Dr. Stefan Meißner
Im Schloßgarten 10, 76872 Minfeld |
In den letzten Jahren sehen sich die
Religionen, insbesondere die drei großen monotheistischen Religionen Judentum,
Christentum und Islam, in den Medien immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, dass sie mit ihrem
Wahrheitsanspruch der Gewalt Vorschub leisten. Unmöglich kann hier auf diese
mittlerweile weitverzweigte Diskussion in dieser Sache eingegangen werden.
Beabsichtigt sind lediglich zwei Schlaglichter auf das Judentum, wo es bereits
lange vor der Aufklärung eine gewisse Toleranz gegenüber Andersgläubigen gab,
auch wenn der Begriff erst viel später die heutige Bedeutung annahm. Die
entscheidenden Impulse kommen aus dem rabbinischen Schrifttum und wurden leider
bisher, vielleicht wegen der unübersichtlichen Quellenlage, viel zu wenig zur
Kenntnis genommen. Der zweite Teil dieses Beitrags kreist dann um einen
Vorreiter neuzeitlicher Toleranz: Moses Mendelsohn, den G. E. Lessing in der
Figur des Nathan zum Inbegriff der auch von ihm propagierten Vernunftreligion
stilisiert hat. Der Blick auf diese Strömungen im Judentum mag ein Hinweis
darauf sein, dass das Judentum durchaus nicht in Partikularismus oder gar
Fanatismus erstarrt ist, wie das zuweilen auch in christlichen Publikationen zu
lesen ist. Das Judentum vermag vielmehr
einen wertvollen Beitrag zu leisten für eine aufgeklärte Variante von
Religiosität, wie sie die Welt heute mehr denn je Not tut.
Toleranz ist ein neuzeitlicher Begriff. Insofern mutet es
wie ein Anachronismus an, wenn wir zu Beginn unserer Untersuchung nach den
Wurzeln des Toleranzgedankens im biblischen und rabbinischen Schrifttum fragen.
Aber wir dürfen uns nicht zu sehr an den Begriff klammern. Diesen gibt es zwar
schon in der Antike (lat.: „tolerantia“, von: „tolerare“ = dulden, ertragen),
freilich nicht in der heute geläufigen Bedeutung. Zunächst geht es in den
lateinischen Quellen um das Erdulden des Winters, des Kriegsdiensts oder der
Steuern. Erst im Schrifttum der Kirchenväter wird der Begriff auch auf andere
Religionen angewendet, ohne dass diesen damit ein gleicher Rang eingeräumt
worden wäre. Erst die Aufklärung hinterfragt den alleinigen Wahrheitsanspruch
der Religionen und ermöglicht damit erstmals so etwas wie ein egalitäres
Nebeneinander verschiedener Glaubensentwürfe in Europa. Doch bevor wir das
Judentum zur Zeit der Aufklärung näher in den Blick nehmen, wollen wir (wie
gesagt) zunächst das klassische jüdische Schrifttum (v.a. Talmud und Midrasch)
in den Blick nehmen. Hier finden sich, auch wenn der Begriff der Toleranz noch
fehlt, doch schon Ansätze zu einer positiven Sicht der Glaubensüberlieferung
der nichtjüdischen Menschheit. Das gilt es festzuhalten, auch wenn das Judentum
wie alle monotheistischen Religionen anfällig für Unduldsamkeit und Intoleranz
war und ist.
1. Das Gewaltpotential der „mosaischen Unterscheidung“
Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann hat in mehreren
Büchern (zuletzt in: „Die mosaische Unterscheidung“, München 2003) die These
aufgestellt, der exklusive Monotheismus, der untrennbar mit dem Name des Mose
verbunden ist, habe sich historisch nur um den Preis von Intoleranz und
religiösem Fanatismus durchsetzen können. Oder einfacher ausgedrückt: Der
Glaube an den einen Gott, der unbedingten Gehorsam fordert, birgt ein
gefährliches Gewaltpotential gegen alle Verehrer anderer Götter. Sie werden mit
dieser „mosaischen Unterscheidung“ zwischen richtiger und falscher Religion zu
Götzendienern und damit zu Feinden Gottes.
