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Frank-Matthias Hofmann
Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken

 

 

 

"Der Götze wackelt"

Zur Aktualität des Ersten Gebotes*

 

Der Ansprache liegt das Erste Gebot in der biblischen Fassung nach 2. Mose 20, 1-3, zugrunde: „(1) Und Gott redete alle diese Worte: (2) Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. (3) Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ 1 Die Kronen glitzern im Licht der Leuchter. Samt und Brokat der Mäntel glänzen betörend. Die Sachellenglöcklein am Haupt der Kronen klingen. Schwer und sanft wiegen sich die Königinnen in den Armen der Männer, die sie aus ihrem Schrein holen. Nun werden sie in feierlichen Umzügen rundherum um die Bima, das Lesepult in der Synagoge, dem jüdischen Gottes- und Versammlungshaus, getragen. Vor und hinter ihnen schwenken die Kinder eigens zu diesem Tage gehörende Fähnchen, auf die Spitzen der Fahnemasten sind Apfelstückchen aufgesteckt. Die Gemeinde hat einen großen Kreis gebildet um die Umherziehenden herum - singt und tanzt, jedes Mal, wenn die Königinnen vorüber sind.

Das Fest dieses Tages ist der achte oder neunte und damit letzte Tag des Laubhüttenfestes, auf hebräisch „Sukkot“. Der Name des jüdischen Feiertages heißt „Simchat Tora“, Gesetzesfreude.

Zur Tora, zum „Gesetz“, hat das jüdische Volk nicht nur ein Respekts- und ein Autoritätsverhältnis wie das bei uns ist, wenn wir Worte wie Gesetz und Gebot, Verbot und Recht, Gehorsam und Pflicht, gar „law and order“ hören. Israel hat zur Tora Gottes ein intimes Liebesverhältnis, wie zwischen Braut und Bräutigam. Sie lauschen auf sie, widersprechen ihr, vor allem sind sie stolz auf ihre Tora, die Königin. Nichts Schöneres wissen sie, als wenn ein bisschen vom Glanz der guten Wegweisung Gottes für ihr Volk und ihr Leben auf sie fällt. Keine Freude wie diese: Gesetzesfreude, simchat Tora. Und nun zunächst einmal dagegen wir Christinnen und Christen:

-         Die Zehn Gebote zum einen im gemeindlichen und familiären Alltag:

Zehn Gebote im kirchlichen Unterricht und in der elterlichen Erziehung, das bedeutete oftmals: Strikte Verbote als Hüter der Moral, die Leben und Lebenslust einengen. Auswendig lernen müssen in der langen biblischen Fassung im Religions- und Konfirmandenunterricht. Eine meiner früheren Konfirmandinnen sagte denn auch auf die Frage, was Christentum sei: „Alles, was Spaß macht, man aber nicht darf.“ Die Zehn Gebote - als Erhöhung der eigenen elterlichen Gewalt den Kindern gegenüber mit dem erhobenen, mahnende Zeigefinger rezitiert, „Du sollst nicht, Du darfst nicht!“. Bei vielen von uns mag unterschwellig Abwehr oder Angst hochkriechen: Zehn Gebote. Häufig von Erziehern und Machthabern aller Art missbraucht als Druckmittel und Instrument der Disziplinierung.

-         Die Zehn Gebote zum anderen in der christlichen, allzumal der lutherischen Theologie:

Zehn Gebote - sie repräsentieren das „Gesetz“. In der Theologie Luthers und der lutherischen Bekenntnisschriften erweckt das andere Regungen als beim Fest der Gesetzesfreude: Der Buchstrabe tötet, höre ich die Stimme so mancher meiner strengen Lehrer und Prediger mir ins Gewissen reden. Das Gesetz erregt die Sünde. Nur damit wir an den Versuchen scheitern, es zu erfüllen, sei es uns gegeben. Das einzig Gute daran sei, dass es uns zum Glauben an Christus treibe, der befreie uns vom knechtischen Joch des Gesetzes. Und überhaupt sei das Gesetz eine schlimme Verführerin, ermutige es uns doch, uns auf unsere Gesetzeswerke zu verlassen, dabei sei doch alles menschliche Tun umsonst, ja, als solches böse. So hat es vielen Theologengenerationen vor mir, auch in der Pfalz, der Theologe Rudolf Bultmann gelehrt, in der festen, aber irrigen Überzeugung, damit die Meinung des Apostels Paulus wiederzugeben. Nichts Einladendes bekommt unsereiner zum Gesetz zu hören, schon gar nichts Liebevolles, eher Erschreckendes, jedenfalls keine Aufforderung zum Tanz.

 

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Was möchte ich heute mit dieser Ansprache als Ouvertüre ihrer Frankenthaler Vortragsreihe zu dem „Zehnwort“, wie „Dekalog“ übersetzt heißt, erreichen? Ich möchte Sie zum Tanz einladen. Keinem „heißen Tanz“ um das Goldene Kalb etwa, wie es die zweifelnde Israeliten beim Auszug aus der Wüste getan haben, als Mose allein oben auf dem Sinai die Zehn Worte durch Gott empfing und sie durch sein langes Ausbleiben an Gott meinten irre werden zu müssen, sich ihren Schmuck in Gold einschmelzen ließen und ein Götzenbild daraus machten, das sie anstatt des lebendigen Gottes anbeteten. Nein, einen Tanz im Wiegeschritt mit Leib und Seele, nachdenklich und konzentriert und doch voller Freude über das, was uns auch als Christen am Stamme Israels als großer Schatz anvertraut worden ist: Zehn Worte die „Wegweisung der Freiheit zum Leben“ sind, wie der tschechische Theologe Jan Milic Lochman ausdrückt. „Die zehn großen Freiheiten“ hat sie der praktische Theologe Ernst Lange in Katechesen für die Jugend auch genannt. Ein Gesetz, verstanden als gute begleitende und hilfreiche Wegweisung in unserem Leben.

Die Zehn Worte als bündige Formulierungen menschlicher Grundwerte, die konkret und hoch aktuell sind, kommen doch wichtige Fragen unserer Zeit zur Sprache: Das ausgewogene Verhältnis von Arbeit und lebensnotwendiger, Kräfte regenerierende Ruhe, die life-work-balance; die Beziehung zwischen den Generationen und den Geschlechtern, die Menschen zu ihrem Recht kommen lässt; die Fragen von Eigentum und Ehre; Gott und die vielerlei modernen Götzenbilder und Götzen, an die Menschen heute im 21.Jahrhundert ihr Herz hängen. „Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott“ formuliert Martin Luther. Heute hängen viele ihr Herz an Geld und Macht, Sport und Erfolg, Prestigemarken und Mediendarstellung. In dem schönen Tauflied „Kind, du bist uns anvertraut“ heißt es in der 2. Strophe dazu: „Kampf und Krieg zerreißt die Welt, einer drückt den andern nieder. Dabei zählen Macht und Geld, Klugheit und gesunde Glieder. Mut und Freiheit, das sind Gaben, die wir bitter nötig haben.“ Mut zur Freiheit heißt Mut zum Tanz.

 

