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Volker Keller |
Vom Seligmachersmaat zum
Kreuzfahrt-Pfarrer
Amüsantes von Kreuzfahrten
Ein Rest der vergangenen
Epoche „christlicher Seefahrt“ findet sich noch heute auf Kreuzfahrtschiffen:
die Bordgeistlichen. Ihre Schiffe sind keine Koggen mehr und heißen nicht mehr
Peter von Danzig oder Bunte Kuh von Flandern, sondern MS Europa, MS Amadea und
MS Marco Polo und sind fahrende Hotels von der Qualität De Luxe bis Premium mit
Pool und Showbühne an Bord.
Viel gemeinsam hat der Urlauberseelsorger
auf dem 3-5 Sterne-Schiff scheinbar nicht mit dem Schiffs-Prediger, dem
„Seligmachersmaat“; auf einem Schiff der Hanse, eigentlich nur denselben
Glauben – aber vielleicht ist das ja gar nicht so wenig.
Kaum hätte sich der
Schiffsprediger vorstellen können, dass seine Nachfolger einmal Kirchenbeamte
auf Lebenszeit mit einem Gehalt in Höhe von A 13/14 sein werden und damit zur
gehobenen Mittelschicht gehören. Das Gehalt läuft weiter, wenn der heutige
Geistliche seinen Borddienst versieht. Seine Kirche vergisst ihn nicht, wenn er
auf den fünf Weltmeeren unterwegs ist. Für die Reederei ist das billig, sie
zahlt in Naturalien: Essen und Trinken sind frei, die Kabine oder Suite kommt
dazu.
Ist das Schiff nicht
ausgebucht, darf der Geistliche es sich in einer Passagier-Suite gemütlich
machen. Wird es dann voll, muss er in eine Offizierskabine wechseln. Wird dann
wieder etwas frei, steigt er aus dem Crew-Keller des Schiffes wieder auf zum
Passagierdeck und hat Meerblick. So ist ein Bordgeistlicher einmal in zwei Wochen
so oft auf- und abgestiegen, dass er die Orientierung verlor. Zuletzt fand er
sich in einer Suite mit Balkon vor und war damit für alles Ungemach reichlich
entschädigt worden.
Sein Kollege früherer Zeiten hatte
es längst nicht so schwer: Er hatte sein „hängendes Bett“, seine Hängematte
irgendwo im dunklen Bauch des Schiffes. Zwei mal ein Meter Platz in der Nacht
reichte völlig – es mussten ja gar nicht 20 Quadratmeter mit Dusche und
Internetanschluss sein wie bei dem späteren Kollegen. Hauptsache man wurde bei
Seegang durch die hin- und herschwingende Matte schön in den Schlaf
geschaukelt. Herausfallen konnte der Seemann nicht, die Matte bewegte sich mit –
was das 5-Sterne-Bett mit Federkernmatratze nicht kann.
Aber es konnte dann für den
Maat doch ungemütlicher werden. Er und die Mannschaft mussten mit Seeräubern
rechnen, nicht nur mit den Vitalienbrüdern um Störtebecker, sondern sogar mit muslimischen
Piraten aus Afrika, die neben dem Mittelmeer auch noch die Nordsee unsicher
machten. Die Seemänner wurden sich dabei ihres Christseins, ihrer „christlichen
Seefahrt“ im Gegensatz zu den Heiden und Barbaren deutlich bewusst. Wer Pech
hatte wurde in die Sklaverei verschleppt.
Für den Fall wurde zum Beispiel
in Hamburger Kirchen in die „Sklavenkasse“ gesammelt. Diese Kollekte diente
dazu, die Gefangenen frei zu kaufen. Mit solchen Gefahren hat der heutige
Pfarrer kaum zu rechnen. Einmal gab es 1985 einen terroristischen Angriff auf
die italienische Achille Lauro. Und dann wurde frecherweise vor Kurzem das
Frühstück auf der Seabourn Spirit gestört, als vor Somalia Piraten eine Granate
in die Schiffswand schossen. Als sie durch eine Schallkanone taub gemacht
worden waren und abzogen, konnte weiter gegessen werden. Notfalls kann sich ein
Luxusliner ja auch noch einnebeln.
Der alte Schiffsprediger jedenfalls
riskierte mit seinem Job eine ganze Menge. Viel wurde ihm trotzdem nicht
bezahlt. Häufig wurden Kandidaten der Theologie, Studenten angeheuert. Ihre
Monatsheuer betrug 10 Reichstaler. Die Barbiere, die zum Gesundheitsdienst an
Bord zählten, waren dagegen Großverdiener mit ihren 45 Reichtalern. Manchmal
fand sich kein Theologe für den Borddienst, dann genügte auch ein bankrotter
Schneider, den man als „Vorleser“ mitnahm. Von ihm wurde erwartet, dass er
lesen konnte, um die Gebete vorzutragen, die Psalmen vorzusingen und sich um
die Kranken zu kümmern. War keiner für die Mitfahrt zu gewinnen, dann hielt
eben der Kapitän die „Betstunde“.
