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Michael Behnke Oklahomastr. 12, 66482 Zweibrücken |
Calvins Zwillinge
„Voilà, meine doppelte
Prädestination!“ Stolz sah sie ihn aus strahlenden Augen an. Zufällig traf sie
ihn, ihren alten Bekannten aus längst vergangenen Studientagen, die beide zum
Teil gemeinsam in einer WG verbrachten. Nach den unvermeidlichen Prälimenarien:
„Was macht du so? Was ist aus dir geworden? Wo wohnst du?“ etc. berichtete sie
ihm munter plappernd von den letzten schwierigen Monaten, von den Bedenken der
Ärzte, von den Ängsten ihres Mannes, von ihren eigenen Leiden. Sie war in der
Tat viel zu zart für eine solche Last. Ja, kränkelte sie nicht häufig? meinte sich ihr Bekannter zu erinnern. Wie
auch immer, die Sache ist gut ausgegangen und glücklich wie sie war, reagierte
sie nun mit fröhlichen Scherzen. Ihre „doppelte Prädestination“ waren zwei
blonde Wonneproppen, die den Unbekannten neugierig aus dem übergroßen
Kinderwagen ansahen. Sie nannte die beiden das „Glück hoch zwei“, den
„doppelten Segen“. Zwei prächtige Knaben, nicht voneinander zu unterscheiden!
Mit doppeltem Blick und doppelter Kraft schauten sie lustig in die Welt hinein.
Wird sich die Zukunft ob solch machtvoller Zuversicht nicht kampflos vor ihnen
ergeben und ihnen immer darbringen, was sie sich zu wünschen vermögen?
„Ach ja, eitles Mutterglück!“ So
schoss es ihrem Bekannten, der auf den Namen Karl oder besser Charley hörte,
durch den Kopf. Er, der eingefleischte Single und überzeugte
Freiheitsfetischist, hatte es auf einmal eilig fortzukommen. Er beglückwünschte
die selige Mutter so gut er konnte, gelobte einmal anzurufen oder vorbei zu
kommen „der alten Zeiten wegen“ und machte sich wild winkend, blöde grinsend
und leicht stolpernd im Rückwärtsgang aus dem Staube.
Beim hastigen Davon-Eilen dachte er
schon leicht schwitzend an die Zwillinge in seiner eigenen weitläufigen
Sippschaft. Da waren diese beiden Mädchen, die sich in ihrer Kindheit in nichts
unterschieden. Alles machten sie zusammen, durch nichts waren sie zu trennen.
Ihre zwei Jahre ältere Schwester beklagt sich noch heute darüber, dass sie als
Spielkameradin immer zurück gestoßen wurde. Die Zwillinge waren sich selbst
genug, keiner durfte ihre Kreise stören. Doch wie veränderten die beiden sich
in der Pubertät! Die eine wurde betont feminin, plapperte von morgens bis
abends nur noch von Jungs, schminkte sich, verbrachte die meiste Zeit vor dem
Spiegel und kaufte sich von jedem Groschen Kleider oder sonstige Accessoires
zur äußerlichen Verschönerung. Dazu las sie mit Vorliebe schnulzige
Liebesromane. Sie hatte viele Verehrer, verliebte sich in den Falschen, bekam
zwei Kinder, die sie unter großen Entbehrungen allein aufzieht, hat eine feste
Arbeitsstelle als Krankenschwester und lebt trotzdem in ständigen Geldnöten
wegen ihres chaotischen und aufwendigen Lebensstils.
Die andere Schwester wurde dagegen
ausgesprochen maskulin, schnitt sich die Haare kurz, trug nur Jeans oder
Hosenanzüge, spielte Fußball, schlug sich mit den Jungs in der Straße, rauchte
und soff literweise Bier mit ihren Kumpels. Sie blieb Single und kinderlos,
machte eine interessante Ausbildung als Restauratorin, was ihr erlaubte im
ganzen Land und teilweise sogar im Ausland herum zu reisen – von einem Museum
oder Gedenkstätte zur nächsten. Sie war gut organisiert, zuverlässig und sie
gab großzügig von ihrem Geld, von dem sie nur einen kleinen Teil für sich
verbrauchte. Seit ihrer Pubertät waren die Zwillinge wie Katz und Maus, sie
gingen sich fortan aus dem Wege, grüßten sich noch nicht mal an den gemeinsamen
Geburtstagen.
Die „doppelte Prädestination“, kam
sie in diesen Lebensläufen nicht ihrem eigentlichen Sinne näher? Nun wollte
Charley nicht soweit gehen und sagen, die eine Schwester sei „erwählt“ und die
andere „verworfen“. Doch ist es höchst merkwürdig, wie sich deren Wege bei
solch großer anfänglicher Gemeinsamkeiten so unterschiedlich gestalteten. Die
Eltern der beiden meinten rückblickend, dass mit Eintritt der Pubertät
offensichtlich ein mächtiger Konkurrenzkampf zwischen beiden ausgebrochen sei
und jede sich nur noch in einer möglichst großen Abgrenzung von der anderen
behaupten konnte. Jede suchte ihren Weg in dieser Welt, aber diese Wege sollten
auf keinen Fall in die gleiche Richtung gehen.
„Zwillinge, Konkurrenz? Gab's da
nicht etwas Ähnliches in der Bibel?“, grübelte Charley. Man sollte nämlich
wissen, dass Charley Theologe war. Na ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben:
abgebrochener Theologiestudent. Nach 17 Semestern und vier vermasselten
Graecums-Prüfungen schmiss er hin und nutzte die Chance, die ihm just damals
ein Freund anbot, als Angestellter einer Versicherung den Menschen nun
irdisches statt himmlisches Heil feilzubieten. Allerdings kam es gar nicht
soweit. Er landete in der Schadensabteilung und regulierte seit gut fünfzehn
Jahren Autounfälle. Es langweilte ihn unsäglich, sicherte aber sein Auskommen.
Was will man machen?
