Impressum

 

Dr. Stefan Drubel

Evangelische Kirche im Rheinland, Hans-Böckler-Straße 7, 40476 Düsseldorf

 

 

Kooperation von formaler und non-formaler Bildung – am Beispiel von Jugendarbeit und Schule

 

1. Einführung und Klärung

In der „Gemeinsamen Erklärung des Bundesjugendkuratoriums, der Sachverständigenkommission für den Elften Kinder- und Jugendbericht und der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe“ [1] heißt es: „Bildung ist mehr als Schule“. „Bildung ist der umfassende Prozess der Entwicklung und Entfaltung derjenigen Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, zu lernen, Leistungspotenziale zu entwickeln, zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten. Junge Menschen in diesem Sinne zu bilden, ist nicht allein Aufgabe der Schule. Gelingende Lebensführung und soziale Integration bauen ebenso auf Bildungsprozessen in Familien, Kindertageseinrichtungen, Jugendarbeit und der beruflichen Bildung auf. Auch wenn der Institution Schule ein zentraler Stellenwert zukommt, reicht Bildung jedoch weit über Schule hinaus.“

 

Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht regt an, den Blick beim Thema Bildung nicht nur auf die Institution Schule zu richten, sondern die Perspektive auf den Lebenslauf von Kindern und Jugendlichen zu weiten, das heißt die Persönlichkeitsbildung einzubeziehen und der außerschulischen Bildung einen viel größeren Stellenwert einzuräu­men.

 

Das saarländische Schulordnungsgesetz (SchoG) erwähnt die Jugendhilfe im § 20a (7) und schreibt hier vor: „Die Schulen, der Schulpsychologische Dienst, die Träger der öffentlichen Jugendhilfe sowie die anerkannten Träger der freien Jugendhilfe arbeiten bei der Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben zusammen.“ [2]

 

Zusammenfassend nenne ich die Definitionen für die drei Lerndimensionen, wie sie in der europäischen Bildungsdebatte eingeführt sind: „Das formale Lernen erfolgt in Schulen oder Berufsbildungseinrichtungen und wird mit einem Befähigungsnachweis bestätigt. Es ist (in Bezug auf Lernziele, Lernzeit oder Lernunterstützung) strukturiert. Das nicht formale Lernen erfolgt nicht in einer Schule oder Berufsbildungseinrichtung und führt üblicherweise nicht zu einem Abschluss, der mit einem Befähigungsnachweis bestätigt wird. Es ist jedoch sowohl strukturiert als auch gezielt. Das informelle Lernen erfolgt nicht in Schulen oder Berufsbildungseinrichtungen, wird nicht mit einem Befähigungsnachweis bestätigt und ist nicht strukturiert. Es entspringt den alltäglichen Aktivitäten am Arbeitsplatz, in der Familie oder in der Freizeit. Es kann gezielt erfolgen, ist in den meisten Fällen jedoch unbeabsichtigt (oder zufällig).“[3]

 

2. Die europäische Jugendpolitik als Wegweiserin

Die Europäische Kommission hat die Gefahren einer Europapolitik ohne die Einbeziehung der jungen Generation erkannt und im Jahre 1999 einen Strategiewechsel vollzogen, indem sie das Weißbuch „Neuer Schwung für die Jugend Europas“[4] (Weißbuch Jugend) in Auftrag gegeben hat. Das Weißbuch Jugend muss in direktem Zusammenhang mit dem damaligen „Lissabonziel“ verstanden werden, die EU bis zum Jahre 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen zu erzielen. Deshalb ist bei der Bewertung des Weißbuches Jugend darauf zu achten, ob die ökonomischen Aspekte der Bildung junger Menschen einseitig hervorgehoben werden. 

