es sich bei diesen Phänomenen
grundsätzlich um dämonistische Manifestationen handelt, ist nicht
zutreffend“[xlvii].
Das Ergebnis dieser ideellen Anlehnung an den Charismatismus war dann wieder eine
neue starke Abspaltung im Raum Frankfurt. Und der Streit um den Charismatismus
wird im MK dann zum Dauerthema, noch einmal „furchtbar“ in
Braunfels 1992, als es schon wieder um John Wimber, seinen Toronto-Segen und
die charismatische Seelsorge der Seelsorgefirmen BTS und IGNIS ging. VIII. Die missionarische
Verschärfung des MK in der Gegenwart
Auch der
MK konnte und kann einer ansatzweisen inneren Pluralisierung nicht entrinnen.
Die mühsamen Versuche, ihn auf eine einzige religiös-ideologische
Richtungsnahme mit deutlich stärkerer charismatischer Methodisierung
einzustimmen, hat inzwischen wohl auch der „Verein“ aufgegeben
ohne die Charismatisierung grundsätzlich zu verurteilen. Schon im Dezember
1991 wurde den „Mannschaften“ freie Hand gegeben „vor allem
für die Anwendung charismatischer Formen“[xlviii].
Dies schaffte notwendigen Spielraum. Denn die
Belastung der Mitarbeiterschaft durch die internen Streitigkeiten war groß.
Der „Grundkonsens“ war verschwunden, wie sich dann beim
erbitterten Streit um das neue Liederbuch im September 1992 zeigte, das jetzt
neu viele Anbetungslieder aus der Charismatischen Bewegung enthielt. Seine
Gemeinsamkeit sah der MK noch im religiösen Stil der „Sachlichkeit als
typisches Merkmal des MK“ und im „argumentativen Stil der
Gästetagung“ mit dem „Ziel eine sachgerechte Auseinandersetzung
mit dem christlichen Glauben anzubieten“. Solches Selbstlob nach außen
war freilich ein doch zu schönes Etikett für die trivialen Ursachen der jetzt
durch die Erhöhung der religiösen Bandbreite greifenden positiven Entwicklung
der Mannschaftsarbeit: Der MK
wuchs jetzt wieder, aber nur deshalb, weil jetzt auch viele Mitglieder
charismatischer Kreise und pfingstlerischer Gruppen Mitglieder wurden. 1992
hatte er für einige Zeit schon wieder mehr als 5000 Mitglieder in 479
Mannschaften – ein freilich vorübergehender Erfolg: 1994 waren die
Teilnehmerzahlen für die Gästetagungen schon wieder auf 559 nach vorher 917
im Jahre 1990 gesunken: „Viele, oft verantwortliche Mitarbeiter“
haben in diesen Jahren den MK verlassen. Für die
gegenwärtige Konzeption und die organisatorische Lage und Verfassung des MK erhellend
ist eine kleine sprachliche Veränderung im Programm, die leicht übersehen
werden kann: Man sagt mindestens seit etwa 1990 im MK überhaupt nicht mehr
„Mitglieder“, sondern „Mitarbeiter“[xlix].
Eine solche dominante Vor-Funktionalisierung der Mitgliedschaft, die nur noch
in der Form des Aktivisten ihre (im Vergleich zum Verein immer relative) Gültigkeit
gewinnt, hat aber enorme Folgen für die Seelsorgepraxis der Gruppe wie erst
recht für das Verständnis des christlichen Glaubens im MK, in dem nun
offensichtlich der „charismatische Machbarkeitswahn“ und die
damit verbundene visionäre Aufladung des Arbeitsstils schon sehr viel mehr
Spuren hinterlassen hat als man im „Verein MK“ und in den
„Mannschaften“ zugeben will. Es ist
unausweichlich: Ein „Mitarbeiter“ hat eine viel strukturiertere
Aufgabe als ein „Mitglied“. Auch der letzte Rest zugestandener
„kirchenüblicher Passivität“ ist damit eliminiert. Der neue Stil
verstärkt dann auch die alten Ritualisierungen in der Gruppenarbeit und auch der
Inhalt der Seelsorge-Arbeit wird strategischer, prophetischer. Es geht jetzt
immer um den „vollen Einsatz“ des Einzelnen in einer
Missionierungsarbeit, die mit der wachsenden visionären Bestimmtheit und
Planerei sich automatisch auch mehr denn je der kirchlichen Lebenswelt
entfremdet. Der
hauptamtliche Referent des MK Stefan Pahl erteilt allen kirchlichen
Hoffnungen „auf mehr Engagement in den Kirchengemeinden“ eine
deutliche Absage. „Pfarrerinnen und Pfarrer suchen gestandene
Christen für Gruppenleitungen, Angebote, Kirchenvorstände usw. ... Keine
Frage, für einige Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter (weshalb hier das unnötige Zugeständnis an die Political
Correctness ‚gerechter Sprache’? Der MK
bleibt ja doch auch beim Begriff ‚Mannschaft’! RZ) ist es
auch selbstverständlich ein missionarischer Auftrag von Jesus, sich in ihre
Gemeinde einzubringen – das muss nicht in Spannung zu ihrem Engagement
im MK stehen, im Gegenteil! Aber für
viele andere wäre das absolut nicht drin. So auch bei mir“[l].
