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Uwe Schneider |
1 Der (wort-)geschichtliche
Hintergrund der „visor“
Das
schwedische Wort „visa“ bedeutet nach dem schwedischen Wörterbuch des
Bonnier-Fakta-Verlages von Sten Malmström: Ein ungekünsteltes strophisches
Gedicht mit leicht zu singender Melodie.
Nach Georg
Fröströms „Synonym Lexikon“ hat das Wort „visa“ zwanzig Synonyme in der
schwedischen Sprache, wobei meines Erachtens die Worte „folkvisa“ (Volksweise)
und „ballad“ (Ballade) dem am ehesten entsprechen, während Wörter wie
„antifoni“ oder „responsorium“ eher dem geistlichen Gesang zuzuordnen und somit
keine echten Synonyme im engeren Sinne sind.
Norstedts
ethymologisches Wörterbuch betont den gemeinsamen germanischen Ursprung des
Wortes und die Verwandtschaft mit dem isländischen Wort „vísa“. Die
ursprüngliche Bedeutung war wohl „(Art und) Weise zu singen“. Der gleiche
Wortstamm ist auch im Norwegischen und Dänischen (sowie im Niederländischen und
Friesischen) zu erkennen. Die frühste Bedeutung des Wortstammes „vi(s)“ lautete
in etwa: Die Art, wie man etwas sieht (Ergänzung des Verfassers: und wie bzw.
auf welche Weise man es dem entsprechend im Gesang oder mit Gesang ausdrückt).
In Schweden
selbst gibt es ein schwedisches Weisenarchiv (Svenskt visarkiv), das die
schwedischen Volksweisen, Balladen, Burlesken und andere Arten von schwedischer
Volksmusik erfasst. Das schwedische „Visarkiv“ (www.visarkiv.se) hat sich nach
eigenen Angaben zur Aufgabe gemacht die im Folgenden aufgeführten Materialien
einzusammeln, zu bewahren, wissenschaftlich zu bearbeiten und zu publizieren:
- alte
handgeschriebene Liederbücher, handgeschriebene Notenhefte oder Jazznoten;
- gedruckte
Liedersammlungen, Liederhefte oder Jazzschallplatten;
-
Informationen, Bilder und anderes auch persönliches Material im Bereich
Volksmusik oder Jazzmusik.
Dabei geht
es um die Bereiche volkstümliche Lieder und andere ältere Weisen, um
instrumentale Volksmusik, ältere Populärmusik und schwedischen Jazz.
Bewusst
nennt sich das „visarkiv“ nach dem ursprünglichen schwedischen Wort für
„(Volks-)Weise“. Was eine „visa“ ist, ist schwer zu beantworten. Das Wort
„visa“ wurde nämlich – nicht nur in Schweden, aber dort auch – zu
unterschiedlichen Epochen und Zeiten von den unterschiedlichsten Menschen sehr
verschieden gebraucht.
Der
Terminus „visa“ (Plural: „visor“) verweist, um hier den kleinsten gemeinsamen
Nenner zu beschreiben, auf einen gesungenen Text, gewissermaßen ein Gedicht mit
einer Melodie. Wenn Menschen in Schweden von „visor“ gesprochen haben, dann
haben sie dabei selten an romantische Gesänge oder Kirchenlieder gedacht, auch
wenn beispielsweise das das evangelische Gesangbuch ergänzende Liederheft im
Schwedischen „Psalmer och visor 76“ heißt. Sie dachten dabei eher an
volkstümliche melodieunterlegte Strophen in ganz einfacher Form und in
einfachem Stil.
Die
schwedischen „visforskare“ (Weisenforscher) sind mittlerweile der Auffassung,
dass bestimmte Volksweisen zu ganz bestimmten Gelegenheiten entstanden sind,
selbst wenn man den eigentlichen Erfinder oder „Verursacher“ eines Liedes oder
einer textbelegten Melodie nicht mehr benennen kann. Die moderne Forschung nennt
daher in Schweden alle anonym (gebliebenen) Lieder „traditionsvisor“,
Traditionsweisen.
2. Richtungsweisend,
traditionsverändernd und prägend: Carl-Mikael Bellman
Einen
ersten lyrischen Barden, der sich um die schwedischen „visor“ in besonderer
Weise verdient gemacht hat, gab es in der Zeit des Rokoko in Schweden. Carl
Mikael Bellman (1740-1795) versah seine Gedichte mit Melodien und trug sie
selbst zur Laute vor. Anfangs religiöse Gedichte schreibend, entwickelte er
bald Bibelparodien (am bekanntesten wohl sein „Gubben Noach“ / Onkelchen Noah),
später dann mehr weltliche, ja manchmal derbe Parodien. Im Laufe der späten
Jahre wurden seine Weisen feinsinniger und ausgefeilter. Einerseits die
Tradition des schwedischen Volksliedes aufgreifend, gab er andererseits seinen
„visor“ doch eine eigene lyrische Qualität. In einer Mischung von rokokohafter
Leichtigkeit und realistischer Darstellung schuf er neues Liedgut, das die
schwedischen Barden des 19. und 20. Jahrhunderts wie beispielsweise Evert Taube
und Cornelis Vreeswijk , aber auch die Schlagersänger und Jazzmusiker der 70er
und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts wie Ale Möller, Lena Willemark, Georg
Riedel sowie die Pop-Gruppe ABBA aufnahmen, die sich zumeist ganz bewusst in
manchen ihrer Lieder auf Carl-Mikael Bellman beziehen.
Gunar
Wennerbergs „Gluntare“ (Schwärmerisches Duett über das Studentenleben in
Uppsala um 1850, gesungener Dialog zwischen dem Magister [Bariton] und dem
Glunten [Bass]), Birger Sjöbbergs „Fridas visor“ (1922/1929), Evert Taubes
Lieder über Fritjof Andersson und Rönnerdal (1942), Ulf Peder Olrogs
Liederzyklus über Rosenbom (1945-1951) oder Cornelis Vreeswijks Weisen über
Fredrik Ǻkare, Polaren Per und Celcilia Lind (zwischen 1964 und 1987)
wären undenkbar ohne „Fredmans Epistlar“ von Bellman! (Hägg, S.162)
Auch in der
schwedischen Literatur scheint so manches Mal Bellman wieder aufzuerstehen –
wie er leibt und lebte. In Roman „Gösta Berling“ von Selma Lagerlöf lesen wir:
„Diese elf hatten alle die Jugend hinter sich, ja mehrere sogar die Schwelle
des Alters schon überschritten, aber in ihrer Mitte gab es einen, der erst
dreißig Jahre zählte, und dessen geistige und körperliche Kräfte noch
ungebrochen waren. Das war Gösta Berling, der Kavalier der Kavaliere, der für
sich allein ein größerer Redner. Sänger, Musiker, Jäger, Zecher und Spieler war
als die andern alle zusammen“(S. 37). Hier steht wahrhaft Bellman vor uns,
Künstler, Genie und Trunkenbold zugleich. (Ein neueres Beispiel für Bellmans
Einfluss auf die schwedische Literatur ist Ulf Lundells Debutroman „Jack“ von
1976, der sich ausdrücklich auf Bellman bezieht).
