Impressum

 

Helmut Foth

Beethovenstraße 13, 67126 Hochdorf-Assenheim

 

Debatte um die Sühnopfertheologie

 

Christus als sühnender Märtyrer oder Gegenwart Gottes

Zur kontroversen Auslegung von Römer 3, 25

 

Gern erwidere ich Michael Behnkes gründliche Antwort (Pfälz. Pfarrerblatt Nr. 6/7 2009) auf meine ganz spezielle Interpretation des Schlüsselbegriffs „Christus als hilasterion“ in Röm 3, 25.

Ich teile selbstverständlich seine Ablehnung der mittelalterlich geprägten Sühnopfertheologie und empfinde eine gewisse Sympathie für seine so emphatisch vorgetragene Beschreibung der Freundschaft Gottes gegenüber der sündigen Menschheit.

Allerdings wollte ich – und dies bleibt ein grundsätzlicher Gegensatz – aufzeigen, dass Paulus mit der Metapher „Christus als hilasterion“ in Assoziation zum Yom Kippur (dem jüdischen Versöhnungstag) nicht von Sühne oder Sühnopfer spricht, sondern ausdrückt, dass den unbeschnittenen Christusgläubigen Zugang zur gnadenbringenden Gegenwart Gottes (hilasterion als Gnadenstuhl, der Abdeckung der Bundeslade im Allerheiligsten) ermöglicht ist und sie durch dieses Hinstellen des Christus als hilasterion Gottes Gerechtigkeit erfahren.

 

Neueste exegetische Literatur zu Röm 3,25

 

Gegen Michael Behnkes Interpretation des hilasterions als ein durch den Märtyrertod Jesu bewirktes Sündesühnen (wobei für ihn 4. Makk 17,22 als Bezugstext steht), sprechen neueste Datierungen des 4. Makkabäerbuches, die es deutlich nach Paulus gegen Ende des 1. Jh. ansetzen. Der Römerbriefkommentar von Ernst Käsemann (4. Aufl. 1980) ist zumindest an diesen zitierten Stellen von der aktuellen Apokryphenforschung überholt.[1] Der Bochumer Althistoriker und zuständige Mitherausgeber der LXX Deutsch, Prof. Wolfgang Orth, schrieb mir kürzlich zur Datierung von 4. Makk: „Die chronologischen Indizien sind recht schwach, vom Sprachgebrauch her wird man aber die Schrift eher an das 2. Jh.n.Chr. heranrücken. Frühdatierungen (d. h. ein Ansatz in die Jahrzehnte vor der Entstehung des Römerbriefs) werden heute kaum noch vertreten.“

 

Auch inhaltlich kann ich es mir nicht vorstellen, dass Paulus das Bild einer Sühneopferleistung jüdischer Märtyrer, die dem jüdischen Volk zugute kommt, auf Jesus überträgt, dessen Leben und Sterben dem Text nach gerade den Unbeschnittenen (!) ein Erweis der Gerechtigkeit Gottes bedeutet.

 

Als ich zu Beginn dieses Jahres meine Überlegungen zu Papier brachte, hatte ich nur Bernd Janowskis wegweisende Studie Sühne als Heilsgeschehen[2] die mir vor Jahren ein theologisches Schlüsselerlebnis beschert hatte, im Hinterkopf. Ansonsten war ich bemüht, Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich in Begegnung mit dem Judentum und seiner Festtheologie – wobei der Yom Kippur sicher herausragt – und eine gründliche Lektüre der Bücher Exodus und Levitikus in meine Paulusexegese einfließen zu lassen.

 

Nun bin ich aber – nicht zuletzt durch M. Behnkes erzwungene Lektüre neuester Paulusliteratur – davon überrascht worden, wie intensiv Röm 3,25 in den letzten Jahren in den Fokus neutestamentlicher und auch jüdischer Forschung geraten ist.