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Die Zehn Worte beginnen im 2. Buch Mose 20 mit dem ersten Vers, wo es heißt: „Und Gott redete alle diese Worte…“. Damit ist klar, dass es bei allem menschlichen Wortgeklingel und medialer Dauerbeschallung heutzutage eben nicht darum gehen kann, dass der Mensch wiederum ein weiteres Mal zu sich selbst spricht oder sich die Zehn Worte so zurechtbiegen kann, wie er es gerne möchte. Die Welt wird gerade nicht gedoppelt, es werden keine menschlichen Gedanken auf Gott projiziert und wieder auf uns zurückreflektiert, wie der Philosoph Feuerbach postulierte. Hier tritt uns Gott selbst entgegen, Sein Wort entfaltet sich für uns und nimmt uns mit hinein in die göttliche Segnung der Welt, die auch seine Präsenz im gesprochenen oder geschriebenen Wort beinhaltet. Dieses „Reden“ Gottes entzieht sich menschlichen, Gott einengenden Definitionsversuchen, weil wir uns automatisch immer ein Bild von Gott machen würden. Deshalb bilden das Erste und das Zweite Gebot in der jüdischen Tradition auch eine untrennbare Einheit, inhaltlich gehören sie zueinander. Dieses Sagen ist im hebräischen Denken ein Erzählen, nicht ein Definieren wie im griechischen Denken. Dort wird Gott abstrakt als „höchstes Wesen“ oder „erster Beweger“ definiert. Das ist dem Judentum fremd. Die Orientalen, auch Jesus von Nazareth, haben von Gott erzählend gesprochen. Sie verwenden keine abstrakten Begriffe, sondern erzählen Geschichten und Gleichnisse, die aus dem Alltag der Menschen kommen. Wir sind gut beraten, es als Christinnen und Christen so zu halten wie Israel und das Judentum es bis auf den heutigen Tag macht. Auf die Frage „Wer ist das eigentlich - Gott?“ kommt keine Definition, sondern eine Geschichte in Kurzform.

 

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Diese Geschichte, die Selbstvorstellung Gottes kommt im zweiten Satz des Ersten Gebotes: Gott - das ist der der uns aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt hat, der uns zu neuem Leben in Freiheit den Weg gewiesen hat und stets noch weist. Das ist etwas Handfestes, das Grunddatum jüdischer Geschichte: Die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, die gottgewirkt ist. So stellt sich Gott vor: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Land ‚Ägypten, aus dem Knechtschaft, herausgeführt habe.“

Die Zehn Gebote sind nach ihrem Selbstverständnis Regeln für befreite Sklaverei, wie Präambel der Worte zeigt. Die Zehn Gebote sind Freiheitsregeln, nicht Sklavenpeitsche, zu der sie oft missbraucht wurden. Ganz konkret: Sie haben ihren Sitz im Leben in der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel, an dessen Ursprung aus Leibeigenen, die kein eigenes Land haben, Freie wurden, die ihr eigenes Land genießen. Die Verortung der guten Weisungen Gottes für unser Leben in der Befreiungsgeschichte Israels ist der Inhalt der Präambel, des Eingangswortes, des Vorzeichens. Wer etwa das deutsche Grundgesetz vom 23. Mai 1949 richtig verstehen will, darf nicht das in der dortigen Präambel Formulierte überlesen: „Dies Ordnung ist geschrieben worden im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen.“ Alle folgenden Gebote des Grundgesetzes dürfen also nicht gegen göttliches Recht und die elementaren Menschenrechte formuliert werden. Das Vorzeichen aller Gebote, das zum 1.Gebot vorlaufend ist und dennoch zu ihm gehört, ist gar kein Gebot und auch mein Verbot. Es ist überhaupt nichts, was wir tun oder lassen könnten, was wir voreilig zu beurteilen oder abzuurteilen hätten, wonach wir uns unmittelbar als Anweisung richten könnten oder eben auch nicht. „Gott erdete alle diese Worte.“ - Es geht nicht um den Menschen, um mich, sondern um die Gottheit Gottes. ER ist der Geber der guten Weisung, die Mose am Sinai erhalten und den Israeliten verkündet hat.

„Ich bin der Herr, dein Gott.“ Dein Gott! Nicht irgendein Gott der Philosophen oder der Kräutersucher, nicht irgendeine Leerformel für selbstsüchtige Wünsche: Dein lebendiger Gott! „Ich bin´s“ - das meint: „Wenn du´s immer noch nicht glauben kannst. Der Herr bin ich, der Gott deiner Väter und Mütter, dir vertraut, dir zugewandt, dich suchend und dich stützend! Zu beginn der Gottesrede - da kommt uns ein großer Trost und Zuspruch entgegen. Am Anfang steht eben nicht „Du sollst oder Du musst!“, sondern „ich bin für dich da, wie ich bisher auch für dich und deine Vorväter da gewesen bin“. Am Anfang steht der lebendige, lebenspendende Gott, und seine guten Weisungen, Wege zum Leben.

