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Prof. Dr. Kristian Fechtner

FB Evangelische Theologie, Saarstraße 21, 55099 Mainz

 

Den Toten Raum geben

Theologische Bemerkungen zur gegenwärtigen Bestattungskultur[1]

 

1. Zur Eröffnung

 

Im Folgenden habe ich die Aufgabe übernommen, theologische Überlegungen zur gegenwärtigen Bestattungskultur beizutragen. Gleichwohl beginne ich mit einer Bemerkung eines Kulturwissenschaftlers. Thomas Macho hat auf einen schlichten, jedoch wesentlichen Sachverhalt hingewiesen: Die Gemeinsamkeit aller Todesfälle sei darin zu sehen, dass ein Mensch nicht verschwindet, wenn er stirbt. Vielmehr: Der tote Mensch „bleibt“, als Leichnam nämlich. Er bleibt als derselbe Mensch da, nur eben als ein anderer, als Toter. Das Gemeinsame aller Todesfälle, so Macho, liege weiterhin darin, dass dieser Bleibende, der Verstorbene also, nicht dauert, sondern sich wiederum verändert, uns auch als ein Verstorbener nicht bleibt.

 

Nimmt man beides zusammen – der Tod heißt nicht, dass ein Mensch weg ist und der Tod heißt zugleich, dass uns kein verstorbener Mensch bleibt –, dann hat das Konsequenzen. Bestattung ist kulturell gesehen eine handgreifliche Aufgabe. Sie gibt es nur in der Gemeinschaft der Lebenden mit den Toten – niemand kann sich selbst bestatten. Sie ist auch ein symbolischer Akt, d.h. Bestattung ein Geschehen, das mit Deutungen und Bedeutungen aufgeladen ist. Aber Bestattung ist eben nicht die symbolische Deutung eines Abschieds, der so oder so geschieht. Sie hat vielmehr selbst diesen Abschied und diesen Übergang zu vollbringen und zu vollziehen. In der Bestattung (in welcher Gestalt auch immer) gilt es, die Toten in den Abschied zu geben, um von ihnen Abschied zu nehmen. Abschied geben, nicht nur Abschied nehmen. Wenn es stimmt, wie Jan Assmann einmal vermerkt hat, „dass alle Kultur ihr Zentrum im Problem der Sterblichkeit hat“, dann kommt diesem Moment des Abschied-Gebens essentiell Bedeutung zu. Meine gewissermaßen kulturethische Voraussetzung lautet: Es sind die Toten, die den Weiterlebenden und ihrer Kultur unabweisbar abfordern, dass sie bestattet werden. Das scheint mir gleichsam der kategorische Imperativ einer humanen Kultur zu sein.

 

 

2. Umbrüche der kirchlichen Kasualkultur

 

Auch im spät-volkskirchlichen Christentum unserer Tage ist die Teilhabe an den Kasualien ein wesentliches Moment gelebter Kirchlichkeit. Zugleich lassen sich in diesem Feld Wandlungen und Umbrüche erkennen; drei Aspekte sollen herausgestrichen werden:

 

(1) Subjektivierung der Kasualien

Die Kasualien verlieren ihren selbstverständlichen Charakter, sie werden – jedenfalls in bestimmten Milieus – begründungspflichtig und optional. Auch der Bereich der Bestattung unterliegt mehr und mehr Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch Entscheidungszwängen: Erd‑ oder Urnenbestattung, an welchem Ort, öffentlich oder privat, welchen Charakter soll der Abschied haben? Verstärkt werden subjektive Gestaltungswünsche im Blick auf die Trauerfeiern artikuliert, mittlerweile klassisch sind insbesondere Auseinandersetzung um die Musik: Was kann und was darf nicht sein?