Andererseits ist es auch nicht
falsch, ihn als Theologen zu bezeichnen, denn im Herzen ist er weiterhin
gläubiger Christ geblieben und in seiner Freizeit betätigt er sich fast
ausschließlich als theologischer Bücherwurm, der sich quer Beet durch alles
frisst, was ihm so in die Hände und vor die Augen fällt. Dazu singt er im
Kirchenchor und hat sich vor einiger Zeit zum Lektor ausbilden lassen. Er
predigt, sooft er darf und die Gemeinde ist recht zufrieden mit ihm. Auch
versteht er sich gut mit dem amtierenden Gemeindepfarrer, ein lieber netter
Mann, wobei damit aber auch schon alles Wesentliche über diesen Amtsträger
gesagt wäre. Charley stört sich schon des öfteren an der Belanglosigkeit seiner
Predigten und dem verhaltenen Engagement in der Gemeinde. Darum zeichnete
Charley seinen pastor loci vor einiger Zeit insgeheim mit dem Ehrentitel
„eifriger Förderer des Gemeindeschlafes“ aus. Natürlich sagte er dies
niemandem. Jedoch sollte der gute Mann sich einmal entschließen, die Gemeinde
zu verlassen, so wollte er ihm diesen Titel in Sütterlin auf Büttenpapier und
in Glas gerahmt „in aller Freundschaft“ überreichen.
Aber zurück zu Charleys Fragen:
Bibel, Zwillinge, Konkurrenzkampf? Es ratterte im Hirnkasten unseres Protagonisten,
es klapperte in allen Schubläden seiner grauen Zellen; es rauchte der Schädel,
die Stirn lag kraus in Falten, die Augen quollen ihm schier aus den Höhlen und
fast wäre er – da er beim Nachdenken einen immer schnelleren Schritt einlegte –
gegen einen Laternenpfahl gerannt, als ihm die Erleuchtung kam: Richtig! Hab'
ich's! Isaaks Söhne Esau und Jakob!
Charley erinnert sich: Schon im
Mutterleib stießen sich die beiden zum Leidwesen Rebekkas, die dazu stöhnte:
„Warum muss es mir so elend gehen?“ An Esau, der sich bei der Geburt den
Durchbruch als erster erkämpfte, hängte sich Jakob dran. Er hielt dessen Fuß,
so als wollte er Esau noch im Mutterleib zurück halten. Entsprechend
unterschiedlich verlief auch ihre Entwicklung.
Esau, ein kraftstrotzender Naturbursche,
der außerhalb des Lagers herum streifte und die Jagd liebte, war Papas ganzer
Stolz. Gutmütig und aufrecht wie er war, lebte er ganz im Augenblick, ohne sich
um die Zukunft und seine eigene Stellung innerhalb der Familie zu scheren. Als
er einmal ausgehungert von der Jagd kam, gab er gleichmütig für ein
Linsengericht sein Erstgeburtsrecht an seinen Bruder ab: „Ich bin am
Verhungern, was nützt mir da mein Erstgeburtsrecht?“ Er konnte aber auch
wütend und aufbrausend sein, wenn man ihn über Gebühr reizte. Denn, nachdem ihm
Jakob mit Hilfe seiner Mutter den väterlichen Segen durch einen perfiden
Mummenschanz gestohlen hatte, schwor er, seinen Bruder umzubringen. Aber Esau
war nicht nachtragend. Als er seinen Bruder nach 20 Jahren wieder traf, lief er
ihm freudig entgegen, umarmte und küsste ihn. Für Charley war Esau ein
glücklicher Mensch, der die Dinge nahm, wie sie kamen und das Beste daraus
machte. Denn auch Esau hatte wie Jakob unabhängig vom väterlichen Erbe sein
Glück gemacht. Im Seirgebirge, südlich von Kanaan, wurde er zu einem reichen
und angesehenen Stammesfürsten, aus dem später einmal die Könige Edoms
abstammen sollten.
Wie anders entwickelte sich Jakob!
Ängstlich wie er war, blieb er stets im Lager und kümmerte sich als Hirte um
die Herden. Ewig hing er am Rockzipfel seiner Mutter, deren Liebling er war.
Rebekka, geschickt, intrigant und hinterlistig, gab ihrem Sohn ihre Kunst des
Ränkeschmiedens weiter und er war ihr gelehriger Schüler. Jakob fühlte sich
seinem Bruder Esau immer unterlegen, wovon dieser in seiner Arglosigkeit nichts
zu ahnen schien. So kämpfte er mit den Mitteln der Feigen und Ängstlichen: Mit
List und kalkulierter Tücke! Er gab seinem Bruder nichts ohne Gegenleistung und
machte durch ein einfaches Linsengericht ein „Vermögen“, denn das gesamte Erbe
fiel ihm dadurch zu (Allerdings wird er dieses irdische Erbe niemals antreten).
Auch dem blinden Vater gegenüber hatte er keine Skrupel, ihn zweimal anzulügen,
als dieser ahnte, dass nicht Esau, sondern Jakob vor ihm stand. „Bist du
wirklich mein Sohn Esau?“ – „Ja!“ antwortete Jakob. Durch Lügen überzeugt, gab
der betrogene Isaak ihm nach dem Essen den Segen.
Doch das Leben sollte ihm mit
gleicher Münze zurückzahlen. Der Betrüger wurde selbst betrogen.
Die Flucht vor Esau führte ihn zu
seinem Onkel Laban, dem Bruder seiner Mutter Rebekka, ebenfalls ein Meister der
listigen Intrige. Über beide Ohren verliebt in seine hübsche Cousine Rahel,
willigte Jakob ein, sieben Jahre umsonst als Knecht für seinen Onkel zu
arbeiten. Als dieser ihm aber nach Ablauf der Frist die falsche „Ware“ lieferte
– so drastisch muss man es wohl sagen, denn Lea und Rahel sollten selbst Jahre
danach über ihren Vater sagen: „Verkauft hat er uns!“
Aber zurück zu unserer Geschichte:
Nachdem Laban nach sieben Jahren ein Hochzeitsfest ausrichtete, fand Jakob am
nächsten Tag in seinem Hochzeitsbett nicht die hübsche Rahel, sondern die
unansehnliche Lea vor. Zur Rede gestellt, antwortete Laban lakonisch: „Es war
doch klar, dass ich zuerst die Ältere verheiraten musste. Aber für weitere
sieben Jahre Frondienst bekommst du auch Rahel. Und damit du meinen guten
Willen siehst, bekommst du deinen Liebling am Ende der Brautwoche im Voraus
„geliefert!“ Ungewohnt im offenen Kampf und hilflos der Macht Labans
ausgeliefert, willigte Jakob ein. Aber der Verdruss ging weiter: Die geliebte
Rahel war unfruchtbar, die ungeliebte Lea gebar einen Sohn nach dem anderen.
