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D.
Dr. Friedhelm Borggrefe Horst-Schork-Straße 66, 67069 Ludwigshafen |
Das Kreuz mit dem Kreuz
Vielleicht ist ja die Debatte über die Opfertheologie eine
Scheinkontroverse, weil wir mit unklaren Begriffen operieren und nicht
unterscheiden zwischen Psychologischem und Existentiellem, weil wir uns nicht
Rechenschaft geben über unsere Perspektiven, ob wir debattieren als Leidende
oder Mitleidende oder als über das Leiden Reflektierende. Die Frage ist auch,
ob wir die Debatte überhaupt führen dürfen, ohne etwas für die Opfer zu tun?
Die Opfertheologie hat in der Realexistenz viele Fassetten: Nicht zuletzt jedoch
geht es um das pro me, also um mein Lebensrecht vor Gott. Und theologisch wirklich
spannend wird es, wenn sich der Opfergedanke ablöst von der Christologie. Was
passiert dann?
Opfer, ein
mythologischer Begriff – Die Gesprächslage
Zunächst zur Sprache: Mit Dietrich Bonhoeffer bin ich im
Blick auf die Opferfrage der Auffassung, „dass die vollen Inhalte
einschließlich der ‚mythologischen’ Begriffe bestehen bleiben müssen – das Neue
Testament ist nicht eine mythologische Einkleidung einer allgemeinen Wahrheit!,
sondern diese Mythologie (Auferstehung etc.) ist die Sache selbst! – aber dass
diese Begriffe nun in einer Weise interpretiert werden müssen, die nicht die
Religion als Bedingung des Glaubens voraussetzt.“[1]
Mein Lehrer Ernst Käsemann sah den Opferbegriff durchaus kritisch, weil
„normalerweise vom Opfertod nur in der Weise menschlicher Heroen oder
alttestamentlich, jüdisch und heidnisch von einem frommen Werk zur Versöhnung
gesprochen werden kann“. Aber er sagt klar: „Vom Opfer wird übertragen und
bildlich in der Sprache des Alten Testaments gesprochen, weil es im Neuen
Testament nur noch das Handeln der Liebe Gottes im Sinne und ausdrücklicher
Interpretation von Römer 8,31-39 bezeichnet.“[2] Also: In diesem theologischen Ansatz geht es
bei der Formel von der Opfertheologie um die Versöhnung mit Gott, die wir uns
selbst nicht beschaffen können. Das Wort hat im Griechischen nichts mit Sühne
zu tun, sondern bedeutet Beendigung der Feindschaft. In Jesus kommt Gott
stellvertretend zu uns, damit wir zu ihm kommen können.
Die
Diskussion über die „Opfertheologie“ ist breit. Keineswegs wird sie heutzutage
mit liberaler Gelassenheit und Toleranz geführt: Dem muslimischen
Schriftsteller Navid Kermani (geb.1967) wurde jüngst der Hessische Kulturpreis
aberkannt, weil er die die Rede von Jesu Opfertod als „drastische Gotteslästerung
und Idolatrie“ bezeichnete.[3]
Kardinal Karl Lehmann und der Protestant Peter Steinacker halten ihn darum auch
konsequenterweise für einen Gotteslästerer und lehnen es ab, ihn als
Konfliktpartner auf Augenhöhe zu akzeptieren, was dem christlich-muslimischen
Dialog keineswegs förderlich ist.
Auf
katholischer Seite reicht die Debatte vom leidenschaftlichen Kampf Eugen
Drewermanns gegen die „Blut und Opfertheologie“ (seit 1991) über die
bedachtsamen Äußerungen von Karl Rahners Nachfolger, des heute über 90-jährigen
Eugen Biser[4]. Und der Protestant Klaus
Peter Jörns hält – nach Abschluss seiner öffentlichen Lehrtätigkeit – den
Abschied von vielen überlieferten Glaubensvorstellungen innerhalb und außerhalb
der Bibel für notwendig und möchte zu einer tiefgreifenden Neuformulierung des
christlichen Glaubens beitragen. Dieser Arbeitsschwerpunkt ist dokumentiert in
seinen Büchern „Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen
Christentum“, Gütersloh 2004, 4. Aufl. 2008, und “Lebensgaben Gottes feiern.