 

(2) Konkurrenzen

Die Kirche hat ihr „Ritenmonopol“ auch im Bereich von Sterben und Tod verloren. Mittlerweile haben sich nicht-kirchliche Beerdigungsredner etabliert und frei Ritualgestalterinnen und Trauerbegleiter bieten eigens und z.T. sehr persönlich gestaltete Trauerfeiern an. Hinzu kommt, dass sich neue Bestattungsunternehmen als integrale Trauerinstitute verstehen, die in eigenen Abschiedsräumen selbst Feiern ausrichten und seelsorgliche Aufgaben übernehmen. Allerdings zeigt sich, dass in vielen Fällen weltliche Bestattungen keine Alternativen zur kirchlichen Bestattung, sondern eher säkularisierte Variationen derselben darstellen. Die Alternative zum  christlichen Begräbnis besteht eher darin – und dies ist die eigentliche Herausforderung –, dass auf eine Trauerfeier gänzlich verzichtet wird und eine anonyme Bestattung erfolgt.

 

(3) Ambivalente Situation von Traditionsabbrüchen und Neugestaltungen

Kirche und Theologie hat vornehmlich die Verluste traditioneller Trauerrituale in der Moderne verzeichnet und beklagt. Dies reicht von der Trauerkleidung, die höchstens noch im dörflichen Kontext praktiziert wird, bis hin zu selbstverständlichen nachbarschaftlichen Verhaltensweisen im Trauerfall. Auf der anderen Seite aber entwickeln sich durchaus Momente einer neuen Abschieds- und Erinnerungskultur, neue Bestattungsorte und Bestattungsformen entstehen, die sich einleben. Die Spätmoderne ist auch im Feld der Bestattung ritualproduktiv und – möglicherweise – traditionsbildend. Beides, Traditionsabbrüche und Neugestaltungen, gilt es sorgsam wahrzunehmen.

 

 

3. Theologische Perspektiven der kirchlichen Bestattung

 

Die christliche Gemeinde gibt ihre Toten in einer gottesdienstlichen Feier in den Abschied. Die Mitte einer christlichen Kultur bildet also ein gemeinschaftlicher liturgischer Akt. Das scheint mir zunächst das Charakteristische. Das Begräbnis ist keine Privatangelegenheit. Von alters her gehört die Bestattung der Toten zu den Werken der Barmherzigkeit, es ist ein Liebesdienst, also im elementaren Sinne diakonia. Bereits Augustin betont, dass der Tote als Glied der „christiana et catholica societas“ (als Glied der christlichen Gemeinschaft) verstirbt. Dies gilt m.E. unbeschadet dessen, dass in der Geschichte des Christentums beileibe nicht jeder Verstorbene ein individuelles Begräbnis erhalten hat und dass bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hierzulande viele Verstorbene nächtens ohne gottesdienstliche Feier bestattet wurden. Die gottesdienstliche Feier und der liturgische Akt der Bestattung stehen für drei Kennzeichen eines christlichen Umgangs mit dem Tod und mit den Toten. Zusammen bilden sie drei wesentliche theologische Momente:

 

(1) Jede Bestattung begeht und vollzieht einen Übergang aus der Sphäre des Lebens in den Bereich des Todes. Bestattungen sind, in welcher Gestalt auch immer, Übergangsrituale. In der rituellen Dramaturgie geht es um drei Schritte: um Trennung, um einen Akt der Umwandlung und um Eingliederung in einen neuen Zustand. Ich will und kann das kulturanthropologische Modell der Übergangsriten (Rites de Passage) nicht eingehender verfolgen, sondern will mich theologisch konzentrieren. Das Übergangsgeschehen der christlichen Bestattung ist ein religiös qualifiziertes Ritual. Es gründet biblisch im Wort Jesu: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25). Der Tod ist hier in eine besondere Perspektive gerückt, er wird gleichsam als ein „Tor zum Leben“ verstanden – in welchen religiösen Sinnbildern und Metaphern sich dieser Glaube dann auch immer auszusprechen vermag. Man kann auch sagen: Der Übergang vom Leben in den Tod erscheint hier auch als ein Übergang vom Leben ins Leben. Dies gilt im Blick auf den Toten, der „überführt“ wird, und dies gilt zugleich für die Gemeinde, die – so Gott will – als Trauergemeinde zur tröstenden und getrösteten Gemeinde wird. In diesem Sinne Übergang, das ist das erste Zeichen.