Die Frauen bekriegten einander und jede versuchte dazu über
„Leihmutterschaften“ ihrer Mägde die Gunst Jakobs zu gewinnen. Und Jakob sagte
zu allem, was seine Frauen ausheckten, verdrießlich ja und amen. Nachdem Rahel
– nach Jahren und nach zehn Söhnen und einer Tochter der anderen Frauen –
endlich einen Sohn bekam, verzog Jakob diesen Bengel nach Strich und Faden und begünstigte
ihn dermaßen, dass er alle seine Söhne gegen dieses Lieblingskind aufbringen
sollte.
Nach 14 Jahren endete der
vertragliche Frondienst. Jakob hatte nun eine große Familie, war aber weiterhin
absolut mittellos. Laban, der durch die Geschicklichkeit seines Schwiegersohnes
zu Reichtum gekommen war, möchte auch weiterhin auf dessen Dienste nicht
verzichten und machte Jakob das Angebot, ihn ab jetzt zu bezahlen. Aber nun
erwachten in Jakob erneut seine listigen Gaben. Ganz devot bat Jakob Laban
darum, alle gescheckten und gesprenkelten Schafen und Ziegen und deren
Nachwuchs zu bekommen. Laban willigte ein, denn was Jakob wollte, war sozusagen
der „Ausschuss“ seiner Herden. Aber Jakob verstand es durch „magische
Praktiken“ seine Herden über die Maßen zu vergrößern, wohingegen der Reichtum
Labans schmolz. Argwöhnig geworden, blickte die Familie Labans voller Neid und
Wut auf den neuen Reichtum ihres ehemaligen Knechtes. Als Jakob die Gefahr
erahnte, machte er sich mit seiner Familie und seiner ganzen Habe bei Nacht und
Nebel aus dem Staube Richtung Kanaan.
Aber auch hier fühlte er sich nicht
frei und unbedrängt. Voller Angst blickte er dem unvermeidlichen Treffen mit
seinem Bruder entgegen. Die Hälfte seiner Herden schickte er, unterteilt in
einer Serie von fünf Abteilungen, seinem Bruder als Geschenke entgegen, um Esau
gnädig zu stimmen. Sein schlechtes Gewissen ließ ihn das Schlimmste befürchten.
Als sein Bruder in Sichtweite geriet, stellte Jakob seine Frauen und Kinder vor
sich auf, sozusagen als letztes Zeichen seiner Schutzlosigkeit und Demut. Dazu
nannte er Esau ununterbrochen „mein Herr“ und wirft sich siebenmal zu Boden,
bevor er seinem Bruder entgegen trat. Esau dagegen nahm dieses ganze Brimborium
eher belustigt zur Kenntnis. Was gewesen war, hatte er längst vergeben und
vergessen und er freute sich ganz einfach, seinen Bruder nach so langer Zeit
wieder zu sehen und er lud ihn zu sich in das Seirgebirge ein. Jakob – weit
davon entfernt, seinen Argwohn aufzugeben – erfand tausend Ausreden, um dieser
Einladung aus dem Wege zu gehen: „Die Kinder sind so schwach, das Vieh verträgt
keine Hetze“, usw. Zwar versprach er, seinen Bruder zu besuchen, doch würde er
es niemals tun. Diese Lüge überschattete das letzte Treffen der beiden Brüder.
Charley erreichte nach einem langen
Spaziergang seine Wohnung. Überrascht stellte er fest, dass er ganz nass geworden
war. Er war so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht mal merkte, dass es
angefangen hatte zu nieseln. Während auf dem Herd ein Topf mit Ravioli heiß
wurde, ging er ins Badezimmer, um sich die Haare zu trocknen. Skeptisch schaute
er sich im Spiegel an. Der Zahn der Zeit hatte auch an ihm genagt. Sein „Dach“
war nur noch sehr unzureichend gedeckt. Sein Schädel wuchs immer mehr aus
seinen Haaren heraus und was übrig blieb, wurde immer dünner und verlor auch
immer mehr an Farbe. Seit zwei Jahren
brauchte er eine Lesebrille, die er ständig vergaß oder irgendwo liegen
ließ. Dazu litt er zusehends an Vergesslichkeit, dabei war er erst Mitte
vierzig. Zurück in der kleinen Küche, aß er seine tägliche Portion Ravioli,
wobei er aufpasste, dass die Nahrung nicht an seinen Weisheitszahn geriet, der
ihn seit Wochen schmerzte. Wie üblich schob er den Zahnarztbesuch vor sich her.
Lieber litt er Schmerzen, als den Gang zum Arzt zu wagen. Was war er doch für
ein erbärmlicher Feigling! Unzufrieden mit sich selbst, trafen sich seine
Gedanken wieder mit der Jakobsgeschichte. Feigheit! War es nicht das auslösende
Stichwort?
Charley hätte gerne den
draufgängerischen und großzügigen Esau zum Freund gehabt. Ein prachtvoller
Kerl! Offen und ehrlich, von überschäumender Lebensfreude, vergebungsbereit,
vital, ein „wahrer Felsen in der Brandung“! Nur, ähnelte er selbst nicht eher
Jakob? Ängstlich, feige und verdruckst wie jener, brachte er in seinem Leben
nie irgend etwas wirklich zu Ende: Er schmiss sein Studium für einen langweiligen
Schreibtischjob, die beiden Frauen, die mit ihm kurze Zeit lebten, schlug er
entnervt in die Flucht mit seiner ewigen Nörgelei und Entscheidungsschwäche, er
lebte seit ewigen Zeiten in einer „Bude“, die ihm nie gefiel, dafür aber billig
und günstig gelegen war, er hielt grollend den Mund, wenn sein Kollege in der
Firma über ihn herzog, er ernährte sich schlecht, akzeptierte jeden „Fraß“,
wenn er sich nur schnell zubereiten ließ, er wurde fett und träge, er fuhr nie
in Urlaub, weil er nie wusste wohin und nun quälte ihn auch noch dieser blöde
Zahn. Kurzum, ein war eine ziemlich trübe Tasse! Eine Lusche vor dem Herrn!
