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Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns |
Debatte
Im „Pfälzischen Pfarrerblatt“ gibt es
seit einigen Monaten, ausgelöst durch einen Beitrag von Martin Pfisterer, eine Debatte über den theologischen Sinn der
Lehre vom Sühnopfer Christi. Diese Debatte in unserem Pfarrerblatt fällt
zeitlich zusammen mit einer weitergehenden Diskussion, die durch das vielgelesene Buch von Klaus-Peter Jörns „Notwendige
Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum“ ausgelösten wurde
und weite Teile der kirchlichen Öffentlichkeit beschäftigt. Einer der Punkte,
an dem sich für Jörns ein „glaubwürdiges Christentum“ entscheidet, ist eben die
Überwindung der Sühnopfertheologie durch eine Theologie, die mit der
Negativ-Struktur anthropologischer Aussagen Schluss macht und das
Heilsgeschehen von der Inkarnation (verstanden als theologische Rückführung
Gottes in unsere Lebenswelt) her verstehen will.
In der November-Ausgabe des
„Pfälzischen Pfarrerblattes“ wurde die im März 2008 veröffentlichte
„Stellungnahme des Leitenden Geistlichen Amtes der Evangelischen Kirche in
Hessen und Nassau zur umstrittenen Deutung des Todes Jesu als ein Gott
versöhnendes Opfer“ dokumentiert. Wir freuen uns, in diesem Heft die Diskussion
mit einem Beitrag von Klaus-Peter Jörns fortsetzen zu können.
Dr. Martin Schuck
Prof.
Dr. Klaus-Peter Jörns
Waldstraße 17, 82335 Berg am Starnberger See
Von
welchen Glaubensvorstellungen müssen wir uns verabschieden und welchen neuen
uns öffnen?
1. Ich nähere mich den Problemen, die
ich auszugsweise ansprechen will, indem ich einige Glaubenssätze formuliere,
mit denen ich versuche, die (auch von mir) erlernte innere Gespaltenheit zu überwinden,
die ich immer wieder bei Studierenden kennen gelernt habe: Sie konnten, nach
ihrem Glauben gefragt, viele Bibelzitate vortragen, aber ihren Glauben nicht in
der eigenen Sprache ausdrücken und mit dem verbinden, was sie – auch aus den
Naturwissenschaften – vom Leben wussten.
Ich
glaube,
1.1. Gott hat sich nicht erst seit dem
jüdischen Exodus aus Israel (ca. 1400 bis 1200 v. Chr.) in die
Religionsgeschichte hineinbegeben, sondern hat von Anfang an mit den Religionen
der Menschen zu tun, und zwar ernsthaft und liebevoll;
1.2. Gott sieht die Menschen nicht als
Wesen, die durch ihre Schwächen, Bosheiten und Neigungen zur Selbstherrlichkeit
ihr Lebensrecht prinzipiell verwirkt hätten. Das Leben wird nicht angemessen
betrachtet, wenn es an idealer Norm gemessen und als Summe von Defiziten
beschrieben wird („Sündekultur“, J. Assmann); Gott weiß vielmehr, daß das Leben zwischen Gut und Böse schwer ist, und
begegnet allen mit einer Liebe, die dem Leben dient (Markus 2,27; Johannes 13),
zum Leben helfen will;
1.3. Gott hat es riskiert, sich durch
die Inkarnation uneindeutig zu machen und seine unbedingte Liebe diskreditieren
zu lassen – damals durch die Ablehnung und Hinrichtung Jesu, heute zum Beispiel
dadurch, daß die Berufung auf Jesu Verkündigung und
Lebenspraxis als Verkündigung eines „nur noch ‚lieben’, nur noch sanften
