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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Joseph Ratzinger und die Verflüchtigung des Zweiten Vatikanischen Konzils

 

Der 24. Januar 2009 war für Katholiken, die nicht nur im Einklang mit dem Kirchenjahr leben, sondern überdies die Fähigkeit besitzen, sich im zweitausendjährigen Strom der Heilsgeschichte Gottes mit seiner Kirche zu orientieren, ein durchaus symbolischer Tag. Es war nämlich der Vorabend zu einem Jubiläum, das keiner im Vatikan so richtig zu feiern gedachte: Vor 50 Jahren, am 25. Januar 1959, hatte Papst Johannes XXIII. seine Entscheidung bekanntgegeben, ein ökumenisches Konzil einzuberufen. Am Vorabend dieses Tages also wollte Papst Benedikt XVI. mit der Bekanntgabe der Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der schismatischen Priesterbruderschaft Pius X. eine letzte Spätfolge des von Johannes XXIII. einberufenen Konzils beseitigen.

 

50 Jahre sind nun keine sonderlich lange Zeit, aber sie reichen aus, um allerhand Unheil anzurichten. Angenommen, es gäbe ein Konzil, in dem einige Dokumente verabschiedet werden, die ganz offensichtlich eine Änderung der bisherigen Linie des Lehramtes bedeuten und womöglich sogar eine Neuausrichtung erreichen wollten. „Aggiornamento“ – „Heutigwerden“ war das Schlagwort in den frühen 1960er Jahren, und viele wollten es tatsächlich so verstanden wissen, dass sich die römisch-katholische Kirche der „heutigen“ Zeit öffnet und sich vorsichtig modernisiert. Die Stellung der Kirche in der modernen Welt, ihr Verhältnis zu anderen christlichen Konfessionen und zu anderen Religionen und überhaupt die Frage nach der Religionsfreiheit sowie nach dem Verhältnis von Kirche und Staat bildeten eine bunte Palette mit Themen, zu denen die römische Kirche bis dahin nichts zu sagen wusste, was sie nicht hundert Jahre vorher auch schon gesagt hätte.

 

Das Zweite Vatikanische Konzil war nun der Versuch des kirchlichen Lehramtes, diese Themen so zu präsentieren, dass die alten Antworten von vor hundert Jahren zwar nach wie vor gültig bleiben, aber angesichts einer sich verändernden Welt nicht den Eindruck erwecken sollen, den aktuellen Stand des Nachdenkens zu repräsentieren. Deshalb verfuhr das Konzil zweigleisig:

 

In denjenigen Lehraussagen, wo es um die Fortschreibung und theologische Begründung der Entscheidungen des Ersten Vatikanischen Konzils ging, vor allem also in der Frage des Unfehlbarkeitsdogmas, zeigte sich das Konzil entschlossen, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen und ein in sich geschlossenes Modell von Kirchlichkeit zu formulieren, in dem es keine Möglichkeit gibt, dem Lehramt theologisch zu widersprechen. In der dogmatischen Konstitution über die Offenbarung Dei Verbum werden Schrift, Tradition und Lehramt so verklammert, dass sie eine Einheit bilden und weder eine legitime Schriftauslegung noch Traditionskritik jenseits des Lehramtes möglich ist. Die Geste Luthers, als Einzelner mit Argumenten der Schrift dem Papst gegenüberzutreten und Wahrheit für seine Position zu reklamieren, ist spätestens nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil systematisch verunmöglicht.

 

Andererseits aber, und das ist die zweite Seite derselben Medaille, zeigte sich das Konzil außerordentlich großzügig in solchen Fragen, die diesen dogmatischen Kernbestand der katholischen Lehre nicht direkt antasten. Man gab die harte Haltung auf, wonach es außerhalb der römisch-katholischen Kirche überhaupt kein Heil gäbe und erklärte die Sache vielmehr so, dass es in den anderen christliche Kirchen und Gemeinschaften Heil in genau dem Maße gibt, in dem diese Gemeinschaften auf die Fülle des Heils in der römisch-katholischen Kirche hingeordnet sind. Das macht inhaltlich überhaupt keinen Abbruch an der Vollkommenheit der eigenen Position, ist aber nach außen hin anschlussfähig für allerhand Gespräche und sogar für gemeinsame Gottesdienste.