(unser Charley nahm mal wieder sein gelegentliches Bad in Selbstmitleid!).
Nach seinem kargen Mahl, nahm er
eine Schmerztablette und warf sich auf die verkleckerte Couch vor den
Fernseher. Ungeduldig zappte er sich durch die Kanäle. Unzufrieden mit sich und
dem Programm, machte er nach einiger Zeit den Apparat aus und schleuderte die
Fernbedienung in eine Ecke. Die Zahnschmerzen ließen langsam nach. Kurz danach
schweiften seine Gedanken wieder nach Kanaan zu dem wohl bekannten Brüderpaar.
Er stand auf, holte seine Bibel und las noch einmal die Geschichte von Anfang
an.
Es stimmte! Jakobs Leben war
einerseits geprägt von Angst, aber andererseits von Liebe. Doch beides wurde
ihm immer wieder zum Verhängnis. Seine Angst und Feigheit bewältigte er im
täglichen Leben durch List, Nachgiebigkeit und Unterwürfigkeit. Dabei scheute
er auch nicht vor Lüge und Betrug zurück, wenn er dadurch einen Vorteil für
sich verbuchen konnte. Seine Liebe hingegen war bedingungslos. Er liebte und
bevorzugte Rahel und das zeigte er offen allen anderen gegenüber. Die
zurückgewiesene Lea trieb er damit aber in eine verbissene Gegnerschaft zu
ihrer Schwester. Eine Quelle ständigen Verdrusses für Jakob, deren Ursache er
selbst war. Genauso machte er es mit seinen Söhnen. Seine Liebe galt nur seinem
Liebling Josef. Ihn bevorzugte er und zeichnete ihn ohne jeden Verdienst vor
seinen Brüdern aus. Das festliche Ärmelgewand, das Jakob Josef schenkte, ließ
die Brüder vor Wut kochen und sie grollten ihrem Vater und Josef und alle
sannen auf Rache.
Der Verdruss und der Schaden, den
Jakob durch sein Verhalten gegenüber seinen Söhnen hervorrief, überstieg dabei
die Querelen, die er mit seinen Frauen hatte. Denn die erbosten erstgeborenen
Söhne Leas ließen sich nicht so einfach in den Hintergrund drängen: Ruben fing
ein inzestiöses Verhältnis mit einer Nebenfrau seines Vaters an, Levi und
Simeon entpuppten sich als brutale Schlächter, als diese an den Bewohner
Sichems, während diese schliefen, ein fürchterliches Massaker anrichteten, und
Juda hatte den unsagbaren Gedanken, ihren Bruder Josef als Sklave an eine
Karawane zu verkaufen. Und alle logen ihren Vater an, als es galt das Verschwinden
Josefs zu rechtfertigen. Nein, auch die Liebe Jakobs produzierte nichts anderes
als Lüge, Verdruss und Betrug!
Jakobs Liebe blieb ohne Weisheit und
ohne jeden Sinn für Gerechtigkeit. Durch sein Verhalten vergiftete er die
Gemeinschaft seiner Familie. Jakob ist alles andere als ein Vorbild für
tugendhaftes Verhalten, ging es Charley durch den Kopf. Da kam ihm in den Sinn:
Hatte sich nicht auch einmal Goethe in ähnlicher Weise zu dieser Geschichte
geäußert? Er stand auf und ging an seinen Bücherschrank und holte den Band
„Dichtung und Wahrheit“ aus dem obersten Regal. Anhand der Stichworte, die er
sich bei jeder Lektüre vorne ins Buch schrieb, fand er dann auch prompt die
Stelle im vierten Buch:
„Es ist oft genug bemerkt und
ausgesprochen worden, dass die heiligen Schriften uns jene Erzväter und andere
von Gott begünstigte Männer keineswegs als Tugendbilder aufstellen wollen. Auch
sie sind Menschen von den verschiedensten Charakteren, mit mancherlei Mängeln
und Gebrechen.“[1]
In der Tat, es ist kaum zu fassen,
aber Jakob, dieser Feigling, Angsthase und Versager, er wird zum Träger der
Verheißung. Auf der Flucht vor Esau spricht ihm Gott eines Nachts in Bethel die
abrahamitischen Verheißungen zu: Segen, Land und Nachkommenschaft. Eigentlich
tröstlich, resümierte Charley, aber verstanden hatte er es trotzdem nicht.
Mehr durch Zufall fiel Charleys
Blick auf den Titel „Jakob ringt mit Gott“. Er las die Stelle und ihm wurde
danach klar, dass Jakob doch einmal in seinem Leben wirklich gekämpft hatte.
Eine ganze Nacht rang er am Jabbok mit einem Mann und er ließ sich nicht
unterkriegen, er ließ ihn nicht los. Gott selbst soll es gewesen sein, der mit
ihm kämpfte, dessen Segen Jakob ihm
abtrotzte und der ihm zum Schluss die Hüfte ausrenkte und den neuen Namen „Israel“
– Gotteskämpfer – verpasste.
Was für eine Geschichte! Der
allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmel und der Erde, lässt sich von Jakob
besiegen, von einem, der jeden offenen Kampf scheute. Charley ist fasziniert
von dieser Stelle. Erinnert dies nicht an das Neue Testament? Gott inkarniert
sich in einem Kind und gibt sich in die Hände der Menschen. Das erinnert ja an
den Hymnus im Philipperbrief (2,5-11)! Gott entleert sich seines Seins, seiner
Macht und Stärke, macht sich den niedrigsten Menschen gleich und gibt sich in
deren Hände. Gott an der Seite der Elenden, Gescheiterten und Entrechteten,
Gott als Mitleidender mit den Kranken und Ausgestoßenen, Gott als Liebender,
der den schwachen Jakob nicht den starken Esau erwählt! Gott als Mensch am
Jabbok! Welcher Blick aufs Evangelium!