 

Stefan Schreiber, katholischer Neutestamentler in Münster, hat vor drei Jahren im schon erwähnten und jetzt auch leicht zugänglichen Aufsatz[3] die wichtigsten Auslegungsmöglichkeiten von ιλαστήριον dargelegt. Ich stimme seiner Deutung, es als Weihegeschenk zu lesen, nicht zu, weil dies sprachlich-metaphorisch zu „heidenchristlich“ assoziiert ist, was m.E. der Argumentationsabsicht des Paulus im Römerbrief auch auf seine bevorstehende Jerusalemreise und seinen Rechtfertigungsdruck gegenüber den dortigen judenchristlichen „Heiligen“ hin, nicht gerade förderlich erschiene. Die von Paulus verkündete und praktizierte Hineinnahme der Unbeschnittenen in den Gottesbund und in die Gemeinschaft Israels bleibt in frühchristlichen Gemeinden und erst recht in Jerusalem umstritten.

Wolfgang Kraus, der als wohl erster damit begann, das ιλαστήριον als Heiligtumsweihe bzw. Reinigung des Heiligtums und nicht als Sühne-(mittel) zu identifizieren[4] (was meiner Auslegung von Röm 3,25 nahe kommt), hat unlängst noch einmal sehr kompakt unter Einbeziehung der neuesten Literatur zum Thema ιλαστήριον aktuelle Forschungsergebnisse auf den Tisch gelegt. [5] Daraus einige Schlüsselgedanken:

 

Für sich genommen bedeutet das substantivisch gebrauchte ιλαστήριον nirgends sonst `Sühnopfer` oder `Sühnemittel`, ganz zu schweigen von `Sühnung` oder `Sühner` oder `Versöhnungsdenkmal`. Die Übersetzung durch `Sühne` weicht dem eigentlichen Interpretationsproblem aus. Die Endung -τήριον weist normalerweise auf lokalen Bezug hin“. [6]

 

Und in einer ganz neuen Untersuchung von Martin Vahrenhorst ist zu lesen: „Paulus – oder schon die vorpaulinische Tradition – deuten den Tod Jesu also als Tat Gottes, mit der Jesus als Ort der Gegenwart Gottes vorgestellt und eingesetzt wird. …Jesu Tod ist dabei kein Opfer für die Sünden“. [7]

 

M. Behnke schreibt: „Entsprechend der Ergebnisse der neueren neutestamentlichen Exegese übersetzt die revidierte Lutherbibel 1984 hilasterion mit Sühne. Was Helmut Foth als exegetischen Rückschritt bezeichnet, ist also in Wirklichkeit ein Fortschritt“ (S. 303).

 

M. Behnke hat sich leider mit Ernst Käsemann und Eduard Lohse keine geeigneten Gewährsmänner ausgesucht. Die Lutherbibel liegt mit ihrem Christus als „Sühnopfer“ (Revision 1964) und „Sühne“ (Revision 1984) eindeutig falsch. Dazu auch Stefan Schreiber:

 

Paulus benutzt nicht die Modelle >Sühnetod< oder >Opfer< zur Deutung. Diese scheinen damit überhaupt für die paulinische Theologie nicht wichtig. Eine Übersetzung, die auf den Begriff >Sühne< zurückgreift, ist unangemessen“. [8]

 

Im übrigen glaube ich, dass die angeblich zumeist „heidenchristliche Gemeinde in Rom“ (M. Behnke S. 303) die Begriffe hilasterion und kapporet besser verstanden hat als der von ihm zitierte Ernst Käsemann, der schreibt: „Jesus kann schließlich nicht gut die Opferstätte und das Opfer selbst sein.“ Dies beweist m.E. ein großes Unverständnis der Zusammenhänge von Levitikus 16. Jesus wurde nach Röm 3,25 als ιλαστήριον eingesetzt, nicht als Sühnopfer. Das kapporet ist weder Opfer noch Opferstätte.