 

Logische Konsequenz dieser Großzügigkeit in den Randbereichen und „weichen“ Themen der kirchlichen Lehre war die Kontaktsuche mit der religiösen Szene außerhalb der eigenen Kirchenmauern, also zunächst ökumenische, später dann interreligiöse Dialoge; außerdem war eine gründliche Liturgiereform notwendig, um dem Verlangen der eigenen Kirchenglieder nach Modernität nicht nur theologisch, sondern sichtbar und erfahrbar im alltäglichen Gottesdienstgeschehen entgegenzukommen.

 

Natürlich fand diese Offenheit auch ihre Gegner. Im Prinzip kehrten die alten Grundprobleme aus dem 19. Jahrhundert wieder zurück, als nämlich nach der Französischen Revolution und dem von ihr ausgehenden institutionellen Niedergang und öffentlichen Ansehensverlust der römisch-katholischen Kirche schon einmal die Frage beantwortet werden musste, wie viel „Aggiornamento“ die katholische Kirche braucht, um sich einerseits im Innern zu festigen und andererseits in ihrer Außenwirkung eine passende Antwort auf die vielfältigen wissenschaftlichen, sozialen und weltanschaulichen Herausforderungen der Neuzeit zu geben. Als Lösung auf beide Problemkreise wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Rückkehr zur scholastischen Philosophie und Theologie des Mittelalters und der frühen Neuzeit („Barockscholastik“) präsentiert, und zwar in ihrer ideenrealistischen, auf Thomas von Aquin zurückreichenden Variante.

 

Diese neuscholastische Theologie bot den doppelten Vorteil, einerseits durch ihre Papstorientierung einen Zentralisierungsprozess auf Rom hin in die Wege zu leiten und so die institutionellen Krise durch eine Renaissance des Papsttums zu überwinden, und andererseits – im Gegensatz zu ihrer innerscholastischen Konkurrentin, der via moderna eines Duns Scotus und Wilhelm von Ockham – an einer Metaphysik festzuhalten, die in die Lage versetzte, ein in sich geschlossenes Weltbild zu präsentieren, das zwar andere, moderne Weltanschauungen und Wissenschaften ganz gelassen zur Kenntnis nehmen konnte, sich aber durch diese keinesfalls anfechten lassen musste.

 

In dieser Ordnung hatte alles auf der Welt seinen Platz und die Kirche stand im Mittelpunkt. Die offene Flanke, die das Zweite Vatikanische Konzils gerissen hat, bestand nun genau darin, dass es zwar im Bereich der Kirche die alte Lehre stehen ließ und sogar noch präzisierte, aber im Bereich der Welt um die Kirche herum begonnen hatte, Kompromisse zu schließen. All diejenigen, denen es nicht gelungen war, den geistigen Spagat zu vollziehen, wonach zwar das Kirchenbild der Neuscholastik nach wie vor seine Gültigkeit hat, jedoch die metaphysische Ordnung des Seins, deren Mittelpunkt die Kirche ist, indem sie aus der übersinnlichen in die sinnliche Welt hineinragt und beide miteinander verbindet, zur Disposition gestellt ist, waren in der nachkonziliaren Kirche plötzlich heimatlos geworden. Für sie war das Zweite Vatikanische Konzil jener Wendepunkt in der Geschichte, an dem die Kirche den gleichen Fehler gemacht hat wie zweihundert Jahre zuvor bereits die säkulare Gesellschaft mit der Französischen Revolution: Sie hatte ihre alte, gottgegebene Ordnung aufgegeben zugunsten einer neuen Ordnung, die von Menschen erdacht ist und die deshalb innerhalb der Kirche ein ähnliches Zerstörungswerk anrichten wird wie die Französische Revolution im Bereich des Politischen.