Wir sollten etwas Geduld haben mit
unserem Charley. Im Überschwang der Gefühle vermischte sich bei ihm so manches,
was so eigentlich nicht zusammen gehörte. Aber sein Geist war geweckt und auf
einmal offenbarte sich ihm die ganze Geschichte in einem ganz neuen Licht. Der
furchtsame Jakob musste nach der Todesdrohung seines Bruders eiligst die Flucht
ergreifen; er, der nie das schützende Lager verließ, der keine Ortskenntnisse
hatte, über kein „Überlebenswissen“ in der feindlichen Fremde verfügte, der
durch seine Dummheit alles verlor: Schutz, Geborgenheit, Gemeinschaft,
materielle Sicherheit, die Liebe der Mutter; er war auf einmal absolut allein
und verloren und er befand sich nun in ständiger Gefahr. Es ging
schlechterdings um sein nacktes Leben. In dieser Lage offenbart sich ihm Gott
und Jakob hält sich an ihm fest, verpflichtet sich ihm in Bethel in einem
Gelübde. Ab nun steht er unter dem Schutz und Segen Gottes, der ihn sicher an
sein Ziel geleitet, der ihn aber nicht vor seinen charakterlichen Problemen
bewahrt. Mit seinen Stärken und Schwächen muss Jakob allein sein Leben
bestehen.
Erst bei seiner zweiten Flucht,
diesmal vor dem anmaßenden und brutalen Laban, greift wieder Gott schützend für
Jakob ein. Sein rachsüchtiger und habgieriger Schwiegervater trug sich mit dem
Gedanken, Jakob umzubringen. Und nach dieser Todesgefahr offenbart sich Gott
als Mensch am Jabbok und Jakob lässt ihn nicht los, so sehr hängt er sich an
Gott. Dieser Gott allein ist sein Schutz und allein wegen dessen unverdienter
Gnade ist Jakob noch am Leben. Und Gott lässt sich von dieser „anhängenden“
Glaubenskraft Jakobs „besiegen“. Er segnet und schlägt ihn auf die Hüfte. Ab
jetzt wird Jakob hinken, zu flüchten wird er nicht mehr in der Lage sein. In jeder
kommenden Gefahr wird er nun ganz in Gottes Hand sein: Solus Deus! sola gratia!
sola fide!
Charleys Augen leuchteten. Er war
richtig „happy“. „Ist der Geist der Propheten auch über mich gekommen?“ fragte
er sich lachend. Den Rest des Abends verbrachte er recht vergnügt am Telefon
und vor seinem Laptop. Endlich hatte er sich aufgerafft, um sich mit den
wenigen Menschen, mit denen er noch näheren Umgang pflegte, auszutauschen.
Halb elf. Charley musste ins Bett.
Morgen würde um sechs Uhr der Wecker wieder klingeln. Er stellte alle Bücher
zurück, ging ins Bad, las in seinem Schlafzimmer noch ein paar Minuten in einem
Krimi, machte das Licht aus und schlief bald darauf ein. Lassen wir ihn
friedlich schlafen! Er sieht glücklich aus heute Nacht. Sieht er nun auch im
Traume den Himmel offen und die Engel wie auf einer Leiter auf- und absteigen?
Wir werden es nie erfahren.
Nur uns ist es noch nicht vergönnt,
die Augen zu schließen. Unsere Gedanken fließen weiter und lassen uns nicht in
Ruhe. Es gibt noch einiges zu klären und zu Papier zu bringen. Charley wäre uns
dabei nur hinderlich.
Die Zwillingserzählung im Neuen
Testament und in der Theologiegeschichte
Im Grunde, so mag es scheinen,
könnten wir nun die Jakobsgeschichte wieder in den tiefen „Brunnen der Vergangenheit“
(Thomas Mann) gießen und dort im Schlafe ruhen lassen. Vieles spräche dafür.
Josef, der ungleich weisere und gerechtere Sohn des Jakob, steht zwar noch
sichtbar unter dem Segen Gottes, wird aber selbst nicht mehr Träger der
abrahamitischen Verheißungen. Seine Söhne Manasse und Ephraim werden
schließlich ganz die ägyptische Lebensweise übernehmen. Für lange Zeit werden
die Geschichten der Erzväter im fremden Land verwittern und verwehen, um
schließlich fast ganz in Vergessenheit zu geraten. Erst dem Hirten Mose wird
sich der Gott „Abrahams, Isaaks und Jakobs“ wieder offenbaren. Doch das ist
schon eine andere Geschichte.
Die Geschichte vom sympathischen
Esau und dem verdrucksten Jakob wird uns weiter beschäftigen. Ein Blick in das
Neue Testament und in die Kirchengeschichte wird zeigen, wie wichtig diese
biblische Zwillingserzählung im Christentum geworden ist. Zunächst wird leider
zu beobachten sein, dass die sympathischen Züge des Esau in ihr Gegenteil
verkehrt werden. So warnt der Hebr 12,16: „Niemand sei ein Abtrünniger und
Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen seine Erstgeburt verkaufte.
Denn ihr wisst ja, dass er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen
wurde.“ Eine merkwürdige Verdrehung der ursprünglichen Erzählung. Nach Hebr
ist Esau selbst daran schuld, dass er durch Jakob betrogen wurde. Schlimmer
noch die Gottesaussage nach Mal 1,9, die Paulus in Röm 9,13 zitiert: „Jakob
habe ich geliebt, Esau gehasst.“
Der Kirchenvater Augustinus nahm
regen Anstoß an dieser Aussage: „Dass Gott die Dinge gemacht hat, um sie zu
lieben, ist keine Frage. (...) Alle jene Dinge hat Gott geliebt, auch wenn er
sie in verschiedenen Rangstufen ordnete; denn Gott hat gesehen, dass sie gut
sind, als er sie durch sein Wort erschuf. Dass er aber Esau hasste, ohne dass
dieser es durch Unrechttun verdient hätte, ist ungerecht.“ [2]
Nur warum war die Zwillingserzählung
für Paulus, Augustinus und Calvin so wichtig? Die Antwort ist einfach und wir
haben sie schon aus dem Munde der eingangs zitierten stolzen Mutter zu hören
bekommen:
„Voilà, die doppelte
Prädestination!“
„Horribile dictu!“ – „Unmenschliches
theologisches Kontrukt!“ – „Der liebende Gott verschone uns vor solchen
Gedanken!“ Mir gellen die Einwände in den Ohren. Und doch! Wir befinden uns im
Calvin-Jahr und die Pfälzische Landeskirche ist wesentlich durch die
reformierte Theologie geprägt (Heidelberger Katechismus!). Wir wollen uns nun
einmal im Rahmen der biblischen Zwillingserzählung diesen zentralen
theologischen „Brocken“ vornehmen und daraufhin abklopfen, ob er uns heute noch
etwas zu sagen hat.
