Impressum

 

 Dr. Dirk Kutting

Hermann-Ehlers-Straße 10a, 55112 Mainz

 

Konfessioneller Religionsunterricht an öffentlichen Schulen – ein Anachronismus? [1]

 

Für alle Obst!“

ruft laut Gert Otto.

Was kann er meinen?

Schmeckt auch im Salate

Der Zungen feine

Bald hier ne Kirsch

Auch Apfelstücke kleine

Dann hier nen Pfirsich...

Hoppla, ich verschluck mich,

(fast) da war ein Kern –

ne Nuss, sie gab mir was zu beißen

das mocht ich gern...

„Für alle Obst!“

ruft weiter Otto ohne Muße

Und püriert all´ die frucht´gen Stücke

Es bleibt ein Mus:

Für alle Obst.

 

„Gemüs für alle!“

Ruft dann von Hentig.

„Ob Kern, ob Kirsch,

ich hass, die Obstsalate.

Bin ich ein Hirsch?

Gemüs für alle!“

Doch mir geht´s wieder gleich:

Es scheint so ´ne Marotte,

da werde ich nicht weich,

ich mag Kartoffel, Kohlrabi, Karotte.

Aber auch von Hentig bleibt dabei

„Gemüs für alle!“

und ganz nebenbei

macht er das Gemüse alle.

Und setzt mich armen Tropf

Ich fühl mich in der Falle

Vor seinen faden Suppentopf.

 

Gert Otto sagte einmal in einem Gespräch: „Pfarrer haben an der Schule nichts zu suchen!“

Mit Nietzsche entgegne ich als Pfarrer im Schuldienst: Ich suche nichts an der Schule, ich lerne dort das Finden.

 

Aber drückt der Satz von Gert Otto nicht dennoch das Gefühl von Pfarrerinnen und Pfarrern in der Schule aus? Fühlen wir uns nicht oft als solche, die an diesem Orte nichts zu suchen haben? Wenn Schüler zwischen Toben und Dösen herumhängen oder -hampeln; wenn Eltern sich beschweren, weil ihr Kind nur eine „Drei“ in Reli hat und sie bedeuten, dass es ja nur Reli sei, aber die Versetzungsrelevanz der Note dennoch mitnehmen möchten; wenn Stundenplanmacher über die Aufgabe stöhnen, die klassenübergreifenden Religionsgruppen zusammenzusetzen; wenn man im Kollegium schief angesehen wird, weil man noch andere Pflichten, wie z.B. Beerdigungen, hat und der RU deshalb hin und wieder ausfallen muss; wenn manche Schulleiter schimpfen, „die Kirchen verkennen die Lage, wenn sie am konfessionellen RU festhalten“; und wenn manche religionspädagogischen Fortbilder selbst aus pragmatischen Gründen kein vorbildhaftes Verhältnis zur Konfessionalität des Religionsunterrichts haben.

 

Was haben wir da zu suchen?

Gottlob, lässt sich jedoch auch anderes finden: Schulleiter, die für ihre Schule mit dem Hinweis werben, in ihr gebe es Schulseelsorge; Kollegen, die in persönlichen und professionellen Fragen in der Schule vom Pfarrer Rat und Unterstützung bekommen; Kollegen, die wissen und froh sind, dass im Krankheitsfalle an sie gedacht und für sie gebetet wird; Schulen, in denen nichts Relevantes – kein 11. September, kein Tsunami, aber auch weder der Krankheitstod einer Kollegin noch der Unfalltod eines Schülers – ohne gottesdienstliche Begehung der Schulgemeinde bleibt; Schüler, deren Lieblingsfach Reli ist und die wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie niemanden haben, an den sie sich sonst wenden können; Freiwillig besuchte regelmäßig gehaltene Schulgottesdienste, die während eines Schuljahres eine höhere Zahl von Besuchern verzeichnen können, als die Stadtkirchengemeinde, in deren Kirche diese Gottesdienste stattfinden;

 

Abiturienten, die immer einen Abigottesdienst wünschen und einen Vorbereitungskreis mit mehr als zehn Schülern bilden und als kompletter Jahrgang mitsamt Eltern und vielen Großeltern an ihm teilnehmen; Eltern, die sich Urlaub nehmen, um den Schulgottesdienst zu besuchen – und Muslime schließlich, die auch teilnehmen, weil es zum Schulleben gehört.