 

(2) Daraus resultiert ein zweites Signum. Die kirchliche Bestattung gestaltet einen liturgischen Weg, der begangen wird, d.h. von den Lebenden mitgegangen wird. Das „Mitgehen“, das Weggeleit also, ist das zweite Kennzeichen. Die Bestattung ist eine Prozession – die einzige im Übrigen, die im evangelischen Bereich noch praktiziert wird, wenn sie denn praktiziert wird. In diesem Weggeleit kommen mehrere Momente zum Ausdruck: Der liturgische Weg führt den Verstorbenen aus der Gemeinschaft der Lebenden heraus. Der Weg ist ein Akt der Trennung. Dass die Hinterbliebenen dem Sarg oder der Urne auf diesem letzten Gang folgen, macht sinnenfällig, dass jede/r über kurz oder lang dem Verstorbenen in den Tod folgen wird. Leben ist Frist. Der Weg führt aber nicht in Nichts, sondern zu einem konkreten Ort, der künftigen Ruhestätte des Toten. Dies gilt theologisch zugleich auch auf einer zweiten Ebene. Der Weg führt in eine Gemeinschaft Gottes hinein, die Lebende und Tote umgreift. Er hält in Beziehung. „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn“ (Röm 14,8). Gegen manche protestantische Einwände ist es m.E. deshalb zulässig und angemessen, dass eben auch diejenige gesegnet wird, von der Abschied genommen wird.

 

(3) Daraus ergibt sich ein drittes Moment. Die christliche Bestattung ist nicht nur ein Übergangsritual. Sie ist auch ein Übergabe-Ritual. Dies hängt unmittelbar mit dem zusammen, was ich in meiner einstimmenden kulturanthropologischen Bemerkung angeführt habe: Es geht nicht nur darum, Abschied zu nehmen, sondern auch und wesentlich darum, Abschied zu geben. Wohin geben wir unsere Toten? Das religiöse Leitmotiv einer kirchlichen Bestattung verdichtet sich homiletisch und liturgisch in den Worten: „Wir legen N.N. in die Hände Gottes“ (vgl. Agenden). In der kirchlichen Bestattung übergeben wir unsere Toten in Bitte, in Klage und in Dank. In diesem Übergabe-Akt handelt die christliche Gemeinde an der Grenze, über die hinaus keine menschliche Handlung reicht. Sie nimmt die Toten fürbittend ins Gebet des Psalmisten: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott“ (Ps 31,6)

 

Übergang – Weggeleit – Übergabe: In diesen drei Momenten erschließt sich für mich der spezifisch theologische Charakter einer kirchlich verantworteten Bestattung.

 

Was mir dabei wichtig ist: Die theologischen Deutungen sind nichts, was wir zu einer Bestattung gleichsam dazudenken oder dazuglauben. Vielmehr gilt: Die theologischen Deutungen und die religiösen Vorstellungen stecken in den Formen unserer Bestattungspraxis, also: sie stecken in den rituellen Formen, die wir gestalten; und sie stecken in den Worten, die gesprochen werden; und sie stecken in den Gesten der Pfarrerin und der Gemeinde; und sie stecken in dem Ort, der aufgesucht wird. Alle diese Gestaltungsfragen sind also nicht etwas Äußerliches. Nach der Bedeutung einer kirchlichen Bestattung zu fragen heißt deshalb danach zu fragen: Wie gestaltet sich heute Bestattung und wie verändert sich heute die Bestattungskultur. Ich will deshalb im Folgenden vier Punkte aufgreifen, die mir aus praktisch-theologischer Perspektive besonders wichtig erscheinen.