Gottes“ karikiert wird (EKHN-Erklärung zum Sühnopfer,
März 2008);
1.4. Gott hat ursächlich nichts mit
Jesu Hinrichtung zu tun und nicht mit Gegengewalt auf sie geantwortet; sondern
er hat durch die Auferstehung Jesu dem Leben
das letzte Wort gegeben und es dem Tod entzogen – aus Liebe zu uns und ohne
Rücksicht auf seine religiöse Reputation;
1.5. die Deutung des Lebens Jesu
(einschließlich seines Sterbens) kann heute nicht mehr mit Denkvorstellungen
geschehen, die seiner Verkündigung und Lebenspraxis aus heutiger Kenntnis
widersprechen, auch dann nicht, wenn sie von Aposteln stammt; denn es ist ein
Gesetz der Religionsgeschichte, daß die Nachfolger
der Revolutionäre bei ihrer Missionsarbeit den „neuen Wein in alte Schläuche“
gießen, um selber die Revolution zu verstehen und um von ihren Adressaten
verstanden zu werden; Zentrum des Gottesglaubens ist für mich die Botschaft der
Jesusüberlieferungen, aber zum Beispiel ohne ihre aus der Bundes- und
Opfertheologie stammenden Interpretamente, ohne
Erwählungstheologie und den uralten Glauben, daß Blut
eine von Sünden reinigende Kraft habe, an der es sakramental zu partizipieren
gelte;
1.6. auch die Jesusüberlieferungen
müssen wir heute nicht nur einer überlieferungsgeschichtlichen, sondern zugleich
einer theologischen Kritik unterziehen; denn diese Überlieferungen sind literarische
Glaubenszeugnisse im Sinne von Wahrnehmungsgestalten, die die religiösen
Denkmuster der hellenistischen Zeit und der Autoren mit enthalten und von
diesen unterschieden werden müssen. Zentrale Frage ist, auch in Verantwortung
vor der Geschichte: Was dient dem Leben, also dem Frieden, der Gerechtigkeit
und der Bewahrung der Schöpfung? Und was hat sich wirkungsgeschichtlich als
lebensfeindlich erwiesen?
1.7. Ich möchte in meinem Glauben
integriert haben, was ich vom Leben heute wissen kann, und umgekehrt dieses
Wissen mit dem Geglaubten zusammen sehen. Alle heiligen Schriften „heiligen“
leider die kulturellen Standards mit, die zur Zeit ihrer Abfassung galten. Es
ist Zeit zu unterscheiden zwischen dem, was in den Schriften zeitunabhängige
Botschaft ist und was den kulturbedingten Rahmen
ausmacht, den wir – wie zum Beispiel das Schweigegebot für Frauen im
Gottesdienst – keinesfalls als etwas ansehen müssen, was den Glauben bindet.
2. An drei Themen will ich näher
verdeutlichen, wo ich zureichende Antworten der Theologie auf die sich mir
stellenden Fragen vermisse:
2.1. Was hat „der“ Eine Gott im Positiven mit der divergent verlaufen(d)en Religions- und
Kulturgeschichte zu tun?
Glaubwürdig kann für
mich nur eine Theologie sein, die auch die jenseits von Bibel und Kirchen
gelebten Religionen und Kulturen von
Anfang an in eine Gottesvorstellung zu integrieren vermag. Das rasante Zusammenwachsen
der Welt und die immer wieder aufbrechenden Fremd- und Feindschaften zwischen
Kulturen und Religionen, aber auch das immer noch geläufige, kindisch anmutende,
aber gefährliche Axiom, daß man durch Geburt oder
Konversion in die eigene Religion hinein in den Mitbesitz der Wahrheit gelange, machen hier neue Ansätze dringend notwendig.
