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Dr. Martin
Schuck |
Habermas,
reloaded
Philosophen und Sozialwissenschaftler, die in einigen
Jahrzehnten rückblickend das Lebenswerk von Jürgen Habermas beurteilen, werden
aus der Flut der Veröffentlichungen zwei Werke nennen, die von bleibendem Wert
sind und Habermas sowohl einen Platz in zukünftigen Darstellungen der
Sozialgeschichtsschreibung als auch in den Philosophenlexika sichern werden.
Gemeint sind die 1981 erschienene, oft als „Hauptwerk“ bezeichnete „Theorie des
kommunikativen Handelns“ und das 1992 erstveröffentlichte Werk „Faktizität und
Geltung“.
Beide Werke sind nicht deshalb herausgehoben, weil es sich
jeweils um grundlegende Monographien handelt (das waren andere auch, etwa
„Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von 1962 und „Legitimationsprobleme im
Spätkapitalismus“ von 1973, und Aufsatzsammlungen wie „Nachmetaphysisches
Denken“ von 1988 und das Vorlesungsmanuskript „Der philosophische Diskurs der
Moderne“ von 1985 hatten scheinbar größere Resonanz), sondern weil sie
vorangegangene Transformationsphasen im Werk Habermas’ abschließen und in ihrem
Ergebnis bilanzieren.
Die „Theorie des kommunikativen Handelns“ steht am Ende
eines nahezu drei Jahrzehnte andauernden Prozesses der Themenfindung
Habermas’scher Philosophie und Gesellschaftstheorie.
Einen Monat nach seinem 24. Geburtstag trat der Doktorand
Jürgen Habermas ins Blickfeld der intellektuellen Öffentlichkeit, als er am 25.
Juli 1953 einen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte,
in dem er sich kritisch mit der Publikation von Vorlesungen Martin Heideggers
aus dem Jahr 1935 auseinandersetzte. Die späte Veröffentlichung dieser
Vorlesung acht Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus führt Habermas zu
der Frage, „woran sie appelliert, wozu sie aufruft und wogegen sie Front
macht“, und er gibt selbst die Antwort, „dass Heidegger aus dem Erlebnis
Hölderlins und Nietzsches mit dem exzessiven Pathos der 20er Jahre und dem
unmäßigen Selbstbewusstsein einer persönlichen und einer nationalen Mission den
starken Auserwählten gegen den Bourgeois, das ursprüngliche Denken gegen den
Commonsense und das Todesmutige des Außerordentlichen gegen die Gewöhnlichkeit
des Gefahrlosen ausspielt, das eine erhebend, das andere verdammend.
Überflüssig zu bemerken, dass ein solcher Mann unter den Bedingungen des 20.
Jahrhunderts als ideologischer Einpeitscher wirken musste, unter den
exaltierten Bedingungen von 1935 als Prophet.“
Habermas spannt die Vorlesung von 1935 ein in den
Gesamtrahmen Heidegger’scher Philosophie, der er grundsätzlich mit großer
Hochachtung begegnet. „Sein und Zeit“ ist für ihn das wichtigste philosophische
Werk seit Hegels „Phänomenologie des Geistes“, aber es leidet – und mit ihm das
gesamte Heidegger’sche Programm – an einer konzeptionellen Einseitigkeit, die ihm
zum entscheidenden Konstruktionsfehler wird. Ausgangspunkt Heideggers ist,
Habermas zufolge, die Diagnose, dass die abendländische Philosophie von Plato
bis Nietzsche eine „Entwicklung fortschreitender Seinsvergessenheit“
durchlaufe, die durch drei große Schübe markiert werde: „durch die Umwandlung
des vorsokratischen in das platonisch-aristotelische, des griechischen in das
römisch-christliche und schließlich des mittelalterlichen in das neuzeitliche
Denken.“ So faszinierend dieses Programm auch sei, so sehr sei es doch von
Einseitigkeit gekennzeichnet: „Diese Einseitigkeit gründet in einem doppelten
Mangel. Heidegger berücksichtigt nicht, dass seine spezifische Fragestellung
keineswegs originell ist, sondern im Zusammenhang jenes eigentümlich deutschen
Denkens entstanden ist, das über Schelling, Hölderlin und Hegel auf Böhme
zurückgeht; des weiteren möchte er seine theologische Herkunft nicht mehr
wahrhaben, wahrhaben, dass die geschichtliche Existenz von ‚Sein und Zeit’
einen Bereich spezifisch christlicher Erfahrung ausgrenzt, die über Kierkegaard
zu Augustin zurückreicht.“
Aus diesem Grund fehlten Heidegger zwei wichtige
Kontrollinstanzen, so Habermas. Die eine Kontrollinstanz bezieht sich auf die