 

 

4. Tendenzen und Herausforderungen zeitgenössischer Bestattungskultur in theologischer Perspektive

 

(1) Bürgerlich-protestantische Bestattungskultur: Individuelle Lebensgeschichte  und Verdrängung der Toten

Mein erster Punkt betrifft zwei widerstreitende Aspekte, die insgesamt die bürgerlich-protestantische Bestattungskultur in der Moderne prägen:

Die eine Seite ist: Bestattung bedeutet Abschied zu nehmen von einer konkreten Person in ihrer je individuellen Lebensgeschichte. Die Trauerfeier steht in einem lebensgeschichtlichen Zusammenhang. Abschied wird in der Moderne als individueller Abschied wahrgenommen. Das heißt nicht, dass jede Bestattung ganz individuell gestaltet sein muss. Aber es soll zum Ausdruck kommen, dass hier ein bestimmtes, ein persönlich gelebtes Leben zu Ende gegangen ist. Dieser individuell-biographische Aspekt ist auch theologisch geboten. Er hält fest, dass es vor Gott um den unverwechselbar und unvertretbar Einzelnen geht und dass es auf jeden Einzelnen ankommt – auch und gerade wenn dies die gesellschaftlichen Funktionsmechanismen permanent bestreiten. Dass Leben und Tod etwas Individuelles sind, das ist ein wesentliches Moment unserer ererbten Bestattungskultur.

 

Dazu gibt es aber auch noch eine andere Seite: Es gehört zum Allgemeinwissen, im Blick auf die Moderne von einer „Verdrängung des Todes“ zu sprechen. Ich halte mittlerweile nicht mehr viel von dieser These, sie scheint mir viel zu ungenau. Zu konstatieren ist aber m.E. so etwas wie eine „Verdrängung der Toten“. Der Umgang mit den Toten wird in der Moderne mehr und mehr in professionelle Hände gelegt. Und das heißt: Die Toten geraten buchstäblich aus dem Blick, sie werden gleichsam unberührbar. Tod heißt: Verzicht auf jeden Kontakt. An dieser Entwicklung hat der Protestantismus erhebliche Anteile. In scharfer Abgrenzung zu jeder Form des Totenkultes hat die Reformation die Trauerfeier als eine Feier verstanden, die sich nurmehr an die Lebenden richtet. Gottesdienstliche Elemente, die sich gestisch und symbolisch auf den Toten beziehen, sind im Protestantismus zurückgebaut worden (Segen, Erdwurf). Zugespitzt kann man sagen: Die kirchliche Bestattung kann, überspitzt gesagt, als ein Geschehen verstanden und auch erlebt werden, das buchstäblich von den Toten absehen kann, im Grunde ohne sie stattfinden kann.

 

Ich beobachte nun, dass sich an manchen Stellen gegenwärtiger Bestattungskultur gerade in dieser Hinsicht Veränderungen zeigen. Es geht darum, sich sinnlich-konkret und symbolisch-rituell den Toten zuzuwenden. Das ist kein flächendeckendes Phänomen. Aber: Es gibt z.B. ein neues Interesse an Abschiedsräumen, etwa in Krankenhäusern. Die Hospizbewegung hat einiges dazu beigetragen, dass Kontakt und Berührung im Sterben und nach dem Tod wieder möglich werden. Dazu gehört auch die mittlerweile breite Palette von alternativen Bestattungsunternehmen, die andere Räume schaffen, in denen Angehörige ihren Toten begegnen können. Ich würde diese etwas disparate Zusammenstellung als Zeichen werten. Ich erhoffe mir in diese Richtung weitere kirchliche Anstöße.

 

(2) Dramaturgie der Bestattung

Der Begriff der Dramaturgie ist in unserem Zusammenhang missverständlich, aber praktisch-theologisch gebräuchlich. Dramaturgie meint nicht: Alles Theater. Es bezeichnet vielmehr die innere symbolische Logik eines Handlungsverlaufes, hier also all dessen, was zusammenhängend in einer Bestattung geschieht.