Meine Antworten
besagen,
- daß
die Geschichte der Religionen und Konfessionen als kulturkohärente Gedächtnisspuren
der universalen Wahrnehmungsgeschichte des Einen
Gottes zu verstehen sind; Beispiel dafür ist die Bibel als interreligiöser
Kanon;
- daß
das Nebeneinander der vier Evangelien im NT dokumentiert, daß
die kulturellen und religiösen Vorprägungen der christlichen Autoren zu sehr
unterschiedlichen Wahrnehmungsgestalten Jesu und des Evangeliums geführt haben
und Ernst Käsemanns Satz stimmt: „Der biblische Kanon erklärt nicht die Einheit
der Kirche, sondern die Vielfalt der Konfessionen“ – und – so ergänze ich –
prinzipiell auch der Religionen;
- daß
Offenbarung mithin einen sich quer durch die Religionsgeschichte vollziehenden Prozeß meint, der um der zu Recht geglaubten Geistesgegenwart
Gottes willen nicht am Kanonsende aufgehört hat,
sondern weitergeht;
- daß die bisherige selbstreferentielle
innerbiblische Hermeneutik nicht mehr fortgesetzt werden kann, weil Gottes
Universalität nicht (mehr) von, kultur- und religionsgeschichtlich gesehen, Partialwelten (= differenten
Zentralperspektiven) her begriffen und entfaltet werden kann; denn Judentum und
Christentum sind Teile der Kultur- und Religionsgeschichte, wie nicht zuletzt die tiefgehenden
Verquickungen biblischer Überlieferungen vor allem mit ägyptischen, mesopotamischen
und hellenistischen Glaubensvorstellungen belegen[1].
2.2. Je länger
ich lebe, desto grotesker erscheint mir die – bis in die
Wissenschaftslandschaft und die Trennung von Heil und Heilung hinein wirksame –
Spaltung der Wirklichkeit dadurch zu
sein, daß Gott Zug um Zug aus der Einen Wirklichkeit
mit seinen Geschöpfen herausgerückt worden und ein außerweltlicher Gott
geworden ist. Viele Glaubensvorstellungen haben es mit stillschweigend unterstellten
Sonderwirklichkeiten zu tun, die den Predigenden inzwischen hermeneutische
und homiletische Akrobatik abverlangen – oder einfach
umgangen werden.
Beispiele: Was
sagen wir vom Menschen, wenn wir
theologisch nicht mitvollziehen, was wir in unserem
Alltag, der ja nicht mehr von der „Sündekultur“ geprägt ist, anthropologisch
als gültig ansehen?
Und: Wieso
haben nach christlicher Auffassung nur die Menschen eine Seele? Sind die Tiere
nicht aus Erde und Gottes Odem geschaffen?
Und: Wie soll
man sich Auferstehung denken, wenn man nichts zum Wie eines
solchen Geschehens sagen kann, weil man an der (modernen) Physik vorbei redet?
Es geht um die
Frage: Wie kann die in der
Theologiegeschichte entstandene Spaltung der Einen Wirklichkeit in eine Welt
Gottes, in eine ihr gegenüber stehende (oft als feindlich gedachte) Menschenwelt
und in eine dritte Welt, zu der Tiere, Pflanzen und die Sterne gehören, wieder
überwunden werden?
Meine Antwort lautet,
- daß der Lebensbegriff neu bedacht werden muß mit dem Ziel, die im bisherigen Begriff steckenden
anthropozentrischen Engführungen zu überwinden;
- daß es darauf ankommt, die Kulturabhängigkeit vieler
biblischer anthropologischer Aussagen prinzipiell einzugestehen; durch eine
Zusammenschau biblischer Aussagen mit den Aussagen anderer Religionen und heutiger
Anthropologie gilt es ein Menschenbild zu beschreiben, das positiv und
selbstkritisch zugleich ist;
- daß entsprechend eine Reihe von Glaubensaussagen über den
sündigen Menschen („in Sünden empfangen“, „böse von Jugend auf“, sterblich der
Sünde wegen, ohne Erlösungsglaube kein Lebensrecht, Tod ist letzter Feind etc)
als geschichtliche Dokumente zwar respektiert, aber nicht als Elemente eines
christlichen Menschenbildes reproduziert werden können; Jesus hat den Kindern
ohne Einschränkung den Himmel geöffnet und sich mit ihnen (Matthäus 18,2-5;
19,13-15), ja, mit allen leidenden Menschen identifiziert (Matthäus 25,31-45);
- daß es entscheidend in der „Sache“ ist, die kirchliche
Anthropologie an der Menschenliebe Jesu rückzukoppeln, die Gottes Weisungen als
Dienst am Menschen versteht und nicht mit Gott gleich setzt (Markus 2,27-28);
- daß alle Glaubensaussagen, die auch die Physik und andere
Naturwissenschaften betreffen, aber unvermittelt mit ihnen sind, vermittelt
werden müssen; so muß aussagbar
werden, wie sich der Glaube an eine Auferstehung bildlich und naturwissenschaftlich kommunikabel
denken läßt;
- daß alles Leben, nicht nur menschliches,
beseelt ist;
- daß
das Thema einer universalen Gerechtigkeit, wie es mit der ägyptischen Ma’at, der Tora und dem Reich Gottes bzw. dem Reich der
Himmel in der Verkündigung Jesu verbunden ist, als mit den Bemühungen um die
Menschenrechte konvergierend behandelt wird.