 

Bis zu seiner Veröffentlichung im November 2001, findet ein umfangreicher Konsultationsprozess mit Jugendlichen, Jugendforschung und der politischen Administration der damaligen fünfzehn EU-Staaten statt. Mit diesem Vorgehen wird erstmalig in der EU der Versuch unternommen, die Lebenslagen der Jugendlichen in den Mitgliedsstaaten systematisch zu erfassen, deren Wünsche und Hoffnungen zu thematisieren und durch Empfehlungen an die Politik der Mitgliedsstaaten dem Thema Jugend zukünftig ein stärkeres Gewicht auf der europäischen Agenda einzuräumen. So wird die Partizipation Jugendlicher neben dem Bildungsbegriff ein hervorragendes Thema des Weißbuchs Jugend.

 

Außerdem wird im Weißbuch Jugend erstmals eine Gleichberechtigung der unterschiedlichen Bildungsebenen zumindest angezeigt: „Die Tatsache, dass das lebenslange und sämtliche Lebensbereiche umspannende Lernen unverzichtbar geworden ist, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die notwendigen Fähigkeiten nicht nur in der formalen Bildung erworben werden können, sondern auch informelles und nicht formales Lernen erfordern.“[5]

 

Diese Erkenntnis deckt sich mit der Forderung der Jugendlichen selbst, eine Aufwertung oder Gleichsetzung der nicht formalen gegenüber der formalen Bildungsarbeit vorzunehmen. Die Ergebnisse der Konsultation offenbaren nämlich die Unzufriedenheit der Jugendlichen, wie auch der konsultierten Experten, an den vorhandenen Schulsystemen. Vor allem sind Jugendliche der Ansicht, Bildung solle nicht auf die für den Arbeitsmarkt bestimmten Fähigkeiten beschränkt sein, vielmehr müsse sie ab einem frühen Alter zur Sozialisierung, Integration und zur Beteiligung junger Menschen beitragen. Vorrangig diene sie der persönlichen Entfaltung, welche auch die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen erhöhen könne. Bildung hat also einen Persönlichkeitsbildenden Auftrag. Die persönlichen Qualifikationen junger Menschen müssen gleichberechtigt neben ihren fachlichen Qualifikationen anerkannt werden.

 

Aus der europäischen Bildungsdiskussion kommt ebenfalls der Begriff des Lebenslangen Lernens: „Lebenslanges Lernen umfasst alles formale, nicht-formale und informelle Lernen an verschiedenen Lernorten von der frühen Kindheit bis einschließlich der Phase des Ruhestands“[6].

 

Am Begriff des „lebenslangen Lernens“ entzündet sich allerdings Kritik, auch die der Kirchen. In seinem Vorwort zu der EKD-Denkschrift „Maße des Menschlichen“ thematisiert der damalige EKD Ratsvorsitzende, Präses Manfred Kock, die unkritische Verwendung dieses Lernbegriffs:

 

„Lernen darf nicht zum Selbstzweck werden. Die Aufforderung zum ‚Lebenslangen Lernen’ ist ambivalent. Zwar sind wir Menschen nie ‚fertig’ [...] Aber wenn das ‚Lebenslange Lernen’ zu einem Diktat der lebenslänglichen Anpassung an sich ständig verändernde wirtschaftliche Erfordernisse und Ziele verengt wird, müssen wir widerstehen.“[7]

 

Die EKD-Denkschrift setzt auf das Konzept des „Lebensbegleitenden Lernens“[8], das die besonderen Lebenslagen von Jugendlichen in Bezug auf ihre Bildungschancen, ihre Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, ihrer Werteorientierung und ihren religiösen Bedürfnissen aufnimmt und daraus auf die Dringlichkeit weiterer außerschulischer Bildungsmöglichkeiten ableitet:

 

„Neben Schule und Elternhaus muss ein breites Spektrum strukturell und funktional aufeinander bezogener Bildungsorte gewährleistet bleiben, die sich wechselseitig durchdringen und die für die prinzipielle Vielgestaltigkeit subjektiv erforderlicher Bildung offen sind. Dazu gehören alle Formen der Jugendhilfe und insbesondere Angebote der Jugendarbeit, die freiwilliger Natur und nicht auf das Erreichen eines bestimmten Bildungszieles ausgerichtet sind.“[9]

 

