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Dr. Günther Geisthardt |
Ein blinder Fleck im kirchlichen Reformprozess: zur
Wahrnehmung Evangelischer Akademien
in der "Kirche der Freiheit" (1)
Volker Hörner zum Ausscheiden aus dem Amt des
Direktors der Evangelischen Akademie der Pfalz
Der deutsche Protestantismus
hat in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zwei institutionelle Innovationen
mit nachhaltiger Öffentlichkeitswirkung hervorgebracht: die Kirchentage und die
Evangelischen Akademien. In ihrer dialogischen Ausrichtung haben die
Evangelischen Akademien als Institutionen exemplarische Bedeutung für den
Umgang mit Herausforderungen an eine lebendige Zivilgesellschaft gewonnen.
Diese Feststellung entstammt nicht der Selbstdarstellung einer Evangelischen
Akademie, sondern einer Analyse des Religionssoziologen Peter L. Berger, der
das kirchliche Leben und die religiöse Situation in Deutschland einer
vergleichenden Betrachtung mit nordamerikanischen Verhältnissen unterzieht (2).
Als Orte des freien Diskurses auf hohem Niveau und kontroverser wie fairer
Debatten genießen Evangelische Akademien ähnlich wie die Kirchentage weit über
kirchliche Kreise hinaus Anerkennung und Wertschätzung.
Dabei ist beim Blick auf die
Geschichte der Akademien keineswegs nur Kontinuität oder ein ungebrochener
Aufwärtstrend zu registrieren. Der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (3) ist
längst nicht abgeschlossen, sondern setzt sich, begünstigt durch
technologischen Fortschritt und vielfältige Veränderungen im Verhältnis von
Arbeitswelt und privater Lebensgestaltung (4), mit rasanter Geschwindigkeit
fort: Seit den 1980er Jahren dringen verstärkt medial erzeugte
Kommunikationsformen in Bereiche hinein, die zuvor der
Face-to-face-Kommunikation unter Teilnehmenden vorbehalten waren. Ungeachtet
ihrer offenkundigen Ritualisierung ziehen zahlreiche als Streitgespräch unter
Prominenten und Experten inszenierte Talk-Runden die Aufmerksamkeit
interessierter Zeitgenossen auf sich und sind gerade deshalb attraktiv für
Träger politischer Verantwortung mit knappen Zeitressourcen. Hinzu kommen seit
etwa zehn Jahren die weiter zunehmenden Möglichkeiten der Meinungsbildung und
Kommunikation im und durch das Internet mit hoher Anziehungskraft insbesondere,
aber nicht nur für Angehörige der jüngeren Generation.
Demgegenüber sind die
Evangelischen Akademien erkennbar in die Jahre gekommen: Dies gilt nicht nur im
wörtlichen Sinne, bezogen auf das Alter der Institution. Dies zeigt auch der
Altersdurchschnitt der Teilnehmer bei klassischen Akademietagungen.
Veranstaltungen in traditionellen Tagungsformaten ist auch bei als aktuell und
attraktiv bewerteten Themen keineswegs von vorneherein eine hohe Resonanz
sicher. Evangelische Akademien mussten und müssen ihr Programm auf ein verändertes,
weniger kalkulierbares Teilnahmeverhalten einstellen, dem kürzere
Tagungseinheiten, Abendveranstaltungen und eintägige Foren eher entsprechen als
Wochenendtagungen von Freitag bis Sonntag.
Dazu kommen wirtschaftlich
definierte Anforderungen an den Betrieb der Tagungshäuser, in denen die Arbeit
der Akademien in der Regel stattfindet. Angesichts knapper landeskirchlicher
Mittelzuweisungen sind Kreativität und Beharrlichkeit gefordert, um andere
Finanzierungsquellen zu erschließend und die für die Arbeit erforderlichen
Finanzmittel einzuwerben. Dass bereits vor Jahren einzelne Akademien und/oder
Tagungshäuser wie Bad Segeberg und Mülheim/Ruhr geschlossen wurden, zeigt an,
zu welchen Konsequenzen enger gewordene finanzielle Spielräume in synodalen
Entscheidungsprozessen führen können. Auch was über Jahrzehnte eine
Erfolgsgeschichte war, besitzt keinen Garantieschein auf unabsehbar lange Zeit.