Ist das nicht eine Aufforderung zum Tanz mit den Zehn Geboten? Fühlten wir uns oftmals, wenn wir Ge- und Verbote hörten und hören, versklavt und fremdbestimmt, dann erfahren wir hier, dass uns Gott gerade nicht klein machen möchte. Befreiung lautet die Devise, herausgeführt aus dem Knechtshause Ägypten, auch den Ägyptens unserer Leben, wo wir uns oft selbst unter Leistungs- und Erfolgsdruck setzen, von anderen fremdbestimmen lassen - und das auch noch verwechseln mit Gottes Geboten! Die Zehn Gebote sind keine abstraktren Rechtssätze, die sich erst noch in der Wirklichkeit bewahren müssten. Es gibt keinen garstigen breiten Graben zwischen Verfassungsanspruch und -wirklichkeit in diesem Falle! Sie sind erfahrungs- und geschichtsgesättigt. Gott hat an Seinem Volk schon gehandelt, es herausgeholt aus Sklaverei und Fremdbestimmung. Mit den Geboten, den Weisungen, soll ein Raum der Freiheit eröffnet werden, der zum einen den Bund Gottes mit seinem Volk bestätigt, zum anderen Regeln für ein gedeihliches und menschliches Miteinander im Volk Gottes auf Erden eröffnet.

Wo Gott Gesetze gibt, sind sie unter das große Vorzeichen der Freiheit gesetzt. Gott richtet uns mit seinen Geboten auf und drückt uns nicht nieder. Welcher Rechtstext könnte das von sich behaupten, dass seine Grundlage die bedingungslose Liebe zum Menschen ist? Der Exodus geht dem Sinai voraus. Die Befreiung geht den Zehn Geboten voraus und bestimmt sie. Die Gabe geht der Aufgabe voran. Gott schenkt, bevor er fordert. Es geht in allen Geboten darum, Gottes Liebe, die er uns in seinem Liebesbund schenkt, weiterzugeben, seine, nicht unsere Liebe. Das Gute, das wir zu tun, empfangen wir von Gott, nicht wir tun es, sondern Gott durch uns. Martin Luther sagt in seinem Großen Katechismus, wir sind nur ein „Rohr“ des Guten, das Gott tut und das wir nur durchlaufen lassen. Wir sind nicht die Quelle der Liebe, nur ihr Kanalrohr. Wir brauchen sei nicht aus uns herauszupressen, sondern nur weitergeben. Auch das ist eine Aufforderung zum Tanz, zur Gesetzesfreude: dass wir entkrampft werden in dem Wissen, Gott tut die Gebote in uns, wenn wir sie tun, und unser Tun besteht nur darin, ihn tun zu lassen.

In unserer christlichen Sozialisation waren die Gebote oft ein Stacheldraht, keine Wegweisung der Freiheit zum Leben. Sie waren moralische Pflichtethik, die nur Pflichtwerte einschärften. Die Tora Gottes zielt aber auch nach Jesus darauf ab, dass der Mensch wieder Mensch wird, sie wollen keine lästige Pflichtübung sein, sondern etwas, was „Lust“ und „Freude“ macht, wie es in den Torapsalmen 1 und 119 heißt, mit denen auch Jesus lebte und lehrte.

Aufforderung zum Tanz: Hier gibt es kein muffiges Spießertum, keine lauwarme Kleinbürgermoral, die sich mit ihren tausend Einschränkungen an die Welt anspaßt statt sie zu verändern. Lasst uns die Königin in den Arm nehmen und mit ihr tanzen!