Die Evangelische Jugend im Rheinland formuliert deshalb sehr pointiert: „Definitionen von ‚Bildung’, steil formulierte ‚Bildungsziele’ und exklusive ‚Bildungsbegriffe’ schweben wie bunte Luftballons über der Bildungsdebatte oder hüllen in ihrer ehrfurchtgebietenden Abstraktion notwendige Konkretionen in Nebel. Deshalb konkurrieren wir nicht mit neuen Definitionen um den Preis für die schillerndste Seifenblase, sondern: Wir bestehen gegenüber der gängigen und sei sie noch so ehrenwerten familien-, frauen- und arbeitsmarktpolitischen Zuspitzung und Instrumentalisierung der Bildungsdiskussion darauf, dass Kinder und Jugendliche nicht Objekte, sondern Subjekte ihrer Bildung sind. Das gilt auch für die übliche Fragmentarisierung der Menschen nach den jeweiligen Bedürfnissen einer arbeitsteiligen Gesellschaft: Wir begegnen Kindern und Jugendlichen als Gegenüber und als ‚ganzen’ Menschen: mit ihrer Neugier und ihren Kompetenzen, ihren Ängsten und Träumen, ihren Fragen, mit ihren Hoffnungen und ihrem Scheitern. Wir weigern uns, die Negierung der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen mit zu machen. Wir nehmen die z.T. dramatisch gewandelten Lebens-, Familien- und Einkommensverhältnisse wahr und die konkreten Biografien von Kindern und Jugendlichen ernst. Gegen die Umdefinition von ‚Bildung’ zu ‚Ausbildung’ erinnern wir an die Funktion von Bildung als Freiheit zu Urteil und Kritik. Gegen eine systemkonforme, produktions- und konsumgerechte Einübung von Verhaltensweisen, die der Jugendarbeit gerade noch eine stabilisierende Entlastungsfunktion zuweist, bestehen wir darauf, dass der Mensch im Wirtschaftsprozess nicht ‚aufgeht’, dass er ‚letzte Fragen’ stellt, dass er sich gegen Unmenschlichkeit empören kann, dass er sich beteiligen und Verantwortung übernehmen will.“[10]

 

3. Kooperationsfelder von Jugendarbeit und Schule

Mit § 11 Abs. 1 SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) wird Jugendarbeit als drittes Sozialisationsfeld neben Elternhaus und Institutionen der schulischen und beruflichen Bildung definiert. Jugendarbeit hat damit eine eigenständige Stellung im Gesamtbereich der Jugendhilfe erhalten und steht gleichwertig neben anderen Leistungen. Jugendarbeit ist damit als Pflichtaufgabe der öffentlichen Jugendhilfe bestätigt worden. Dieses bestimmt näher der § 79 Abs. 2 SGB VIII, nach dem ein angemessener Anteil der für die Jugendhilfe bereitgestellten Mittel für die Jugendarbeit zu verwenden ist. Doch wie die Angemessenheit und Größe des Anteils bestimmt werden soll, bleibt offen.

 

In den vergangenen Jahren ist Jugendarbeit auf Schule zugegangen, wie Benedikt Sturzenhecker herausgearbeitet hat: „Wenn die Jugendarbeit sich an den Interessen und Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen orientieren will, kann sie den großen Lebensweltbereich der Schule nicht ignorieren. Schule ist nicht nur ein Unterrichts- und Qualifikations-, sondern auch ein Lebensort. Kinder und Jugendliche entwickeln in der Schule viele Interessen und Bedürfnisse, die von dort zurzeit kaum oder nicht beantwortet werden, die sich aber durchaus mit klassischen Zielen und Aufgaben von Jugendarbeit überschneiden. Will man diese Interessen, Themen und Bedürfnisse aufgreifen, werden daraus Bedarfe an Kinder- und Jugendarbeit.“[11]

 

Unter Aufnahme der Forschungen von Benedikt Sturzenhecker[12] ergeben sich zwölf Kooperationsfelder. Dabei bringt die außerschulische Bildung ihr Know-how in die Schule ein.

