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D. Dr. Friedhelm Borggrefe

Horst-Schork-Straße 66, 67069 Ludwigshafen

 

Das Kreuz mit dem Kreuz

 

Vielleicht ist ja die Debatte über die Opfertheologie eine Scheinkontroverse, weil wir mit unklaren Begriffen operieren und nicht unterscheiden zwischen Psychologischem und Existentiellem, weil wir uns nicht Rechenschaft geben über unsere Perspektiven, ob wir debattieren als Leidende oder Mitleidende oder als über das Leiden Reflektierende. Die Frage ist auch, ob wir die Debatte überhaupt führen dürfen, ohne etwas für die Opfer zu tun? Die Opfertheologie hat in der Realexistenz viele Fassetten: Nicht zuletzt jedoch geht es um das pro me, also um mein Lebensrecht vor Gott. Und theologisch wirklich spannend wird es, wenn sich der Opfergedanke ablöst von der Christologie. Was passiert dann?

 

 

Opfer, ein mythologischer Begriff – Die Gesprächslage

 

Zunächst zur Sprache: Mit Dietrich Bonhoeffer bin ich im Blick auf die Opferfrage der Auffassung, „dass die vollen Inhalte einschließlich der ‚mythologischen’ Begriffe bestehen bleiben müssen – das Neue Testament ist nicht eine mythologische Einkleidung einer allgemeinen Wahrheit!, sondern diese Mythologie (Auferstehung etc.) ist die Sache selbst! – aber dass diese Begriffe nun in einer Weise interpretiert werden müssen, die nicht die Religion als Bedingung des Glaubens voraussetzt.“[1] Mein Lehrer Ernst Käsemann sah den Opferbegriff durchaus kritisch, weil „normalerweise vom Opfertod nur in der Weise menschlicher Heroen oder alttestamentlich, jüdisch und heidnisch von einem frommen Werk zur Versöhnung gesprochen werden kann“. Aber er sagt klar: „Vom Opfer wird übertragen und bildlich in der Sprache des Alten Testaments gesprochen, weil es im Neuen Testament nur noch das Handeln der Liebe Gottes im Sinne und ausdrücklicher Interpretation von Römer 8,31-39 bezeichnet.“[2]  Also: In diesem theologischen Ansatz geht es bei der Formel von der Opfertheologie um die Versöhnung mit Gott, die wir uns selbst nicht beschaffen können. Das Wort hat im Griechischen nichts mit Sühne zu tun, sondern bedeutet Beendigung der Feindschaft. In Jesus kommt Gott stellvertretend zu uns, damit wir zu ihm kommen können.

 

Die Diskussion über die „Opfertheologie“ ist breit. Keineswegs wird sie heutzutage mit liberaler Gelassenheit und Toleranz geführt: Dem muslimischen Schriftsteller Navid Kermani (geb.1967) wurde jüngst der Hessische Kulturpreis aberkannt, weil er die die Rede von Jesu Opfertod als „drastische Gotteslästerung und Idolatrie“ bezeichnete.[3] Kardinal Karl Lehmann und der Protestant Peter Steinacker halten ihn darum auch konsequenterweise für einen Gotteslästerer und lehnen es ab, ihn als Konfliktpartner auf Augenhöhe zu akzeptieren, was dem christlich-muslimischen Dialog keineswegs förderlich ist.

 

Auf katholischer Seite reicht die Debatte vom leidenschaftlichen Kampf Eugen Drewermanns gegen die „Blut und Opfertheologie“ (seit 1991) über die bedachtsamen Äußerungen von Karl Rahners Nachfolger, des heute über 90-jährigen Eugen Biser[4]. Und der Protestant Klaus Peter Jörns hält – nach Abschluss seiner öffentlichen Lehrtätigkeit – den Abschied von vielen überlieferten Glaubensvorstellungen innerhalb und außerhalb der Bibel für notwendig und möchte zu einer tiefgreifenden Neuformulierung des christlichen Glaubens beitragen. Dieser Arbeitsschwerpunkt ist dokumentiert in seinen Büchern „Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum“, Gütersloh 2004, 4. Aufl. 2008, und “Lebensgaben Gottes feiern. Abschied vom Sühnopfermahl: eine neue Liturgie”, Gütersloh 2007.