„Blaue Nase
im roten Feld“, einen solchen Orden verleiht Bellman in einem Singspiel 1766
dem Brauereibesitzer Meisner, da „er kaum anders als besoffen angetroffen wurde“.
Derbe Parodien sind anfangs Bellmans Kennzeichen. So stiftete er im selben Jahr
den Bacchusorden, dessen einziges Mitglied er selbst war, und zelebrierte
singend im Freundeskreis die Aufnahme von Mitgliedern, gezeichnet nach
Personen, die wirklich existiert haben, aber durch verschiedenste Ursachen zu
Säufern geworden sind. Genie und Wahnsinn haben selten so nahe beieinander
gelegen wie in Bellmans Person.
Umso
prägender ist er in einer schwedischen Gesellschaft geworden, die im Laufe der
Jahrhunderte den Kompromiss zur gängigen Gesellschaftsform bzw. -norm
entwickelt hat und selten verquere und zugleich geniale Köpfe hervorgebracht
hat (vgl. dazu das Kapitel: Kaffee und Konsens, S.111ff in Bührig).
„Schwankender schatten, zechlust im
blick,
Schwörend auf Bacchi frohe fahnen;
Zunge von Branntwein schwammig und
dick:
Das, mein vater, sind deine manen.
Freia und Bacchus umschweben ihn
licht,
Movitz, so bette mich still auch und
schlicht
– dann in der Gruft meiner ahnen.“
(Bellman:
Epistel 27, in: Oberholzer S.76)
In Bellmans
„epistlar“ ist die Musik raffinierter mit dem Text verwoben als in den Bacchi
Orden oder seinen frühen Bibelparodien. Die Titelfigur der „epistlar“,
Hofuhrmacher Fredman, ist zwar ebenso wie andere Gestalten Bellmanscher
Dichtung ein Trunksüchtiger, aber im Ganzen wärmer und gnädiger beschrieben wie
die Gestalten aus den Bacchi Orden. Hofuhrmacher Fredmans Niedergang versteht
sich durch eine unglückselige Ehe:
„Lieblicher busen, reizender schoß,
/
Blühender leib, nun todes beute /
(…) Beide nun ruhen im tode vereint
(…) sing, wenn auch das auge weint –
Dort wo zypressen man streute.“ (Oberholzer, S.76).
Bellman
selbst hat die Wortkunstwerke mit – eigener oder sorgfältig aus fremden Werken
ausgewählter und arrangierter – Musik versehen und sie selbst zur Laute
vorgetragen. Rhythmisch-melodische Gesamtkunstwerke mit schauspielerischen und
lyrisch-poetischen Elementen entstanden, die bis heute Vorbild und Ansporn für
viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler geworden sind.
Mit dem
jüdischen Dramatiker und Dänen Henrik Hertz (1798 bis 1870) fand Bellman aber
auch außerhalb Schwedens Nachahmer und Nachfolger. Hertz bewies seine
lyrischen, aber auch musikalischen Begabungen in dem Liederzyklus „Erindringer
fra Hirscholm“ (Erinnerungen von Hirscholm [Paul S.105]).
3. Sammelausgaben schwedischer Visor
a. Christina Mattson
Eine
besonders intensive Darstellung der Geschichte der schwedischen Volkslieder und
Weisen hat in den vergangenen Jahren Christina Mattson unternommen. Sie hat in
ihrer „svensk vishistoria“ (schwedischen Weisengeschichte) aus dem Jahre 2004
mit dem Titel „Sjung“ (Sing/Singt!) nach eigenen Angaben eine betont
persönliche Auswahl schwedischer Weisen vorgenommen ohne Anspruch auf
Ausgeglichenheit, wie sie sagt. Sie schöpft dabei aus über dreißig zumeist sehr
umfangreichen Werken schwedischer Balladenbücher, gebraucht Literatur aus der
Mitte des 19. und aus dem 20. Jahrhundert.
Sie
verwendet sowohl lokale Sammlungen (z.B. Visor från Dalarna, Weisen aus der
Provinz Dalarna) als auch „Wiegen“- „Kampf“-, „Eisenbahnarbeiter“-, „Segel“-
und Prositweisen. Dazu hat sie, wie das Literaturverzeichnis beweist, auch
Sammlungen mit dem Titel „Weisen zum Erröten“, „Deftige Lieder“ oder „unsere
schlimmsten und hässlichsten Weisen“ eingesehen und verwendet. Christina
Mattson war langjährige Radiomitarbeiterin und ist mittlerweile auch im
Verwaltungsrat des Nordischen Museums in Stockholm (biographische Angaben aus:
www.bokrecensioner.se/9127355748).
b. Ingemar Hahne
Ingemar Hahne
hat in seinem Sammelband „Unsere schönsten Weisen und Balladen“ darauf
hingewiesen, dass der Titel seines umfangreichen Buches wohl nicht ganz
zutreffend ist, weil man die schönen schwedischen Weihnachtslieder und
geistlichen Lieder nicht vergessen darf. Hahne spricht von einem „Meer von
Balladen“, in dem er bei seiner Auswahl geschwommen ist und in das er gar nicht
mal so tief tauchen musste, weil der Traditionsstrom der skandinavischen Weisen
so dicht und intensiv war. Er betont die Aufgabe solcher Sammlungen, die dazu
beitragen sollen, diese Weisen für die nachfolgenden Generationen zu bewahren.
Ingemar
Hahne hat zudem einen Sonderband mit den „lustigsten“ Weisen und Burlesken
herausgegeben. Er hat die Weisen jeweils Kapitelweise nach Verfassern gesammelt
und zusammengestellt. Wichtigster Anhaltpunkt war für ihn, dass eine Weise
unbedingt lustig sein musste. So findet der geneigte Leser in diesem Sammelband
einige Extrakapitel mit den Titeln „Einfache Verschmitztheiten“ oder
„Volkstümliche Verschmitztheiten“.