2.3. Die Negativ-Struktur der
kritisierten anthropologischen Aussagen hat es möglich gemacht, den Tod Jesu als
sühnendes Geschehen zu deuten, das das Lebensrecht der Menschen durch einen Akt
stellvertretenden Leidens wieder herstellte. Dafür mußte
man aber entweder auf die frühesten Formen der auch in der Bibel erinnerten
Phase der Opferpraxis, das Menschenopfer, zurückfallen, weil man sich nach
antiker Opferfestmahlpraxis eine Teilhabe an den Wirkungen des Opfers über das
Essen des Opferfleisches (und das gemeinsame Trinken von Wein) dachte. Oder
aber man folgte dem in den jüdischen Freiheitskriegen unter Führung der Makkabäer bezeugten Glauben, daß
der Toragehorsam bis zum Märtyrertod Sühne (vgl. Phil 2,5-11) für das Volk
Israel bewirken konnte. Dabei ist zu bedenken, daß
das Brechen und gemeinsame Essen des Brotes beim jüdischen Festmahl eigentlich
mit dem Opferfestmahl gar nichts zu tun hatte. In diesem Ritus wurden die
Schöpfungsgaben und ausgewählte Kapitel aus der jüdischen Heilsgeschichte als
Lebensgaben Gottes gefeiert. Erst die Deutung des Kelches mit Wein auf das Blut
Jesu brachte andere Elemente wie das Blut des Bundesopfers aus 2. Mose 24,3-8,
den Gedanken des Neuen Bundes und nicht zuletzt das Blut der Märtyrer ins
„heilige Mahl“ hinein. Alle dienten dazu, den Tod Jesu mit einer Sühnewirkung
zu versehen. Widersinnigerweise ist die Teilhabe an dieser Sühnewirkung nicht
allein durch das Gedenken (so bei Paulus und Markus in der Abendmahlstradition),
sondern durch das Trinken des Blutes vermittelt worden – etwas, was einem Juden,
auch symbolisch, ein Gräuel war.
Seit ich bemerkt habe, daß der Bundesgedanke und die Sühne durch Blutvergießen in
der Predigt Jesu niemals vorkommen, spielt es für mich keine Rolle mehr, andauernd
beteuert zu finden, Subjekt der Opferhandlung sei Gott und nicht der Mensch,
ja, der Mensch werde versöhnt und nicht Gott. Entscheidend dafür, daß ich diese Art von Mahlfeier für mich nicht mehr
akzeptieren kann, sind die Tatsachen,
- daß hier
überhaupt unterstellt wird, der Jesus aufgezwungene Tod habe als Weg und Mittel
der Versöhnung in der Beziehung von Gott und uns eine, ja, die entscheidende Rolle gespielt,
- daß hier
dem Glauben Recht gegeben wird, daß Sündenvergebung
ohne Blutvergießen nicht möglich sei (Hebräerbrief 9,22) und so angeblich
blutige Sühne und Sündenvergebung unlösbar zusammengehören.
Nach der Verkündigung und Praxis Jesu,
die die Vergebung der Sünden (anders als Johannes der Täufer) ganz und gar vom
Kult des Tempels gelöst hatte, bedarf es keines sühnenden Opfers oder Martyriums,
weil der Grund der Vergebung die bedingungslose Liebe Gottes ist. Wer also braucht
dann eigentlich das Opfer- oder Martyriumsblut?