Abschied vom Sühnopfermahl: eine neue Liturgie”, Gütersloh 2007.
Feministische Theologie und der
„sadistische Gott“
Auch die
Übersetzerinnen der „Bibel in gerechter Sprache“, die sich nicht nur zum Ziel
gesetzt haben, den Gottesnamen und das Thema Frau in der Bibel angemessen in
die Deutsche Sprache zu übertragen, sondern dankenswerterweise auch konsequent
bemüht sind, die antisemitischen und antijudaistischen Tendenzen der bisherigen
Übersetzungen kritisch zu korrigieren: In der Frage der Opfertheologie sind
auch sie streitbar und sprechen in diesem Zusammenhang mit Dorothee Sölle sogar
von einem „sadistischen“ Gottesbild oder zumindest von einem gefährlichen
patriarchalischen Beziehungsmodell zwischen Vater und Sohn, das „Gewalttat
verharmlost, das Leiden erotisiert und Lebensfreude und Lust verteufelt“. Der
sich opfernde Christus sei schädlich für die Ethik der Frauen, weil so über
Jahrhunderte hinweg das Frauenbild festgelegt war auf aufopfernde Liebe,
Ertragen von Leiden, Demut und Gehorsam. „Die Rede vom Opfertod Jesu als von
Gott gewollte Heilstat um der Erlösung von der Sünde willen ist aufzugeben“.
Kreuz ist das Symbol des Lebens, der Ganzheit, der Verbindung zwischen Himmel
und Erde, ja der Körpergestalt des Menschen, die selber ein Kreuz darstellt.[5]
Kreuzestod als Sühnopfer oder alles einfach:
Hinrichtung eines Gottesmannes?
Ob alle Bestreiterinnen und Bestreiter des im Neuen wie im
Alten Testament meist so selbstverständlich, bei den Propheten oft kritisch
aber bei Paulus und im Hebräerbrief oft auch affirmativ verwendeten
Opfergedankens sich bewusst sind, auf welchem Hintergrund wir in Deutschland
heute fragen, ob es notwendig war, dass Jesus starb, um Sünden zu vergeben und
stellvertretend leiden musste, damit Gott seinen Zorn stillt. Also: warum Gott
ein Sühnopfer braucht?
Alles
wäre ja einfacher, wenn über dieses Stück der christlichen Tradition gesagt
würde: „Das braucht ihr wirklich nicht zu glauben. Jesus ist nicht gestorben,
um uns von unseren Sünden zu befreien. Er ist gestorben, weil die Mächtigen ihn
nicht leben lassen wollten. Wir sollten nicht an einen Gott glauben, der zürnt und
Rache sucht. Wir sollten an einen Gott der Liebe glauben. Eine Liebe, wie Jesus
sie gepredigt hat. Und für deren Wahrheit er bis zu seinem Tode eingestanden
ist.“[6]
Die Opfertheologie und mit ihr das Kreuz und das pro me aus
Luthers Rechtfertigungslehre stehen in Frage. Ja, die Eliminierung der
Opfertheologie aus der christlichen Tradition würde unser theologisches Denken
höchst vereinfachen: Böse Menschen töten Jesus am Kreuz, weil er eine
provokative Botschaft vertritt. Aber er steht das tapfer durch und seine Sache
geht weiter, wenn wir Glauben halten.