Während sich der
Bordgeistliche mit seinem „Passagierstatus“ herumschlägt und beim Abendessen
acht Gänge zu bewältigen hat, führten die Mahlzeiten den Schiffsprediger selten
in Versuchung – allenfalls sonntags und donnerstags, weil es an diesen
Feiertagen Extraportionen gibt.
Am Donnerstag wurde der
Prediger besonders gefordert. Auf den Schiffen war der Donnerstag Feiertag wie
der Sonntag. Der Tag begann mit einem Gottesdienst und wurde mit
Katechismusunterricht fortgesetzt, damit die Seemänner „durch Hörung des Wortes
Gottes und Genießung des hochwürdigen Abendmahls ihre Seele laben könnten“. Dafür
war der Sonntag als der Tag der Auferstehung Jesu Christi; aber warum am
Donnerstag Gottesdienst und Sonntagsverpflegung mit einem „vollen Schlag“
Schweinebraten mit Rotkohl? Der Grund liegt in der christlichen Missionsgeschichte.
Die germanischen Völker verehrten den „donnernden“ Gott Donar. Gegen die
heidnische Festfeier dieses Tages kämpfte die Kirche mit wenig Erfolg. So hob
sie den Donnerstag selbst durch einen Gottesdienst hervor. Der Tag des Donners
wurde so zum christlichen Feiertag. Daraus entstand eine seemännische
Tradition.
Beim Norddeutschen Lloyd
kannte man die Tradition. Sogar auf ihren Passagierschiffen, auf denen die
Verpflegung nicht gerade knapp ausfiel, gab es an Donnerstagen besondere
Delikatessen.
Es ist zu befürchten, dass
auf heutigen Kreuzfahrtschiffen eine Extraportion von den Fahrgästen nicht
bemerkt würde. Und ob es einen Gottesdienst gibt, hängt davon ab, ob Seetag
oder Landtag ist. Nur bei Seetagen ist Zeit für die Labung der Seele. Die Donnerstagstradition
ist Geschichte.
Der Seligmachersmaat war
gefordert, wenn Not eintrat, wie auch sein Nachfolger späterer Jahrhunderte.
Not, das war und ist der Tod. In der Gründungsurkunde der Lübecker
Schiffergesellschaft von 1401 wird vom Leiden der Seeleute auf dem Wasser
erzählt, dass sie „sterben, ohne Beichte und ohne Reue, die von Angst geplagt
keine Ruhe finden können, die auch keinen haben, der für sie bittet“. Im Himmel
bittet für sie natürlich der heilige Nikolaus, der Heilige der Seefahrer, aber
auf Erden wurde auch ein Fürbitter gebraucht. Das war der Pfarrer, der
„Trostsprecher“ an Bord. Die Katholiken glaubten an das Fegefeuer, ein
Zwischenzustand zwischen irdischem Leben und Jenseits. In diesem Zwischenreich
konnten Fürbitten und Totenmessen helfen. Wehe, wenn sie unterblieben…
Damals hatte man Routine mit
dem Tod auf dem Meer – er kam so häufig vor. Auf Kreuzfahrtschiffen ist ein
Todesfall eine dramatische Ausnahmesituation. Dafür ist der Bordgeistliche
zuständig – wer sonst hat soviel Erfahrung damit? In aller Stille und ohne ein
großes Aufheben davon zu machen, hat er sich um die Angehörigen zu kümmern und die
Passagiere, die etwas mitbekommen haben, zu beruhigen. Der Tod ist auf einer vergnüglichen
Urlaubsfahrt ein uneingeschränktes Tabu. Gäste reagieren mitunter empfindlich
auf eine Konfrontation mit der Endlichkeit und beschweren sich auch schon
einmal beim Kreuzfahrtdirektor, wenn ein Sarg tagsüber und nicht nachts vom
Schiff geholt wurde. Diskretion ist gefragt.
Auf den alten Segelschiffen
musste man jederzeit mit großer Not und Tod rechnen. Deshalb war es wichtig,
jeden Tag durch die memento-mori-Übung („Ich gedenke des Todes“) vorbereitet zu
sein. Damals beteten sie in der Not, heute halten die Seeleute es oft mit
Münchhausen: „Ein guter Fluch ist ein halbes Gebet.“ Und die Altvorderen
versprachen Gott eine Wallfahrt. Wieder an Land übernahm der Schiffsprediger
oder ein Anderer die Erfüllung des Gelübdes. Die Kosten dafür trug der Eigner
des Schiffes.
Auf Kreuzfahrtschiffen
repräsentiert der Bordgeistliche noch einen Rest von christlicher Seefahrt. Er
hält Gottesdienste und religiöse Vorträge, er bietet Seelsorge an, er steht für
Gespräche über Gott und die Welt zur Verfügung. Kreuzfahrtreedereien halten
auch in Zeiten von Glaubensauflösung am Bordgeistlichen fest, weil er zusammen
mit seinen weltlichen Kollegen, dem Host und der Hostess, mithilft, unterwegs
ein gutes Klima zu schaffen. Sein alter Kollege, der Schiffsprediger, war auch
für das Klima zuständig, aber er hatte zusätzlich noch eine weitere
verantwortungsvolle Aufgabe: Kämpfte sein Kriegsschiff in einer Schlacht, verteilte
er das Schießpulver an die Kanoniere.
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