 

Eine der zentralen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten besteht darin, dass der Wege-Charakter der kirchlichen Bestattung immer undeutlicher wird. Traditionell ist der Weg des christlichen Begräbnisses durch drei Stationen markiert: Sterbehaus (als Ort der Aussegnung) – Friedhofskapelle (als Ort der Trauerfeier) – Grab (als Ort der Grablegung). Dieser Weg hat sich zunächst tendenziell auf zwei Stationen verkürzt, jedenfalls im städtischen Kontext ist die Aussegnung zu einem Sonderfall geworden. In den letzten Jahren wird nun die Urnenbestattung mehr und mehr zum Normalfall einer kirchlichen Bestattung. Damit wird auch der Gang zum Grab aus der Trauerfeier gelöst. Er erscheint nicht mehr als Geleit, sondern wird gleichsam zu einem privaten Nachgang zu einem späteren Zeitpunkt.

 

Über die Urnenbestattung und ihre Konsequenzen wäre praktisch-theologisch sehr viel eingehender zu sprechen. Ich will in unserem Zusammenhang lediglich auf einen Punkt abheben, der für unsere gegenwärtige Bestattungskultur von erheblicher Tragweite ist. Es gibt eine klassische Polarität des bürgerlich-christlichen Abschieds: Der Intimität des Sterbens steht der öffentliche Charakter der Bestattung gegenüber. Kulturgeschichtlich müsste man dies vermutlich etwas genauer differenzieren. Wichtig ist aber: Das Sterbezimmer ist ein familiärer und privater Raum, der Abschied jedoch bewegt sich traditionell im öffentlichen Raum. Wir erleben heute nun im Grunde eine Umkehrung: Das Sterben ist in hohem Maße in die Sphäre öffentlicher Institutionen verlagert worden, in Krankenhäuser und Heime. Und gleichzeitig wird die Abschieds‑ und Bestattungskultur sukzessive privatisiert: Der Verstorbene wird im engsten Familienkreis beigesetzt, von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen und so fort.

 

In der Debatte um die jüngste Neufassung von Bestattungsgesetzen spielt das Stichwort „Privatisierung“ eine entscheidende Rolle. Dazu gehören etwa Bestrebungen, die Bestattungspflicht aufzuheben und Urnen den Angehörigen zu übereignen. Die immer wieder geäußerte Sorge, damit werde dann Schindluder getrieben, teile ich nicht. Das Problem erscheint mir viel grundsätzlicher. Der Tod wird konsequent zu einer Privatangelegenheit erklärt und der Tote wird der privaten Verfügungsgewalt der Weiterlebenden ausgeliefert. Wenn nach christlichem Verständnis die Mitte der Abschieds‑ und Bestattungskultur ein Gottesdienst ist, dann wird dieser Vorstellung – Tod ist Privatangelegenheit – widersprochen. Die Gemeinde, manchmal auch nur die Pfarrerin, wenn sich ansonsten niemand einstellt, stehen dafür, dass der Tod eben auch eine öffentliche Angelegenheit ist. Bezeugt wird: Der Tod dieses konkreten Menschen betrifft das Gemeinwesen. Er schlägt auch eine Wunde im Gemeinwesen. Und der Umgang mit dem Tod ist dementsprechend auch eine Sache des Gemeinwesens. Dass das Menschen auch heute so empfinden, wird immer dann besonders deutlich, wenn öffentliche Todesfälle betrauert werden – von Lady Di bis zu (den Toten von) Eschede. Es ist m.E. eine gemeinschaftliche Aufgabe, an der sich insbesondere die Kirchen zu beteiligen haben, den öffentlichen Charakter des Todes als Bestattungskultur zu pflegen.