2. Der eifernde Gott der Bibel
Ein Blick in die hebräische Bibel der Juden, unser Altes
Testament, scheint dieses negative Bild zunächst zu bestätigen. Das erste Gebot
verlangt kategorisch: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ und die
Warnung vor einem Bruch dieses Gebots klingt drohend: „denn ich, der HERR, dein
Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins
dritte und vierte Glied“ (Ex 20, 5). Ist es da nicht naheliegend, dass die
Menschen, die diesen „eifernden“ Gott verehren, selbst auch zu religiösen
Eiferern, zu gewaltbereiten Fanatikern werden? Schaut man dann in die Exodus-
und Landnahmeüberlieferungen Israels, scheint sich dieses düstere Bild vollends
zu bestätigen: Da wird der „Bann“ vollstreckt an jeder eroberten kanaanäischen
Stadt, d.h. alles menschliche und tierische Leben muss vollständig vernichtet
werden, um so diese Stadt vom Götzendienst zu säubern.
„Und Josua überwältigte Amalek und sein Volk durch
des Schwertes Schärfe. Und der Herr sprach zu Mose: ... Ich will Amalek unter
dem Himmel austilgen, dass man seiner nicht mehr gedenke.“ (Ex 17,13f.)
Weil es im
Judentum nur einen Gott gibt, kann es
auch nur eine Wahrheit geben. Das
hatten auch die 400 Baalspriester auf dem Karmel zu spüren bekommen, die der
Profet Elia eigenhändig abschlachtete, mit den Worten auf den Lippen: „Der Herr
ist Gott, der Her ist Gott!“ (1 Kör 17, 39).
Diese Texte, die bedenkenlos Gewalt gegen
Andersgläubige zu legitimieren scheinen, klingen für neuzeitliche Ohren
anstößig. Geben sie einem Wissenschaftler wie Assmann nicht Recht, wenn er
diese Traditionen als eine schwere Hypothek für unsere Zivilisation bezeichnet?
3. Notwendige Korrekturen
Man kann immerhin einwenden, dass nach den
Erkenntnissen der neueren Geschichtsforschung die Landnahme Israels (entgegen
der biblischen Darstellung) über weite Strecken eher als friedliche
Infiltration denn als Eroberungsfeldzug stattfand. Es bleibt zwar das
Skandalon, dass hier der Mord an den Ungläubigen, den „Götzendienern“, religiös
legitimiert wurde, aber vielleicht tröstet es ein wenig, dass es mehr um (in
die Vorgeschichte zurückprojizierte) Gewaltphantasien als um tatsächlich
ausgeübte Gewalt geht.
Man muss zweitens zu bedenken geben, dass der kriegerische
Aspekt der alttestamentlichen Landnahmetraditionen von den Rabbinen, also den
späteren Schriftgelehrten des klassischen Judentums, deutlich entschärft wurde.
Nach diesen ging es damals weniger um die Vertilgung der kanaanäischen
Urbevölkerung, sondern um die Verständigung mit ihnen (bSchab 33a). Und
tatsächlich bewahrt die Bibel auch die Erinnerung an Vertragsschlüsse zwischen
den Ahnvätern Israels und den nichtjüdischen Völkern im Land, etwa bezüglich
der Weide- und Wasserrechte. Israel habe sich das Land also nicht nur erobert,
sondern auch auf ganz friedlichem Wege zu Eigen gemacht.
Den wichtigsten Hinweis zu einer Apologie des Judentums
hinsichtlich der ihm innewohnenden Gewaltbereitschaft gibt aber Jan Assmann
selbst: Der Heidelberger hebt das Judentum von den beiden anderen großen monotheistischen
Religionen ab, indem er als das eigentlich Gefährliche den universalen Anspruch
von Christentum und Islam ansieht. Dieser Anspruch auf weltweite Geltung habe
eine vereinnahmende Tendenz, die dem Judentum als einer Religion der Selbstausgrenzung
(Mosaische Unterscheidung, S. 30) abgehe. Ergebnis: Während Christentum und
Islam es immer auf die Bekehrung der „Ungläubigen“ abgesehen hätten, zur Not
„mit Feuer und Schwert“, erwarte das Judentum eine Bekehrung der Heiden
allenfalls für die messianische Endzeit – und zwar als alleiniges Werk Gottes
und nicht von Menschen. Wo aber kein missionarischer Eifer vorhanden ist, weil
Gott am Ende der Tage der Völkerwelt schon selbst die Augen öffnen werde, da
entfällt auch die Notwendigkeit mit Gewalt gegen Angehörige anderer Religionen
vorzugehen.
Es ist also bei genauerem Hinsehen weniger der Monotheismus
an sich, der ein Gewaltpotential in sich birgt, sondern ein Monotheismus, der
gepaart ist mit dem Anspruch auf universale, also weltweite Geltung.