 

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Ich ziehe ein Zwischenresümee: „Und Gott redete alle diese Worte und sprach“ - der erste Satzteil macht deutlich, dass unsere menschliche Dauerrede heilsam unterbrochen wird und Gott selbst das Wort ist, das tragfähig ist.

„Ich bin der Herr, dein Gott, der ich sich aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt habe“ - der zweite Satzteil ist die Präambel für alles im Folgenden Gesagte, das große Plus, die Selbstvorstellung Gottes als des Befreiers und uns Freiheit Schenkenden.

„Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“. Ja, nun der dritte Satz im ersten Gebot, der die Alleinverehrung Gottes zum Inhalt hat. Es ist das Erste Gebot im engeren Sine, um die sich wie um alle Gebote drehen, nicht einfach eines unter anderen. Nach der Präambel kommt nun der Grundakkord aller Gebote, der durch jedes Gebot durchklingt. Ähnlich meinte Luther, das 1. Gebot sei „der Reif im Kranz“ der zehn Gebote, der „alle zusammenhält“. Freilich ist es bedauerlich, dass in der lutherischen und katholischen Fassung des 1. Gebotes die Freiheitsbotschaft vom Exodus aus dem ägyptischen Sklavenhaus weggelassen wurde und es nur in einer verstümmelten Form tradiert wurde. Da hat es die reformierte Tradition im Gefolge der Genfer Reformation in engem Anschluss an die jüdische Tradition besser gemacht. Am besten ist es eben immer, das im Original, in der biblischen Fassung, zu lesen.

 

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Ein erster Gedanke: Der Satz „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ heißt wörtlich übersetzt: „Nicht sollen dir sein andere Götter mir gegenüber“ oder „mir ins Angesicht“. Damit wird gleich die schlimmste Sünde angesprochen, nicht nur ohne oder neben oder an Gott vorbei zu handeln, sondern gegen ihn. Oder gar selbst Gott sein zu wollen! Schon die Paradieses-Schlange soufflierte dem Menschen den Wunsch: „Ihr werdet sein wie Gott!“ (1.Mose 3,5). Das Wort der Schlange ist von bedrückender Aktualität: Ich denke z.B. an Ärzte, die sich selber zum Gott machen, wenn sie mit allen Mitteln das Leben sterbender Menschen künstlich verlängern und die Menschen nicht sterben lassen, obwohl es Patientenverfügungen für diesen Fall gibt. Was für die gewaltsame Verlängerung des Lebens gilt, gilt auch für die gewaltsame Verkürzung des Lebens, wie es durch die Tötung des angeblich lebensunwerten Lebens, die Euthanasie, geschieht. Wir alle kennen die These vom „sozialverträglichen Frühableben“. Der Mensch macht sich zum Gott, wenn Biologen durch Genmanipulationen Menschen klonen und menschliche Mehrlinge herstellen wollen oder gar aus menschlichen Genen Hybriden züchten wollen. Ich meine, es rächt sich, wenn der Mensch Gott nicht seinen Schöpfer sein lässt, sondern sein eigener Schöpfer, sein eigener Gott, sein will. Marion von Dönhoff sagte einmal: „Erst die Negierung einer höheren Macht hat die totalitäre Macht von Menschen über Menschen möglich gemacht.“

 

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Ein zweiter Gedanke: Der strenge Monotheismus im Judentum und dann auch in der durch trinitarisches Denken angereicherten Form des Christentums verhindert nicht, sondern ermöglicht erst Freiheit, weil mich nur die Bindung an den einen, einfachen und einzigartig-wahren Gott Israels und Vater Jesu Christi frei machen kann von allen falschen Göttern, sei es das Geld, der Konsum, der Ehrgeiz oder ein Mensch. Im anything-goes-Pluralismus unserer Tage gibt es keine Wahrheit. Alles ist wahr und nichts ist wahr und jeder sucht sich die Wahrheit, die ihm passt. Für diesen Beliebigkeitspluralismus unserer Zeit ist das Erse Gebot ein Relikt aus einer vorindustriellen Agrargesellschaft und eine Flaschenpost, die aus einer untergegangenen Welt angespült wird. In Wirklichkeit bringt aber dieser Beliebigkeitspluralismus mit seiner Grundsatzlosigkeit den Untergang. Der Mensch selbst mit seinen Maßstäben wird letztlich zum Gott.