 

(3) Die Örtlichkeit der Toten

Dasein bedeutet, einen Ort zu haben. Menschen einen Ort zu verweigern ist gleichsam Existenzverweigerung. Die christliche Bestattungskultur hat immer eine Verortung der Toten beinhaltet, ob in antiken Katakomben, mittelalterlichen Kirchhöfen oder modernen Friedhöfen. Wo Bestattung als Weg gestaltet und begriffen ist, da führt sie unabweisbar zu einem konkreten Ort – wo immer dieser auch gelegen sein mag. Die Verortung der Toten speist sich aus zwei elementaren Motiven:

 

a) Tote beanspruchen einen Raum. Kulturpsychologisch ist von alters her die Ortlosigkeit des Toten eine beängstigende Vorstellung gewesen. De-Lokalisierung der Toten wird heute z.T. anders erlebt – man denke an die Zunahme von Seebestattungen oder das Ausstreuen der Asche. Noch die anonyme Bestattung in einem Urnenfeld aber schafft einen konkreten Ort, wobei nicht von ungefähr die genaue Totenstätte auch der anonymen Urne in den Büchern präzise festgehalten wird. Gleichwohl: Die definitive Ortsbindung der Toten wird heute gelockert. Am weitesten gehen dabei die etwas spektakulär anmutenden Weltraumbestattungen, die es ja tatsächlich gibt. Man kann sie auch als Versuch lesen, die Toten und damit den Tod gänzlich aus unserem menschlich zugänglichen Lebensraum auszuschließen. Tote beanspruchen einen Raum. Das ist das eine Motiv der Verortung. Das zweite ist:

 

b) Erinnerung bedarf Orte der Erinnerung. Die christlich-bürgerliche Bestattungstradition hat Abschied und Erinnerung eng miteinander verflochten. Dass dieser Zusammenhang wichtig ist, ist in den letzten Jahren noch einmal besonders ins Bewusstsein gekommen. Für früh‑ und totgeborene Kinder sind eigene Ruhestätten auf vielen Friedhöfen angelegt worden, damit Eltern einen Ort der Trauer und der Erinnerung haben. Und manche Angehörige, die zunächst in eine anonyme Bestattung eingewilligt haben, spüren erst im Nachhinein, wie ihnen ein konkreter Erinnerungsort fehlt. Insgesamt: Die Toten brauchen einen Ort, der Tod braucht eine Ortsangabe.

Was es mit der konkreten Örtlichkeit auf sich hat, will ich knapp an der gegenwärtigen Diskussion um Friedhof und Friedwald als unterschiedliche Bestattungsorte skizzieren. Das klassische Prinzip des Friedhofs ist, so zeigt Thomas Klie, dasjenige des „umgrenzten Raumes“. Der Friedhof zieht eine Grenze – und zwar nach außen wie nach innen. Nach außen unterscheidet er die Welt der Lebenden und die Sphäre der Toten. Beides wird bewusst nicht in eins gesetzt. Es geht um die Begrenzung des Todes und um ein bewusst wahrgenommenes Distanzbedürfnis. Zugleich betreten die Lebenden auch die Sphäre der Toten, die Grenze ist (in diese Richtung) nicht verschlossen. Die Lebenden sind Gäste, Besucher/innen ihrer Toten. Im Inneren dieser Begrenzung gibt es eigene Beziehungsformen und eigene Themen – eine besondere Form des Gestimmt-Seins. Auch das gehört zu dieser Grenze. Der Friedhof liegt – das kennzeichnet ihn topographisch – außen vor und zugleich in nächster Nähe.

 

Die neu eingerichteten Friedwälder, deren Zahl gegenwärtig rasch wächst, haben gegenüber den modernen Friedhofsanlagen ihre eigene Anmutung. Urnen in dafür ausgewiesenen Waldstücken im Wurzelwerk von Bäumen beizusetzen (sog. Familien‑ oder Gemeinschaftsbäume), ist heute für viele Menschen eine Vorstellung und auch eine Praxis, für die sie sich erwärmen. Zu Recht scheint mir die anfänglich harsche Kritik und Ablehnung von kirchlicher Seite einer sensibleren und differenzierteren Betrachtung gewichen. Sicherlich: Im Konzept des Friedwaldes artikuliert sich auch eine Form der „Naturreligiosität“, die durchaus kritisch betrachtet werden kann. Gleichwohl ist solche Naturreligiosität der Geschichte des Christentums keineswegs fremd. Außerdem ist gelebtes Christentum nie frei von Synkretismen und eigensinnigen religiösen Vorstellungen gewesen, die sich der kirchlichen Theologie nicht ohne weiteres fügen.

