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Helmut
Aßmann Herzogstraße 74, 67435 Neustadt/Wstr.-Gimmeldingen |
Seid
fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch unterthan!
Das
wortwörtliche Verständnis dieses Verses aus dem biblischen Schöpfungsbericht
ist prägend geworden für den Weltumgang des christlichen Abendlandes. Dabei
sind die negativen Auswirkungen nicht zu übersehen: die Ausbeutung der
Ressourcen, der Kolonialismus, Rassismus, Imperialismus und der Säkularismus.
Alle diese negativen Auswirkungen legen eine Hinterfragung des wortwörtlichen
Verständnisses des biblischen Textes nahe, wie sie z.B. durch eine
überlieferungskritische Textanalyse geschehen kann.
Eine solche
soll hier vorgelegt werden. Dabei gehe ich aus von der Beobachtung, dass es
sich hier um einen Segen handelt; denn dem Text voraus geht die wörtliche Rede
Gottes: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen.“
Während in
Gen 1, 22 bei dem gleichen Segen für die Fische und die Vögel die persönliche
Anrede „zu ihnen“ fehlt, redet Gott die Menschen hier persönlich an. Aus diesem
Unterschied las man bisher immer die distinkte stilistische Absicht heraus, den
Menschensegen vom Tiersegen zu unterscheiden. Man überspielte damit die
Tatsache, dass ein Segensspruch bei den Landtieren im Gegensatz zu den Luft-
und Wassertieren gänzlich fehlt. So kam auch bisher niemand auf die Idee, dass
ein späterer Verfasser den ursprünglich auf die Landtiere bezogenen Segen dem
Menschen zugeteilt und ihn durch die persönliche Anrede an ihn gerichtet haben
könnte.
Die
Formulierung in Gen 1,26: Lasset uns Menschen machen als unser Bild, uns
gleich, um zu herrschen über die Fische im Meer, die Vögel unter dem Himmel und
alles, was auf Erden kriecht und fliegt, wird als Wortbericht im Gegensatz zu
dem in Vers 27 folgenden Tatbericht bezeichnet in der hebräischen Verbform des
Kohartativ, der Selbstaufforderung Gottes. Der Plural an dieser Stelle
befremdet, kommt aber auch in Gen 3,22, also in einem Text vor, der einem
anderen Verfasser nämlich dem Jahwisten zugeschrieben wird. In diesem Text steht
am Anfang auch eine Menschenschöpfung. Ihr fehlt aber der Wortbericht vor dem
Tatbericht. Letzterer lautet: „Da machte Gott den Menschen aus Erde vom Acker
und blies ihm den Atem des Lebens in seine Nase. Da wurde er eine lebendige
Seele“ (Gen 2,7).
Stellt man
diesem Vers die Formulierung aus Gen 1,26 a voran, so haben wir einen Wort- und
einen Tatbericht und somit einen vollständigen Bericht einer Menschenschöpfung.
Wir entnehmen also der Menschenschöpfung der Priesterschrift den Vers 26 a und
den Vers 28 a, den Segen, der ans Ende von 1, 25 b gehört. Es bleibt der Vers
27: Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, zum Bild Gottes schuf er ihn,
als Mann und Frau schuf er sie, der eigentliche Tatbericht der
Menschenschöpfung. Dieser Vers gehört nun inhaltlich ganz in den Anfang von Gen
5, 1-5, wo P von der Schöpfung des Menschen im Kontext der Toledot Adams redet.
Sollte es sich hier um die ursprüngliche Stelle handeln, an der P die
Menschenschöpfung überliefert hatte?
In diesem
Fall bleiben von Gen 1, 26 ff lediglich die beiden parallel formulierten
Herrschaftsaussagen in Gen 1, 26 b und 28 b. Ist der Redaktor von J und P
derjenige gewesen, der die Menschenschöpfung in den Schöpfungsbericht von P
eingefügt hat, indem er dazu Materialien aus J und P miteinander verknüpft hat,
so ist er es auch gewesen, der die Herrschaftsaussagen mit der
Menschenschöpfung verbunden hat und so eine geschickte Anbindung an das
vorangegangene siebte Werk geschaffen hat, indem er dem Menschen die Herrschaft
über dies Werk zur Aufgabe gemacht hat, zugleich aber auch die
Gottesebenbildlichkeit des Menschen mit dieser Aufgabe verbunden hat, so dass
der Mensch zugleich als das Bild Gottes sein Ansprechpartner und Gegenüber und Mandatar
und Repräsentant Gottes gegenüber der Schöpfung wurde.
