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Helmut Noll
Eitersbergstraße 7, 66482 Zweibrücken

 

Wie man geschwisterlich Rückmeldung gibt

 

Die folgenden Punkte möchten eine Hilfestellung bieten, durch die Theologinnen und Theologen im Studium, Urlaub oder Ruhestand, auf einer übergemeindlichen Stelle oder im Gestellungsvertrag, aber auch Religionslehrer, Diakone und nicht zuletzt die emotional beteiligten Ehepartner der Vorgenannten in die Lage versetzt werden, spontan so auf Gottesdienst zu reagieren, dass der Gemeindepfarrer es begreifen, ihre Fachkompetenz anerkennen und ihr Engagement angemessen würdigen kann. Sie beruhen praxisnah auf eigenen, sorgfältig ausgewählten Aha-Erlebnissen mit den begnadetsten Vertreterinnen und Vertretern der oben genannten Zielgruppe – der überreife Ertrag aus Begegnungen vieler Jahre, hier konzentriert auf das Typische und seine zugrundeliegenden Prinzipien.

 

1. Vermutlich fragen Sie sich, warum Sie einen Gottesdienst überhaupt besuchen sollten, wenn Sie ihn nicht selbst leiten? Manchmal gibt es zwar familiäre Anlässe, aber grundsätzlich stehen Sie persönlich da längst drüber. Was soll man Ihnen dort schon erzählen, was Sie nicht selbst besser wüssten? Ihre Bestimmung ist also nicht Teilnahme (als wären Sie ein x-beliebiges Gemeindeglied!), sondern kritische Begleitung von höherer Warte aus, also von außen. Wohnen Sie vor Ort, beschränken Sie sich konsequent auf zwei, drei Stichproben im Jahr. Erwischen Sie den Pfarrer dann zu einem Zeitpunkt, an dem er an einer Krankheit laboriert oder anderweitig gehandicapt ist, dann haben Sie gleich ein zutreffendes Bild von seiner Leistungsfähigkeit. Ja, du liebe Zeit, wenn man ausgeruht und gut drauf ist, kann jeder halbwegs predigen. Das zählt nur, wenn es ihm so gleichmäßig gelingt wie Ihnen selbst.

 

2. Kaum hat der Gottesdienst begonnen, da werden Sie schon gemerkt haben, wes Geistes Kind sich da auf der Kanzel tummelt. Aber, so mögen Sie sich fragen, weshalb sollten gerade Sie dazu das Wort ergreifen, noch dazu gänzlich ungebeten? – Sie Tor, erbarmen Sie sich doch der Leute neben Ihnen in der Kirchenbank, die sich nie und nimmer trauen, dem da einmal Ihre (sic) Meinung zu sagen. Wer außer Ihnen hat schon solchen Mut vor Königsthronen? Warum sind denn Kirchenbänke so dünn besetzt? Na also: Vollbesetzt wären sie, würde man es da vorne nur richtig machen! Und denken Sie nur: Auch der da predigt, verbirgt hinter einer Fassade von Arroganz und Schlamperei ein schüchternes Herz, das sich in der Einsamkeit völliger Rückmeldungslosigkeit nach Ihrem Ratschlag sehnt, jedoch niemals darum zu bitten wagen würde. Mit einem Wort: Das ist Ihre Stunde!

 

3. Entscheidend für Ihr Statement ist nun der rechte Zeitpunkt; und der liegt in der Regel direkt nach dem Gottesdienst. Erstens kann nicht warten, was Sie zu sagen haben, zweitens merkt sonst keiner, dass Sie auch Ahnung von der Materie haben und drittens ist der Prediger gerade müde, hat vielleicht Feiertage mit etlichen Gottesdiensten hinter sich und wird daher Ihre kollegialen Ermahnungen um so freudiger anhören und aufnehmen als Samenkorn, aus dem dereinst Besserung erblühe. Hier wäre Rücksichtnahme eine unangebrachte Gefühlsduselei. Nur Naive würden sich mit dem Kollegen verabreden, um ihn dann ausgeruht und seiner vermeintlichen Gegenargumente bewusst vor sich zu haben; ihn, der seiner Denkfaulheit zuliebe längst sich verstockt hat in seines Herzens Härtigkeit.