 

1. Öffnung der Schule zu außerschulischen Lebenswelten

Kinder und Jugendliche wünschen, dass Schule eine Öffnung zu außerschulischen Lebenswelten vollzieht. Sie erheben Einspruch dagegen, dass sich schulische Themen und soziale Kontakte fast ausschließlich auf den Raum der Schule und deren Ziele und Aufgaben beschränken. Themen ihrer alltäglichen Lebenswirklichkeit, Bezüge zu Menschen in Vereinen und Organisationen, Quellen und Möglichkeiten der Kompetenzaneignung, die sich außerhalb der Schule abspielen, werden zum Bedauern der Kinder und Jugendlichen nicht in Schule aufgenommen.

 

2. Schule als strukturierter Lebensort

Kinder und Jugendliche brauchen eine klare Tagesstruktur. Eine Ordnung des Tagesablaufes durch ihre Familie, durch Essenszeiten, durch eine Strukturierung des Nachmittages, fällt für immer mehr junge Menschen weg. Bisher ist lediglich der halbe Tag durch Schule organisiert und Jugendarbeit könnte helfen, Schule in einen Lebensort mit einer unterstützenden Tagesstruktur zu verwandeln. Diese Herausforderung ist zuerst eine Aufgabe der Entwicklung von Schule zu einem strukturierten Lebensort.

 

3. Erschließung Selbstbestimmter Räume

Kinder und Jugendlichen möchten sich in der Schule Räume erschließen, um sie selbstbestimmt zu nutzen. Die Raumorganisation von Schule ist einseitig durch den Lehr- und Unterrichtszweck bestimmt. Kinder und Jugendliche sind aber immer auf der Suche nach Räumen, die sie für ihre auch nicht Unterrichtsbezogenen Interessen und Unternehmungen nutzen können: Treffpunkte, Proberäume, Mediennutzung, Orte der Ruhe (des Chillens) etc.

 

4. Einbringung eigener Interessen und Themen

Kinder und Jugendliche möchten ihre Interessen und Themen einbringen, die in der Schule nicht auf dem Lehrplan stehen: „Sex, Drugs and Rock ’n Roll“. Auf der Suche nach Spaß, Action, Abenteuer, finden sie Gewalt und extreme politische Positionen oftmals spannend und möchten ihre gelegentlich provozierenden jugendkulturellen Neigungen ausprobieren. Außerschulische Bildungsarbeit kann diese Form jugendlicher Einbringung offener an- und aufnehmen als Lehrkräfte und die Auseinandersetzung darüber suchen.

 

5. Anerkennung außerschulisch erworbener Kompetenzen und Leistungen

Kinder und Jugendliche kritisieren, dass die Schule nur die vom Lehrplan verlangten Kompetenzen und Leistungen erkennt und bewertet. Sie wünschen sich einen Rückfluss ihrer außerschulisch erworbenen Kompetenzen in die Schule und einen Bezug sowie eine Anerkennung dieser Fähigkeiten auf ihre schulische Arbeit. Diesem Anliegen werden Kopfnoten alleine nicht gerecht.

 

6. Ganzheitliche Erlebnisse und Erfahrungen

Kinder und Jugendliche kritisieren die überwiegend kognitiv ausgerichtete Schule. Sie suchen Gelegenheiten in der Schule, ihren Körper zu entfalten, auch über den engeren Sportunterricht hinaus. Sie brauchen eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit Lerngegenständen, sie suchen nach körperlich-sinnlichen Erlebnissen und wünschen eine Entwicklung ihrer körperlichen Fähigkeiten.

 

7. Beziehungen zu Erwachsenen jenseits schulischer Machtrollen

Kinder und Jugendlichen möchten Beziehungen zu Erwachsenen jenseits schulischer Machtrollen. In einer Situation vielfältiger und oftmals unüberschaubarer Lebenswelten bilden Kinder und Jugendliche ihre Persönlichkeit an einer orientierenden Auseinandersetzung mit Erwachsenen als gleichwertige Partner und Partnerinnen.

