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Dr. Werner Sonn

Steinhübel 9, 66424 Homburg

 

Theologie und Darwinismus

 

Ein großer, ja überwiegender Teil der Veröffentlichungen und Verlautbarungen in Presse und Fernsehen zum Darwinjahr hat gezeigt, dass die scheinbare Unvereinbarkeit von Darwins Evolutionslehre mit dem biblischen Schöpfungsglauben, die für die Theologie lange kein Problem zu sein schien, im allgemeinen Bewusstsein offensichtlich fortexistiert. Wird doch in vielen der genannten Publikationen wie selbstverständlich die Meinung vertreten, dass Darwin mit dem Nachweis der natürlichen Entwicklung der Lebensformen nicht nur die biblischen Schöpfungserzählungen sondern auch den Schöpfungsglauben überhaupt widerlegt, zumindest überflüssig gemacht habe.

 

Auf der anderen Seite zeigen die relativ wenigen theologischen Stellungnahmen häufig, dass man sich mit einer vorbehaltlosen Zustimmung zur Interpretation der Evolution im Sinne Darwins schwer tut. Scheint sie doch die Wunder der Lebensformen, wenn nicht gar des Lebens selbst, auf eine Summe von Zufällen in der Veränderung des Erbguts zurückzuführen, die einzig durch das Prinzip der Selektion, die Ausscheidung des zur Selbsterhaltung Unfähigen, stabilisiert und gerichtet werden.

 

In der Tat muss man kein Fundamentalist sein, um davor zurückzuschrecken. Und es scheint verständlich und kann nicht von vornherein als reaktionär oder wissenschaftsfeindlich angesehen werden, dass sich in den USA unter biologischen Fachleuten eine ganze Richtung gebildet hat, die gegenüber dem darwinistischen Zufallsprinzip den Gedanken eines „intelligent design“, eines geistigen Plans, zur Geltung zu bringen sucht, ohne welchen die unbestreitbar wundervolle Ordnung der lebendigen Organismen nicht erklärbar erscheint.

 

Allerdings scheint der Darwinismus solchen Einwänden gegenüber immer insofern überlegen zu sein, als was wirklich ist, auch möglich gewesen sein muss, d.h. jede Stufe der Entwicklung in einem vorhergehenden Zustand den Grund der Möglichkeit haben muss, sich also grundsätzlich keiner rein kausalen Erklärung entziehen kann. Muss dies nicht selbst für das bislang ungelöste Rätsel der Entstehung der ersten Organismen oder irgendeiner anzunehmenden Urzelle der Fall sein, für die es ja eine Möglichkeit in der Natur gegeben haben muss, so unwahrscheinlich ihre Verwirklichung auch erscheinen mag? Jedenfalls wird man es der Forschung weder verbieten noch übelnehmen können, wenn sie in dieser Richtung fragt oder Überlegungen anstellt.

 

Freilich verlegt der Darwinismus bzw. die Evolutionslehre dabei das Rätsel der wunderbaren Organisation der Lebensformen oder der Erscheinungen des Lebens nur in oder vor den Anfang des Kosmos zurück, in dem in irgendeiner Weise schon der Plan oder, weniger anthropomorph gesprochen, der Ermöglichungsgrund dafür schon enthalten gewesen sein muss. Insofern entbehrt das Triumphgefühl darüber, dass alles auf natürliche Weise zugegangen und natürlich erklärbar sei, das in Presse und Fernsehen anlässlich des Darwinjahres häufig zum Ausdruck gebracht wurde, eigentlich jeder Grundlage. Denn das Rätsel bzw. das Wunder, das die Natur dazu befähigt, die Fülle und Schönheit der auf komplizierteste Weise in sich sinnvollen Lebensformen hervorzubringen, bleibt ja in jeden Fall bestehen, und insofern gilt nach wie vor das Wort Goethes:

 

Geheimnisvoll am lichten Tag

läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,

und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,

das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

 