 

Das ist zwar auch Empirie, aber scheinbar ohne Relevanz für manche Praktischen Theologen und die meisten empirisch arbeitenden Erziehungswissenschaftler. Sind nicht die folgenden geschichtlichen Einwände einer fundierten Praxis dennoch überlegen?

 

- Deutschland ist kein christliches Land mehr.

- Die Christen in Deutschland werden weniger.

- Andere Religionsgemeinschaften werden zahlenmäßig stärker.

- Der Islam tritt öffentlichkeitsrelevanter auf als das Christentum.

- Man wählt seine Religion.

- Man setzt seine Religion zusammen.

- Die Gesellschaft ist pluralistisch.

- Eine Vielzahl von Lebensdeutungen konkurrieren miteinander.

- Eine Vielzahl von Lebensgestaltungen ist möglich.

 

Warum also noch Kirchen beteiligen als Partner öffentlicher Bildung? Wozu überhaupt Religionsunterricht?

Lassen Sie mich ein paar inhaltliche Überlegungen zum Weg unserer Fortbildungsveranstaltung vortragen: Teilnehmer dieser Fortbildung am Institut für Ethik der Universität Tübingen wissen, dass man sich zur Beantwortung wichtiger pastoraler Fragen nicht nur von den reformatorischen Theologen und von Schleiermacher beraten lassen muss; es gibt auch viele andere wichtige Erkenntnisquellen für die Arbeit im Pfarramt. Aber Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, wissen auch, dass in dieser Fortbildung nicht an handlungsrelevanten Erkenntnissen aus Reformation und Neuprotestantismus vorbeigegangen wird. Das wird auch für das diesjährige Thema so sein.

 

Zunächst sollen zwei prominente evangelische Kritiker eines konfessionellen Religionsunterrichts unter die Lupe genommen werden: Gert Ottos Forderung nach einem konfessionsübergreifenden „RU für alle“ und Hartmut von Hentigs Vorschlag RU durch „Philosophie für alle“ zu ersetzen.

 

Schleiermacher, Dilthey, Nohl, von Hentig

Der Pädagoge Hartmut von Hentig (*1925) war Schüler Herman Nohls (1879-1960), dieser wiederum sah sich als Gefolgsmann Wilhelm Diltheys (1833-1911). Und Dilthey versuchte Friedrich Schleiermachers (1768-1833) Leistungen in einer geisteswissenschaftlich fundierten Pädagogik weiterzuführen. Mit Schleiermacher, Dilthey, Nohl und Hentig liegen uns also, wenn man so will, vier Generationen pädagogischer Theoriebildung vor. Allen vier Autoren ist es selbstverständlich, Pädagogik im gesellschaftlichen Kontext zu beschreiben. Ergänzend zur privaten und unmittelbaren Erziehung von Kindern in der Familie braucht es eine öffentlich verantwortete Erziehung, durch die Gesellschaft und auf das Leben in der Gesellschaft hin. Dies ist auch bei den Reformatoren nicht anders.

 

Aber es ist natürlich sehr abstrakt, wenn man von der Gesellschaft als Erzieher spricht. Daher wird sehr unterschiedlich konkretisiert, wer die Erziehungsverantwortung hat und welches die Erziehungsziele sind, die realisiert werden sollen.