Ein
besonderes Bonbon für den deutschkundigen schwedischsprachigen Leser ist
beispielsweise das Lied „Bär ner mej till sjön“ („Trag mich runter zum See…oder
besser gesagt: Lass mich runter ins Meer“), eine schwedische Nonsensübersetzung
des ursprünglich jiddischen Textes „Bei mir bist du schön“.
Um die
überschäumende Flamme des Herzens in irgendetwas Flüssigem zu löschen singt der
Sänger den einzigen Gedanken, den er noch denken kann: Lass mich runter ins
Meer, ich fühle, dass ich da rein muss. Und wenn du mich gebadet hast, dann
trockne mich, und wenn du mich getrocknet hast, so möchte ich wieder ins
Wasser. Lass mich runter ins Meer… usw. Und der Sänger trällert in den
folgenden Versen, wie sehr er immer wieder baden muss, im Frühling, im Winter und
überhaupt … und dass sein Kopf so schwer ist und er nicht weiß, wer ihn ins
Bett gesteckt hat (S. 254).
Oft geht es
in diesen humorvollen Weisen um wirklich eigenartige Anliegen, die die Menschen
zum Schmunzeln und Lachen angeregt haben. So singt ein Junge, dass ihm seine
Mutter die gerissene Hose doch mit Igelhaut flicken möge. Die Mutter aber dreht
beim Nähen die Igelhaut verkehrt herum, mit den Stacheln nach innen. Folglich
muss der Junge leiden (S. 336).
Oder ein
Bauer, der von einem Raben gebissen wurde, stellt aus dem Raben Kerzen,
Pantoffeln, ja selbst ein großes fahrtüchtiges Schiff her, um seiner Frau zu
beweisen, dass er wirklich von einem Raben gebissen wurde, weil sie ihm dies
nicht glaubt (S. 338).
c. Tage Nilsson/Klas Ralf
Tage
Nilsson und Klas Ralf haben in ihrem „Grünen Weisenbuch“ (Gröna visboken)
betont, dass sie religiöse Lieder und Kinderlieder auslassen, da diese in
anderen Sammlungen gut zu finden sind. Sie haben etwa 275 schwedische Weisen
nach dem ABC zusammengestellt und fünfzig ausländische, vor allem
skandinavische Weisen im Originaltext hinzugefügt.
Sie
betonen, dass sie dabei auf die übliche Einteilung in „Seemannsweisen“ und
„Liebesweisen“ oder „Spielmannsweisen“ verzichten, die sie nicht für hilfreich
halten. Die Auswahl ihres Buches haben sie aus mehreren tausend Weisen
zusammengestellt, die ihnen laut Vorwort vorlagen. Mir ist aufgefallen, dass
die beiden Verfasser mit dem „Midsommardans“ (Mittsommertanz) von Anders Zorn
ein besonders hübsches und „typisches“ schwedisches Gemälde gewählt haben.
Immer wieder werden volkstümliche Tanz- und Musikdarstellungen schwedischer
Maler wie die von Anders Zorn oder Carl Larsson gewählt, um umfangreiche
schwedische Liedersammlungen zu illustrieren.
d. Göran Rygert
Bildauswahl
bei schwedischen Liedsammlungen ist mitunter ein wichtiges Thema. Die Bände,
zumeist mit Noten, oft mit Schwarzweiß-Zeichnungen, manchmal mit
Gitarrenakkordgriffen, sind gelegentlich mit „echten“ Gemälden unterlegt. So
geschieht dies auch bei Göran Rygert, der zusammen mit Ingemar Hahne einen Band
über einen der größten „vissångare“ (Weisensänger), nämlich Evert Taube
(1890-1976) zusammengestellt hat. In ihrem Buch sind Öl- und
Aquarellzeichnungen des Sängers Evert Taube selbst beigefügt, die zusammen mit
seinen Reisestationen in Italien, Argentinien, aber auch mit Notizen über seine
Liebe zur schwedischen Provinz (z.B. Bohuslän, Roslagen) ein sympathisches Bild
des vielgereisten Sängers ergeben. Deutlich weisen die Verfasser darauf hin,
dass Taube sehr unterschiedliche Traditionen wie argentinischen Tango,
englische Shantys aber auch Liedgut schwedischer Volkssänger aus dem 18.
Jahrhundert wie beispielsweise Carl-Mikael Bellman aufgenommen und zu neuem
schwedischen Liedgut verarbeitet hat, das mittlerweile traditionell genannt
werden darf.
e. Alice Tegnér
Das
Liederbuch für die ersten Schuljahre, herausgegeben von Alice Tegnér für die
allgemeine Volksschullehrervereinigung Schwedens, hält etliche Lieder bereit,
die unter dem Titel „Majas visa“, „Vårvisa“ (Frühlingsweise) oder „Lilla Ingas
sommarvisa“ (Klein-Ingas Sommerweise) bewusst das Wort „visa“ verwenden. Fast
zwanzig Prozent der über hundertzwanzig Lieder sind namentlich „visor“, indem
sie diese Bezeichnung im Titel tragen. Und die Zuordnung der Lieder geschieht
unter den Stichworten: Vandringsvisor (Wanderweisen), Lekvisor (Spiellieder),
Visor om djur och blommor (Weisen von Tieren und Blumen) u.a. .
4. Lebendigkeit und Volksnähe als
Markenzeichen
a. Vermischungen
Bo Bramsen
und Else Larsen haben mehrere Sammlungen dänischer Weisen herausgebracht, die
aber durchsetzt sind mit internationalem Liedgut. Hier finden sich auch Lieder
finnischer Autoren, die in schwedischer Sprache geschrieben haben (Lystige
viser I, S. 22f. u.a.). Zudem sind in dem Werk deutsche Soldatenlieder,
französische Chansons und andere zu finden.
So
gebrauchten Anfang der 90er-Jahre Sportlerinnen und Sportler aus Kaiserslautern
und aus Silkeborg (Dänemark) anlässlich einer Begegnung zweier Badmintonclubs
im Rahmen der Städtepartnerschaft in Kaiserslautern das dänische Sammelbändchen
und sangen gemeinsam das Lied „Lili Marleen“ – wechselweise auf Deutsch und auf
Dänisch.
Lebendigkeit
ist ein Markenzeichen der „Weisen“. Um volkstümlich zu werden, müssen Lieder,
Balladen, Weisen oft gesungen werden
und weit verbreitet sein, also
lebendig bleiben. So findet sich die Weise „Lili Marleen“ in der Ausgabe des
Liederbuches von 1997 der Värmländischen Nation an der Universität Uppsala
beispielsweise als schwedischer Lobpreis auf die Farbe des (zu trinkenden)
Punsches wieder. „Gul lyser solen“ (Gelb leuchtet die Sonne), gelb leuchten
unter anderem das Kreuz, die Saat, der Chinese, der Japaner, das Spiegelei …
aber ganz besonders unser Punsch, deswegen muss er jetzt getrunken werden (S.