Im Übrigen braucht der Darwinismus als rein naturwissenschaftliche Lehre und Methode die Idee eines Schöpfungsplans keineswegs abzulehnen, sowenig wie eine teleologische Betrachtungsweise im Sinne der Aristotelischen Entelechie als Formprinzip des Organismus. Er scheidet beides nur für seine rein kausale Frageweise aus, indem er derselben Methode folgt, mit der Galilei der von den scholastischen Philosophen und Theologen zur Erklärung der Bewegungsvorgänge herbeigezogenen Substanzen – als Wesenheiten, aus denen sich das Verhalten der Körper ergeben sollte – nicht etwa leugnete, sondern für unerkennbar und für die Physik unbrauchbar hielt. Was nach ihm Leibniz nicht hinderte, den Gedanken der mittelalterlichen Substanzlehre in der Form seiner Monadenlehre erneut aufzugreifen, ohne damit in Widerspruch zur modernen Physik zu geraten.

 

Nimmt man hinzu, dass sich die nur subjektiv wahrnehmbaren Phänomene des Lebens wie Empfindung, Gefühl, Trieb oder Geist der naturwissenschaftlichen Beobachtung und Erklärung entziehen – insofern man sie nicht einfach in materialistischer Weise mit Gehirnvorgängen gleichsetzt oder als bloße Epiphänomene wegerklärt – so ist in keiner Weise einzusehen, wie sich auf Grund des Darwinismus als rein naturwissenschaftlicher Lehre und Methode irgendwelche Einwände gegen den Schöpfungsgedanken erheben lassen. Darüber hinaus ist gegenüber einer naiven Gleichsetzung irgendeiner wissenschaftlichen Theorie oder Erkenntnis mit der Wirklichkeit an sich mittels einer einfachen philosophischen Überlegung daran festzuhalten, dass wir es nie mit der Wirklichkeit an sich, sondern immer nur mit ihrer Erscheinung-für-uns zu tun haben, mithin auch bei unserer Sicht der Evolution letztlich nur mit einem Reflex der Schöpfung in unserem Bewusstsein.

 

Diese Überlegung erlaubt es uns, auch zu einer häufig mit dem Darwinismus verbundenen Überzeugung, nämlich der absoluten Determiniertheit allen Geschehens, der zwar nicht mit dem Schöpfungsgedanken, wohl aber mit dem Glauben an eine göttliche Lenkung und Regierung des Weltgeschehens konkurrieren müsste, Stellung zu nehmen. Wie bei der Vorstellung der Welt als eines allumfassenden Ganzen, deren Antinomien Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ aufgewiesen hat, handelt es sich auch bei dem Gedanken der absoluten Determiniertheit aller Vorgänge um eine bloße Idee, deren Selbstwiderspruch darin erkennbar wird, dass sich hinter jeden als Anfang einer Kausalreihe angenommenen Zustand zurückfragen lässt, wobei sich eine endlose Reihe ergibt, die dennoch zu jedem Zeitpunkt als abgeschlossen gelten soll. Der Widerspruch löst sich, wenn wir im sog. Kausalgesetz kein Seinsgesetz, sondern eine bloße Denkregel sehen, mittels derer wir die nie im Ganzen zu überschauenden Erscheinungen in der Zeit zu ordnen versuchen, wobei sich wohl eine Bestimmtheit der Ereignisse durch zeitlich vorausgehende, aber nie eine totale Bestimmung ergibt, da jede kausale Begründung wiederum auf eine endlose Reihe von Gründen hinführt. Woraus erhellt, dass es sich auch bei der Anwendung des sog. Kausalgesetzes nur um unsere Sichtweise handelt und mithin auch nur um einen Reflex der göttlichen Lenkung aller Dinge in unserem Bewusstsein, sofern wir an eine solche zu glauben bereit sind.

 

Es versteht sich dabei, dass die Wirksamkeit Gottes nicht irgendwo innerhalb der Kausalreihe oder an ihrem – bloß fiktiven – Anfang zu suchen ist, sondern als die außerzeitliche Erstursache zu denken ist, die jeder zeitlichen Ursache vorausliegt und jeder Folge vorangeht und sich in der Erscheinungswelt für uns in der Weise von zeitlich vorangehenden Gründen und zeitlich folgenden Wirkungen darstellt.

 

Dagegen dürften sich weder vonseiten des Darwinismus noch irgendeiner anderen wissenschaftlichen Lehre oder Theorie irgendwelche Einwendungen machen lassen.

 


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