1. Der Gerechte unter den Völkern
Das Judentum war und ist bis heute (von wenigen Ausnahmen
abgesehen) keine missionierende Religion. Das liegt u.a. daran, dass Jude-Sein
nicht nur eine Religionszugehörigkeit ist, sondern zugleich die Zugehörigkeit
zu einem Volk. Diese ethnische Komponente des Judentums macht die Konversion
zum Judentum zwar nicht unmöglich, aber doch problematisch. Es ist weniger so,
dass der potentielle Proselyt als einer Bekehrung unwürdig betrachtet wird.
Freilich kennt der Talmud auch Vorbehalte gegen Heiden, die sich vorschnell und
ohne reifliche Überlegung dem Judentum anschließen. Denn die Erfahrungen mit
manchen Konvertiten, die mit den Grundbegriffen des Judentums nicht richtig vertraut
waren, waren oft negativ. Es waren aber weniger diese Vorbehalte gegenüber
konvertierten Heiden als die ehrliche Überzeugung, dass nichtjüdische Menschen
einer Bekehrung gar nicht bedürfen.
Ein rabbinischer Grundsatz besagt: „Es gibt
Gerechte unter den Völkern der Welt“, was so viel heißt wie: Um in den Himmel
zu kommen, um das Reich Gottes zu erben (oder wie auch immer man das
eschatologische Heil metaphorisch umschreiben mag), muss man nicht erst Jude
werden. Es gibt auch für Angehörige anderer Völker und Religionen eine Chance
auf Rettung. Dieser Grundsatz, der dem modernen Begriff der Toleranz schon
ziemlich nahe kommt, gilt freilich nicht bedingungslos, sondern ist geknüpft an
das Befolgen der Tora. Das veranschaulicht ein rabbinischer Midrasch (erzählende
Toraauslegung) zu Lev 18,5: „Ihr sollt meine Satzungen und Vorschriften
beachten; der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben.“ Weil es in diesem
Satz „Mensch“ und nicht „Jude“ oder „Israelit“ heißt, kommen die rabbinischen
Ausleger zu dem weitreichenden Schluss: „Sogar ein Nichtjude, der die Tora tut,
ist wie ein Hohepriester!“ (Sifre Lev; vgl. bBaba Kamma
38b).
2. Die Noachidischen Gebote
Doch wie viel Tora ist einem Nichtjuden zur
endzeitlichen Rettung nötig? Diese Frage war lange Zeit Gegenstand heftiger
Auseinandersetzungen in den jüdischen Lehrhäusern. Eines aber war allgemein
anerkannt: Ein Heide, der das Reich Gottes erben will, muss nicht alle 613 Ge-
und Verbote der Sinai-Tora halten. Diese Offenbarung gilt nach verbreitetem
jüdischem Verständnis nur dem Volk Israel, für Heiden genügt es hingegen,
einige wenige Minimalanforderungen zu erfüllen. Diese Minimalanforderungen, die
im klassischen jüdischen Schrifttum ausführlich diskutiert wurden, hat man
zusammengefasst in den sog. „Noachidischen Geboten“.
Welche Gebote zu den „Noachidischen Geboten“
hinzu gehören, war lange umstritten. in der bekanntesten Fassung von bSan 56a/b
enthält sie 6 Verbote und ein Gebot: Die Verbote von Götzendienst, Mord,
Unzucht, Blasphemie, Raub und Brutalität gegen Tiere werden ergänzt durch das
Gebot, Gerichtshöfe einzusetzen. Diese Regelungen, die teilweise von der
biblischen Sintflutgeschichte (bes. Gen 9,4-6) hergeleitet werden, werden als
Anweisungen Gottes an die Nachkommen Noahs, also faktisch an die ganze
Menschheit, verstanden. Wer sie beachtet, ist in den Augen der Rabbinen ein
„gerechter Heide“ und hat als solcher Anteil an der kommenden Welt. Er muss
nicht erst zum Judentum übertreten.
3. Streit zwischen Brüdern
Man muss freilich sagen, dass diese tolerante
Haltung gegenüber Nichtjuden nicht zu jeder Zeit Allgemeingut war. Natürlich
kennt der Talmud auch Stimmen, die die Heiden als von Gott verworfen ansehen.
Das römische Weltreich, das dem antiken Judentum als Innbegriff von
Sittenlosigkeit und Gottlosigkeit galt, wird häufig mit den Chiffren „Edom“
oder „Esau“ belegt. Diese Namen erinnern an den erbitterten Streit der beiden
Isaaksöhne Jakob und Esau um das väterliche Erbe (Gen 32+33). Während sich die
Juden vom Stammvater Jakob herleiten, weshalb dieser auch den Beinamen „Israel“
(= „Gotteskämpfer“) bekam, wurden die heidnischen Völker in die genealogische
Linie Esaus gestellt, der schon in der Bibel als Vorfahre der den Juden
verhassten Edomiter gilt.
