Friedhelm Hans
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Dr. Paul Metzger
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Debatte

 

Das Loch in der Mitte – Plädoyer für eine unterhaltsame Predigt

 

Jetzt ist es wieder soweit. Ich bin wieder rein gefallen. Ich ärgere mich. Ich hatte es mir doch so fest vorgenommen. Aber es ist trotzdem passiert. Ich tauche aus meinen Gedanken auf und stelle fest, dass ich gerade überlegt habe, ob ich den Nachmittag morgen frei habe. Oder sind da irgendwelche Termine? Kann ich da einkaufen gehen? Ist noch genügend Milch da?

 

Ich ärgere mich, weil ich mich selbst bei diesen Fragen ertappt habe. Obwohl ich mir doch vorgenommen hatte, diesmal zuzuhören. Von Anfang an. Und bis zum Ende. Aber ich habe es wieder nicht geschafft. Als ich aus meinen Gedanken erwache, steht ein Mensch in Schwarz immer noch auf der Kanzel und redet. Er predigt. Und ich bin irgendwo ausgestiegen und habe nicht mal gemerkt, dass meine Gedanken sich selbständig gemacht haben und auf Wanderschaft gegangen sind. Das wollte ich vermeiden. Trotz meines festen Vorsatzes ist meine Aufmerksamkeit wieder abgestürzt. Wieder einmal bin ich in das Loch in der Mitte gefallen.

 

 

1. Einleitung: Die Hochschätzung der Predigt

 

Gemäß der Rhetorik des Plädoyers muss zunächst das Problem umrissen werden.

Der in unseren Gemeinden in der Regel gefeierte Pronaus weist der Predigt eine zentrale Stellung zu. Der Gottesdienst wird damit zu einem ausdrücklichen Wort- also Predigtgottesdienst. Die Verkündigung im engeren Sinn wird zur Mitte des Geschehens. Theologisch lässt sich sicher streiten, inwiefern und in welchem Verhältnis die weiteren Elemente des Gottesdienstes der Predigt zur Seite stehen, doch kann nicht übergangen werden, dass die Predigt insofern Höhepunkt des Gottesdienstes ist, als dass die anderen Teile auf sie zuführen bzw. ihren Nachklang spüren lassen sollen. Von daher darf die Predigt als die Mitte des Gottesdienstes bezeichnet werden. Obwohl dies ein Anlass zur Freude sein kann, scheint es eher, als ob die Predigt eine Last darstellt, die es regelmäßig zu tragen gilt. Wenn dann noch die gewichtigen Aussagen der theologischen Klassiker über die Predigt ins Bewusstsein gelassen werden, dann wird die Last noch schwerer:

 

Aus der Predigt kommt der Glaube (Paulus: Röm 10,17). Die Predigt ist das Wort Gottes (H. Bullinger: Praedicatio verbi dei est verbum dei.) In der Predigt schreitet Christus selbst als Wort durch die Gemeinde (D. Bonhoeffer). Der Mensch kann das Wort Gottes überhaupt nicht sagen, er muss es Gott selbst sagen lassen. (K. Barth) Der letzte Ansatz scheint ja bereits auf dem Weg der Entlastung des Predigers, faktisch belässt er aber genau wie die anderen Ansätze den Prediger in seiner Not.[1] Denn wenn Gott nicht sprechen will, dann muss trotzdem eine Predigt gehalten werden.

 

Die Hochschätzung der Predigt ist demnach keine Freude für die meisten Prediger. In der Tat ist eine Predigt in erster Linie harte Arbeit. Aber es wird keine gute Arbeit werden, wenn sich nicht eine Inspiration einstellt, die in der Predigtliteratur vielfach benannt wird: Predigteinfall, Predigtidee, Kernsatz, roter Faden usw. Theologisch ist dies nichts anderes als die Einhauchung des Geistes, eben Inspiration. Leider ist der Heilige Geist oft ein scheinbar unzuverlässiger Zeitgenosse. Er weht eben, wann und wo er will und leider gerade dann nicht, wenn der Pfarrer Zeit hat, die Predigt vorzubereiten. So wie Gott nicht sprechen will, wenn wir Zeit haben, so will auch der Geist oft nicht dann wehen, wenn wir die Fenster öffnen.