Angesichts dieser Gesprächslage fand ich per Zufall in der
jüngeren Kirchengeschichte ein fast vergessenes Faktum im Jahre 1939. Damals
wurde die Opferproblematik in der evangelischen Kirche buchstäblich mit einem
Schlag radikal gelöst, indem das Alte Testament abgeschafft, das Denkschema
Verheißung und Erfüllung aufgelöst, die paulinische Rechtfertigungslehre
als jüdische „Lohn-Straf-Moral“ verworfen, das Neue – als minderwertiges
religionsgeschichtliches Dokument – auf eine verknappte Evangelienharmonie
reduziert wurde. Verbunden wurde diese Argumentation mit der Herstellung eines
Sortiments antisemitischer Propaganda, entjuduasierten liturgischen Materials
und der These, Jesus sei kein Jude, sondern Arier.[7]
Eine fragwürdige
Synthese: Das „Entjudungsinstitut“ in Eisenach vor 70 Jahren
Im Mai 2009 erreichte mich ein Brief aus Eisenach mit dem
lapidaren Satz: „Das Entjudungsinstitut gab es tatsächlich: Eisenach Bornstraße
11“. Und der Absender fügte hinzu: „Das war das alte Predigerseminar der thüringischen
evangelischen Kirche.“ Tatsächlich: Am 6. Mai 1939, einem Samstagnachmittag vor
70 Jahren, wurde dort mit einem Festzug auf die traditionsreiche Wartburg das
„Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche
Leben“ gegründet. Sponsoren waren die Kirchenleiter der Altpreußischen Union,
Sachsens, Nassau-Hessens, Schleswig Holsteins, Thüringens, Mecklenburgs,
Anhalts, Oldenburgs, Österreichs und – der Pfalz, elf von 17 Landeskirchen. Im
Werbeanschreiben hieß es: „Da im Lauf der geschichtlichen Entwicklung
entartende jüdische Einflüsse auch im Christentum wirksam geworden sind, wird
die Entjudung von Kirche und Gegenwart zur unausweichlichen Pflicht in der
Gegenwart des kirchlichen Lebens; sie
ist eine Voraussetzung für die Zukunft des Christentums.“
Wissenschaftlicher Leiter des Instituts war Prof. Walter
Grundmann (1906-1976). Ihm ging es als Schüler Helmut Kittels angesichts der
„Blut und Boden“-Ideologie Alfred Rosenbergs um eine bleibende Synthese
zwischen Deutschtum und Christentum. Grundmann lehnte bis zu seinem Tode die
These ab, dass das Christentum eine Fortsetzung und Vollendung des Judentums
sei, da damit ein wirkungsvoller und erfolgreicher Kampf gegen den christlichen
Glauben geführt werde. Das Institut war keinesfalls bedeutungslos: Es gab in
einer Auflage von 200.000 Stück mitten im Zweiten Weltkrieg 1940 im „Verlag
Deutsche Christen Weimar“, zwölf Kilometer vom KZ Buchenwald entfernt, ein
Neues Testament unter dem Titel „Die Botschaft Gottes“ heraus. Hier wurde eine
antijudaistische Evangelienharmonie zusammengestellt. Der Text wurde sprachlich geglättet, einige Passagen stammten
von der bekannten Balladendichterin und Inhaberin des Münchener Eugen
Diederichs-Verlages Lulu von
Strauß und Torney. Das Thema hieß: „Jesus der Heiland“; sein
Ursprung, sein Aufbruch, seine Botschaft, seine Gefolgschaft, sein Kampf, sein
Kreuz, sein Sieg lauten die Kapitelüberschriften. Sein Tod wurde als „Weihe“
verstanden. (Lukas 12,49: „Durch den Tod muss ich zuvor geweiht werden, und wie
schlägt mir mein Herz, bis es vollbracht ist.“).
