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Prof. Dr. Franz Segbers
Nonnbornstraße 14 a, 65779 Kelkheim

 

Wem gehört die Zeit?

Der Sonntag ist unser – den Zeitdieben eine Grenze setzen[1]

 

„Was machte der liebe Gott, nachdem er in sechs Tagen die Welt erschaffen hatte?“ Eine Schülerin soll im Religionsunterricht geantwortet haben: „Er ging sich was ganz Schönes kaufen!“ Dieser Witz machte die Runde, als die Kaufhauskonzerne einen Versuch starteten, die Ladenschlusszeiten am Sonntag auszuhebeln. Der Witz spricht eine Erfahrung aus, die allerorten zu machen ist. Die Innenstädte können den Zustrom der Menschen kaum aufnehmen, wenn ein verkaufsoffener Sonntag angeboten wird. Was ist daran so problematisch? Es muss ja niemand gehen. Doch wer will, wer wollte es ihm verwehren?

 

Der Sonntag ist längst nicht mehr unangefochten, auch wenn es im Grundgesetz im Anschluss an die Weimarer Reichsverfassung klar und eindeutig heißt: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“ (Art. 140 GG). In klaren und eindeutigen Erklärungen haben sich die beiden Großkirchen 1985, 1988 und 1999 gegen die Aushöhlung des Sonntags ausgesprochen. Sie haben Kampagnen gestartet und Websites geschaltet. Jetzt klagen die Kirchen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Aushöhlung des Sonntagsschutzes. Das zeigt: Wir haben verloren.

 

Ein fürchterlicher Rückschritt droht oder ist bereits längst eingetreten. Sie erinnern sich noch an die legendäre Kampagne der IG Metall Anfang der 60-er Jahre mit dem Motto „Vati gehört samstags mir“. Zug um Zug wurde die Wochenarbeitszeit verkürzt. Dann erschien 1982 wiederum die IG Metall mit einer aufgehenden Sonne hinter der 35-Stundenwoche. Und jetzt? Jetzt beträgt die reale Arbeitszeit für männliche Arbeitnehmer 42,7 Stunden, wieder genauso viel wie zu Beginn des Kampfes um die 35 Wochenstunden. Nebenbei gesagt: Je länger die Arbeitszeiten für Männer wurden, desto kürzer wurden die Arbeitszeiten für Frauen. Der Samstag, der einzige freie Tag, den die Gewerkschaften durchgesetzt hatten, ist weithin längst zum ganz normalen Arbeitstag ohne Sonderzuschläge geworden.

 

Dabei ist der Samstag eine Errungenschaft der Arbeitsgesellschaft. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir in den 90er- Jahren gewarnt haben: Wenn Kirchen und Gewerkschaften nicht gemeinsam für den Erhalt des Samstags und des Sonntags kämpfen, werden sie am Ende beide als Verlierer dastehen. Denn die, die zunächst den Druck auf den Samstag ausgeübt haben, sie werden nachdem sie den Samstag haben, keine Ruhe geben. Das sehen wir jetzt. Der legendäre „Leberkompromiss“ 1984 hatte den Sonnabend gleitend in die Regelarbeitszeit einbezogen. Dann verlangten die Unternehmen nach 1987 den gesetzlichen Sonntagsschutz zu lockern. Ihrem Drängen hat die Regierung 1994 mit dem Arbeitszeitgesetz nachgegeben. Große öffentliche Aufmerksamkeit hat die im Jahr 1996 erfolgte Regelung über Herstellung und Verkauf von Brötchen am Sonntag gefunden. Man konnte den Eindruck bekommen, der Mangel an frischen Backwaren am Sonntag sei eine schwere Beeinträchtigung der Lebensqualität.

 

Die letzte gesetzliche Regelung zum Ladenschluss auf der Ebene des Bundes erfolgte 2003. Anlässlich von Märkten, Messen und ähnlichen Veranstaltungen wurden dabei vier verkaufsoffene Sonn- und Feiertage pro Jahr zugelassen. Die Verkaufszeit durfte fünf Stunden nicht überschreiten und musste um 18.00 Uhr beendet sein. Sehr viel Konfliktstoff und Ärger ergab sich aus der Zulassung von Sonderregelungen für Geschäfte in Bahnhöfen, Flughäfen und in bestimmten Urlaubsregionen. Die einschneidendste Änderung der Gesetzeslage geschah 2006, als der Bundestag bei der Föderalismusreform die Gesetzgebungskompetenz in Sachen Ladenschluss an die Länder übertragen hat. Ladenschluss wurde dadurch zur Ländersache. Die Arbeitgeber geben im wahrsten Sinn des Wortes keine Ruhe.

 

Vergleicht man diese Etappen der zeitpolitischen Rückschritt und des Abbaus des Sozialstaates, stellt sich zwangsläufig die Frage: Was ist in unserer Gesellschaft passiert, dass heute Arbeitszeitverlängerung, Abbau des Sonntagsschutzes und hohe auftrags- und arbeitsbezogene Flexibilisierung auf der Tagesordnung stehen? Wie konnte es geschehen, dass die Gewerkschaften die Hegemonie über die Zeit verloren haben?

 

Die saarländische Allianz für den freien Sonntag wird nur Erfolg haben können, wenn sie sich ganz nüchtern und sachlich mit dieser Geschichte des Scheiterns im Kampf um die Zeit auseinandersetzt und fragt: Wer sind die Zeitdiebe? Was stehlen sie genau, wenn sie die Zeit stehlen? Was treibt sie?

 

 

Wer sind die Zeitdiebe?

 

Wir müssen feststellen: Die Wochenarbeitszeiten werden wieder länger, fransen aus, der Samstag ist verloren und der Sonntagsschutz leidet unter Auszehrung. Das ist kein Naturgesetz auch keine Naturereignis, sondern politisch gewollt.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Wesentliche Elemente unserer Zeitordnung sind ohne den Einfluss der Kirchen undenkbar. In den Klöstern wurden die Uhren erfunden: Man wollte wissen, wann die Gebetszeiten sind. Die Kirchen haben ausgelegt, was am Sonntag getan werden darf und welche Arbeit liegen bleiben muss. Die Kirchen haben ihre Rolle eingebüßt, die Zeit prägen und bestimmen zu können.

 

Wer aber bestimmt jetzt die Zeit?