 

Dass die christliche Gemeinde ihre Toten nur in den abgezirkelten Reihengräbern gegenwärtiger Friedhofskultur, nicht aber in den Naturflächen eines Waldes zur Ruhe betten und in die Hände Gottes legen kann, will mir nicht einleuchten. Dass die Bayrische Landeskirche auf dem Schwanberg einen eigenen christlichen Friedwald eröffnet hat, empfinde ich als einen ganz angemessenen Versuch. Es muss m.E. darum gehen, auch hier an der Erneuerung und Intensivierung der Bestattungskultur mitzuwirken. Aus theologischer Perspektive sind zwei Dinge wesentlich: Zum einen ist genau zu schauen, wie in dieser anderen Örtlichkeit der gottesdienstliche Akt Bestattung zur Geltung kommt und Gestalt gewinnt. Der neuralgische Punkt der Friedwald-Konzeption ist m.E. aber die Frage: Welche Grenzen werden gezogen? Welche Grenzen werden verwischt? Die Vorstellungen, die sich mit dem Friedwald verbinden, ziehen eine scharfe Grenze zwischen Kultur und Natur.

 

Der Tod wird gleichsam in die „reine“ Natur ausgegliedert und in dessen natürlichen Kreislauf. Der christliche Glaube kann sich aber nicht in den Tod als einer Naturgegebenheit einfinden, er tritt dessen verletzender Macht immer auch entgegen. Zugleich verwischt der Friedwald die Grenze zwischen der Sphäre der Lebenden und derjenigen der Toten. Von seiner Anlage her soll der Friedwald ausdrücklich kein ausgesondertes und begrenztes Waldstück sein, sondern ein offenes. Das halte ich für einen problematischen Punkt: keinen Unterschied zu machen zwischen Waldspaziergang und Besuch der Toten. Der Tod ist Teil des Lebens und er ist die Negation des Lebens. Wer das zweite Moment ausblendet, verfällt einer Illusion. Ich denke, dass Kirche sich an der Konzeption und Praxis neuer Bestattungsorte jenseits der städtischen oder dörflichen Friedhofsanlagen aktiv beteiligen sollte. Vielleicht wären dies auf kirchlicher Seite aber keine Friedwälder, sondern gestaltete und v.a. umgrenzte „Waldfriedstätten“.

 

(4) Anonymisierung der Verstorbenen

Die anonyme Bestattung ist diejenige Form, die insbesondere in den urbanen Zentren in den letzten Jahren am stärksten anwächst. Sie führt uns an die Grenze unserer angestammten Bestattungskultur. Historisch gesehen ist sie allerdings alles andere als ein Novum. Sie erscheint vielmehr als eine Zeitschleife in eine vorbürgerliche Praxis, in der die Toten keinen Namen haben. In gewisser Weise radikalisiert sie den Grundzug moderner Bestattungskultur. Die Verstorbene wird noch aus den sozialen Beziehungen herausgelöst, die unauflöslich mit ihrem Namen verbunden sind. Man kann auch sagen: Die anonyme Bestattung ist die auf die Spitze getriebene Individualisierung: Der Abschied wird nicht mehr als ein soziales Geschehen begangen, jede Form der Erinnerung wird unterbunden. Allerdings stehen wir m.E. praktisch-theologisch noch am Anfang einer Auseinandersetzung mit einer Bestattung, die die Toten namenlos macht. Z.B. ist – was ihre Bedeutung angeht – vermutlich zwischen einer von außen sozial auferlegten Anonymisierung und einer von den Verstorbenen verfügten Selbst-Anonymisierung zu unterscheiden. Man wird genau schauen müssen, welche Anliegen, welche Bedürfnisse, welche Vorstellungen sich darin jeweils artikulieren – wer da mit wem ungemessen oder unangemessen umgeht.