Als nach der Konstantinischen Wende (313)
das Römische Reich christlich wurde, wurde zeitweise auch dem Christentum das
Schimpfwort „Esau“ oder „Edom“ beigelegt. Diese Negativsicht rührt natürlich
nicht zuletzt von den schlechten Erfahrungen her, die man mit den Christen
machte, seitdem deren Antijudaismus über die entsprechenden Machtmittel
verfügte, um nun voll geschichtsmächtig zu werden. So war das christl.-jüd.
Verhältnis lange auf diese Typologie „Jakob-Esau“ reduziert, was natürlich
wenig positive Ansätze für einen Dialog bot.
Ähnliches passierte übrigens auch im
Verhältnis zum Islam. Hier waren es die Geschichten von Isaak und Ismael, die
zur Interpretation des Geschwisterstreits der beiden Religionen herangezogen
wurden. Ismael, der Sohn der Sklavin Hagar, wird nach jüdischer Überlieferung
von seinem Vater „in die Wüste geschickt“, wo er angeblich zum Stammvater der
Araber wurde. Der jüngere Sohn Isaak, ein Spross von Abrahams Lieblingsfrau
Sara, erbt den väterlichen Segen und wird so zum Vorläufer des späteren Volkes
Israel (Gen 16; 21,8ff.). Es sei nur am Rande erwähnt, dass dieser Erzählkreis
sich auch im Koran findet, freilich unter genau umgekehrten Vorzeichen: Hier
ist Ismael der Erbe der Verheißung und Isaak geht leer aus.
Erschwerend für eine positive Sicht des
Judentums auf das Christentum war und ist teilweise bis heute die Tatsache,
dass das Christentum mit seiner Trinitätslehre den jüdischen Monotheismus
verwässert zu haben scheint. So wird gelegentlich auch gegen Christen der
Vorwurf des „Götzendienstes“ erhoben, was daher rührt, dass diese neben Gott
dem Vater noch zwei andere göttliche „Hypostasen“ (= Erscheinungsweisen)
kennen: den Sohn und den Hl. Geist. Damit verstieße das Christentum, streng
genommen, gegen eines der Noachidischen Gebote (nämlich dem Verbot von
Götzendienst) und wäre damit aller genannten Heilszusagen verlustig gegangen.
Es sei wiederum nur angedeutet: Mit dem Islam hat man jüdischerseits jedenfalls
an diesem Punkt keine Probleme, hat dieser doch immer die Differenz zwischen
Allah und seinem Boten Mohammed festgehalten.
Was man dem Christentum im Judentum stets
zugute gehalten hat, war sein Eintreten für das biblische Ethos der
Gerechtigkeit und des Friedens, mit dem er (jedenfalls nach Ansicht einiger
jüdischer Autoritäten) das Reich Gottes vorzubereiten geholfen hat. So sieht
man sich, Christen und Juden, verbunden in der gemeinsamen Aufgabe einer
„praeparatio messianica mundi“ (= Vorbereitung der Welt auf das Kommen des
Messias). Oder mit den Worten des großen jüdischen Religionsphilosophen Martin
Buber: „Erlösung Israels und Erlösung
der Völker sind nur verschiedene Stadien der einen großen erlösenden Handlung
an der Menschheit“ (Im Dialog, Bd 4, Kirche und Synagoge, München 1996, S.17).
Umstritten ist freilich bis heute, ob der Messias, dessen Weg man da durch das
eigene Tun vorzubereiten hilft, derselbe ist, der schon einmal da (so die
Christen) war oder ob man noch auf einen anderen warten muss (so die Juden).
4. Zusammenfassung (I)
Etwas vergröbernd kann man die bisherige
Diskussion vielleicht so zusammen fassen: Es gibt im Verhältnis zu den anderen
monotheistischen Religionen im Wesentlichen zwei Denkmodelle: 1.) Ein stärker
universalistisches, das man mit dem Stichwort des „gerechten Heiden“
beschreiben könnte, der die „Noachidischen Gebote“ hält. 2.) Ein mehr
partikularistisches Denkmodell, das mit den Typologien „Jakob-Esau“ bzw.
„Isaak-Ismael“ umschrieben wurde. Welches der beiden Modelle im Laufe der
Jahrhunderte jeweils zum Tragen kam, war nicht zuletzt von den konkreten
geschichtlichen Erfahrungen des jüdischen Volkes abhängig. In Zeiten guter
Beziehungen und gelingender Integration dominierte tendenziell das
universalistische Denkmodell, während in Zeiten der Verfolgung und
Diskriminierung der Partikularismus überwog.