 

 

Feministische Theologie und der „sadistische Gott“

 

Auch die Übersetzerinnen der „Bibel in gerechter Sprache“, die sich nicht nur zum Ziel gesetzt haben, den Gottesnamen und das Thema Frau in der Bibel angemessen in die Deutsche Sprache zu übertragen, sondern dankenswerterweise auch konsequent bemüht sind, die antisemitischen und antijudaistischen Tendenzen der bisherigen Übersetzungen kritisch zu korrigieren: In der Frage der Opfertheologie sind auch sie streitbar und sprechen in diesem Zusammenhang mit Dorothee Sölle sogar von einem „sadistischen“ Gottesbild oder zumindest von einem gefährlichen patriarchalischen Beziehungsmodell zwischen Vater und Sohn, das „Gewalttat verharmlost, das Leiden erotisiert und Lebensfreude und Lust verteufelt“. Der sich opfernde Christus sei schädlich für die Ethik der Frauen, weil so über Jahrhunderte hinweg das Frauenbild festgelegt war auf aufopfernde Liebe, Ertragen von Leiden, Demut und Gehorsam. „Die Rede vom Opfertod Jesu als von Gott gewollte Heilstat um der Erlösung von der Sünde willen ist aufzugeben“. Kreuz ist das Symbol des Lebens, der Ganzheit, der Verbindung zwischen Himmel und Erde, ja der Körpergestalt des Menschen, die selber ein Kreuz darstellt.[5]

 

 

Kreuzestod als Sühnopfer oder alles einfach: Hinrichtung eines Gottesmannes?

 

Ob alle Bestreiterinnen und Bestreiter des im Neuen wie im Alten Testament meist so selbstverständlich, bei den Propheten oft kritisch aber bei Paulus und im Hebräerbrief oft auch affirmativ verwendeten Opfergedankens sich bewusst sind, auf welchem Hintergrund wir in Deutschland heute fragen, ob es notwendig war, dass Jesus starb, um Sünden zu vergeben und stellvertretend leiden musste, damit Gott seinen Zorn stillt. Also: warum Gott ein Sühnopfer braucht?

 

Alles wäre ja einfacher, wenn über dieses Stück der christlichen Tradition gesagt würde: „Das braucht ihr wirklich nicht zu glauben. Jesus ist nicht gestorben, um uns von unseren Sünden zu befreien. Er ist gestorben, weil die Mächtigen ihn nicht leben lassen wollten. Wir sollten nicht an einen Gott glauben, der zürnt und Rache sucht. Wir sollten an einen Gott der Liebe glauben. Eine Liebe, wie Jesus sie gepredigt hat. Und für deren Wahrheit er bis zu seinem Tode eingestanden ist.“[6] 

 

Die Opfertheologie und mit ihr das Kreuz und das pro me aus Luthers Rechtfertigungslehre stehen in Frage. Ja, die Eliminierung der Opfertheologie aus der christlichen Tradition würde unser theologisches Denken höchst vereinfachen: Böse Menschen töten Jesus am Kreuz, weil er eine provokative Botschaft vertritt. Aber er steht das tapfer durch und seine Sache geht weiter, wenn wir Glauben halten.

 

Angesichts dieser Gesprächslage fand ich per Zufall in der jüngeren Kirchengeschichte ein fast vergessenes Faktum im Jahre 1939. Damals wurde die Opferproblematik in der evangelischen Kirche buchstäblich mit einem Schlag radikal gelöst, indem das Alte Testament abgeschafft, das Denkschema Verheißung und Erfüllung aufgelöst, die paulinische Rechtfertigungslehre als jüdische „Lohn-Straf-Moral“ verworfen, das Neue – als minderwertiges religionsgeschichtliches Dokument – auf eine verknappte Evangelienharmonie reduziert wurde. Verbunden wurde diese Argumentation mit der Herstellung eines Sortiments antisemitischer Propaganda, entjuduasierten liturgischen Materials und der These, Jesus sei kein Jude, sondern Arier.[7]

 

 

Eine fragwürdige Synthese: Das „Entjudungsinstitut“ in Eisenach vor 70 Jahren

 