 

Die Reformatoren standen vor der Notwendigkeit, Alternativen zu den Fürsten- oder Klosterschulen zu finden. Sie sahen es als Aufgabe der Kommunen an, öffentliche Schulen einzurichten. Luthers Einsicht in die notwendige Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Gewalt hatte nicht die Forderung zweier Schulen zur Folge. Luther wollte eine Bildung für alle. In den Schulen sollte daher vor allem Sprachbildung gefördert und Geschichtswissen vermittelt werden. Die Schulwahl soll nicht vorentscheiden, ob ein Schüler später für ein Theologie- oder Jurastudium, bzw. den Kirchen- oder den Staatsdienst vorbereitet sein wird. Die Schule soll gleichermaßen durch Sprachbildung die Mittel für spätere Hermeneuten, als auch durch Geschichtswissen das Vorwissen für spätere Archonten liefern. Schule soll Deutungskraft erschließen und Handlungsfähigkeit fördern. Der Nachwuchs muss Sprachen beherrschen und Führungsqualitäten entwickeln. Ist das elitäre Bildung? Nein, weil diese Schule die gesellschaftliche Mobilität fördert und einem elitären Standesdenken nicht nachkommt. Nur die Fähigkeit soll entscheiden, ob jemand öffentliche Ämter bekleidet, und nicht die Herkunft seines Standes.

 

Sprachbildung und Geschichtswissen soll gerade deshalb vermittelt werden, damit das Priestertum aller Gläubigen wirklich wird in kritischen Menschen, die die Heilige Schrift lesen und verstehen können, und die damit zugleich Aufstiegschancen in geistliche und weltliche Ämter bekommen.

 

Religionsunterricht wird von Luther nicht deshalb gefordert, weil er für die Pflege der Frömmigkeit tägliche Gottesdienste für die Jugendlichen in der Kirche vorgesehen hat. Auch hierbei stand der Gedanke des Priestertums aller Gläubigen im Vordergrund, denn Luther wünschte, dass diese „Schulgottesdienste“ nicht nur vom Pfarrer und Kaplan, sondern auch von Schülern mitgestaltet würden.

 

Bei Schleiermacher wird die Bildungsaufgabe der Gesellschaft noch genauer auf einzelne Funktionen in ihr bezogen. Die zu bildende Handlungsfähigkeit des Einzelnen ist an wirtschaftlichen und staatlichen Funktionen zu orientieren. Die zu bildende Deutungskraft des Einzelnen ist sowohl an allgemeinverbindlichen wissenschaftlichen Standards als auch an individueller religiös-weltanschaulicher Gewissheit auszurichten. Es müssen Gesinnungen gebildet werden, die den späteren Erwachsenen in seinem Handeln in allen gesellschaftlichen Funktionsbereichen orientieren.

Der Begriff der Gesinnung hat in dem pädagogischen Programm Friedrich Schleiermachers eine herausragende Funktion. Schleiermacher versteht Pädagogik als Theorie der Erziehung, für die die Bildung von Gesinnung von zentraler Bedeutung ist. Jede Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten ist danach fundiert durch eine handlungsorientierende Gesamtsicht von Wirklichkeit, von einer daseinsbestimmenden Gewissheit also. Schleiermacher nennt eine solche handlungsorientierende Gesamtsicht oder daseinsbestimmende Gewissheit „Gesinnung“.

 

Das bedeutet, dass die religiös-weltanschauliche Gesinnung eine besondere handlungsfundierende Funktion hat. Der Religionsunterricht hat bei Schleiermacher hierbei nicht den herausragenden Platz, den man sich in seiner Theoriebildung vielleicht wünschen würde. Das hat seinen Grund, ähnlich wie bei Luther, darin, dass auf die Funktionstüchtigkeit der gesinnungsbildenden Institutionen Familie und Kirche vertraut wird.

 

Dilthey sieht Bildung als Funktion aller Institutionen der Gesellschaft. Er geht daher wie Schleiermacher davon aus, dass Bildungsmächte wie Familie, Staat und Kirche am Bildungsprozess zu beteiligen sind. Die gesellschaftlichen „Objektivationen des Lebens“ sollen auf die Bildung des individuellen Seelenlebens Einfluss nehmen. Weil Dilthey die Pädagogik empirisch fundieren will, vernachlässigt er in seinem System der Wissenschaften grundlegende Fragen der philosophischen Ethik. Die pädagogische Theorie soll aus einer geschichtlichen Betrachtung erwachsen. Das hat zur Folge, dass geschichtliche Forderungen der Zeit leitend werden für die pädagogische Theoriebildung. Die nationale Gesinnungsbildung rückt daher letztlich ins Zentrum pädagogischer Theorie.