Es gehört zur Stärke der Evangelischen Akademie der Pfalz, dass sie dies
frühzeitig als Herausforderung für ihre eigene Ausrichtung begriffen und seit
der Mitte der 1990er Jahre kontinuierlich ihre Angebote unter dem Gesichtspunkt
der Zukunftsfähigkeit ausdifferenziert und weiter entwickelt hat (5).
Die innovative Rolle der
Evangelischen Akademien im (west-)deutschen Nachkriegsprotestantismus, ihre
Bedeutung im Zusammenhang der Entstehung der Ostdenkschrift wie während der
verschiedenen Protestbewegungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts bietet
reizvolle Fragestellungen für historische Forschungen (6). Doch wie sieht es
zukünftig aus? Haben Evangelische Akademien einen Ort in der „Kirche der
Freiheit“? Woran zeigt sich die Notwendigkeit, auch in Zukunft Evangelische
Akademien zu unterhalten? Um dies auszuloten, ist Akademiearbeit sowohl im
Kontext gesellschaftlicher, politischer, kultureller und wissenschaftlicher
Entwicklungen als auch im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Kirche zu
betrachten. Beide Blickrichtungen ergänzen sich. Denn gerade als „Fenster zur
Gesellschaft“ (7) soll die Akademie der Kirche dienen, indem sie komplexe
Streitfragen im Horizont des christlichen Glaubens identifiziert und im
konstruktiv-kritischen Diskurs Hilfen zur Orientierung eröffnet.
Hier soll in den Blick
genommen werden, welche Rolle Evangelischen Akademien in dem Prozess der Kirchenreform
zukommt, den das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ vorzeichnet. Es ist das
unbestreitbare Verdienst dieses Impulspapiers, eine neue, anhaltende Diskussion
über nötige Reformen in der Evangelischen Kirche in Deutschland angestoßen zu
haben - unter Einbeziehung der demographischen und finanziellen Daten wie unter
Berücksichtigung der erforderlichen organisatorischen Konsequenzen. Das
Impulspapier thematisiert verschiedene Gestalten von Kirche im Protestantismus,
unterschiedliche Gemeindeformen, Angebote und Dienste der Kirche unter den
Gesichtspunkten ihrer Reichweite, Milieubindung und Zukunftsfähigkeit. Unter
der Zielvorgabe „Wachsen gegen den Trend“ gewichtet es einzelne Arbeitsfelder
und -formen und beschreibt die anzustrebenden Ausrichtungen in diversen
Teilbereichen kirchlicher Arbeit. Wie steht es dabei mit den Evangelischen
Akademien? Welchen Ort haben sie in der „Kirche der Freiheit“?
Betrachtet man das
Impulspapier unter dieser Fragestellung, fällt auf, dass die Evangelischen
Akademien lediglich in einem Abschnitt über Erfahrungen mit „situativen
Gemeindeformen und netzwerkartigen Beteiligungsstrukturen“ (8) am Rande erwähnt
werden. In dem ausführlichen Kapitel über den Bildungsauftrag der Kirche (9) dagegen
finden sie überhaupt keine Berücksichtigung. Angesichts der programmatischen
Einleitungssätze zum „7. Leuchtfeuer“, in denen Dialogfähigkeit als
wesentliches Ziel genannt wird, ist dies mehr als verwunderlich (10).
Dass Kindergottesdienst,
evangelische Kindergärten, Religionsunterricht und Konfirmandenarbeit neben der
Familie vorrangige Orte christlicher Sozialisation sind, ist unstrittig. Die
Forderung nach einer inhaltlichen Profilierung der Bildungsarbeit in diesen
Bereichen leuchtet ein, auch wenn die spezifischen Rahmenbedingungen der einzelnen
Arbeitsfelder der Realisierung dieses Ziels erkennbar Grenzen setzen (11).
