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Prof. Dr. Franz Segbers |
Wem gehört die Zeit?
„Was machte
der liebe Gott, nachdem er in sechs Tagen die Welt erschaffen hatte?“ Eine
Schülerin soll im Religionsunterricht geantwortet haben: „Er ging sich was ganz
Schönes kaufen!“ Dieser Witz machte die Runde, als die Kaufhauskonzerne einen
Versuch starteten, die Ladenschlusszeiten am Sonntag auszuhebeln. Der Witz
spricht eine Erfahrung aus, die allerorten zu machen ist. Die Innenstädte
können den Zustrom der Menschen kaum aufnehmen, wenn ein verkaufsoffener
Sonntag angeboten wird. Was ist daran so problematisch? Es muss ja niemand
gehen. Doch wer will, wer wollte es ihm verwehren?
Der Sonntag
ist längst nicht mehr unangefochten, auch wenn es im Grundgesetz im Anschluss
an die Weimarer Reichsverfassung klar und eindeutig heißt: „Der Sonntag und die
staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der
seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“ (Art. 140 GG). In klaren und
eindeutigen Erklärungen haben sich die beiden Großkirchen 1985, 1988 und 1999
gegen die Aushöhlung des Sonntags ausgesprochen. Sie haben Kampagnen gestartet
und Websites geschaltet. Jetzt klagen die Kirchen vor dem Bundesverfassungsgericht
gegen die Aushöhlung des Sonntagsschutzes. Das zeigt: Wir haben verloren.
Ein
fürchterlicher Rückschritt droht oder ist bereits längst eingetreten. Sie
erinnern sich noch an die legendäre Kampagne der IG Metall Anfang der 60-er
Jahre mit dem Motto „Vati gehört samstags mir“. Zug um Zug wurde die
Wochenarbeitszeit verkürzt. Dann erschien 1982 wiederum die IG Metall mit einer
aufgehenden Sonne hinter der 35-Stundenwoche. Und jetzt? Jetzt beträgt die
reale Arbeitszeit für männliche Arbeitnehmer 42,7 Stunden, wieder genauso viel
wie zu Beginn des Kampfes um die 35 Wochenstunden. Nebenbei gesagt: Je länger
die Arbeitszeiten für Männer wurden, desto kürzer wurden die Arbeitszeiten für
Frauen. Der Samstag, der einzige freie Tag, den die Gewerkschaften durchgesetzt
hatten, ist weithin längst zum ganz normalen Arbeitstag ohne Sonderzuschläge
geworden.
Dabei ist
der Samstag eine Errungenschaft der Arbeitsgesellschaft. Ich kann mich noch gut
daran erinnern, wie wir in den 90er- Jahren gewarnt haben: Wenn Kirchen und
Gewerkschaften nicht gemeinsam für den Erhalt des Samstags und des Sonntags
kämpfen, werden sie am Ende beide als Verlierer dastehen. Denn die, die
zunächst den Druck auf den Samstag ausgeübt haben, sie werden nachdem sie den
Samstag haben, keine Ruhe geben. Das sehen wir jetzt. Der legendäre „Leberkompromiss“
1984 hatte den Sonnabend gleitend in die Regelarbeitszeit einbezogen. Dann
verlangten die Unternehmen nach 1987 den gesetzlichen Sonntagsschutz zu
lockern. Ihrem Drängen hat die Regierung 1994 mit dem Arbeitszeitgesetz
nachgegeben. Große öffentliche Aufmerksamkeit hat die im Jahr 1996 erfolgte
Regelung über Herstellung und Verkauf von Brötchen am Sonntag gefunden. Man
konnte den Eindruck bekommen, der Mangel an frischen Backwaren am Sonntag sei eine
schwere Beeinträchtigung der Lebensqualität.
Die letzte
gesetzliche Regelung zum Ladenschluss auf der Ebene des Bundes erfolgte 2003.
Anlässlich von Märkten, Messen und ähnlichen Veranstaltungen wurden dabei vier
verkaufsoffene Sonn- und Feiertage pro Jahr zugelassen. Die Verkaufszeit durfte
fünf Stunden nicht überschreiten und musste um 18.00 Uhr beendet sein. Sehr
viel Konfliktstoff und Ärger ergab sich aus der Zulassung von Sonderregelungen
für Geschäfte in Bahnhöfen, Flughäfen und in bestimmten Urlaubsregionen. Die
einschneidendste Änderung der Gesetzeslage geschah 2006, als der Bundestag bei
der Föderalismusreform die Gesetzgebungskompetenz in Sachen Ladenschluss an die
Länder übertragen hat. Ladenschluss wurde dadurch zur Ländersache. Die
Arbeitgeber geben im wahrsten Sinn des Wortes keine Ruhe.
Vergleicht man diese Etappen der zeitpolitischen Rückschritt und des
Abbaus des Sozialstaates, stellt sich zwangsläufig die Frage: Was ist in
unserer Gesellschaft passiert, dass heute Arbeitszeitverlängerung, Abbau des
Sonntagsschutzes und hohe auftrags- und arbeitsbezogene Flexibilisierung auf
der Tagesordnung stehen? Wie konnte es geschehen, dass die Gewerkschaften die
Hegemonie über die Zeit verloren haben?
Die
saarländische Allianz für den freien Sonntag wird nur Erfolg haben können, wenn
sie sich ganz nüchtern und sachlich mit dieser Geschichte des Scheiterns im
Kampf um die Zeit auseinandersetzt und fragt: Wer sind die Zeitdiebe? Was
stehlen sie genau, wenn sie die Zeit stehlen? Was treibt sie?
Wer sind
die Zeitdiebe?
Wir müssen
feststellen: Die Wochenarbeitszeiten werden wieder länger, fransen aus, der
Samstag ist verloren und der Sonntagsschutz leidet unter Auszehrung. Das ist
kein Naturgesetz auch keine Naturereignis, sondern politisch gewollt.
Ein Blick
in die Geschichte zeigt: Wesentliche Elemente unserer Zeitordnung sind ohne den
Einfluss der Kirchen undenkbar. In den Klöstern wurden die Uhren erfunden: Man
wollte wissen, wann die Gebetszeiten sind. Die Kirchen haben ausgelegt, was am
Sonntag getan werden darf und welche Arbeit liegen bleiben muss. Die Kirchen
haben ihre Rolle eingebüßt, die Zeit prägen und bestimmen zu können.
Wer
aber bestimmt jetzt die Zeit?