119).
Im Vorwort
des genannten Stundentenliederbuches schreibt das Autorenteam sinngemäß: Unsere
Hoffnung ist doch, dass derjenige, der nach neuen Liedern und Weisen dürstet,
trotz der vielen alten Traditionsweisen nicht enttäuscht wird (Värmlands
nations sångbok, S. 3). In diesem Sinne haben schwedische Studenten
Traditionsgut textlich verändert und somit wiederum eine eigene Tradition
gegründet.
b. Jede(r) kann singen – Der
schwedische Allsång
In Schweden
gibt es schon seit Jahrzehnten eine Tradition: Schwedischer „Allsång“ – Jeder
kann singen. Der Allsång ist mittlerweile ein Kulturklassiker des Sommers, der
in Deutschland keine echte Entsprechung hat, ursprünglich ein gemeinsames
Singen auf Skansen. 1935 trafen sich die ersten sangesfreudigen Menschen in dem
Stockholmer Freilichtpark Skansen, um gemeinsam Lieder zu schmettern.
Mittlerweile treffen sich in ganz Schweden in den verschiedensten Volks- und
Vergnügungsparks während der Sommerwochenende Menschen, um gemeinsam aus eigens
zusammengestellten Liedheften traditionelle schwedische Weisen zu singen. Der
lokale Moderator schreitet, mit einem Mikrophon bewaffnet, durch die
mitsingenden Zuschauerreihen und hält einzelnen Personen das Mikro vor den Mund
… und wenn es auch nicht immer perfekt klingt, was da mitgesungen oder
mitgebrummt wird, es spornt die Menschen im Park an, ebenfalls mitzusingen. Das
Original und zugleich das große Finale findet dann traditionell im
Vergnügungspark und Freilichtmuseum Skansen in Stockholm statt. An sechs
Dienstagen im Sommer singt Schwiegermutterschwarm Anders Lundin zusammen mit
dem Publikum alles – von schwedischen Volksweisen bis zu Popklassikern.
Charakteristisch ist das sehr gemischte Alter der Zuhörer. Vom Grundschulkind
bis zum Greis reicht die Spannweite des Lebensalters.
Zwischen
den gemeinsamen Liedern, bei denen jeder mitsingen kann (und soll!), gibt es
die Präsentation von Bands und Musikern, Witzeerzählern und Entertainern. Es
gibt für die sechs Dienstage im Sommer, an denen die Veranstaltung in Stockholm
stattfindet, einen großen Andrang nach den Karten, ein langes Anstehen.
Dieses
Ereignis wird im Fernsehen landesweit übertragen, ein für die Schweden
medientechnisch mindestens so wichtiges Ereignis wie der Kronprinzessinnentag
der Viktoria in Borgholm auf der Insel Öland in den Sommerferien oder der
Nobelpreistag im Dezember.
Dazu passt
die Tatsache, die immer wieder in der reichhaltigen Literatur betont wird, dass
von acht Millionen Schweden 500 000 Chorsänger sind.
Auch das Erfinden
eigener Texte und Weisen gehört zu den schwedischen Traditionen. In „Värmlands
nations sångbok“, dem Liederbuch der studentischen Värmland-Nation, das
gegenwärtig an der Universität Uppsala in Gebrauch ist, gibt es die leeren
Seiten 210 bis 214, überschrieben mit dem Titel: „Hälsningar och egna visor“ –
Grüße und eigene Weisen (Lieder). Die Autoren des Buches gehen davon aus, dass
die Studenten eigene Weisen erdichten, die sie dann in dieses Liederbuch
eintragen.
Gemeinsames
Singen der „visor“ hat in Schweden eine besondere und lange Tradition. Dies
zeigt sich unter anderem auch in der Darstellung gemeinsamen Singens und
Musizierens in der schwedischen Literatur.
5. Lieder und „visor“ im Spiegel der
schwedischen Roman- und Kinder-Literatur
a. Selma Lagerlöf
Südostlich
von Sunne in der schwedischen Provinz Värmland erreicht man über eine
Nebenstraße des Herrenhof Mårbacke, wo vor etwas mehr als 150 Jahren, im Jahre
1858, die Schriftstellerin Selma Lagerlöf geboren wurde und zunächst bis 1882
lebte. Nach mehreren Jahren als Lehrerin in Landskrona und Reisen nach Italien
und Palästina, kaufte sie den elterlichen Hof im Jahre 1907, renovierte ihn
1923/24, stattete ihn mit historischen Möbeln aus und lebte dort bis 1940
(Heinrichs, S. 352). Dort schrieb sie auch ihre „Kindheitserinnerungen“.
In Selma
Lagerlöfs Kindheitserinnerungen (S. 236) ruft Leutnant Lagerlöf: „Kommt,
Kinder, kommt! (…) Jetzt singen wir Bellman!“. Und die kleinen Mädchen lassen
sich nicht zweimal bitten, singen mit „Lust und Liebe“. Und der Vater singt
halblaut mit, schlägt kräftig in die Tasten des Klaviers und die kleinen Kinder
stimmen lauthals ein. „Sie verstanden zwar nicht viel von dem, was sie sangen,
aber die Melodien erwärmten und weckten ihre schlummernden Lebensgeister.“ Und
Selma Lagerlöf berichtet weiter: „Aber das beste war doch wohl, dass die Kinder
nach Herzenslust singen durften, solange sie wollten (…), und Leutnant Lagerlöf
unterbrach sie nie und tadelte auch nicht. (…) Sie waren auch fest überzeugt,
dass sie Bellman richtig sangen, gerade so wie er gesungen werden sollte (…)“.
„Ist es
nicht merkwürdig, dass keines von den Kindern eine Singstimme hat?“, flüsterte
Mamsell Lovisa dem Fahnenjunker (erg.: der auf Besuch ist und stille in der
Ecke sitzt) zu. „Er (erg.: der Leutnant Lagerlöf) hört es gar nicht so, wie es
in unsern Ohren klingt, denn er liebt seine Kinder über alles in der Welt“,
erwiderte der Fahnenjunker.
„Ja, es
gibt eine Redewendung, ‚mit den Augen der Liebe sehen’, heißt sie“, meinte
Mamsell Lovisa.
„Und so
kann man vielleicht auch mit den Ohren der Liebe – hören.“
Und Selma
Lagerlöf beendet dieses Kapitel: „Aber noch lange, lange, ja ihr ganzes Leben
lang, ist den Kindern von Mårbacka die Liebe zu den Bellmanliedern tief im
Herzen lebendig geblieben“.