Im Mai 2009 erreichte mich ein Brief aus Eisenach mit dem lapidaren Satz: „Das Entjudungsinstitut gab es tatsächlich: Eisenach Bornstraße 11“. Und der Absender fügte hinzu: „Das war das alte Predigerseminar der thüringischen evangelischen Kirche.“ Tatsächlich: Am 6. Mai 1939, einem Samstagnachmittag vor 70 Jahren, wurde dort mit einem Festzug auf die traditionsreiche Wartburg das „Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ gegründet. Sponsoren waren die Kirchenleiter der Altpreußischen Union, Sachsens, Nassau-Hessens, Schleswig Holsteins, Thüringens, Mecklenburgs, Anhalts, Oldenburgs, Österreichs und – der Pfalz, elf von 17 Landeskirchen. Im Werbeanschreiben hieß es: „Da im Lauf der geschichtlichen Entwicklung entartende jüdische Einflüsse auch im Christentum wirksam geworden sind, wird die Entjudung von Kirche und Gegenwart zur unausweichlichen Pflicht in der Gegenwart  des kirchlichen Lebens; sie ist eine Voraussetzung für die Zukunft des Christentums.“

 

Wissenschaftlicher Leiter des Instituts war Prof. Walter Grundmann (1906-1976). Ihm ging es als Schüler Helmut Kittels angesichts der „Blut und Boden“-Ideologie Alfred Rosenbergs um eine bleibende Synthese zwischen Deutschtum und Christentum. Grundmann lehnte bis zu seinem Tode die These ab, dass das Christentum eine Fortsetzung und Vollendung des Judentums sei, da damit ein wirkungsvoller und erfolgreicher Kampf gegen den christlichen Glauben geführt werde. Das Institut war keinesfalls bedeutungslos: Es gab in einer Auflage von 200.000 Stück mitten im Zweiten Weltkrieg 1940 im „Verlag Deutsche Christen Weimar“, zwölf Kilometer vom KZ Buchenwald entfernt, ein Neues Testament unter dem Titel „Die Botschaft Gottes“ heraus. Hier wurde eine antijudaistische Evangelienharmonie zusammengestellt. Der Text wurde  sprachlich geglättet, einige Passagen stammten von der bekannten Balladendichterin und Inhaberin des Münchener Eugen Diederichs-Verlages Lulu von Strauß und Torney. Das Thema hieß: „Jesus der Heiland“; sein Ursprung, sein Aufbruch, seine Botschaft, seine Gefolgschaft, sein Kampf, sein Kreuz, sein Sieg lauten die Kapitelüberschriften. Sein Tod wurde als „Weihe“ verstanden. (Lukas 12,49: „Durch den Tod muss ich zuvor geweiht werden, und wie schlägt mir mein Herz, bis es vollbracht ist.“).

 

Der Kreuzestod wurde verstanden als Prüfung. Gethsemane war eine Tapferkeitsprobe, Kreuz war Durchgangsstation, eine Art Feuertaufe zum Sieg. Die „Botschaft Gottes“ sollte „helfen und den Weg frei machen zu einem Ringen um jene Schau des Heilands, die auch heute wieder das Herzstück deutschen frommen Glaubens sein kann“ (Nachwort Seite X). Im Klartext hießt es im neuen Katechismus, den das Institut ein Jahr später, 1941, unter dem Titel „Deutsche mit Gott, ein Glaubensbuch“ herausgab: „Jesus aus Nazareth in Galiläa erweist in seiner Botschaft und Haltung einen Geist, der dem Judentum entgegengesetzt ist. Der Kampf zwischen ihm und den Juden wurde so unerbittlich, dass er zu seinem Kreuzestod führte. So kann Jesus nicht Jude gewesen sein. Bis auf den heutigen Tag verfolgt das Judentum Jesus und alle, die ihm folgen, mit unversöhnlichem Hass. Hingegen fanden bei Jesus Christus besonders arische Menschen Antwort auf ihre letzten und tiefsten Fragen. So wurde er auch Heiland der Deutschen“ (S. 46). Und das dazu passende Gesangbuch aus dem gleichen Jahr trug nicht zufällig den Titel „Großer Gott wir loben dich“, des katholischen Chorals von Ignaz Franz.