Feiertage sind Kampftage. Wir müssen uns klar machen, dass alles Humane in der Welt dem Trend abgerungen worden ist. Der Rechtsstaat ist nicht vom Himmel gefallen. Der Sozialstaat musste erkämpft werden. Was sich von selbst durchsetzt, ist das Recht des Stärkeren. Gegen das Recht des Stärkeren muss die Stärke des Rechts eingesetzt werden. Auch der Tag, der von Arbeit, Geschäftemachen und Kommerz frei ist, musste erkämpft werden. Das Grundgesetz begründet den Sonntagsschutz mit der Kompromissformel des Sonntags als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung. Der Sonntag ist eine uralte soziale Errungenschaft, die sich gegen die Interessen des Kommerzes durchsetzen musste. Das wusste schon vor 2.800 Jahren ein Prophet Amos in dem kleinen Land der Bibel. Er hat uns überliefert, worüber die Geschäftemacher seiner Zeit klagten: „Wann ist das Neumondfest vorbei? Wir wollen Getreide verkaufen. Und wann endlich ist der Sabbat vorbei? Wir wollen den Kornspeicher öffnen“ (Am 8,5).

 

Diese Klage klingt wie aus unseren Tagen. Also schon damals war der Sabbat keine optimale, betriebswirtschaftlich vernünftige Lösung. Ökonomisch vernünftiger wäre es, am Sabbat die Kornspeicher zu öffnen. Die Getreideverkäufer von damals wollen uns auch heute wieder verführen, alle Zeit für ihre Geschäftemacherei frei zu geben. Die Geschichte des biblischen Sabbats ist wie die Geschichte des Sonntags eine Geschichte des Drucks auf Sabbat und Sonntag.

 

Auch wenn für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts relativ wenig Zahlenmaterial vorliegt, kann dennoch davon ausgegangen werden, dass zwischen 1830 und 1860 die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit zwischen 80 und 85 Stunden betragen hat. Vor 1820 umfassen die Arbeitstage selten mehr als zwölf Stunden; Arbeitsbeginn und Arbeitsende sind an Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ausgerichtet. Wie die Sonntagsgesetze, die zum Schutz des Sonntags und des Gottesdienstes im ausgehenden 18 und dem beginnenden 19. Jahrhundert bestanden haben, belegen, wurde am Sonntag nur selten gearbeitet. Um 1820 betrug der Arbeitstag bereits 11 bis 14 Stunden. Für die Jahre 1830 bis 1860 werden 14 bis 16 Stunden geschätzt. Mit der Expansion der industriellen Fabrikarbeit dehnt sich auch der Arbeitstag aus. Die Sieben-Tage-Woche entsteht. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Sonntag als arbeitsfreier Tag in den meisten industriellen Bereichen verschwunden. Vorbei die Zeit, als Handwerksgesellen neben dem arbeitsfreien Sonntag auch noch den „blauen Montag“ hatten, also faktisch eine Fünf-Tage-Woche.

 

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts mehren sich die kirchlichen Stimmen, die sich für einen arbeitsfreien Sonntag einsetzen. Auf Initiative von  Johann Hinrich Wichern beschäftige sich 1849 der Erste Kongress für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche in Wittenberg mit der Frage der Sonntagsarbeit. Wichern selbst schlägt drei Wege vor, wie die Sonntagsarbeit abzuschaffen sei. „Der eine Weg, dass wir uns an die Obrigkeit wenden und sie bitten, Zucht zu halten, negativ zu helfen und der Arbeit der Kirche an ihrem Teil Hilfe zu leisten. Der andere Weg, dass die korporativen Elemente des Volkes, die Innungen, die Meister, die Fabrikherren, die Kaufleute und so weiter, aufgerufen werden, zu Wiedergewinnung einer rechten Feier des Sonntags für das christliche Volksleben mitzuwirken. Der dritte Weg ist der kirchliche durch Predigt, Seelsorge und alle ihr verwandten Arbeiten mehr persönlicher oder sozieller Art. Auf diesen drei Wegen muss es gelingen, dem Volk den Sonntag wieder zu erobern.“

 

Vorausgegangen war dem Kongress der dritte deutsche evangelische Kirchentag, der sich ebenfalls mit dem Sonntag auseinandergesetzt hatte. Kongress wie Kirchentag hatten sich den Initiativen für einen arbeitsfreien Sonntag angeschlossen, die Einmütigkeit zeigt, dass das wohl breiteste kirchliche Engagement der Kirche der „Wiedereroberung des Sonntags“ galt, wie Wichern forderte. Es mehren sich die Stimmen aus den Kirchen. Denkschriften werden verfasst, ein „Monatsblatt für Sonntagheiligung“ gegründet und auf internationaler Ebene bildet sich eine „Internationale Gesellschaft für Sonntagheiligung“.

 

Der Kampf um den Erhalt des arbeitsfreien Sonntags reicht zurück in den Beginn der Arbeiterbewegung. Festlegung einer Maximalarbeitszeit und Verbot der Sonntagsarbeit sind Forderungen, die in das Programm des Gothaer Einigungskongresses aufgenommen wurde. Dieses sozialdemokratische Engagement für einen arbeitsfreien Sonntag ist in kirchlichen Publikationen durchweg positiv aufgenommen worden, auch wenn ansonsten ideologische Streitigkeiten Kirche und Arbeiterbewegung trennten. Die „Neue Evangelische Kirchenzeitung“ zieht 1877 aus dem Engagement der Sozialdemokraten für einen arbeitsfreien Sonntag den Schluss, dass die Sozialdemokraten im Unterschied zu den anderen politischen Parteien „in dieser für das Volkswohl so überaus wichtigen Frage als Bundesgenossen der Kirche“ anzusehen seien.

 

Als sich in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung immer mehr durchsetzte, fiel nach und nach auch der arbeitsfreie Sonntag. Die jahrhundertealte soziale und kulturelle Einrichtung der Sonntagsruhe konnte sich gegenüber dem massiven Druck der Industrialisierung nicht behaupten. Es dauerte bis 1891, als das Arbeiterschutzgesetz in Kraft trat, das neben Bestimmungen zum Betriebsschutz und zur Arbeitsaufsicht auch die Sonntagsruhe wieder einführte. Das zeigt einen wichtigen Zusammenhang, der für heute nicht vergessen werden darf: Der Sonntagsschutz ist Teil der Sozialstaatsentwicklung. Wer den Sonntag aushöhlt, der baut den Sozialstaat ab. Bismarck war gegen den Sonntagsschutz mit einem Argument, das hochmodern ist: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft werde gefährdet – und er kündigte  aus Protest gegen die wirtschaftliche Unvernunft, den Sonntag arbeitsfrei zu machen, seinen Rücktritt an.

