|
Helmut Aßmann |
Neues Testament – Altes
Testament
Eine theologische
Standortbestimmung
Als
Jesus gefragt wird, welches das höchste Gebot sei, antwortet er: „Du sollst
lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem
Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das
ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 2234-40)
Neues
Testament oder neuer Bund kommt im NT nur bei Paulus in den Einsetzungsworten
(1.Kor. 1123) vor und zwar im Kelchwort, wo Jesus spricht: „Dieser
Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur
Vergebung der Sünden. Solches tut, sooft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Daher
kommt es, dass wir alle Schriften, die diesen Bund bezeugen, das Neue Testament
nennen. Wir sind uns aber bewusst, dass Bund nicht gleichbedeutend mit Schrift
ist, sondern ein Geschehen bezeichnet, konkret das Trinken des Kelches als ein
Metonym für das Sterben am Kreuz. Wenn Jesus sein Sterben (das Vergießen seines
Blutes) in einem sogen. Herrenwort als Bund bezeichnet, dann müssen wir fragen,
zwischen wem dieser Bund geschlossen wird? Dabei kommen wir auf das
alttestamentliche Bundesbuch Ex 23-24 zu sprechen, in dem Moses einen Bund mit
Gott bzw. Gott einen Bund mit Moses schließt. Dabei ist Gott der Bundstifter
und Moses der Bundesmittler, das Volk Israel ist der Nutznießer des Bundes, der
Bundespartner, das Bundesvolk.
Der
Inhalt des Bundes ist das Gesetz, das in ein gegenseitiges Treueversprechen
zwischen Gott und seinem Volk, wie es jetzt heißt, eingebunden ist. Wird das
Gesetz nicht befolgt, wird der Bund gebrochen, hört das Volk auf Bundesvolk zu
sein, ist Gott nicht mehr an seine Verheißung gebunden. Es kommt zum
Bundesbruch und zum Treuebruch, zur Beendigung des Bundes. Der Bund kann aber
immer wieder erneuert werden, indem der Treueschwur erneuert wird, das
Gehorsamsgelübde neu gegeben und das Volk neu verpflichtet wird.
Dies
geschieht durch Vermittlung des Hohen Priesters, wenn er einmal im Jahr das
Allerheiligste im Tempel betritt und Sühne für die Sünden des Volkes bewirkt,
indem er das Blut des Opfertieres auf den Altar spritzt. Er vollzieht ein
stellvertretendes Opfer für das Volk, durch das die Sühne bewirkt wird. Das Opfer
muss alljährlich wiederholt werden. An diese Praxis knüpft der Hebräerbrief an,
indem er Jesus den Hohenpriester nennt, der ein für alle mal für unsere Sünden
ein Opfer dargebracht hat, indem er am Kreuz für uns starb. Er ist ein
Priester nach der Weise Melchisedeks, ein ewiger Hohepriester, weil dessen
Opfer keine Wiederholung braucht und es den Tempelkult überflüssig macht.
Diese
Deutung des Todes Jesu knüpft an Jesu Kritik am Tempelkult an, die in dem Satz
zum Ausdruck kommt: Ihr lasst das wichtigste am Gesetz dahinten, das Recht, die
Barmherzigkeit und die Treue (Mt 23), mit dem er an die Kritik des Hosea am
Tempelkult anknüpft (Hosea 6,6), der diese im Namen des Bundes und seiner
Verletzung durch die politischen und religiösen Autoritäten vortrug:
Verfluchen, Lügen, Morden, Stehlen, Ehebrechen (Hosea 4,2).
Die
Errichtung des neuen Bundes durch Jesus verbindet die prophetische Kritik am
Bundesvolk mit dem Vorwurf an das gegenwärtige Israel, weil es den Messias dem
Richter überantwortet hatte und damit seine Hinrichtung zu verantworten hat.
Diesen Sachverhalt haben die Evangelisten in ihren Passionsgeschichten
festgehalten und damit den Vorwurf wiederholt, den Jesus bezüglich der
Ermordung der Propheten bereits erhoben hatte (Mt 2337) und den das
Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 2133ff) unter Einbeziehung der
Ermordung des Sohnes des Weinbergbesitzers allegorisch verarbeitet. Der
Vorwurf des Sohnesmordes wird von Matthäus damit begründet, dass die Juden
beim Verhör Jesu durch Pilatus sagen: „Sein Blut komme über uns und unsere
Kinder“ (Mt 2725). Nach Matthäus gilt diese Schuld als mit der
Zerstörung des Tempels abgegolten. Nach dem Hebr. ist nicht die Schuld Israels
am Tod Jesu das Entscheidende, sondern dass der Opferkult aufgehoben ist durch
sein Opfer.