Unter quantitativen Gesichtspunkten betrachtet, d. h. von der Zahl der
Teilnehmer/innen bzw. der von Angeboten erreichten Personen her, kann
Akademiearbeit schon ihrem Selbstverständnis nach nicht an der Spitze
kirchlicher Aktivitäten stehen. Aber Quantität kann - jedenfalls in einem
theologisch reflektierten kirchlichen Bezugsrahmen - nicht das einzige
Kriterium für Relevanz sein. Wo soll denn, wenn dies nicht von den örtlichen Kirchengemeinden
geleistet werden kann, unter Erwachsenen die Dialogfähigkeit mit anderen
Religionen und Weltanschauungen entwickelt und erprobt werden? Wo finden sich
Christen und Muslime zu Dialogen über das Miteinander, zur Klärung von
Unterschieden und Gemeinsamkeiten, zur Förderung alltagstauglicher und
belastbarer Konvivenz zusammen? Gerade auf diesem Feld leistet die Evangelische
Akademie der Pfalz seit Jahren einen wesentlichen Beitrag zur Klärung und
Verständigung, auch in der Unterstützung der Arbeit auf der gemeindlichen Ebene
wie in Kindertagesstätten und Schulen (12).
Mit Emphase beschreibt das
Impulspapier Zukunftsaufgaben im Bereich der Bildung und des Dialogs zwischen
gesellschaftlichen Gruppen: „Protestantische Eliten […] sind ein Segen für die
Kirche wie die Gesellschaft; sie sollten in ihrem Einsatz und ihrer Beziehung
zur evangelischen Kirche bewusst gefördert werden […] Neue Formen des
Gespräches zwischen Kirche und Kultur, Journalisten, Juristen, Wissenschaft und
Wirtschaft sollten auf vielen Ebenen eingerichtet werden 13).“ Dass diese
Aufgaben seit Jahren insbesondere von den Evangelischen Akademien wahrgenommen
werden, ist den Autoren des Impulspapiers offenbar entgangen. Dabei verfügen
die Akademien auf etlichen Feldern über spezifische Erfahrungen, die andere
kirchliche Einrichtungen - in der Regel jedenfalls - nicht haben. Das gilt u.a.
für die interdisziplinäre Kommunikation theologisch relevanter Themen, die
Einbeziehung von Männern und Frauen aus verschiedenen Professionen in
Sachdiskussionen auf akademischem Niveau (14), die Vermittlung von
Diskursrationalität und Spiritualität sowie für themenorientierte Prozesse der
Klärung und Verständigung unter Konfliktpartnern und die Erprobung von Formen
der Bürgerbeteiligung bei komplexen politischen Zukunftsfragen. So konsequent
das Impulspapier in den grundsätzlichen Überlegungen zur Bildungsarbeit
argumentiert, so auffällig ist das Defizit in der konkreten, realistischen
Verortung von Aufgaben. Von neuen Formen kirchlicher Arbeit wie Citykirchen,
Mediengemeinden, Profilgemeinden, Passantengemeinden (16) versprechen sich die
Autoren im Unterschied zur Parochie erhebliche Resonanzgewinne in bislang
kirchenfernen Milieus. Gegen ein sorgsames Ausloten der Chancen dieser Arbeitsformen
ist überhaupt nichts einzuwenden. Doch entspricht den hohen Erwartungen an
diese Modelle auf der anderen Seite ein blinder Fleck in der Wahrnehmung von
Arbeitsformen, die wie die Evangelischen Akademien bereits auf eine
facettenreiche Geschichte zurückblicken können (17). Ist ihre problem- und
diskursorientierte Arbeit der angestrebten Profilierung abträglich oder aus der
Sicht der Impulspapier-Autoren schlichtweg überholt? (18) Trifft Peter Bergers
Einschätzung der Leistung Evangelischer Akademien allenfalls für die
gesellschaftliche Situation in Deutschland bis zur Jahrtausendwende zu? Das
Impulspapier schweigt sich darüber aus und lässt dadurch erkennen: Evangelische
Akademien haben keine erkennbare Bedeutung für die Zukunft des Protestantismus.