Die moderne Kritik am Monotheismus, dem Eingottglauben, fordert einen gewaltenteilenden Polytheismus, so der Psychologe Schmidbauer und der Philosoph Odo Marquard. Nach Schmidbauer schränkt der Monotheismus die „vielfältigen Wunschprojektionen“ des Menschen ein und zwingt ihm ein einziges Ideal auf. Marquard wiederum meint, der Monotheismus verhindere, dass der Mensch sich in der polytheistischen Mythengarderobe den Gott aussucht, der ihm passt. „So viele Menschen, so viele Götter!“, formuliert Marquard in seinem Buch „Abschied vom Prinzipiellen“. Der Polytheismus, die Vielgötterei, macht aus der Religion einen pluralistischen Supermarkt des Beliebigen, in dem ich mir einen Gott aussuche wie einen Anzug oder eine Krawatte.

 

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Ein dritter und letzter Gedanke: Der Basler reformierte Theologe Karl Barth hat einmal klassisch formuliert: „Olymp und Walhall entvölkern sich, wenn wirklich die Botschaft von dem Gott laut und geglaubt wird, der der Einzige ist. Die Figuren jeder religiösen Welt werden dann notwendig profan, verflüchtigen sich dann zusehends, müssen dann als bloße Ideen, als Symbole, als Gespenster, als komische Figuren schließlich ihr Dasein fristen und endlich auch als solche der Vergessenheit verfallen. Kein gefährlicherer, kein revolutionärerer Satz als dieser: dass Gott Einer, dass Keiner ihm gleich ist! Alles Bestehende, aber auch alle Veränderung in der Welt lebt je von Ideologien und Mythologien, von verkappten oder auch offenen Religionen und insofern von allen möglichen vermeintlichen und angeblichen Gottheiten und Göttlichkeiten. An der Wahrheit des Satzes, dass Gott Einer ist, wird das Dritte Reich Adolf Hitlers zu Schanden werden. Wird dieser Satz so ausgesprochen, dass er gehört und begriffen wird, dann pflegt es immer gleich 450 Baalspfaffen miteinander an den Leib zu gehen.“ Gott oder Götze - das ist hier die Frage. Barth spricht es direkt an: Weltliche Ideologien beanspruchen die Stelle Gottes einzunehmen. Wo Gott vom Thron gestürzt wird, nehmen immer andere Götzen ihren Platz ein. Wir haben die Unmenschlichkeiten auf deutschem Boden in zwei Diktaturen, und auch die, die in dessen Gefolge vom deutschen Boden ausgegangen sind, schmerzlich im Bewusstsein, nicht zuletzt am heutigen „Tag der jüdischen Kultur“.

Auf Ihrem Einladungsflyer zu der Reihe über die Zehn Gebote haben Sie formuliert: 75 Jahre Bücherverbrennung, 70 Jahre Reichspogromnacht, 60 Jahre Staat Israel: Die Gedenktage dieses Jahres sind für die Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde Grund genug, sich mit dem Erbe der israelitisch-jüdischen Tradition zu befassen, das heute als christliches Allgemeingut wahrgenommen wird: Die Zehn Gebote. Die Nationalsozialisten wollten in ihrem Wahn die Menschheit von den biblischen Geboten, dem „Fluch des Sinai“, wie sie es nannten, befreien: Der Massenmord an den Juden und der Zweite Weltkrieg lehrten, wohin diese hasserfüllte, antisemitische Ideologie führte. Die Schuld, die auch die christlichen Kirchen in dieser Zeit auf sich geladen haben, ruft uns in die Verantwortung. Auf die Gebote zu hören bedeutet, einzustehen für die Achtung der Menschenwürde. Aus diesem Grunde bin ich auch sehr gern heute von Saarbrücken aus hierher gekommen, um dieses Ihr Anliegen zu unterstützen.