 

Das wird bei Nohl noch einmal radikalisiert. Er geht über Dilthey hinaus und fordert eine Emanzipation der pädagogischen Theoriebildung von den gesellschaftlich prägenden Kräften. Die pädagogische Bewegung und ihre Theorie zielen auf die Bildung einer Volksgesinnung. Die pädagogische Gesinnungsbildung soll natürlich unabhängig von z.B. christlich-religiöser Gesinnung geformt werden. Aber sie tritt als Volksgesinnung auch in Konkurrenz zum Staat. Die „Verfassung eines Volkes gründet in der Verfassung der Seele seiner Glieder“. Warum soll uns die Autonomie der Pädagogik im Zusammenhang der Frage nach dem Religionsunterricht interessieren? Die programmatische Einschränkung oder Ausklammerung der religiös-weltanschaulichen Fragestellung pädagogischer Theoriebildung bedeutet einen inhaltlichen Realitätsverlust, der immer mit der Füllung eines entstandenen Vakuums einhergeht. Ein transzendental Leistendes wird gesucht und gefunden: in einer zu weckenden Volks- oder Nationalgesinnung. Gesinnung wird zu einer politischen bzw. pädagogischen Schöpfung.

 

Besonders deutlich ist dieses dann noch mal bei von Hentig zu beobachten. Von Hentig ist aufgrund seiner Familientradition stoisch-humanistisch geprägt. Sein Großvater war ein berühmter Jurist, sein Vater ein sehr bekannter Diplomat. Für von Hentig ist nach 1945 zweierlei zerbrochen: erstens ein Humanismus, der mit einer Volks- oder Nationalerziehung in Verbindung zu bringen ist, und zweitens jede religiös-weltanschauliche Gewissheit. Pädagogisch antwortet er auf diese doppelte Aporie, indem er an Stelle einer Volks- oder Nationalerziehung eine Erziehung in der kleinen Polis („Schule“) zur großen Polis („Gesellschaft“) etablieren möchte. Da hierbei auf religiös-weltanschauliche Gewissheit nicht zurückgegriffen werden kann, dient ihm als quasi-inhaltliche Orientierung ein „aufgehobener Humanismus“, ein „Humanismus als Methode“. Politik, verstanden als Poliserziehung und Wissenschaft, verstanden als Verständigung auf Minimalkonsense, soll der politischen Selbstbestimmung des Individuums dienen und dem Systemzwang eines ausufernden Ökonomismus widerstehen helfen.

 

Wir merken schnell: Unter anderen Vorzeichen, aber mit gleichen Mitteln wie bei Herman Nohl, wird Gesinnung zu einer wissenschaftlich-politischen Schöpfung pädagogischer Theorie und soll die erzieherische Praxis bestimmen. Da die Schule hierbei insgesamt zu einer „Kirche“ gesellschaftlicher Veränderung umgestaltet werden soll, hat ein konfessioneller Religionsunterricht in ihr keinen Platz mehr. Das zeigt übrigens so ganz nebenbei, welche Bedeutung Evangelische Schulen haben, weil nur in ihnen wirklich drin ist, was draufsteht.

 

Der hier vorgestellte Gang durch die Geschichte der Theoriebildung zeigt deutlich: Eine „Autonomie der Pädagogik“ bzw. ein „Humanismus als Methode“ verlieren den Kontakt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der u.a. die Lebensform „Kirche“ der Lebensgestalt des Glaubens auch in unserer Zeit eine Kontinuität schenkt. Insofern könnte man fragen, ob in der von Kirchen geleisteten Reflexionsarbeit nicht mehr Synchronität mit den individuellen Lebensgeschichten von einzelnen Menschen und der geschichtlichen Entwicklung von manchen Gesellschaften steckt, als die Anachronismusthese vermuten lässt.