Um nicht falsch verstanden zu
werden: Es ist legitim, ja nötig, sämtliche Dienste, Einrichtungen und Werke
der Kirche mit dem Kriterium zu konfrontieren, worin ihr Beitrag zur Zukunft
der evangelischen Kirche bzw. des Protestantismus besteht (19). Für eine
Akademie bedeutet das neben der Klärung des eigenen Auftrags (20), sich unter
anderem folgenden Fragen zu stellen: - Welche Orientierungs- und Verständigungsleistungen
kann sie unter den gegebenen Umständen erbringen - für und mit welche(n)
Menschen?
- Können und sollen bei
Akademieveranstaltungen altersgruppenorientierte Segmentierungen aufgebrochen
werden - und wenn ja, wie?
- Wie lassen sich kritische
Diskussionskultur, theologische Orientierung und atmosphärische Offenheit für
Männer und Frauen aus unterschiedlichen Generationen, Berufen und Herkunftsmilieus
stimmig und attraktiv verknüpfen?
- Mit welchen
Veranstaltungsformaten erreicht die Arbeit der Akademie unter den absehbaren
Verhältnissen der nächsten zehn Jahre genügend Ausstrahlung und Resonanz, um
ihrem Auftrag gerecht zu werden?
Die Berichte der
Evangelischen Akademie der Pfalz zeigen: Diese Fragen sind nicht nur bereits
seit etlichen Jahren Gegenstand intensiver, auch selbstkritischer Reflexion
(21). Sie haben darüber hinaus zu praktischen Schritten geführt, die der
Akademie erweiterte Handlungsspielräume und einen vergleichsweise großen
Resonanzraum in der kirchlichen und außerkirchlichen Öffentlichkeit gesichert
haben.
Ist es zutreffend, dass sich
„der Aufbruch des Protestantismus […] nur in der Kombination von 'Kerngeschäft
und Bildung'“ (22) vollziehen kann, dann müssen sämtliche Arbeitsfelder der
Kirche und ihre Wirkungen in Bildungsprozessen in den Blick genommen werden.
Die Vorstellung, kirchliche Dienste könnten in der absehbaren Zukunft nach dem
gleichen Muster arbeiten wie in den vom Volkskirchenmodell geprägten
Nachkriegsjahrzehnten, ist unrealistisch; sie wird so auch nirgends ernsthaft
vertreten. Ebenso wenig tragfähig ist jedoch eine Reformstrategie, die für die
Erfüllung wesentlicher Aufgaben vage skizzierte, kaum erprobte Modelle
propagiert, statt die vorhandenen Einrichtungen auf bereits durchlaufene
Reformprozesse und erkennbare Innovationspotenziale hin zu untersuchen.
Das Reformprogramm des
EKD-Impulspapiers hat zahlreiche affirmative wie kritische Reaktionen ausgelöst
und insofern seinen Anspruch, eine intensive Reformdebatte im Protestantismus
anzustoßen, ungeachtet etlicher inhaltlicher Defizite bereits jetzt eingelöst.
Wo wird nun diese Debatte weitergeführt? Sind nicht gerade die von der „Kirche
der Freiheit“ übersehenen Evangelischen Akademien mit ihren spezifischen
Erfahrungen und Ressourcen in besonderer Weise geeignet, dies in enger
Rückkopplung mit Synoden und theologischen Fakultäten sachgemäß und
zielorientiert zu leisten?
Evangelische Akademien lassen
sich in Anlehnung an einen von Michael Welker in Anlehnung an John Polkinghorne
geprägten Begriff als Orte für „wahrheitssuchende Gemeinschaften“ verstehen.
Was für diskursfähige Theologie gilt, trifft auch auf die interdisziplinär
angelegte Akademiearbeit zu: „Wahrheitssuchende Gemeinschaften haben […]
gemeinsam, dass sie Wahrheitsansprüche erheben und argumentativ zu erheben
versuchen. Sie unterscheiden sich […] von den ihre Gewissheit beteuernden
Gruppen dadurch, dass sie ihre Wahrheitsansprüche beständig auf zunehmende
Sacherkenntnis und deren Richtigkeit hin prüfen. Sie tun dies, indem sie die
Gewissheit im lebendigen Gespräch, beziehungsweise durch gemeinsam abgestimmte
Prüfungsverfahren, beständig in Frage stellen und in Frage stellen lassen.“
(23)
Das Evangelium ist eine ‚öffentliche Wahrheit'
(24). Dem entspricht das Modell einer „offenen und öffentlichen Kirche“ (25).