Der Kreuzestod wurde verstanden als Prüfung. Gethsemane war
eine Tapferkeitsprobe, Kreuz war Durchgangsstation, eine Art Feuertaufe zum
Sieg. Die „Botschaft Gottes“ sollte „helfen und den Weg frei machen zu einem
Ringen um jene Schau des Heilands, die auch heute wieder das Herzstück
deutschen frommen Glaubens sein kann“ (Nachwort Seite X). Im Klartext hießt es
im neuen Katechismus, den das Institut ein Jahr später, 1941, unter dem Titel
„Deutsche mit Gott, ein Glaubensbuch“ herausgab: „Jesus aus Nazareth in Galiläa
erweist in seiner Botschaft und Haltung einen Geist, der dem Judentum
entgegengesetzt ist. Der Kampf zwischen ihm und den Juden wurde so
unerbittlich, dass er zu seinem Kreuzestod führte. So kann Jesus nicht Jude
gewesen sein. Bis auf den heutigen Tag verfolgt das Judentum Jesus und alle,
die ihm folgen, mit unversöhnlichem Hass. Hingegen fanden bei Jesus Christus
besonders arische Menschen Antwort auf ihre letzten und tiefsten Fragen. So
wurde er auch Heiland der Deutschen“ (S. 46). Und das dazu passende Gesangbuch
aus dem gleichen Jahr trug nicht zufällig den Titel „Großer Gott wir loben
dich“, des katholischen Chorals von Ignaz Franz.
Das graphisch hübsch aufgemachte, heute würde man sagen
„ökumenische Kirchengesangbuch für Deutschland“ (339 Lieder auf rund 500 Seiten
mitten in papierknappen Kriegszeiten auf bestem Dünndruckpapier hergestellt)
war ein Bestseller. Es war selbstverständlich von allen Hebraismen und
Judaismen gereinigt und selbstverständlich fehlte z.B. das Agnus Dei. Lieder
wie „Christe, du Lamm Gottes“ oder „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“
wurden ersetzt durch andere, z. B. Rudolf Alexander Schröders „Heilig
Vaterland, heb zur Stunde, kühn dein Angesicht in die Runde. Sieh uns all
entbrannt, Sohn bei Söhne stehn: Du sollst bleiben Land! Wir vergehn“ (Nr. 38).
Der Opferbegriff war ausgewandert auf die Schlachtfelder und zu den Kreuzen der
Kriegsgräber.
Zehn Prozent der Lieder stammten von dem Thüringer Pfarrer
und ehemaligen NS Volksschullehrer Hermann Ohland (1888-1953), der Liedertexte
beisteuert, die öfter Krieg und Tod zum religiösen Opfer hochstilisierten.
Beispiel: Ein Passionslied nach der Melodie „O Traurigkeit, o Herzeleid“. Da
heißt es: „Viel Kreuze stehn, die Stürme wehn viel tausend zu den Toten. Zu dem
Streit, o Herre Christ sind wir aufgeboten“ (Nr. 184, Vers 2). Oder die
Umdichtung von „Wachet auf ruft uns die Stimme“, ein Lied, das ausgeschieden
wurde, weil man von Jerusalem und dem Zion nichts wissen wollte. Da stand zu
lesen: „Flammt auf ewigen Altären, ihr Heldenfeuer, Gott zu Ehren! Der Toten
Ruhm ist heilig groß. Traget still, ihr Schmerzensreichen, das Kreuz und Opfer
ohnegleichen! Ihr tragt das Leben in dem Schoß. Herr Gott mach uns bereit, du
Macht der Ewigkeit! Gib den Stillen viel Fried in Not, den Sieg im Tod. Wir preisen
dich, allmächtger Gott“ (Nr. 37, Vers 3).
Zu den Herausgebern dieses Gesangbuches gehörten immerhin
auch so bekannte Kirchenmusiker wie der spätere Leipziger Thomaskantor Erhard
Mauersberger (1903-1982) und sein Bruder, der Dresdener Kreuzkantor Prof.
Rudolf Mauersberger (1889-1971). Vielleicht ist es ihnen zu verdanken,
dass bei den Luther- und Paul Gerhardt-Texten
eine Umdichtung oder Akzentverschiebung im Sinne der NS Ideologie weniger oft
zu beobachten ist. Aber man begnügte sich manchmal auch mit der Weglassung
anstößiger Verse. Doch schwer erträglich ist es schon, das Lutherlied „Ein
feste Burg“ (Nr. 26) unter der Überschrift „Heilig Vaterland“ und „Volk vor
Gott“ neben einer mittelalterlichen Festungs-Grafik im Stil der NS Malerei zu
finden.