 

 

Das Hilasterion und der Yom Kippur

 

Für W. Kraus ist unverrückbar festzuhalten:„Aufgrund der überwältigenden Zahl der Belege, an denen ιλαστήριον das Äquivalent für Kapporet darstellt, kann eine Interpretation von diesem Kontext nicht absehen. Damit wird Lev 16 … zum zentralen Prätext für Röm 3,25f und ein Bezug dieses Textes zu den Riten am Yom Kippur unabweisbar.“ [9]

 

Als absolut bahnbrechend zur Erhellung dieser Zusammenhänge gilt inzwischen die von der Jerusalemer Universität preisgekrönte Studie von Daniel Stökl Ben Ezra The Impact of Yom Kippur on Early Christianitiy. [10]

 

Er weist auf 383 Seiten nach, dass über eine lange Zeit bis ins 5. Jahrhundert der Yom Kippur als Versöhnungsfest von Christen gefeiert wurde. Seine Forschungen belegen in bislang nicht erreichter Detailarbeit, wie stark der Ideengehalt dieses jüdischen Festes für bedeutende Kirchenväter (z.B. Origenes von Alexandria) bei der Ausarbeitung einer eigenständigen christologischen Versöhnungslehre und Eucharistietheologie Pate gestanden hat und das Fest selbst eine nicht nachlassende Attraktivität in christlichen Mittelmeergemeinden bis hin nach Frankreich besaß.

 

Beide Religionen, Juden wie Christen, waren genötigt, nach der Tempelzerstörung Terminologien und Rituale zu entwickeln, die eine gelungene Antwort auf das große gemeinsame Problem der Sündenvergebung geben konnten. Dies geschah in ständiger semantischer, literarischer und liturgischer Anlehnung und Abstoßung, in punktueller Zuneigung und stärkster Konkurrenz. „Gesiegt“ haben dann letztlich christliche Kirchenstrategen, die an die Stelle des im Herbst gefeierten Yom Kippur andere Feste (z.B. das Fest der Kreuzerhöhung am 14. September) ansetzten.

 

Für Stökl ist es sogar wahrscheinlich, dass Paulus akzeptierte, dass Teile der römischen Gemeinde ihre Praxis der jüdischen Feste beibehielt: „It is inlikely that Paul´s statements in Romans 3:25-26 …imply a seccation of observance of Yom Kippur, since Paul praises the temple service und accepts that parts of the Roman community continue their observation of (Jewish) festivals“[11][i]

 

Besonders zentrale Erkenntnisse dieses Buches möchte ich hier hervorheben: Paulus Anspielung auf Christus als ιλαστήριον musste jedem, der mit der griechischen Thora (LXX) vertraut war, klar sein. Er unterscheidet bei seinen biblischen Argumentationen an keiner Stelle zwischen heidnischer und jüdischer Leserschaft.

 

Es ist schwer vorstellbar, dass griechisch sprechende Judenchristen bei dem Schlüsselwort hilasterion nicht sofort an Lev 16 und den Yom Kippur dachten. Jesu Einsetzung als hilasterion dient der Demonstration von Gottes Gerechtigkeit im eschatologischen Gericht, wobei beide der Glaube, die pistis verbindet. Daniel Stökl macht dabei klar, dass >Glaube< bei Paulus in gleicher Funktion verwendet wird, wie in den rabbinischen und Philos Auslegungen zum Yom Kippur der Begriff der >Buße<[12] . (Siehe dazu Röm 2, 4: Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße verleitet.)

 

Juden und Heiden gehen jedoch den ihnen gemäßen Weg, d.h. Judenchristen achten weiterhin dem Gesetz entsprechend den Yom Kippur, für die Heidenchristen – genauer gesagt Unbeschnittenen (auf diese terminologische Genauigkeit achtet Paulus in Röm 3,30 genau) [13] – ist mit Jesu Tod ein zusätzlicher (additional!) geistiger Yom Kippur geschenkt.