 

Diejenigen Kreise in der römisch-katholischen Kirche, die diese Grundüberzeugung teilen, formen den harten Kern der Traditionalisten. Traditionalisten sind demnach nicht einfach nur theologisch konservative Katholiken, sondern sie bilden innerhalb des gerade in weltanschaulichen Fragen in den vergangenen Jahrzehnten recht heterogen gewordenen Katholizismus eine recht gut identifizierbare Einheit; allerdings gibt es Traditionalisten innerhalb der römisch-katholischen Kirche und solche, die nicht oder nicht mehr in Gemeinschaft mit ihr stehen. Was wir gegenwärtig erleben ist der Versuch, die wichtigste und größte derjenigen traditionalistischen Gruppierungen, die außerhalb der römisch-katholischen Kirche stehen, wieder in die Gemeinschaft mit dieser zurückzuführen.

 

Eine kleine Geschichte des Traditionalismus

 

Der Traditionalismus hat seinen Entstehungsort nach 1800 im nachrevolutionären Frankreich. Damals bildete sich eine „Kleine Kirche“ (die übrigens bis 1965 existierte, bestehend aus Bischöfen, Priestern und Laien, die das 1801 zwischen Pius VII. und Napoléon vereinbarte Konkordat nicht anerkannten. Bereits einige Jahre zuvor, 1798, rief der ehemalige Jesuit Abbé Barruel die sog. „Verschwörungstheorie“ ins Leben, wonach die Enzyklopädisten (eine der Aufklärung verpflichtete Philosophengruppe um Denis Diderot und Jean LeRond d’Alembert) ein Bündnis mit Freimaurern und Juden eingegangen wären, um jede christliche Gesellschaftsordnung zu vernichten. Es bildete sich in diesen Jahren in Frankreich eine spezifisch katholisch-restaurative Gesellschaftstheorie heraus, wonach Monarchie und Katholizismus auf der einen sowie Demokratie bzw. Volkssouveränität und protestantischer Presbyterianismus auf der anderen Seite als jeweils zueinander passende Staat-Kirche-Verhältnisse zusammengehören.

 

Diese politische Theologie des katholischen Monarchismus bot einen geeigneten Rahmen, um den Verlauf der französischen Kirchengeschichte im 19. Jahrhundert sinnstiftend interpretieren zu können: Die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes nach 1789, das Verbot der Inquisition und der kirchlichen Orden, das Erstarken laizistischer Tendenzen, die Trennung von Kirche und Staat sowie die Entkonfessionalisierung der Schulen wurden als Folge der Rebellion gegen König und göttliche Ordnung betrachtet. Frankreich hatte – wie das alttestamentliche Israel – eine kollektive Schuld auf sich geladen und musste diese nun sühnen.

 

Die Hinwendung der Kirche zur sozialen Frage unter Leo XIII. mit der Enzyklika „Rerum novarum“ (1891) veränderte die Lage, weil innerhalb des französischen Klerus diejenige Gruppe gestärkt wurde, die auf eine Versöhnung mit der Republik drängte. Dagegen gingen die antirevolutionären, monarchistischen Katholiken eine Verbindung ein mit einer bonapartistischen Bewegung namens „Action Francaise“, die vorwiegend im von der Kirche entfernten Bürgertum Anhänger fand. Dort wurde die alte Verschwörungstheorie wiederbelebt, wonach Freimaurer und Juden die monarchistische, von den Katholiken als gottgegeben betrachtete Ordnung zerstört hätten. Der Gründer der „Action Francaise“, Charles Maurras, wurde im fortgeschrittenen Alter zum Mussolini-Verehrer; Marcel Lefebvre, der sich in Kontinuität zu dieser Bewegung begriff, huldigte Franco, Pinochet und Videla.

 

Die „Action Francaise“ wurde 1925 von Pius XI. verurteilt; Pius XI. erntete dafür bei den französischen Katholiken wenig Verständnis. Pius XII. hob 1939 das Verbot auf, und nach der Niederlage von Vichy 1940 erlebte die Verschwörungstheorie des traditionalistischen Katholizismus bis in die Reden von Pétain und Laval hinein eine Renaissance: Nicht das wahre katholische, traditionalistische und nationalistische Frankreich, sondern Marxisten, Juden und Freimaurer waren besiegt.