 

Erst zehn Jahre später trat das erste Ladenschlussgesetz am 1.Oktober 1900 in Kraft. Jedes zweite Geschäft hatte bis dato nach einer Untersuchung im Deutschen Reich bislang länger als 14 Stunden am Tag geöffnet. Üblich war eine zwei- oder dreistündige Öffnungszeit am Sonntag. Nur in wenigen Großstädten wie Frankfurt oder Dresden, die auf ihre Modernität achteten, galt die „volle Sonntagsruhe“. Städte und Ortschaften, die sonntags die Läden öffneten, galten als veraltert. Das zeigt: Sonntag aber ist modern!

 

Wir sind sozialgeschichtlich wieder hinter 1890 zurückgefallen. Der Kapitalismus hatte gerade einhundert Jahre den arbeitenden Menschen zugestanden, einen erwerbsarbeitsfreien Sonntag und einen Ladenschluss zu haben. Es ist gar nicht so, wie landläufig gemeint wird: es gibt die Jahrtausende alte Tradition des erwerbsarbeitsfreien Sonntags, der jetzt unter Druck gerät und jetzt verteidigt werden muss. Gegen diese Geschichtsvergessenheit ist zu erinnern: Es gab schon einmal den Sieg der Kapitallogik, alle Zeit in Zeiten des Produzierens und Kaufens zu verwandeln. Diese Logik ist in einem harten Kampf zurückgedrängt worden. Der erwerbsarbeitsfreie Sonntag und der Sonntag ohne Ladenöffnungszeiten wurden mühselig erkämpft. Diese Errungenschaft steht abermals zur Disposition. Die geschichtliche Erfahrung lehrt uns: Es sind die gleichen Kräfte, die gegen den Sozialstaat und gegen die Regulierung und Begrenzung von Öffnungszeiten angehen.

 

Im Streit um den Sonntag zeigt sich ein Konflikt über die Verfügungsrechte über die Ressource Zeit. Der eine macht ökonomische, der andere soziale Gründe geltend. Damit ist schon angezeigt, dass im Konkurrenzkampf verschiedener zeittaktgebender Akteure auch verschiedene Logiken und Begründungsmuster bemüht werden. Es geht also im Konflikt um die gesellschaftliche Zeitordnung auch um eine Auseinandersetzung dahinter stehender Wertemuster. Dass 1994 durch die Änderung des Arbeitszeitgesetzes in Deutschland eine Lockerung des Sonntagsschutzes aus rein wirtschaftlichen Gründen erfolgt ist, verdeutlicht auch, dass die Standardisierung gesellschaftlicher Zeitmuster der Fünf-Tage-Woche keineswegs naturgesetzlichen Charakter hat. Die zentrale Frage im Kampf um die Zeit lautet: Kann der individuelle Zeitdruck als Ausdruck eines Machtverhältnisses dargestellt werden? Wie lässt sich eine Gegenöffentlichkeit aufbauen, die denen Rederecht einräumt, die unter Zeitdruck leiden und außer Atem geraten?

Der Ausgangspunkt des kirchlichen Engagements Ende der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts für die Erhaltung der Zeitsouveränität der abhängig Beschäftigten war der Druck, mit dem diese zur Sonntagsarbeit genötigt wurden. Dabei musste insbesondere die evangelische Kirche die Bedeutung des Sonntags neu lernen und wertschätzen. Hatte sie doch 1982 noch in der Studie Solidargemeinschaft von Arbeitenden und Arbeitslosen ohne irgendeinen Gedanken an den Sonntag reine Wochenendschichten, also über den Sonntag hinweg, vorgeschlagen und gefordert, „besondere Arbeitsplätze für das Wochenende bei vollkontinuierlichen Betrieben anzubieten“.

 

Zu bedenken gab sie allenfalls, dass „die Gefahr einer vermehrten Schichtarbeit bedacht werden“ müsse. Kein Hinweis auf das Problem des gesellschaftlichen Ausschlusses jener vollkontinuierlich jeweils am Wochenende arbeitenden Menschen oder auf den Gottesdienst am Sonntag. Die evangelische Kirche hatte in dieser Studie schlichtweg den Sonntag vergessen. Hier klingt Luthers Geringschätzung der Sabbattradition nach, die er nur für Juden gelten lassen wollte. Die biblische Weisung, den Sabbat zu halten, verstand er in der Auslegung im Großen Katechismus lediglich als Gelegenheit, „Gottes Wort zu lernen“, während er das Ruhen der Erwerbsarbeit als pure Äußerlichkeit abtat.

 

Dietrich Bonhoeffer hat von der Schuld der Kirche an der Preisgabe des Sonntags so gesprochen: „Die Kirche bekennt sich schuldig an dem Verlust des Feiertags, an der Verödung ihrer Gottesdienste, an der Verachtung der sonntäglichen Ruhe. Sie hat sich an der Rastlosigkeit und der Unruhe, aber auch an der Ausbeutung der Arbeitskraft über den Werktag hinaus schuldig gemacht, weil ihre Predigt von Jesus Christus schwach und ihr Gottesdienst matt war.“

Was steht auf dem Spiel? Die freie Zeit für den Gottesdienst? Freie Zeit für den Konsum? Beim Kampf um den Sonntag oder genauer: die Wiedereroberung des Sonntags, von der bereits Wichern 1848 gesprochen hatte, geht es um mehr und um anderes als um einen von Erwerbsverpflichtungen freien Tag in der Woche. Es geht um die Frage: Was macht die Mitte unserer Gesellschaft aus? Wie wollen wir leben?

 

 

Leben unter Zeitdruck

 

Der Gesellschaft geht die Luft aus. In Teilzeit an der Kasse im Supermarkt arbeitende Frauen klagen über den Zeitdruck genauso wie der Manager des Kaufhauskonzerns. Die immer freundlichen Mitarbeiterinnen im Call Center sind rund um die Uhr erreichbar, um Bestellungen aufzunehmen.

 

Die Wissensarbeiter in den modernen Unternehmen von High Tec und New Economy kennen überhaupt keine Trennung mehr zwischen Arbeitszeit und privater Zeit. Und der Investmentbanker an der Frankfurter Börse, der an vier gesetzlichen Feiertagen, nämlich an Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag, Fronleichnam und am Tag der Deutschen Einheit zusätzlich Aktien handelt, fragt sich, wie lange er dieses Tempo noch durchhält.