Rolle des Christentums. Wenn sich dieses in den abendländischen Degenerationsprozess
als eine bloße Stufe einordnen lasse, dann könne auch die (für Hegel noch
zentrale) Idee der Gleichheit aller vor Gott und der Freiheit eines jeden kein
Gegengewicht mehr bieten gegen das „naturwüchsige Privileg des Stärkeren noch
das kosmopolitische Gegengewicht gegen das Motiv der geschichtlichen
Auserwähltheit des deutschen Volkes“. Die zweite fehlende Kontrollinstanz
ergebe sich aus der Verweigerung des Anerkennens, dass seit Descartes „neben
der Linie des rechnend verfügbar machenden Denkens die andere des
sinnverstehenden Vernehmenden einherläuft“. Damit komme die „dialektische
Plastizität der neuzeitlichen Entwicklung nicht heraus, eine Dialektik, die
jenem durch Vergegenständlichung auf Beherrschung abzielenden Denken seine
schöpferische Legitimation gibt und somit vor einseitiger Identifikation mit dem
durchschnittlichen Meinen bewahrt.“
Das Fehlen dieser beiden Kontrollinstanzen bewirkt demnach,
dass in Heideggers seinsgeschichtlicher Konzeption sowohl ein ethisches als
auch ein praktisch-rationalistisches Korrektiv fehlt. Das habe, so Habermas,
bei Heidegger zu antichristlichen und antiwestlichen Affekten geführt, die
allein schon ausgereicht hätten, „die Psychose eines von Heidegger nicht
gewollten Irrationalismus zu fördern“. Dazu komme noch, dass Heidegger 1935 –
also unter den Bedingungen des Nationalsozialismus und dessen technisch
bestimmter Weltanschauung – „geradezu notwendig jenen Automatismus des
Mißverstehens auslöste, der seine Absicht, das technifizierte Leben zu
überwinden, in ihrer tatsächlichen Ausführung verfälschte. Schien sich doch
dieser philosophische Appell an die Studenten zunächst mit dem zu decken, was
von ihnen als Offiziere später verlangt wurde.“
Dieser ausführliche Blick auf die erste wichtigere
Veröffentlichung von Jürgen Habermas zeigt, dass im theoretischen Grundgerüst
des 24-Jährigen schon in nuce diejenigen philosophischen Begründungsstrategien
angelegt sind, die knapp drei Jahrzehnte später als ausgereifte Theorie
vorgelegt werden: das Festhalten am Anspruch der Rationalität als Grundlage
einer jeden philosophischen Debatte, ein ständiges Fortschreiten der Humanität
als Anspruch an jede Gesellschaftsordnung sowie eine dialektische Spannung
zwischen Systemanforderungen, die durch Vergegenständlichung auf Beherrschung
zielen, und lebensweltlichem Freiheitsimpuls. Geändert hat sich jedoch in
erster Linie der Adressat. War dies 1953 die Philosophie, deren
seinsmetaphysische Spekulationen (wie zumindest Heidegger sie vertrat)
rückgebunden werden sollten an die realen Bedingungen der Existenz, deren
humane Gehalte eingefordert werden mussten, so veröffentlichte Habermas 1981
sein Werk nach einer Phase langer Auseinandersetzungen innerhalb der
Sozialwissenschaften, deren Vertreter gerade an der Verabschiedung personaler
Subjektivität als Träger von gesellschaftlichen Veränderungen arbeiteten.
Am grundlegendsten geschah dies in der von Niklas Luhmann
theoretisch begründeten und in zahlreichen Studien ausgearbeiteten „Theorie
sozialer Systeme“. Luhmann betrieb, so Habermas in der „Theorie des
kommunikativen Handelns“, eine konsequente „Dehumanisierung der Gesellschaft“,
also eine „radikale Aufklärung über und Destruktion von Akteurs-Fiktionen“
(Claus Offe). Handelnde Menschen sind bei Luhmanns für die wissenschaftliche Betrachtung
der Gesellschaft uninteressant; sie werden von ihren verschiedenen Subsystemen,
die alle ausschließlich ihrer jeweils eigenen Logik folgen, in die jeweils
relevanten Sinnbezüge eingesponnen und können aus diesen nicht ausbrechen.
Habermas dagegen betonte in der Debatte mit Luhmann, dass es keine
administrative Erzeugung von Sinn gebe; vielmehr könnten sich die Menschen als
sprachbegabte Akteure reflexiv von den Sinn-Zumutungen der unterschiedlichen
Systeme loslösen und sich untereinander verständigen, was als
Stabilitätskriterien eines jeden Systems (das, was in Luhmanns
reduktionistischer Gegenstandsbetrachtung der Sozialwissenschaften als „Sinn“
bezeichnet wird) akzeptabel ist und was nicht.
