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Dr. Martin
Schuck |
Djihad auf Schalke
Blau und Weiß, wie
lieb ich Dich
Blau und Weiß, verlass
mich nicht
Blau und Weiß ist ja
der Himmel nur
Blau und Weiß ist
unsere Fußballgarnitur
Hätten wir ein
Königreich
Machten wir es den
Schalkern gleich
Alle Mädchen, die so
jung und schön
Müssten alle blau und
weiß spazieren gehen
Mohammed war ein
Prophet
Der vom Fußballspielen
nichts versteht
Doch aus all der
schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau
und Weiße ausgedacht
Tausend Feuer in der
Nacht
Haben uns das große
Glück gebracht
Tausend Freunde, die
zusammenstehn
Dann wird der FC
Schalke niemals untergehn.
Was schreibt man eigentlich als Professor für Islamische
Religionspädagogik, wenn man um ein wissenschaftliches Gutachten zu diesem Lied
gefragt wird? Hat hier ein islamfeindlicher Schmierfink den Propheten
beleidigen wollen? Man könnte natürlich versucht sein zu sagen, in der dritten
Strophe des Liedes stehe nichts als Unsinn, denn der Prophet Mohammed sei bis
heute der größte unter den Fußballern und werde allenfalls von Maradonas Hand
Gottes herausgefordert. So ist der Professor Bülent Ucar von der Universität
Osnabrück aber nicht und nimmt die Sache deshalb sehr ernst. Immerhin geht es
ja um nichts Geringeres als um die Vereinshymne von Schalke 04, und der auftraggebende
Verein wird sich seine (blau-)weiße Weste auch einiges kosten gelassen haben.
Deshalb klärt Ucar erst einmal den Zusammenhang: „Seit einigen Tagen (genauer
Ende Juli) ist in den Medien zu lesen, dass einige Muslime sich via Internet
und E-Mail an den Fußballverein Schalke 04 wenden und sich über die
Vereinshymne beschweren, da diese eine Verunglimpfung des Propheten Mohammed
beinhalte und ihn offen diffamiere. Anscheinend sind zahlreiche Muslime
insbesondere von einer bestimmten Strophe irritiert, in der dargelegt wird, dass
der Prophet ‚von Fußball nichts versteht’. Nach Auskunft des Staatsschutzes
gibt es von einigen Personen offene Beschimpfungen, Boykottaufrufe und
schließlich Androhung von Gewalt gegen den Verein.“
Die Lage ist also gar nicht rosig, und bevor in Pakistan
oder im Jemen Schalke 04-Fahnen und Magath-Portraits verbrannt werden, ist es
wichtig, erst einmal die Rechtslage zu klären. So ist „festzuhalten, dass es
jedermann in einer demokratisch verfassten Gesellschaft im Rahmen der Meinungs-
und Religionsfreiheit zusteht, seine positive wie auch negative Meinung über
den Propheten kundzutun. Allerdings ist eine offene Diffamierung, Beleidigung
und bewusste Herabwürdigung von religiösen Führern im Allgemeinen für das
gesellschaftliche Zusammenleben nicht förderlich, zumal damit bestimmten
religiösen Extremisten der Rücken gestärkt und die Gefühle von entsprechend
sich bekennenden Menschen verletzt werden.“ Im Gutachten folgen dann die
einschlägigen Bestimmungen des § 166 StGB.
Damit ist zwar die Rechtslage geklärt, aber in der Sache
noch nichts gewonnen: Wird er nun verunglimpft oder nicht? Das hängt von
verschiedenen Faktoren ab: „Um eine Aussage bzw. einen Text dieser Art
verstehen zu können, bedarf es jedoch bestimmter Kriterien. Hierzu gehören [,]
neben dem objektiven Bedeutungsgehalt einer Aussage, die subjektive Zielsetzung
des Verfassers und schließlich die objektive Wirkung des Textes bei den
Empfängern, die sich selbstverständlich auf subjektive Wahrnehmung begründet.“
Also noch mal etwas genauer: Stimmt die objektive Aussage,
dass Mohammed nichts vom Fußballspielen verstanden hat? Hatte der Verfasser des
Liedes die Zielsetzung, Mohammed damit für unsportlich, ignorant oder gar
kulturell rückständig zu erklären? Oder bilden sich Mohammeds Anhänger nur ein,
dass der Dichter solches sagen wollte? Fragen über Fragen, die Bülent Ucer
durch eine gründliche historisch-kritische Exegese des Liedes zu beantworten
versucht: „Nach dem ersten Kriterium ist zu konstatieren, dass die Aussage objektiv
richtig und zutreffend ist, denn im 7. Jahrhundert gab es schlicht keinen
Fußball. Außerdem gehört eine gehörige Portion Humorlosigkeit dazu, um diesen
Text als Herabwürdigung des Propheten und Hasskampagne gegen seine Person zu
verstehen. Sie beinhaltet auch keine irgendwie beleidigende Substanz und ist
daher auch nicht als Hetze zu verstehen. Im Gegenteil: Eingangs wird sogar die
Gesandtschaft des Propheten Muhammad bestätigt.“