Die Einseitigkeit, dass hier eine Kirchengemeinde in der sprachlichen
Etikettierung nur als „die Gemeinde des Pfarrers“ betrachtet wird
und dann in dieser Optik ebenso als pures Objekt der eigenen MK-Mission, ist
nicht nur theologisch töricht. Sie
verzerrt auch völlig die kirchlichen Verhältnisse und wertet die Kirchengemeinde
und mit ihr das normalchristliche verbindliche Engagement in einer
Kirchengemeinde nicht nur religiös ab, sondern diskreditiert es auch
menschlich. Es ist wie bei vielen freichristlich-evangelikalen Kritikern der
Kirchenwelt: Die Chuzpe des MK-Funktionärs zeigt nur eine problematische
religiöse Anmaßung des MK auch gegenüber den Kirchen: Im MK sind auf jeden
Fall „wahre Christen“, ihr Dienst rangiert auf übergeordneter
„heiliger“ Ebene, über
den Kirchen. Vieles,
wenn nicht alles bleibt hierbei ungereimt, willkürlich und widersprüchlich,
in der Theorie sowieso, aber auch in der Praxis: Viele MK-Gruppen halten sich
von der Kirchenarbeit völlig fern, beteiligen sich vor Ort aber immer
häufiger bei „überkonfessionellen Aktivitäten“ im Verein mit
evangelikalen und pfingstlerischen Akteuren, die außerhalb jeder ökumenischen
Verpflichtung oft genug gegen die Kirchen agieren. IX. Das Verhältnis des Marburger
Kreises zu den Kirchen
In einem
IDEA-Interview vom 8. Oktober 1997 zum 40-jährigen Jubiläum des MK hat der Vorsitzende
der „Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste“ (AMD) des
Diakonischen Werks der EKD, der Hannoversche Oberlandeskirchenrat Jörg Homann,
den MK „einen Gewinn für die Kirche“ genannt. Eine solche
positive Beurteilung kann nur sehr bedingt nachvollzogen werden. Homanns
Würdigung wirkt irritierend, nicht nur aufgrund der gewachsenen Entfremdung
des MK von allem Landeskirchlichen und seiner immer deutlicheren Profilierung
als evangelikal-charismatisches Eigen-Unternehmen, sondern auch weil der
Auftrag der AMD als Teil des Diakonischen Werks der EKD sich doch zumindest
theoretisch immer noch „stark an die Volkskirche richtet“ –
jedenfalls nach der Satzung. Hier aber
beim MK richtet sich im Prinzip nichts an die Volkskirche, außer einem
elitär-verurteilenden Anspruch der besseren Frömmigkeit und dies genau
genommen auch schon von Anfang an. Auch das, was Emil Brunner 1936 über die
Gruppenbewegung und ihre für die Kirche wichtige Kritik geschrieben hatte,
war schon damals einfach nur Wunschproduktion und Widerschein einer
idealtypischen Überhöhung dieser Form freier Gruppenarbeit außerhalb
jeglicher kirchlichen Struktur. Wer das Kreuz Christi, und das heißt immer
auch: wer das Leiden an der Kirche nicht aushält, wirft sich, wie so oft,
viel zu schnell auf all das, was angeblich passgenau die kirchlichen Defizite
an Gemeinschaftsarbeit auffangen würde: „Sie (die Gruppenbewegung; R.Z.)
weiß sich als Bundesgenosse jeder Kirche und Gemeinschaft, der es ernstlich
darum geht, die Botschaft von Jesus Christus zu verkünden und Menschen nach
dem Taufbefehl ‚zu Jüngern zu machen’ ... gerade weil sie das
Recht der ‚Kirchen’ anerkennt, will sie sich selbst keine eigene
Organisation geben, die irgendwie kirchen- oder sektenähnlichen Charakter
hat“[li]. Doch ein
zu den Kirchen hin wirklich komplementäres oder theologisch wirklich
anschlussrationales Selbstverständnis sucht man beim MK vergebens – und
dies von Anfang an. Der MK ist, mit Recht unterstellt, aus rationalem Kalkül
Mitglied in der AMD geworden, wie andere evangelikal-fundamentalistische oder
charismatische Gruppen auch, die „die Gaben des Heiligen Geistes“
oder Prophetie und Heilung betonen und den christlichen Glauben auf diese
Weise besser als die Kirchen „materialisieren“ möchten. All diese
Gruppen arbeiten in dieser Abteilung des Diakonischen Werkes der EKD mit,
weil sie wissen: Hier sind sie vor Kritik aus den Kirchen sicher. Die AMD
ist kein Instrument der kritischen Auseinandersetzung. Sie geht mit den
Normen und Zielsetzungen ihrer Satzung relativ freizügig um und bietet
deshalb vielen eine rein nominelle Mitarbeit im „Diakonischen Werk der
EKD“, ohne den Nachweis echter Leistung oder Gegenleistung
theologischer oder diakonisch-materieller Gehalte zu prüfen oder einzufordern.
Schon manche anderen problematischen Gruppen hatte schon vorher die AMD
aufgenommen und ihnen z.T. damit auch die gesuchte öffentliche Reputation
ohne eine genauere Prüfung gegeben. Erst ab
1988, als der pfälzische Vertreter Karl Börner die Satzungsänderung mit der
nunmehr geheimen Abstimmung über Aufnahmeanträge durchsetzte, wurden
bezeichnenderweise einige Aufnahmeanträge nun plötzlich auch abgelehnt[lii].
