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Dr. Klaus Bümlein |
Die Reformation – Gedanken zu Mac Cullochs Buch
Diarmaid MacCulloch, Die Reformation 1490 – 1700,
München (DVA) 2008, 1024 Seiten, 49,95 Euro, ISBN 978-3-421-05950-5
Als
Tischlektüre bei Benediktinern habe ich MacCulloch gefunden und als Diskussionsthema
bei Protestanten. Fachwissenschaftlerinnen wie Dorothea Wendeburg und kundige
Publizisten wie Robert Leicht äußerten
sich beeindruckt, ja begeistert in ersten Besprechungen. Es muss ein
ungewöhnliches Werk zur Reformation sein, das ein breites Publikum ebenso in
den Bann zieht wie die Fachwissenschaft. Der englische Kirchenhistoriker
Diarmaid MacCulloch hat es 2003 vorgelegt. 2008 ist das Buch mit über tausend
Seiten in deutscher Übersetzung erschienen.
Was ist
daran so originell? Zunächst imponiert die Tatsache, dass ein einzelner Autor
es wagt, das Gesamtgeschehen der Reformation darzustellen. Oft braucht es die
Zusammenarbeit vieler Fachgelehrter, um ein so komplexes Geschehen wie das
Zeitalter der Reformation zu erfassen. „Die
Geschichte des Christentums“ etwa, in Frankreich, dann zwischen 1992 und
2004 in deutscher Bearbeitung erschienen, vereinigt ein großes Ensemble von
wissenschaftlichen Mitarbeitern bei jedem der 14 Bände. Es ist selten geworden,
dass ein einzelner Autor sich an eine Gesamtdarstellung wagt; so 2005 im
deutschen Sprachbereich als Vermächtnis des Heidelberger
Reformationshistorikers Gottfried Seebaß.
Ohne
Zweifel stützt sich MacCulloch auf das
Instrumentarium und die gründliche
Forschungsarbeit kirchengeschichtlicher Wissenschaft. Aber er scheut
nicht den Versuch der Darstellung für ein nicht-wissenschaftliches Publikum. So
bietet das Buch ein lang anhaltendes Lesevergnügen. Die Einleitung schließt mit
dem Satz: „Wenn das vorliegende Buch dazu
beiträgt, diese Forschungsergebnisse einer breiteren Leserschaft zugänglich zu
machen, zur Freude und zu einem größeren Verständnis, hat es, denke ich, seinen
Zweck erfüllt.“ Die stattlichen Anmerkungen sind an den Schluss gerückt,
zusammen mit Literaturhinweisen und ausführlichen Registern.
Der Autor
MacCulloch, 1951 geboren, schreibt als Professor der Kirchengeschichte in Oxford.
Bringt sein geographischer Abstand zu den Ereignissen, die wir vor allem mit
Martin Luther und der Reformation in Deutschland in Verbindung bringen, auch
eine Distanz in der Sache? In der Tat mutet MacCulloch deutschen Lesern zu, die lang
gewohnte Luther- und Deutschland- zentrierte Sicht zu verlassen. Aber nicht so,
dass dafür nun England in die Mitte der Aufmerksamkeit tritt. Wohl nehmen die
Leser teil an den englischen Konflikten im Zeitbogen zwischen Heinrich VIII und
der „Toleration Act“ von 1689: „ein erster schwankender Schritt dahin, dass
Christen unterschiedlichen Glaubens schließlich als Nachbarn zusammenleben
konnten“ (692). Aber auch die Ereignisse im regionalen Nahbereich der Pfalz
kommen in den Blick: der Reichstag der Protestation in Speyer 1529; er zeigt
nach MacCulloch, dass die Reformation weit mehr als ein politisches Bündnis
gewesen ist. (238) Von Straßburg heißt es: „Straßburg
schien prädestiniert, die Hauptstadt der protestantischen Welt zu werden“
(249).
Für
MacCulloch charakteristisch ist eine Darstellung der Reformation, die Italien
und die skandinavischen Länder ebenso aufmerksam einbezieht wie Mitteleuropa, die
iberische Halbinsel und Polen, Ungarn und Siebenbürgen. Die Reformation, das
ist eine der grundlegenden Thesen dieses Werkes, kann von vornherein nur als
Ereignis im Ganzen Europas gedeutet werden. Zwei Europa-Karten, mit dem Blick
auf Europas Gefüge 1500 und 1600, machen diesen Zugang von vorneherein
sinnfällig.