 

 

Paulus und seine Mission an den Unbeschnittenen

 

Sie, die Unbeschnittenen, die an Christus glauben, so möchte ich in Anlehnung an Stökl formulieren, werden mit ihren von Gott mit Toleranz (ανοχή) zurückgestellten Verfehlungen im eschatologischen Gericht[14] von Gott für gerecht erklärt. Das Christus-Hilasterion dient somit als ein Erweis der Gerechtigkeit Gottes. „Christus zur Rechten Gottes sitzend vertritt uns“ (Röm 8, 34b).

 

Stökl weist übrigens nach, dass die Idee der von Gott zurückgestellten Verfehlungen schon eine Rolle in zeitgenössischen rabbinischen Yom Kippur-Texten spielt und sich liturgisch bis heute in Gebeten erhalten hat. Es geht Paulus um die für ihn fundamentale Einsicht, dass Gott dem, der ihm vertraut/glaubt, gerecht wird, so wie er Abraham Gerechtigkeit erwies, als er noch unbeschnitten war (Röm 4,11).

Es war in der Zeit des Paulus keineswegs klar, ob die zum Christusglauben gekommenen Unbeschnittenen sich der Heils- und Vergebungsgewissheit im jüngsten Gericht sicher sein können. Sie gehören ja nach strenger Auslegung nicht zum Bund Gottes. Beschneidung heißt ja auch berit millah, ist das Bundes(eingliederungs)zeichen des Gottesvolkes. Luk 2, 22 als späterer Text erklärt noch seinen (heiden-)christlichen Lesern, wie wichtig es für eine jüdische Mutter mit ihrem beschnittenen Knaben war, ihn nach ihrer Zeit der Reinigung mit einer Opfergabe (ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben) zum Tempel zu bringen „auf dass sie ihn darstellten dem Herrn“. [15]

 

Prinzipiell gelten die Anweisungen von Lev 12 zur Eingliederung in die Gemeinschaft für die Säuglinge beiderlei Geschlechts.[16] Diese Eingliederung der Kinder und Wiedereingliederung der Mutter in den Bund Gottes und in die kultische Gemeinschaft Israels galt als ein absolut unverzichtbares Ritual für die jüdische Identitätsgewinnung.

 

Die unbeschnittenen „Heidenchristen“ und ihre Kinder durften sich zwar, von Paulus angestiftet, ihres Christusglaubens freuen, sie hatten somit konfessionellen Anteil an den Zusagen Israels, aber, so müssen wir annehmen, ihr völliges Hineingenommensein in den Bund Gottes konnte und wurde offensichtlich immer wieder angezweifelt, innerhalb der Gemeinde Roms, in anderen Paulusgemeinden und vor allem in Jerusalem.

 

Für mich liegt daher nahe, dass Paulus und seine thorageschulte Leserschaft[17] mit dem ιλαστήριον auch diese Assoziation, „Christus verbindet uns mit dem Heiligsten und nimmt uns in seine Bundesgemeinschaft auf“, auslösen wollte und konnte. Zum Ende des Römerbriefes erklärt er noch einmal, dass Christus ein Diener der Beschneidung geworden ist zum Erweis der Treue Gottes und dass die Völker Gott rühmen mögen wegen seines Erbarmens (Röm 15, 8ff); eine weitere Modulation seiner Kernbotschaft, die er mit vier Schriftbeweisen untermauert! [18]

 

 

Juden und Christen – Wege des Miteinanders und Auseinandergehens

 

