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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

„Tödliche Hilfe“ für Afrika?

Als die damalige Referentin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und spätere Generalsekretärin von „amnesty international Deutschland“, Brigitte Erler, 1985 ein Buch mit dem Titel „Tödliche Hilfe. Bericht von meiner letzten Dienstreise in Sachen Entwicklungshilfe“ veröffentlichte, war das Geschrei groß. Obwohl die staatliche Entwicklungshilfe schon länger von unabhängigen entwicklungspolitischen Gruppen kritisch betrachtet wurde, war ein Tabu gebrochen: Erstmals hatte jemand aus dem Zentrum der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit die jahrzehntelang geübte Praxis der Mittelvergabe nicht nur als wirkungslos, sondern als geradezu kontraproduktiv kritisiert. Nach den Erlebnissen einer Reise durch Bangladesh beschrieb sie die Mechanismen, die dafür sorgen, dass im Ergebnis die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

 

Obwohl Erlers Diagnose vom BMZ energisch widersprochen wurde, hatte sie einen gewichtigen Fürsprecher auf ihrer Seite: Kurz vor Erscheinen von „Tödliche Hilfe“ machte einer der Väter und Ikonen der internationalen Zusammenarbeit, der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal, einen ähnlichen Schwenk wir Brigitte Erler und erklärte die bisher geleistete Entwicklungshilfe für gescheitert.

 

Obwohl Brigitte Erler mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist, sind die von ihr diagnostizierten Probleme keineswegs gelöst. So ist es nur folgerichtig, dass im zurückliegenden Jahr wieder ein Buch veröffentlicht worden ist, das die „tödliche Hilfe“ im Titel führt: „Dead Aid“ von der aus Sambia stammenden Ökonomin und Bankerin Dambisa Moyo. Moyo hat zwar keinen Gewährsmann vom Rang eines Gunnar Myrdal auf ihrer Seite, aber sie spricht mit der Authentizität der Afrikanerin, der man die Kenntnis der dortigen Verhältnisse eher abnimmt als etwa einem Vertreter des IWF mit amerikanischem Pass.

 

Moyo argumentiert nicht gegen humanitäre Hilfe, die bei Katastrophen verteilt wird, und auch die karitative Hilfe an bestimmte Organisationen und Personen ist nicht ihr Thema. Worum es ihr geht, sind die direkten Zahlungen von Regierung zu Regierung, die bilaterale Hilfe zwischen Geber- und Empfängerländer also, sowie die Zahlungen durch IWF oder Weltbank. Diese Formen von Entwicklungshilfe, so Moyo, verschlimmerten die Armut und begünstigten die Unterentwicklung in unterschiedlicher Hinsicht. So sei zwischen 1970 und 1998, die Jahre also, in denen die meiste Entwicklungshilfe geflossen ist, die Armutsrate auf dem afrikanischen Kontinent von zehn auf 66 Prozent gestiegen. Auch lade die Hilfe von außen zur Korruption ein, erzeuge Inflation, schaffe massive Schulden und verlangsame das Wachstum. Weiterhin verstärke sie die politische Instabilität in Ländern, in denen rivalisierende Fraktionen einander bekämpften, um an die Macht zu kommen und damit Zugang zu den Geldern aus der Entwicklungshilfe zu erlangen.

Gleichzeitig kritisiert Dambisa Moyo den sogenannten „glamour aid“, durch den sich Prominente wie Bob Geldof und Bono mit Hilfsaktionen, die zu riesigen Medienspektakeln eskalieren, zu Sprechern Afrikas machen. Die Folge sei, dass nicht die gewählten Präsidenten, sondern Bono zu G8 und anderen Gipfeln eingeladen werde. Diejenigen afrikanischen Politiker, die Verantwortung tragen für die Formulierung und Ausübung von Politik, fänden international kein Gehör.

 

Dambisa Moyos Buch wurde schnell ein internationaler Verkaufserfolg, was natürlich ein Heer von Kritikern auf den Plan rief. Aufgrund ihrer beruflichen Vergangenheit bei der Weltbank und später im Bankhaus Goldman Sachs wurde sie gleich in die neoliberale Ecke gestellt. Kritiker, die diese Ebene wählen, machen es sich aber zu einfach. In der Ausgabe vom 11. November 2009 veröffentlichte der langjährige Diplomat Volker Seitz, zuletzt deutscher Botschafter in Kamerun, in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Beitrag, in dem er – ohne auf sie explizit Bezug zu nehmen – Dambisa Moyos Analyse bestätigte. Die Entwicklungspolitik sollte endlich anfangen, auf diese Stimmen zu hören.

 

Martin Schuck

 


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