Gegen Ende
ihrer Kindheitserinnerungen erzählt Selma Lagerlöf, wie der 17. August jedes
Jahr ein Festtag war, weil ihr Vater Geburtstag hatte und sich alle Musiker der
Umgebung bemühten, ihm zu Ehren zu spielen. Auch die Laienmusiker. „und der
alte Asker, der bei Bauernhochzeiten zum Tanz aufzuspielen pflegte, wobei sich
kein Mensch darum kümmerte, was eigentlich aus seiner Klarinette herauskam,
solange nur Takt und Schwung darin war, ach er war überglücklich, wenn er am
siebzehnten August in Mårbacka für die Jugend aufspielen durfte. (…) So konnte
man froh sein, dass es so weit draußen auf dem Lande ein so großartiges Fest
gab, bei dem man sich hören lassen konnte“ (S. 269).
Über einen
Weihnachtsbesuch ehrenwerter Männer im Hause Lagerlöf berichtet Selma Lagerlöf:
„Als dann die fünf Gäste mit dem Fahnenjunker von Wachenfeldt und Leutnant
Lagerlöf in den Saal getreten waren, wurde ein Servierbrett mit den gefüllten
Punschgläsern hereingebracht (…). Wenn dann des Majors Pfeife auch noch in Zug
gebracht war, dann kamen alle miteinander zu dem einmütigen Entschlusse, lieber
Musik zu machen als die Zeit mit Klatsch oder Kartenspiel totzuschlagen, dazu
seien sie wirklich zu gut“ (S. 175). Und es folgt eine längere Beschreibung des
Musizierens der Gesellschaft. „Aber auf dem steifbeinigen Sofa zwischen den
Saalfenstern hatten sich alle Kinder des Hauses eingenistet, Daniel und Johann,
Anna und Selma und Gerda. Sie saßen mucksmäuschenstille und waren ganz Ohr. Es
war wohl an ihnen sich still zu verhalten, wenn die Alten spielten und sich
belustigten, als wären sie Kinder“(S. 179).
Selma
Lagerlöf erinnert sich in ihrem Buch „Aus meinen Kindertagen“, dass anlässlich
der Erneuerung eines Ententeiches zu der bekannten Melodie „Ich denke der
schönen Zeit“ ein Verschen erfunden wurde: „Durch diesen Sinn für Schönheit //
Der Tümpel ward zum Teich // Mit seinem Wunderscheine // Hieß Phospohoresk er
gleich“ (S. 202).
b. Astrid Lindgren
Selbsterfundene
Weisen zu Geburtstagen und anderen Anlässen waren immer auch eine besondere
familiäre Tradition in der schwedischen Gesellschaft. Nicht nur Selma Lagerlöf
berichtete darüber.
Astrid
Lindgren erzählt in „Madita und Pims“, dass die Eltern immer wieder kleine
melodische Weisen erfinden. Mutter hat Kopfweh und der Vater singt: „Warum so
grantig und vergnatzt? // Was tat ich dir denn an mein Schatz“ (S. 11). Onkel
Nilsson singt der Tante Nilsson ein Lied vor: „Wie das Täubchen jeden Abend //
heimwärts fliegt ins traute Nest, // so, du Herzenstrost und Lilie // suche
Zuflucht ich bei dir, // suche Zuflucht ich bei dir“ (S. 40). Vater, Madita und
Lisabet und die Magd Alva singen der Mutter zum Geburtstag: „Hier kommen wir zu
Kajsalein // und geben ihr ´nen Kuß, // denn sie gehört ja uns allein, // denn
trallala – hopsasa // denn trallala – hopsasa, // denn sie gehört ja uns
allein“ (S. 53).
Madita
denkt sich eine Weise aus, weil der Vater vor den Kühen auf den Baum geflüchtet
ist und nennt es das Memmenlied (Trostlied): „Hier kommen wir zu Vatilein, //
denn er ist keine Memme, // denn das kann er gar nicht sein, // denn trallala –
hopsasa, / denn trallala – hopsasa, // denn das kann er gar nicht sein“ (S.
73).
In „Die
Kinder aus Bullerbü“ berichtet Astrid Lindgren wie am Mittsommerfest der kleine
Lasse eine bekannte Melodie umwandelt: „Aber dann hatte Lasse wieder einen
seiner Einfälle, und er sang plötzlich so: ‚Nun ist es Sommer, nun scheint die
Sonne, nun gibt es Kuhfladen auf der Wiese’. Damit hatte er allerdings recht.
Überall auf den Wiesen lagen Kuhfladen. Aber darauf brauchte man ja nicht
gerade ein Lied zu singen!“ (S. 255)
c. Ann-Madeleine Gelotte
Ida-Maria
aus Arfliden (Autorin: Gelotte) schreibt: Einmal war er (=Papa) Vorarbeiter bei
einer Rodungsarbeit am Loudok-Bach und da schrieben die anderen Kerle eine
Weise („visa“) über ihn. Jetzt erinnere ich mich nur an folgende Zeilen:
„Und dieser
Vormann Johansson, er war ein prächtiger Kerl.
Er fuhr und
kaufte Rentierfleisch, und dieses trug er dann zu uns.“
Aus älterer
Literatur und Beschreibungen aus der nordschwedischen Gegend wissen wir, dass
auf Grund der Entfernungen die Kinder nur gelegentlich für ein paar Wochen
Schulunterricht erhielten, immer dann, wenn ein Hilfslehrer oder ein Lehrer für
ein paar Wochen auf dem Hof wohnte und unterrichtete. Es konnte aber auch ein
einfacher Handwerker sein, der wochenweise auf dem Hof arbeitete und Unterricht
gab. Ida Maria aus Arfliden erzählt über einen Handwerker und seine Frau, die
aus der Gegend von Jokkmokk stammen: „Einmal wohnten der Holzschnitzer
Stjernberg und seine Anna bei uns. Sie hatten ein großes, schönes Buch, welches
„Frithiofs saga“ (die Frithiofssage) hieß. Dieses Buch durften wir uns
ausleihen und lesen. Wir liebten es so sehr. Anna war immer so froh. Sie
pflegte aus dem Buch für uns zu singen: „König Ring saß auf der Hochbank an
Weihnachten und trank Met // bei ihm saß seine Königin so weiß und rosenrot“
(Gelotte, S. 25). (Anm. des Verf.: Im Schwedischen reimen sich die beiden
Zeilen).