Feiertage
sind Kampftage. Wir müssen uns klar machen, dass alles Humane in der Welt dem
Trend abgerungen worden ist. Der Rechtsstaat ist nicht vom Himmel gefallen. Der
Sozialstaat musste erkämpft werden. Was sich von selbst durchsetzt, ist das
Recht des Stärkeren. Gegen das Recht des Stärkeren muss die Stärke des Rechts
eingesetzt werden. Auch der Tag, der von Arbeit, Geschäftemachen und Kommerz
frei ist, musste erkämpft werden. Das Grundgesetz begründet den Sonntagsschutz
mit der Kompromissformel des Sonntags als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen
Erhebung. Der Sonntag ist eine uralte soziale Errungenschaft, die sich gegen
die Interessen des Kommerzes durchsetzen musste. Das wusste schon vor 2.800 Jahren
ein Prophet Amos in dem kleinen Land der Bibel. Er hat uns überliefert, worüber
die Geschäftemacher seiner Zeit klagten: „Wann ist das Neumondfest vorbei? Wir
wollen Getreide verkaufen. Und wann endlich ist der Sabbat vorbei? Wir wollen
den Kornspeicher öffnen“ (Am 8,5).
Diese
Klage klingt wie aus unseren Tagen. Also schon damals war der Sabbat keine
optimale, betriebswirtschaftlich vernünftige Lösung. Ökonomisch vernünftiger
wäre es, am Sabbat die Kornspeicher zu öffnen. Die Getreideverkäufer von damals
wollen uns auch heute wieder verführen, alle Zeit für ihre Geschäftemacherei
frei zu geben. Die Geschichte des biblischen Sabbats ist wie die Geschichte des
Sonntags eine Geschichte des Drucks auf Sabbat und Sonntag.
Auch wenn für die erste
Hälfte des 19. Jahrhunderts relativ wenig Zahlenmaterial vorliegt, kann dennoch
davon ausgegangen werden, dass zwischen 1830 und 1860 die durchschnittliche
wöchentliche Arbeitszeit zwischen 80 und 85 Stunden betragen hat. Vor 1820
umfassen die Arbeitstage selten mehr als zwölf Stunden; Arbeitsbeginn und
Arbeitsende sind an Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ausgerichtet. Wie die
Sonntagsgesetze, die zum Schutz des Sonntags und des Gottesdienstes im
ausgehenden 18 und dem beginnenden 19. Jahrhundert bestanden haben, belegen,
wurde am Sonntag nur selten gearbeitet. Um 1820 betrug der Arbeitstag bereits
11 bis 14 Stunden. Für die Jahre 1830 bis 1860 werden 14 bis 16 Stunden
geschätzt. Mit der Expansion der industriellen Fabrikarbeit dehnt sich auch der
Arbeitstag aus. Die Sieben-Tage-Woche entsteht. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts
ist der Sonntag als arbeitsfreier Tag in den meisten industriellen Bereichen
verschwunden. Vorbei die Zeit, als Handwerksgesellen neben dem arbeitsfreien
Sonntag auch noch den „blauen Montag“ hatten, also faktisch eine
Fünf-Tage-Woche.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts mehren
sich die kirchlichen Stimmen, die sich für einen arbeitsfreien Sonntag
einsetzen. Auf Initiative von Johann
Hinrich Wichern beschäftige sich 1849 der Erste Kongress für die Innere Mission
der deutschen evangelischen Kirche in Wittenberg mit der Frage der
Sonntagsarbeit. Wichern selbst schlägt drei Wege vor, wie die Sonntagsarbeit
abzuschaffen sei. „Der eine Weg, dass wir uns an die Obrigkeit wenden und sie
bitten, Zucht zu halten, negativ zu helfen und der Arbeit der Kirche an ihrem
Teil Hilfe zu leisten. Der andere Weg, dass die korporativen Elemente des
Volkes, die Innungen, die Meister, die Fabrikherren, die Kaufleute und so
weiter, aufgerufen werden, zu Wiedergewinnung einer rechten Feier des Sonntags
für das christliche Volksleben mitzuwirken. Der dritte Weg ist der kirchliche
durch Predigt, Seelsorge und alle ihr verwandten Arbeiten mehr persönlicher
oder sozieller Art. Auf diesen drei Wegen muss es gelingen, dem Volk den
Sonntag wieder zu erobern.“
Vorausgegangen war dem Kongress der
dritte deutsche evangelische Kirchentag, der sich ebenfalls mit dem Sonntag
auseinandergesetzt hatte. Kongress wie Kirchentag hatten sich den Initiativen
für einen arbeitsfreien Sonntag angeschlossen, die Einmütigkeit zeigt, dass das
wohl breiteste kirchliche Engagement der Kirche der „Wiedereroberung des
Sonntags“ galt, wie Wichern forderte. Es mehren sich die Stimmen aus den
Kirchen. Denkschriften werden verfasst, ein „Monatsblatt für Sonntagheiligung“
gegründet und auf internationaler Ebene bildet sich eine „Internationale
Gesellschaft für Sonntagheiligung“.
Der Kampf um den Erhalt des
arbeitsfreien Sonntags reicht zurück in den Beginn der Arbeiterbewegung.
Festlegung einer Maximalarbeitszeit und Verbot der Sonntagsarbeit sind Forderungen,
die in das Programm des Gothaer Einigungskongresses aufgenommen wurde. Dieses
sozialdemokratische Engagement für einen arbeitsfreien Sonntag ist in
kirchlichen Publikationen durchweg positiv aufgenommen worden, auch wenn
ansonsten ideologische Streitigkeiten Kirche und Arbeiterbewegung trennten. Die
„Neue Evangelische Kirchenzeitung“ zieht 1877 aus dem Engagement der
Sozialdemokraten für einen arbeitsfreien Sonntag den Schluss, dass die
Sozialdemokraten im Unterschied zu den anderen politischen Parteien „in dieser
für das Volkswohl so überaus wichtigen Frage als Bundesgenossen der Kirche“ anzusehen
seien.
Als sich in Deutschland in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung immer mehr
durchsetzte, fiel nach und nach auch der arbeitsfreie Sonntag. Die
jahrhundertealte soziale und kulturelle Einrichtung der Sonntagsruhe konnte
sich gegenüber dem massiven Druck der Industrialisierung nicht behaupten. Es
dauerte bis 1891, als das Arbeiterschutzgesetz in Kraft trat, das neben
Bestimmungen zum Betriebsschutz und zur Arbeitsaufsicht auch die Sonntagsruhe
wieder einführte. Das zeigt einen wichtigen Zusammenhang, der für heute nicht
vergessen werden darf: Der Sonntagsschutz ist Teil der Sozialstaatsentwicklung.
Wer den Sonntag aushöhlt, der baut den Sozialstaat ab. Bismarck war gegen den
Sonntagsschutz mit einem Argument, das hochmodern ist: Die Wettbewerbsfähigkeit
der deutschen Wirtschaft werde gefährdet – und er kündigte aus Protest gegen die wirtschaftliche Unvernunft,
den Sonntag arbeitsfrei zu machen, seinen Rücktritt an.