1. Der erste aufgeklärte Jude – Moses Mendelssohn
Diese theologischen Vorgaben aus dem klassischen jüdischen
Schrifttum beeinflussten auch jenen Mann, der nach weit verbreiteter Auffassung
dem G. E. Lessing als Vorlage für die Hauptfigur seines Dramas „Nathan der
Weise“ (1789) gedient hat. Gemeint ist der am 6.9.1729 in Dessau geborene Jude Moses Mendelssohn, der als der bedeutendste
Wegbereiter der jüdischen Aufklärung gilt.
Der Vater Mendessohns, der als Schulklopfer und
Toraschreiber seinen Lebensunterhalt verdiente, vermittelte seinem Sohn eine
traditionelle jüdische Ausbildung. Schon mit fünf Jahren beherrschte Moses die
hebräische Sprache und konnte die jüdische Bibel im Urtext lesen, mit sechs
Jahren schickte ihn sein Vater zum Rabbiner David Fränkel, der ihn in das
klassische jüdische Schrifttum einführte.
Bereits in Dessau machte Mendelssohn Bekanntschaft mit den
Werken des Moses Maimonides. Dieser aus Cordoba stammende (geb. 1135)
mittelalterliche Gelehrte, der als Leibarzt des Sultans Saladin in Kairo
arbeitete, war es mit den Mitteln der aristotelischen Philosophie gelungen,
Vernunft und Offenbarung in Einklang zu bringen. Von ihm lernte Mendelssohn
bereits früh die Unterscheidung zwischen den Torageboten, deren
Notwendigkeit unmittelbar jedermann evident ist (mischpatim), und
solchen Vorschriften, deren Sinn sich nicht unmittelbar aus der menschlichen
Vernunft ergibt und die man als Jude allein aufgrund der Autorität der Schrift
befolgt (chukkim). Diese Lehren des Maimonides verband Mendelssohn
später mit einem aufgeklärten Naturrechtsdenken, wonach die Grundsätze des
sittlichen Handelns dem Menschen allgemein einsichtig sind – und zwar ohne
Zutun einer göttlichen Offenbarung, sondern allein aufgrund der dem Menschen
geschenkten Vernunft.
Als David Fränkel 1743 als Oberlandesrabbiner nach Berlin
berufen wurde, folgte ihm sein Schüler Mendelssohn bald in die aufstrebende
Metropole an der Spree nach. Berlin hatte damals etwa 100.000 Einwohner, davon
vielleicht 2.000 Juden. Hier fand Mendelssohn aufgrund der Fürsprache seines
Lehrers Aufnahme bei dem Seidenfabrikanten Isaak Bernhard, in dessen
Seidenfabrik er zunächst als Buchhalter, später als Mitinhaber arbeitete. Trotz
der großen Gelehrsamkeit, die er sich nicht nur im Judentum, sondern nach und
nach auch in den weltlichen Wissenschaften erworben hatte, kam er nie über den
Status eines Schutzjuden hinaus. Überhaupt ist es ein Paradox, dass die
jüdische Aufklärung ausgerechnet hier im Berlin Friedrichs II. zum Durchbruch
gelangte. An der Aufgeschlossenheit des Monarchen gegenüber dem Judentum lag es
sicherlich nicht. Trotz seines bekannt gewordenen Grundsatzes, dass in seinem
Reich jeder nach seiner Facon selig werden könne, hielt er die Juden unter
straffer staatlicher Kontrolle. Michael Graetz spricht im Blick auf das Preußen
jener Zeit zu Recht von einer „argwöhnische(n) Politik der Bevormundung der
Juden“ (Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd.1, 252). Es hat sicher
auch mit der Religionszugehörigkeit Mendelssohns zu tun, wenn Friedrich
höchstpersönlich Mendelssohns Aufnahme in die königliche Akademie der
Wissenschaften verhinderte, die ihm aufgrund seiner Verdienste angetragen
worden war.
Obwohl die rechtlichen Rahmenbedingungen also alles andere
als günstig waren, gelang in Berlin vielen gelehrten Juden der
gesellschaftliche Aufstieg als private Hauslehrer bei wohlhabenden
Kaufmannsfamilien. Das meist liberal gesinnte, wirtschaftlich aufstrebende
Bürgertum ermöglichte Leuten wie Mendelssohn die gleichberechtigte Aufnahme in
wissenschaftliche und literarische Sozietäten (wie das „gelehrte Kaffeehaus“
oder der „Montagsclub“), wo das aufklärerische Gedankengut Verbreitung fand.