Visor, die
Weisen, wurden nicht nur durch gemeinsames Singen, sondern oft auch durch
Vorsingen einzelner Personen überliefert, besonders bei den einfachen Menschen
des Nordens. Diese konnten vielleicht nicht richtig schreiben und lesen, da sie
nur gelegentlich Schulunterricht erhalten hatten, aber die schwedischen Weisen
waren ihnen geläufig.
Ida Maria
erinnert sich an die Großmutter väterlicherseits. „Oma und Papa kamen
eigentlich aus Finnland, aus Vörå. Großmutter konnte viele Verse und Lieder von
dort, die wir oft zu hören bekamen. Manchmal erzählten sie und Papa darüber,
wie das war, als sie vor langer Zeit aus Finnland kamen.“
Damals
flohen einzelne Finnen aus dem Norden Finnlands vor dem Zaren und der
Wehrpflicht der Besatzungsmacht Russland nach Schweden. Ida Maria berichtet,
wie die Nordschweden auf den eingewanderten Finnen, Ida Marias Papa,
eifersüchtig sind, weil er ein schwedisches Mädchen freite (um 1866). Sie
ärgerten ihn und nannten ihn „Finn-Erik“. Aber manche mochten ihn auch, weil er
so stark und trotzdem sehr gutmütig war.
Ida-Maria
schreibt: Einmal war er (=Papa) Vorarbeiter bei einer Rodungsarbeit am
Loudok-Bach und da schrieben die anderen Kerle eine Weise („visa“) über
ihn. Jetzt erinnere ich mich nur an
folgende Zeilen:
„Und dieser
Vormann Johansson, er war ein prächtiger Kerl.
Er fuhr und
kaufte Rentierfleisch, und dieses trug er dann zu uns“
(im
Schwedischen enden die Zeilen, indem sie einen unechten Reim ergeben: karl /
bar)
d. Mikael Niemi
Wie anders
klingt es da in Mikael Niemis „Populärmusik aus Vittula“ aus dem Jahre 2004,
einem Autor, der aus Nordschweden stammt:
„Daheim bei
mir saßen wir oft in der Küche, weil Niila so gern Radio hörte. Im Unterschied
zu seinem Elternhaus hatte meine Mutter den ganzen Tag im Hintergrund das Radio
laufen. Ganz gleich, was gesendet wurde, alles vom Verkehrsfunk über das
Wunschkonzert bis zu den Kirchenglocken aus Stockholm, Sprachkursen und
Gottesdiensten. Ich selbst hörte nie zu, das ging bei mir in ein Ohr rein und
zum andern wieder raus“ (S. 37).
Niemi
beschreibt die Lehrerin an der braunen Pedalorgel in der Schule: „Ein
zitternder Altfrauensopran mit strengem Seitenblick, um zu überprüfen, ob auch
alle mitsangen“ (S. 55/56). Und in Gedanken streift er über Schweden und
erinnert sich, wie Südschweden immer als überlegen seinem Nordschweden
gegenüber dargestellt wird, ja wie er selbst sich als Verlierer in einer
Verliererprovinz fühlte und sich der schwedischen Kultur fremd fühlt, die das
Finnische, die finnischen Fluss- und Bergnamen zugunsten der schwedischen
verdrängt. „Die gleiche Fremdheit spürte ich auf dem Gebiet der Kultur. „Hast
du Herrn Pfifferling gesehen?“, sollten wir singen. Die Frage konnte ich mit
einem glatten Nein beantworten. Und Frau Pfifferling auch nicht, auch sonst
keine Verwandten.“
Ich (der
Verfasser des Artikels) vermute, dass Mikael Niemi niemals Herrn Kantarell, den
Herrn Pfifferling gesehen hat, weil der „Kantarell“, d.h. der Pfifferling
hauptsächlich in Südschweden vorkommt. Was anderes kann ich mir nicht
vorstellen, denn Mikael Niemi muss gewusst haben, was ein Pfifferling war, weil
auf Finnisch „Kantarellisieni“ dem schwedischen Wort für Pfifferling, nämlich
„Kantarell“ ganz ähnlich klingt (vgl. Tegner, Lied Nr. 16).
Niemi
berichtet über andere Sanges- und Musikstunden in der Schule: „Die Musikstunden
waren ein Ritual für sich. Die Lehrerin stellte ein plumpes Tonbandgerät auf
das Pult, eine riesige Kiste mit Tasten und Drehknöpfen, legte vorsichtig ein
Band ein und verteilte die Liederbücher. Dann spähte sie mit ihren Eulenaugen
über die Klasse und schaltete den Strom ein. Die Spulen begannen den
Magnetriemen zu drehen, und aus den Lautsprechern ertönte ein keckes
Erkennungssignal. Anschließend war eine schnelle Frauenstimme mit Stockholmer
Akzent zu hören. Mit eifrigen Rufen leitete sie die perfekten Musiklektionen.
(…)
Nach
einigen pädagogischen Durchgängen sollten wir gemeinsam mit der Band, dem
Hesa-Fredrik-Ensemble und den Wiener Sängerknaben singen. In den Augen der
Lehrerin erschien ein gefährliches Glitzern, und die Mädchen begannen leise wie
der Wind in einer Gräserwiese zu summen. Aber wir Jungs saßen stumm wie die
Fische da, und als der Radar der Lehrerin über uns hinwegfegte, bewegten wir
die Lippen, mehr auf keinen Fall. Es war unmännlich zu singen. Knapsu. Also
schwiegen wir“ (S. 58).
Dann
entdeckt der junge Mikael die wahre Musik: Rock´n´roll music. Er legt das erste
Mal heimlich im Zimmer seiner Schwester eine Schallplatte auf. „Ein Lärm! Das
Gewitter brach los! (…) Beatles. Das war zu schön um wahr zu sein“ (S. 89). „So
eine Musik war das. Man konnte einfach nicht aufhören“ (S. 90). „Wenn man das
erste Mal die Kraft der Musik entdeckt hat, gibt es kein zurück“ (S. 92). „Die
Musikschule von Nacka war dagegen wie Trockenschwimmen“(S. 93). Er gründet eine
Band … wegen der Mädchen. Bekommt in der siebten Klasse einen neuen
Musiklehrer, der sich mit E-Musik auskennt. Und schreibt in seiner Erinnerung
an diese Zeit ein Kapitel mit dem Titel: „Über Musikgeklimper und andere mehr
oder weniger männliche Aktivitäten“ (S. 250).
„Unsere
Rockmusik war etwas ganz anderes. Sie brachte definitiv keinen Nutzen. Niemand
sah einen Wert in ihr … Die Alten sahen das als Zeichen von zu viel freier Zeit
und des Verwöhntseins an, des Überflusses und des Müßiggangs, die in den
modernen Zeiten herrschten. So etwas kam heraus, wenn die Jugend nicht zur
Arbeit hergezogen wurde“(258).