Um nahe bei den Menschen zu sein, um „die Botschaft von der freien Gnade
auszurichten an alles Volk“ (26), muss die Differenzierung der Interessen,
Bedürfnisse, Lebensstile, Milieus als Rahmenbedingung kirchlicher Arbeit ernst
genommen werden, ohne dadurch eine Klassenkirche zu befördern (27). Auch
Akademien, Tagungshäuser und kirchliche Zentren können auf ihre Weise
gemeindeförmig wirken. Ob dies geschieht, hängt ebenso an Rahmenbedingungen wie
an der konkreten Gestaltung des jeweiligen Arbeitsfeldes - durch die dafür
verantwortlichen Personen.
Für Akademiearbeit und ihre
Qualität gilt insofern dasselbe wie für andere Felder kirchlichen Handelns.
Kirchliches Handeln ist seiner Bestimmung nach Ausdruck und Frucht des
Evangeliums. So wie das Evangelium jedem einzelnen Menschen gilt, ist
kirchliches Handeln personbezogene Arbeit. Der Form nach ist es vorrangig
Begegnung, Interaktion, sowohl zwischen Einzelnen als auch in Gruppen. Dies gilt
für Verkündigung und Feier, für Unterricht, Diakonie, Seelsorge und
Gruppenarbeit, auch für die Arbeit einer Evangelischen Akademie.
Dementsprechend messen Menschen die Qualität dieser Arbeit insbesondere an
Faktoren, die im Wirken von Personen zum Tragen kommen. Persönliche
Überzeugungskraft, Empathie und Zuwendung, Orientierungsfähigkeit und
Konfliktfähigkeit sind solche Faktoren. Sachaspekte gewinnen ihr Gewicht durch
ihre Vermittlung, die von Personen geleistet wird. Resonanz auf Akademiearbeit
hat entscheidend mit dieser Vermittlung zu tun (28).
Was selbstverständlich
klingt, ist doch nicht ohne Relevanz für das konkrete Handeln. Das
EKD-Impulspapier setzt in hohem Maße auf professionelle Öffentlichkeitsarbeit,
Themenmanagement und Agenda-setting (29). Für eine erfolgreiche
Akademiearbeit sind diese Instrumente schon lange von Bedeutung. Freilich zeigt
sich auch hier: Kirchliches Handeln bewegt sich in einem Resonanzraum, der in
besonderem Maße von Vertrauen bestimmt ist, das durch Erfahrung bestätigt oder
beschädigt werden kann. Öffentlichkeitsarbeit muss in einem erkennbaren Bezug
zur erfahrbaren Praxis einer Institution stehen, um mehr als kurzfristige
Aufmerksamkeit zu erzielen und um Glaubwürdigkeit und Vertrauen nicht zu
verspielen. Nur so behalten die Leitbilder einer menschennahen und
partizipatorischen Kirche (30), die die protestantische Landeskirche der Pfalz
in den 1990er Jahren formuliert hat, ihre Plausibilität. Der Evangelischen
Akademie der Pfalz ist zu wünschen, dass sie durch ihre Arbeit auch in den kommenden
Jahren zu einer Kirche beiträgt, die den Menschen nahe ist auf der Suche nach
Wahrheit und einem Leben in Freiheit und Würde dient.
Der Beitrag wurde erstveröffentlicht in: Klaus
Bümlein/ Katrin Platzer/ Georg Wenz (Hrsg.), Stationen und Initiativen.