 

Dass eine solche Synchronität von individueller Entwicklung und religiös-weltanschaulichen Gewissheiten auch Resultat einer phänomenologischen Betrachtung der Kindheit sein kann, legen die Texte des holländischen Pädagogen Martinus Langeveld nahe. Zumindest kann man an diesen Texten ablesen, dass es möglich ist, Kindheit in ihrer Selbst- und Welterschließung zur Sprache zu bringen und diese Beschreibungen für die Frage nach einer gegebenen und sich entwickelnden Daseinsorientierung von Kindern durchsichtig zu machen.

 

Wer diese Frage in der pädagogischen Arbeit ausklammert, der klammert auch einen entscheidenden Zugang zur Welt der Kinder aus und enthält den Kindern entscheidende Möglichkeiten eines Selbst- und Weltverständnisses, das in der Theonomie wurzelt, vor.

 

Ich möchte dies an zwei Aussagen von 16-jährigen Schülern zum Gebet verdeutlichen:

1. „Wenn ich an´s beten denke, denke ich zuerst an meine Kindergartenzeit, in der meine Eltern abends mit mir gebetet haben. Doch im Nachhinein war dies auf meiner Seite nur ein Ritual, was aber keine tiefere Bedeutung hatte. Manchmal sprechen wir zum Essen auch ein Tischgebet, aber auch das geht eher von meinen Eltern aus. Aber wenn ich im Bett liege und aus eigenem Antrieb bete, dann versuche ich für alle Menschen, die ich liebe zu beten und überleg´ mir, was diese glücklich machen würde. Oder wenn man in der Kirche auch im Stillen beten soll, nehm´ ich das total ernst.“

 

2. „Früher hat meine Oma mir das Beten beigebracht. Wir haben immer abends gebetet. Das waren eigentlich nie Gebete über uns, sondern auswendig gelernte, wie ein Gedicht formulierte Texte. Meine Oma betet heute noch so. Ich habe mir mit etwa 11 Jahren angewöhnt zu beten, was ich denke, ohne eine Textvorgabe. Das war immer sehr praktisch, da ich meine Gedanken so geordnet habe und Probleme sich auf diesem Weg manchmal selbst lösten. Heute richte ich die Gebete weniger an Gott. Ich gehe einfach in mich, und denke nach über alles Mögliche. Das ist wie früher, nur dass ich versuche, meine Probleme selbst zu lösen. Es kann aber auch sein, dass ich Bitten an Gott richte, weil man dann Hoffnung schöpft und sich nicht mit Problemen überhäuft. Beten ist für mich wie Tagebuch schreiben. Man kann sich durch bewusstes Nachdenken über manche Dinge Klarheit verschaffen.“

 

In den Aussagen der Schüler kommen verschiedene Lebenswelten zur Sprache: Das Elternhaus wird genannt und die Kindergartenzeit; aber auch die Schule als Lebenswelt, in der diese Aussagen gemacht werden, ist im Hintergrund präsent.

 

Die Institutionen, die genannt werden, sind: das Gebet vor dem Schlafengehen, das Gebet bei Tisch, das Gebet in der Kirche, aber auch das Gebet als nicht-schriftliches Tagebuch.

 

Die Sozialisation kommt zur Sprache durch den Einfluss, den Großeltern, Eltern und Kirche auf die Jugendlichen haben, indem sie sie mit dem Ritual vertraut gemacht haben.

 

Der Bildungsaspekt wird deutlich, einerseits vor dem Hintergrund, dass diese Erfahrungen in der Institution des Religionsunterrichts ausgesprochen, und andererseits entwicklungsgeschichtlich eingeordnet und existentiell reflektiert werden. Es zeigt sich in beiden Aussagen eine Tendenz zur selbständigen Aneignung und individuellen Umwandlung einer tradierten religiösen Praxis.