Es fehlt hier bei der AMD wie in vielen Kirchengremien generell an Bereitschaft
zur kritischen Beleuchtung christlicher Gruppen wie auch zur Kritik eigener
Institutionen, die sich wie die AMD in seltsamer Weise fast gar nicht auf mehr
wirklich auf diakonische Arbeit beziehen, sondern auf freichristliche
Gemeindegründungen mit problematischen Missionskonzepten. Der MK
hat es deshalb leicht, in dieser ausgeuferten Grauzone uninformierten
Kirchenleuten seine „Mannschaftsarbeit“ als angeblich
„sachgerechte Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben“ zu
verkaufen und die ökumenisch legitimen Forderungen nach genau nachfragbarer
Integration in ein Gesamtkonzept von kirchlicher Arbeit abzuwehren. Die ihm
in der AMD gewährte, doch wohl kaum so fraglos verdiente
„Partnerschaft“ mit den Kirchen hilft verhüllen, dass der MK
selbst schon den Charakter mindestens einer Sonderkirche angenommen hat. Es ist
hier immer noch hilfreich, die den Kern des Problems treffende Kritik
Dietrich Bonhoeffers aus dem Jahre 1944 an solcher Art von „religiöser
Erneuerung“ in Erinnerung zu rufen: „Diejenigen, die hier wie
z.B. Paul Schütz oder die Oxforder oder die Berneuchener die
‚Bewegung’ und das ‚Leben’ vermissen, sind
gefährliche Reaktionäre .... Sie haben überhaupt das Problem noch gar nicht
verstanden und reden gänzlich an der Sache vorbei. Sie haben gar keine
Zukunft (am ehesten noch die Oxforder, wenn sie biblisch nicht so substanzlos
wären)“[liii]. Bonhoeffers
harsches Urteil trifft hier auch den MK, der die geistige Erbschaft und die
Gruppenmethode der „Oxforder“ fortführt, in ziemlich entsprechender
Weise: Die insiderhafte Kollektivierung aller „Mitarbeiter“ durch
einen von der Gruppenmoral jeweils konkretisierten und autorisierten
„göttlichen Willen“ führt eben immer nur zu einer geschlossenen
religiösen Sonderwelt, die sich von niemanden mehr infrage stellen lässt.
Doch wen wundert dies? Wo es keine „kritische Masse“
kritikfähiger und dann vice versa eben auch kritikbereiter Theologen mehr
gibt, wer soll hier dann noch echte Fragen stellen können? X. Wie christlich ist
der „Marburger Kreis“?
Es war und
ist in der neuen Welt reformatorischer Kirchenorganisation seit 500 Jahren
nicht selbstverständlich, neben den „Gemeinden“ wieder so etwas
wie „fromme Gemeinschaften“, also den Ersatz für die christliche
Ordenswelt in protestantischer Fassung zu etablieren und sie mit der
wichtigen und für die religiöse Lebendigkeit der eigenen Mission notwendigen
Funktion der früheren Orden und Kommunitäten auch entsprechend auszustatten
und ihnen damit auch den kirchlichen Sonder-Auftrag zu geben, die
„Durchschnittschristen“ oder „Taufchristen“ zu
Frömmigkeit und glaubensvollem Lebensalltag zu reizen und ihnen dafür auch
Anlaufstellen und menschliche Vorbilder zu geben. Martin
Luther hat dazu nur wenige disparate Ausführungen gemacht. Aber schon der für
Baden, Hessen und die Pfalz so prägende Reformator Martin Bucer, den man mit
Recht den Vater des Pietismus nennt, hat klar und entschieden die Weichen der
Kirchenorganisation auch wieder selbstverständlich für eine der „Kirche
der Mehrheit“ komplementäre kirchliche Gemeinschaftsbewegung ernster
Christen auch durch den praktischen Versuch mit den „Christlichen
Gemeinschaften“ so gestellt, dass auch der MK hier
christlich-theologisch gut begründet anknüpfen könnte, wenn er wollte. Doch der
MK will sich hier nicht anschließen lassen. Sein Christentum ist schon im
Kern ein anderes, ein neomethodistisch säkularisiertes, im Mainstream des neuzeitlichen
Erfolgsdenkens funktionalisiertes und heute auch ein charismatisches, auf
jeden Fall entschiedener denn je irgendwie moralisch bestimmtes Neu-Christentum.