 

4. Was Sie ihm sagen werden, braucht Zeit, um in ihm zu reifen und zu wirken. Darum sollten Sie ihn vor der Versuchung voreiliger Gegenrede bewahren, sonst ist die schöne Gelegenheit verpufft. Um dies zu vermeiden, dürfen Sie keinesfalls bei ihm stehen bleiben. Machen Sie es wie bei den Klingelstreichen Ihrer Jugend: Reiben Sie es ihm ganz nebenbei im Hinausgehen an der Kirchentür hin – dann aber nichts wie weg; und das alles in einer einzigen flüssigen Bewegung. Mit ein wenig Übung kriegen Sie es hin, dass er den Rest des Sonntags über Ihre Bemerkung nachgrübeln wird, anstatt etwa mit seinen Kindern zu spielen oder ein Buch zu lesen. Geschieht ihm recht. Irgendwann wird er es Ihnen gewisslich danken.

 

5. Sie glauben, er könnte Ihre schwellenkommunikatorischen Aphorismen womöglich gar nicht fassen? Dann schreiben Sie ihm doch einen Brief! Das hat den Vorteil, dass Ihre Erinnerung dann nicht mehr durch das direkte Erleben getrübt ist und Sie so seine Fehler viel schärfer herausarbeiten, ja ihm mit Beobachtungen und Zitaten dienen können, durch die er sich fragen wird, ob er denn selbst wirklich dabei war? Am besten veröffentlichen Sie es gleich; so wird man Ihre kollegiale Hilfsbereitschaft nicht unterlaufen können. Schreiben Sie ganz im Allgemeinen, aber lassen Sie den Gemeinten kenntlich werden. Schreiben immer sine ira et studio, aber seien Sie authentisch: Machen Sie ihm klar, dass Sie sich über ihn ärgern mussten und ungetröstet von dannen gegangen sind. Und das ist seine Schuld! Da Ihr wahres Anliegen allein das Wohl der angefochtenen Christenmenschen unter den Gemeindegliedern ist, haben Sie die Pflicht, die Mauer seiner Gedankenlosigkeit durch demonstrative Dramatik zu durchbrechen. Orientieren Sie dafür sich am Stil der Leserbriefe Ihrer Tageszeitung: „Mit Entsetzen habe ich sehen müssen, wie Sie …“; oder: „Ich bin außerordentlich enttäuscht, dass einer, der sich Pfarrer nennt …“ – ja, so fangen Ratschläge an, die wahrlich zu Herzen gehen. Ganz wichtig: Nie für sich selbst sprechen, immer wie Robin Hood für andere kämpfen – aber aufgepasst, dass keiner dieser Armen anwesend ist, der sich Ihre Andusigkeit womöglich verbitten könnte.

 

6. Hier in Kürze die erkenntnistheoretische Grundlegung Ihrer Kritik sowie die ethischen und soziologischen Konsequenzen.

Prämisse: Er sagt etwas Anderes oder macht etwas anders, als Sie es machen würden oder gemacht haben oder als ihr Ehegespons es gerne machen würde, ließe man ihn nur. Daraus folgt mit messerscharfer Logik: Er macht es falsch. Das impliziert Ihre Pflicht, ihn dazu zu bringen, dass er es so macht, wie Sie es wollen. Denn Sie wollen es so, weil es so richtig ist; er dagegen macht es anders, weil er verantwortungslos ist.

 

[Unwesentliche Fußnote: Natürlich könnte man – freilich nur sehr abstrakt und theoretisch – auch annehmen, dass der Kollege alles schon selbst bedacht hat, aber zu Erkenntnissen gelangt ist, die ihn weitergeführt haben. Ja, die offensichtliche Verblüffung und das ausweichende Gerede, mit denen er auf Ihre Gravamina reagiert, könnten daher rühren, dass er sich gerade verzweifelt fragt, wo in Ihrem Konglomerat aus  zweifelhaften Voraussetzungen, oberflächlichen Beobachtungen, defekten Schlüssen und schieren Unterstellungen er denn ansetzen könnte zu einer Richtigstellung. Aber diese Möglichkeit besteht nur rein theoretisch und ist für die Praxis vernachlässigbar. Im Ernst: Jemand der weiter gedacht hat als Sie? Sie sehen: unmöglich.]

