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Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67435 Neustadt

 

Neues Testament – Altes Testament

Eine theologische Standortbestimmung

                            

Als Jesus gefragt wird, welches das höchste Gebot sei, antwortet er: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 2234-40)

 

Neues Testament oder neuer Bund kommt im NT nur bei Paulus in den Einsetzungsworten (1.Kor. 1123) vor und zwar im Kelchwort, wo Jesus spricht: „Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Verge­bung der Sünden. Solches tut, sooft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis.“

 

Daher kommt es, dass wir alle Schriften, die diesen Bund bezeugen, das Neue Testament nennen. Wir sind uns aber bewusst, dass Bund nicht gleichbedeutend mit Schrift ist, sondern ein Geschehen bezeichnet, konkret das Trinken des Kelches als ein Metonym für das Sterben am Kreuz. Wenn Jesus sein Sterben (das Vergießen seines Blutes) in einem sogen. Herrenwort als Bund bezeichnet, dann müssen wir fragen, zwischen wem dieser Bund geschlossen wird? Dabei kommen wir auf das alttestamentliche Bundesbuch Ex 23-24 zu sprechen, in dem Moses einen Bund mit Gott bzw. Gott einen Bund mit Moses schließt. Dabei ist Gott der Bundstifter und Moses der Bundesmittler, das Volk Israel ist der Nutznießer des Bundes, der Bundespartner, das Bundesvolk.

 

Der Inhalt des Bundes ist das Gesetz, das in ein gegenseitiges Treueversprechen zwischen Gott und seinem Volk, wie es jetzt heißt, eingebunden ist. Wird das Gesetz nicht befolgt, wird der Bund gebrochen, hört das Volk auf Bundesvolk zu sein, ist Gott nicht mehr an seine Verheißung gebunden. Es kommt zum Bundesbruch und zum Treuebruch, zur Beendigung des Bundes. Der Bund kann aber immer wieder erneuert werden, indem der Treueschwur erneuert wird, das Gehorsamsgelübde neu gegeben und das Volk neu verpflichtet wird.

 

Dies geschieht durch Vermittlung des Hohen Priesters, wenn er einmal im Jahr das Allerhei­ligste im Tempel betritt und Sühne für die Sünden des Volkes bewirkt, indem er das Blut des Opfertieres auf den Altar spritzt. Er vollzieht ein stellvertretendes Opfer für das Volk, durch das die Sühne bewirkt wird. Das Opfer muss alljährlich wiederholt werden. An diese Praxis knüpft der Hebräerbrief an, indem er Jesus den Hohenpriester nennt, der ein für alle mal für unsere Sünden ein Opfer darge­bracht hat, indem er am Kreuz für uns starb. Er ist ein Priester nach der Weise Melchisedeks, ein ewiger Hohepriester, weil dessen Opfer keine Wiederholung braucht und es den Tempelkult überflüssig macht.

 

Diese Deutung des Todes Jesu knüpft an Jesu Kritik am Tempelkult an, die in dem Satz zum Ausdruck kommt: Ihr lasst das wichtigste am Gesetz dahinten, das Recht, die Barmherzigkeit und die Treue (Mt 23), mit dem er an die Kritik des Hosea am Tempelkult anknüpft (Hosea 6,6), der diese im Namen des Bundes und seiner Verletzung durch die politischen und religiösen Autoritäten vortrug: Verfluchen, Lügen, Morden, Stehlen, Ehebrechen (Hosea 4,2).

 

Die Errichtung des neuen Bundes durch Jesus verbindet die prophetische Kritik am Bundesvolk mit dem Vorwurf an das gegenwärtige Israel, weil es den Messias dem Richter überantwortet hatte und damit seine Hinrichtung zu verantworten hat. Diesen Sachverhalt haben die Evangelisten in ihren Passionsgeschichten festgehalten und damit den Vorwurf wiederholt, den Jesus bezüglich der Ermordung der Propheten bereits erhoben hatte (Mt 2337) und den das Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 2133ff) unter Einbeziehung der Ermordung des Sohnes des Weinbergbesitzers allego­risch verarbeitet. Der Vorwurf des Sohnesmordes wird von Matthäus damit begrün­det, dass die Juden beim Verhör Jesu durch Pilatus sagen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 2725). Nach Matthäus gilt diese Schuld als mit der Zerstörung des Tempels abgegolten. Nach dem Hebr. ist nicht die Schuld Israels am Tod Jesu das Entscheidende, sondern dass der Opferkult aufgehoben ist durch sein Opfer.