 

8. Individuelle Lernförderung

Kinder und Jugendliche möchten als Schülerin und Schüler die schulischen Anforderungen gut bewältigen und sich eine gute Ausgangslage für ihr weiteres Leben eröffnen. Wer die geforderten Leistungen jedoch nicht erbringt, wird in der Schule zu wenig persönlich unterstützt. Es entsteht der Bedarf nach individueller Lernförderung, die sich auf ihren Lernstil, ihre Lernschwierigkeiten und ihre Lerngeschwindigkeiten einlässt.

 

9. Bearbeitung von Konflikten

Kinder und Jugendliche brauchen Unterstützung beim sozialen Lernen, bei der Konfliktbearbeitung und bei der Entwicklung interkultureller Kompetenzen. Schule fällt es aus unterschiedlichen Gründen schwer, Konflikte und brenzlige Situationen von Alltagsgewalt zwischen Schülern und Schülerinnen konstruktiv zu bearbeiten. Solche Konflikte und Krisen haben jedoch eine negative Wirkung auf die Lernfähigkeit und hindern eine förderliche Gestaltung des sozialen Zusammenlebens.

 

10. Partizipation bei der Gestaltung von Schule

Kinder und Jugendliche sind bisher wenig an der aktiven Gestaltung der Schule, gerade auch des Unterrichts als ihres Kernes beteiligt. Sie möchten ihre Partizipation ausweiten und auch politisches Handeln exemplarisch in der Schule einüben. Die Mitverantwortungs- und Mitgestaltungspotentiale von Kindern und Jugendlichen zu entwickeln, ist immer schon Auftrag von Jugendarbeit und kann auch in die Schule einfließen.

 

11. Unterstützung von Lebensplanung

Kinder und Jugendliche müssen eigene Kompetenzen für ihre Lebensplanung entwickeln. Dazu benötigen sie Lebenserfahrungen auch von außerhalb von Schule sowie die Kompetenz, diese Erfahrungen bewusst zu reflektieren und für ihre eigenen Planungen zu verwerten. Schule konzentriert sich häufig nur auf die Vermittlung von Qualifikationen, die zur Erreichung von Abschlüssen notwendig sind und vermittelt zu wenig Fähigkeiten der Planung der Biografie über die Schule hinaus. Mit der Perspektive, dass berufliche Normalbiografien für die meisten jungen Menschen kaum noch erreichbar sind, helfen „Orientierungstage“, wie sie die kirchliche Jugendarbeit für Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen durchführt, sich besser zurechtzufinden.

 

12. Ehrenamtliche Kompetenzen Jugendlicher einsetzen

Kinder und Jugendliche werden in der kirchlichen Jugendarbeit von ehrenamtlichen jungen Menschen angeleitet und begleitet. Diese Erfahrungen von Gruppenleitung werden in Schule selten eingefordert. Kinder und Jugendliche stellen die Anforderung an Jugendarbeit, ihnen auch in der Schule Erfahrungen zu ermöglichen, in denen sie selber lehren und leiten können.

 

Sturzenhecker fasst seine Überlegungen zusammen: „Insgesamt könnte man die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen, die sie an eine Jugendarbeit richten, die mit Schule kooperiert, auch zusammenfassen als ihr Interesse Subjekt von Schule zu werden. Bisher erleben sie sich zu stark als Objekt, als ausgeliefert und machtlos. Eine Jugendarbeit, die Kinder und Jugendliche in allen ihren Lebensfeldern ‚bemächtigen’ will, kann Schule aus diesen Anstrengungen nicht herausnehmen.“[13]

Angesichts des Bildungsauftrages der Evangelischen Kirchen, wie er in „Maße des Menschlichen“ formuliert ist, kann die von Kirchengemeinden und Kirchenkreisen getragene außerschulische Jugendarbeit einen reichen Beitrag in die Schule einbringen, wenn sie dort als Partner auf Augenhöhe gesehen wird. [14]

 