Hier festigte sich der Ruf Mendelssohn als eines großen Denkers, aber auch als
eines moralisch vorbildlichen Menschen, der die alten antijüdischen Vorurteile
Lügen zu strafen schien.
2. Einflüsse auf Lessing
Es geschah in einem dieser gelehrten Zirkel, dass
Mendelssohn zum erstenmal auf den Schriftsteller G. E. Lessing traf. Einer
Legende nach soll ein Schachspiel am Anfang dieser lebenslangen Freundschaft
gestanden haben. Mit Lessing, der sich von 1748 bis 1755, von 1758 bis 1760 und
dann noch einmal 1765 bis 1767 in der Spreestadt aufhielt, stand er in einem
ständigen geistigen Austausch über ästhetische, moralische und literarische
Fragen.
Bereits 1749 hatte Lessing ein Lustspiel mit dem Titel „Die
Juden“ geschrieben, in dem als Hauptperson ein gebildeter und moralisch
vorbildlicher Jude auftritt. Bereits hier zeigt sich, wohl noch ohne
Beeinflussung durch Mendelssohn das Engagement Lessings für Toleranz gegenüber
den Juden und für deren bürgerliche Gleichstellung. Als er 1779 „Nathan der
Weise“ verfasste, hatte er zweifelsohne das lebendige Beispiel Mendelssohns vor Augen. Der Gedankenaustausch
der beiden Gelehrten mündete 1755 in der Veröffentlichung einer gemeinsamen
Schrift mit dem Titel „Pope ein Metaphysiker“, in dem die beiden Autoren den
Leibnitz´schen Optimismus gegen seine Widersacher verteidigten.
Der Berliner Verleger Friedrich Nicolai
legte in einem seiner Briefe Zeugnis ab von den fast täglichen Zusammenkünften,
bei denen die drei Männer „die Wahrheit lebhaft suchten, nur um der Wahrheit
willen, nicht etwa um mit Neuerungen zu glänzen. Lessing dachte über die
damalige Literatur ebenso wie ich. Da wir fast täglich beisammen waren, so
kamen wir immer wieder auf eben die Gedanken zurück, welche sich durch
beständige Erörterung immer mehr entwickelten, besonders durch unseren lieben
Moses, der bei uns war wie bei den alten Schauspielen der Chor. Er war gewöhnlich
unserer lebhaften Dispute kaltblütiger Zuhörer und zog unvermutet und wenn wir
noch weit vom Ziele zu sein glaubten, ein treffendes Resultat, das uns alle
befriedigte“ (zit. nach H. Knobloch, Der Jude Moses in Berlin, Berlin, 5. Aufl.
1989, S. 122).
3. Natürliche und offenbarte Religion
Diese Äußerung belegt den großen Einfluss, den Mendelssohn
in dieser Zeit auf Lessing hatte. Als Aufklärer verfochten beide die Idee einer
„natürlichen Religion“, nach der es eine Reihe von allen Menschen gemeinsamen
„ewigen Wahrheiten“ gibt. Zu ihnen gehören u.a. die Existenz und Einheit
Gottes, aber auch die Unsterblichkeit der menschlichen Seele – ein Thema, dem
sich Mendelssohn im „Phädon“ (1767), seinem bedeutendsten Buch, gewidmet hat.
Diese Wahrheiten sind jedem Menschen durch die Vernunft einsichtig und gelten
deshalb universal. Neben diesen Vernunftwahrheiten gibt es aber noch
Glaubenssätze, die ihre Geltung einem Offenbarungsakt verdanken. Offenbarung
aber wendet sich immer an eine bestimmte Menschengruppe, ist also partikular,
d.h. von Volk zu Volk und von Religion zu Religion verschieden. Diesen
offenbarten Wahrheiten fehlt die unmittelbare, intuitive Überzeugungskraft der
natürlichen Vernunftwahrheiten. Lessing ist sich deshalb mit Mendelssohn darin
einig, dass solche „zufällige(n) Geschichtswahrheiten“ nie der Beweis von
„notwendigen Vernunftwahrheiten“ werden können (G. E. Lessing, Beweis des
Geistes und der Kraft, SW 13, S. 5,7).