Die Weite
dieses Ansatzes zeigt sich auch in dem Zeitraum, den MacCulloch behandelt. Er beginnt nicht mit Luthers Thesenanschlag
1517. Die ersten hundert Seiten gelten der Alten Kirche seit 1490, den
Hoffnungen und Ängsten der Menschen in dem Zeitraum bis 1517. Den Schlusspunkt
setzt der Autor ebenso anders als die übliche Geschichtsschreibung. Er nimmt in
seine Darstellung hinzu, was als ‚konfessionelles Zeitalter’ bezeichnet wird.
Die Religionskriege in Frankreich von 1572 bis 1598 sind ebenso in sein Werk
aufgenommen wie das Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Zeitlich führt der
Autor dieser Reformationsgeschichte die Leser bis zum Jahr 1700. So sind die
Reformationsereignisse zusammengeschaut mit ihren Ursachen wie mit ihren
weiteren Folgen.
Diese
mehrfache Erweiterung, geographisch wie zeitlich, drückt sich zudem im ganzen
Aufbau des Werkes auf. Der Autor gliedert seine Darstellung in drei Hauptteile
mit insgesamt 17 Kapiteln. Die beiden ersten Teile sind vor allem nach der
Zeitfolge geordnet. Dabei ist das ganze Spektrum von politischen Ereignissen,
Kultur- und Geistesgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte aufgeboten. Freilich
nicht so, dass die Personen in den übergeordneten Strukturen verschwinden. Es
macht im Gegenteil den besonderen Reiz dieses Werkes aus, dass wir auf so viele
farbige und prägnante Persönlichkeiten treffen. Nicht nur auf die Berühmten wie
Erasmus und Luther, Bucer und Melanchthon, Calvin und Cranmer; sondern auf
weniger Beachtete, kaum Gewürdigte und Verfemte. Dazu begegnen Frauen wie Wibrandis Rosenblatt und ihre „Respekt
heischende“ Freundin Katharina Zell in Straßburg, von der es heißt, dass sie nicht
bereit war, „sich von einem Mann dummes
Zeug anzuhören“ (835).
MacCulloch
gibt seinem Buch noch einmal eine ganz besondere Tiefe, dass er im dritten Teil
nicht mehr den Zeitereignissen folgt, sondern unter dem Titel „Lebensmuster“ eine eindringliche Analyse
der Zeitauffassung, der Beziehung zu Tod und Disziplin, zu Liebe und Sexualität
bietet; immer mit der Frage, welche Lebensmuster durch die Reformation
verändert, welche aber auch beharrlich weiter erhalten blieben, etwa das
patriarchalische Lebensmuster und zunächst der Hexenglaube (736 f.).
Was hat die
Reformation eigentlich erforderlich gemacht? MacCulloch zeichnet ein Bild der
Zeit um 1500, die nicht nur von Missständen und Ängsten belastet ist (160). Der
Humanismus setzte viel Erneuerungskräfte frei: bei Franziskanern und
Dominikanern (135), bei aufgeklärten Bischöfen wie dem Basler Christoph von
Uttenheim (137). Erasmus von Rotterdam steht als Inbild dieser
Erneuerungskräfte aus einem biblischen Humanismus. Er konnte noch 1519 seine
Hoffnung auf eine Wende zum Besseren überschwänglich zusammenfassen: „Die Welt kommt zu Sinnen, als wäre sie aus
einem uralten Traum erwacht … ich sehe ein goldenes Zeitalter anbrechen, das
ich selbst wohl nicht mehr erleben werde …“ (153).
Martin
Luthers Neuentdeckung der biblischen Gnadenbotschaft zeichnet MacCulloch mit
viel Sympathie nach: den Weg des
Augustinermönchs von den 95 Thesen 1517 bis zur Rückkehr von der Wartburg nach
Wittenberg 1524. Dieser Weg war nicht angelegt auf eine Abkehr von kirchlichen
Lehren, sondern die Zuspitzung einer seit Augustin immer lebendigen Strömung (161).