 

Zahlreiche moderne Betriebe haben die Stechuhr abschafft. Von nun an gelte nur noch eine „Vertrauensarbeitszeit“. Gearbeitet werde könne also ohne das Diktat der Zeiterfassung. Ein jeder beginnt, wann er will. Doch das heimliche Motto lautet, wie es Betriebsräte sagen: Macht was ihr wollt, aber seid profitabel! Die versprochene Freiheit wird konterkariert durch den stummen Zwang: Das Projekt muss fristgerecht abgeliefert werden – wie das möglich ist, muss von den Mitarbeitern organisiert werden.  Dann werden Abgabetermine zugesagt, obwohl ein jeder weiß, dass er unter normalen Bedingungen nicht einzuhalten ist. Persönliche Zeit wird dann zu jener Zeitressource, die es erlaubt, doch noch die Fristen einhalten zu können. So opfert man dann die gemeinsamen Zeiten, die man mit dem Ehepartner, der Freundin oder den Kindern verbringen könnte.

 

Zeitsouveränität verwandelt sich in Zeitnot, Autonomie wird zur Selbstkontrolle. Doch dabei wird keineswegs Herrschaft abgebaut, das ehedem fremde Kommandosystem versteckt sich nur und agiert vom Innern der abhängig Beschäftigten her.

 

Wettbewerb um die Zeit

 

Die Globalisierung ist politisch in Gang gesetzt und durchgesetzt von Menschen, die daran glaubten und immer noch glauben, dass der Wettbewerb am besten dazu beitragen könne, Reichtum für alle zu schaffen. Das Kapital werde sich dort niederlassen, wo die Bedingungen gut und deshalb die Rendite hoch ist. Auch der Sonntag, oder allgemeiner: die Zeit insgesamt wird in diesem Konzept zu einem Wettbewerbsinstrument. Unbewirtschaftete Zeit darf es nicht geben. Sie ist ein Standortnachteil, denn mögliche Produktionszeit oder Zeit für den Handel liegen brach und ungenutzt. Deshalb hat auch das 1994 verabschiedete Arbeitszeitgesetz eine Genehmigung für Sonn- und Feiertagsarbeit gerade aus Wettbewerbsgründen eingeräumt, wenn „bei längeren Betriebszeiten im Ausland die Konkurrenzfähigkeit unzumutbar beeinträchtigt ist“ (§13, Abs. 5). Dieses Gesetz ist der Sündenfall.

 

Was verbirgt sich hinter der juristischen Klausel? Der Schutz des Sonntags ist ein Wettbewerbsnachteil gegenüber jenen Ländern, die einen solchen Schutz nicht kennen. Das Arbeitszeitgesetz vertraut auf die Dynamik des Wettbewerbs und will ein Klima der Konkurrenz entfesseln, das Arbeiterinnen und Arbeiter gegeneinander ausspielt, das Unternehmen um Wettbewerbsvorteile bis zur Verdrängung des Konkurrenten ringen lässt und ganze Nationen in einen Konflikt um den besten Standort hineintreibt. Das neue Arbeitszeitgesetz hat also zum ersten Mal gesetzlich die Möglichkeit gegeben, soziale Errungenschaften in Deutschland von außen her auszuhebeln. Nicht allein um niedrigere Löhne, um Steuern oder ökologische Standards, auch um die Zeit wird ein Wettbewerb der Standorte geführt.

 

Dieses Konkurrenzdenken, in dem alles um des besseren Standorts willen aufgeboten wird, treibt die ökonomische Globalisierung voran. Darum wächst auch der Druck, die Wirtschafts- und Konsumzeiten auszudehnen. Wie andere soziale und kulturelle Errungenschaften gerät auch der Sonntag unter Druck. Im Wettbewerb sollen alle Barschaften eingebracht werden. Im Namen eines Konkurrenzdenkens verlangt man eine größere Flexibilität, nämlich Wochenendarbeit, Überstunden, Nachtarbeit, und greift nach dem Sonntag.

 

Der Sonntag, jene unbewirtschaftete Zeit, soll das Rad der Dienstleistungsgesellschaft in Schwung bringen. Telebanking und Call-Center, Versandhandel und Hotlines werden zum Synonym einer kundenfreundlichen Dienstleistungsgesellschaft, sieben Tage lang – vierundzwanzig Stunden täglich. Doch zu wenig wird bedacht, dass dort, wo die Dienste abgefragt werden, andere Menschen diese Dienstleistung erbringen müssen. Die Bequemlichkeit weiter Bevölkerungsteile findet auf dem Rücken derer statt, die gezwungen sind, sich der Flexibilisierung unterzuordnen. In der Tat, hat das Jahr nicht 54 Sonntage, die man auch nutzen sollte?

 

 

Der Kampf um den Sonntag muss aus der Sonntagsfrage heraustreten

 

Beim Kampf um den Sonntag geht es um mehr und um anderes als nur um einen Kampf um die vierundzwanzig Stunden eines Tages. Vor über zehn Jahre hat der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Klaus Engelhardt, vor der EKD-Synode 1995 völlig zu Recht die ethische und kulturelle Dimension angesprochen: „Ich sehe einen Zielkonflikt: die religiösen, kulturellen und sozialen Gesichtspunkte auf der einen, die wirtschaftlichen Erwägungen auf der anderen Seite! Aber es darf nicht sein, dass die wirtschaftlichen Erwägungen alle anderen Gesichtspunkte hinwegspülen. Politik und Gesellschaft müssen sich gut überlegen, welchen Preis sie zugunsten wirtschaftlicher Erwägungen zu zahlen bereit sind. Demnächst wird es womöglich heißen: Die Umweltgesetze in Deutschland sind ein Standortnachteil, wir müssen die Umweltstandards absenken. Wo soll das enden? Es gibt Werte, die sind zu kostbar, um sie für einen wirtschaftlichen Vorteil einzutauschen. Der Schutz der religiösen, kulturellen und natürlichen Grundlagen des Lebens gehört dazu.“

 

Der Druck auf den Sonntag ist ein Doppelangriff: Zum einen haben wir es mit einer Tendenz zur Zerstörung einer Kultur zu tun, wenn der Sonntag zur Disposition gestellt wird. Zum anderen ist Abbau des Sonntagsschutzes auch ein Abbau des Sozialstaates. Um den Erhalt dieser Errungenschaft wird eine Auseinandersetzung geführt, die durchaus als Kampf um die Kultur unseres Landes bezeichnet werden kann. Denn geht um einen Konflikt zwischen ökonomischen Interessen und kulturellen Werten. Der Ökonomie mit ihren berechtigten Interessen und Absichten soll Vorrang gegenüber der Kultur eingeräumt werden. Die Entgrenzung der Ökonomie ist ein Verhängnis. Die Anmaßung eines Primats der Ökonomie über alle andren Bereiche der Gesellschaft ist freiheitsgefährdend.