Wenn aber keine der großen Weltreligionen
eine der „natürlichen Religion“ vergleichbaren Wahrheitsanspruch erheben kann,
ist klar, dass man sich dem Andersgläubigen gegenüber nicht anders verhalten
kann als eben „tolerant“. Weil ich allenfalls „glauben“, aber nicht letztlich
„wissen“ kann, ob mein Glaube der richtige ist, kann ich nicht anders, als dem
Anderen sein Anders-Sein zuzugestehen. Wenn es denn überhaupt einen Beweis für
die Richtigkeit der eigenen Religion gibt, dann ist es der Beweis der guten
Tat. Spätestens hier erkennen Sie die Denkfigur wieder, die uns auch in der Ringparabel
entgegen tritt: Keiner der Söhne kann die Echtheit des väterlichen Ringes für
sich reklamieren. Der Wahrheitsanspruch erweist sich allenfalls im Handeln des
Menschen, der das Gute tut.
4. Der Primat des Tuns vor dem Glauben
Nun wissen wir, dass das Motiv der
Ringparabel in Europa bereits einige Jahrhunderte vor Lessing auftaucht. Am
bekanntesten ist die Fassung aus Boccaccios „Decamerone“ (14. Jahrhundert),
mitunter wird auch vermutet, dass es islamische Quellen für die Ringparabel
gibt. Trotzdem passt wunderbar, dass Lessing die Parabel in den Mund des weisen
Juden Nathan legt. Die Vorordnung des Tuns vor das Glauben, der Ethik vor die
Dogmatik, ist schon immer ein Wesenzug des Judentums gewesen. Im Christentum
waren es zumeist theoretische Glaubensfragen, die zwischen Ketzern und
Rechtgläubigen unterschieden: etwa ob Jesus Christus eine oder zwei Naturen
besitze, ob der Vater mit dem Sohn „wesenseins“ oder nur „wesensähnlich“ sei
etc. Im Judentum hingegen gab es schon immer ein breites Spektrum an
Glaubensvorstellungen, einen innerjüdischen Pluralismus, der stets so lange
toleriert wurde, als man im Handeln, in der „Halacha“, einig war. Oder
vereinfacht ausgedrückt: Im Judentum war nicht die Orthodoxie (= die
„Rechgläubigkeit“) das höchste Ziel, sondern die Orthopraxie (= das rechte, der
Tora entsprechende Tun). Mit diesem jüdischen Grundsatz geht die vom Juden
Nathan vorgetragene Ringparabel völlig konform. Vielleicht ist das mehr als nur
ein Zufall.
Natürlich passt der in der
Ringparabel propagierte Primat des Tuns vor dem Glauben auch in die Zeit der
Aufklärung. Man kann ihn zwanglos auch ohne den Rekurs auf das jüdische Denken
plausibel machen. Wenn aber richtig ist, dass Lessing bei der Abfassung des
Nathan wesentliche Impulse von Moses Mendelssohn aufnahm, dann ist es
naheliegend, die Aufklärung in ihrer spezifisch jüdischen Gestalt für die
Interpretation des Werkes in Anschlag zu bringen.
5. Ein Testfall für die Toleranz:
der Lavaterstreit
Der Toleranz-Gedanke ist uns
heute (zumindest in der Theorie) so geläufig, dass wir leicht übersehen,
welches ideologiekritische Potential er zur Zeit Mendelsohns noch hatte. Dieses
Potential wurde deutlich in dem öffentlich geführten Streit mit dem Schweizer
Theologen Johann Caspar Lavater. Dieser hatte Mendelssohn 1769 ein Exemplar der
von ihm übersetzten „Beweise für das Christentum“ von Charles Bonnet zukommen
lassen mit der Aufforderung, er möge Bonnets Beweise entweder öffentlich
widerlegen oder – wenn ihm das nicht möglich sein sollte – unverzüglich zum
Christentum übertreten.
Vielleicht hatte Lavater den Eindruck
gewonnen, den bereits auch schon die Gralshüter der jüdischen Orthodoxie damals
gewonnen hatten: Dass dieser Mendelssohn dem Christentum in vielen Fragen
bereits so weit entgegen gekommen ist, dass es nur noch eines kleinen Schrittes
bedurfte, dass dieser nun ganz seine väterliche Religion aufgab. Doch diese
Erwartung wurde zurückgewiesen. Mendelssohn dachte gar nicht daran, seinem
Judentum abzuschwören. Er sei und bleibe Jude aus tiefster Überzeugung, schrieb
er in seiner Erwiderung vom 12.12.1769. Und wörtlich teilte er mit: „Die
Meinung, die man von einem Juden hat, wünsche ich durch Tugend und nicht durch
Streitschriften widerlegen zu können“ (zit. bei B. Beuys, Heimat und Hölle,
Reinbek bei Hamburg 1996, S. 588).