Erst zehn Jahre später trat
das erste Ladenschlussgesetz am 1.Oktober 1900 in Kraft. Jedes zweite Geschäft
hatte bis dato nach einer Untersuchung im Deutschen Reich bislang länger als 14
Stunden am Tag geöffnet. Üblich war eine zwei- oder dreistündige Öffnungszeit
am Sonntag. Nur in wenigen Großstädten wie Frankfurt oder Dresden, die auf ihre
Modernität achteten, galt die „volle Sonntagsruhe“. Städte und Ortschaften, die
sonntags die Läden öffneten, galten als veraltert. Das zeigt: Sonntag aber ist
modern!
Wir sind
sozialgeschichtlich wieder hinter 1890 zurückgefallen. Der Kapitalismus hatte gerade
einhundert Jahre den arbeitenden Menschen zugestanden, einen erwerbsarbeitsfreien
Sonntag und einen Ladenschluss zu haben. Es ist gar nicht so, wie landläufig
gemeint wird: es gibt die Jahrtausende alte Tradition des erwerbsarbeitsfreien
Sonntags, der jetzt unter Druck gerät und jetzt verteidigt werden muss. Gegen
diese Geschichtsvergessenheit ist zu erinnern: Es gab schon einmal den Sieg der
Kapitallogik, alle Zeit in Zeiten des Produzierens und Kaufens zu verwandeln.
Diese Logik ist in einem harten Kampf zurückgedrängt worden. Der
erwerbsarbeitsfreie Sonntag und der Sonntag ohne Ladenöffnungszeiten wurden
mühselig erkämpft. Diese Errungenschaft steht abermals zur Disposition. Die geschichtliche
Erfahrung lehrt uns: Es sind die gleichen Kräfte, die gegen den Sozialstaat und
gegen die Regulierung und Begrenzung von Öffnungszeiten angehen.
Im
Streit um den Sonntag zeigt sich ein Konflikt über die Verfügungsrechte über
die Ressource Zeit. Der eine macht ökonomische, der andere soziale Gründe
geltend. Damit ist schon angezeigt, dass im Konkurrenzkampf verschiedener
zeittaktgebender Akteure auch verschiedene Logiken und Begründungsmuster bemüht
werden. Es geht also im Konflikt um die gesellschaftliche Zeitordnung auch um
eine Auseinandersetzung dahinter stehender Wertemuster. Dass 1994 durch die
Änderung des Arbeitszeitgesetzes in Deutschland eine Lockerung des
Sonntagsschutzes aus rein wirtschaftlichen Gründen erfolgt ist, verdeutlicht
auch, dass die Standardisierung gesellschaftlicher Zeitmuster der
Fünf-Tage-Woche keineswegs naturgesetzlichen Charakter hat. Die zentrale Frage
im Kampf um die Zeit lautet: Kann der individuelle Zeitdruck als Ausdruck eines
Machtverhältnisses dargestellt werden? Wie lässt sich eine Gegenöffentlichkeit
aufbauen, die denen Rederecht einräumt, die unter Zeitdruck leiden und außer
Atem geraten?
Der Ausgangspunkt des kirchlichen
Engagements Ende der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts für die Erhaltung
der Zeitsouveränität der abhängig Beschäftigten war der Druck, mit dem diese
zur Sonntagsarbeit genötigt wurden. Dabei musste insbesondere die evangelische
Kirche die Bedeutung des Sonntags neu lernen und wertschätzen. Hatte sie doch
1982 noch in der Studie Solidargemeinschaft
von Arbeitenden und Arbeitslosen ohne irgendeinen Gedanken an den Sonntag
reine Wochenendschichten, also über den Sonntag hinweg, vorgeschlagen und
gefordert, „besondere Arbeitsplätze für das Wochenende bei vollkontinuierlichen
Betrieben anzubieten“.
Zu bedenken gab sie allenfalls, dass
„die Gefahr einer vermehrten Schichtarbeit bedacht werden“ müsse. Kein Hinweis
auf das Problem des gesellschaftlichen Ausschlusses jener vollkontinuierlich
jeweils am Wochenende arbeitenden Menschen oder auf den Gottesdienst am
Sonntag. Die evangelische Kirche hatte in dieser Studie schlichtweg den Sonntag
vergessen. Hier klingt Luthers Geringschätzung der Sabbattradition nach, die er
nur für Juden gelten lassen wollte. Die biblische Weisung, den Sabbat zu
halten, verstand er in der Auslegung im Großen Katechismus lediglich als
Gelegenheit, „Gottes Wort zu lernen“, während er das Ruhen der Erwerbsarbeit
als pure Äußerlichkeit abtat.
Dietrich
Bonhoeffer hat von der Schuld der Kirche an der Preisgabe des Sonntags so gesprochen:
„Die Kirche bekennt sich schuldig an dem Verlust des Feiertags, an der Verödung
ihrer Gottesdienste, an der Verachtung der sonntäglichen Ruhe. Sie hat sich an
der Rastlosigkeit und der Unruhe, aber auch an der Ausbeutung der Arbeitskraft
über den Werktag hinaus schuldig gemacht, weil ihre Predigt von Jesus Christus
schwach und ihr Gottesdienst matt war.“
Was steht auf dem Spiel? Die freie
Zeit für den Gottesdienst? Freie Zeit für den Konsum? Beim Kampf um den Sonntag
oder genauer: die Wiedereroberung des Sonntags, von der bereits Wichern 1848
gesprochen hatte, geht es um mehr und um anderes als um einen von Erwerbsverpflichtungen
freien Tag in der Woche. Es geht um die Frage: Was macht die Mitte unserer
Gesellschaft aus? Wie wollen wir leben?
Der Gesellschaft geht die Luft aus.
In Teilzeit an der Kasse im Supermarkt arbeitende Frauen klagen über den
Zeitdruck genauso wie der Manager des Kaufhauskonzerns. Die immer freundlichen
Mitarbeiterinnen im Call Center sind rund um die Uhr erreichbar, um Bestellungen
aufzunehmen.
Die Wissensarbeiter in den modernen
Unternehmen von High Tec und New Economy kennen überhaupt keine Trennung mehr
zwischen Arbeitszeit und privater Zeit. Und der Investmentbanker an der
Frankfurter Börse, der an vier gesetzlichen Feiertagen, nämlich an Christi
Himmelfahrt, Pfingstmontag, Fronleichnam und am Tag der Deutschen Einheit zusätzlich
Aktien handelt, fragt sich, wie lange er dieses Tempo noch durchhält.
