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Dr. Martin
Schuck |
Editorial
Revolution,
Restauration und Revolutionsgedenken
In den kommenden beiden Monaten werden die
Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des 20. Jahrestages der einzigen gelungen
Revolution in Deutschland ihren Höhepunkt erreichen. Diese Feierlichkeiten bieten
nicht nur eine willkommene Abwechslung zum langweiligen Reformalltag, sondern
können auch Anlass sein, wieder einmal darüber nachzudenken, dass so etwas wie
gesellschaftlicher Fortschritt durchaus möglich ist – wenn er nur gewollt wird
(auch wenn 1989 nicht wenige meinten, von einer Konterrevolution überrollt zu
werden). Das Problem gegenwärtiger Reformen besteht ja gerade darin, dass sie
von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als Rückschritt erlebt werden,
weil sich die eigene Lebenssituation in der Regel verschlechtert hat – ein
Effekt, der auch bei der Revolution 1989 nicht ausgeblieben ist, was allerdings
durch den Zugewinn an Freiheit in der Lebenswirklichkeit der allermeisten mehr
als kompensiert werden konnte.
1989, das Jahr des Mauerfalls und der gelungenen Revolution
nicht nur im Osten Deutschlands, sondern auch in einer Reihe osteuropäischer
Länder, war selbst schon ein Jahr des Revolutionsgedenkens. Am 14. Juli 1989
wurde in Frankreich das Bicentenaire gefeiert, der 200. Jahrestag der Französischen
Revolution. Mehr als alle anderen Umwälzungen der vergangenen 500 Jahre war es
gerade diese Revolution, die unser modernes Verständnis einer Revolution als
politischer Umwälzung geprägt hat. Ein kleiner historischer Rückblick auf die
Vorgeschichte, das Ereignis selbst und die anschließende Verarbeitung in
Philosophie und Theologie soll diese These begründen.
Die frühen
Revolutionen
Als sich in der geschichtlichen Entwicklung nach dem
Dreißigjährigen Krieg die Aufklärung als Geisteshaltung der gebildeten Stände
durchsetzte, hatte dies im politischen Bereich eine Reihe von Umwälzungen zur
Folge. Diese Umwälzungen begründeten sich dadurch, dass der aufgeklärte
Absolutismus als vorherrschende Staatsform der ersten Phase der Aufklärung zwar
einige philosophische Prinzipien der Aufklärung, allen voran die religiöse
Toleranz, sich zu verwirklichen bemüht hatte, das aufstrebende Bürgertum jedoch
von der politischen Partizipation an der Macht fernhielt.
Diejenigen historischen Ereignisse der frühen Neuzeit, die
als „Revolutionen“ in die Geschichte eingegangen sind, waren in der Regel
nichts anderes als reine Herrschaftswechsel ohne grundlegende Umwälzung des
politischen Systems. Dies trifft vor allem zu für die „Glorious Revolution“
1688 in England, deren wesentlicher Inhalt darin bestand, dass Jakob II.
gestürzt und Wilhelm III. von Oranien auf den englischen Thron gebracht wurde –
ein von einflussreichen Teilen der Bevölkerung gewünschter Machtwechsel
innerhalb der gleichen Dynastie, der dem Parlament größere Rechte brachte.
Eher in Richtung einer tatsächlichen Revolution ging dagegen
der antikoloniale Kampf des nordamerikanischen Bürgertums. Die amerikanische
Revolution von 1776 brachte einen echten Wechsel im Herrschaftssystem: Weg von
der konstitutionellen Monarchie der britischen Kolonialmacht, hin zu einer
republikanischen Verfassung (die 1787 erlassen wurde), in der, im Anschluss an
die Virgina Bill of Rights vom 12. Juni 1776, die Einhaltung der Menschenrechte
garantiert war. Die Menschenrechte wurden allerdings nur weißen Amerikanern
gewährt. Für Thomas Jefferson, den 3. Präsidenten der USA (1801-1809), war es
kein Widerspruch, dass er in der Eingangshalle seines Landsitzes in Virginia
eine Büste Voltaires stehen hatte, während im Untergeschoss des gleichen Hauses
die Sklavenwohnungen lagen.
Dieser Befund verlangt nach einer Klärung des
Revolutionsbegriffs. Bis ins 18. Jahrhundert hinein gab es keinen politischen
Begriff der Revolution; ursprünglich bezeichnete er astronomische und
astrologische Zusammenhänge. Sowohl im ptolemäisch-geozentrischen als auch im
kopernikanisch-heliozentrischen Weltbild verstand man unter „revolutio“ die
ewige, nach festen Gesetzen erfolgende kreisförmige Bewegung und Wiederkehr der
Himmelskörper. 1543 veröffentlichte Nikolaus Kopernikus sein Werk „De
revolutionibus orbium coelestium“, das den Begriff der „revolutio“
programmatisch auf die immergleiche Bewegung der Erde anwandte; Kopernikus
wollte damit nicht etwas Neues erklären, sondern nur etwas immer schon
Gewesenen, das aber niemals richtig erkannt wurde, zur Darstellung bringen.