 

Das graphisch hübsch aufgemachte, heute würde man sagen „ökumenische Kirchengesangbuch für Deutschland“ (339 Lieder auf rund 500 Seiten mitten in papierknappen Kriegszeiten auf bestem Dünndruckpapier hergestellt) war ein Bestseller. Es war selbstverständlich von allen Hebraismen und Judaismen gereinigt und selbstverständlich fehlte z.B. das Agnus Dei. Lieder wie „Christe, du Lamm Gottes“ oder „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ wurden ersetzt durch andere, z. B. Rudolf Alexander Schröders „Heilig Vaterland, heb zur Stunde, kühn dein Angesicht in die Runde. Sieh uns all entbrannt, Sohn bei Söhne stehn: Du sollst bleiben Land! Wir vergehn“ (Nr. 38). Der Opferbegriff war ausgewandert auf die Schlachtfelder und zu den Kreuzen der Kriegsgräber.

 

Zehn Prozent der Lieder stammten von dem Thüringer Pfarrer und ehemaligen NS Volksschullehrer Hermann Ohland (1888-1953), der Liedertexte beisteuert, die öfter Krieg und Tod zum religiösen Opfer hochstilisierten. Beispiel: Ein Passionslied nach der Melodie „O Traurigkeit, o Herzeleid“. Da heißt es: „Viel Kreuze stehn, die Stürme wehn viel tausend zu den Toten. Zu dem Streit, o Herre Christ sind wir aufgeboten“ (Nr. 184, Vers 2). Oder die Umdichtung von „Wachet auf ruft uns die Stimme“, ein Lied, das ausgeschieden wurde, weil man von Jerusalem und dem Zion nichts wissen wollte. Da stand zu lesen: „Flammt auf ewigen Altären, ihr Heldenfeuer, Gott zu Ehren! Der Toten Ruhm ist heilig groß. Traget still, ihr Schmerzensreichen, das Kreuz und Opfer ohnegleichen! Ihr tragt das Leben in dem Schoß. Herr Gott mach uns bereit, du Macht der Ewigkeit! Gib den Stillen viel Fried in Not, den Sieg im Tod. Wir preisen dich, allmächtger Gott“ (Nr. 37, Vers 3).

 

Zu den Herausgebern dieses Gesangbuches gehörten immerhin auch so bekannte Kirchenmusiker wie der spätere Leipziger Thomaskantor Erhard Mauersberger (1903-1982) und sein Bruder, der Dresdener Kreuzkantor Prof. Rudolf Mauersberger (1889-1971). Vielleicht ist es ihnen zu verdanken, dass  bei den Luther- und Paul Gerhardt-Texten eine Umdichtung oder Akzentverschiebung im Sinne der NS Ideologie weniger oft zu beobachten ist. Aber man begnügte sich manchmal auch mit der Weglassung anstößiger Verse. Doch schwer erträglich ist es schon, das Lutherlied „Ein feste Burg“ (Nr. 26) unter der Überschrift „Heilig Vaterland“ und „Volk vor Gott“ neben einer mittelalterlichen Festungs-Grafik im Stil der NS Malerei zu finden.

 

 

Keinesfalls Episode

 

Im Blick auf das Eisenacher „Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, das sechs Jahre, von 1939 bis 1945, bestand, wird man  keinesfalls von einer Episode, sondern eher von einer Bewegung sprechen müssen. Finanziell war es gesund. Das Institut war mietfrei untergebracht. Gehälter mussten nur in geringem Umfang gezahlt werden. Von den Landeskirchen und von Berlin flossen Zuschüsse und mit den Druckschriften wurden erhebliche Einnahmen erzielt. Zwar ist die Zahl der Theologiestudierenden während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland kriegsbedingt relativ klein (beispielsweise sank die Zahl der Studenten an der theologischen Fakultät in Breslau – vor 1939 ca. 300-400 Studenten – 1939-1945 auf 30 oder nur 9 Personen), so dass die Wirkung auf den Theologennachwuchs nicht sehr stark war. Aber es arbeiteten ehrenamtlich schätzungsweise 200 Pfarrer, Pädagogen, Musikwissenschaftler und Universitätsprofessoren mit. Letztere, weil sie hier auch während des Krieges noch Möglichkeiten zum Publizieren hatten. Auf den Listen stehen z. T. prominente und international renommierte Namen.