Diese
Dreistufigkeit, derzufolge der Mensch der Natur und Kreatur gegenüber Gott
abbildet, indem er den Auftrag, über sie zu herrschen, wahrnimmt, zugleich aber
Gott gegenüber die Verantwortung für seinen Auftrag wahrnehmen muss, ist für
das Selbstverständnis des Menschen folgenschwer gewesen. In Aufklärung und
französischer Revolution hat der Mensch allerdings seine Freiheit im Gegensatz
zu dem als Monarchen verstandenen Gott behauptet und seinen Herrschaftsauftrag
einseitig als Kampf für die Idee der Freiheit der Nation, der Rasse, der Klasse
oder der Selbstbestimmung des Menschen aufgefasst. Fällt aber die
Menschenschöpfung aus dem Schöpfungsbericht der P heraus, so entfällt auch die
Verbindung von Menschenbild und Herrschaftsaussage und mit ihr eine politische
Theologie, die sich ihrer Herkunft aus der vorderorientalischen Königsideologie
verdankt.
Gott hat
diesem so mit Vollmacht ausgestatteten Menschen seine Zustimmung versagt. Es
ist eine Ironie des Schicksals, dass der Redaktor von J und P es versäumt hat,
dem achten Werk der Schöpfung eine eigene Billigungsformel hinzuzufügen. So
bleibt es bei der abschließenden Billigung für alle Schöpfungswerke, die Gott
in sechs Tagen geschaffen hatte, nota bene: mit Ausnahme des Menschen, der erst
im Nachhinein in das Sechstagewerk eingefügt wurde als eine literarische
Frühgeburt, da der J-Stoff die Menschenschöpfung bereits enthielt und so die
Menschenschöpfung nach P in Gen 5 im Sechstagewerk vorweggenommen werden musste,
um dann wiederum in Gen 5 erneut aufgegriffen werden zu können.
Durch die
so beschriebene textverarbeitende Kompilation ereicht es der Redaktor von J und
P, dass die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und sein Herrschaftsauftrag
gedanklich eine Einheit bilden und damit der theologische Fortschritt gegenüber
den mesopotamischen und ägyptischen Königsideologien, der darin bestand, dass
dem Menschen als Individuum eine Würde verliehen werden sollte, preisgegeben
wurde, indem die Herrschaft des Herrschers nun auf alle verteilt wurde, was dann
im Folgenden im Einzelnen erläutert werden musste. Dies geschieht an zwei
Stellen, die mit einem Herrschaftsauftrag Gottes in Verbindung stehen: der
Herrschaft des Mannes über die Frau in Gen 3.16 b, gemeint ist die Herrschaft
über die Sexualität und der Herrschaft des Menschen über sich selbst,
respektive über seine Sünde, Gen 4,7 a, gemeint ist die Sünde der Aggression.
Diese
psychologische Konstruktion kann so verstanden werden, dass der Mensch erst
durch die Beherrschung seiner Aggression und seiner Sexualität dazu befähigt
wird, über die Erde und die Tiere zu herrschen, d.h. Verantwortung für die
Schöpfung zu übernehmen. Durch Hinzufügungen in die ihm vorgegebenen
Überlieferungen hat es der Redaktor verstanden, das vorgefundene Menschenbild
im Sinn des griechischen Begriffs der Selbstbeherrschung und Selbstbestimmung
umzuformulieren und an die politische Ideologie des ihm vorgegebenen
Menschenbildes anzupassen. Dabei verhängte er Sanktionen im Falle von
Verfehlungen. So fügte er den Fluch über Kain in Gen 4, 11 a in den Kontext des
göttlichen Strafspruchs ein, der ursprünglich gelautet hatte: „Das Blut deines
Bruders schreit zu mir von der Erde, die ihr Maul aufgetan hat das Blut deines
Bruders von deinen Händen zu empfangen.“
Dieser
Fluch, der ursprünglich an anderer Stelle stand, nämlich im Strafwort Gottes
gegen den Menschen, wo er zu ihm sagt: „Verflucht seist du, verflucht sei der
Acker um deinetwillen“, wird vom Redaktor gegen Kain gerichtet, obwohl er ursprünglich
gegen Adam ausgesprochen war. Hierin erkennen wir das juristische Interesse des
Redaktors, der den ungesühnten Mord mit einem Fluch Gottes belegt wissen will,
mit dem eigentlich der Ungehorsam gegen Gottes Gebot belegt werden sollte, mit
dem er dem Menschen geboten hatte, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und
Bösen zu essen. Diese Tat wird dagegen in unmittelbaren Widerspruch zur
Strafandrohung „sterben, ja sterben, sollst du“, mit dem Wissen um gut und böse
und dem Sein wie einer von uns belohnt. In diesen Worten (Gen 3,22 a) bestätigt
Gott die Worte der Schlange, als sie zu der Frau sagte: „Ihr werdet keineswegs
des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, an dem ihr davon esset,
werdet ihr sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ (Gen 3,3-4).