 

Aus diesem Grundprinzip resultiert eine natürliche Rollenverteilung: Sie wissen genau, was die Menschen bewegt – er hat keine Ahnung von seinen Gemeindegliedern. Sie sind der Anwalt der wirklichen Gemeindeglieder und ihrer Bedürfnisse – er ist der Kirchenbeamte, der durch sein gedankenloses / rückständiges / zeitgeistanbetendes (Zutreffendes bitte unterstreichen) Gehabe die Leute verscheucht. Ihr nicht hinterfragbares Axiom sei stets, dass alle ihn genau so wahrnehmen und beurteilen wie Sie: negativ.

 

7. Die gängigste Methode der Predigtkritik funktioniert nach dem Vorbild eines Viren-Scanners: Achten Sie auf Reizworte und Einzelaussagen, isolieren Sie sie aus dem Zusammenhang und regen Sie sich dann künstlich darüber auf. So etwas wie einen Kontext haben nur historische Texte, nicht aber Predigten. Keiner weiß das besser als Sie, schließlich haben Sie oft genug Ausschnitte aus Predigthilfen, Internetpredigten, Beispielgeschichtchen und Liedtexten zu einem Sermon hintereinander montiert.

 

Schalten Sie beim Hören den hermeneutischen Verdacht immer auf „Volle Leistung“. Was einer ganzen Richtung zeitgenössischer Exegese recht ist, kann Ihnen nur billig sein. Fragen Sie nicht lange nach dem, was der Prediger wörtlich gesagt hat. Ein sensibilisierter Zuhörer hört das Gras auch da wachsen, wo keines gesät ist. Achten Sie besonders auf das, was er alles nicht sagt; und das ist jedes Mal eine Menge, schließlich hat er das ganze Evangelium zu predigen.

 

Das A und O aller Predigtkritik aber ist das Prinzip der komplementären Interpretation logischer Ebenen: Sagt der Prediger etwas von allgemeiner Bedeutung, interpretieren Sie es speziell und personalisieren dann. Nehmen wir an (konstruiertes Beispiel), der Prediger habe im Frühling von Krokus und Tulpen gesprochen und dass ihr derzeitiges allgegenwärtiges Blühen uns ein Hinweis auf die Liebe Gottes sein könnten. Nun müssen Sie ihm erklären, dass in Ihrem Garten aber nur Herbstzeitlose wüchsen, derzeit also gar nichts blühe und Sie sich deswegen knallhart ausgeschlossen gefühlt hätten.

 

Schauen Sie ihn mit schmerzlichem Lächeln an, verleihen Sie Ihrer Stimme das Timbre tiefster Betroffenheit und sagen Sie, dass Sie selbst seine Gedankenlosigkeit schon verwinden könnten, aber da wären ja die anderen Gottesdienstbesucher, von denen nicht jeder Tulpen habe, ja, manche Menschen hätten sogar überhaupt keinen Garten! Die habe der Prediger herzlos ignoriert!!! – Umgekehrt: Spricht er einen bestimmten Fall an, dann sagen Sie ihm, dass er pauschal verurteile und überhaupt höchst unkonkret am Leben seiner Gemeindeglieder vorbeirede. Sprach er davon (konstruiertes Beispiel), dass bestimmte Alltagsbelastungen zu vergleichen seien mit Kompost, um dessen Wichtigkeit für ein gesundes Pflanzenwachstum willen man seinen Geruch hinnehmen müsse, dann hauen Sie ihm um die Ohren, dass er heute den ganzen Obst- und Gartenbauverein vor den Kopf gestoßen und endgültig vergrault habe. Wie könne er nur von der Kanzel herab Menschen als stinkend herunterputzen, die in ihrem Gärtchen ein wenig Ruhe und Entspannung suchten! Im Übrigen seien Sie zutiefst bestürzt, wie leichtfertig er von der Lebenssituation von Körperbehinderten rede.

 

Von Körperbehinderten war mit keinem Wort die Rede? – Na und? Merke: Logik ist zum Verstehen einer Predigt kontraproduktiv, schon weil sie dem Prediger die Fähigkeit zu sinnvollen Gedanken ad hoc unterstellt. Gefragt sind einzig und allein Assoziationen, auch wenn sie an den Haaren aus den entferntesten Ecken des Universums herbei gezerrt werden müssen. Faustregel: Je länger die Schleifspur, desto bedeutungsschwerer der Einwand. Verwischen Sie dabei aber niemals die Schärfe der begrifflichen Differenzierung: Sie „kritisieren“ – er „verurteilt“; Sie „denken“ – er „dogmatisiert“; Sie sind „konkret“ – er ist „gesetzlich“; Sie reden „umfassend“ – er redet „unkonkret“; Sie reden „zeitgemäß“ – er redet „Zeitgeist“.