 

Roland Deines und Volker Leppin haben 2007 in Band 21 der „Arbeiten zur Kirchen- und Theologiegeschichte“ unter dem Titel „Walter Grundmann – ein Neutestamentler im Dritten Reich“ einen umfangreichen Sammelband herausgegeben, der die Hintergründe der „Völkischen Theologie“ und  Grundmanns „Geschichte Jesu Christi“ von 1957 beleuchtet. Es ist  jedoch das Verdienst von Susannah Heschel, einer Jüdin, Tochter des berühmten Theologen Abraham Joschuah Heschel (1907-1972), seit 1994 an der Geschichte dieses „Pseudoforschungsinstituts“ zu arbeiten. Sie setzt sich mit der Affinität von Antisemitismus und Theologie ebenso auseinander wie mit der Nachkriegskarriere der prominenten Mitarbeiter des Instituts (z.B. Walter Grundmann, Helmut Kittel, Karl Georg Kuhn, Hans Joachim Thilo, Carl Schneider oder der schwedische Neutestamentler Hugo Odeberg).

 

Eine Episode ist das Eisenacher Entjudungsinstitut auch deshalb nicht, weil die theologischen Fakultäten und sehr viele Neutestamentler sich beteiligten: Jena (z.B. Georg Bertram, Philo und die jüdische Propaganda in der antiken Welt, Leipzig 1940, Walter Grundmann, Die Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie und Kirche, Weimar 1939, sowie 22 Artikel im ThWNT), Leipzig (Gerhard Delling mit 44 Artikel im ThWNT), Breslau (z.B. Herbert Preisker, Deutsches Christentum. Die neutestamentlichen Evangelien im altdeutschen Heliand, Langensalza 1934; Neutestamentliche Zeitgeschichte, Berlin 1937), Kiel (Der Systematiker Martin Redeker, Die  Bedeutung der Bibel für den Glauben, Berlin, 1939), Königsberg (Carl Schneider, Das Frühchristentum als antisemitische Bewegung, Bremen, Verlag Kommende Kirche, 1940), Greifswald (Ernst Lohmeyer und die Skandinavier), Wien (Helmut Kittel, Herausgeber des ThWNT). Ein Ableger des Instituts wurde in Hermannstadt (Siebenbürgen) gegründet und die theologischen Fakultäten Schwedens (Hugo Odeberg, Lund) und Skandinaviens arbeiteten während des Krieges auf Tagungen, durch Stipendiaten (sieben allein in Jena) und bei den Publikationen mit.

 

 

„Wunderbares Geheimnis“ – eine persönliche Replik

 

Die neuere Diskussion über die Opfertheologie hat mich mit meinen nunmehr fast 80 Jahren an die Anfänge meines Theologiestudiums geführt. Ich bin erschrocken, dass ich erst jetzt erkenne: Meine Kirche hat 1939, da war ich zehn Jahre alt, die ideologische Grundlage zum Holocaust geliefert. Theologie studierte ich ab 1950-1954, weil ich mit 15 Jahren am Ende des Zweiten Weltkrieges durch meine Internierung in Prag und die Erlebnisse der Jahre danach schwer traumatisiert war und mir die Schuldfrage und deren Überwindung stellte.

 

Ich sehe mich noch 1953 als Bonner Theologiestudent beim Studium von „Cur deus homo“ von Anselm von Canterbury. Da stand der Satz: „nondum considerasti quanti ponderis sit peccatum“ (Kapitel 21). Also: „Du hast noch nicht begriffen, wie groß die Last der Sünde ist.“ Das war meine Situation. Wer will schon Auschwitz und den Tod von Millionen von Menschen begriffen haben? Schon der Blick auf meine Familiengeschichte erlaubt mir das nicht. Und wer kann im Laufe eines Pfarrerlebens je begreifen, wie groß die Schuld der Menschen vor Gott ist, und wer kann je erkennen, was Menschen sich gegenseitig bewusst oder unbewusst antun?