Von daher war es keineswegs ausgemacht, dass Luthers Reform-Impuls zum Bruch
innerhalb der westlichen Kirche führen musste. Lange Jahre blieb die Frage
offen, ob sich Luthers Rufe zu einer Reformation innerhalb der bestehenden
Kirche verwirklichen ließen. Mit unverkennbarer Achtung deutet MacCulloch auch Gestalten
der katholischen Reform wie Kardinal Cajetan oder Gasparo Contarini.
Selbst das
Kapitel über Ignatius von Loyola und Calvin,
ja über den Beginn des Konzils von Trient 1545 bis 1549 steht unter der
Überschrift „Die vertagte
Wiedervereinigung“. Erst mit der Wahl des Papstes Julius III. statt des
Engländers Pole sei „die letzte Chance
für eine Kirchenreform nach erasmischen Vorstellungen verstrichen“ (321).
Mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555, dem Ende des Konzils von Trient und
den Konfessionskriegen in Frankreich und den Niederlanden kommt es nach
MacCulloch von einer „vertagten“ zur
endgültig „verworfenen Wiedervereinigung“.
Die
konfessionelle Teilung Europas zeichnet der Autor in der ganzen Gegensätzlichkeit
der verschiedenen Regionen. Von den Hochburgen des Protestantismus in
Skandinavien bis zu den katholischen Machtzentren in Italien, Spanien und
Portugal; vom Sieg der Gegenreformation in Irland bis zum Triumph eines
‚reformierten Israel’ in Siebenbürgen. Dabei kommen auch Ansätze eines
verträglichen Miteinanders in den Blick. So zeigt MacCulloch, dass in Polen
1573 ein Artikel über Religionsfreiheit aufgenommen werden sollte (454). Auch
den europäischen Pionieren in Amerika folgt der Autor und den vielschichtigen
Reformationsfolgen in der Neuen Welt.
Wie wenig
dieses Werk einem konfessionellen Wertungssystem verpflichtet ist, zeigt auch
der letzte Teil über die Folgen der Reformation. Ist irgendwo das Ziel einer
Reform christlichen Lebens überzeugend zum Sieg gelangt? Die Kriege um die
Wahrheit Christi beschädigten das Ansehen aller absoluten Wahrheitsansprüche.
MacCulloch meint: „Tatsächlich könnte man
die Reformation als einen zweihundertjährigen kontinuierlichen Krieg betrachten“
(863). Umso wichtiger wurde das Verlangen nach Toleranz, das in
humanistischen Unterströmungen und christlichen Minderheiten zum Ausdruck kam.
MacCulloch bleibt skeptisch gegenüber der These, dass die Reformation als ganze
die Toleranz wesentlich befördert hat. Wohl sieht er die kritische Erforschung
der biblischen Texte als eine Ruhmestat protestantischer Forschung an (901).
Aber ebenso wie die Katholiken bekämpften Protestanten die Kräfte des Zweifels,
wie sie in dem jüdischen Denker Baruch de Spinoza zum Ausdruck drängten (891).
Insgesamt
haben wir in dem Werk MacCullochs eine anschauliche und gedankenreiche, eine
stellenweise amüsante und doch bedrängend ernste Gesamtsicht vor uns.
Wo ist in
diesen Dramen und Kämpfen die Wahrheit Christi am ehesten zu finden? MacCulloch
schreibt weder als Parteigänger Luthers oder Calvins, noch als Anwalt der alten
Papstkirche noch seiner anglikanischen Heimatkirche. Wohl hat er sich „eine tiefe Zuneigung zum Anglikanismus in
seiner besten Form bewahrt“ (21). Seine eindringliche Skepsis, die „kein wie auch immer geartetes religiöses
Dogma“ mehr billigt, stellt jedes eindeutig wertende Urteil über die Reformation
in Frage. Aber MacCulloch bietet gerade so viele Chancen für die Dekade auf das
Reformationsjubiläum 2017 hin: nicht auf Luther fixiert zu bleiben, sondern die
Kräfte der Glaubensreform in allen Ausprägungen aufmerksam wahrzunehmen. Im
Wissen darum, dass alle Reformen zwiespältige Wirkungen haben. Und in der
Hoffnung, dass die wechselseitige Befragung christlicher Konfessionen der
Wahrheit Christi am nächsten kommt.
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