Keinesfalls Episode
Im Blick auf das Eisenacher „Institut zur Erforschung des
jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, das sechs Jahre, von
1939 bis 1945, bestand, wird man keinesfalls
von einer Episode, sondern eher von einer Bewegung sprechen müssen. Finanziell
war es gesund. Das Institut war mietfrei untergebracht. Gehälter mussten nur in
geringem Umfang gezahlt werden. Von den Landeskirchen und von Berlin flossen
Zuschüsse und mit den Druckschriften wurden erhebliche Einnahmen erzielt. Zwar
ist die Zahl der Theologiestudierenden während des Zweiten Weltkrieges in
Deutschland kriegsbedingt relativ klein (beispielsweise sank die Zahl der
Studenten an der theologischen Fakultät in Breslau – vor 1939 ca. 300-400
Studenten – 1939-1945 auf 30 oder nur 9 Personen), so dass die Wirkung auf den
Theologennachwuchs nicht sehr stark war. Aber es arbeiteten ehrenamtlich
schätzungsweise 200 Pfarrer, Pädagogen, Musikwissenschaftler und Universitätsprofessoren
mit. Letztere, weil sie hier auch während des Krieges noch Möglichkeiten zum
Publizieren hatten. Auf den Listen stehen z. T. prominente und international
renommierte Namen.
Roland Deines und Volker Leppin haben 2007 in Band 21 der „Arbeiten
zur Kirchen- und Theologiegeschichte“ unter dem Titel „Walter Grundmann – ein
Neutestamentler im Dritten Reich“ einen umfangreichen Sammelband herausgegeben,
der die Hintergründe der „Völkischen Theologie“ und Grundmanns „Geschichte Jesu Christi“ von 1957
beleuchtet. Es ist jedoch das Verdienst
von Susannah Heschel, einer Jüdin, Tochter des berühmten Theologen Abraham
Joschuah Heschel (1907-1972), seit 1994 an der Geschichte dieses
„Pseudoforschungsinstituts“ zu arbeiten. Sie setzt sich mit der Affinität von
Antisemitismus und Theologie ebenso auseinander wie mit der Nachkriegskarriere
der prominenten Mitarbeiter des Instituts (z.B. Walter Grundmann, Helmut
Kittel, Karl Georg Kuhn, Hans Joachim Thilo, Carl Schneider oder der
schwedische Neutestamentler Hugo Odeberg).
Eine Episode ist das Eisenacher Entjudungsinstitut auch
deshalb nicht, weil die theologischen Fakultäten und sehr viele Neutestamentler
sich beteiligten: Jena (z.B. Georg Bertram, Philo und die jüdische Propaganda
in der antiken Welt, Leipzig 1940, Walter Grundmann, Die Entjudung des
religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie und Kirche, Weimar 1939, sowie
22 Artikel im ThWNT), Leipzig (Gerhard Delling mit 44 Artikel im ThWNT),
Breslau (z.B. Herbert Preisker, Deutsches Christentum. Die neutestamentlichen
Evangelien im altdeutschen Heliand, Langensalza 1934; Neutestamentliche
Zeitgeschichte, Berlin 1937), Kiel (Der Systematiker Martin Redeker, Die Bedeutung der Bibel für den Glauben, Berlin,
1939), Königsberg (Carl Schneider, Das Frühchristentum als antisemitische Bewegung, Bremen,
Verlag Kommende Kirche, 1940), Greifswald (Ernst Lohmeyer und die
Skandinavier), Wien (Helmut Kittel, Herausgeber des ThWNT). Ein Ableger des
Instituts wurde in Hermannstadt (Siebenbürgen) gegründet und die theologischen
Fakultäten Schwedens (Hugo Odeberg, Lund) und Skandinaviens arbeiteten während
des Krieges auf Tagungen, durch Stipendiaten (sieben allein in Jena) und bei
den Publikationen mit.