 

Auch hier haben Homiletiker schon Konzepte entwickelt, dem Geist mehr Raum einzuräumen. Man denke an die Schritte zur Predigt, die K. Meyer zu Uptrup vorschlägt, oder die Predigtwoche, die C. Möller durchlebt.[2] Aber der Geist trotzt oft leider den vielen Vorschlägen und kommt auf keinem Schritt des Weges zur Predigt und an keinem Tag der Predigt-Woche. Und trotzdem muss am Sonntag eine Predigt gehalten werden, die den eigenen Ansprüchen und denen der Gemeinde genügt. So kommt es, dass die Predigt oft genug nicht als freudiges Ereignis wahrgenommen wird, weder von den Hörern noch vom Pfarrer, sondern eine Last darstellt. Es ist von daher allzu verständlich, dass sich immer wieder mit einer strukturell bedingten Regelmäßigkeit Löcher in der Mitte des Gottesdienstes auftun, in die der unvorsichtige Hörer hineinfällt. Folgende Löcher sind hierbei besonders zu meiden.

 

 

2. Beweisführung: Die Löcher in der Mitte

 

Das Plädoyer tritt nun in die Beweisführung ein.

Zunächst gibt es Gottesdienste, die das Loch in der Mitte dadurch vermeiden, dass sie gar keine Predigt mehr vorsehen. Dies ist in meinen Augen legitim in besonderen Formen von Gottesdienst, etwa dem Kindergarten-, Schul- oder Familiengottesdienst. Also vor allem dann, wenn die Mehrzahl der Gottesdienstbesucher nicht in der Lage ist, über einen gewissen Zeitraum zuzuhören. Seltsam wird es für mich da, wo dies durchaus der Fall ist, aber bewusst die Predigt aufgegeben wird zugunsten von nicht näher definierten Formen einer diffusen und modischen Spiritualität. Dann sollte m. E. auch die Bezeichnung Gottesdienst fallengelassen werden. Ein Salbungsgottesdienst ohne Predigt ist für mich kein Gottesdienst. Gleiches gilt für einen Gottesdienst, in dem nur die „Perlen des Glaubens“ (also die evangelische Variante des Rosenkranzes) einzeln vor- und nachgebetet werden. Hier scheint mir die Bezeichnung Gottesdienst irreführend, da dann die Mitte des Gottesdienstes – wie oben ausgeführt – fehlt. Als Andacht haben die exemplarisch genannten Formen durchaus ihre Berechtigung, aber wenn man einen Gottesdienst feiern will, sollte man das Loch in der Mitte nicht einfach umgehen, indem man die Predigt unterdrückt und das Loch anderweitig füllt.

 

 

2.1. Das Loch der Sprache

Zahlreiche Predigten reißen durch ihre Sprache Löcher auf. Dies ist ein aus der Sicht des Predigers ganz naheliegendes Loch, was von ihm selbst oft nicht bemerkt wird. Da er selbst im Studium und durch die Lektüre theologischer Werke mit der abstrakten Sprache der Wissenschaft vertraut ist, setzt er diese auch in seinen Äußerungen um. Dies verbindet sich dann oft mit der speziellen religiösen und theologischen Fachsprache und schon tut sich ein Loch auf, in das der Hörer gerne und meist ohne große Schmerzen hineinfällt. Begriffe wie Gnade, Vergebung, Sünde usw. sind für die meisten Zeitgenossen kaum noch verständlich, aber irgendwie kirchlich vertraut und werden daher fast mit einer gewissen Erwartungshaltung goutiert. Wenn dann noch abstrakt von der Möglichkeit der Rechtfertigung des in sich verkrümmten Individuums gesprochen wird, das sich aus sich selbst nicht heilen kann und deshalb auf den unbedingten Versöhnungswillen dessen, der die Welt geschaffen hat und sie in seiner unendlichen Güte weiterhin trägt und erhält, angewiesen bleibt, dann lässt sich der Hörer auch nicht mit dem Hinweis darauf beglücken, dass Gott bereits vor der Erschaffung der Welt seinen eingeborenen Sohn dazu bestimmt hat, uns mit sich zu versöhnen, bevor wir überhaupt uns danach sehnten. Angesichts dieser Sprache wird sich der Hörer überhaupt nicht nach irgendetwas sehnen – außer nach dem Ende der Predigt.