Zahlreiche moderne Betriebe haben
die Stechuhr abschafft. Von nun an gelte nur noch eine „Vertrauensarbeitszeit“.
Gearbeitet werde könne also ohne das Diktat der Zeiterfassung. Ein jeder
beginnt, wann er will. Doch das heimliche Motto lautet, wie es Betriebsräte
sagen: Macht was ihr wollt, aber seid profitabel! Die versprochene Freiheit
wird konterkariert durch den stummen Zwang: Das Projekt muss fristgerecht
abgeliefert werden – wie das möglich ist, muss von den Mitarbeitern organisiert
werden. Dann werden Abgabetermine
zugesagt, obwohl ein jeder weiß, dass er unter normalen Bedingungen nicht
einzuhalten ist. Persönliche Zeit wird dann zu jener Zeitressource, die es
erlaubt, doch noch die Fristen einhalten zu können. So opfert man dann die
gemeinsamen Zeiten, die man mit dem Ehepartner, der Freundin oder den Kindern
verbringen könnte.
Zeitsouveränität
verwandelt sich in Zeitnot, Autonomie wird zur Selbstkontrolle. Doch dabei wird
keineswegs Herrschaft abgebaut, das ehedem fremde Kommandosystem versteckt sich
nur und agiert vom Innern der abhängig Beschäftigten her.
Die Globalisierung ist politisch in Gang gesetzt
und durchgesetzt von Menschen, die daran glaubten und immer noch glauben, dass
der Wettbewerb am besten dazu beitragen könne, Reichtum für alle zu schaffen.
Das Kapital werde sich dort niederlassen, wo die Bedingungen gut und deshalb
die Rendite hoch ist. Auch der Sonntag, oder allgemeiner: die Zeit insgesamt
wird in diesem Konzept zu einem Wettbewerbsinstrument. Unbewirtschaftete Zeit
darf es nicht geben. Sie ist ein Standortnachteil, denn mögliche
Produktionszeit oder Zeit für den Handel liegen brach und ungenutzt. Deshalb
hat auch das 1994 verabschiedete Arbeitszeitgesetz eine Genehmigung für Sonn-
und Feiertagsarbeit gerade aus Wettbewerbsgründen eingeräumt, wenn „bei
längeren Betriebszeiten im Ausland die Konkurrenzfähigkeit unzumutbar
beeinträchtigt ist“ (§13, Abs. 5). Dieses Gesetz ist der Sündenfall.
Was verbirgt sich hinter
der juristischen Klausel? Der Schutz des Sonntags ist ein Wettbewerbsnachteil
gegenüber jenen Ländern, die einen solchen Schutz nicht kennen. Das Arbeitszeitgesetz
vertraut auf die Dynamik des Wettbewerbs und will ein Klima der Konkurrenz
entfesseln, das Arbeiterinnen und Arbeiter gegeneinander ausspielt, das
Unternehmen um Wettbewerbsvorteile bis zur Verdrängung des Konkurrenten ringen
lässt und ganze Nationen in einen Konflikt um den besten Standort hineintreibt.
Das neue Arbeitszeitgesetz hat also zum ersten Mal gesetzlich die Möglichkeit
gegeben, soziale Errungenschaften in Deutschland von außen her auszuhebeln.
Nicht allein um niedrigere Löhne, um Steuern oder ökologische Standards, auch
um die Zeit wird ein Wettbewerb der Standorte geführt.
Dieses Konkurrenzdenken, in
dem alles um des besseren Standorts willen aufgeboten wird, treibt die
ökonomische Globalisierung voran. Darum wächst auch der Druck, die Wirtschafts-
und Konsumzeiten auszudehnen. Wie andere soziale und kulturelle Errungenschaften
gerät auch der Sonntag unter Druck. Im Wettbewerb sollen alle Barschaften
eingebracht werden. Im Namen eines Konkurrenzdenkens verlangt man eine größere
Flexibilität, nämlich Wochenendarbeit, Überstunden, Nachtarbeit, und greift
nach dem Sonntag.
Der Sonntag, jene
unbewirtschaftete Zeit, soll das Rad der Dienstleistungsgesellschaft in Schwung
bringen. Telebanking und Call-Center, Versandhandel und Hotlines werden zum
Synonym einer kundenfreundlichen Dienstleistungsgesellschaft, sieben Tage lang –
vierundzwanzig Stunden täglich. Doch zu wenig wird bedacht, dass dort, wo die
Dienste abgefragt werden, andere Menschen diese Dienstleistung erbringen
müssen. Die Bequemlichkeit weiter Bevölkerungsteile findet auf dem Rücken derer
statt, die gezwungen sind, sich der Flexibilisierung unterzuordnen. In der Tat,
hat das Jahr nicht 54 Sonntage, die man auch nutzen sollte?
Der Kampf um den Sonntag
muss aus der Sonntagsfrage heraustreten
Beim Kampf um den Sonntag
geht es um mehr und um anderes als nur um einen Kampf um die vierundzwanzig
Stunden eines Tages. Vor über zehn Jahre hat der Ratsvorsitzende der EKD,
Bischof Klaus Engelhardt, vor der EKD-Synode 1995 völlig zu Recht die ethische
und kulturelle Dimension angesprochen: „Ich sehe einen Zielkonflikt: die
religiösen, kulturellen und sozialen Gesichtspunkte auf der einen, die
wirtschaftlichen Erwägungen auf der anderen Seite! Aber es darf nicht sein,
dass die wirtschaftlichen Erwägungen alle anderen Gesichtspunkte hinwegspülen.
Politik und Gesellschaft müssen sich gut überlegen, welchen Preis sie zugunsten
wirtschaftlicher Erwägungen zu zahlen bereit sind. Demnächst wird es womöglich
heißen: Die Umweltgesetze in Deutschland sind ein Standortnachteil, wir müssen
die Umweltstandards absenken. Wo soll das enden? Es gibt Werte, die sind zu
kostbar, um sie für einen wirtschaftlichen Vorteil einzutauschen. Der Schutz
der religiösen, kulturellen und natürlichen Grundlagen des Lebens gehört dazu.“
Der Druck auf den Sonntag
ist ein Doppelangriff: Zum einen haben wir es mit einer Tendenz zur Zerstörung
einer Kultur zu tun, wenn der Sonntag zur Disposition gestellt wird. Zum anderen
ist Abbau des Sonntagsschutzes auch ein Abbau des Sozialstaates. Um den Erhalt
dieser Errungenschaft wird eine Auseinandersetzung geführt, die durchaus als
Kampf um die Kultur unseres Landes bezeichnet werden kann. Denn geht um einen
Konflikt zwischen ökonomischen Interessen und kulturellen Werten. Der Ökonomie
mit ihren berechtigten Interessen und Absichten soll Vorrang gegenüber der
Kultur eingeräumt werden. Die Entgrenzung der Ökonomie ist ein Verhängnis. Die
Anmaßung eines Primats der Ökonomie über alle andren Bereiche der Gesellschaft
ist freiheitsgefährdend.