Weil ich den Grundsatz von Hebräer 9,22
nicht akzeptiere und durch Jesus widerlegt finde, lautet die sich daraus
ergebende Frage: Wie kann die Opfertheologie, die aus der unbedingten Liebe Gotte durch die Behauptung eines Sühnopfer- oder sühnewirkenden Märtyrertodes Jesus wieder etwas Bedingtes gemacht hat, im Gottesdienst überwunden
werden?
Meine Antwort auf die an Jesu
Hinrichtung gebundene Soteriologie lautet also: Allein
wegen der uns erwiesenen unbedingten Liebe Gottes, die ihre Unbedingtheit darin
zeigt, daß Gott uns leiden kann, glaube ich an Gott,
wie Jesus ihn uns vermittelt hat.
Die zentrale Heilstat, die sich mit
Jesus ereignet hat, geschieht in seinem Mit-Leben mit uns in der Einen Wirklichkeit,
in der Gott als Geist und Liebe präsent ist. Theologisch wird das formuliert in
der Rede von der Inkarnation des Logos Gottes.
Um Mißverständnisse
zu vermeiden, füge ich hinzu, daß es sich bei der Inkarnation (genauso wie bei der Geburt
Jesu aus Geist und der „Jungfrau“ Maria) nicht um ein biologistisch-ontisches
Phänomen handelt. Gott hat immer mit uns gelebt, hat als Geist immer schon das
Leben als eine Gesamtwirklichkeit zusammengehalten, zu der er gehört.
Inkarnation meint die theologische Rückführung Gottes in unsere Lebenswelt,
heraus aus der Außerweltlichkeit, in die ihn die Theologie in der in ihr
gepflegten Wahrnehmungsgestalt Gottes emporgehoben hatte.
Die Funktionen von Opermahlfeiern können wir nicht auf dem
Weg der Typisierung in die Gegenwart übertragen. Solche Funktionen und Wirkungen
(Theißen nennt: Lebenshingabe durch das Gabenopfer,
Bildung und Stärkung von Gemeinschaft
durch das Kommunionsopfer, Abbau von Aggressionen
durch das Aggressionsopfer) waren an die unmittelbare
Teilnahme an Opferhandlungen gebunden
und sind nicht durch Fernwirkung zu erreichen. Papst Benedikt XVI. hat, weil
er in der Messe ein Opfer sieht (so schon ausdrücklich in „Ecclesia
de Eucharistia“ seines Vorgängers Johannes Paul II.
vom 17.4.2003), sehr folgerichtig die tridentinische
Messe wieder eingeführt, weil da das Opfer nicht nur erinnert, sondern erinnernd
vollzogen wird! Das aber ist evangelisch nicht möglich. Doch Benedikt XVI.
betont das Opfer, weil nur die Opferhandlung ein Weihepriestertum nötig macht,
von dem Frauen nach altjüdischer Regel ausgeschlossen bleiben.
Was Sterblichkeit und Tod angehen, gilt
für mich: Das Sterben und der Tod sind weder
Sündenfolge noch Strafe, nicht der letzte Feind, sondern Teil des Lebens, Tor im Leben zu neuem Leben (Auferstehung
weiß das im Grund, denn sie ist ja keine Vernichtung des Todes oder der
Sterblichkeit, sondern setzt sie voraus!).
Gerade deshalb aber hat Gott Jesu
Hinrichtung weder veranlaßt noch gerechtfertigt oder
selbst gebraucht, hat die Tötung Jesu für sich auch keinen Heilscharakter,
begründet dieser Tod die Sündenvergebung nicht.
Die Bereitschaft Jesu, sich ohne Widerstand für seine Botschaft töten zu lassen,
ist Ausdruck der Bereitschaft, unser Leben bis zuletzt zu teilen, solidarische
Liebe zu zeigen (Johannes 13,1). Jesus hat Sündenvergebung im Unservater von
jedem kultischen Ritus abgekoppelt, Matthäus
5,9 meint mit dem Friedenstiften die Sündenvergebung. Und Johannes 20,29 hat
der Auferstandene nur den einen Auftrag für die Jünger: Sünden zu vergeben.