 

 

2.2. Das Loch der Exegese

Sehr erfreulich und angesichts der knappen Zeit im Pfarramt sehr bewundernswert ist eine gründliche Vorbereitung der Predigt durch das Studium des Predigttextes. Allerdings hat man manchmal den Eindruck, dass die Erkenntnisse, die der Prediger durch das Studium von Kommentaren und anderer exegetischer Fachliteratur gewonnen hat, direkt in die Predigt selbst eingeflossen sind. Hier läuft die Predigt Gefahr das Loch der Exegese aufzureißen. Interessiert es wirklich die Hörer, dass der Prophet Jesaja gar nicht das Buch geschrieben hat, das nach ihm benannt ist und dass man mindestens zwischen drei verschiedenen „Jesajas“ unterscheiden muss, von denen der zweite Jesaja (hier spricht der studierte Prediger natürlich von Deuterojesaja) zum Ausgang des Exils spricht, das traditionell – dieses Datum scheint nicht gänzlich durch historische Quellen gedeckt – von der Zerstörung Jerusalems 587/86 durch den babylonischen König Nebukadnezar II. bis zur Eroberung Babylons durch den persischen König Kyros im Jahr 539 v. Chr. reicht. Wenn dann noch spezifische Probleme der Literarkritik behandelt werden oder die sozialgeschichtlichen Probleme der Exilierten im Hinblick auf ihre Heimkehr, dann hofft der Hörer zu Recht, dass der Prediger ihm nicht noch erklären wird, was der Turmbau zu Babel damit zu tun hat.

 

 

2.3. Das Loch der Hermeneutik

In unmittelbarer Nachbarschaft zum exegetischen Loch fallen wir oft in das Loch der Hermeneutik. Denn oft wird mit einem kleinen Kunstgriff von einem Loch zum anderen gesprungen. Kaum ein Prediger trägt seine exegetischen Lesefrüchte vor, ohne danach einen kleinen Bogen in unsere Gegenwart zu schlagen. Oft ist ihm nämlich bewusst, dass die Exegese ein interessantes Gebiet ist, dass ihr vornehmliches Sujet (die biblischen Texte) doch leider schon sehr weit in der Vergangenheit liegt und zumindest vordergründig mit uns nichts zu tun hat. Da er aber die Last spürt, ihnen etwas für unsere Gegenwart abzuringen, schließt er kurzerhand von damals auf heute. Bleiben wir bei dem Beispiel mit Jesaja, dann hört sich der Sprung etwa so an: So wie die Exilierten es nicht leicht hatten nach Hause zu kommen, so haben wir es auch nicht leicht nach Hause zu kommen. Einige Hörer werden dem zustimmen, wenn sie daran denken, dass zuhause die Gattin mit dem Mittagessen wartet und der sonntägliche Frühschoppen damit immer wieder kollidiert. So wie der Weg der Exilierten nach Hause nicht leicht war, so ist auch unser Weg nach Hause nicht immer leicht. Genau! Vor allem durch diese neue Umleitung am Ortseingang.

 

Diese Art des Vergleichs ist das Loch der Hermeneutik. Jeder bis hierhin noch zuhörende Gottesdienstbesucher wird jetzt in das Loch fallen, da der Vergleich zu oberflächlich ist, da nicht übertragen wird, was der Text sagt, sondern nur seine „äußeren“ Umstände, z.B. seine Erzählung oder sein damaliger Kontext usw., als Vergleichspunkt dienen. So lassen sich aus den biblischen Texten nur Banalitäten gewinnen. Kurzschlüsse dieser Art verbrennen den wirklichen Gehalt der Texte. Hermeneutisch gesagt ist nicht der Vergleich das, was die tatsächliche Aktualität der Texte ausmacht, sondern die Analogie. Es geht darum zu sagen, was der Text sagt, nicht wie er es sagt. Nur die Aussage des Textes lässt sich analog zu unseren Erfahrungen setzen, nicht die erzählten oder realen Umstände. Deshalb werden einfache Vergleiche oft falsch oder lediglich banal. Leider ist ein solcher Vergleich aber eines der größten Löcher der Predigt.