An die Stelle einer an
Gesichtspunkten der Humanität orientierten wirtschaftlichen Ordnung etabliert
sich ein Wettbewerb der Standorte: Gemeinde gegen Gemeinde, Stadt gegen Stadt,
Land gegen Land. Wechselseitig zwingt man sich zur Deregulierung seiner
sozialen Errungenschaften um eines Wettbewerbsvorteils willen. Versprochen wird
ein Wohlstandgewinn, wenn denn nur soziale Errungenschaften wie auch jene eines
freien Sonntags drangegeben werden. Mitten im Reichtum und mit dem Versprechen
von noch mehr Reichtum sind wir so arm dran, dass wir sogar kulturelle Werte
opfern sollen. Versprochen wird uns, dass es uns besser geht, wenn wir uns
kulturell ärmer machen und den Sozialstaat abbauen.
Die Wertvorstellung, die
dem Sonntag zugrunde liegt, steht quer zu einem Denken, das der ökonomischen
Effizienz und Nützlichkeit den Vorrang einräumt. Angesichts dieser Werthaltung
ist daran zu erinnern: Der Sonntag ist gerade dadurch Sonntag, dass er nichts
kostet und nichts bringt. Er hat eine Währung, die allerdings nicht an der
Börse taxiert und in Geld eingetauscht werden kann. Denn kulturelle Einrichtungen
und auch soziale Errungenschaften stehen nicht auf einer Ebene mit ökonomischen
Interessen.
Wer deshalb danach fragt,
ob wir uns den Sozialstaat noch leisten können oder der fragt, was der Sonntag
ökonomisch kostet, hat im Grunde bereits beides zur Disposition gestellt, denn
er meint, ein kulturelles oder soziales Gut verrechnen zu können. Können wir
uns Opa noch leisten oder sind seine Behandlungskosten zu hoch? Können wir uns
den Sonntag noch leisten oder lassen die Ladenschlusszeiten zu viel möglichen
Umsatz entgehen? Vielleicht besteht die größte Gefahr für den Sonntag darin,
wenn man nicht mehr davon weiß, dass kulturelle Werte und ökonomische Güter
nicht zum gegenseitigen Tausch zur Verfügung stehen. Unsere Kultur steht schon
so sehr in Gefahr zu einer Marktgesellschaft zu werden, dass ihr das Wissen
über die Unterscheidung von Wert und Preis verloren zu gehen droht. Was einen
Preis hat, das kann gehandelt und gekauft werden; doch, was einen Wert hat, das
steht nicht zum Kauf zur Verfügung und kann gerade dann seinen Wert verlieren,
wenn es käuflich wird.
Der Wert des Sonntags
besteht gerade darin, dass er das ökonomische Kalkül unterbricht. Er ist eine ökonomiefreie,
unbewirtschaftete Zeit. Der Sonntag ist wie ein Mahnmal gegen eine nur
ökonomische Sichtweise, die Zeiten ohne Kommerz und Produktion bloß als
ungenutzte Ressource oder einen verschenkten Wettbewerbsvorteil wahrnimmt. Hier
ist eine einfache und in der öffentlichen Debatte immer wieder Verwirrung
stiftende Unterscheidung zu treffen: Natürlich brauchen wir Krankenschwester,
Feuerwehrleute oder Polizisten, die am Sonntag ihre Arbeit tun. Doch eine
Unterscheidung hilft zur Klärung: Zu unterscheiden ist zwischen einer Arbeit am
Sonntag und für den Sonntag.
Der Sonntag erinnert daran,
dass der Mensch nicht auf ein Produktions- und Konsumwesen reduziert werden darf.
In der DDR gab es in den Fünfziger Jahren den Versuch, die Sieben-Tage-Woche
zugunsten einer Zehn-Tage-Woche abzuschaffen. Die Stalinisten hatten den Mensch
nur als ein Arbeitswesen im Blick. Und jetzt gibt es abermals den Versuch, den
Menschen zu einem Konsumwesen zu degradieren. Die marxistische Variante, die
den Sonntag abschaffen wollte, ist gescheitert; was aus der Variante der
Marktstalinisten wird, können wir in der Wirtschaftskrise besichtigen. Ein
Denken, das Freiheit mit der Freiheit des Marktes in eins setzt ist mit der
Wirtschaftskrise auch in die Krise geraten. Es ist ein altes Denken, das in der
Wirtschaftskrise gescheitert ist und dem nichts Neues einfällt. Die Krise des
Sozialstaates, die Krise des Finanzmarktkapitalismus und die Krise des Sonntags
gehören zusammen. Es ist ein und derselbe Ungeist.
Freiheit
ist das Versprechen, mit dem die Deregulierer unserer Tage antreten und dabei
die Arbeits- und Verkaufszeiten ausdehnen und Samstag, Sonntag und Feiertage
für ihre Interessen zur Verfügung haben wollen. Ministerpräsident Roland Koch
aus Hessen hat in einem Stern-Interview bekräftigt, das Ladenschlussgesetz
solle nicht mehr so genannt werden, sondern Ladenöffnungsgesetz heißen.
Damit wolle man ein Signal setzen und ein „Stück Freiheit schaffen diesem
Land“. Der frühere Vizepräsident der IHK-Saarland, Paul Repplinger, hat dieses
alte Denken illustriert: „Einmal angenommen, Frau Becker möchte aus Gründen,
die nur sie etwas angehen, um Mitternacht ein Abendkleid kaufen. Und weiter
angenommen, Herr Maier möchte ebenfalls aus Gründen, die allein seine Sache
sind, nachts Abendkleider verkaufen. Wer wollte dann den beiden ihr Geschäft
verbieten? Solange Dritte in ihren Rechten und Freiheiten nicht eingeschränkt werden, spricht nichts gegen
einen solchen Geschäftsabschluss um Mitternacht.“
Wer
lediglich von der Freiheit des unbegrenzten Einkaufens spricht, stellt das Problem
auf den Kopf: Freiheit ist nicht die Summe von Wahlmöglichkeiten. Freiheit bedeutet
vielmehr, den politischen Raum und die Zeit, in der ich mich bewege, entwerfen
und selber gestalten zu können. Wenn Freiheit auf die Wahlfreiheit reduziert
wird, dann wird Freiheit gefährdet. Die eigentliche Dimension von Freiheit
besteht darin, politisch selbst bestimmen und kooperativ die eigenen
Lebensverhältnisse gestalten zu können. Ein Gewinn an Freiheit bedeutet zuallererst,
aus der Mühle des Konsumierens und Wirtschaftens herauszutreten. Dies kann aber
nur gelingen, wenn wir Freiräume vom Konsumieren und Wirtschaften gegen die
ökonomischen Interessen der Profiteure grenzenlosen Konsums sichern und
durchsetzen. Wer Ladenöffnung als Zeichen der Freiheit begreift, der meint nur
die positive Freiheit: Ich habe die Freiheit zu etwas, nämlich zum
Shoppen, wann und wo ich will. Doch dieser Freiheit zu einer Handlung geht eine
andere Freiheit voraus, die negative Freiheit nämlich. Diese Freiheit von
etwas meint einen Zustand, in dem keine von anderen Menschen ausgehenden
Zwänge mein Verhalten und mein Leben erschweren oder verhindern. Das betrifft
auch die Verkäuferin, die genötigt wird, an einem grundgesetzlich geschützten
freien Tag, dem Sonntag, an einer Kasse sitzen zu müssen, damit andere ihre
Konsumwünsche befriedigen können und die Konzernherren den Umsatz steigern
können!