„Wunderbares
Geheimnis“ – eine persönliche Replik
Die neuere Diskussion über die
Opfertheologie hat mich mit meinen nunmehr fast 80 Jahren an die Anfänge meines
Theologiestudiums geführt. Ich bin erschrocken, dass ich erst jetzt erkenne:
Meine Kirche hat 1939, da war ich zehn Jahre alt, die ideologische Grundlage
zum Holocaust geliefert. Theologie studierte ich ab 1950-1954, weil ich mit 15
Jahren am Ende des Zweiten Weltkrieges durch meine Internierung in Prag und die
Erlebnisse der Jahre danach schwer traumatisiert war und mir die Schuldfrage
und deren Überwindung stellte.
Ich sehe mich noch 1953 als Bonner
Theologiestudent beim Studium von „Cur deus homo“ von Anselm von Canterbury. Da
stand der Satz: „nondum considerasti quanti ponderis sit peccatum“ (Kapitel
21). Also: „Du hast noch nicht begriffen, wie groß die Last der Sünde ist.“ Das
war meine Situation. Wer will schon Auschwitz und den Tod von Millionen von
Menschen begriffen haben? Schon der Blick auf meine Familiengeschichte erlaubt
mir das nicht. Und wer kann im Laufe eines Pfarrerlebens je begreifen, wie groß
die Schuld der Menschen vor Gott ist, und wer kann je erkennen, was Menschen
sich gegenseitig bewusst oder unbewusst antun?
Die Satisfaktionslehre des Anselm mit
ihrem mittelalterlich feudalen Gottesbild, das wenig mit dem Vater Jesu Christi
zu tun hat, konnte mich nicht überzeugen. Aber Satisfaktion durch Christus,
dieses „wunderbare Geheimnis“ (Bonhoeffer), das ist für mich Ausgangspunkt
einer Theologie, in der viel Platz und ein großer Raum für Freiheit sind.
Glücklich bin ich, jeden Tag in meiner Bibel zu lesen, wie Gott dem Menschen
nachgeht und über die Welt spaziert und dem Menschen, der sein wollte wie Gott,
die Frage stellt: „Adam, wo bist du?“ (Gen. 3). Und froh bin ich, dass er der
Menschheit nach der großen Umweltkatastrophe bei der Sintflut eine neue Chance
gibt und seinen Kriegsbogen in die Wolken hängt. Dass er sich nicht zornig
zurückzieht von seiner Schöpfung, sondern mitgeht mit den Menschen, so wie es
die Geschichten der Erzväter immer wieder erzählen.
Und ich kann es noch immer nicht begreifen,
wie das ist mit den Menschenrechten, die er in die steinernen Tafeln am Sinai
eingravieren ließ: Ist hier exemplarisch in Israel klar gemacht, was allen
Menschen ein für alle Mal ins Herz geschrieben ist? Es ist wunderbar zu
entdecken, wie hinter den Droh- und Scheltworten der Propheten ein Gott
sichtbar wird, der sein Volk liebt, wie ein Mann seine Frau (Hosea), dessen
Zorn sich verwandelt, der unterwegs ist mit Israel auf dem Weg von Babel nach
Jerusalem. Und es geht mir durchs Herz, wenn ich die Evangelien lese als
„Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung“ und mir versichert wird:
Gott ist konkret: Hingabe. Und wenn Rabbi Paulus mir – mit dem Heidelberger und
dem rationalistischen Pfälzer Katechismus übrigens – erklärt: Taufe das
bedeutet Christusgemeinschaft, mit Christus leben, sterben und auferstehen mit
ihm. Und Abendmahl, das ist die Feier der Gegenwart des Christus, dieser
Beziehung, die mir durch den Glauben geschenkt ist. Hier kann ich endlich
wahrnehmen, fühlen und schmecken, dass Gott pro me ist und omnia pondera
peccatorum, alles Schwere, das mich trennt von ihm und den Menschen erledigt
ist.