 

 

2.4. Das Loch der Bildung

Eine Predigt ist Verkündung der frohen Botschaft, kein wissenschaftlicher Vortrag. Dieses Loch berührt sich mit dem Loch der Exegese. Aber einige Prediger haben nicht nur den Hang ihre exegetischen Lesefrüchte in der Predigt auszustellen, sondern sie wollen ihren Hörern gemäß dem unzweifelhaften Bildungsauftrag der protestantischen Kirche auch sonst ein wenig von ihrem Wissen mitteilen. Hier ist zunächst an typische Bildungselemente einer gehobenen Mittelschicht zu denken. Besonders beliebt sind z.B. Gedichte, die dem Prediger „etwas gesagt haben“. Klassische Prediger halten sich hier an Goethe oder Schiller, moderne führen eher Robert Gernhardt oder Paul Celan ins Feld der Predigt. Das Loch entsteht nun nicht so sehr dadurch, dass im Grunde ein zweiter Predigttext etabliert wird, sondern dadurch, dass hier nur ein bestimmtes Milieu angesprochen wird – nämlich das Milieu des Predigers selbst.

 

Wer an die Poesie nicht gewöhnt ist, wer bei Gedicht sofort an Schule und Auswendiglernen denkt, der wirft sich dankbar in das Loch hinein, das ihm jetzt eröffnet ist. Hier trifft der Hörer vielleicht schon andere „Gottesdienstbewohner“, die aus einem anderen Grund in das Loch gefallen sind. Als zweites Grundelement der Bildung werden nämlich auch gerne politische Gedanken in die Predigt eingeflochten. Bei manchem Prediger scheint eine Predigt ohne offensichtliche politische Impulse gar nicht denkbar. Man hat dann den Eindruck, die Predigt dient vor allem als Aufruf sich seiner ethischen Verantwortung als Christ bewusst zu werden, mehr noch: seiner Verantwortung als Staatsbürger. Wer lieber etwas Freude zugesagt bekommen will oder sich nicht von der Kanzel her sagen lassen will, wie er politisch zu denken hat, der wird dann genauso freiwillig in das Loch fallen, wie derjenige, der Gedichte schon in der Schule gehasst hat.

 

 

2.5. Das Loch der Langweile

Das Loch der Langweile ist ein besonders tiefes Loch. Es entsteht einerseits, wenn sich die bereits genannten Löcher addieren. Wenn mit theologischer Sprache exegetische Sachverhalte erklärt werden, die mittels eines hermeneutischen Kurzschlusses in das Bildungsmilieu des Kulturprotestantismus transportiert werden. Andererseits entsteht es auch einfach dann, wenn der Lebensbezug der Predigt zum Hörer nicht gegeben ist. Das passiert leider oft durch einen Ansatz, den ich ansonsten sehr begrüße: das Erzählen in der Predigt.

 

Erzählen ist eine schwierige Angelegenheit. Neben allen technischen Anmerkungen, die man dazu machen kann,[3] gehört für mich vor allem der Mut dazu, aus seinem eigenen Leben zu erzählen und so Gott selbst im eigenen Leben der Gemeinde zu offenbaren. Es scheint mir, als ob das oft als zu peinlich oder banal empfunden wird und deshalb lieber eine fremde Erzählung vorgeschoben wird. So ist der Prediger dann allerdings kein Zeuge des eigenen Erlebens mit Gott, sondern er versteckt sich hinter erfundenen Geschichten. Deshalb geht die kleine Beispielgeschichte von einem alten Mann, der ganz allein in einem Haus am Meer wohnt und eines Tages einen Wollfaden findet und daraufhin von Rabbi Akkiba Besuch bekommt, den Hörer im Grunde schlicht nichts an. Diese pädagogisch oft wertvollen Erzählungen lassen den Hörer meistens kalt. Wenn er die Erzählung versteht, langweilt er sich bei deren Auslegung, die der Prediger gerne nachreicht. Versteht er die Erzählung nicht, dann langweilt ihn schon die Erzählung selbst – und erst recht ihre Auslegung und Anwendung.