 

An die Stelle einer an Gesichtspunkten der Humanität orientierten wirtschaftlichen Ordnung etabliert sich ein Wettbewerb der Standorte: Gemeinde gegen Gemeinde, Stadt gegen Stadt, Land gegen Land. Wechselseitig zwingt man sich zur Deregulierung seiner sozialen Errungenschaften um eines Wettbewerbsvorteils willen. Versprochen wird ein Wohlstandgewinn, wenn denn nur soziale Errungenschaften wie auch jene eines freien Sonntags drangegeben werden. Mitten im Reichtum und mit dem Versprechen von noch mehr Reichtum sind wir so arm dran, dass wir sogar kulturelle Werte opfern sollen. Versprochen wird uns, dass es uns besser geht, wenn wir uns kulturell ärmer machen und den Sozialstaat abbauen.

 

Die Wertvorstellung, die dem Sonntag zugrunde liegt, steht quer zu einem Denken, das der ökonomischen Effizienz und Nützlichkeit den Vorrang einräumt. Angesichts dieser Werthaltung ist daran zu erinnern: Der Sonntag ist gerade dadurch Sonntag, dass er nichts kostet und nichts bringt. Er hat eine Währung, die allerdings nicht an der Börse taxiert und in Geld eingetauscht werden kann. Denn kulturelle Einrichtungen und auch soziale Errungenschaften stehen nicht auf einer Ebene mit ökonomischen Interessen.

 

Wer deshalb danach fragt, ob wir uns den Sozialstaat noch leisten können oder der fragt, was der Sonntag ökonomisch kostet, hat im Grunde bereits beides zur Disposition gestellt, denn er meint, ein kulturelles oder soziales Gut verrechnen zu können. Können wir uns Opa noch leisten oder sind seine Behandlungskosten zu hoch? Können wir uns den Sonntag noch leisten oder lassen die Ladenschlusszeiten zu viel möglichen Umsatz entgehen? Vielleicht besteht die größte Gefahr für den Sonntag darin, wenn man nicht mehr davon weiß, dass kulturelle Werte und ökonomische Güter nicht zum gegenseitigen Tausch zur Verfügung stehen. Unsere Kultur steht schon so sehr in Gefahr zu einer Marktgesellschaft zu werden, dass ihr das Wissen über die Unterscheidung von Wert und Preis verloren zu gehen droht. Was einen Preis hat, das kann gehandelt und gekauft werden; doch, was einen Wert hat, das steht nicht zum Kauf zur Verfügung und kann gerade dann seinen Wert verlieren, wenn es käuflich wird.

 

Der Wert des Sonntags besteht gerade darin, dass er das ökonomische Kalkül unterbricht. Er ist eine ökonomiefreie, unbewirtschaftete Zeit. Der Sonntag ist wie ein Mahnmal gegen eine nur ökonomische Sichtweise, die Zeiten ohne Kommerz und Produktion bloß als ungenutzte Ressource oder einen verschenkten Wettbewerbsvorteil wahrnimmt. Hier ist eine einfache und in der öffentlichen Debatte immer wieder Verwirrung stiftende Unterscheidung zu treffen: Natürlich brauchen wir Krankenschwester, Feuerwehrleute oder Polizisten, die am Sonntag ihre Arbeit tun. Doch eine Unterscheidung hilft zur Klärung: Zu unterscheiden ist zwischen einer Arbeit am Sonntag und für den Sonntag.

 

Der Sonntag erinnert daran, dass der Mensch nicht auf ein Produktions- und Konsumwesen reduziert werden darf. In der DDR gab es in den Fünfziger Jahren den Versuch, die Sieben-Tage-Woche zugunsten einer Zehn-Tage-Woche abzuschaffen. Die Stalinisten hatten den Mensch nur als ein Arbeitswesen im Blick. Und jetzt gibt es abermals den Versuch, den Menschen zu einem Konsumwesen zu degradieren. Die marxistische Variante, die den Sonntag abschaffen wollte, ist gescheitert; was aus der Variante der Marktstalinisten wird, können wir in der Wirtschaftskrise besichtigen. Ein Denken, das Freiheit mit der Freiheit des Marktes in eins setzt ist mit der Wirtschaftskrise auch in die Krise geraten. Es ist ein altes Denken, das in der Wirtschaftskrise gescheitert ist und dem nichts Neues einfällt. Die Krise des Sozialstaates, die Krise des Finanzmarktkapitalismus und die Krise des Sonntags gehören zusammen. Es ist ein und derselbe Ungeist.

 

Freiheit ist das Versprechen, mit dem die Deregulierer unserer Tage antreten und dabei die Arbeits- und Verkaufszeiten ausdehnen und Samstag, Sonntag und Feiertage für ihre Interessen zur Verfügung haben wollen. Ministerpräsident Roland Koch aus Hessen hat in einem Stern-Interview bekräftigt, das Ladenschlussgesetz solle nicht mehr so genannt werden, sondern Ladenöffnungsgesetz heißen. Damit wolle man ein Signal setzen und ein „Stück Freiheit schaffen diesem Land“. Der frühere Vizepräsident der IHK-Saarland, Paul Repplinger, hat dieses alte Denken illustriert: „Einmal angenommen, Frau Becker möchte aus Gründen, die nur sie etwas angehen, um Mitternacht ein Abendkleid kaufen. Und weiter angenommen, Herr Maier möchte ebenfalls aus Gründen, die allein seine Sache sind, nachts Abendkleider verkaufen. Wer wollte dann den beiden ihr Geschäft verbieten? Solange Dritte in ihren Rechten und Freiheiten nicht  eingeschränkt werden, spricht nichts gegen einen solchen Geschäftsabschluss um Mitternacht.“

 