Als die ersten Reflexionen über politische Umwälzungen im
17. Jahrhundert mit dem Begriff „Revolution“ arbeiteten, gebrauchten auch diese
ihn eher restaurativ. Neben der englischen Revolution ging es dabei vor allem
um die Erringung der Unabhängigkeit Portugals von Spanien 1640. Eine von
Francois Grenaille verfasste Darstellung „De la fameuse révolution d’Estat
arivée en Portugal“ verstand unter „Revolution“ die Wiedereinsetzung der
legitimen portugiesischen Dynastie Braganca. Eine Revolution bringt nach diesem
Verständnis nichts Neues, sondern setzt das Alte ins Recht. Das war ja in
England 1688 nicht anders: Jakob II. war es schließlich, der die Ordnung störte
und England nicht nur zum Absolutismus, sondern auch zum Katholizismus zu führen
drohte. Deshalb war es nicht nur der Wunsch des Adels, sondern auch der
anglikanischen Bischöfe, dass man die protestantische Tochter des Königs und
ihren calvinistischen Ehemann Wilhelm von Oranien ins Land rufen und ihnen
beiden die englische Krone antragen solle.
Das Neue der
Französischen Revolution
Unser heutiges Verständnis von Revolution baut auf die
Ereignisse 1789 in Frankreich auf. Die Träger der dortigen Umwälzung, etwa der
Graf Mirabeau, aber auch die zeitgenössischen Philosophen, sprachen selbst von
einer Revolution. Für den Abend des 14. Juli 1789 ist ein Wortwechsel zwischen
Ludwig XVI. und dem Grafen Liancourt überliefert, in dem der König gefragt
haben soll: „C’est une revolte?“ Darauf antwortete der Graf: „Non Sire, c’est
une révolution!“ Ganz gleich, ob dieser Dialog tatsächlich stattgefunden hat,
so transportiert er doch ein Verständnis von Revolution, das bis heute gilt:
Revolution ist eine Umwälzung der politischen Verhältnisse mit dem Ziel, eben
nicht das Alte, sondern etwas qualitativ Neues, also Besseres, hervorzubringen.
Genau an diesem Ziel haben sich seither auch alle politischen Revolutionen
messen lassen müssen.
Das qualitativ Neue an der Französischen Revolution war
neben der Idee der Republik (die es zu diesem Zeitpunkt bereits in den
neugegründeten Vereinigten Staaten von Amerika gab) die Vorstellung von einer
Gesellschaft, in der alle Bürger grundlegende Freiheiten genießen und darüber
hinaus gleich sind. Obwohl an diesem Gleichheitsgedanken letztlich das
ehrgeizige Revolutionsprojekt scheiterte, muss genau darin das die bisherigen
Revolutionen überbietende Moment betrachtet werden. Das französische
Revolutionsmodell strahlte genau deshalb auch auf die Kolonien aus und führte
etwa auf der Insel Hispaniola ab 1791 zu einer eigenständigen Befreiungsbewegung,
die sich den Jakobinismus im Mutterland zum Vorbild nahm. Unter der Führung des
ehemaligen Sklaven Francois-Dominique Toussaint L’Ouverture wurde im
französischen Teil von Hispaniola, dem heutigen Haiti, 1793 die Sklaverei
abgeschafft. Toussaint L’Ouverture brachte es bis zum General in der
französischen Generalverwaltung und wurde 1799 sogar Gouverneur der Kolonie
Haiti. 1801 besetzte er den spanischen Ostteil der Insel, die heutige
Dominikanische Republik, schaffte dort ebenfalls die Sklaverei ab und führte
eine Landreform durch. Nach der Machtübernahme Napoleons endete die
haitianische Revolution und Toussaint L’Ouverture wurde gefangen genommen und
starb 1803 in der Festungshaft. In Haiti wurde der von Toussaint aufgehobene
Code Noir wieder in Kraft gesetzt, und die Sklaverei bestand weiter bis 1848.
Eine Umwälzung und
ihre Verarbeitung
Mehr als andere politische Ereignisse zuvor brachte die
Französische Revolution eine Umwälzung, die ganz Europa erschütterte. Im Kern
ging es bei dieser Erschütterung nicht nur um das politische, sondern auch um
das weltanschauliche Selbstverständnis der herrschenden Eliten. Die
programmatischen Parolen Freiheit und Gleichheit riefen Kritiker auf den Plan, die
das Revolutionsprojekt aufgrund der darin enthaltenen weltanschaulichen Festlegungen
ablehnten. Der aus Irland stammende Philosoph Edmund Burke etwa ereiferte sich,
als sich die „Englische Revolutionsgesellschaft“ 1789 versammelte, um den 101.
Jahrestag der „Glorious Revolution“ zu feiern, und dabei der Pastor R. Price
eine flammende Lobrede auf die Französische Revolution hielt. Der Skandal für
Burke bestand darin, dass Price behauptete, diese Revolution sei im Namen
liberaler Werte erfolgt. Burke, der den „Whigs“ angehörte und sich somit selbst
als Liberalen betrachtete, widersprach hier energisch: Die Vorstellung einer
angeborenen Rechtsgleichheit aller Menschen, unabhängig von erworbenen Rechten,
war ihm undenkbar. Die Französische Revolution sah er deshalb auf „inhaltslose
Konzepte“ wie Natur, Vernunft, Volk und eine abstrakte Form von Freiheit
gestützt.