Die Jakob- und
Esau-Erzählung erscheint innerhalb des Text-Komplexes Röm 9,6-23. Es geht hier
um die Frage nach dem „wahren Israel“ im Rahmen der Rechtfertigungslehre allein
aus Glauben ohne Werke. Esau und Jakob sind beide legitime Kinder des
Verheißungsträgers Isaak. Doch – so Paulus – nicht alle Nachkommen Abrahams in
der Linie Sarahs sind berufen. Allein aus der physischen Tatsache, ein
Nachkomme Abrahams zu sein, lässt sich kein Anspruch ableiten, wirklich von
Gott berufen zu sein. Gott entscheidet absolut souverän und unabhängig von
jedem menschlichen Verdienst oder Ansehen noch vor der Geburt der beiden
Kinder. Dies beweist Paulus an der Zwillingserzählung. „Damit nun der
freigewählte Ratschluss Gottes bestehen bleibe, den nicht Werke, sondern der
Berufende bestimmen, ward Rebekka gesagt: 'Der Ältere wird dem Jüngeren
dienstbar sein!' (Gen 25,23)“ (Röm 9,12).
Bis hierher lässt sich
höchstens eine einfache Prädestinationslehre ableiten. Auch wenn der Ältere dem
Jüngeren dienen soll, so ist er damit noch nicht verworfen. Erst das folgende
Schriftzitat aus Mal 1,3 führt in diese Richtung: „Jakob habe ich geliebt,
Esau gehasst.“ Wen Gott hasst, den hat er auch verworfen! So die innere
Logik des Schriftzitates. Im Folgenden untermauert Paulus in den Versen.14-24
in mehreren Beweisgängen seine Lehre von der doppelten Prädestination:
verstockter Pharao, Töpfer/Schöpfer – Gefäß/Schöpfung; Gefäße des Zorns –
Gefäße des Erbarmens.
Ohne nun detailliert auf
diese Textstellen einzugehen, lassen sich zwei Ergebnisse festhalten:
1. In Röm 9,6-24 entwickelt
Paulus an der biblischen Zwillingserzählung seine Lehre von der „predestinatio
gemina“. Es ist dies zugleich die einzige neutestamentarische Stelle, von der
eine doppelte Prädestination ableitbar ist. Alle anderen Schriftstellen, die
Calvin in seiner Lehre darstellt, sprechen dagegen nur von einem
Erwählungshandeln Gottes (Eph 1,2-14; Röm 8,28-30; Joh 6,44f.) und nicht von
Verwerfung. Das „wahre Israel“ ist insofern immer das in Gottes freier
Gnadenwahl berufene „Volk Gottes“, „zu denen beruft er uns, nicht bloß aus
den Juden, sondern auch aus den Heiden“ (V.24). Und die logische Folgerung: Wer sich gegenüber
dem göttlichen Heilshandeln in Jesus Christus verstockt zeigt, wurde zuvor von
Gott „verstockt“ und gehört somit zu den Verworfenen. „Wer diesem Evangelium
nicht glaubt, über dem bleibt der Zorn Gottes“ (Art. 1,4 der Canones von Dordrecht).
Diese Interpretation
bestimmte für fast 2000 Jahre das Verhältnis der christlichen Kirchen zum
Judentum. Leider!
2. Durch seine Prädestinationslehre
hat Paulus die äußersten Folgen aus seiner Lehre von der Rechtfertigung allein
aus Gnade, ohne Werke gezogen. Gott ist in seinem Heilshandeln absolut frei und
souverän. Nichts Menschliches kann ihn dabei bestimmen. Allein im Glauben an
Jesus Christus lässt sich Gottes Wille als Heils- und Liebeshandeln erkennen.
Letztendlich bleibt aber die göttliche Gnade ein „Geheimnis“. Nur Augustinus
und Calvin und Teile der reformierten Kirchen sind hier Paulus gefolgt. Luther
weist zwar auch auf die doppelte Prädestination hin, rät aber, sich nicht auf
„den verborgenen Gott“, sondern auf den in Jesus Christus offenbar gewordenen
liebenden Herrn zu werfen und zu verlassen.
Warum lag Calvin so sehr an
dieser Lehre?
Zunächst gilt es
festzuhalten, dass diese Lehre bei Calvin nicht Teil der Gottes-, sondern der
Gnadenlehre ist. Sie dient insofern Menschen zu trösten und zu erbauen. Die
Grundstruktur der göttlichen Vorherbestimmung leitet Calvin von Röm 8,28-30 ab:
Wen Gott vorherbestimmt hat, den hat er auch (zum Glauben) berufen, den
rechtfertigt er und den führt er zur Herrlichkeit. Der persönliche Glauben ist
also ein Gnadengeschenk Gottes. Und diesen Glauben gilt es festzuhalten im
täglichen Stehen in der Welt gegen allen Widerspruch und gegen alle Gefahr. Die
reformierte Seelsorge steht ganz im Dienst dieser Glaubensvergewisserung. „Die
Mahnung des Apostels zum 'Festmachen' der eigenen Berufung wird also hier als
Pflicht, im täglichen Kampf sich die subjektive Gewissheit der eigenen
Erwähltheit und Rechtfertigung zu erringen, gedeutet. (...) Und andererseits
wurde, um jene Selbstgewissheit zu erlangen, als hervorragendstes Mittel
rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Sie und sie allein verscheuche den
religiösen Zweifel und gebe die Sicherheit des Gnadenstandes.“[3]
Prädestination und
reformierter Erwählungsglaube
Warum erwählt Gott Jakob
und nicht Esau? Schon Augustinus kommt zum Ergebnis, dass es müßig sei,
hierüber zu spekulieren; beide sind absolut unschuldig.[4]
Allein an der Lebensgeschichte der beiden Brüder lasse sich Gottes Weisheit und
Heilshandeln erkennen. Esau und Jakob stehen demnach typologisch für
verschiedene Menschengruppen. Esau steht in all seiner Stärke und Spontaneität
für den Menschen, der Gott nicht braucht. Er kommt mit allem alleine zurecht,
lebt in seiner Heimat, im Kreise seiner Familie und irdischer Geborgenheit.