 

Wenn wir alle diese Aspekte zusammennehmen, können wir feststellen: Die Schüler haben in verschiedenen Lebenswelten Kontakt mit einem bestimmten religiösen Institut, dem Gebet, bekommen. Dieses hat zunächst unreflektiert einen religiös sozialisierenden Einfluss gehabt; es wird zunächst als ritualisierte, kaum mit Inhalt versehene Form verstanden, um später doch zum Träger eines Bildungserlebnisses zu werden. Die äußere Form des Gebets schließt die Jugendlichen für inneres Selbsterleben auf. Beten als Ausdruck einer christlichen Lebensform fundiert alle Handlungsvollzüge der Schüler in einem bestimmten Sinn. Beten ist hier bei aller vordergründig kritischen Umwandlung Ausdruck eines begründeten Vertrauens und schafft Lebensgewissheit.

 

Konfessioneller Religionsunterricht an öffentlichen Schulen – wirklich ein Anachronismus?

Von dem Juristen Christoph Link können wir uns sagen lassen, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht nur einen kirchlichen, sondern auch einen staatlichen Bildungsauftrag erfüllt. Er hat die Schüler – wie andere Fächer auch – in die sie umgebende Lebenswelt einzuführen. Gleichzeitig können wir uns aber von Link auch als Vertreter der Kirchen zur Ordnung rufen lassen, nämlich in Erfüllung des staatlichen Bildungsauftrags bei der eigenen Sache zu bleiben. Gegenstand des Bildungsauftrags sind die Bekenntnisinhalte; die Aufgabe des Religionsunterrichts ist es also, diese auch zu vermitteln. Wenn Link in einem Nebensatz von den leidvollen Erfahrungen als Vater mit der Praxis des Religionsunterrichts spricht, tut mir eine solche Aussage weh und erinnert mich daran, dass auch ich in der eigenen Unterrichtspraxis sündige und Vieles schuldig bleibe. Dies sollten die Praktiker zumindest immer wieder selbstkritisch an sich herankommen lassen, ohne allzu schnell auf die Umstände, die Schüler oder die Elternhäuser zu schimpfen.

 

In Anlehnung an Eilert Herms und Reiner Preul, die sich in vielen Texten zur Frage „Religionsunterricht in der offenen Gesellschaft“ geäußert haben, möchte ich zusammenfassen: Öffentliche Gesinnungsbildung muss an identifizierbare Traditionen gesinnungsbildender Gemeinschaften (gemeint sind religiös-weltanschauliche Gemeinschaften) anknüpfen. Für die öffentliche, gesinnungsbildende Erziehungspraxis bedeutet das: Lehrer und Erzieher müssen gleichermaßen die Gelegenheit haben und der Forderung begegnen, mit größerer Deutlichkeit auf die Perspektivität dessen, welche Daseinsgewissheit ihr eigenes Handeln leitet, hinzuweisen. Die gesinnungsbildenden Gemeinschaften müssen sich an der öffentlichen Bildung beteiligen; sie tragen eine gesellschaftliche Bildungsverantwortung für die Pflege ethischer Orientierung.

 

Öffentliche Gesinnungsbildung darf nicht gegen den nichtöffentlichen Raum familialer Erziehung ausgespielt werden, sondern muss im Kontakt zur familialen Erziehung stehen.

 

Wilfried Härle, Eilert Herms und Reiner Preul haben für diesen gesellschaftlichen Vorgang, der sich den wissenschaftstheoretischen wie gesellschaftspraktischen Überlegungen Schleiermachers verdankt, verschiedene Begriffe vorgeschlagen: Positioneller Pluralismus,[2] Pluralismus aus Prinzip,[3] konsequenter Pluralismus[4] oder einen harten, d.h. einen tiefgreifenden Pluralismus.[5]

 

Diese Begriffe können verdeutlichen, dass Gesinnungen in der pluralistischen Gesellschaft eines weltanschaulich neutralen Staates von belang sind. Dabei soll ausgeschlossen sein, dass der Staat selbst unter der Hand oder sogar offen zum Produzenten von Gesinnung wird. Er ist auf die Pflege von Gesinnung durch religiös-weltanschauliche Institutionen angewiesen, die in einer pluralistischen Gesellschaft in Konkurrenz zueinander stehen; das schließt natürlich grundsätzlich Kooperation nicht aus. Konsequenter Pluralismus meint den strategischen Verzicht auf jede Form von repressiver Toleranz und die Forderung einer Toleranz der Achtung von Differenz.