Ja, Gott lässt sich psychologisch nicht
festlegen auf Begriffe und Bilder wie „sadistisches Gottesbild“, „Feudalherr“,
Patriarch. Er lässt sich auch nicht herauslösen aus seiner Geschichte mit dem
Volk Israel. Gott ist ein menschlicher Gott. Das zeigt nicht zuletzt die
Geschichte Jesu Christi. Gott ist Leidenschaft. In ihm ist ein Prozess
sichtbar: Sein Zorn ist nicht ewig. Seine Liebe nicht unendlich. Er offenbart
sich in der Zeit, in ganz konkreten Momenten als Anstoß und Herausforderung. Er
geht mit auf unseren Wegen, fragt, zeigt, begleitet, führt, hält uns an, zeigt
uns das Ziel. Er hört nie auf zu sprechen. Wir haben sein Wort, das uns mit ihm
verspricht.
Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt:
„Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen.“ Er stellt fest:
„Christentum ist immer eine Form (vielleicht die wahre Form) der Religion
gewesen.“ Und er fragt: „Wie kann Christus der Herr auch der Religionslosen
werden? Gibt es religionslose Christen? Wenn die Religion nur ein Gewand des
Christentums ist – und auch dieses Gewand hat zu verschiedenen Zeiten sehr
verschieden aus gesehen –, was ist dann ein religionsloses Christentum?
Die „Opfertheologie“ ist eine religiöse
Chiffre. Klaus Peter Jörns hat Recht, wenn er einer tiefgreifenden Neuformulierung des
christlichen Glaubens das Wort redet. Aber wir werden dabei immer die Aufgabe
haben, den Inhalt dieser Chiffre nicht aufzugeben; den Weg Gottes mit seinem
Volk Israel und den Menschen Jesus von Nazareth, sein Kreuz und seine
Auferstehung, im Auge zu haben, denn „Wunderbares Geheimnis – Gott hat Frieden
gemacht mit uns durch Jesus Christus.“[8]
Literatur
Quellen
(entjudiasierte liturgische Texte)
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index / forum palatina
/ rezension / forum / archiv
/ links / e-mail |
[1] Brief an Eberhard Bethge aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel am 8. Juni 1944, in: Widerstand und Ergebung, 13. Aufl. München 1985, S. 162
[2] War Jesus liberal? In: Ernst Käsemann, Der Ruf der Freiheit, Tübingen 1969, S. 54
[3] DIE ZEIT vom 22.Mai 2009
[4] „Bindet ihn los!“ Zur Frage nach dem Sinn des Todes Jesu, LZ 51 (1996), 54-66
[5] Doris Strahm, Vom Verlangen nach Heilwerden. Christologie in feministisch-theologischer Sicht, Zürich, 1993; vgl. auch Andrea Bieler, Art. Kreuz, feministisch-theologische Perspektiven, in: Elisabeth Gössmann et al. (Hg.),Wörterbuch der Feministischen Theologie, 2. vollständig überarbeitete Auflage, Gütersloh 2002, 355-357; Ulrike Eichler / Ilse Müllner, Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen als Thema der feministischen Theologie, Gütersloh 1999; Claudia Janssen / Benita Joswig (Hg.), Erinnern und aufstehen – antworten auf Kreuzestheologien, Mainz, 2000; Brigitte Kahl, Art. Kreuz, biblisch, in: Elisabeth Gössmann et al. (Hg.), Wörterbuch der Feministischen Theologie, 2. vollständig überarbeitete Auflage, Gütersloh 2002, 350-353; Dorothee Sölle, Leiden, Stuttgart 1973; Regula Strobel, Opfer oder Zeichen des Widerstandes? Kritische Blicke auf problematische Interpretationen der Kreuzigung Jesu, in: Claudia Janssen / Benita Joswig (Hg.), Erinnern und aufstehen – antworten auf Kreuzestheologien, Mainz 2000, 68-82
[6] Burkhard Müller, in WDR 5 am 10. Februar 2009
[7] Vgl. Susannah Heschel, The Aryan
Jesus, Princeton 2008
[8] Dietrich Bonhoeffer, Predigt über Römer 5, März 1938.