In seinem
letzten Kapitel berichtet Niemi über ein Geburtstagsfest, an dem das
Tornedallied gesungen wird: „Früh am Abend kam der Heimatverein zu Besuch, so
um die zwanzig Männer und Frauen, die brav die Hände zur Begrüßung schüttelten
wie Reichsschweden. (…) Nach Schnittchen und Torte zogen sie ihre Liederhefte
heraus und sangen mit zitternden, leicht schrillen Stimmen. Schwedische
Volksweisen aus der Schulzeit, bekanntes Liedgut, Loblieder auf Wiesen und
Felder des Heimatlandes. (…) Zum Schluß stimmte man in das Tornedallied ein,
langsam und mit zittriger Stimme: Sei
gegrüßt, du schönes Tornedal / unsre Heimat so hoch im Norden / Du bist für uns
die beste Wahl / auf diesem weiten Erdenrund. Viele der Alten waren ganz
gerührt und mussten sich die Tränen abwischen. (…) Und das erst recht, als man
zum Schluß die finnischen Verse sang, das ging so ans Herz, dass einem ganz
heiß und flau wurde“ (S. 280).
Zu Ehren
des Großvaters, der Geburtstag hat, haben die Jungs mit ihren Elektrogitarren
ein paar Schlager einstudiert. Nachdem die elektrischen Leitungen halten und
sogar der Schlagzeuger den Takt trifft, beschreibt Mikael Niemi folgende
Stimmung: „Alle kannten den alten Schlager, den wir zu Ehren dieses Tages
eingeübt hatten: ‚Oi muistatkos Emma sen kuutamoillan, kun yhdessä tansseista
kuljettin…’. Alle stellten die Gläser ab, blieben still sitzen. Das Fest hatte
bereits das wehmütige Stadium erreicht, und die Musik drang in die Seele. Ich
sang, meinem Großvater zugewandt, der scheu seinen Blick abwandte. ’Oi
Emma Emma, oi Emma Emma, kun lupasit olla mun omani....’ (...) Die Stimmung wurde so traurig,
dass die Fenster beschlugen. (…) Wie es in Tornedalen üblich war, äußerte
keiner ein einziges Wort über den Auftritt, da unnötiges Lob nur zu
übertriebenen Projekten und letztendlich Pleiten führte. Aber man konnte ihren
Augen ansehen, was sie fühlten“ (S. 287).
6. Moderne Zeiten: Schwedische
Volksweisen 1945 bis 2000
a. Lars Forsell
und Bo Setterlind
„Bisweilen
spürt der Schwede das unstillbare Verlangen, sich zurückzuziehen … in der Natur
aufzugehen. ‚Hier brenn ich meinen Branntwein selbst und würz ihn mit
Johanneskraut’, schmachtet Rockmusiker Ulf Lundell in seinem Lied ‚Öppna
landskap’ vom sorglosen Leben an der Küste. Fast alle Schweden können die
Strophen dieser heimlichen Nationalhymne mitsingen, und sie teilen wohl auch
die Sehnsüchte des Altrockers“(Bürig, S. 51).
Aber nicht
erst in den letzten zwanzig Jahren ist das Bedürfnis nach guter schwedischer
Lyrik in Gesangsform entstanden. Bereits direkt nach dem zweiten Weltkrieg
begannen Lars Forsell (geb. 1928) und Bo Setterlind (1923-1991) mit Vertonungen
eigener Dichtungen. Forsell griff französische Vorbilder auf, vertonte aber
auch beispielsweise die Lieder von Mikis Theodorakis in den 70er Jahren. 1986
überraschte er das schwedische Publikum mit „Sånger“, einer Sammlung echter Sonetten
mit unter anderem einem Ikarus-Gedicht in altem guten Orpheus-Stil. Literatur-
und Musikkritiker sagen ihm nach, er spiele respektlos mit traditionellen
Formen (Hägg, S. 589).
Bo
Setterlind könnte als Person nicht gegensätzlicher als Forsell sein. Setterlind
forderte seine Leser und Zuhörer mit seinen sehr ernsten Vertonungen heraus,
die oftmals einen warmen, religiösen, aber sehr engagierten Eindruck
hinterließen. Eine gewisse Selbstironie war ihm nicht abzusprechen und doch
blieb er oft ernst, schrieb eine große Anzahl kirchlicher Theaterstücke und
Kirchenlieder, arbeitet klassische Poesie um und dichtete selbst. Er
verarbeitete T.S. Eliot genauso selbstverständlich wie das schwedische
Gesangbuch des 17. Jahrhunderts. Der rote Faden: Fast alle seine Gedichte und
Vertonungen handeln vom letzten Ende, vom Tod. Dem schwedischen Publikum wurde
er nicht nur durch seine Literatur, sondern auch durch seine Vertonungen
bekannt. Der größte Publikumserfolg wurde Ende der 60er der Schlager: „Du är
den ende“ (Du bist der Einzige!)
b. Ulf Peder Olrog und Povel Ramel
1945
debütierte Ulf Peder Olrog (1919-1972) mit „Samling vid pumpen och andra av
Rosenbloms visor“ (kurz genannt: Rosenbloms visor = Rosenbloms Lieder). Bei ihm
liefen ganz verschiedene Traditionsstränge zusammen: Er knüpfte an Bellman an,
indem er die Ich-Gestalt Rosenbom, im Grunde eine Kunstfigur, (aber mit
Tradition) schuf. Er knüpfte an studentische Sangestraditionen und Rituale in
Uppsala an, da er selbst Akademiker war. Er trug eine leicht wehmütige Stimmung
in seine Werke hinein, die seinen humorvollen Weisen einen besonderen Touch
gaben. Und er interessierte sich für die Geschichte der schwedischen
(Volks-)Weisen. So gründete er das schwedische „visarkiv“ (Archiv für
Volkslieder und Volksweisen in Schweden) in den 50er Jahren.
c. Und immer wieder: ABBA
In der
Zeitung „Aftonbladet“ vom
Meine
Antwort als Autor: Ja! Weil dieses Bedürfnis gepflegt und kultiviert wird, auch
und gerade in den modernen Medien. Außerdem: Es war bereits zu Zeiten des
Erfolges in den 70ern und frühen 80ern selbst für die Popgruppe ABBA nichts
ungewöhnliches, sich in kreativen Phasen auf ihre eigene Insel in den Schären
vor Stockholm zurückzuziehen und sich von schwedischen, aber auch ausländischen
Volksliedern, deren Texten und Melodien zu Welthits inspirieren zu lassen.