4. Gedenkstättenfahrten in Kooperation von Jugendarbeit und Schule

Konkretisieren möchte ich die Kooperationsmöglichkeiten am Beispiel der Gedenkpädagogik [15]. Der Pädagoge Micha Brumlik fordert eine „Unterweisung im Gedenken“: „Eine Erziehung, die Auschwitz zum Thema hat, wird nicht nur das historische Ereignis, als Hintergründe, Ursachen, Verlaufsformen des größten und nach wie vor singulären industriellen Massenmords darzustellen haben, sondern zugleich den Versuch unternehmen müssen, im Gedenken zu unterweisen.“[16]

Wieslaw Wysok, Leiter der pädagogischen Arbeit in der Gedenkstätte Majdanek, schreibt über seine Arbeit: „Die Vermittlung von historischen Ereignissen aus der Zeit der totalitären Diktaturen muss [...] über die reine Präsentation hinausgehen. Geschichte muss als gegenwärtig erfahrbar werden, indem eine Verbindung zwischen diesen historischen Ereignissen mit solchen Problemen und Erfahrungen zu schaffen versucht wird, welchen wir alltäglich in unserer Lebenswelt als Mitglieder einer staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung begegnen.“[17] 

 

Gedenkstättenfahrten als ganzheitliches, sowohl gegenwartsbezogenes als auch zukunftsweisendes Handeln, sollten in Kooperation von Jugendarbeit und Schule verantwortet werden, in einem Zusammenwirken z.B. von Religionsunterricht und gemeindepädagogischem Handeln in der außerschulischen Jugendarbeit. Dieser Kooperationsbedarf ergibt sich nicht nur aus einem evangelischen Bildungsverständnis, sondern vor allem aus gesellschaftlichen Entwicklungen im Umgang mit der Aufarbeitung deutscher Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus.

 

Der Sozialpsychologe Harald Welzer und sein Team haben in einer Studie über die innerfamiliäre Tradierung von Ereignissen aus der NS-Zeit und deren Stellenwert im Geschichtsbild von Jugendlichen die Grenzen der kognitiven Wissensvermittlung, wie sie die Schule leistet, über den Holocaust herausgearbeitet.[18] Die Interviews mit den unterschiedlichen Generationen einer Familie ergeben, „dass zentrale Elemente der erzählten Episoden nicht gehört zu werden scheinen und im Rahmen der Erzählungen en passant transportierte Informationen nicht zur Kenntnis genommen werden [...], dass Geschichten auf ihrem Weg durch die Generationen so refiguriert werden, dass sie am Ende einen vollständigen Deutungswechsel erfahren“[19].

 

Schließlich erscheinen den Jugendlichen die eigenen Großeltern als Widerstandskämpfer, die jüdischen Mitbürgern geholfen haben, aber auf keinen Fall mitverantwortlich sind für die Verbrechen an den Juden, die in der NS-Zeit geschehen sind. Es ist den Jugendlichen schlicht nicht vorstellbar, dass ihre Familienangehörigen oder deren Nachbarn für die Plünderung von Wohnungen, für die Denunziation jüdischer Menschen, für die widerstandlose Hinnahme von Deportationen und für die Vernichtung irgendeine Mitverantwortung tragen oder sogar in einer Form aktiv beteiligt waren.

 

Es vollzieht sich eine durch das Familiengedächtnis beeinflusste Veränderung im Geschichtsbewusstsein auch der jungen Generation, so dass ein Geschichtsmodell sich erneut durchsetzt, bei dem zwischen „den Nazis“ und „den Deutschen“ unterschieden wird, das letztlich die in ihrer Jugend ‚verführten’ Eltern und Großeltern als Opfer erscheinen lässt. Durch diese Individualisierung wird die Gesamtverantwortung für die geschehenen Verbrechen und das erlittene Unrecht gewissermaßen segmentiert, was einer „Enthistorisierung“ gleichkommt.