Burke verkörpert damit einen Typus des philosophischen
Denkens, der als Gegenprogramm zur Aufklärungsphilosophie verstanden werden
kann: Vertritt diese die Universalität der Vernunft, was zu einigen praktischen
Konsequenzen wie etwa der Vorstellung einer jedem Menschen zukommenden Würde
führt, so gebärdet sich jener insofern „nominalistisch“, als er genau diese ihm
abstrakt erscheinende Zuschreibung ablehnt.
Einen grundlegend anderen, aber gleichermaßen
anti-revolutionären Typus des Denkens vertrat die römisch-katholische Kirche.
Auch sie kritisierte die Vernunftkonzeption der Aufklärung, die zur Revolution
führte und das Handeln der Revolutionäre leitete. Allerdings kritisierte sie
nicht die Vorstellung einer sich universal verstehenden Vernunft als solche,
sondern nur die falsche inhaltliche Stoßrichtung des Vernunftgebrauchs.
In einem Brief vom 10. März 1791, dem Breve „Aliquantum“,
schreibt Papst Pius VI. an den Erzbischof von Aix en Provence, Kardinal La
Rochefoucault, welche Zielrichtung die menschliche Vernunft allein zu nehmen
hat und welche Konsequenzen gesellschaftspolitischer Art dies nur haben kann: „Da
nun der Gebrauch, den der Mensch von seiner Vernunft machen soll, im
wesentlichen darin besteht, seinen höchsten Schöpfer zu erkennen, ihn zu ehren,
ihn zu preisen, ihm sein ganzes Wesen zu weihen, weil er sich von Kindheit an
den Älteren unterwerfen und von ihren Lehren leiten lassen muss, weil er von
ihnen lernen muss, sein Leben nach den Gesetzen der Vernunft, der Gesellschaft
und der Religion auszurichten, sind für ihn die Gleichheit und die vielgerühmte
Freiheit von Geburt an nichts als Hirngespinste und leere Worte. Seid gehorsam
aus Notwendigkeit, schreibt der Apostel Paulus. So konnten sich die Menschen
nicht zusammenschließen und eine bürgerliche Vereinigung bilden, ohne eine
Regierung zu errichten, ohne diese Freiheit zu beschränken, ohne sie den
Gesetzen und der Autorität ihrer Obersten zu unterwerfen. Die menschliche
Gesellschaft, sagt Augustin, ist nichts als eine allgemeine Übereinkunft, den
Königen zu gehorchen; und die Macht der Könige bezieht ihre Kraft nicht so sehr
aus dem Gesellschaftsvertrag, als vielmehr aus Gott selbst, dem Urheber alles
Guten und aller Gerechtigkeit.“
Wegen des massiven Machtverlusts, den die
römisch-katholische Kirche in Frankreich erlitten hat, aber auch wegen des
Versuchs einer positiven Würdigung der Aufklärung in Teilen der Theologie,
führte die Französische Revolution – sozusagen in ihrer Fernwirkung ein halbes
Jahrhundert später – zu einer Renaissance der scholastischen Theologie und zu
einer institutionellen Zentralisierung auf Rom. Man kann deshalb sagen, dass
das Wiedererstarken des Papsttums seit den 1840er Jahren eine Folge der
theologischen Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution ist.
Die evangelische Theologie und die evangelischen Kirchen
konnten der Französischen Revolution politisch nichts abgewinnen. Sie waren
grundsätzlich loyal gegenüber der landesherrlichen Obrigkeit. Die
nachrevolutionären napoleonischen Eroberungen führten erst recht zu einer
Ablehnung Frankreichs auch bei denen, die grundsätzlich der Aufklärung
nahestanden, und zu einer breiten Solidarisierung mit den Fürsten, selbst wenn
man diese vorher eher kritisch betrachtet hat. In der Phase der Restauration
nach dem Wiener Kongress orientierte sich das Luthertum sehr stark an
konservativen Werten, vor allem in seinem Gesellschafts- und Staatsverständnis.
Ein bleibender
Ertrag der Französischen Revolution dürfte allerdings darin bestehen, dass in
der Auseinandersetzung mit den politischen Ideen der Revolution der Anstoß
gegeben wurde, Religion als grundsätzlich durch Subjektivität vermittelt zu
begreifen. Seit der Französischen Revolution drängt der europäische
Protestantismus mit innerer theologischer Notwendigkeit auf die vollständige
Verwirklichung von Religionsfreiheit. Auch in Konzeptionen wie etwa der des
preußischen Hofjuristen Friedrich Julius Stahl zur Zeit Friedrich Wilhelm IV.
wurde die Religionsfreiheit als Faktum anerkannt. Einzig aus staatspolitischen
Gründen wollte er nur Protestanten zu den politischen Ämtern zulassen.
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