 

Ich hatte eingangs oft gehörte Feststellungen erwähnt, auf die sich die Behauptung stützt, Konfessioneller Religionsunterricht an öffentlichen Schulen sei anachronistisch: Deutschland ist kein christliches Land mehr; man wählt seine Religion selbst aus; man setzt seine Religion zusammen; eine Vielzahl von Lebensdeutungen konkurrieren; eine Vielzahl von Lebensgestaltungen sind möglich, usw.

 

Anhand von Zitaten zweier phänomenologischer Denker möchte ich zeigen, dass Koalitionspartner, die tendenziell verstehen müssten, was der konfessionelle Religionsunterricht will, auch unter Humanisten zu finden sind. Kommt es doch beim Religionsunterricht auch darauf an, sich mit Menschen auseinander zu setzen, die eine Daseinsgewissheit haben, die zwar nicht die eigene ist, die aber zugleich davon angetan sind, sich selbst und die Welt als Ganzes in den Blick zu nehmen.

 

Karl Jaspers schrieb vor mehr als 75 Jahren: „Sinn der Erziehung. – Der Mensch ist nicht allein durch biologische Vererbung, sondern wesentlich jeweils Werden durch Überlieferung. Seine Erziehung ist dieser an jedem Einzelnen zu wiederholende Prozess. [...] Bildung bringt den Einzelnen durch sein eigenes Sein in die Mitwissenschaft des Ganzen. Statt unbeweglich an seinem Orte zu haften, tritt er in die Welt, so dass sein Dasein in der Enge doch von allem beseelt werden kann. Der Mensch vermag um so entschiedener er selbst zu werden, je klarer und erfüllter die Welt ist, mit der seine eigene Wirklichkeit eins ist. Wenn die Substanz des Ganzen fraglos gegenwärtig ist, dann hat die Erziehung, gebunden an feste Form, ihren selbstverständlichen Gehalt. [...]

 

Wenn aber die Substanz des Ganzen fragwürdig geworden sich in der Auflösung befindet, so wird die Erziehung unsicher und zersplittert. Sie bringt die Kinder nicht mehr an die Größe eines alle umfassenden Ganzen heran, sondern vermittelt vielerlei. Eine Unruhe bemächtigt sich der Welt [...]. Symptom der Unruhe unsere Zeit um die Erziehung ist die Intensität pädagogischen Bemühens ohne Einheit einer Idee, die unabsehbare jährliche Literatur, die Steigerung didaktischer Kunst. Die persönliche Hingabe einzelner Lehrer geschieht in einem Maße, wie sie kaum jemals war und ist doch, weil nicht getragen von einem Ganzen, wie ohnmächtig. Dann wieder scheint das Charakteristische unserer Situation die Auflösung substantieller Erziehung zugunsten eines endlosen pädagogischen Probierens, einer Zersetzung in gleichgültige Möglichkeiten [...]. Es werden Versuche gemacht und kurzatmig Inhalte, Ziele, Methoden gewechselt. Es ist als ob die Freiheit des Menschen, die errungen wurde, sich selbst aufgebe in der leeren Freiheit des Nichtigen. Ein Zeitalter, das sich selbst nicht vertraut, kümmert sich um Erziehung, als ob hier aus dem Nichts wieder etwas werden könnte.“[6]

 

Eugen Fink schrieb vor mehr als 35 Jahren: „Der methodische Verzicht der Erziehungswissenschaft auf den Mitglauben an herrschende oder doch wenigstens im Schwang befindliche inhaltliche Erziehungsziele bleibt nicht bei der Enthaltung (Epoché) stehen, er schlägt in einen universalen Relativismus, Historismus und Skeptizismus um. Dieser Relativismus ist aber nicht die Folge einer übergroßen geschichtlichen Vergangenheit, die wir übersehen gelernt haben. Nicht weil wir viele Bildungswelten kommen und gehen sahen, misstrauen wir der Ständigkeit, Wahrheit und Allgemeingültigkeit der unseren. Es ist gerade umgekehrt. Weil wir nicht mehr wahrhaft in einer Auslegung des Ganzen gründen, weil wir keinen Boden unter den Füßen mehr haben, begegnen uns andere vergangene Kulturen im Aspekt der gleichen Unverbindlichkeit und Bodenlosigkeit.