Es bietet dabei aber keinerlei bestimmbare verbale Propositionen, die
theologisch kritikfähig wären. Es hebt zuerst und eigentlich nur auf die
Entscheidung und den Willen der Einzelnen ab und übt in seinen Gruppen eine
Methode des „richtigen Lebens“ ein, die heute eine große Nähe zur
Praxis der „Heiligungsbewegung“ in vielen christlichen Sekten und
Freikirchen hat. Dies alles
wäre nicht zu tadeln, wenn es hier allein um den Glauben an Gott ginge. Aber
der Glaube des MK ist, auf den Punkt gebracht, zuerst der Glaube an die
richtigen Glaubensregeln und Methoden der Bekehrung und Beichte. Die
Mitgliedszahlen zeigen bei allem Auf und Ab eine relative Beständigkeit, weil
die Gruppen-Methode des MK den Bedürfnissen eines bestimmten Segments
religiös Interessierter genau entgegenkommt: Es gibt
eine Anzahl Zeitgenossen, die die Bestärkung der inneren Stimme und ein
gemeinschaftsbestimmtes Gewissen dazu einfach braucht: Eine Gruppenstruktur,
die ihr Verhalten regelt und ihre Erwartungen und Entscheidungen für sie
selbst klar und sicher macht. Wer eine innere Steuerung als Kind oder
Jugendlicher nicht „eingelernt“ hat, wird solches hier
„nachlernen“ können. Dies nützt nicht nur dem Neumitglied
persönlich: Der MK
sieht die öffentliche Rechtfertigung seiner „Mannschaftsarbeit“
jedenfalls auch darin, dass eine letztlich religiös gefestigte und in Gruppen
durchaus leichter zu verfestigende Innerlichkeit die Bindungskräfte der
Gesellschaft erhält – angesichts der gewaltigen Summe restloser Missachtung
gesellschaftlicher Regeln und menschlicher Persongrenzen durch Kriminelle,
Psychopathen und Total-Egomanen auch unter uns ein oft genug persönliches Wunder,
für das man nur dankbar sein könnte, wenn es sich ereignet. Doch es kommt eben
nicht nur darauf an, dass hier „nachgelernt“ wird und mit
welchem Erfolg. Es ist
für die Betroffenen mindestens ebenso wichtig, was genau hier
„gelernt“ wird, d.h. welche Inhalte vermittelt werden und
eben auch wie gelernt wird. Und vor allem ist wichtig, welche
sozialen Verhaltensweisen und welche menschliche Kontrollpraktiken hier
sanktioniert und verbreitet werden und welche Folgen dies für den Einzelnen
wie für die Gesellschaft hat oder haben kann. Hierzu sind freilich viele Fragen
zu stellen, die auch ein Bonhoeffer noch nicht gestellt hat: Sie decken
schwerwiegende kirchliche Distanzen gegenüber dem MK auf und über allem auch
eine theologische Grunddifferenz: „Der christliche Glaube erhebt nicht
in erster Linie den Anspruch, dass er im Gegensatz zu seinen Konkurrenten das
allein gültige Denksystem anbietet. Sein Anspruch ist vielmehr, dass es, wenn
man an der Stelle Christi steht, möglich ist, in solcher Nähe zu Gott zu
leben, dass keine Angst oder kein Misserfolg je Gottes Engagement für uns aufheben
kann“[liv]. Wie kann
man zusammenfassen, was am Konzept des MK christlich wie auch menschlich einfach
problematisch ist? Als Schüler hat der Autor im täglichen Schulgebet 1953 –
das gab es damals wirklich! – noch genau so sprechen gelernt:
„...Gott segne unser Tun und Lassen. Amen“. Ganz anders hat die
Religionsmethode des MK den Ausgangspunkt genau nicht in „Gottes Engagement
für uns“, sondern in „unserem Engagement für Gott“ resp.
„unserem Engagement für eine vollkommene Welt“, genau so wie es der
Vision Buchmans entspricht. Diese außerordentliche
Kombination von Veränderungs-Verheißung und Soll-Methode verdunkelt und
verändert in der Monopolisierung dieses Aktivismus aber die Grundfarbe des
christlichen Denkens und ersetzt die Dynamik des Glaubens als das stets neue
kommunikative Wunder der Überschreitung des Sichtbaren zum Unsichtbaren durch
Psychotechnik und effektive Gruppenzwänge: Was die Dynamik des christlichen
Glaubens aber tatsächlich bewirkt und wovon wir in der Erfahrung ihres
Wunders als Christen freikommen dürfen, hat schon der Kirchenvater
Origenes (185-254) sehr bestimmt zuallererst als „die irdische
Betriebsamkeit“ bezeichnet[lv]. Natürlich
hat auch das reformatorische Christentum über die volkskirchliche Sitte
hinaus immer auch mehr erwartet: eben auch das bewusste Glauben des Menschen.
Es hat zur Vervollständigung des Kirche-Seins jenseits der römischen
Strukturen die von Bucer erarbeitete „Konfirmation“ und die
Vorbereitung dazu eingeführt, ebenso den „Religionsunterricht“
usw.. Es hat den Pietismus als kirchliche Gemeinschaftsbewegung gefördert und
in der Neuzeit wieder auch zur Kirche sich haltende christliche Kommunitäten
gefördert, wo immer es möglich war. Die Verkündigung
der Kirche hat aber niemals „Engagement“, gar
„100%iges“ oder „Mitarbeiter-Sein“ zum Gesetz gemacht
oder das Evangelium als die himmlische Betriebsanleitung zur Weltregierung und
zur Weltoptimierung verstanden. Was der MK als Entscheidung zum Glauben bzw.
als Bekehrung des Einzelnen versteht, ist in der Hauptsache eine
Lebensübergabe an die Religionsmoral dieser Gruppe, die freilich als die
rechte Antwort auf die Probleme der Zeit behauptet wird. Andere Aufgaben, ein
anderes Verständnis von Kirche kommen, wenn es richtig gesehen wird, überhaupt
nicht mehr in den Blick. Der
Geschichtlichkeit kirchlicher Ordnungen wird das angeblich neutestamentliche
Bild entgegengehalten, aber auch dies eben nicht wirklich ernst gemeint: Die
geistliche Frage, die ja auch an die eigene Gruppe geht, ist hier schon
selbst die Antwort: Der MK ist in der Tat selbst eine Art Entscheidungskirche
geworden mit einer typischen, auf Dauerbetrieb gestellten gegenseitigen und
z.T. auch durch Außensteuerung induzierten Bestätigung der Lebensübergabe
ausschließlich innerhalb ihrer Gruppenwelt. Die
unaufhebbare Zweideutigkeit gerade auch einer „religiösen
Erfahrung“ wird im MK offensichtlich konsequent verdrängt. Dass gerade
hier oft eine religiös überhöhte Melange von Gefühlslagen, von Suche,
Sehnsucht und Sucht vorhanden ist, in der Richtiges und Falsches zusammen
eine sehr oft nur noch abenteuerlich zu nennende Bereitschaft zu regressivem
Verhalten auch von gestandenen Erwachsenen entstehen lässt, bleibt zugedeckt.