Wer lediglich von der Freiheit des unbegrenzten Einkaufens spricht, stellt das Problem auf den Kopf: Freiheit ist nicht die Summe von Wahlmöglichkeiten. Freiheit bedeutet vielmehr, den politischen Raum und die Zeit, in der ich mich bewege, entwerfen und selber gestalten zu können. Wenn Freiheit auf die Wahlfreiheit reduziert wird, dann wird Freiheit gefährdet. Die eigentliche Dimension von Freiheit besteht darin, politisch selbst bestimmen und kooperativ die eigenen Lebensverhältnisse gestalten zu können. Ein Gewinn an Freiheit bedeutet zuallererst, aus der Mühle des Konsumierens und Wirtschaftens herauszutreten. Dies kann aber nur gelingen, wenn wir Freiräume vom Konsumieren und Wirtschaften gegen die ökonomischen Interessen der Profiteure grenzenlosen Konsums sichern und durchsetzen. Wer Ladenöffnung als Zeichen der Freiheit begreift, der meint nur die positive Freiheit: Ich habe die Freiheit zu etwas, nämlich zum Shoppen, wann und wo ich will. Doch dieser Freiheit zu einer Handlung geht eine andere Freiheit voraus, die negative Freiheit nämlich. Diese Freiheit von etwas meint einen Zustand, in dem keine von anderen Menschen ausgehenden Zwänge mein Verhalten und mein Leben erschweren oder verhindern. Das betrifft auch die Verkäuferin, die genötigt wird, an einem grundgesetzlich geschützten freien Tag, dem Sonntag, an einer Kasse sitzen zu müssen, damit andere ihre Konsumwünsche befriedigen können und die Konzernherren den Umsatz steigern können!

 

Die Freiheit der „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“ reicht nicht weit. Eine Gesellschaft, die jederzeit an die Fleischtöpfe kann, ist nicht eine freie Gesellschaft, wenn sie sich die Freiheit mit prekären, schlechten Arbeitsplätzen erkauft. Wer bezahlt den Preis für die Freiheit?  Wie sieht es mit den Löhnen derer aus, die die Freiheit jederzeit kaufen zu können, wann man mag, erst ermöglichen?

 

 

Anders leben und arbeiten aus Erinnerung an den Sabbat

 

„Die Lösung des schwierigsten Problems der Menschheit liegt nicht im Verzicht auf technische Zivilisation, sondern im Erreichen einer gewissen Unabhängigkeit von ihr“, schrieb Rabbiner Abraham Heschel in seinem Buch „Der Sabbat“. Einzige Hoffnung liege in der Heiligung der Zeit. Was die Menschheit dem Judentum verdanke, seien nicht monumentale Bauwerke, sondern ein Palast in der Zeit. Diesen Palast könne ein jeder bewohnen, denn der Sabbat statte jeden Menschen mit einer Königswürde aus.

 

Der Sabbat ist eine Entdeckung auf dem Weg der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Er wendet sich gegen eine Aufteilung von Arbeit und Ruhe zwischen denen da oben und jenen da unten. Er will eine egalitäre Aufteilung von Arbeit und Ruhe: Alle sollen arbeiten und alle sollen ruhen, bestimmt das Sabbatgebot (Ex 20, 8f.; Dtn 5, 12ff.). Arbeit und Ruhe wechseln sich für alle zyklisch ab. „Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun“ (Ex 20,9). Das Sabbatgebot enthält ein Doppelgebot: ein Arbeitsgebot und ein Ruhegebot. „Sieben Tage sollst du schaffen und jede Arbeit tun“ (Ex 20,9). Und: „Der siebte Tag ist ein Ruhetag“ (Ex 20,10). Die Bibel nennt den Ruhetag „Sabbat“.

 

Der Sabbat/Sonntag ist für die Kultur Europas ein unüberschätzbares kulturelles Erbe. Er ist keine religiöse Überhöhung von tariflichen Arbeitszeitregelungen, die Arbeitgeber und Gewerkschaften ausgehandelt haben. Der christliche Sonntag ist mit dem Sabbat der Juden verbunden und steht in einer fruchtbaren, aber auch konfliktreichen Beziehung zu ihm.

 

Das Besondere an der Institution des Sabbat ist, dass er jenseits des Dualismus von Arbeitszeit und Ruhezeit eine dritte Zeit einführt: Verboten wird nämlich nicht Arbeit an sich, sondern jene zweckdienliche, lebensnotwendige Arbeit, zu welcher abhängig Arbeitende gezwungen sind, um ihren Lebensunterhalt erwerben zu können. Das Sabbatgebot meint: An diesem Tag soll niemand Knecht sein und niemand soll zweckdienliche, abhängige und dem Erwerb dienliche Arbeit verrichten. Das Verbot dieser zweckgerichteten Arbeit will – und das ist entscheidend – einen Freiraum für andere Tätigkeiten als zweckdienliche eröffnen. Das Sabbatgebot ist ein Aufruf zur Freiheit und der Sabbat ein Protesttag gegen alle Unterjochung des Menschen, wie die „Herren“ auch immer heißen mögen.

 

Der Sabbat ist ein Freiheitstag in doppelter Hinsicht: Symbol einer Freiheit von ökonomischen Abhängigkeiten und Symbol einer Freiheit zu zweckfreien, selbstbestimmten, lebensfördernden Tätigkeiten. Insofern lehrt der Sabbat eine Lebenskultur, in welcher die auf Existenzsicherung bezogene und ökonomischen Zwecken oder Absichten verpflichtete Arbeit keinen dominierenden Stellenwert einnimmt. Der Sabbat unterbricht nicht bloß die Arbeit, sondern enthält eine lebensfördernde Perspektive, die auf ein Jenseits der zweckbestimmten Arbeit ausgerichtet ist. Die Werktage sind auf einen ganz anderen Tag ausgerichtet, der nicht dem Ökonomischen dient. Aber umgekehrt gilt auch: Zweckbestimmte Arbeit dient letztlich diesem ganz anderen Tag, an dem eine Utopie bereits in die gegebenen Zustände einbricht.

 

Der Sabbat ist die praktizierte Alternative in der Zeit zu einer Gesellschaft, die in ihren Mittelpunkt wirtschaftlichen Erfolg um seiner selbst willen gestellt hat. Ein Siebtel des Lebens ist bereits von der Logik der Effizienz, des Marktes und der Ökonomie befreit. Doch dieses eine Siebtel will nicht entlastend wirken, damit alles so bleibt wie es ist, sondern die übrigen Tage verändern. Er ist also nicht rein symbolisch zu verstehen, sondern eine schon jetzt praktizierte Vorwegnahme einer erwarteten Zukunft, in welcher der Mensch nicht verfügbar ist für ökonomische Zwecke, denn diese sind nur Lebensmittel – nicht der Sinn des Lebens selber. Die Arbeitstage wie insgesamt die Ökonomie sind um des Lebens willen da. Sabbat heißt, dass jedes Tretrad zum Stillstand kommt. Erich Fromm hat eine schöne Definition im Sinne der biblischen-rabbinischen Tradition formuliert, die in dieser Frage vielleicht weiterführen kann.