Ich denke, diese neuesten Forschungsergebnisse, vor allem auch von jüdischer Seite vorangetrieben – die ich hier nur kurz skizzieren kann und in ihrer ganzen Fülle längst nicht überblicke –, ermöglichen Einsichten zu Gemeinsamkeiten, aber auch Differenzen von Juden und Christen, Judenchristen und Heidenchristen, beschnittenen und unbeschnittenen Christen im 1. Jahrhundert n. Chr. und noch lange darüber hinaus, mit denen wir uns erst einmal vertraut machen müssen. Zu holzschnittartig waren die Grenzziehungen unserer akademischen Lehrer und Lehrbücher. Sie nahmen theologisch-literarische Separierungen und polemische Unterscheidungen jüdischer und christlicher Autoritäten jener Zeit als tatsächlich gelebte religiöse Realitäten an. Neueste Forschungsergebnisse auch aus dem Bereich der Archäologie zwingen zu einer differenzierteren Wahrnehmung.

 

Z.B. lassen Graffiti in Aphrodisias in der heutigen Türkei auf ein buntes Bild von jüdisch-christlichem Zusammenleben und -feiern schließen. In Menorca leiteten Theodor und seine Verwandten im 5. Jahrhundert n. Chr. eine Gemeinschaft, in der Juden und Christen gelernt hatten zu koexistieren, zum Beispiel indem sie dieselbe eindringliche Schönheit ihrer gesungenen Psalmen teilten. In Mamre, dem Ort der Engel-Epiphanie Abrahams, feierten Juden, Christen und Pagane ein gemeinsames religiöses Fest, offenkundig bis ins 5. Jh. „Ohne die Macht der orthodoxen Kirche und der Rabbinen, Leute zu Häretikern und außerhalb des Systems zu erklären, blieb es unmöglich, phänomenologisch zu beschreiben, wer Jude und wer Christ war. [19]

 

Was sollten und können wir da erst recht zur Situation der Paulusgemeinden denken und fürwahr halten? Wie lebten, dachten, beteten sie wirklich? Was fühlten sie dabei? Wonach sehnten sie sich?

Kultur-, mentalitäts- und religionsgeschichtliche Entwicklungslinien von Juden und Christen in der Spätantike sind in der historischen Realität komplexer verlaufen, als uns bislang bekannt war. Theologische Texte bilden nicht automatisch tatsächlich religiöses Leben ab. Dies gilt für die antijüdische Polemik der Kirchenväter, sicher aber auch für die Adressaten der Paulusbriefe und in ganz besonderer Weise für die Judenchristen und unbeschnittenen „Heidenchristen“ in der Gemeinde Roms.

 

 

Zur römischen Gemeinde – heidenchristlich – judenchristlich?

 

M. Behnke behauptet, dass die neuere Exegese einmütig davon ausgehe, dass die römische Gemeinde zum überwiegenden Teil aus Heidenchristen bestand. „Warum sollte Paulus vor diesem Hintergrund auf ein Bild aus dem jüdisch-kultischen Bereich zurückgreifen? Konnte er wirklich davon ausgehen, dass die römischen Gemeindeglieder das `hilasterion` sachgemäß als `kapporeth` auslegten und es entsprechend der jüdisch-priesterlichen Tempelkulttheologie auszulegen wussten?“ (S. 303)

Dieser Schlussfolgerung möchte ich in mehrerer Hinsicht widersprechen.

 

1. Das vorpaulinische Christentum in Rom fasste zunächst in einer oder mehreren Synagogen Fuß. Die ersten Christen Roms sind Juden oder Gottesfürchtige. Daraus entstehen offene Streitigkeiten, die die Stadtbehörden veranlassen, Schlüsselfiguren der Unruhen auszuweisen: das sogenannte Claudiusedikt im Jahre 49 (siehe Apg 18,2) [20]. Als Paulus einige Jahre später seinen Brief schreibt, sind etliche der ausgewiesenen christusgläubigen Juden zurückgekehrt, die Mehrheit wird nun aus so genannten Heidenchristen bestehen, aber Paulus hebt einzelne ihm bekannte „Judenchristen“ hervor (Röm 16, 3f; 17,24). Der ganze Römerbrief ist gekennzeichnet von dem Miteinander von christusgläubigen Juden und „Heidenchristen“, die in verschiedenen Hausgemeinschaften leben.