Sicher hat er auch eine Art Glauben, der sich bei näherem Hinsehen aber als
Aberglauben herausstellt: Als seine Mutter Rebekka ihm vorwirft, er habe zwei
Kanaanäerinnen geheiratet, nimmt er aus Scheu und zur Sicherheit noch eine Frau
aus der Familie Ismaels (Gen 28,8): aktive Heilssicherung, aber keine
Bußfertigkeit! (Karl Barth deutet in seinem Römerbriefkommentar Röm 9 treffend,
indem er die „Kirche Jakobs“ der „Kirche Esaus“ typologisch gegenüberstellt.[5])
Jakob hingegen ist nicht
nur schwach und ängstlich, er ist auch der schutzlose Flüchtling, der allein in
Gott Hilfe und Stütze findet. Hier treffen sich das persönliche Schicksal
Calvins und dessen Bibellektüre. Calvin musste aus Glaubensgründen mehrere Male
fliehen. Nach Genf kam er auch eher zufällig während einer Flucht. Im Grunde
verabscheute er diese Stadt und deren Bürger. Nur widerwillig blieb er. Als er
nach seinem Rauswurf aus Genf einige Jahre später wieder zurück gerufen wurde,
empfand er seine Rückkehr als „Gang nach Golgatha“. Er wird bis kurz vor seinem
Tod Ausländer bleiben, was ihn die Genfer spüren ließen.
Diese existentielle
Grunderfahrung, ungeliebt und ungeschützt als Glaubensflüchtling zu leben,
prägte Calvin zutiefst, aber er sah den Flüchtling in seiner Bibellektüre unter
der Verheißung Gottes stehen: Abraham, Isaak, Jakob, Josef, Mose, das Volk
Israel, David, Elia, Jeremia und viele andere Propheten, Jesus, Paulus, Petrus
und die anderen Jünger, schließlich die Urgemeinde in Jerusalem – eine Vielzahl
biblischer Protagonisten waren gezwungen, wegen ihres Glaubens zu fliehen – all
diese waren also irgend wann einmal Glaubensflüchtlinge wie er selbst. Darum
galt für Calvin: Der Glauben an den biblischen Gott führt in schmerzhafte
Entscheidungen und oft auf die Flucht. Doch Gott bekennt sich zu seinen
Glaubensflüchtlingen und hält seine schützende Hand über sie. Wer wegen seines
Glaubens flüchten musste, konnte sich vor dem Hintergrund der
Zwillingserzählung und der Prädestinationslehre für erwählt halten.
Wie stark diese Überzeugung
wirkte, zeigt sich an den vielen hugenottischen Glaubensflüchtlingen aus
Frankreich. Für ihren reformierten Glauben ließen sie sich Ehre, Besitz, Heimat
und Sicherheit nehmen und wählten materielle, soziale und persönliche
Unsicherheit, Schande, Flucht und Heimatlosigkeit, allein im Vertrauen auf
ihren festen Glauben und die schützende Hand Gottes, der sie zu einem neuen
Land führen wird, wie sie das überall in der Bibel lesen konnten. Darum war
auch der Hebräerbrief in den reformierten Gemeinden so beliebt. In den „Wolken
der Zeugen“, in den Ausführungen über das Leiden als „Zucht Gottes“, die in der
Kreuzesnachfolge zu tragen sei, in der kritischen Distanz zu weltlichem Besitz
und Ehre, und durch die Vorstellung der „irdischen Pilgerschaft“ (Hebr 11-13)
konnten sich viele mit ihrem eigenen Flüchtlingsschicksal wiederfinden.
Es war dieser unbeugsame
reformierte Erwählungsglauben, der in der Prädestinationslehre einen festen
Anker für den persönlichen Glaubens sah, der die Gemeinden unsagbare Leiden
erdulden ließ und sie hart und widerstandsfähig machte gegen alle äußeren
Anfechtungen. In der Geschichte sollte sich entsprechend auch herausstellen,
dass das reformatorische Modell Calvins weitaus effektiver war als das
lutherische, das sich sehr schnell dem Staate andiente und im Rahmen der
staatlichen Verwaltung herrschaftliche Funktionen übernahm und damit alle
herrschaftskritischen Elemente des Evangeliums domestizierte (Karl Barth würde
wohl sagen: Sehr oft als eine Esau-Kirche; siehe z.B. Thron und Altar; 3.
Reich!).
Anders als der lutherische
Quietismus und dessen Rückzug in die Innerlichkeit des Glaubens hatte Calvin
auch eine klare Vorstellung über das aktive Verhalten des Christen in der
Gesellschaft und gegenüber politischen Institutionen. Calvins zentrales
Anliegen drehte sich nicht um die Frage Luthers nach „dem gnädigen Gott“ und
der persönlichen Rechtfertigung. Er fragte vielmehr: „Wie kommt es zur
Herrschaft Gottes über die Menschheit?“[6]
Grundlegend für sein Staatsverständnis waren die Aussagen zu Röm 13, solange
der Staat die reformierte Kirche duldete. Sollte aber ein Fürst die „wahre
Kirche Christi“ unterdrücken und bekämpfen, also die Religionsfreiheit
aufheben, musste der reformierte Christ gemäß Apg 5,29 aktiven und notfalls
militärischen Widerstand leisten bis hin zum „Tyrannenmord“. Die 1560 von John
Knox stark beeinflusste Confessio Scotia drückt dies z.B. so aus: „Die
Tyrannei niederhalten, die Schwachen gegen die Gewalt der Bösen zu verteidigen“
(ConfScot, 135).[7]
Dieses „Widerstandsrecht“
führte in Staaten, deren reformatorischen Bestrebungen von Calvin beeinflusst
wurden, häufig zu Religionskriegen wie in Frankreich, in den Niederlanden, in
England und Schottland.[8]
Darüber hinaus floss die Vorstellung von einem „politischen Widerstandsrecht“
in die Menschenrechte und die modernen
politischen Verfassungen ein (zB. Grundgesetz, Art. 20,4).