 

Die Satisfaktionslehre des Anselm mit ihrem mittelalterlich feudalen Gottesbild, das wenig mit dem Vater Jesu Christi zu tun hat, konnte mich nicht überzeugen. Aber Satisfaktion durch Christus, dieses „wunderbare Geheimnis“ (Bonhoeffer), das ist für mich Ausgangspunkt einer Theologie, in der viel Platz und ein großer Raum für Freiheit sind. Glücklich bin ich, jeden Tag in meiner Bibel zu lesen, wie Gott dem Menschen nachgeht und über die Welt spaziert und dem Menschen, der sein wollte wie Gott, die Frage stellt: „Adam, wo bist du?“ (Gen. 3). Und froh bin ich, dass er der Menschheit nach der großen Umweltkatastrophe bei der Sintflut eine neue Chance gibt und seinen Kriegsbogen in die Wolken hängt. Dass er sich nicht zornig zurückzieht von seiner Schöpfung, sondern mitgeht mit den Menschen, so wie es die Geschichten der Erzväter immer wieder erzählen.

 

Und ich kann es noch immer nicht begreifen, wie das ist mit den Menschenrechten, die er in die steinernen Tafeln am Sinai eingravieren ließ: Ist hier exemplarisch in Israel klar gemacht, was allen Menschen ein für alle Mal ins Herz geschrieben ist? Es ist wunderbar zu entdecken, wie hinter den Droh- und Scheltworten der Propheten ein Gott sichtbar wird, der sein Volk liebt, wie ein Mann seine Frau (Hosea), dessen Zorn sich verwandelt, der unterwegs ist mit Israel auf dem Weg von Babel nach Jerusalem. Und es geht mir durchs Herz, wenn ich die Evangelien lese als „Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung“ und mir versichert wird: Gott ist konkret: Hingabe. Und wenn Rabbi Paulus mir – mit dem Heidelberger und dem rationalistischen Pfälzer Katechismus übrigens – erklärt: Taufe das bedeutet Christusgemeinschaft, mit Christus leben, sterben und auferstehen mit ihm. Und Abendmahl, das ist die Feier der Gegenwart des Christus, dieser Beziehung, die mir durch den Glauben geschenkt ist. Hier kann ich endlich wahrnehmen, fühlen und schmecken, dass Gott pro me ist und omnia pondera peccatorum, alles Schwere, das mich trennt von ihm und den Menschen erledigt ist.

 

Ja, Gott lässt sich psychologisch nicht festlegen auf Begriffe und Bilder wie „sadistisches Gottesbild“, „Feudalherr“, Patriarch. Er lässt sich auch nicht herauslösen aus seiner Geschichte mit dem Volk Israel. Gott ist ein menschlicher Gott. Das zeigt nicht zuletzt die Geschichte Jesu Christi. Gott ist Leidenschaft. In ihm ist ein Prozess sichtbar: Sein Zorn ist nicht ewig. Seine Liebe nicht unendlich. Er offenbart sich in der Zeit, in ganz konkreten Momenten als Anstoß und Herausforderung. Er geht mit auf unseren Wegen, fragt, zeigt, begleitet, führt, hält uns an, zeigt uns das Ziel. Er hört nie auf zu sprechen. Wir haben sein Wort, das uns mit ihm verspricht.

 

Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen.“ Er stellt fest: „Christentum ist immer eine Form (vielleicht die wahre Form) der Religion gewesen.“ Und er fragt: „Wie kann Christus der Herr auch der Religionslosen werden? Gibt es religionslose Christen? Wenn die Religion nur ein Gewand des Christentums ist – und auch dieses Gewand hat zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden aus gesehen –, was ist dann ein religionsloses Christentum?

