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Volker Keller
Freier Damm 8, 28757 Bremen

 

Vom Seligmachersmaat zum Kreuzfahrt-Pfarrer

Amüsantes von Kreuzfahrten

 

Ein Rest der vergangenen Epoche „christlicher Seefahrt“ findet sich noch heute auf Kreuzfahrtschiffen: die Bordgeistlichen. Ihre Schiffe sind keine Koggen mehr und heißen nicht mehr Peter von Danzig oder Bunte Kuh von Flandern, sondern MS Europa, MS Amadea und MS Marco Polo und sind fahrende Hotels von der Qualität De Luxe bis Premium mit Pool und Showbühne an Bord.

 

Viel gemeinsam hat der Urlauberseelsorger auf dem 3-5 Sterne-Schiff scheinbar nicht mit dem Schiffs-Prediger, dem „Seligmachersmaat“; auf einem Schiff der Hanse, eigentlich nur denselben Glauben – aber vielleicht ist das ja gar nicht so wenig.

 

Kaum hätte sich der Schiffsprediger vorstellen können, dass seine Nachfolger einmal Kirchenbeamte auf Lebenszeit mit einem Gehalt in Höhe von A 13/14 sein werden und damit zur gehobenen Mittelschicht gehören. Das Gehalt läuft weiter, wenn der heutige Geistliche seinen Borddienst versieht. Seine Kirche vergisst ihn nicht, wenn er auf den fünf Weltmeeren unterwegs ist. Für die Reederei ist das billig, sie zahlt in Naturalien: Essen und Trinken sind frei, die Kabine oder Suite kommt dazu.

 

Ist das Schiff nicht ausgebucht, darf der Geistliche es sich in einer Passagier-Suite gemütlich machen. Wird es dann voll, muss er in eine Offizierskabine wechseln. Wird dann wieder etwas frei, steigt er aus dem Crew-Keller des Schiffes wieder auf zum Passagierdeck und hat Meerblick. So ist ein Bordgeistlicher einmal in zwei Wochen so oft auf- und abgestiegen, dass er die Orientierung verlor. Zuletzt fand er sich in einer Suite mit Balkon vor und war damit für alles Ungemach reichlich entschädigt worden.

 

Sein Kollege früherer Zeiten hatte es längst nicht so schwer: Er hatte sein „hängendes Bett“, seine Hängematte irgendwo im dunklen Bauch des Schiffes. Zwei mal ein Meter Platz in der Nacht reichte völlig – es mussten ja gar nicht 20 Quadratmeter mit Dusche und Internetanschluss sein wie bei dem späteren Kollegen. Hauptsache man wurde bei Seegang durch die hin- und herschwingende Matte schön in den Schlaf geschaukelt. Herausfallen konnte der Seemann nicht, die Matte bewegte sich mit – was das 5-Sterne-Bett mit Federkernmatratze nicht kann.

 

Aber es konnte dann für den Maat doch ungemütlicher werden. Er und die Mannschaft mussten mit Seeräubern rechnen, nicht nur mit den Vitalienbrüdern um Störtebecker, sondern sogar mit muslimischen Piraten aus Afrika, die neben dem Mittelmeer auch noch die Nordsee unsicher machten. Die Seemänner wurden sich dabei ihres Christseins, ihrer „christlichen Seefahrt“ im Gegensatz zu den Heiden und Barbaren deutlich bewusst. Wer Pech hatte wurde in die Sklaverei verschleppt.

 

Für den Fall wurde zum Beispiel in Hamburger Kirchen in die „Sklavenkasse“ gesammelt. Diese Kollekte diente dazu, die Gefangenen frei zu kaufen. Mit solchen Gefahren hat der heutige Pfarrer kaum zu rechnen. Einmal gab es 1985 einen terroristischen Angriff auf die italienische Achille Lauro. Und dann wurde frecherweise vor Kurzem das Frühstück auf der Seabourn Spirit gestört, als vor Somalia Piraten eine Granate in die Schiffswand schossen. Als sie durch eine Schallkanone taub gemacht worden waren und abzogen, konnte weiter gegessen werden. Notfalls kann sich ein Luxusliner ja auch noch einnebeln.

 

Der alte Schiffsprediger jedenfalls riskierte mit seinem Job eine ganze Menge. Viel wurde ihm trotzdem nicht bezahlt. Häufig wurden Kandidaten der Theologie, Studenten angeheuert. Ihre Monatsheuer betrug 10 Reichstaler. Die Barbiere, die zum Gesundheitsdienst an Bord zählten, waren dagegen Großverdiener mit ihren 45 Reichtalern. Manchmal fand sich kein Theologe für den Borddienst, dann genügte auch ein bankrotter Schneider, den man als „Vorleser“ mitnahm. Von ihm wurde erwartet, dass er lesen konnte, um die Gebete vorzutragen, die Psalmen vorzusingen und sich um die Kranken zu kümmern. War keiner für die Mitfahrt zu gewinnen, dann hielt eben der Kapitän die „Betstunde“.