 

Auch bei den Traditionalisten um Lefebvre war die französische Revolution Ausgangspunkt aller kirchlichen Verirrungen und diente dazu, die Verfehlungen des Zweiten Vatikanischen Konzils deutlich zu machen. Dabei ist die Französischen Revolution nicht nur den Traditionalisten das historische Paradigma für die geistige Verirrung der Neuzeit. Auch der deutsche Jesuit Joseph Kleutgen, strammer Verteidiger der scholastischen Vorzeit und Wegbereiter der Neuscholastik im 19. Jahrhundert, sowie sein Ordensbruder Heinrich Pesch, der Begründer der Theorie des Solidarismus, aus der die katholische Soziallehre hervorging, beschrieben die Neuzeit als Verfallsgeschichte der christlichen Weltordnung, die ihren Tiefpunkt in den Ereignissen der Französischen Revolution fand.

 

Neu bei den „modernen“ Traditionalisten ist jedoch, dass sie das Zweite Vatikanische Konzil als die direkte Übertragung der Irrtümer der Französischen Revolution in die Theologie des kirchlichen Lehramtes hinein beschreiben. Man kann sich das klar machen an der Übertragung der drei Schlüsselbegriffe „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auf die theologischen Entscheidungen des Konzils: Die Übertragung des Freiheitsgedankens hat die Irrlehre der Religionsfreiheit hoffähig gemacht; die Idee der Gleichheit unterminiert die Autorität des päpstlichen Primats durch die Behauptung einer „Kollegialität“ zwischen Bischöfen und Papst und führt zum Verständnis der Kirche als „communio“; und die Proklamation der Brüderlichkeit schließlich hat die Anerkennung der „getrennten Brüder“ zur Folge und führt damit zur Irrlehre des Ökumenismus.

 

Der traditionalistische Katholizismus ist exklusivistisch in seinem Alleinvertretungsanspruch der wahren Katholizität, dabei fixiert auf die authentische Wahrnehmung der lehramtliche Autorität durch den Papst – und diese Wahrnehmung geschieht bei den strengen Traditionalisten seit 1958 eben nicht mehr durch den Papst –, und stramm antiökumenisch. Der dem Traditionalismus nahestehende Mainzer Kirchenrechtler Georg May (Jg. 1927) konnte deshalb seinen 1986 auf der Una-Voce-Tagung gehaltenen Vortrag, in dem er eine grundsätzliche Abrechnung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vortrug, überschreiben mit dem Titel: „Die Krise der Kirche ist eine Krise der Bischöfe“ (nachzulesen in den Heften 1 und 2 des Jahrgangs 1987 der Una-Voce-Korrespondenz).

 

Das erste Kapitel seines Vortrages trägt den Titel „Das Scheitern des Konzils“, und dort wird das Konzil als eine Neuauflage der Versammlung der Stände Frankreichs im Jahr 1789 in kirchlichem Gewand präsentiert. Schon die Einberufung zeige Parallelen: Diese war ein „ebenso kapitaler Fehler“ wie die Versammlung der Stände 1789, denn „[d]erartige Zusammenkünfte entwickeln ihre eigene Dynamik, welche diejenigen, die sie berufen haben, weder gewollt noch vorausgesehen haben.