Die
Freiheit der „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“ reicht nicht weit. Eine Gesellschaft,
die jederzeit an die Fleischtöpfe kann, ist nicht eine freie Gesellschaft, wenn
sie sich die Freiheit mit prekären, schlechten Arbeitsplätzen erkauft. Wer bezahlt
den Preis für die Freiheit? Wie sieht es
mit den Löhnen derer aus, die die Freiheit jederzeit kaufen zu können, wann man
mag, erst ermöglichen?
Anders
leben und arbeiten aus Erinnerung an den Sabbat
„Die Lösung des schwierigsten Problems der
Menschheit liegt nicht im Verzicht auf technische Zivilisation, sondern im
Erreichen einer gewissen Unabhängigkeit von ihr“, schrieb Rabbiner Abraham
Heschel in seinem Buch „Der Sabbat“. Einzige Hoffnung liege in der Heiligung
der Zeit. Was die Menschheit dem Judentum verdanke, seien nicht monumentale
Bauwerke, sondern ein Palast in der Zeit. Diesen Palast könne ein jeder
bewohnen, denn der Sabbat statte jeden Menschen mit einer Königswürde aus.
Der Sabbat ist eine
Entdeckung auf dem Weg der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Er wendet
sich gegen eine Aufteilung von Arbeit und Ruhe zwischen denen da oben und jenen
da unten. Er will eine egalitäre Aufteilung von Arbeit und Ruhe: Alle sollen arbeiten und alle sollen ruhen,
bestimmt das Sabbatgebot (Ex 20, 8f.; Dtn 5, 12ff.). Arbeit und Ruhe wechseln
sich für alle zyklisch ab. „Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun“
(Ex 20,9). Das Sabbatgebot enthält ein Doppelgebot: ein Arbeitsgebot und ein
Ruhegebot. „Sieben Tage sollst du schaffen und jede Arbeit tun“ (Ex 20,9). Und:
„Der siebte Tag ist ein Ruhetag“ (Ex 20,10). Die Bibel nennt den Ruhetag „Sabbat“.
Der Sabbat/Sonntag ist für
die Kultur Europas ein unüberschätzbares kulturelles Erbe. Er ist keine
religiöse Überhöhung von tariflichen Arbeitszeitregelungen, die Arbeitgeber und
Gewerkschaften ausgehandelt haben. Der christliche Sonntag ist mit dem Sabbat
der Juden verbunden und steht in einer fruchtbaren, aber auch konfliktreichen
Beziehung zu ihm.
Das Besondere an der
Institution des Sabbat ist, dass er jenseits des Dualismus von Arbeitszeit und
Ruhezeit eine dritte Zeit einführt:
Verboten wird nämlich nicht Arbeit an sich, sondern jene zweckdienliche,
lebensnotwendige Arbeit, zu welcher abhängig Arbeitende gezwungen sind, um
ihren Lebensunterhalt erwerben zu können. Das Sabbatgebot meint: An diesem Tag
soll niemand Knecht sein und niemand soll zweckdienliche, abhängige und
dem Erwerb dienliche Arbeit verrichten. Das Verbot dieser zweckgerichteten
Arbeit will – und das ist entscheidend – einen Freiraum für andere Tätigkeiten
als zweckdienliche eröffnen. Das Sabbatgebot ist ein Aufruf zur Freiheit und
der Sabbat ein Protesttag gegen alle Unterjochung des Menschen, wie die „Herren“
auch immer heißen mögen.
Der Sabbat ist ein
Freiheitstag in doppelter Hinsicht: Symbol einer Freiheit von ökonomischen Abhängigkeiten und Symbol einer Freiheit zu zweckfreien,
selbstbestimmten, lebensfördernden Tätigkeiten. Insofern lehrt der Sabbat eine
Lebenskultur, in welcher die auf Existenzsicherung bezogene und ökonomischen
Zwecken oder Absichten verpflichtete Arbeit keinen dominierenden Stellenwert
einnimmt. Der Sabbat unterbricht nicht bloß die Arbeit, sondern enthält eine
lebensfördernde Perspektive, die auf ein Jenseits der zweckbestimmten Arbeit
ausgerichtet ist. Die Werktage sind auf einen ganz anderen Tag ausgerichtet,
der nicht dem Ökonomischen dient. Aber umgekehrt gilt auch: Zweckbestimmte
Arbeit dient letztlich diesem ganz anderen Tag, an dem eine Utopie bereits in
die gegebenen Zustände einbricht.
Der Sabbat ist die
praktizierte Alternative in der Zeit zu einer Gesellschaft, die in ihren Mittelpunkt
wirtschaftlichen Erfolg um seiner selbst willen gestellt hat. Ein Siebtel des
Lebens ist bereits von der Logik der Effizienz, des Marktes und der Ökonomie
befreit. Doch dieses eine Siebtel will nicht entlastend wirken, damit alles so
bleibt wie es ist, sondern die übrigen Tage verändern. Er ist also nicht rein
symbolisch zu verstehen, sondern eine schon jetzt praktizierte Vorwegnahme
einer erwarteten Zukunft, in welcher der Mensch nicht verfügbar ist für
ökonomische Zwecke, denn diese sind nur Lebensmittel – nicht der Sinn des Lebens selber. Die Arbeitstage wie
insgesamt die Ökonomie sind um des Lebens willen da. Sabbat heißt, dass jedes
Tretrad zum Stillstand kommt. Erich Fromm hat eine schöne Definition im Sinne
der biblischen-rabbinischen Tradition formuliert, die in dieser Frage vielleicht
weiterführen kann.