 

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Zum angebeteten Götzen können aber eben auch Prestige, Geld, Leistungssport, Sex und Konsum werden. Wenn wir auf solche modernen Götzen unser Vertrauen setzten, verkauften wir unser Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht, das uns nicht bekommen würde. Gott knechtet uns nicht wie Ideologien und moderne Götter, derer es so viele gibt. Gott macht es uns nicht leicht, aber gerade daran erkennen wird, dass wir ihm etwas wert sind. Wir Christen fügen hinzu, dafür gab er seinen eingeborenen Sohn in den Tod, er lebte uns vor, wie wir die Freiheit zum Glauben wahrnehmen können, wie wir von den bestimmenden Götzen unserer Zeit frei werden.

Soli deo gloria - Gott allein die Ehre. Keine irdische Instanz darf diese letzte Ehre beanspruchen. „Du wirst keine anderen Götter haben neben mir“ - das schenkt Freiheit zum Atmen und zur Selbstbestimmung in der Gebundenheit des Leben schaffenden Wortes Gottes, Freiheit in der Gebundenheit und der Verantwortung. Liebe wird in dieser guten Weisung geschenkt, wir sind eingeladen, als Juden und Christen sie mit Vertrauen und Glaubenszuversicht zu beantworten in unserem je persönlichen Leben.

Das Zehnwort, die Tora - Gottesgabe der Freiheit. Für Israel, auch für uns. Denn dies Gesetz des Geistes und des Lebens hat mich, dank sei Jesus, den wir als Messias bekennen und in dem wir in den Stamm der Verheißung Israels hineingepflanzt wurden - freigemacht von jedem und allem anderen, das sich als Gott aufspielen möchte. Baruch ata adonai elohenu melech ha olam, ascher kiddschanu ba mizvotav: Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns geheiligt durch seine Gebote. Baruch atra adonai noten ha tora, gelobt seist Du, Ewiger, der die Tora gegeben. Lassen wir uns zu diesem Tanz einladen!

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* Rede zur Eröffnung der Reihe über die Zehn Gebote in der Zwölfapostelkirche Frankenthal am „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ am Sonntag, den 7.9.2008

 

Mit Dank an die theologischen Lehrer und anregende Literatur:

Friedrich-Wilhelm Marquardt, Evangelische Freude an der Tora, in: Materialdienst, Ev. Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau, Nr. 4/1995, S.2ff.

Kornelis Heiko Miskotte, Der praktische Sinn von Gottes Einfachheit, in: ders., Der Gott Israels und die Theologie, Neukirchen 1975, S.19ff.

Karl Barth, Kirchliche Dogmatik II/1, Zürich 194O; S.500

Horst Georg Pöhlmann. Marx Stern, Die Zehn Gebote im jüdisch-christlichen Dialog. Ihr Sinn und ihre Bedeutung heute. Eine kleine Ethik, Frankfurt 2000, S. 7-46

Werner H. Schmidt, Das erste Gebot. Seine Bedeutung für das Alte Testament, ThExh 165, München 1969

Friedrich-Wilhelm Marquardt, Wie verhält sich die christliche Lehre vom dreieinigen Gott zur jüdischen Betonung der Einheit Gottes? In: Ich glaube an den Gott Israels. Fragen und Antworten zu einem Thema, das im christlichen Glaubensbekenntnis fehlt. Herausgegeben von Frank Crüsemann und Udo Theissmann, Gütersloh 1998, S. 37ff.

Frank Crüsemann, Dekalog? Fünf Sätze zum Verständnis des Dekalogs, in: ders., Maßstab: Tora. Israels Weisung für christliche Ethik, Gütersloh 2003, S. 57ff.


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