 

Es ist bekannt, dass die Besorgnisse Papst Johannes’ XXIII. im Laufe der ersten Sitzungsperiode des Konzils fortwährend stiegen.“ Auch sei bereits die französische Nationalversammlung mit 1.200 Mitgliedern viel zu groß gewesen, um vernünftig beraten zu können. Da das Konzil die doppelte Teilnehmerzahl gehabt habe, sei ihm jede Effizienz abgegangen, denn im „allgemeinen gilt der Grundsatz: Der Einsatz des einzelnen Mitgliedes einer Versammlung ist umgekehrt proportional zu deren Größe.“

 

Der entscheidende Mangel des Konzils sei es aber gewesen, so May, dass es „an einer wirklichen Erneuerungsbewegung im Schoß der Kirche fehlte. Um eine echte Reform durchzuführen, mangelten dem Konzil die Reformer, also die für Gottes Ehre und der Menschen Heil glühenden Persönlichkeiten. Brave Verwalter, klevere Manager und festgefahrene Ideologen bringen keine Erneuerung, sondern immer nur Neuerungen hervor. Emanzipatorische Bestrebungen und Aufwertungstendenzen haben mit echter Reform nichts zu tun: Kurz gesagt: Das Konzil mußte scheitern, weil ihm die Männer abgingen, die selbstvergessene Gottesliebe mit stählernem Erneuerungswillen vereinen.“

 

So bestand denn auch der falsche Ansatz des Konzils darin, dass „es Einrichtungen ‘reformieren’ wollte, statt den ewig reformbedürftigen Menschen zu bessern“, und ebenso wie schon 1789 in Frankreich, lag ein „völlig unangebrachter Optimismus [...] über der Versammlung“. Die Folge für die Kirche: „Was uns seit 25 Jahren als Reformen ausgegeben wird, ist zum weit überwiegenden Teil nichts anderes als der Einbruch episkopalistischer, liberaler, protestantischer und kollektivistischer Vorstellungen in die Kirche. Kurz gesagt: Die sogenannten Reformen sind ein System von Auslassungen und Abschwächungen im Dienst oder mit der Folge der Protestantisierung der Kirche.“

 

Für May hat das Konzil nicht nur eine Reihe unheilvoller Entwicklungen eingeleitet wie die Liturgiereform, den Ökumenismus, den Dialog mit außerchristlichen Religionen und die „Machterweiterung des Episkopats“, die mit der „Einschränkung des Primats“ einhergeht, sondern auch wichtige Dinge unterlassen: Das Konzil habe „damit aufgehört, Irrlehrer und Verführer zu maßregeln“ und damit „das heutige Lehrchaos in der katholischen Kirche wurzelhaft begründet“. So wurden einerseits „gefährliche Männer wie Rahner, Küng und Schillebeeckx auf den Leuchter gehoben“, andererseits aber wurde etwa der Begriff „Transsubstantiation für das wesentliche Geschehen in der hl. Messe vermieden“ und es wurde versäumt, sich „gegen den falschen Heilsoptimismus“ zu wenden und den Gläubigen „die Gefahr des Heilsverlusts“ deutlich vor Augen zu stellen.

 

Stattdessen gab es „dunkle, wässrige und ambivalente Texte“ voller „Formelkompromisse“ und „Generalklauseln“, die gegensätzlicher Interpretation zugänglich sind. Damit sieht May die Bischöfe des Zweiten Vatikanischen Konzils in unmittelbarer Verantwortung für die „nachkonziliare Katastrophe der katholischen Kirche“; diese Katastrophe habe viele Aspekte – „ihr bedrückendster ist der Zusammenbruch des Glaubens“.

 

Fünf Jahre nach Ende des Konzils gründete der damalige Erzbischof von Dakar und frühere Generalobere des Missionsordens der „Väter vom Hl. Geist“, Marcel Lefebvre, die Priesterbruderschaft St. Pius X. Sie wurde am 1. November 1970 durch den Bischof von Fribourg, Genf und Lausanne, Francois Charrière, nach den Regeln des Kirchenrechts kanonisch errichtet. 1976 wurde Lefebvre sowohl von seinem Priester- wie von seinem Bischofsamt suspendiert. Als er am 30. Juni 1988 in Econe im Schweizer Kanton Wallis vier Bischöfe weihte, war der endgültige Bruch mit Rom herbeigeführt und die Priesterbruderschaft St. Pius X. befindet sich seither im Schisma.