Der Sabbat ist ein Tag – so
Erich Fromm –, an dem der Mensch lebt, „als hätte
er nichts, als verfolgte er kein Ziel außer zu sein, d.h. seine wesentlichen Kräfte auszuüben - beten, studieren,
essen, trinken, singen, lieben.” Humanität soll einen Raum bekommen. Niemand
soll sagen, dass die Dinge des Lebens ihn so in Beschlag genommen hätten, dass
er keine Zeit gefunden habe zum Beten, Studieren, Essen, Trinken, Singen und
Lieben. Man kann es auch so sagen: Diese Zeit der Freiheit von den Dingen der
Ökonomie und des Erwerbslebens, die der Sabbat ermöglichen will, ist eine Zeit,
in welcher der Menschen keine andere Aufgabe hat als Mensch zu sein. Kann der
Kapitalismus diesen Abstandstag zulassen?
Zusammengefasst lässt sich
sagen, dass der Sabbat ein Ethos enthält, das für gegenwärtige Fragen eines
Wirtschaftens, das dem Menschen gerecht wird, ausgelegt werden kann. Der Sabbat
ist die Instanz, welche Lebenskunst lehrt, genug haben zu können, um zu sein.
Nicht Güterwohlstand, sondern Zeitwohlstand orientiert die ökonomische
Entwicklung. Der Sabbat ist Symbol einer von der Vorherrschaft ökonomischer
Interessen und Absichten befreiten Kultur.
Zurückeroberung des Sonntags
Feiertage sind Kampftage.
Sie spiegeln deshalb auch nicht dem Menschen vorgegebene Rhythmen der Natur
wieder, sondern geben Auskunft über die Frage, wer das Sagen hat in einer
Gesellschaft. Wem kommt das Recht zu, die Zeit der Menschen und der
Gesellschaft bestimmen zu können? Den Profiteueren des Verkaufens und
Produzierens oder den Menschen mit ihren Lebensinteressen? Wer bestimmt den
Rhythmus unseres privaten und gesellschaftlichen Lebens?
In den zu Einkaufszentren
umgebauten Bahnhöfen der deutschen Großstädte kann man Werbesprüche lesen: „Bei
uns ist jeder Tag ein Sonntag.“ Die Botschaft lautet: Rund um die Uhr und jeden
Tag kann hier eingekauft werden. Im Endeffekt jedoch bedeutet dies, dass der
siebte Tag zum All-Tag wird, dass es also keinen Sonntag mehr gibt – sondern
nur noch Werktage. Die Werbung bemächtigt sich der tiefen Sehnsüchte nach einem
Sonntag, der anders ist als die Werktage, nur um diesen abzuschaffen.
Vorbei wäre es mit jenem
Tag, der uns daran erinnert, dass wir nicht für die Tretmühle geschaffen sind.
Wenn der Sonntag dem Geschäftemachen als oberster Maxime des Daseins weicht,
wenn wir so arm dran sind, dass wir, um reicher zu werden, unsere Sonn-, Fest-
und Feiertage opfern müssen, und wenn wir ihn kampflos weggeben, dann leben wir
in einer tatsächlich verkehrten Welt. Der Mensch wäre dann für die Wirtschaft,
für das Kaufen und Verkaufen da, und nicht umgekehrt.
Wir müssen mit einem
Angebot der Freiheit in die Debatte gehen und unser Zeitverständnis zum
Gegenstand der Politik machen. Was heißt für uns Freiheit? Wie wird sie gelebt?
Sind wir dann frei, wenn wir die Freiheit zum Konsum haben, wann und wie lange
wir wollen? Wir müssen in einen Streit um die Humanität der Zeitgestaltung
einschalten. Der Sonntag ist nicht gottgegeben, sondern uns übergeben. Das
Kernkriterium lautet: Die Zeitstruktur muss dem Leben aller dienen.
Plädoyer für die Politisierung eines neuen Zeitverständnisses
Unsere
Gesellschaft braucht feste soziale Zeitrhythmen, um die Gemeinschaftserfahrungen
in den Familien-, Verbänden und Freundeskreisen zu pflegen. Wo diese fehlen,
geht die Humanität verloren. Der Mensch ist nach unserer Vorstellung mehr als
Konsument und Erwerbstätiger.
Der
Mensch braucht Rhythmen der Erholung und der Rekreation. Er braucht feste und
planbare Zeiten für gesellschaftliches und kulturelles, zweckfreies und vom Eigennutz
abgelösten Engagement. Dies ist eine jahrtausend alte und geschützte Erfahrung,
die aus der jüdisch-christlichen Tradition in Europa gewachsen und verwurzelt
ist. Dieses Menschenrecht und Kulturgut ist in Gefahr und droht der Kommerzialisierung
des Menschenbildes geopfert zu werden.
Der
Sonntag ist ein Tag der Synchronisierung der Gesellschaft: Das macht ihn so
wichtig. Würde daraus ein individuell gleitender Tag, dann wäre jeder Tag ein
Werktag. Die Zeit ist eine Gabe, mit der wir so umgehen sollen, dass sie dem
Leben dient. Freiheit des einen kann es nicht geben gegen die Freiheit des
anderen. Wenn ich meine Freiheit leben will zu kaufen wann ich will, dann
beschneide ich die Freiheit des anderen, der gezwungen wird, mir zu Diensten zu
sein.
Deshalb
geht es um mehr und um anderes als um die ökonomische Konkurrenzfähigkeit und
die Rentabilität. Im Kern geht es um die Frage, wie wir leben wollen: Stehen
Wettbewerb, Produktion, Kommerz und Rentabilität im Zentrum der Gesellschaft
und unseres Lebens? Der Markt soll den Bedürfnissen des Menschen dienen und
nicht anders herum. Wir müssen neu lernen, diese Dienstfunktion der Ökonomie
für die Allgemeinheit und für den Zeitwohlstand der Menschen ernst zu nehmen
und durch zu buchstabieren.
Nüchtern müssen wir eingestehen, damit wir nicht abermals in
eine Sackgasse laufen: Die Kirchen und Gewerkschaften haben den bisherigen
Kampf um eine humane Zeitgestaltung unserer Gesellschaft und damit auch für
eine humane Gestaltung unserer Lebenszeit verloren. Wir werden nur dann
zukünftig eine Chance haben, wenn wir uns mit anderen verbünden, um eine neue
Hegemonie über die Zeit zurückzuerobern. Der Kampf um den Sonntag ist nur die
Variation einer grundlegenderen Auseinandersetzung um die Zeit: Wem gehört die
Zeit meines Lebens? Wer bestimmt darüber?