Bevor die vier Mitglieder von ABBA weltberühmt wurden, hatten sie ja schon Ende
der 60er einige Jahre auf dem schwedischen Schlagermarkt hinter sich. Und die
Erfolgsstory geht dank der Verarbeitung historischer Themen, Melodien und
Liedweisen weiter. So gelang es Benny Andersson zusammen mit dem eigentlichen
Textgenie der Gruppe ABBA, Björn Ulvaeus, 1995 mit Kristina från Duvemåla („Kristina
aus Duvemåla“) ein Musical auf die Bühne zu zaubern, das auf vier
Romanen von Wilhelm Moberg basiert und auf klassische schwedische (und
norwegische) Volksweisen zurückgreift. Das Musical erzählt die schwedische
Nationalgeschichte über die nach Amerika emigrierte Kristina von Duvemåla und
wurde am
d. Und dann wären da noch...
weitere
lebendige Traditionsstränge :
- Åke
Edwardsson, der in seinem Roman “Der Jukebox-Mann“ ein Stück schwedische
Musikgeschichte aufarbeitet;
- Christer
Sjögren und seine Tanzband „Wikinger“ (Vikingarna), die als schwedische Antwort
auf die Country-Musik der 50er und 60er gelten (Bürig, S. 52);
- Cornelis
Vreeswijk, gebürtiger Holländer, einer der schwedischen Troubadure, der mit
derben, aber gekonnten Liedern, orientiert an Taube und Bellman, berühmt wurde
(gestorben 1987);
-
Schwedenkinder, die es Jahr für Jahr beim Mittsommerfest lieben, mit Vati und
Mutti beim Absingen eines schwedischen Volksliedes wie Frösche um den Maibaum
zu hüpfen;
- die
feuchtfröhlichen Schnapsliedchen am Krebsfest (kräftskiva) im August, die dem
Vorurteil widersprechen, die Schweden hätten keinen Esprit und Humor;
- „Idas
Sommerlied“, geschrieben von Astrid Lindgren, das die Kinder jedes Jahr singen,
wenn der letzte Schultag kommt und das vom Komponisten und Jazzbassisten Georg
Riedel in den 70er Jahren vertont wurde (Bürig S. 139);
- die immer
noch lebendige Spielmannsmusik mit den großen landesweiten Festivals,
beispielsweise dem Binsjöfestival in Dalarna oder in Ransäter in Värmland. Dann
spielen Geige und Schlüsselfiedel, eine Art schwedischer Drehleier (Patitz, S.
34);
- Ale
Möller, der seit 20 Jahren zusammen mit Lena Willemark Balladen und alte
Hirtengesänge als Ausgangspunkt für jazzinspirierte Interpretationen entdeckt
hat und gewissermaßen mit der Gruppe „Frifot“ schwedische Volksmusik neu
erfunden hat;
- die
großen schwedischen Gruppen der 80er wie „Europe“, „Ace of Base“, „Roxette“ und
Dr. Alban und die Cardigans, die alle schon mal erwähnt haben, von schwedischen
„folkvisor“ inspiriert worden zu sein
- und die
wichtige Rolle der kommunalen Musikschulen bei der Erhaltung und
Fortentwicklung lokaler Liedtraditionen der schwedischen Provinzen.
Verwendete Literatur:
Björkman, Ulf: Psalmer och visor 76, Verbum Verlag, Lund (S) 1980
Bolgar, Eva: Sittengeschichte
der Völker, Skandinavien, Deutscher Bücherbund Stuttgart, 1974
Bürig, Agnes; Budde,
Alexander: Schweden für Jeden, Ch. Links Verlag , Berlin 2007 (IKEA)
Fröström, Georg: Synonym
Lexikon, Prisma-Verlag, ohne Stadtangabe, Schweden 1988
Gelotte, Ann-Madeleine , När vi var barn, Tidens Förlag, ohne Stadtangabe,
1983
Hägg, Göran: Den svenska litteraturhistorien, Wahlström und
Widstrand-Verlag, Stockholm, 1996
Hahne, Ingemar (Hrsg.): Våra roligaste visor & burlesker, Notfabriken
Music Publishing, Tangen, Norwegen, 2004
Hahne, Ingemar (Hrsg.): Våra vackraste visor & ballader, Notfabriken
Music Publishing, Tangen, Norwegen, 2003
Heinrichs, Werner: Schweden
– Vielfalt von Kunst und Landschaft im Herzen Skandinaviens, DuMont-Verlag,
Köln, 1991
Knöös, Susanna; Lithell, Göran u.a.: Värmland nations sångbok, ohne
Verlagsangabe, Uppsala, 1997
Lagerlöf, Selma: Aus meinen
Kindertagen, Nymphenburger, München, 1958
Lagerlöf, Selma: Gesammelte
Werke, Vierter Band (Gösta Berling), Nymphenburger, München 1980
Lagerlöf, Selma: Mårbacka
Kindheitserinnerungen, DTV, München, 1991, 4. Aufl.
Lindgren, Astrid: Die Kinder
aus Bullerbü, Oetinger, München, 1970
Lindgren, Astrid: Madita und
Pimps, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg, 1976
Malmström, Sten u.a.: Bonniers Svenska Ordbok, Bonnier-Fakta-Buchverlag,
Stockholm 1991, 5.Aufl.
Mattson, Christina: Sjung! En svensk vishistoria med texter och melodier,
Natur och Kultur-Verlag, ohne Stadtangabe, Schweden 2004
Niemi, Mikael: Populärmusik
aus Vittula, Goldmann, München, 2004
Nilsson, Tage; Klas, Ralf:
Grönavisboken, Forum-Verlag, Stockholm, 2002
Oberholzer, Otto: in: Paul,
Fritz, Grundzüge der neueren skandinavischen Literaturen, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt, 1982
Patitz, Axel: Schweden,
dtv-Merian reiseführer, München, 1993, 3.Auflage
Paul, Fritz, Grundzüge der
neueren skandinavischen Literaturen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
Darmstadt, 1982
Rygert, Göran; Hahne,
Ingemar: Evert Taube – Från Pampas till Sjödala, Notfabriken Music Publishing, Tangen, Norwegen 2005
Tegnér, Alice: Nu ska vi sjunga, Almqvist och Wiksell, Syndbyberg, 2007,
20.Aufl.
Wessén, Elias: Våra ord – kortfattad etymologiskt ordbok, Norstedts-Verlag,
Stockholm-Gjøvik 2004
(ohne Verfasser): 2007
allsång Parksnäckan/Lysekil, gedruckt von Carpe Diem Bettenhaus Schweden
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