 

Das kirchenrechtliche Dilemma

 

Kardinal Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., war 1988 als Präfekt der Glaubenskongregation derjenige, der im Auftrag des Vatikan mit Marcel Lefebvre verhandelte und das Schisma verhindern wollte. Als das fünf Punkte umfassende Abkommen unterschriftsreif war, zog Lefebvre jedoch überraschend seine Zustimmung zurück und weihte stattdessen vier seiner Priester ohne Erlaubnis Roms zu Bischöfen. Sofort nach der Exkommunikation der Bischöfe wurde im Vatikan die Kongregation Ecclesia Dei gegründet, deren Aufgabe es ist, romtreuen Traditionalisten die Rückkehr zu ermöglichen. Grundlage für eine Rückkehr ist aber die Anerkennung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils; die Form kann dabei bewusst niedrigschwellig gewählt sein, Hauptsache die Bejahung ist deutlich dokumentiert.

 

Den größten Erfolg bei seinen Bemühungen um die Rückkehr traditionalistischer Priester konnte der Vatikan im Jahr 2002 in Brasilien feiern. Der exkommunizierte Traditionalistenbischof Licinio Rangel empfing einen am ersten Weihnachtstag 2001 verfassten Brief von Johannes Paul II., in dem dieser das am 15. August 2001 verbreitete Angebot der Priestervereinigung „Sao Joao Maria Vianney“ aus der Diözese Campos, sich dem Papst zu unterwerfen („Heiliger Vater, in Demut werfen wir uns nieder zu Füßen Eurer Heiligkeit ...“), annahm. Mit Dekret vom 18. Januar 2002 wurde die Vereinigung „Sao Joao Maria Vianney“ zur Apostolischen Administratur ernannt und Licinio Rangel wurde Apostolischer Administrator im Rang eines Bischofs. Die Priester der Vereinigung erkennen den Papst und das Zweite Vatikanische Konzil an; weiterhin erklärten sie, die Gültigkeit des Novus Ordo Missae, der von Papst Paul VI. promulgiert wurde, anzuerkennen. Im Gegenzug bekamen die Mitglieder der Vereinigung schon Jahre vor der offiziellen Freigabe die Erlaubnis, die Messe nach dem vorkonziliaren Ritus von 1962 zu feiern.

 

Im Grunde weiß in Rom derzeit niemand so ganz genau, wie die Sache eigentlich weitergehen kann, so dass sie zu einem Ende kommt, mit dem alle Beteiligten leben können. Ideal wäre natürlich eine Lösung wie 2002 in Brasilien, aber darauf wagt in Rom kaum jemand zu hoffen. Jenseits aller Pannen um den Holocaustleugner Richard Williamson hat Benedikt die riesengroße Dummheit begangen, an eine Aufhebung der Exkommunikation keinerlei Bedingungen zu knüpfen. Das kann dann zu einem Riesenproblem werden, wenn die Traditionalisten sich auch weiterhin weigern, die Konzilsbeschlüsse anzuerkennen. Das Kirchenrecht ist an dieser Stelle eindeutig: Möglich ist eine Rückkehr grundsätzlich dann, wenn ein traditionalistischer Priester im Sinne des can. 1347 § 2 CIC die Widergesetzlichkeit seiner Handlung, in diesem Fall die dauerhafte Auflehnung gegen die kirchliche Rechtsordnung, aufgibt. Aber genau daran führt kein Weg vorbei.

 

Joseph Ratzinger könnte also in seinem Bemühen, die durch das Zweite Vatikanische Konzil zerbrochene Einheit der römisch-katholischen Kirche wieder herzustellen, zur tragischen Figur werden. Wenn die von ihm umworbenen und zurückgeholten Schismatiker weiterhin wichtige Konzilsbeschlüsse ablehnen, muss er sie eigentlich wieder exkommunizieren, denn sie stellen sich dann – laut Kirchenrecht – weiterhin außerhalb der kirchlichen Ordnung. Findet er einen Weg, sie trotz Ablehnung der Konzilsbeschlüsse in der Kirche zu halten, hat er faktisch das Konzil abgeschafft: Es geht ja dann ganz offensichtlich auch ohne!

 


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