 

Der Sabbat ist ein Tag – so Erich Fromm –, an dem der Mensch lebt, „als hätte er nichts, als verfolgte er kein Ziel außer zu sein, d.h. seine wesentlichen Kräfte auszuüben - beten, studieren, essen, trinken, singen, lieben.” Humanität soll einen Raum bekommen. Niemand soll sagen, dass die Dinge des Lebens ihn so in Beschlag genommen hätten, dass er keine Zeit gefunden habe zum Beten, Studieren, Essen, Trinken, Singen und Lieben. Man kann es auch so sagen: Diese Zeit der Freiheit von den Dingen der Ökonomie und des Erwerbslebens, die der Sabbat ermöglichen will, ist eine Zeit, in welcher der Menschen keine andere Aufgabe hat als Mensch zu sein. Kann der Kapitalismus diesen Abstandstag zulassen?

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass der Sabbat ein Ethos enthält, das für gegenwärtige Fragen eines Wirtschaftens, das dem Menschen gerecht wird, ausgelegt werden kann. Der Sabbat ist die Instanz, welche Lebenskunst lehrt, genug haben zu können, um zu sein. Nicht Güterwohlstand, sondern Zeitwohlstand orientiert die ökonomische Entwicklung. Der Sabbat ist Symbol einer von der Vorherrschaft ökonomischer Interessen und Absichten befreiten Kultur.

 

 

Zurückeroberung des Sonntags

 

Feiertage sind Kampftage. Sie spiegeln deshalb auch nicht dem Menschen vorgegebene Rhythmen der Natur wieder, sondern geben Auskunft über die Frage, wer das Sagen hat in einer Gesellschaft. Wem kommt das Recht zu, die Zeit der Menschen und der Gesellschaft bestimmen zu können? Den Profiteueren des Verkaufens und Produzierens oder den Menschen mit ihren Lebensinteressen? Wer bestimmt den Rhythmus unseres privaten und gesellschaftlichen Lebens?

 

In den zu Einkaufszentren umgebauten Bahnhöfen der deutschen Großstädte kann man Werbesprüche lesen: „Bei uns ist jeder Tag ein Sonntag.“ Die Botschaft lautet: Rund um die Uhr und jeden Tag kann hier eingekauft werden. Im Endeffekt jedoch bedeutet dies, dass der siebte Tag zum All-Tag wird, dass es also keinen Sonntag mehr gibt – sondern nur noch Werktage. Die Werbung bemächtigt sich der tiefen Sehnsüchte nach einem Sonntag, der anders ist als die Werktage, nur um diesen abzuschaffen.

 

Vorbei wäre es mit jenem Tag, der uns daran erinnert, dass wir nicht für die Tretmühle geschaffen sind. Wenn der Sonntag dem Geschäftemachen als oberster Maxime des Daseins weicht, wenn wir so arm dran sind, dass wir, um reicher zu werden, unsere Sonn-, Fest- und Feiertage opfern müssen, und wenn wir ihn kampflos weggeben, dann leben wir in einer tatsächlich verkehrten Welt. Der Mensch wäre dann für die Wirtschaft, für das Kaufen und Verkaufen da, und nicht umgekehrt.

 

Wir müssen mit einem Angebot der Freiheit in die Debatte gehen und unser Zeitverständnis zum Gegenstand der Politik machen. Was heißt für uns Freiheit? Wie wird sie gelebt? Sind wir dann frei, wenn wir die Freiheit zum Konsum haben, wann und wie lange wir wollen? Wir müssen in einen Streit um die Humanität der Zeitgestaltung einschalten. Der Sonntag ist nicht gottgegeben, sondern uns übergeben. Das Kernkriterium lautet: Die Zeitstruktur muss dem Leben aller dienen.

 

 

Plädoyer für die Politisierung eines neuen Zeitverständnisses

 

Unsere Gesellschaft braucht feste soziale Zeitrhythmen, um die Gemeinschaftserfahrungen in den Familien-, Verbänden und Freundeskreisen zu pflegen. Wo diese fehlen, geht die Humanität verloren. Der Mensch ist nach unserer Vorstellung mehr als Konsument und Erwerbstätiger.

 

Der Mensch braucht Rhythmen der Erholung und der Rekreation. Er braucht feste und planbare Zeiten für gesellschaftliches und kulturelles, zweckfreies und vom Eigennutz abgelösten Engagement. Dies ist eine jahrtausend alte und geschützte Erfahrung, die aus der jüdisch-christlichen Tradition in Europa gewachsen und verwurzelt ist. Dieses Menschenrecht und Kulturgut ist in Gefahr und droht der Kommerzialisierung des Menschenbildes geopfert zu werden.

 

Der Sonntag ist ein Tag der Synchronisierung der Gesellschaft: Das macht ihn so wichtig. Würde daraus ein individuell gleitender Tag, dann wäre jeder Tag ein Werktag. Die Zeit ist eine Gabe, mit der wir so umgehen sollen, dass sie dem Leben dient. Freiheit des einen kann es nicht geben gegen die Freiheit des anderen. Wenn ich meine Freiheit leben will zu kaufen wann ich will, dann beschneide ich die Freiheit des anderen, der gezwungen wird, mir zu Diensten zu sein.

 

Deshalb geht es um mehr und um anderes als um die ökonomische Konkurrenzfähigkeit und die Rentabilität. Im Kern geht es um die Frage, wie wir leben wollen: Stehen Wettbewerb, Produktion, Kommerz und Rentabilität im Zentrum der Gesellschaft und unseres Lebens? Der Markt soll den Bedürfnissen des Menschen dienen und nicht anders herum. Wir müssen neu lernen, diese Dienstfunktion der Ökonomie für die Allgemeinheit und für den Zeitwohlstand der Menschen ernst zu nehmen und durch zu buchstabieren.

 

 

Ansätze eines strategischen Bündnisses in der Arbeitszeitfrage: ein neuer Gesellschaftsvertrag

 

Nüchtern müssen wir eingestehen, damit wir nicht abermals in eine Sackgasse laufen: Die Kirchen und Gewerkschaften haben den bisherigen Kampf um eine humane Zeitgestaltung unserer Gesellschaft und damit auch für eine humane Gestaltung unserer Lebenszeit verloren. Wir werden nur dann zukünftig eine Chance haben, wenn wir uns mit anderen verbünden, um eine neue Hegemonie über die Zeit zurückzuerobern. Der Kampf um den Sonntag ist nur die Variation einer grundlegenderen Auseinandersetzung um die Zeit: Wem gehört die Zeit meines Lebens? Wer bestimmt darüber?