Der große Gegensatz zwischen Habermas und Luhmann liegt also
darin, dass Habermas auf personale Akteure als Träger gesellschaftlichen
Handelns zurückgreift, während Luhmann diese Rolle einzig und allein
funktionsspezifischen Systemen zuschreibt, die sich durch Abgrenzung selbst
erhalten. Spannen bei Luhmann Systeme als selbstreferentielle Größen den
Ordnungsrahmen für alle Bereiche der Gesellschaft, so erscheint das „System“
bei Habermas als Entfremdungsphänomen, das seiner eigenen Systemlogik zufolge
zur immer weiteren Kolonialisierung der Lebenswelt (als frei gestaltbarem Raum
menschlicher Akteure) neigt; ihm müssen nicht-kolonialisierte Lebensräume
regelrecht abgerungen werden. Die „Theorie des kommunikativen Handelns“ hat
genau diese notwendige Entkoppelung von System und Lebenswelt zum Thema.
War die „Theorie des kommunikativen Handelns“ also das
Ergebnis der Habermas’schen Auseinandersetzung mit Vertretern der
Sozialwissenschaft (neben der Debatte mit Luhmann war das zuvor schon in den
frühen 60er Jahren die Beteiligung am sog. „Positivismusstreit“, in dem sich
Habermas mit Hans Albert und Karl R. Popper auseinandersetzte), so bilanziert
„Faktizität und Geltung“ einen in den 80er Jahren begonnenen
Forschungsschwerpunkt, nämlich den systematischen Blick auf die sozialen
Bedingungen, unter denen Grundrechte ausgeübt werden, und damit – weitergehend
und grundlegend – auf die rechtstheoretischen Grundlagen, die diejenigen
Bedingungen schaffen, unter denen die Freiheitsversprechen des demokratischen
Rechtsstaates eingelöst werden. In Weiterführung der „Theorie des kommunikativen
Handelns“ ging es um die Frage, welche Anforderungen an Rationalität in der
juristischen Argumentation zu stellen sind, wenn dem Rechtssystem nicht nur die
Rolle zukommt, ein formales Regelwerk für eine materiell ungleiche Gesellschaft
zu erstellen und in Geltung zu halten, sondern gleichzeitig auch den
vielfältigen sozialstaatlichen Materialisierungen, die als Ansprüche aus der
offenen Gesellschaft den Gesetzgeber erreichen, gerecht werden soll.
Spätestens in „Faktizität und Geltung“, aber auch schon ein
Jahrzehnt vorher in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ wurde ein
Grundzug im Werk von Jürgen Habermas deutlich, der letztlich seine
Ausnahmeposition unter den Sozialwissenschaftler begründete. Habermas war als
Assistent Adornos und später als Lehrstuhlnachfolger Max Horkheimers
angetreten, das Erbe der Kritischen Theorie des Frankfurter Instituts für
Sozialforschung einerseits im Sinne der Gründer weiterzuführen, andererseits
aber anschlussfähig zu machen an die universitäre Wissenschaft, wie sie damals
in Deutschland betrieben worden ist.
Dieses Anliegen konnte nicht ohne Widerstände durchgesetzt
werden, denn das Institut für Sozialforschung hatte ja gerade die Distanz zum
Universitätsbetrieb gesucht und diese Distanz zur eigentlichen Bedingung
gemacht für ein Forschen, das sich als ausschließlich der „Wahrheit“ (und nicht
etwa wissenschaftlicher Methodik) verpflichtet begriffen hat. Habermas hatte
somit in den Augen vieler Anhänger des Instituts einen Tabubruch zu
verantworten, denn Anschluss an den universitären Wissenschaftsbetrieb
bedeutete ebenfalls den Anschluss an die universitären Standards, vor allem was
die Forschungsmethoden betrifft. Die vielfältigen Auseinandersetzungen, die
Habermas an der Frankfurter Universität seit 1961 bis zu seinem Weggang nach
Starnberg 1971 führte, sind zu einem großen Teil Grundsatzfragen dieser Art
über den Stellenwert der Kritischen Theorie im universitären Betrieb; sowohl
von Seiten der damals noch lebenden Personen, die das alte Institut prägten
(allen voran Max Horkheimer) als auch von Seiten kritischer Studenten wurde
Habermas „Anpassung“ und damit Verfälschung der ursprünglichen Anliegen der
Kritischen Theorie vorgeworfen.