 

Und Paulus hatte dort nicht nur Freunde, sondern auch Gegner. Für beide schreibt er den Brief. Dies erklärt doch erst seinen für uns nicht immer leicht nachzuvollziehenden Diskursstil. In Kapitel 14, das von Schwachen und Starken im Glauben handelt, geht es in Wirklichkeit um koscher und nichtkoscher, um noch jüdisch observante Essgewohnheiten und Tischgemeinschaften oder die freiere „Fleischversion“ und um die Einhaltung der jüdischen Festzeiten.

 

Die berühmten Kapitel 9-11 thematisieren jüdisch-christliche Spannungen und Überheblichkeiten, die vor Ort passieren. „…so rühme dich nicht wider die Zweige“ (Röm 11,18) wird den Heidenchristen gesagt und die Judenchristen in der Gewissheit ihrer Gottesverheißungen bestärkt. Dies alles und natürlich auch Kapitel 3 mit dem ιλαστήριον ist für Juden- und Heidenchristen geschrieben.

2. Natürlich sind beide Gruppen schriftkundig. Paulus, der theologisch inhaltlich als auch hermeneutisch im Spektrum frühjüdischer Schriftgelehrtheit zu sehen ist, zitiert ständig aus dem griechischen AT, beide Gruppen beweisen Vertrautheit mit der Schrift. In Röm 7,1 macht er ihnen Komplimente wegen ihrer Schrift-, genauer gesagt Thorakenntnisse! Und zu ihr gehört auch die Kenntnis des Buches Levitikus. Diese jüdische Lese- und Lernkultur hat sicher auch auf die unbeschnittenen Gottesfürchtigen abgefärbt, die sich konfessionell dem Judentum zugehörig fühlten und dann Hauptadressaten der frühchristlichen Missionare wurden. Das ganze Kapitel Römer 4 über Abraham als den großen Beweisträger für Gottes Segenskraft gegenüber einem Unbeschnittenen kann doch nur von Schriftkundigen verstanden werden.

 

3. Der Römerbrief zeigt aber auch die Ängste des Paulus, der wieder zurück nach Jerusalem reisen und die Kollekte der Heidenchristen den „Heiligen“ dort abliefern möchte. Wird sie angenommen werden, hält der im Apostelkonzil ausgehandelte Kompromiss? Er ahnt sogar die Lebensgefahr, in die er kommen könnte (Röm 15, 31a) und auf keinen Fall will er sein riskantes Missionsziel bis nach Spanien hin (Röm 15, 24a) verspielen. D.h. dass dieser Brief und seine ganz speziellen juden- heidenchristlichen Problemfelder und Polemiken auch in Richtung Jerusalem formuliert sind. „Insofern nimmt der Römerbrief die beim Kollektenbesuch des Paulus in Jerusalem zu leistende theologische Apologie seiner Missionsverkündigung lediglich vorweg“. [21]

Selbstverständlich konnten auch diese judenchristlichen Gegner der paulinischen Heidenmission etwas mit den Begriffen hilasterion/kapporet und ihrem Bedeutungsfeld anfangen.

 

 

Die Tragik des Paulus und unser heutiges Paulusbild

 

Alle diese Überlegungen werden letztlich von einem Gefühl der Tragik überschattet. Paulus mit seiner großartigen Vision der Gemeinschaft von jüdischen und nichtjüdischen Christusgläubigen hat sich nicht durchgesetzt. Er ist langfristig kirchlich gescheitert. Seine multikulturelle und -religiöse Offenheit musste später dogmatischen, politischen und ethnozentrischen Interessen weichen. Das Judenchristentum ist im Laufe der Kirchengeschichte verdrängt und schließlich eliminiert worden. Kirchenväter haben über die Zerstörung des Jerusalemer Tempels triumphiert, dessen Ordnungen Paulus noch heilig waren.