 

Diese Vermeidung des Schuldvorwurfs in der Behandlung des Todes Jesu geht nun aber zu Lasten der Opferthematik, die uns heute archaisch erscheint, die aber dem Verfasser des Hebr. die Möglichkeit gibt, das unverlierbare Meritum des Todes Jesu auszudrücken und damit einerseits die Adressaten, die wir uns als Judenchristen vorzustellen haben, über den Verlust des Tempels zu trösten, an dessen Kult sie bis zu seiner Zerstörung wohl festgehalten hatten, und andererseits auch Juden den Zugang zum christlichen Glauben zu erleichtern. Der Hebr. ist mithin sowohl eine missionarische als auch eine poimenische Schrift.

 

Dabei ist sowohl die matthäische Schuld-Strafe-Metaphorik als auch die Opfertheolo­gie des Hebr. nur eine Stufe im Verarbeitungsprozess des Todes Jesu. Dieser findet seinen vollkommensten Ausdruck in der paulinischen Theologie, wonach Gott in Christus die Welt mit sich versöhnte (2. Kor. 519). Danach geht es nicht mehr nur um die Schuld der Juden am Tod Jesu, sondern um die Sünden der Menschheit. Er rech­nete ihnen ihre Sünden nicht an, sondern hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Also: „Lasset euch versöhnen mit Gott“ (ebenda).

 

Mit diesem Aufruf zur passiven Versöhnung mit Gott, der seinen Grund darin hat, dass Gott die Welt mit sich versöhnt hat, wird Gott zum Subjekt des Heilsgesche­hens. Es handelt sich beim Tod Jesu nicht mehr um eine Tat Jesu, die gekrönt wird durch seine Auferstehung. Daraus folgt erstens, dass der Tempelkult aufgehoben ist und zweitens, dass Israel an seinem Tod schuldig ist, sondern sein Tod ist Gottes Heilstat an der Welt, durch die er der Welt anbietet, sich mit ihm versöhnen zu lassen und diese Versöhnung im Glauben an Christus anzunehmen. Das johanneische Schrifttum überbietet nun das Theologumenon der Versöhnung, das sich immer noch im Rahmen der Semantik der jüdischen Opfertheologie bewegt, mit dem Theologumenon der Menschwerdung Gottes.

 

Der Tod Jesu kann erst dann als Tat Gottes verstanden werden, wenn erkannt wird, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, dass er Fleisch angenommen hat in der Jungfrau Maria (Nizänum) und so als fleischgewordenes Wort die Welt mit sich versöhnt hat.

 

Hierdurch wird aber erst der Bruch mit der jüdisch-alttestamentlichen Theologie vollzogen. War diese ihrem Wesen nach Bundestheologie, deren kultische Formen einzig dem Zweck dienten, das Gesetz des Bundes zu befolgen und Fehltritte durch Sühneleistungen zu neutralisieren, so wird durch den Gedanken der Menschwerdung Gottes der Gottesgedanke selbst verändert. Doch um die Möglichkeit der Menschwerdung Gottes zu denken, muss das von ihm unterschiedene Andere in Gott gedacht werden und soweit eine Unterscheidung in das Wesen Gottes eingeführt werden, die ein Aus-sich-Herausgehen und ein sich Mit-sich-selbst-Vereinigen als zum Wesen Gottes hinzugehörig denkbar werden lässt.

 

Diese im Gedanken der Versöhnung der Welt mit Gott bereits angelegten weiterführenden Überlegungen hat Johannes mit seinem Begriff der Menschwerdung Gottes angeregt, indem er das Wort als das Heraustretende und das Fleisch als das von Gott unterschiedene Andere mit Jesus gleichsetzt, so dass in ihm Gott und Welt sich miteinander vereinigen und miteinander versöhnt werden, jedoch so, dass Gott das sich mit sich selbst versöhnende Subjekt, die Welt das mit Gott versöhnte Objekt ist, der Sohn aber als das Tertium beides ist: Subjekt, soweit er das aus ihm Heraustretende, und Objekt, soweit er das von Gott unterschiedene Andere ist. Dieses Subjekt- und Objekt-Sein des Sohnes im Versöhnungsgeschehen macht die Mittlerrolle des Geistes im trinitarischen Geschehen denknotwendig als das Agens des Versöhnungsgeschehens.

 


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