 

Alle – das ist dann unsere unausgesprochene Voraussetzung – sind gleich wahr oder unwahr, alle sind eben nur irgendwie ausgebildete Möglichkeiten einer menschlichen Mutmaßung über das unerforschliche; keine hat vor der anderen einen unbedingten Vorzug; das Leben versucht sich bald in dieser oder jener Weise, – keine aber kann über den Anspruch auf subjektive Wahrhaftigkeit, d. i. Echtheit des Glaubens hinausgehen und gar behaupten wollen, mehr als alle anderen den Schleier von Sais gelüftet zu haben. Wir kennen alle bis zur Langeweile diese pseudokritische Art moderner Kulturhistorie, die sich über allen Dogmatismus erhaben dünkt, weil sie an nichts mehr wirklich glaubt. Aber solche stagnierende Glaubenslosigkeit ist gerade das Gegenteil einer echten und radikalen Kritik. Wo Nihilismus nicht mehr erlitten, wirklich erfahren ist als das glühende Eisen, das uns ins Mark brennt, wo er zur gekonnten Attitüde, zum Metier geworden ist, ist er die oberflächlichste und seichteste aller Haltungen.“[7]

 

Thesen im Anschluss an einen Vortrag von Eilert Herms am 16.9.08

1. Die gesellschaftliche Dimension des Religionsunterrichts besteht darin, die Öffentlichkeitsrelevanz des Unverfügbaren ins Spiel zu bringen. (Religion und Pluralismus)

2. Die entwicklungspsychologische Dimension des RU besteht darin, die Verantwortlichkeit von Kindern (mit-)zuentwickeln. (Bildung als Werden von Verantwortlichkeit in einem erlebensstarken Erschließungsgeschehen und in der Fähigkeit, dieses zu reflektieren.)

3. Die anthropologische Dimension des RU besteht darin, grundlegende Existenzdimensionen erleben, erkennen und unterscheiden zu lernen. (Selbstverhältnis, Umweltverhältnis, Weltverhältnis, Ursprungsverhältnis ist erschlossen und soll reflektiert werden.)

4. Die theologische Dimension des RU besteht darin, die Verbindlichkeit des Kontingenten in der Beziehung zur Absolutheit der Ursprungsmacht zu betrachten.

5. Die christliche Dimension des RU besteht darin, für die Gewissheit, dass im Ostergeschehen die Verlässlichkeit Gottes erscheint, Erlebnis- und Denkmöglichkeiten zu geben.

6. Die evangelische Dimension des RU besteht darin, dass in der Distanzierungsfähigkeit zu sich selbst, der Umwelt und der Welt Handlungsfreiheit gewonnen wird.

 

 



[1] Einführungsvortrag bei der Pfarrerfortbildung am Institut für Ethik bei Prof. Dr. Eilert Herms, Universität Tübingen, 15.-18.09.2008

[2]  Wilfried Härle, Aus dem Heiligen Geist. Positioneller Pluralismus als christliche Konsequenz, in: Zeichen der Zeit/ Lutherische Monatshefte, 7/98, 21–24.

[3]  Eilert Herms, Pluralismus aus Prinzip, in: ders., Kirche für die Welt, 1995, 467–485.

[4] Eilert Herms, Anforderungen des konsequenten weltanschaulich/religiösen Pluralismus an das öffentliche Bildungswesen, in: Religion, Ethik, Schule: Bildungspolitische Perspektiven in der pluralen Gesellschaft, Hg. Christoph T. Scheilke und Friedrich Schweitzer (FS Karl Ernst Nipkow), Münster etc. 1999, 219–247.

[5] Reiner Preul, Religion, Ethik und Philosophie in der Schule, in: ebd., 321.

[6]  In: Die geistige Situation der Zeit, 1931.

[7]  Eugen Fink, Natur, Freiheit, Welt, 38