Nirgends gibt es bei Jesus selbst Anzeichen dafür, daß
sein Tod Bedingung gewesen wäre. Und ohnehin hat nur Matthäus das Abendmahl mit
der Sündenvergebung verbunden. Sündenvergebung gründet allein in der freien und
bedingungslosen Liebe Gottes.
Ich sehe die Antwort auf die Frage, wie
wir die Sühnopfertheologie und die Opfermahlfeier im Gottesdienst ersetzen
können, in der Rückkehr zu einer Mahlfeier, wie sie die Ur-Eucharistie der Didaché in Anknüpfung an das jüdische Festmahl als Feier
der Lebensgaben Gottes gestaltet, in der es um die Schöpfungsgaben Brot und
Wein und um das Leben Jesu geht. Daran orientiert sich mein Liturgieentwurf,
den inzwischen mehrere Gemeinden in Deutschland als Alternative zur Agende
eingeführt haben[2].
3. Als Ausblick füge ich noch
Überlegungen zu einer Theologie der Religionen an.
Eine Theologie der Religionen, die von
der gemeinsamen Herkunft aller Religionen in Gott ausgeht, wird bei der
Wahrnehmungstheorie ansetzen müssen, um gerecht sein zu können. Als Modell für
eine Brücke zwischen den Religionen erscheint mir mittlerweile die Trias oder
Dreiheit als hilfreich. Dabei geht es mir allerdings nicht um drei Personen
einer Gottheit wie in der klassischen Trinitätslehre. Sondern ich nehme die
Trias erst einmal als Symbol einer Ganzheit. In der Dreiheit lassen sich,
komplementärem Denken folgend, drei Wahrnehmungsgestalten Gottes miteinander
verbinden. „Komplementär“ heißt: Die verbundenen Wahrnehmungsgestalten sind nicht auf derselben Ebene bzw. in
derselben Dimension angesiedelt, sondern verbinden Gott, Geschöpfe und Geist.
Die drei im Lebensganzen miteinander verbundenen Ebenen oder Dimensionen
beschreibe ich so:
A: Die erste redet von Gott bzw. dem
Absoluten. Hierhin gehören die Gottesvorstellungen der Religionen in der Fülle
ihrer Wahrnehmungsgestalten und Namen, wie sie uns überliefert sind. In einer
interreligiösen Ökumene hat Gott diese Vielfalt, und diese Vielfalt hat Gott in
sich.
B: Die zweite redet von der Hinwendung
zu und Verbindung Gottes mit „seinen“ Geschöpfen, also die Offenbarung unter
den Menschen oder Inkarnationen in geschöpflicher
Gestalt. Dazu gehören Wahrnehmungen der Weltordnung genauso wie Vermittler
zwischen Gott und Menschen, Gott und Welt, dem Absoluten und der Welt – also
Mose, Buddha, Propheten, Asklepios, Jesus, Muhamad und Bahā’allāh
und andere – und zwar unbeschadet ihres jeweiligen Status in der eigenen
Religion.
C: Die dritte Ebene oder Dimension
redet von der von allen erfahrbaren Lebensenergie
Geist und der Geistesgegenwart
Gottes. Geist verstehe ich als das, was ursprünglich und gegenwärtig alles
miteinander verbindet und in der Physik als „das Eigentliche des Wirklichen, das
uns begegnet“ (C. F. v. Weizsäcker), bezeichnet werden kann. Geist ist also
zugleich die im Abendland verlorene Brücke zwischen Geistes- und
Naturwissenschaften.
Der
Autor ist emeritierter Professor für Praktische Theologie und
Religionssoziologie an der Humboldt-Universität Berlin. Den Kontakt zu Prof.
Jörns besorgte Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119
Saarbrücken.
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/ forum
/ archiv / links / e-mail |
[1]
Auf diese Zusammenhänge und die daraus abgeleiteten notwendigen Abschiede und
Neuanfänge bin ich in dem gleichnamigen Buch „Notwendige Abschiede. Auf dem Weg
zu einem glaubwürdigen Christentum“, 4. Aufl. 2008, eingegangen.
[2] Der Text steht in meinem Buch „Lebensgaben Gottes feiern. Abschied vom Sühnopfermahl: eine neue Liturgie“, 2007.