 

Diejenigen, die bis zur Krise die Diskussion bestimmt haben, werden nicht so einfach das Feld räumen. Um die Hegemonie über die Zeitfrage zurückzugewinnen, brauchen wir eine breite Diskussion darüber, was uns in unserer Gesellschaft etwas wert ist und für was es sich lohnt, einzutreten. Wir brauchen eine neue „reale Utopie“: Arbeitszeit ist Lebenszeit. Die Ökonomie muss dem Leben und dem Zeitwohlstand der Menschen dienen.

 

Gemeinsam müssen wir uns radikal dem persönlichen Leidensdruck, der Zeitnot der Menschen und den individuellen Interessen der Menschen in unserer Gesellschaft stellen. 1984 gelang es den Gewerkschaften noch, die gesellschaftliche Hegemonie über die Zeitfrage zu erobern. Jetzt, wo die neoliberale Wende sich als Irrweg und Katastrophe erwiesen hat, müssen wir strategisch wieder dort anschließen: Gemeinsam haben Kirchen und Gewerkschaften es damals geschafft, Zeit als eine zentrale Dimension in das gesellschaftliche Bewusstsein zu bringen. „Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen“, wurde damals der Kampf um Arbeitszeitverkürzung begründet. Der Streik für die 35-Stunden-Woche war ein Kulturkampf um die Hegemonie über die Zeit.

 

Das setzt eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Bewertung von Arbeit voraus. Eine Umverteilung von Arbeit als gesellschaftliche Dimension ist das Gegenteil eines Konzepts, das Arbeitszeiten in bisher ungenutzte Zeiten ausdehnt. Der Shareholder-Value-Kapitalismus macht die Wettbewerbsfähigkeit zur obersten Maxime staatlichen und gesellschaftlichen Handels. Dieser Shareholder-Value-Kapitalismus mit seinem simplen und falschen Menschenbild ist gescheitert. Wir müssen in der Zeitfrage die Dimension dieses Scheitern verdeutlichen und die Protagonisten, die von ihrer Ideologie nicht ablassen wollen, benennen.

 

Wir brauchen eine große Idee – ähnlich wie wir sie in den 60er Jahren mit dem freien Wochenende und in den 80er Jahren mit der 35-Stunden-Woche hatten. Wir müssen das Gesamtbild einer Gesellschaft entwickeln, für die es sich wieder lohnt zu kämpfen. Dieses als reale Utopie zu entwickeln, ist innerhalb einer strategischen Allianz für den Sonntag eine ganz wichtige Aufgabe.

 

Kernelemente eines Kampfes gegen den Druck auf den Sonntag sind:

 

1. Feiertage sind Kampftage, die sich gegen die Hegemonie ökonomischer Interessen und Logiken behaupten müssen.

Statt einseitig ein individualisiertes Konzept persönlicher Zeitsouveränität zu vertreten, sollte es Aufgabe der zeittaktgebenden Institutionen wie der Gewerkschaften und der Kirche sein, das gesamte gesellschaftliche Zeitgefüge im Blick zu haben. Deshalb sind auch die Ladenöffnungszeiten während der Woche ein Thema für die Kirchen.

 

2. Wenn die Kirchen nur den Sonntag verteidigen, werden sie den Sonntag verlieren.

Die Reduktion der kirchlichen Aktivitäten in der Arbeitszeitentwicklung auf die Verteidigung des arbeitsfreien Sonntags entspricht zunächst einem legitimen Eigeninteresse der Kirchen. Allerdings ist damit ihre denkbare Rolle als Zeittaktgeberin keineswegs erschöpfend benannt. Angesichts einer drohenden Rund-um-die-Uhr-Ökonomie geht es nicht mehr nur eindimensional um die Frage des arbeitsfreien Sonntags. Es geht nicht um Gottesdienstzeiten, es geht nicht um Interessen der Kirchen am Sonntag, die verletzt werden. Es geht um die Humanität der Gesellschaft, die von Kirchen und Gewerkschaften gemeinsam verteidigt werden muss.

 

3. Der Angriff auf den Sozialstaat und der Angriff auf den Zeitwohlstand sind zwei Seiten der gleichen verfehlten Wirtschaftspolitik.

Der Raubbau an der Lebenszeit durch unkontrollierten Zugriff auf die Arbeitszeiten der Menschen muss zum Thema gemacht werden. Es geht vielmehr um die Frage, wie viel kollektive Unterbrechung der Erwerbsarbeit, wie viel Gestaltungshoheit über die Arbeitszeit durch die Beschäftigten selber erforderlich ist, um ein Maß an gemeinsamer Zeit für Familien, Hobby, Kultur und politischer Beteiligung zu ermöglichen, das der Tendenz einer völligen Ökonomisierung unseres gesellschaftlichen Lebens wie auch der zunehmenden sozialen Kontaktminderung entgegentritt.

 

4. Die Antwort auf die Frage, wer als Zeittaktgeber das Sagen hat, ist eine Machtfrage.

Deshalb sind Gestaltungsallianzen nötig. Der Kampf um eine Kultur des Zeitwohlstandes muss alle Beteiligten an einen Tisch zusammenführen. Das ist das zentrale Thema einer Allianz für den Sonntag.

Mitten in diese Debatte um die Zukunft einer Arbeit, die ein menschliches Maß braucht, gehört der Kampf um einen Sonntag, der dem Zugriff der Zeitdiebe entrissen ist. Der Sonntag wie die Zeit überhaupt ist das Sozialeigentum der Menschen. Wenn wir den Kapitalismus resozialisieren wollen, dann gehört dazu, ihm den Zugriff auf den Sozialstaat und Kulturgüter wie den Sonntag zu verweigern. Der Sonntag ist unser! Wem gehört unsere Lebenszeit? Uns und nicht den Zeiträubern, die alles in eine Ware verwandeln und aus allem doch nur ihren Gewinn ziehen wollen. Deshalb müssen wir den Zeitdieben gemeinsam eine Grenze setzen.

 

Der Autor ist altkatholischer Pfarrer und apl. Professor für Sozialethik an der Universität Marburg. Seit 2002 arbeitet er als Referent für Ethik und Sozialpolitik im Diakonischen Werk in Hessen und Nassau. Die Veröffentlichung wurde vorgeschlagen von Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken.

 

[1] Referat bei der Gründungsveranstaltung der „ Allianz für den Sonntag“ am 26. August 2009 in Saarbrücken. Leicht überarbeitet

 

 


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[1] Referat bei der Gründungsveranstaltung der „ Allianz für den Sonntag“ am 26. August 2009 in Saarbrücken. Leicht überarbeitet