Niemand
in diesem System übt eine qualifizierte Kontrolle aus. Laien doktern hier an
der Seele von Menschen herum, die weder durch Amt noch durch Ausbildung und
geprüfte Qualifikation dazu ermächtigt oder in der Lage sind, seelischen
Belastungslagen angemessen zu begegnen. Ihre Klientel schützt im kritischen
Fall keinerlei kirchenamtliches Schweigegebot oder Zeugnisverweigerungsrecht.
Ihr mit formaler Macht kombinierter absoluter Dilettantismus einer gerade bis
in den sexuellen Bereich ausgreifenden Seelenausforschung und Menschenlenkung
durch Beichte enthält nicht nur alle theoretischen Möglichkeiten des
Machtmissbrauchs, er ist auch vor sich selbst und d.h. vor dem Hebel der
Missbrauchsverstärkung nicht geschützt: Es gibt
keine Supervision, keine Überprüfung der Inhalte und Praktiken von außen und
keine Möglichkeit für Betroffene, sich dem System der Ausfragung und der Kontrolle
durch die Gruppe zu entziehen oder irgendwo zu beschweren. Wie sollte dies
auch nur denkbar sein, wenn die Gruppe angeblich „besser als der Einzelne“
sogar den konkreten Willen Gottes für den Einzelnen erkennen kann? Wir
müssen dem MK freilich zugeben: Der Gruppen-Autoritarismus des MK
funktioniert in seiner Begrenztheit bei dieser Zielgruppe, weil eben nicht
wenige die Befreiung von Ängsten und Nöten in dieser „Mannschafts-Gruppe“
tatsächlich erleben. Berichte bezeugen, dass Suchende oft zum ersten Mal in
ihrem Leben in der Gästetagung in der Vorführung durch eine bekannte,
angesehene „Schlüsselperson“, oder dann in der
„Mannschaft“ bei ihren Gruppenpartnern und dann auch bei sich
selbst einen persönlichen Glauben erleben, der eine Kraft zu endlich klaren
Entscheidungen zu beinhalten scheint. Sie haben
damit nun eine Art Vorbild und seelisches Geländer für ihre Zukunft zugleich
erhalten. Sie sind zunächst einmal selbst auch wirklich „ergriffen“,
zumindest von der Gruppe, auch wenn sie es anders deuten, und sie öffnen sich
für Gemeinschaft. Sie erleben gleichzeitig die Hingabe eben auch anderer in
der Gruppe und vor allem auch die Überzeugungsgemeinschaft mit vielen in den
Tagungen und sind dadurch noch einmal auch durch die gruppenpsychologischen Effekte
gebunden, aber deshalb zugleich dadurch immer auch in ihrem Gewissen begrenzt
und beschwert: Denn die
Tatsache, dass jeder Mensch auch ein eigenes und vielleicht doch sehr
bestimmt geprägtes Leben hat und kaum ganz verlieren muss, kommt hier
überwiegend oder nur noch durch das Medium der Einordnung eines Menschen und
seiner besonderen Individualität in den Dienst als „Mitarbeiter“
der Gruppe zur Geltung. Taucht sie dennoch irgendwo als persönliche
Bedürfnislage wieder auf, wird sie, wie die Erfahrung vieler Betroffener zeigt,
fast automatisch mit der ganzen Gruppen-Macht kommunikativ planiert oder
ausgeschlossen. Wo aber die menschliche Öffnung und das absichtliche
Loslassen fehlt, das alle neue „Erfahrung“ wieder in eine eigene
Auseinandersetzung mit der Umwelt führt, wo in religiöser Selbstermächtigung
ungeniert „in geistlicher Vollmacht“ Persongrenzen überschritten
werden, sind dann in der Regel auch keine intellektuellen und personellen
Instrumente mehr da, diesen „geschlossenen“ Umgang mit Menschen aufzulösen. Wir
müssen deshalb dem MK grundsätzlich vorhalten: Überall wo die Lebenswirklichkeit gespalten wird in
„Bekehrte“ und „Nichtbekehrte“, in
„Gläubige“ und „Ungläubige“, dort verschmelzen das
„In-der-Gruppe-sein“ und die Glaubensentscheidung, Bekehrung oder
Lebensübergabe blitzschnell zu einem religionstotalitären Gesamten, das seinen
Veranstaltern und „Nutzern“ zwar als der heile Raum Gottes
erscheinen mag, aber nicht als das, was es beim MK unvermeidlich vor allem
anderen immer auch ist: ein rein menschlicher Versuch, ein gefährliches
religiöses Experiment mit riskant offenem Ausgang für jeden Einzelnen. Denn
der MK hat genau dieses bei sich nicht vorgesehen: das legitime Scheitern des
Mitgliedschaftsversuchs. Es gibt bei ihm keinen geistigen Raum dafür, weil
ein Scheitern immer im Bereich der ja irgendwie noch vorhandenen Freiheit
eines Menschen liegt, die im MK aber letztlich allein die Gruppe kontrolliert.