Der Paulus speziell von Röm 3 gehört nicht zu unserer Tradition. Ein Sühnedenken in unserem Sinne liegt ihm fern. Nach Gerd Theissen „war die Deutung des Todes als `Sühne’ –  auch im Sinn einer stellvertretenden `Ersatzleistung` in der Antike gerade kein Ärgernis, sondern `kulturkonform`.“[22] Seine zentralste Botschaft trifft nicht unsere kirchliche und religiöse Situation.

 

Luther, für den diese Texte zum Schlüsselerlebnis wurden und die Tür zur Reformation geöffnet hatten, schrieb und dachte in absoluter Ferne zur Synagoge. Trotz seiner grandiosen Übersetzungsarbeit der hebräischen Bibel hat er bekanntlich die rabbinische Schriftauslegung verachtet[23] und damit einer Exegese und Hermeneutik Bahn bereitet, die sich bis in unsere Generation bei der Auslegung alt- und neutestamtlicher Texte jüdischen Kommentatoren weitgehend verschließt. Dies hätte Paulus wehgetan.

 

Und wenn Luther auch wunderbar treffend die Wortschöpfung Gnadenthron bzw. Gnadenstuhl für hilasterion gelingt, hat er letztlich den ökumenischen Geist des Paulus nicht zu erfassen vermocht. Der befreiende Signalbegriff hilasterion/kapporet und seine für zeitgenössische juden- und heidenchristliche Augen und Ohren immenser Assoziationsreichtum ist heute verhallt. Er kann unmittelbar nicht mehr in unsere religiöse Situation sprechen.

 

Zumindest sollte die von Paulus vorgetragene Argumentation jegliche Begründungsversuche für eine christliche Judenmission heute zum Scheitern verurteilen. Und Markus Tiwald stellt am Ende seiner voluminösen Arbeit über Paulus u.a. folgende These auf, die von jedem, der sich um die Auslegung eines Paulustextes bemüht, ernst genommen werden sollte: „Damit haben alle jene wissenschaftlichen Meinungen in einem künftigen Diskurs über Paulus als obsolet zu gelten, die den Apostel bislang in einen `fundamentalen Gegensatz zur Predigt der Synagoge und ihrer Schriftauslegung` zu setzen versuchten“. [24]

 

1995 hatte unsere Landessynode mit überwältigender Mehrheit folgender Verfassungsergänzung zugestimmt: „Durch ihren Herrn Jesus Christus weiß sie sich hineingenommen in die Verheißungsgeschichte seines ersterwählten Volkes – zum Heil für alle Menschen.“

 

Eine aktualisierte Variation von Röm 3,25, die den Sinn dieses Paulusverses vortrefflich erfasst hat.

1 Siehe Stefan Schreiber, Das Weihegeschenk Gottes. Eine Deutung des Todes Jesu in Röm 3,25, in: ZNW 97 (2006), S. 98, mit Verweis auf H. J. Klauck, 4. Makkabäerbuch, Gütersloh, 1989

2 Jetzt in 2. erweiterter Auflage Neukirchen-Vluyn, 2002

3 http://egora.uni-muenster.de/fb2/zrnt/Text_6_(Schreiber).pdf

4 Wolfgang Kraus, Der Tod Jesu als Heiligtumsweihe. Eine Untersuchung zum Umfeld der Sühnevorstellung in Röm 3, 25-26a (WMANT 66), Neukirchen-Vluyn, 1991

5 Wolfgang Kraus, Der Erweis der Gerechtigkeit Gottes im Tod Jesu nach Röm 3,21-26, in: L. Doering/ H.-G. Waubke/ F. Wilk (Hg), Neutestamentliche Wissenschaft und Judaistik. Standorte-Grenzen-Beziehungen (FRLANT), Göttingen, 2008