 

Selbst eine sehr gute Predigt kann das Loch der Langweile nicht vermeiden, wenn sie zu lang wird. „Man darf über alles predigen – nur nicht über zehn Minuten“, so ein treffender Ausspruch des Volksmundes.[4] Da die Hörer in unserer Welt kaum noch gewohnt sind, sich Reden oder Vorträge anzuhören, die nicht wenigstens durch Bilder aufgelockert werden – wenn sie nicht gleich mit Musik unterlegt werden müssen –, liegt auf der Hand, dass der Prediger darauf Rücksicht nehmen muss. Selbst die unterhaltsamste Predigt ermüdet den Hörer, wenn sie zu lang wird. Deshalb ist es besser, einen Gedanken so zu entwickeln und aussagen, dass er im Gedächtnis bleibt, als drei brillante Gedanken aneinanderzuketten, die letztlich doch die Hörerschaft nicht mehr fesseln können.

 

 

3. Antrag für eine unterhaltsame Predigt

 

Ich komme zur Ausformulierungen meines Antrags.

Kein Prediger wird alle Löcher vermeiden können. Selbst in äußerst gelungenen Predigten werden Hörer in Löcher fallen. Manchmal ist der Hörer auch selbst das Loch, weil er einfach nicht aufnahmebereit ist. Allerdings scheint mir ein Element als Ziel der Predigt oft genug vergessen oder zumindest wenig beachtet, die aus der Sache des Evangeliums kommt: das befreite Dasein der von Gott geliebten Menschen. Diese abstrakte Formel gilt es für mich in der Predigt konkret umzusetzen. Dass dabei viele Linien in viele verschiedene Bereiche auszuziehen sind, macht die Vielfalt der Texte und der Predigten aus. Dabei kann man nicht in jeder Predigt alles sagen, und einzelne Linien füllen Predigten dabei vollkommen aus, aber das Zentrum des Predigens sollte dabei nicht permanent außer Acht bleiben. Die grundsätzliche Freude des Christen, die mit dem neuen, erlösten Dasein einhergeht, in den Alltag der Hörer zu übersetzen, scheint mir die hohe Kunst der Predigt zu sein. Der abstrakte Begriff der Freude lässt sich dabei nach meinem Eindruck am besten mit dem Begriff der Unterhaltung übersetzen. Dieser Aspekte scheint mir aber in der homiletischen Literatur der Gegenwart nicht allzu häufig anzutreffen zu sein. Deshalb soll er erläutert werden.

 

3.1. Was ist Unterhaltung?

Um das semantische Potential des Begriffs Unterhaltung aufzufächern, bedarf es mindestens vier Differenzierungen. Betrachten wir das Grimm’sche Wörterbuch, dann scheint es Unterhaltung mit verschiedenen Inhalten zu tun zu haben. Es geht bei der Unterhaltung darum, jemanden zu unterstützen, ihm Unterhalt zu zahlen. Es geht darum, jemanden oder etwas in Stand zu halten, es am Leben zu erhalten, selbst zu atmen und zu essen. Es geht darum, mit jemandem zu reden, eine Unterhaltung zu führen. Hiermit hängt eine weitere Bedeutung zusammen. Wenn man mit jemandem redet, dann unterhält man sich hoffentlich gut. Dann ist diese Unterhaltung ein vergnüglicher Zeitvertreib. Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Unterhaltung mindestens vier Aspekte aufweist: Unterstützung, Instandhaltung, Dialog, Zeitvertreib.