 

Obligatorisch muss jede Kritik enden mit dem Satz, dass es kein Wunder sei, wenn inzwischen so wenige Menschen kommen, wo sie doch geradezu aus der Kirche hinausgepredigt würden. Das ist das „Amen“, das nicht fehlen darf.

 

8. Zu Kritik an nonverbalem Verhalten suchen Sie sich am besten eine Einzelheit, von der aus Sie dann Ihre Generalkritik entfalten. Sie werden feststellen, dass es eine Menge scheinbar nebensächlicher Details gibt, deren essentielle Wichtigkeit für ein modernes christliches Gemeindeleben dem Kollegen völlig entgeht; die Sie aber dank Ihrer speziellen Interessen und Ihrer gesteigerten Sensibilität klar erkannt haben. Da wäre z. B. der Zustand der Abwasserrinne vor seinem Haus. Oh, wie ist die Gemeinde nicht schwer angefochten von dem Kontrast zwischen seiner Predigt und den dort wachsenden Grasbüscheln! Halten Sie ihm vor Augen, dass sein ganzer Gottesdienst rein für die Katz war, weil seine Abwasserrinne so gar nichts von seiner Predigt widerspiegele. Dieses Schema wird niemals langweilig, kann es doch mit einer unerschöpflichen Bandbreite von Variablen immer neu aufgeführt werden: schief hängendes Beffchen, Dialektanklänge, Barttracht, Schaukasten nicht aktuell, Nichtanwesenheit bei der Jubiläumsfeier des Gesangvereins und, und, und.

 

9. Natürlich dürfen Sie sich durchaus auch lobend über ihn äußern – doch bitte mit Bedacht, Maß und Ziel! Wagen Sie sich lieber nicht an diese fortgeschrittene Variante, solange Sie nicht mit den elementaren Methoden der Kollegenkritik reichlich Erfahrung gesammelt haben, sonst geht der Schuss nach hinten los und der Gelobte ruht sich auf einem rein wörtlichen Verständnis Ihres gut gemeinten Lobs aus. Womöglich verleitet ihn sein Größenwahn sogar zu der Ansicht, er versehe sein Amt ganz annehmbar. Da sei Gott vor. Darum sicherheitshalber: Immer gib ihm Saures!

 

Wichtig ist vor allem, dass Ihre fachliche Überlegenheit durch Ihr Lob klar zum Ausdruck kommt. Sie müssen es formulieren wie ein Prüfer, der einen durchschnittlichen Schüler zu weiteren Leistungen ermuntern will. Hat er z. B. eine exegetische Einzelheit offensichtlich nicht aus Predigthilfen abgeguckt, so schreiben Sie ihm, Sie hätten das zu Hause anhand des griechischen Textes überprüft und Potzblitz! – es habe doch tatsächlich gestimmt! Seien Sie nicht so weltfremd anzunehmen, der Kollege könnte selbst den Nestle-Aland aufgeschlagen und seine Idee gerade von da her haben. Unsinn, Sie selbst sind doch der letzte der Mohikaner, der noch die Texte in den Ursprachen liest. Das Rätsel, wie er trotzdem vor Ihnen drauf gekommen sein könnte, liegt allein in der Unberechenbarkeit des Heiligen Geistes, welcher da wehet, wo er will und so manch blindes Huhn wider alles Erwarten ein Körnlein finden lässt.

 

10. Leider muss ich noch zweier Punkte Erwähnung tun. Der Erste ist betrüblich genug: Im Allgemeinen können Sie zwar davon ausgehen, dass alle nur auf Sie gewartet haben und Ihre Ermahnung auf fruchtbaren Boden fallen wird. Es kann aber vorkommen, dass Undank der Welten Lohn ist. Vielleicht bleibt der Kollege äußerlich höflich und widerspricht Ihnen nicht ins Angesicht; Sie aber merken doch, dass er insgeheim an das berüchtigte Goethe-Zitat denkt. Vielleicht erfolgt sogar eine mündliche oder schriftliche Antwort, die durchblicken lässt, dass er in seiner Verblendung Ihre Einlassungen für nicht zureichend begründet hält, seine Gemeinde besser zu kennen meint als Sie und aus ihr ganz andere Rückmeldungen hört. Besonders gewissenlose Exemplare erwähnen die Gattung der eierlegenden Wollmilchsäue, der sie nicht zuzurechnen seien.