In Gen
3,1-5 hat somit der Redaktor nicht nur den Anschluss an die Schöpfungserzählung
in Gen 2,4b-25 geschaffen, sondern auch die Voraussetzung für die Tatfolge, die
er in Gen 3,22 a formuliert hat. Mit dieser Konstruktion schuf er aber zugleich
die Notwendigkeit eines zweiten Baumes, den er den Baum des Lebens nennt und an
dessen fortgesetztem Genuss im Garten er den Menschen nun durch Gott dadurch
hindern lässt, dass er ihn des Gartens verweist (Gen 3,24) und vor seine Tür
die Cherubenwache postiert, die den Zugang zum Garten ein für alle mal
verhindern soll.
Fassen wir
nun die Theologie, respektive Anthropologie des Redaktors von J und P (RJP)
zusammen: Der Mensch ist von Gott mit dem Wissen um gut und böse ausgestattet,
sowie zum Ebenbild Gottes geschaffen. Er soll dies Wissen in den Dienst der
Weltbeherrschung stellen, zu der ihn Gott ausdrücklich beauftragt hat. Diese
setzt allerdings die Beherrschung seiner Sexualität und seiner Aggression
voraus. Beim Verlust der Herrschaft über seine Aggressivität zieht er sich, wie
das Beispiel Kains zeigt, den Zorn Gottes zu. Dieser wird durch den Redaktor in
den Fluch Gottes umgewandelt, wobei er den ursprünglich in Gen 3, 17
vorgefundenen Fluch auf Kain überträgt und an dieser Stelle nur den Landfluch
belässt. Der Menschenfluch musste getilgt werden, da der Redaktor ja den
Menschensegen in Gen 1, 28 a geschaffen hatte und da er zweitens die Tatfolge
des jahwistischen Textes, die in einem Fluch bestanden hatte, in eine Belohnung
und Erhöhung des Menschen umgewandelt hatte, wie ich oben gezeigt habe.
So tritt an
die Stelle der ursprünglich dem Menschen zugedachten Todesstrafe, dem
Menschenfluch, der Menschensegen, die Erhöhung des Menschen zum Ebenbild
Gottes, zu einem Wesen, das Gott gleich ist und das mit dem Wissen um gut und
böse ausgestattet ist. Als solcher hat der Mensch sich durch Herrschaft zu
bewähren:
1.über die
Kreaturen,
2.über die
Erde,
3.über
seine Sexualität und
4.über
seine Aggression.
Dabei
verwendet der Redaktor unterschiedliche Verben für „Herrschen“. Maschal
verwendet er in Gen 3,16 b – er soll über dich herrschen; ebenso in Gen 4,7 a:
du aber herrsche über ihn (Praefix masculinum!); aber radah in Gen 1,26 a und
1, 28 b in Bezug auf die Kreaturen des sechsten Schöpfungstages und chabasch in
Gen 1, 28 a in Bezug auf die Erde. Maschal beinhaltet hier die personale
Dimension, wobei der Bezug in Gen 4,7 a unklar ist. Sollte der Imperativ sich
auf Kain beziehen, so ist ein Bewahren und Verantwortung übernehmen für den
Bruder wahrscheinlich. So auch in Gen 3, 16 b in Bezug auf den Geschlechtspartner.
Radah ist uns aus dem 23.Psalm bekannt, wo es im letzten Vers heißt: Gutes und
Barmherzigkeit werden mir folgen (jirdefuni) mein Leben lang. Chabasch wurde
immer als Niedertrampeln der Feinde entsprechend dem babylonisch-assyrischen
Herrscherkult verstanden, wird aber neuerdings im Sinne des Bewahrens der
Schöpfung verstanden. Der Redaktor hat durch seine Umdeutung des Begriffs der
Gottebenbildlichkeit des Menschen, den er der P- Vorlage entnahm, das in ihm
enthaltene Potential von der vertikalen auf die horizontale Ebene verlagert,
von der theologischen auf die soziale. Er hat aus der politischen Theologie der
P eine kritische Soziologie geschaffen.
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