Neben dem Widerstandsrecht
lassen sich dazu noch andere Vorstellungen Calvins anführen, die wesentlich
unsere Gegenwart bestimmen: Die Trennung von Religion und Staat, die
persönliche Religionsfreiheit, die Vorbilder repräsentativer Demokratie in den
kirchlichen Strukturen und das Streben der Gemeinden nach wirtschaftlicher
Unabhängigkeit und organisatorischer Eigenständigkeit sowie
wohlfahrtsstaatliche Vorstellungen zur Sozialpolitik sind alles Modelle, die
sich von Calvins Reform ableiten lassen. Insofern ist Calvin ein eminent
wichtiger Wegbereiter der Moderne, der es verdient hat, dass wir seiner
gedenken.
Nota bene
Ein kleiner Wehrmutstropfen
zum Schluss: Der stark vom Stoizismus und Platonismus geprägte Calvin hatte
leider wenig Verständnis für die einfachen Freuden des Lebens. Die kargen
Liturgien und Gottesdiensthäuser legen bis heute ein beredtes Zeugnis hiervon
ab. Dazu hatte Calvin wenig Sinn für Humor. So nahm das Genfer Konsistorium
Zuchtmaßnahmen vor gegen Bürger, die während des Gottesdienstes gelacht oder
Spottlieder auf Pastoren gesungen hatten[9].
Der Kabarettist Henning
Venske resümierte einmal über die Frage: Gibt es eine Beziehung zwischen
Konfession, Liturgie und Humor? Sein Ergebnis: „Der (katholische)
Mummenschanz, der da vor dem Altar aufgeführt wird, die albernen Mützen, das
ganze Brimborium – diese Show lässt viel Raum für Hohn und Spott, das Leben der
Priester (Zölibat, Haushälterin, Schwulität, Pädophilie) schreit geradezu nach
kabarettistischer Verarbeitung. Dagegen diese knochentrockenen
württembergischen Pastoren: Der protestantische Gottesdienst ist im Vergleich
zur katholischen Messe bühnentechnisch eher eine geistige Armenspeisung. Da
werden die Kinder nicht zu Kabarettisten, sondern zu Terroristen.“[10]
Ein bitterböses Wort! Aber
seiner Überzeugung nach ist Humor keine Frage der Nationalität, sondern der
Sozialisation. Gibt es also einen evangelischen und einen katholischen Humor?
Man sollte mal darüber nachdenken!
Doch kehren wir noch einmal
kurz zu unserer glücklichen Mutter zurück. Sollten wir ihr nicht die biblische
Zwillingserzählung empfehlen? So ganz zur Vorsicht! Wer weiß denn schon, was
aus ihrer „doppelten oder besser: zwillingsgeborenen[11]
Prädestination“ mal so werden wird. Man will ja nicht den Teufel an die Wand
malen!
[1] Goethes Werke in zehn Bänden, Bd. 8, Stuttgart, Hamburg, München 1962;
S.153f.
2 De
diversis questionibus ad Simplicianum I 2; in: Augustinus, ausgew. und vorgest.
von K. Flasch, Düsseldorf, Zürich 1996; S. 163.
3 Klaas Huizing,
Calvin ... und was vom Reformator übrig blieb. Edition Chrismon, Ffm 2008, S.
115.
4 Siehe oben FN 1, S.
153 -165.
5 Karl Barth, Der
Römerbrief, 1. Aufl.v.1922, TVZ 1978, S.324 – 345.
6 Handbuch der
Kirchengeschichte IV, Hg. H. Jedin et. Al, Herder 1967, S. 408.
7 Reiner Rohloff,
Calvin kennen lernen, V&R 2008, S. 87.
8 Siehe FN 6, S.409 –
436.
9 Willem F. Dankbaar,
Calvin, Siebenstern TB 192, Hamburg 1966/76, S. 92.
10 Thomas C. Breuer,
Deutschland ein Ernstfall, in: Psychologie heute 11/2008, S. 38.
11 Predestinatio gemina
– gemino, Adj. Zum Nomen geminus kann auch „zwillingsgeborener“ heißen.
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[1] Goethes Werke in zehn Bänden, Bd. 8, Stuttgart, Hamburg, München 1962; S.153f.
[2] De diversis questionibus ad Simplicianum I 2; in: Augustinus, ausgew. und vorgest. von K. Flasch, Düsseldorf, Zürich 1996; S. 163.
[3] Klaas Huizing, Calvin ... und was vom Reformator übrig blieb. Edition Chrismon, Ffm 2008, S. 115.
[4] Siehe oben FN 1, S. 153 -165.
[5] Karl Barth, Der Römerbrief, 1. Aufl.v.1922, TVZ 1978, S.324 – 345.
[6] Handbuch der Kirchengeschichte IV, Hg. H. Jedin et. Al, Herder 1967, S. 408.
[7] Reiner Rohloff, Calvin kennen lernen, V&R 2008, S. 87.
[8] Siehe FN 6, S.409 – 436.
[9] Willem F. Dankbaar, Calvin, Siebenstern TB 192, Hamburg 1966/76, S. 92.
[10] Thomas C. Breuer, Deutschland ein Ernstfall, in: Psychologie heute 11/2008, S. 38.
[11] Predestinatio gemina – gemino, Adj. Zum Nomen geminus kann auch „zwillingsgeborener“ heißen. Stowasser!