 

Evangelische Jugendbildungsarbeit steht in Verantwortung eines ganzheitlichen und universellen Gedenkens und damit vor der Frage, wie dem gesellschaftlichen und familiären Trend zur Enthistorisierung begegnet werden kann. Für die Schule stellt sich die Herausforderung, wie die kognitive Wissensvermittlung „konkurrenzfähig“ bleiben kann gegenüber einem medial unterbauten Familiengedächtnis, das einer Individualisierung und Enthistorisierung Vorschub leistet. Für Jugendarbeit und Religionsunterricht ergibt sich die Aufgabe, Jugendliche nicht sich selbst zu überlassen zwischen Familientradierung und schulischer Wissensvermittlung, sondern einen Vermittlungsprozess zwischen beiden Lebenswirklichkeiten zu gestalten.

 

Evangelische Jugendarbeit und Schule müssen ihre Kooperation bei Gedenkstättenfahrten ausbauen und gemeinsam in den europäischen Kontext stellen, indem sie für ihre Projekte europäische Partnergemeinden oder Partnerschulen suchen. Dabei bleibt die Schule der wichtige formale Bildungsort, an dem Jugendlichen Geschichtswissen vermittelt wird. Selbst wenn Projektarbeit in Geschichtskursen vereinzelt durchgeführt wird oder Gedenkstättenfahrten von einzelnen Lehrkräften angeboten werden, bleibt die Art der Wissensvermittlung über den Holocaust eindimensional kognitiv. Diese Wissensvermittlung über den Holocaust trifft bei Jugendlichen auf konkurrierende Modelle, die neue Ansätze der Aneignung in der Schule erfordern. Evangelische Jugendarbeit versucht mit ihren außerschulischen Bildungsprozessen, Jugendlichen den Transfer der weit zurückliegenden Ereignisse und der aktuellen Konsequenzen des Holocaust in ihre Lebenswirklichkeit als partizipativen Bildungsprozess zu eröffnen.

 

Jugendarbeit und Schule gestalten in Kooperation Gedenkstättenfahrten als einen Jugendbildungsprozess im europäischen Kontext, der sowohl dem außerschulischen als auch dem schulischen Bildungsauftrag entspricht. Eine gemeinsam verantwortete und durchgeführte Gedenkstättenfahrt bringt die Kompetenzen beider Institutionen zusammen und sollte das folgende Profil aufweisen: 

 

Gedenkstättenfahrten sind als längerfristige Projekte anzulegen und einzurahmen von einer Vorbereitung und einer Nacharbeit. Die Vorbereitung besteht z.B. aus einer Spurensuche nach jüdischem Leben in der eigenen Stadt, einer Auseinandersetzung mit dem aktuellen z.B. deutsch-polnischen Verhältnis oder einer Beschäftigung mit den Grundbegriffen jüdischen Lebens und Glaubens. Durch diese vorbereitenden Projekte wird ein geographischer, politischer oder religiöser Bezug zu der anschließenden Fahrt hergestellt, der den Jugendlichen hilft, ihre eigenen Berührungspunkte zum für sie weit in der Vergangenheit liegenden Geschehen zu finden. Die Gedenkstättenfahrten selbst können nicht ohne eine Verweildauer von mindestens fünf Tagen verantwortlich durchgeführt werden. Nur dann ist es möglich, die Gedenkstätte nicht nur einmalig aufzusuchen, sondern nach einer ersten Orientierung Schwerpunkte für die weiteren Besuche zu setzen.

 

Wieder zuhause, können die Erfahrungen der Jugendlichen in die Gestaltung von Jugendgottesdiensten einfließen, in einer Ausstellung für Konfirmanden und Schulklassen veröffentlicht oder in einem intergenerativen Dialog mit Erwachsenen- und Seniorengruppen der Gemeinde ausgetauscht werden. Die Erfahrung zeigt, dass Jugendliche im Anschluss an eine Gedenkstättenfahrt noch für eine längere Zeit bereit sind, am Thema zu bleiben und Folgeprojekte nahezu erwarten. Bei Kooperationsveranstaltungen bieten sich Ausstellungen in der Schule, von Schülern vorbereitete Unterrichtseinheiten und thematische Schulgottesdienste an. 