Ob Ucer mit dieser irenischen und Schalke-freundlichen
Interpretation durchkommt? Da ist Helmut Schümann im Berliner „Tagesspiegel“ historisch
präziser, muss sich letztlich jedoch, um ein klares Urteil abzugeben, auf
fragwürdige Psychologisierungen einlassen: „Wann und wo der Fußball entstanden
ist, ist nicht hundertprozentig gesichert. Ein Spiel, bei dem ein Ball mit dem
Fuß getreten wurde, ist schon aus dem 2. Jahrtausende vor Christus aus China
überliefert. Es ist aber eher fraglich ob der Prophet Mohammed […] davon
Kenntnis erlangt hat. Zwar sieht und weiß der Prophet alles, aber ob nun in
Peking ein Sack Reis umfällt oder irgendwo in der Zhou-Dynastie Ts’uh-chüh
(‚Ts’uh’ = mit dem Fuß stoßen, ‚chüh’ = Ball) gespielt wurde, dürfte ihm egal
gewesen sein.“
Der feste Boden, den Ucer dann beim Versuch der Beantwortung
der zweiten Frage zu betreten scheint, erweist sich bei genauerer Analyse
ebenfalls als rutschige Piste, die den Unvorsichtigen leicht ins Schleudern
bringen kann:. Dennoch setzt sich die Schalke-freundliche Grundeinstellung des
Autors fort: „Auch nach dem zweiten Kriterium ist nichts zu beanstanden, da
weder das ursprüngliche Gedicht bzw. Volkslied und dessen Verfasser Karl Ludwig
von Wildungen (1797), noch der spätere Verfasser Hans J. König (gest. 1992)
islamkritische Absichten in diesem Zusammenhang hatten, kann auch nicht von
einer Verunglimpfung des Propheten gesprochen werden. Historisch gesehen
entstand der Text in einem ganz anderen Zusammenhang, wobei weder die Intention
der Verfasser betreffend, noch hinsichtlich der inhaltlichen Prägung eine
bezweckte Diskreditierung unterstellt werden kann. Vielmehr wurde der Prophet Muhammad
ursprünglich aufgrund seiner Zuneigung für die Farbe Grün im Volkslied erwähnt.
Erst 1935 wird die Farbe Grün in Blau-Weiß umgeändert und seit 1963 wird ein
Zusammenhang zwischen dem Propheten und der Farbkonstellation Blau-Weiß
hergestellt, mithin die Vereinsfarben des Fußballvereins Schalke 04.“
Das ist erklärungsbedürftig. Deshalb muss Ucer weit in die
Traditionsgeschichte der Schalke-Hymne zurückgreifen: „Die Melodie bzw. der
Reim und der inhaltliche Aufbau des Vereinslieds gehen demnach auf die des viel
älteren Volkslieds ‚Grün ist Wald und Flur’ zurück. Das Volkslied geht wiederum
seinerseits auf ein Gedicht von Karl Ludwig von Wildungen aus dem Jahr 1797
zurück, so dass bis zum Jahr 1935 dieser Text die Grundlage für das heutige
Vereinslied bildete.“
Der ursprüngliche Text vor
1935 lautete folgendermaßen:
Grün ach Grün wie lieb
ich dich, wie lieb ich dich
süße Hoffnung ein
Trost für mich, Trost für mich
Grün ach Grün ist Wald
und Flur
Grün ist auch das
Festkleid der Natur
[…]
Mohammed war ein
Prophet
dieser liebt ein
Blumenbeet
und vor aller
Farbenpracht, Farbenpracht
hat er sich das holde
Grün wohl auserdacht.
Der „Kicker“, bis heute das Zentralorgan des vereinsmäßig
organisierten Fußballs hierzulande, wartete in seiner Ausgabe vom 18. Juni 1935
mit einer Version auf, die das Lied als Schalker Vereinshymne präsentiert
(angeblich ist es bereits seit 1924 Vereinshymne, dafür gibt es aber keine
Textbelege), in der aber jeder Hinweis auf Mohammed und dessen Farbenlehre
fehlt. Stattdessen finden sich dort folgende Verse:
Darum höret unser
letztes Wort
bleibt zusammen und
geht nicht fort
mag der ganze Platz
auch unter Wasser steh’n
der FCS 04 wird
niemals untergeh’n
Und wenn ich einst gestorben
bin
traget mich zum
Friedhof hin
doch mein allerletzter
Wunsch soll sein
wickelt mich in Blau
und Weiße Tücher ein
Es war der Musiker und Schalke-Fan Hans J. König, der um
1959 die ursprüngliche Mohammed- mit der sekundären Blau-Weiß-Variante zusammenbrachte
und so für den Clash of Civilisations im Schalke-Milieu sorgte. Seine neue
Fassung, die nun wieder den Propheten Mohammed in das Lied zurückholt, ließ er
sich 1963 mit einem Copywright versehen. Da just zu dieser Zeit erste türkische
„Gastarbeiter“ ins Ruhrgebiet einwanderten und mit zunehmender Häufigkeit
Heimspiele von Schalke besuchten, wäre eine gründlichere Analyse der Motive
Königs wünschenswert, als Ucer sie vorgenommen hat. Ucers Aussage, „Von Hans J.
König ist nicht bekannt, dass er in irgendeiner Form islamkritisch oder gar
feindlich gewesen ist“, wirkt auf heutige Islamisten, die überall mit
vorsätzlichen Beleidigungen rechnen müssen, nicht sehr glaubwürdig.
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