Der oben angesprochene Grundzug im Werk Jürgen Habermas’
verdankt sich dem produktiven Umgang mit genau dieser Konstellation: Einerseits
erschien Habermas als legitimer Nachfolger der großen Gelehrten aus der
Gründergeneration des Instituts für Sozialforschung und damit der mit dem Namen
dieses Instituts verbundenen Kritischen Theorie; andererseits erweiterte er das
Forschungsprogramm der Kritischen Theorie – eben vermittelt über ihre
Einbindung in weltweite universitäre Diskurse – um Ansätze zunächst aus der
Analytischen Philosophie und damals international diskutierter Wissenschaftstheorien.
Das führte zu einem Ende der alten Abgrenzungsdebatten der
60er Jahre mit dem Positivismus und führte heran an die internationale Theorienentwicklung;
zunächst war dies neben den bereits genannten Richtungen der amerikanische
Pragmatismus und der französische Neostrukturalismus, später dann, in den
Vorarbeiten zu „Faktizität und Geltung“, Fragen über Recht und Moral,
Rechtspositivismus, Gerechtigkeitstheorie und die diskurstheoretische Begründung
des Rechts. In dieser Phase, beginnend in den frühen 80er Jahren, setzte sich
Habermas äußerst produktiv mit Autoren wie John Rawls, Ronald Dworkin, Robert
Dahl und den Protagonisten des amerikanischen „Critical Legal Studies
Movement“, etwa mit Roberto Unger und Duncan Kennedy, auseinander.
Genau darin zeigte sich die Ausnahmeposition von Jürgen
Habermas: Dass er immer auf der Höhe der internationalen Wissenschaftsentwicklung
mit den führenden Vertretern aus Philosophie, Rechtstheorie und
Sozialwissenschaft diskutierte und es schaffte, deren theoretische Ansätze für
seine eigenen Studien fruchtbar zu machen. So kam es, dass Habermas den
Mitkonkurrenten aus seiner eigenen Zunft an Modernität immer den entscheidenden
Schritt voraus war, was ihm einen nicht zu unterschätzenden Vorteil bei der
Rezeption seines Werkes bis hinein ins Feuilleton und die
populärwissenschaftlichen Sachbuchveröffentlichungen sicherte. Vermutlich wurde
Habermas deshalb zum bekanntesten deutschen Philosophen und Sozialtheoretiker,
weil er seine Disziplin konsequent vor der Gefahr des Provinzialismus bewahrt
hat – und zwar auf eine Art und Weise, die auch Fachfremden die nötigen
Einblicke in die relevanten Debatten ermöglichte.
Es gehört zu den Auffälligkeiten des theologischen Betriebs
der vergangenen Jahrzehnte, dass das gewaltige Werk von Jürgen Habermas so gut
wie gar nicht rezipiert wurde. Gründe dafür könnte man viele aufzählen. Einer
der einleuchtendsten scheint mir der zu sein, dass Habermas ohne Kompromisse
die europäische Aufklärung als philosophische Grundlage jeden humanitären
Fortschritts der Gesellschaft verteidigen will – um den Preis, dass er von der
Aufklärung nur als „unabgeschlossenem Projekt“ reden kann, dessen
Verwirklichung immer noch vor uns liegt und möglicherweise niemals vollständig
realisiert werden kann. Der Theologie schien das – von wenigen Ausnahmen
abgesehen – immer schon der gefährlichere Weg zu sein, weil sie von der
Aufklärung schonungslos auf die Rationalität ihrer eigenen Grundlagen
angesprochen wird. Sie ging deshalb bereitwillig den Weg von der Aufklärung zur
Romantik und atmete befreit auf, als ihr die Theoretiker der Postmoderne
endlich einen gangbaren Weg wiesen, den Zumutungen eines universell geltenden
Anspruchs der Vernunft zu entfliehen.
Jürgen Habermas wurde am 16. Juni 80 Jahre alt. An seinem
wissenschaftlichen Werdegang kann man vieles über das intellektuelle
Selbstverständnis der alten Bundesrepublik und des neuen Deutschland ablesen.
Habermas galt – und gilt vielen noch immer – als der deutsche Vorzeigeintellektuelle schlechthin. Als vor einigen
Jahren das Magazin „Cicero“ eine Liste der einflussreichsten deutschen
Intellektuellen präsentierte, war Habermas, für einen Universitätsprofessor
ohne zusätzliches öffentliches Amt eine Sensation, auf dem sechsten Platz, noch
vor Papst Benedikt XVI./Joseph Ratzinger. Bezeichnend allerdings, dass Harald
Schmidt auf dem ersten Platz war!
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