Diese
Vermeidung des Schuldvorwurfs in der Behandlung des Todes Jesu geht nun aber zu
Lasten der Opferthematik, die uns heute archaisch erscheint, die aber dem
Verfasser des Hebr. die Möglichkeit gibt, das unverlierbare Meritum des Todes
Jesu auszudrücken und damit einerseits die Adressaten, die wir uns als
Judenchristen vorzustellen haben, über den Verlust des Tempels zu trösten, an
dessen Kult sie bis zu seiner Zerstörung wohl festgehalten hatten, und
andererseits auch Juden den Zugang zum christlichen Glauben zu erleichtern. Der
Hebr. ist mithin sowohl eine missionarische als auch eine poimenische Schrift.
Dabei
ist sowohl die matthäische Schuld-Strafe-Metaphorik als auch die Opfertheologie
des Hebr. nur eine Stufe im Verarbeitungsprozess des Todes Jesu. Dieser findet
seinen vollkommensten Ausdruck in der paulinischen Theologie, wonach Gott in
Christus die Welt mit sich versöhnte (2. Kor. 519). Danach geht es
nicht mehr nur um die Schuld der Juden am Tod Jesu, sondern um die Sünden der
Menschheit. Er rechnete ihnen ihre Sünden nicht an, sondern hat unter uns
aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Also: „Lasset euch versöhnen mit Gott“
(ebenda).
Mit
diesem Aufruf zur passiven Versöhnung mit Gott, der seinen Grund darin hat,
dass Gott die Welt mit sich versöhnt hat, wird Gott zum Subjekt des Heilsgeschehens.
Es handelt sich beim Tod Jesu nicht mehr um eine Tat Jesu, die gekrönt wird
durch seine Auferstehung. Daraus folgt erstens, dass der Tempelkult aufgehoben
ist und zweitens, dass Israel an seinem Tod schuldig ist, sondern sein Tod ist
Gottes Heilstat an der Welt, durch die er der Welt anbietet, sich mit ihm
versöhnen zu lassen und diese Versöhnung im Glauben an Christus anzunehmen. Das
johanneische Schrifttum überbietet nun das Theologumenon der Versöhnung, das sich
immer noch im Rahmen der Semantik der jüdischen Opfertheologie bewegt, mit dem
Theologumenon der Menschwerdung Gottes.
Der
Tod Jesu kann erst dann als Tat Gottes verstanden werden, wenn erkannt wird,
dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, dass er Fleisch angenommen hat in der
Jungfrau Maria (Nizänum) und so als fleischgewordenes Wort die Welt mit sich
versöhnt hat.
Hierdurch
wird aber erst der Bruch mit der jüdisch-alttestamentlichen Theologie
vollzogen. War diese ihrem Wesen nach Bundestheologie, deren kultische Formen
einzig dem Zweck dienten, das Gesetz des Bundes zu befolgen und Fehltritte
durch Sühneleistungen zu neutralisieren, so wird durch den Gedanken der
Menschwerdung Gottes der Gottesgedanke selbst verändert. Doch um die
Möglichkeit der Menschwerdung Gottes zu denken, muss das von ihm unterschiedene
Andere in Gott gedacht werden und soweit eine Unterscheidung in das Wesen
Gottes eingeführt werden, die ein Aus-sich-Herausgehen und ein sich Mit-sich-selbst-Vereinigen
als zum Wesen Gottes hinzugehörig denkbar werden lässt.
Diese
im Gedanken der Versöhnung der Welt mit Gott bereits angelegten weiterführenden
Überlegungen hat Johannes mit seinem Begriff der Menschwerdung Gottes angeregt,
indem er das Wort als das Heraustretende und das Fleisch als das von Gott
unterschiedene Andere mit Jesus gleichsetzt, so dass in ihm Gott und Welt sich
miteinander vereinigen und miteinander versöhnt werden, jedoch so, dass Gott
das sich mit sich selbst versöhnende Subjekt, die Welt das mit Gott versöhnte
Objekt ist, der Sohn aber als das Tertium beides ist: Subjekt, soweit er das
aus ihm Heraustretende, und Objekt, soweit er das von Gott unterschiedene
Andere ist. Dieses Subjekt- und Objekt-Sein des Sohnes im Versöhnungsgeschehen
macht die Mittlerrolle des Geistes im trinitarischen Geschehen denknotwendig
als das Agens des Versöhnungsgeschehens.
|
index / forum palatina
/ rezension / forum / archiv
/ links / e-mail |