Diese Freiheit ist für den Einzelnen zwar durch Erziehung und Lebensumstände
selbst immer schon sehr stark begrenzt, aber sie kann, wo sie als Frage,
Distanz oder eben auch als persönliches „Nein“ in Anspruch
genommen wird, für den Einzelnen selbst stets etwas restlos Positives sein.
Wo Scheitern aber etwas christlich bzw. moralisch Negatives ist, muss gefragt
werden: Was haben die vielen tausend Menschen, nämlich die „85 %“
Teilnehmer, die einmal für einige Zeit dabei waren und heute nicht mehr, die sich
an die intensive Beicht-Seelsorge und Seelen-Berichterstattung dieser Leute
auslieferten, wirklich davon gehabt? Eine positive Erfahrung ihres dort
erzeugten seelischen Outings? Wohl kaum: Es bleibt bei solchen Dingen immer irgendeine
Beschämung oder seelische Verletzung zurück, die verdeckte Distanzen erzeugt.
Erlebten sie eine zutreffende „Bemessung“ ihres Glaubens? Eine
christliche Schulung in Sachen Sünde und Moral? Auch dies nicht: Sie sind in
großer Mehrheit nicht mehr beim MK dabei, weil sie fast alle den über allem
Positiven liegenden Kontrollzwang gespürt haben, die Verengung und den
„Zyklus des religiösen Missbrauchs“ im Anspruch, die Seele eines
Menschen „wirklich“ ausforschen zu müssen. Und es bleibt bei
nicht wenigen Aussteigern eben doch ein Trauma zurück, und viel zu oft auch
ein fürchterliches, kaum mehr heilbares Schuldgefühl, die religiöse
Umklammerung der MK-Gruppe vielleicht doch zu Unrecht (?) abgeschüttelt zu
haben – wie bei vielen Sektenaussteigern. Zurück bleibt bei fast allen wieder Ausgetretenen
eine tiefreichende religiöse Verunsicherung: Was sie von ihrem Ausflug in die
Lebens-Welt des MK behalten haben, ist auf jeden Fall ein in der Wahrnehmung
der Kirche schiefes Bild vom christlichen Glauben und vermutlich öfter als
wir wissen auch die endgültige Abkehr von ihm. Wer die Arbeit des MK freilich dennoch überwiegend
im Positiven sehen will darf nicht verdrängen: Auch beim MK sind eben vielfach
mehr Menschen gewesen, die ihn wieder verlassen haben als solche, die
blieben. Der daraus resultierende seelische Schaden für die Betroffenen (wie
indirekt auch der Schaden für die Kirche, weil es meist gerade religiös
sensible Kirchenmitglieder sind, die in den MK gerieten) hängt ein Stück weit
auch daran, dass für den MK die geistlich ja völlig dekadente gewordene Kirchenwelt
als Teil der unerlösten Welt unter der Herrschaft des Satans gilt, mit der im
Prinzip aus Glauben letztlich doch innerlich zu brechen ist: Die Erwartung,
dass der MK für die Kirche dazusein hätte, ist in den meisten MK-Gruppen offenkundig
überhaupt kein Gedanke. Nur ein geringer Schritt liegt dann zwischen
kritischer Distanz und mindestens subtiler Verteufelung des kirchlichen
Systems, das in seiner „Vermischung mit dem Unglauben“ eben genau
so wie bei vielen Gruppen der Heiligungsbewegung sehr schnell als dem Bösen
untertänig abgetan wird: Der MK weiß ganz offensichtlich nichts mehr von dem
anderen auch der Kirche, z.B. vom unerhörten Leistungsvorteil der Kirchenwelt gegenüber den
ethisch-ideologischen Maximalisierungen des MK. Dieser Unterschied kann dem
MK deutlich machen, dass die immer offen bleibende Struktur der kirchlichen
Arbeit nicht nur systematisch religiösen Missbrauch verhindert, sondern auch
ein einzigartig nach außen hin produktiv wirkendes kritisches
Selbstverhältnis zur eigenen Religionsinstitution ermöglicht und in der offen
bleibenden Kommunikation das Entstehen von „Glauben als
Gottvertrauen“ nicht konterkariert. Denn die
im Evangelium begründete kirchliche Kultur der Kritik und Selbstkritik, die
auch der nicht evangelikalisierte, kirchlich gebliebene Pietismus noch einmal
großartig perfektionierte, ist und bleibt bei allen praktischen
Unglücksfällen in Kirchenverwaltung und Kirchenleitung das Plus auch der
reformatorischen Kirchenwelt gegenüber allen neuchristlich oder
nachchristlich gestylten „frommen Bewegungen“ und
„geistlichen Erneuerungsgruppen“. Denn nur diese besondere
anspruchsvolle Kirchen-Kultur, die im Christentum von Anfang an auch der
Denkarbeit ihren Platz und ihre Achtung gab, hilft, „die wechselseitige
Steigerung der Aktivitäten“[lvi]
von Amt, Gemeinde und Gemeinschaften zur Daueraufgabe auch aller kirchlichen
Kommunikation zu machen. Diese
Daueraufgabe schließt dann auch im protestantischen Kirchentum sowohl den
passiven Kirchenchristen, das „rechnerische Mitglied“, als auch „Gemeinschaften,
die vollkommen sein wollen“, selbstredend ein. Sie dient ihnen,
wie den Gemeinden, und kann sie in der Besonderheit ihrer Frömmigkeit wie
auch in ihrer menschlichen Begrenztheit nach innen und außen hilfreich begleiten
und ihr Dasein erst so fruchtbar machen. Auch der MK wäre eingeladen eine
solche Gemeinschaft mit und in der Kirche zu sein, nicht ohne oder gegen sie.