Diejenigen, die bis zur Krise die
Diskussion bestimmt haben, werden nicht so einfach das Feld räumen. Um die
Hegemonie über die Zeitfrage zurückzugewinnen, brauchen wir eine breite Diskussion
darüber, was uns in unserer Gesellschaft etwas wert ist und für was es sich
lohnt, einzutreten. Wir brauchen eine neue „reale Utopie“: Arbeitszeit ist
Lebenszeit. Die Ökonomie muss dem Leben und dem Zeitwohlstand der Menschen
dienen.
Gemeinsam müssen wir uns radikal dem persönlichen
Leidensdruck, der Zeitnot der Menschen und den individuellen Interessen der
Menschen in unserer Gesellschaft stellen. 1984
gelang es den Gewerkschaften noch, die gesellschaftliche Hegemonie über die
Zeitfrage zu erobern. Jetzt, wo die neoliberale Wende sich als Irrweg und
Katastrophe erwiesen hat, müssen wir strategisch wieder dort anschließen:
Gemeinsam haben Kirchen und Gewerkschaften es damals geschafft, Zeit als eine
zentrale Dimension in das gesellschaftliche Bewusstsein zu bringen. „Mehr Zeit
zum Leben, Lieben, Lachen“, wurde damals der Kampf um Arbeitszeitverkürzung
begründet. Der Streik für die 35-Stunden-Woche war ein Kulturkampf um die Hegemonie
über die Zeit.
Das setzt eine breite
gesellschaftliche Diskussion über die Bewertung von Arbeit voraus. Eine Umverteilung
von Arbeit als gesellschaftliche Dimension ist das Gegenteil eines Konzepts,
das Arbeitszeiten in bisher ungenutzte Zeiten ausdehnt. Der Shareholder-Value-Kapitalismus
macht die Wettbewerbsfähigkeit zur obersten Maxime staatlichen und
gesellschaftlichen Handels. Dieser Shareholder-Value-Kapitalismus mit seinem
simplen und falschen Menschenbild ist gescheitert. Wir müssen in der Zeitfrage
die Dimension dieses Scheitern verdeutlichen und die Protagonisten, die von
ihrer Ideologie nicht ablassen wollen, benennen.
Wir brauchen eine große Idee – ähnlich wie wir sie in den
60er Jahren mit dem freien Wochenende und in den 80er Jahren mit der 35-Stunden-Woche
hatten. Wir müssen das Gesamtbild einer Gesellschaft entwickeln, für die es
sich wieder lohnt zu kämpfen. Dieses als reale Utopie zu entwickeln, ist
innerhalb einer strategischen Allianz für den Sonntag eine ganz wichtige
Aufgabe.
Kernelemente eines Kampfes gegen den Druck auf den Sonntag
sind:
1. Feiertage
sind Kampftage, die sich gegen die Hegemonie ökonomischer Interessen und
Logiken behaupten müssen.
Statt
einseitig ein individualisiertes Konzept persönlicher Zeitsouveränität zu vertreten,
sollte es Aufgabe der zeittaktgebenden Institutionen wie der Gewerkschaften und
der Kirche sein, das gesamte gesellschaftliche Zeitgefüge im Blick zu haben.
Deshalb sind auch die Ladenöffnungszeiten während der Woche ein Thema für die
Kirchen.
2. Wenn
die Kirchen nur den Sonntag verteidigen, werden sie den Sonntag verlieren.
Die
Reduktion der kirchlichen Aktivitäten in der Arbeitszeitentwicklung auf die Verteidigung
des arbeitsfreien Sonntags entspricht zunächst einem legitimen Eigeninteresse
der Kirchen. Allerdings ist damit ihre denkbare Rolle als Zeittaktgeberin keineswegs
erschöpfend benannt. Angesichts einer drohenden Rund-um-die-Uhr-Ökonomie geht
es nicht mehr nur eindimensional um die Frage des arbeitsfreien Sonntags. Es
geht nicht um Gottesdienstzeiten, es geht nicht um Interessen der Kirchen am
Sonntag, die verletzt werden. Es geht um die Humanität der Gesellschaft, die
von Kirchen und Gewerkschaften gemeinsam verteidigt werden muss.
3. Der
Angriff auf den Sozialstaat und der Angriff auf den Zeitwohlstand sind zwei
Seiten der gleichen verfehlten Wirtschaftspolitik.
Der Raubbau
an der Lebenszeit durch unkontrollierten Zugriff auf die Arbeitszeiten der Menschen
muss zum Thema gemacht werden. Es geht vielmehr um die Frage, wie viel
kollektive Unterbrechung der Erwerbsarbeit, wie viel Gestaltungshoheit über die
Arbeitszeit durch die Beschäftigten selber erforderlich ist, um ein Maß an
gemeinsamer Zeit für Familien, Hobby, Kultur und politischer Beteiligung zu
ermöglichen, das der Tendenz einer völligen Ökonomisierung unseres
gesellschaftlichen Lebens wie auch der zunehmenden sozialen Kontaktminderung entgegentritt.
4. Die
Antwort auf die Frage, wer als Zeittaktgeber das Sagen hat, ist eine Machtfrage.
Deshalb
sind Gestaltungsallianzen nötig. Der Kampf um eine Kultur des Zeitwohlstandes
muss alle Beteiligten an einen Tisch zusammenführen. Das ist das zentrale Thema
einer Allianz für den Sonntag.
Mitten in diese Debatte um die Zukunft
einer Arbeit, die ein menschliches Maß braucht, gehört der Kampf um einen
Sonntag, der dem Zugriff der Zeitdiebe entrissen ist. Der Sonntag wie die Zeit
überhaupt ist das Sozialeigentum der Menschen. Wenn wir den Kapitalismus
resozialisieren wollen, dann gehört dazu, ihm den Zugriff auf den Sozialstaat
und Kulturgüter wie den Sonntag zu verweigern. Der Sonntag ist unser! Wem gehört unsere Lebenszeit? Uns
und nicht den Zeiträubern, die alles in eine Ware verwandeln und aus allem doch
nur ihren Gewinn ziehen wollen. Deshalb müssen wir den Zeitdieben gemeinsam
eine Grenze setzen.
Der
Autor ist altkatholischer Pfarrer und apl. Professor für Sozialethik an der
Universität Marburg. Seit 2002 arbeitet er als Referent für Ethik und
Sozialpolitik im Diakonischen Werk in Hessen und Nassau. Die Veröffentlichung
wurde vorgeschlagen von Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119
Saarbrücken.
[1] Referat bei der Gründungsveranstaltung der „ Allianz für den Sonntag“ am 26. August 2009 in Saarbrücken. Leicht überarbeitet
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[1] Referat bei der Gründungsveranstaltung der „ Allianz für den Sonntag“ am 26. August 2009 in Saarbrücken. Leicht überarbeitet