 

Während sich der Bordgeistliche mit seinem „Passagierstatus“ herumschlägt und beim Abendessen acht Gänge zu bewältigen hat, führten die Mahlzeiten den Schiffsprediger selten in Versuchung – allenfalls sonntags und donnerstags, weil es an diesen Feiertagen Extraportionen gibt.

 

Am Donnerstag wurde der Prediger besonders gefordert. Auf den Schiffen war der Donnerstag Feiertag wie der Sonntag. Der Tag begann mit einem Gottesdienst und wurde mit Katechismusunterricht fortgesetzt, damit die Seemänner „durch Hörung des Wortes Gottes und Genießung des hochwürdigen Abendmahls ihre Seele laben könnten“. Dafür war der Sonntag als der Tag der Auferstehung Jesu Christi; aber warum am Donnerstag Gottesdienst und Sonntagsverpflegung mit einem „vollen Schlag“ Schweinebraten mit Rotkohl? Der Grund liegt in der christlichen Missionsgeschichte. Die germanischen Völker verehrten den „donnernden“ Gott Donar. Gegen die heidnische Festfeier dieses Tages kämpfte die Kirche mit wenig Erfolg. So hob sie den Donnerstag selbst durch einen Gottesdienst hervor. Der Tag des Donners wurde so zum christlichen Feiertag. Daraus entstand eine seemännische Tradition.

 

Beim Norddeutschen Lloyd kannte man die Tradition. Sogar auf ihren Passagierschiffen, auf denen die Verpflegung nicht gerade knapp ausfiel, gab es an Donnerstagen besondere Delikatessen.

 

Es ist zu befürchten, dass auf heutigen Kreuzfahrtschiffen eine Extraportion von den Fahrgästen nicht bemerkt würde. Und ob es einen Gottesdienst gibt, hängt davon ab, ob Seetag oder Landtag ist. Nur bei Seetagen ist Zeit für die Labung der Seele. Die Donnerstagstradition ist Geschichte.

 

Der Seligmachersmaat war gefordert, wenn Not eintrat, wie auch sein Nachfolger späterer Jahrhunderte. Not, das war und ist der Tod. In der Gründungsurkunde der Lübecker Schiffergesellschaft von 1401 wird vom Leiden der Seeleute auf dem Wasser erzählt, dass sie „sterben, ohne Beichte und ohne Reue, die von Angst geplagt keine Ruhe finden können, die auch keinen haben, der für sie bittet“. Im Himmel bittet für sie natürlich der heilige Nikolaus, der Heilige der Seefahrer, aber auf Erden wurde auch ein Fürbitter gebraucht. Das war der Pfarrer, der „Trostsprecher“ an Bord. Die Katholiken glaubten an das Fegefeuer, ein Zwischenzustand zwischen irdischem Leben und Jenseits. In diesem Zwischenreich konnten Fürbitten und Totenmessen helfen. Wehe, wenn sie unterblieben…

 

Damals hatte man Routine mit dem Tod auf dem Meer – er kam so häufig vor. Auf Kreuzfahrtschiffen ist ein Todesfall eine dramatische Ausnahmesituation. Dafür ist der Bordgeistliche zuständig – wer sonst hat soviel Erfahrung damit? In aller Stille und ohne ein großes Aufheben davon zu machen, hat er sich um die Angehörigen zu kümmern und die Passagiere, die etwas mitbekommen haben, zu beruhigen. Der Tod ist auf einer vergnüglichen Urlaubsfahrt ein uneingeschränktes Tabu. Gäste reagieren mitunter empfindlich auf eine Konfrontation mit der Endlichkeit und beschweren sich auch schon einmal beim Kreuzfahrtdirektor, wenn ein Sarg tagsüber und nicht nachts vom Schiff geholt wurde. Diskretion ist gefragt.

 

Auf den alten Segelschiffen musste man jederzeit mit großer Not und Tod rechnen. Deshalb war es wichtig, jeden Tag durch die memento-mori-Übung („Ich gedenke des Todes“) vorbereitet zu sein. Damals beteten sie in der Not, heute halten die Seeleute es oft mit Münchhausen: „Ein guter Fluch ist ein halbes Gebet.“ Und die Altvorderen versprachen Gott eine Wallfahrt. Wieder an Land übernahm der Schiffsprediger oder ein Anderer die Erfüllung des Gelübdes. Die Kosten dafür trug der Eigner des Schiffes.

 

Auf Kreuzfahrtschiffen repräsentiert der Bordgeistliche noch einen Rest von christlicher Seefahrt. Er hält Gottesdienste und religiöse Vorträge, er bietet Seelsorge an, er steht für Gespräche über Gott und die Welt zur Verfügung. Kreuzfahrtreedereien halten auch in Zeiten von Glaubensauflösung am Bordgeistlichen fest, weil er zusammen mit seinen weltlichen Kollegen, dem Host und der Hostess, mithilft, unterwegs ein gutes Klima zu schaffen. Sein alter Kollege, der Schiffsprediger, war auch für das Klima zuständig, aber er hatte zusätzlich noch eine weitere verantwortungsvolle Aufgabe: Kämpfte sein Kriegsschiff in einer Schlacht, verteilte er das Schießpulver an die Kanoniere.

 


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