 

Aus theologischer Sicht ist die Bewertung m.E. gar nicht so einfach. Es könnte ja sein, dass es ausreicht zu wissen, dass unsere Namen „im Himmel geschrieben sind“ (Lk 10,20), d.h. wenn sie im „Buch des Lebens“ (Off 3,5) verzeichnet sind, dann mögen sich Inschriften auf irdischen Grabsteinen erübrigen. Im Ersten und im Letzten ist es eben nicht das Gedächtnis der Hinterbliebenen, in denen Menschen gegen das Vergessen aufgehoben bleiben. Jede menschliche Erinnerung ist vergänglich. Dass Gott jedes einzelnen Menschen gedenkt, ist die Hoffnung, die der christliche Glaube hegt. Und diese Hoffnung gilt auch für diejenigen, die namenlos beerdigt werden. Und doch bleibt die anonyme Bestattung eine Anfechtung und eine Herausforderung, der kritisch zu begegnen ist. In der Taufe ist unser Name unauflöslich mit dem Namen Gottes verbunden worden. Deshalb scheint es mir auch theologisch richtig, wenn die Kirche gegen eine Bestattungskultur streitet, in der die Verstorbenen ihre Namen verlieren.

 

Mindestens genau so wichtig ist aber zu schauen, welche konstruktiven Gestaltungsmöglichkeiten Kirche auch im Feld der anonymen Bestattungen aufzubringen vermag. Ich denke z.B. an Gottesdienste für Angehörige, deren Verstorbene anonym beigesetzt worden sind. Oder auch daran, dass eine Gemeinde eine Trauerfeier für Verstorbene, die ansonsten allein und anonym bestattet würden, als Teil ihres öffentlichen Gemeindegottesdienstes, gleichsam stellvertretend begeht. Und auch: dass Gemeinden möglicherweise Gemeinschaftsgrabanlagen gestalten und pflegen.

 

Ein paar wenige Sätze zum Schluss

 

Die gegenwärtige Bestattungskultur und ihre Veränderungen hat zahlreiche Facetten. Die Reihe der Themen und Beobachtungen ließen sich fortsetzen. Man wird den Wandel nicht ohne Weiteres auf einen Nenner bringen können, mir geht es eher um genaue Wahrnehmung. Ich plädiere entschieden dafür, Bestattung und alles, was sich darum kristallisiert, als eine Zentralstelle kirchlicher Praxis wahrzunehmen. Dass Menschen der Kirche eine besondere Kompetenz im Blick auf Sterben und Tod zumessen, daran hängt für die Bedeutung des Christentums und wohl auch für die Lebensbedeutung des christlichen Glaubens viel. Nicht von ungefähr waren die urchristlichen Gemeinden in hervorgehobener Weise auch Bestattungsvereine. Den Toten in christlicher Gemeinschaft Raum zu geben, darum ist es zu tun.

 

Literatur:

Kristian Fechtner, Dem Tod begegnen: Die kirchliche Bestattung. In: Ders., Kirche von Fall zu Fall. Kasualpraxis in der Gegenwart – eine Orientierung, Gütersloh 2003, 57-80.

Ders., Trauerkulturen im Umbruch. In: Angela Berlis/ Matthias Ring (Hg.), Im Himmel Anker werfen. Vermutungen über Kirche in der Zukunft, Bonn 2007, 238-248.

Hans-Martin Gutmann, Mit den Toten leben – eine evangelische Perspektive, Gütersloh 2002.

Thomas Klie, Todeszeichen. Topologie der Bestattung, BThZ 20 (2003), 57-68.

Thomas Macho, Tod und Trauer im kulturwissenschaftlichen Vergleich. In: Jan Assmann, Der Tod als Thema der Kulturtheorie, Frankfurt 2000, 89-119.

 


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[1] Vortrag auf dem Pfälzischen Pfarrerinnen- und Pfarrertag am 18. Mai 2009 in Homburg/Saar