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Dr. Martin Schuck |
Editorial
„Tödliche Hilfe“
für Afrika?
Als die damalige Referentin für Wirtschaftliche
Zusammenarbeit und spätere Generalsekretärin von „amnesty international
Deutschland“, Brigitte Erler, 1985 ein Buch mit dem Titel „Tödliche Hilfe.
Bericht von meiner letzten Dienstreise in Sachen Entwicklungshilfe“
veröffentlichte, war das Geschrei groß. Obwohl die staatliche Entwicklungshilfe
schon länger von unabhängigen entwicklungspolitischen Gruppen kritisch
betrachtet wurde, war ein Tabu gebrochen: Erstmals hatte jemand aus dem Zentrum
der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit die jahrzehntelang geübte Praxis der
Mittelvergabe nicht nur als wirkungslos, sondern als geradezu kontraproduktiv
kritisiert. Nach den Erlebnissen einer Reise durch Bangladesh beschrieb sie die
Mechanismen, die dafür sorgen, dass im Ergebnis die Reichen immer reicher und
die Armen immer ärmer werden.
Obwohl Erlers Diagnose vom BMZ energisch widersprochen
wurde, hatte sie einen gewichtigen Fürsprecher auf ihrer Seite: Kurz vor
Erscheinen von „Tödliche Hilfe“ machte einer der Väter und Ikonen der
internationalen Zusammenarbeit, der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal, einen
ähnlichen Schwenk wir Brigitte Erler und erklärte die bisher geleistete
Entwicklungshilfe für gescheitert.
Obwohl Brigitte Erler mittlerweile etwas in Vergessenheit
geraten ist, sind die von ihr diagnostizierten Probleme keineswegs gelöst. So
ist es nur folgerichtig, dass im zurückliegenden Jahr wieder ein Buch
veröffentlicht worden ist, das die „tödliche Hilfe“ im Titel führt: „Dead Aid“
von der aus Sambia stammenden Ökonomin und Bankerin Dambisa Moyo. Moyo hat zwar
keinen Gewährsmann vom Rang eines Gunnar Myrdal auf ihrer Seite, aber sie
spricht mit der Authentizität der Afrikanerin, der man die Kenntnis der
dortigen Verhältnisse eher abnimmt als etwa einem Vertreter des IWF mit
amerikanischem Pass.
Moyo argumentiert nicht gegen humanitäre Hilfe, die bei
Katastrophen verteilt wird, und auch die karitative Hilfe an bestimmte
Organisationen und Personen ist nicht ihr Thema. Worum es ihr geht, sind die
direkten Zahlungen von Regierung zu Regierung, die bilaterale Hilfe zwischen
Geber- und Empfängerländer also, sowie die Zahlungen durch IWF oder Weltbank.
Diese Formen von Entwicklungshilfe, so Moyo, verschlimmerten die Armut und begünstigten
die Unterentwicklung in unterschiedlicher Hinsicht. So sei zwischen 1970 und
1998, die Jahre also, in denen die meiste Entwicklungshilfe geflossen ist, die
Armutsrate auf dem afrikanischen Kontinent von zehn auf 66 Prozent gestiegen.
Auch lade die Hilfe von außen zur Korruption ein, erzeuge Inflation, schaffe
massive Schulden und verlangsame das Wachstum. Weiterhin verstärke sie die
politische Instabilität in Ländern, in denen rivalisierende Fraktionen einander
bekämpften, um an die Macht zu kommen und damit Zugang zu den Geldern aus der
Entwicklungshilfe zu erlangen.
Gleichzeitig kritisiert Dambisa Moyo den sogenannten
„glamour aid“, durch den sich Prominente wie Bob Geldof und Bono mit
Hilfsaktionen, die zu riesigen Medienspektakeln eskalieren, zu Sprechern
Afrikas machen. Die Folge sei, dass nicht die gewählten Präsidenten, sondern
Bono zu G8 und anderen Gipfeln eingeladen werde. Diejenigen afrikanischen
Politiker, die Verantwortung tragen für die Formulierung und Ausübung von
Politik, fänden international kein Gehör.
Dambisa Moyos Buch wurde schnell ein internationaler
Verkaufserfolg, was natürlich ein Heer von Kritikern auf den Plan rief. Aufgrund
ihrer beruflichen Vergangenheit bei der Weltbank und später im Bankhaus Goldman
Sachs wurde sie gleich in die neoliberale Ecke gestellt. Kritiker, die diese
Ebene wählen, machen es sich aber zu einfach. In der Ausgabe vom 11. November
2009 veröffentlichte der langjährige Diplomat Volker Seitz, zuletzt deutscher
Botschafter in Kamerun, in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Beitrag, in dem er
– ohne auf sie explizit Bezug zu nehmen – Dambisa Moyos Analyse bestätigte. Die
Entwicklungspolitik sollte endlich anfangen, auf diese Stimmen zu hören.
Martin Schuck
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