 

Wenn Jugendarbeit und Schule bei konkreten Projekten der Gedenkstättenarbeit kooperieren, entstehen für Jugendliche gleichermaßen Zugänge auf der kognitiven, emotionalen und handlungsorientierten Ebene. Gedenken wird dadurch für sie zu einem gegenwärtigen und ganzheitlichen Bildungsgeschehen, das ihnen Optionen für einen europäischen Horizont des Umgangs mit der Vergangenheit und der Entwicklung von Perspektiven für ein friedliches Zusammenleben der Menschen in Europa einräumt. Die europäische Dimension ihrer Auseinandersetzung fördert ein supranationales Bewusstsein für die regionalen und globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, denn Frieden und Gerechtigkeit, die von Europa ausgehen, wirken in die anderen Regionen der Welt hinein.

 

Vortrag beim Bosener Gespräch am 8.12.08 zum Thema „Kooperation von formaler und non-formaler Bildung am Beispiel von Jugendarbeit und Schule“. Kirchenrat Dr. Stefan Drubel ist leitender Dezernent im Dezernat „Außerschulische Bildung“ im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland. Zur Veröffentlichung vorgeschlagen von Frank-Matthias Hofmann, Am Ludwigsplatz 11, 66117 Saarbrücken.

 


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[1] Gemeinsame Erklärung des Bundesjugendkuratoriums, der Sachverständigenkommission für den Elften Kinder- und Jugendbericht und der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (Juli 2002)

[2] Zweiter Kinder- und Jugendbericht für das Saarland, Mai 2004, Drucksache 12/1136, S. 144

[3] Übernommen wird die Definition der drei Lernformen des Weißbuchs Jugend, S. 44, Anm. 29

[4] Weißbuch der europäischen Kommission „Neuer Schwung für die Jugend Europas“, herausgegeben vom Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg 2002

[5] Weißbuch Jugend, S. 44

[6] Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung

[7] Präses Manfred Kock in: Evangelische Kirche in Deutschland: Maße des Menschlichen. Evangelische Perspektiven zur Bildung in der Wissens- und Lerngesellschaft. Eine Denkschrift des Rates der EKD, Gütersloh 2003 S. 41, S. 7

[8] Vgl. ebd., S. 62f.

[9] Ebd., S. 41

[10] Positionspapier der Ev. Jugend im Rheinland Zur Bildung von Kindern und Jugendlichen. Beschlossen durch die Delegiertenkonferenz der Evangelischen Jugend im Rheinland Bonn – Bad Godesberg, 28.09.2003

[11] Benedikt Sturzenhecker, Chancen, Probleme und Wege der Kooperation von Offener Jugendarbeit und Schule, in: Kooperation Offene Jugendarbeit und Schule, Dokumentation und Handreichung, Herausgeber: Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie des Landes Schleswig-Holstein, Kiel 2004, S. 6-25, hier: S. 13

[12] Ebd., S. 13-16

[13] Sturzenhecker, S. 16

[14] Siehe auch die Streitschrift „Auf dem Weg zur gelingenden Schule“, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Haus der Offenen Tür in NRW.

[15] Vgl. zum Thema: Stefan Drubel, Protestantisches Profil in der Europäischen Union, Regensburg 2006, bes. S. 359ff.

[16] Brumlik, Micha: Erziehung nach Auschwitz als Unterweisung ins Eingedenken, in: Wermke, Michael (Hrsg.): Die Gegenwart des Holocaust, ‚Erinnerung’ als religionspädagogische Herausforderung, Münster 1997, S. 145-162, hier S. 146

[17] Wysok, Wieslaw: Aktuelle Aspekte der Pädagogik in NS-Gedenkstätten, in: Kranz, Thomasz (Hrsg.): Bildungsarbeit und historisches Lernen in der Gedenkstätte Majdanek, Lublin/ Polen 2000, S. 59-71, hier S. 61

[18] Welzer, Harald/ Moller, Sabine / Tschuggnall, Karoline, „“Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main, 4. Auflage: Juli 2003

[19] Ebd., S. 52