 

Obwohl es naturgemäß ziemlich durchsichtige Ausreden sein werden, kann es für Sie eine niederschmetternde Erfahrung sein: Sie haben nur in geschwisterlicher Liebe Gutes bewirken wollen, aber der Kollege hat es zum Bösen gewendet. Haben Sie aber Mitleid mit seiner gekränkten Eitelkeit, es schmerzt nun mal, wenn einem seine Fehler vor Augen geführt werden. Reagieren Sie mit der Ihnen eigentümlichen gelassenen Sachlichkeit: empört und zutiefst gekränkt. Machen Sie ihm zum Vorwurf, dass Ihnen nun der Aufenthalt an diesem Ort für alle Zeit gründlich verleidet ist. Versäumen Sie nicht auf Andere hinzuweisen, mit denen Sie über das Thema gesprochen und die Ihnen völlig recht gegeben hätten. Drohen Sie mit Kirchenaustritten in Ihrem Bekanntenkreis. Mindestens aber erklären Sie, dass Sie nun mit ihm nichts mehr zu tun haben wollen. Werfen Sie dennoch die Flinte nicht ganz ins Korn: Bestimmt findet sich irgendwo ein unzufriedenes Gemeindeglied (von denen es ja keine gäbe, wären Sie der Stelleninhaber), dem Sie Munition liefern können.

 

11. Zum Schluss muss ich schweren Herzens eine ernste Warnung anfügen vor der teuflischen Anfechtung, welche jedem gutwilligen Kritikus dräuend zu Häupten schwebet. Seien Sie gewappnet! Denn siehe, nachdem Sie es wie weiland Jesus in der Wüste wohl über 40 endlose Minuten ausgehalten haben, und, obschon Ihnen Steine statt Brot geboten wurden, dennoch nicht mit apokalyptischem Türgedonner entwichen sind, da wird alsbald der Versucher an Sie herantreten und Ihnen Zweifel einflüstern wie diese: Dass der da vorne nur andere Schwerpunkte setzt; dass an seiner Auffassung möglicherweise doch etwas Wahres sein könnte; dass man von außen kommend nicht den vollen Einblick haben kann; dass er vielleicht nur einen schlechten Tag hat, aber im Prinzip nicht ganz ahnungslos ist … eben dieses ganze wachsweiche, pseudotolerante Gerede, mit dem diese Kirche bis an den Rand der Auflösung heruntergewirtschaftet worden ist. Ja, aus seiner schwärzesten Niedertracht wird der Satan Ihnen einblasen, es könnte der da vorne einfach etwas haben oder sein, was Sie an sich selbst heimlich vermissen, oder Sie könnten durch ihn infrage gestellt sehen, wie Sie die Dinge immer gesehen oder gehandhabt haben – ein Verdacht, welcher jetzt in Ihnen wirke als durchschlagendes Abführmittel für lauter klitzekleine Korinthen.

 

Da widerstehe Du tapfer eingedenk der jammervollen Zerstreuung der Herde und all der schönen Möglichkeiten, welche der Kollege versäumet und verdirbet und sprich also: „Hebe dich hinweg von mir Satan, denn es stehet geschrieben: Du sollst fleißig herausziehen die Splitter aus deines Nächsten Auge, hinwiederum aber schön die Finger lassen von dem Balken in deinem eigenen. Item was du da redest, das mag im Allgemeinen und für sonst jeden zutreffen, nicht aber auf mich und auf diesen besonderen Fall allhier, für den gnädige Vorsorge zu treffen der Himmlische Vater leider versiebt hat.“ Und dann geh hin und lass deinen Mund übergehen von dem, wessen dein Herz so voll ist, dass du es einfach nicht länger verhalten kannst.

 

12. Praktische Übung:  Repliken auf diesen Artikel werden (in variierenden Formulierungen) mindestens eine der folgenden Aussagen enthalten:

o  Unverschämtheit, ich werde hier pauschal verurteilt

o  Hab ich nie so gemacht, außer in begründeten Ausnahmefällen

o  Der Autor verträgt wohl überhaupt keine Kritik

o  Ich bekomme nur gute Rückmeldungen

o  M.E. nicht unrichtig, nur hat es NN in seinem Buch S. 243ff differenzierter dargestellt

Aufgabe: Ordnen Sie jede Aussage einer der Methoden aus Abschnitt 6 -10 zu.

 


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