 

3.2. Die Predigt als Unterstützung

Die Predigt soll die Hörer unterstützen. Sie soll ihnen gemäß Mt 6,25ff sagen, dass sie sich keine Sorgen in der Welt zu machen brauchen. Das ist für mich eine wesentliche Aufgabe der Predigt. Den Hörern die frohe Botschaft ihres neuen Daseins zu verkündigen. Die Hörer sollen ihr neues Dasein zugesagt bekommen, damit sie gelöst und unbeschwert aus der Kirche gehen, damit sie Kraft für ihren Alltag bekommen. Predigt darf sich nicht damit erschöpfen, vor der Zeit und ihren Auswüchsen zu warnen, diese zu behandeln und sie zu brandmarken. Die Predigt soll den Menschen in seinem neuen Dasein bestärken. Nur so kann sie m. E. ethische Impulse beinhalten. Sie muss konstruktiv in den Alltag hineinreichen, bewusst werden lassen, wo Gott in dieser Welt am Werk ist. Sie soll den Menschen helfen, die Welt als Gottes Schöpfung zu betrachten und so ihnen die Augen öffnen für das Erleben des Göttlichen in ihrem eigenen Leben. Sie soll ihnen geistlichen Unterhalt zahlen, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

 

3.3. Die Predigt als Instandhaltung

Die Predigt soll die Menschen wieder neu in Stand setzen. Dies hängt eng mit ihrer ersten Aufgabe zusammen. Menschen, die ohne Kraft und Mut sind, ohne Ausweg und Zuversicht, sollen von der Predigt wieder aufgebaut werden. Das ist der Sinn von Rechtfertigung und Gnade. Gemäß dem Heilandsruf des matthäischen Jesus in Mt 11,28 sollen in der Predigt gerade die Schwachen ermutigt und gestärkt werden. Aber nicht abstrakt, sondern mit ganz konkretem Zuspruch. So wird der eine Mensch neu erbaut, der andere renoviert und die Bausubstanz des dritten erhalten. Predigt ist damit Teil des Gemeindeaufbaus.

Insofern setzt Predigt auch Kirche in Stand. Wo nicht mehr gepredigt wird, da scheint mir das Wesentliche der evangelischen Kirche auf dem Spiel zu stehen. Die Predigt muss deshalb als vitale Funktion der Kirche angesehen werden. Die Predigt ist letztlich das Ergebnis der Anrede Gottes an uns. Um mit einem Bild von Eberhard Jüngel zu sprechen:[5] Da, wo wir die Predigt unterlassen, da vergessen wir auszuatmen. Wir holen Luft im Erleben Gottes und wir atmen aus und erzählen dabei von unseren Erlebnissen. Die Predigt ist dabei Teil dieses Ausatmens und deshalb lebensnotwendig für die Kirche.

 

3.4. Die Predigt als Dialog

Ein wichtiger Aspekt der Predigt ist ihr dialogischer Charakter. Sie ist Teil eines Gesprächs, das zwischen Gott und den Menschen stattfindet. Sie muss dieses Gespräch nicht herstellen, da es schon lange vor ihr im Gange ist. Predigt soll also kein Referat über ein bestimmtes Thema sein, sondern eine Antwort auf die Fragen der Gemeinde. Gleichzeitig darf sie neue Fragen stellen. So ist sie Teil eines Kommunikationsgeschehens zwischen Prediger und Gemeinde und es gelingt ihr im besten Fall, auch das Gespräch der Gemeinde untereinander anzuregen. Dass die Predigt Dialog sein soll, heißt dabei ganz konkret auch, dass nicht nur der Prediger sprechen darf und soll, sondern dass ganz behutsam mit großem Feingefühl auch Gemeindeglieder angesprochen werden und diese zur Teilnahme an der Predigt aufgefordert werden dürfen. Ob dies spontan geschieht oder ob man so etwas einüben und vorbereiten will, hängt von den Umständen ab. Der Dialog wäre somit Teil der Predigt selbst und die Predigt könnte viel besser auf ihre Hörer eingehen.

 

3.5. Die Predigt als Zeitvertreib

Der letzte Aspekt mag erstaunen, aber er ist nicht zu unterlassen oder zu belächeln. Will Predigt gehört werden, muss sie unterhaltsam sein. Wenn viele Löcher vermieden werden sollen, dann darf sie nicht zu gewichtig vorgetragen werden. Das Heilige muss nicht mit dem Schweren verwechselt werden. Leichter geht die Predigt ins Ohr und bleibt im Gedächtnis, wenn sie nahe an den Menschen ist. Sie geht ins Herz, wenn sie lustig und anrührend ist, wenn sie über sich selbst lachen kann. Das Lachen befreit den Menschen von sich selbst. Gerade im Lachen kann er sich selbst loslassen und seine Sorgen für den Moment vergessen. Da wird er dann die Kraft tanken, die der Zuspruch des Evangeliums ihm schenkt. Im Lachen wird er aufgebaut und lässt sich von Gott ansprechen.