Tugend statt Streitschriften, die Praxis
eines gottgeweihten Lebens statt eines theoretischen Streites um die beste
Religion – bereits zehn Jahre vor der Veröffentlichung des „Nathan“ tritt uns
hier das Leitmotiv der Ringparabel in dem öffentlichen Disput zwischen
Mendelssohn und Lavater entgegen. Dass Lessing diesen Streit mitverfolgte, ist
ebenfalls verbürgt durch einen Brief an Nicolai, in dem er fragt: „Was macht
unser Moses? Ich bedauere ihn, dass er von einem Menschen so kompromittiert
wird, von dem er sich seine Freundschaft nicht hätte sollen erschleichen
lassen. Lavater ist ein Schwärmer, als nur einer des Tollhauses wert“ (zit.
nach Knobloch, a.a.O., S. 207).
Mendelssohn verteidigt seine
Religion, indem er betont, was wir Eingangs bereits gehört hatten: „Nach den
Grundsätzen meiner Religion soll ich niemand, der nicht nach unserem Gesetze
geboren ist, zu bekehren suchen“ (ebd.). Weil das Judentum also keine
missionarische Religion ist, deshalb kann es tolerant sein. Auch die Idee der
Noachidischen Gebote führt er an und identifiziert sie mit den Tugenden einer
natürlichen Vernunftethik:
„Alle unsere Rabbinen lehren einmütig, daß die schriftlichen
und mündlichen Gesetze, in welchen unsere Religion besteht, nur für unsere Nation
verbindlich seyen... Alle übrigen Völker der Erde, glauben wir, seyen von Gott
angewiesen worden, sich an das Gesetz der Natur und an die Religion der
Patriarchen zu halten“ (Zitat aus
einem Brief Moses Mendelssohn an Lavater: zit. nach Flusser/Safrai: Das Aposteldekret und die
Noachidischen Gebote, in: Wer Tora vermehrt, mehrt Leben, E. Brocke (hg.),
Neukirchen 1986, S. 173).
Mendelssohn betont, dass ihm als
Juden das Tun der Sinaitora geboten sei, und zwar nicht nur der ethischen,
sondern auch der rituellen Aspekte des Gesetzes. Er gesteht aber ohne weiteres
seinem christlichen Gesprächspartner Lavater zu, dass sein Weg zu Gott nicht
über das Gesetz führt. Jedenfalls nicht über das Gesetz in seiner
partikular-jüdischen Ausprägung, in der es dem Mose am Sinai gegeben wurde. Der
Nichtjude wird nach Mendelssohn lediglich am Maßstab des natürlichen
Sittengesetzes gemessen, der einem vernunftbegabten Menschen ohnehin evident
ist. Der jüdische Philosoph unterscheidet also peinlichst zwischen dem, was ihm
als Juden zu tun obliegt und dem was Menschen anderer Religionen zu tun geboten
ist. Er vertritt also eine Art „Theologie der zwei Heilswege“.
6. Zusammenfassung (II)
Moses Mendelssohn wird zu einem der
wichtigsten Vorkämpfer für die Idee der religiösen Toleranz in der Aufklärung.
Für Lessing war er einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Ideengeber
für seinen „Nathan“. Wie wir gesehen haben, greift er dabei auf Vorstellungen
des klassischen jüdischen Schrifttums zurück, die bereits Ansätze zu einer positiven
Würdigung der nichtjüdischen Menschheit enthielten. Aber auch der große
jüdische Gelehrte des Mittelalters, Moses Maimonides, hat bei Mendelssohn Pate
gestanden mit seiner Unterscheidung von Geboten für das Judentum und solchen
für die ganze Menschheit.
Ich möchte schließen mit einem
weiteren Zitat von Moses Mendelssohn, das den Gedanken religiöser Toleranz
treffend zusammenfasst. Es stammt auch aus der Zeit des Lavaterstreits: „Wir
glauben zwar, unsere Religion sei die beste, weil wir sie für göttlich
halten, aber daraus folgt nicht, daß sie schlechterdings die beste sei. Sie ist
die beste für uns und unsere Nachkommen, die beste für gewisse Zeiten
und Umstände und unter gewissen Bedingungen“ (zit. nach H. Knobloch,
a.a.O., S. 204). Das sind Sätze, wie ich finde, die in einer Zeit um sich
greifenden religiösen Fundamentalismus’ noch längst nicht abgegolten sind.
Der Aufsatz geht in
wesentlichen Teilen auf einen Vortrag zurück, den ich bei der
Fortbildungsveranstaltung „Lessings Nathan im Kontext fächerübergreifenden
Unterrichts“ am 4.10.2004 am Institut für staatl. Fortbildung und
schulpsychologische Beratung in Speyer gehalten habe.
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