Doch dazu müsste freilich viel geschehen, was derzeit allerdings nicht am
Horizont ist.
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[i] Vortrag Kaiserslautern-Dansenberg 16. April 2007, ergänztes Manuskript.
[ii] Vgl. bei Martin Sallmann: Umstrittene Erweckung. Die Oxfordgruppe in der Schweiz (1932-1938), in: ThZ (Basel) 65. 2009, 1-21, 6.
[iii] Marburger Kreis e.V.: Über die Arbeit des Marburger Kreises, Selbstvorstellungs-Papier vom 5.6.1991, Blatt 1.
[iv] www.marburger-kreis.de 15.1.2007.
[v] Karl Barth: Kirche oder Gruppe?, in: Evangelische Theologie 3. 1936, 205-213, 213.
[vi] Barth aaO..
[vii] Vgl. bei Jens Holger Schjoerring: Moralische Aufrüstung und westeuropäische Politik bis 1954, in: ZGK 87. 1976, 65-100, 65.
[viii] Bei Schjoerring aaO..
[ix] Bei Schjoerring aaO. 97.
[x] Auch der zum missionarischen Fundamentalismus der „Brüdergemeinden“ zu rechnende Christoph Stenschke räumt in seinem Aufsatz über „Ursprünge und Gestalt der Evangelisation in den paulinischen Missionsgemeinden in: European Journal of Theology 15.2006, 125-134, ein: dass „Paulus es vernachlässigt oder gar vermeidet, alle Gläubigen als Menschen zu beschreiben oder anzusprechen, die das Evangelium verkündigen“ (129). Stenschke bezieht sich hier auf die Beschreibung der “two-fold expression of mission-commitment” bei Paulus im Werk von John P. Dickson: Mission-Commitment in Ancient Judaism and in the Pauline Communities: The Shape, Extent and Background of Early Christian Mission, Tübingen 1993 (85). Stenschke akzeptiert die „deutlich werdende Zweiteilung zwischen Lehrern und Gemeinde“ (128), die dazu führt: „Die Bekehrten sind nicht automatisch Mitarbeiter mit gleichem Verkündigungsauftrag. Wie in der jüdischen Mission auch gilt innerhalb der Organisation der christlichen Gemeinden das Prinzip verschieden gestufter Missionsverpflichtungen. Das Gemeindeglied hat hier eine „finanzielle Missionsverpflichtung“ – nicht mehr. Für die christliche „Propaganda“ waren Konfessoren und Märtyrer-Missionare zuständig, ab dem dritten Jahrhundert im Prinzip vor allem die Mönche und Nonnen. Paulus hat sich „mit dem Verständnis seiner eigenen Mission und der seiner Mitarbeiter sowie der Rolle seiner Gemeinden in der Verbreitung des Evangeliums am Vorbild der frühjüdischen Diasporagemeinden orientiert“ (132), das die Mission hauptberuflichen „Missionaren“ anvertraute, die dafür besonders „berufen“ waren. Sehr wichtig ist, dass Stenschke daran erinnert, dass Jesus wie Paulus „keine allgemeinen Missionsappelle an alle Nachfolger über den Jüngerkreis hinaus“ gerichtet haben und dass der berühmte „Missionsbefehl“ aus dem Matthäusevangelium „nur an die zwölf Jünger gerichtet (ist) und in der Rezeptionsgeschichte auch lange so verstanden (wurde)“ (133). Paulus hat „systematisch Missionsmitarbeiter gesucht und eingesetzt“ – und sie dafür auch besonders qualifiziert. Eine besondere Verpflichtung der Gemeinden bzw. des einfachen Christen und Gemeindemitglieds zur Missionstätigkeit gibt es nicht. Für den „Normalchristen“ gilt: eine finanzielle Beteiligung an den gemeinsamen Lasten auch in der Mission, die Beteiligung am Gottesdienst, die Bemühung um ein vorbildliches Leben in der (heidnischen) Umwelt. (134).
[xi] Vgl. Stuart Mews: Art. Moralische Aufrüstung, in: TRE Bd. 23, 1994, 291-294, 294. In diesem TRE-Artikel fehlen wichtige Literaturhinweise, z.B. auch der Hinweis auf Karl Barths Aufsatz zur Gruppenbewegung von 1936.
[xii] Bei Schjoerring aaO. 85.
[xiii] Marburger Kreis e.V.: Die geistliche Ausrichtung unserer Arbeit, Mitarbeiterbrief Nr. 24, Oktober 1995, 1.
[xiv] Vgl. bei Sallmann aaO. 5.
[xv] Frank Buchman: Völker die nicht denken wollen. Eine Welt-Rundfunkansprache 4., Juni 1956, verlegt beim Bücherdienst der Moralischen Aufrüstung Bonn 1956, 10.
[xvi] Bei Sallmann aaO. 5.