 

Aber nicht nur im Lachen empfindet der Mensch die Befreiung von sich selbst. Deshalb kann es nicht darum gehen, innerhalb der Predigt Witze zu erzählen. Es geht insgesamt um die Emotion, die der Langweile Herr wird. Was theologisch mit dem Wirken des Heiligen Geistes bezeichnet wird, scheint mir konkret dann stattzufinden, wenn es der Predigt gelingt, die Emotionen der Hörer zu erreichen. Deshalb muss die Predigt in erster Linie so beschaffen sein, dass der Prediger mit seinem Hörer durch dessen Welt geht. Er nimmt ihn mit auf die Suche nach Gottes Spuren in dieser Welt. Wenn Prediger und Hörer gemeinsam entdecken, dass Gott auch und gerade im Verborgenen wirkt, dass er oft unscheinbar daherkommt und dass er uns oft so manchen Streich spielt, dann können wir Löcher vermeiden. Deshalb muss die Predigt unterhaltsam sein – je auf ihre individuelle Weise.

 

4. Schlussantrag

 

Gemäß der Form muss ein Plädoyer mit einem Antrag enden. Das gibt mir Gelegenheit klar zu stellen: Was die Löcher betrifft, die in diesem Plädoyer aufgelistet sind, so erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.[6] Das sind lediglich die Löcher, in die ich als Prediger und als Hörer bereits hineingefallen bin. Diese Löcher sind letztlich nicht zu vermeiden, nur allzu groß und tief sollten sie nicht werden. Manchmal will man sich auch bewusst dem Risiko eines Lochs aussetzen. Löcher entstehen ja nur dadurch, dass der Prediger sie für notwenig hält. Deshalb ist gewissen Löchern ihr Recht innerhalb der Predigt auch einzuräumen. So halte ich es z.B. durchaus für legitim, wenn man seine Hörer gelegentlich über theologische Besonderheiten des Predigttextes oder dessen Wirkungsgeschichte aufklären will. Wenn man das zum Thema macht und seine Hörer darauf vorbereitet, sollte auch das gehen. Allerdings dürfen solch sekundäre Aspekte die Grundbotschaft der Predigt, die Freilegung des neuen, des christlichen Daseins nicht dominieren. Prinzipiell beantrage ich deshalb, dass unsere Predigten mehr von der Freude erzählen. Nicht banal, nicht dümmlich, nicht anbiedernd, aber so, dass unsere Hörer spüren, hier werde ich unterstützt, hier werde ich neu und immer wieder aufgebaut, hier werde ich gehalten, hier macht es mir Freude, hier komme ich gerne her. Ich plädiere deshalb für eine – im Vollsinn des Wortes – unterhaltsame Predigt.

 


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[1] Um der besseren Lesbarkeit willen, möchten mir der geneigte Leser und die geneigte Leserin verzeihen, dass ich den Text nicht „gendere“. Selbstverständlich gelten meine Überlegungen auch für Predigerinnen und Hörerinnen.

[2] Vgl. K. Meyer zu Uptrup, Gestalthomiletik. Wie wir heute predigen können, Stuttgart 1986; Ch. Möller, Einführung in die praktische Theologie, Tübingen und Basel 2004, 139 ff.

[3] Vgl. F. Harz, Biblische Erzählwerkstatt. Anregungen zum Erzählen und Gestalten von elf biblischen Geschichten mit fünf Bildern, Lahr 2001.

[4] Leider konnte ich das Zitat nicht nachweisen. Falls ein Leser weiß, von dem das Zitat ursprünglich stammt, bin ich für einen Hinweis dankbar.

[5] Bequem zugänglich unter: http://www.ekd.de/synode99/referate_juengel.html

[6] Wer sich richtig deprimieren lassen will, lese die Predigt-Fehler, die W. Engemann, Einführung in die Homiletik, Tübingen 2002, auflistet.