6 ebd. S. 201

7 Martin Vahrenhorst, Kultische Sprache in den Paulusbriefen, Tübingen 2008, S. 272

8 Schreiber, S 109

9 Kraus (2008), S. 205f

10Daniel Stökl Ben Ezra, The Impact if Yom Kippur on Early Christianity. The Day of Atonement from Second Temple Judaism to the Fifth Century (WUNT 163) Tübingen, 2002

11 ebd. S.331

12 ebd. S. 201

13 Die Lutherbibel (1984) spricht hier ungenau von Juden und Heiden, die Bibel in Gerechter Sprache ist an dieser Stelle etwas genauer

14 Der Gerichtsgedanke ist im Kontext mit Röm 2 eindeutig

15 Übrigens lässt Lukas den Simeon wenige Verse später sprechen: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volkes Israel" (Lk 2, 30-32). Die Apostelgeschichte des Lukas ist eine große Nacherzählung dieser paulinischen Missionstheologie. Es scheint mir kein Zufall, dass die Endredaktoren des NT- Kanons den Römerbrief in unmittelbarem Anschluss an die Apostelgeschichte einfügten. Historisch gesehen ist er eigentlich die letzte Paulusschrift, aber inhaltlich hat er seinen richtigen Platz bekommen.

16 Für die genauere Einsicht in diese Zusammenhänge und die Bedeutung des Buches Levitikus bin ich unserer jungen ehemaligen Kollegin Dorothea Erbele-Küster (sie ist jetzt Dozentin und Professorin für AT in Belgien und Holland) und ihrem Buch „Körper und Geschlecht. Studien zur Anthropologie von Leviticus 12 und 15", Neukirchen-Vluyn, 2008, sehr dankbar. D. Erbele-Küster geht auf S. 96f kurz, aber sehr erhellend auf den paulinischen Beschneidungsdiskurs ein.

17 D. Erbele-Küster zeigt die große Bedeutung des Buches Levitikus schon für das antike Diasporajudentum. Es ist ein Lesebuch, wie der rhetorische und literarische Charakter der Texte deutlich macht und keine priestertheologische Schrift!

18 Siehe speziell zum Kontext und zur Auslegung dieser Stelle: Klaus Wengst, Ostern. Ein wirkliches Gleichnis, eine wahre Geschichte, München (KT 97), 1991

19 Daniel Boyarin, Als Christen noch Juden waren. Überlegungen zu den jüdisch-christlichen Ursprüngen, in: Kirche und Israel, 16. Jahrgang (2001) Heft 1, S. 124. Leider sind die Bücher dieses bedeutenden jüdischen Harvard- und Berkeley-Professors über Paulus und das Juden-Christentum der Spätantike noch nicht in Deutsch erschienen.

20 Peter Lampe, Die stadtrömischen Christen in den ersten beiden Jahrhunderten, Bern 1989, zitiert bei Horst Robert Balz, TRE (Band 29) [Artikel Römerbrief], 1998, S. 295

21 Balz, TRE (Band 29), S. 297

22 Zitat bei Kraus, Der Erweis der Gerechtigkeit, S. 192

23 „Aber dies stück ist den blinden, verstockten Jüden viel zu hoch. Und wenn du mit ihnen solltest reden, So were es eben, als wenn du fur einer Saw das Euangelium predigetest. Sie können nicht wissen, was Gottes gebot sey, schweige das sie wissen sollten, wie es zu halten sey." Martin Luther [Von den Juden und ihren Lügen] WA 53, S. 444

24 Markus Tiwald, Hebräer von Hebräern. Paulus auf dem Hintergrund frühjüdischer Argumentation und biblischer Interpretation, Freiburg - Basel - Wien, 2008, S. 454 . M. Tiwald sagt dies gegen Udo Schnelles neue Monographie „Paulus - Leben und Denken", Berlin 2003, die Paulus in fundamentalem Gegensatz zur Predigt der Synagoge und ihrer Schriftauslegung sieht.

 

 


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