 

Die „Opfertheologie“ ist eine religiöse Chiffre. Klaus Peter Jörns hat Recht, wenn er einer tiefgreifenden Neuformulierung des christlichen Glaubens das Wort redet. Aber wir werden dabei immer die Aufgabe haben, den Inhalt dieser Chiffre nicht aufzugeben; den Weg Gottes mit seinem Volk Israel und den Menschen Jesus von Nazareth, sein Kreuz und seine Auferstehung, im Auge zu haben, denn „Wunderbares Geheimnis – Gott hat Frieden gemacht mit uns durch Jesus Christus.“[8]

 

Literatur

  1. Deines Roland/Leppin, Volker/Niebuhr, Karl-Wilhelm: Walter Grundmann. Ein Neutestamentler im Dritten Reich Leipzig 2007
  2. Meier, Kurt: Kreuz und Hakenkreuz, Die evangelische Kirche im Dritten Reich München 2001
  3. Fritz Bauer Institut: Beseitigung des jüdischen Einflusses, Antisemitische Forschung, Eliten und Karrieren im Nationalsozialismus, Frankfurt, 1998/99
  4. Röhm, Eberhard/Thierfelder, Jörg: Juden-Christen. Deutsche, Stuttgart 2007 (7 Bände)
  5. Gernot Facius: Theologie des Antijudaismus Glaube und Heimat Nr. 18 3. Mai 2009
  6. Volker Leppin: Entwurzeltes Christentum Glaube und Heimat Nr. 18 3. Mai 2009
  7. Peter von der Osten-Sacken (Hg.), Das missbrauchte Evangelium, Studien zu Theologie und Praxis der Thüringer Deutschen Christen, Berlin 2002
  8. Heschel, Susannah, Naziying Christian Theology: Walter Grundmann and the Institute for Study and Eradication of Jewish Influence on German Church Life, in: Church History 63 (1994), 587-605)
  9. Heschel, Susannah, Deutsche Theologen für Hitler in: Peter von Osten-Sacken a.a.O, 70-90
  10. Michael Fischer Großer Gott wir loben dich in: Populäre und traditionelle Lieder, in: historisch-kritisches Liederlexikon Deutsches Volksliedarchiv
    Institut für internationale Popularliedforschung, Freiburg o.J (online)

 

Quellen (entjudiasierte liturgische Texte)

  1. Die Botschaft Gottes, Weimar, 1940 = Bibel
  2. Gesangbuch „Großer Gott wir, loben dich“, Weimar 1941= Gesangbuch
  3. Deutsche mit Gott, ein Glaubensbuch, Weimar 1941= Katechismus

 


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[1] Brief an Eberhard Bethge aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel am 8. Juni 1944, in: Widerstand und Ergebung, 13. Aufl. München 1985, S. 162

[2] War Jesus liberal? In: Ernst Käsemann, Der Ruf der Freiheit, Tübingen 1969, S. 54

[3] DIE ZEIT vom 22.Mai 2009

[4] „Bindet ihn los!“ Zur Frage nach dem Sinn des Todes Jesu, LZ 51 (1996), 54-66

[5] Doris Strahm, Vom Verlangen nach Heilwerden. Christologie in feministisch-theologischer Sicht, Zürich, 1993; vgl. auch Andrea Bieler, Art. Kreuz, feministisch-theologische Perspektiven, in: Elisabeth Gössmann et al. (Hg.),Wörterbuch der Feministischen Theologie, 2. vollständig überarbeitete Auflage, Gütersloh 2002, 355-357; Ulrike Eichler / Ilse Müllner, Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen als Thema der feministischen Theologie, Gütersloh 1999; Claudia Janssen / Benita Joswig (Hg.), Erinnern und aufstehen – antworten auf Kreuzestheologien, Mainz, 2000; Brigitte Kahl, Art. Kreuz, biblisch, in: Elisabeth Gössmann et al. (Hg.), Wörterbuch der Feministischen Theologie, 2. vollständig überarbeitete Auflage, Gütersloh 2002, 350-353; Dorothee Sölle, Leiden, Stuttgart 1973; Regula Strobel, Opfer oder Zeichen des Widerstandes? Kritische Blicke auf problematische Interpretationen der Kreuzigung Jesu, in: Claudia Janssen / Benita Joswig (Hg.), Erinnern und aufstehen – antworten auf Kreuzestheologien, Mainz 2000, 68-82

[6] Burkhard Müller, in WDR 5 am 10. Februar 2009

[7] Vgl. Susannah Heschel, The Aryan Jesus, Princeton 2008

[8] Dietrich Bonhoeffer, Predigt über Römer 5, März 1938.