[xvii] Paul Tillich, Ende der Protestantischen Ära? Teil II, in: ders.: Der Protestantismus als Kritik und Gestaltung, Schriften zur Theologie, Bd. I, Stuttgart 1962, 159-170, 164. Ganz ähnlich wie Tillich verstand auch Emil Brunner „die Oxfordgruppe geradezu als Pendant zur ‚Dialektischen Theologie‘ Wie jene die Dogmatik erneuern wollte, sollte diese der Pastoraltheologie, der Seelsorge dienen“, so Emil Brunner an Karl Barth 16.1.1933, vgl. dazu bei Sallmann aaO. 17.
[xviii] Oscar Schellbach: Mein Erfolgssystem, 2. Aufl. Hamburg 1928, 11.
[xix] Karl Barth: Das Problem der Ethik in der Gegenwart, in: Ders.: Das Wort Gottes und die Theologie, München 1925, 125-155, 139.
[xx] So sehr treffend der dänische Theologe Knud Hansen 1935 zum Oxfordismus (vgl. bei Schjoerring aaO. 68).
[xxi] Martin Marty bei Klaus M. Kodalle, Zivilreligion in Amerika: Zwischen Rechtfertigung und Kritik, in Klaus M. Kodalle (Hg.): Gott und Politik in den USA. Über den Einfluss des Religiösen. Eine Bestandsaufnahme, Frankfurt 1988, 19-73, 44.
[xxii] Bei Kodalle aaO. 47.
[xxiii] So Thielicke in: Die Schuld der Anderen. Ein Briefwechsel zwischen Helmut Thielicke und Hermann Diem, Göttingen 1948, 22.
[xxiv] Bei Sallmann aaO. 14f.
[xxv] So bei Sallmann aaO. 15.
[xxvi] DER SPIEGEL, 13. Oktober 1954, 25.
[xxvii] Vgl. bei Sallmann aaO. 6.
[xxviii] Curt Georgi: Christsein aus Erfahrung. Von der Gruppenbewegung zum Marburger Kreis, Gladbeck 1970, 11.
[xxix] Georgi aaO. 15. Auch die ältere, vom Arbeitskreis Religiöse Gemeinschaften der VELKD 1996 herausgegebene Stellungnahme zum MK von Wilhelm Knackstedt sah noch die Arbeit des MK „innerhalb der Kirchen“ (6) – schon damals freilich eine systemische Fehleinschätzung, die die Einbeziehung z.B. der Erfahrungen der ESG-Studentenpfarrer mit den zahlreichen MK-Aussteigern vermieden hätte.
[xxx] Vgl. Michael Plathow: Protestantisch Christsein des Dritten Reformators, in: Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts (MdKI) 6/2001, 107-110; Gottfried Hammann: Die ekklesiologischen Hintergründe zur Bildung von Bucers ‚Christlichen Gemeinschaften’ in Straßburg (1546-1548), in: ZKG 105.1994, 344-360.
[xxxi] Zu Wicherns christlichem Elite-Verein vgl. bei Erwin Meißner: Der Kirchenbegriff Johann Hinrich Wicherns, Gütersloh 1938, 202-214.
[xxxii] Bei Georgi aaO. 23.
[xxxiii] Bei Georgi aaO. 27.
[xxxiv] Arthur Richter: Auf der Suche nach Freiheit. Freundesbriefe, Wuppertal 6. Tabu-Auflage 1964, 130f (21. Rundbrief: Vom gehorsamen Leben).
[xxxv] Arthur Richter: Die Entscheidung, 113.
[xxxvi] Richter aaO.
[xxxvii] Curt Georgi und Hartwig Thieme: Christsein mit Erfahrung. Die Geschichte des MK, Wuppertal 2001, 47.
[xxxviii] Bei Georgi aaO. 48f.
[xxxix] Bei Georgi aaO. 49.
[xl] Georgi/Thieme 49f.
[xli] Georgi/Thieme 49.
[xlii] Georgi/Thieme 58.
[xliii] Georgi/Thieme 72.
[xliv] Georgi/Thieme 82.
[xlv] Georgi/Thieme 83f.
[xlvi] Georgi/Thieme 88.
[xlvii] Marburger Kreis e.V.: Die geistliche Ausrichtung unserer Arbeit. Mitarbeiterbrief Nr. 24, Oktober 1995, 9.
[xlviii] Georgi/Thieme 126.
[xlix] Georgi/Thieme 125.
[l] Georgi/Thieme 139.
[li] Emil Brunner: Die Kirchen, die Gruppenbewegung und die Kirche Jesu Christi, Berlin 1936, 45.
[lii] So Karl Börner in einem Gespräch mit dem Verf. am 16.2.2007.
[liii] Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. von Eberhard Bethge, München 1964, 220 (vom 8. Juni 1944).
[liv] So der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, am 28.7.2004 bei der Weltkonferenz von „Faith and Order“ des ÖRK in Kuala Lumpur, abgedruckt bei: Michael Plathow: Ökumenischer Lagebericht 2006, Beilage zum MdKI 57 (2006), IX.
[lv] Vgl. bei H.J. Sieben: Ausgestreckt nach dem was vor uns ist. Geistliche Texte von Origenes bis Johannes Climacus, Trier 1998, 33.
[lvi] Vgl. bei Michael M. Schönberg: Repräsentanten der Kirche oder Zeugen des Wortes?, in: DPfbl 105.2005, 356-361, 357.