Festschrift zur Verabschiedung von Akademiedirektor Volker Hörner, Speyer 2008,
16-33
1 Den Erfahrungshintergrund dieser Überlegungen bilden die Mitarbeit bei der Planung und Durchführung von Akademietagungen (gemeinsam mit Volker Hörner) als Vorsitzender der Evangelischen Akademikerschaft Pfalz-Saar seit 1997, die Mitwirkung im Arbeitskreis „Geistige Orientierung“ und die Mitgliedschaft im Kuratorium der Evangelischen Akademie der Pfalz seit 2002. Der Aufsatz knüpft an ältere Überlegungen einer Arbeitsgruppe der Ev. Akademikerschaft Pfalz-Saar (Chancen und Defizite kirchlicher Bildungsarbeit, Evangelische Aspekte 1/1999, 15-19) an. Der Titel nimmt Bezug auf das Impulspapier des Rates der EKD: Kirche der Freiheit, Hannover 2006 (im Folgenden: Kirche der Freiheit).
2Vgl. Peter Berger, in: Forum Loccum Nr. 4 / November 1998 (www.loccum.de/folo/gast/berger.html): „Hier ist darauf hinzuweisen, dass es mindestens eine Institution gibt, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg explizit versucht, das zu verwirklichen, was hier als dialogische Vermittlung bezeichnet wurde. Gemeint ist die Evangelische Akademie, die zum erklärten Ziel hat, Vertreter unterschiedlicher Positionen in einen ungezwungenen Dialog zusammenzuführen, die sich normalerweise nur in Konfrontationssituationen begegnen.“ Ähnlich in dem Bericht „Die Grenzen der Gemeinschaft“ an den Club of Rome, der unter Bergers Leitung für die Bertelsmann-Stiftung erarbeitet und 1997 veröffentlicht wurde.
3Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962 (Neuaufl.: Frankfurt 1990).
4Vgl. dazu bes. U. Beck/E. Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt 1990.
5 Hier ist besonders die von Katrin Platzer entwickelte und begleitete „Junge Akademie“ zu nennen.
6 Vgl. Art. Akademie III, RGG, 4. Aufl. 1998, Bd. 1, Sp. 250.
7 Evangelische Akademie der Pfalz, Bericht über die Jahre 2002 bis 2004, Landessynode Mai 2005, 11.
8 Kirche der Freiheit, 54.
9 Ebd. 77ff.
10 Ebd. 77: „Auf
Gott vertrauen und das Leben gestalten – evangelische Bildungsarbeit als
Zeugnisdienst in der Welt verstehen. Im Jahre 2030 ist Bildungsarbeit eines der
wichtigsten Arbeitsfelder der evangelischen Kirche. Sie führt Kinder und
Jugendliche an den christlichen Glauben und an verantwortliches Leben aus
Glauben heran. Sie bestärkt Christen darin, in Familie, Beruf und Gesellschaft
von Gott Gutes zu sagen und den christlichen Glauben zu bezeugen. In kirchlichen
wie in staatlichen Institutionen konzentriert sich evangelische Bildungsarbeit
auf die Beheimatung in den Überlieferungen des Glaubens und auf die
Dialogfähigkeit mit anderen Religionen und Weltanschauungen.“
11 Dies gilt insbesondere für die Kindertagesstätten und den Religionsunterricht, sofern die Rahmenbedingungen und ihre Ausgestaltung von staatlichen Instanzen bzw. Regelungen abhängig sind.
12
Zuletzt die gemeinsame Tagung mit der Evangelischen Akademikerschaft Pfalz-Saar
und der Katholischen Akademie Rhein-Neckar am 18./19.04.2008 in Landau: Mission
possible? Wieviel Mission
verträgt eine moderne Gesellschaft? Christentum und Islam zwischen Religion und
Politik.
13Kirche der Freiheit, 80.
14 Eine
ähnliche Ausblendung stellt Günter Thomas im Impulspapier im Blick auf die theologischen
Fakultäten und Synoden fest: 10 Klippen auf dem Reformkurs der Evangelischen
Kirche in Deutschland. Oder: Warum die Lösungen die Probleme vergrößern, Evangelische
Theologie 67, 2007, 361-387, bes. 372ff.
15 Vgl. das
gemeinsame, von der VW-Stiftung finanziell geförderte Projekt der Ev. Akademien
der Pfalz und Sachsen-Anhalts zu den „Perspektiven sozialer Sicherungssysteme“.
16 Kirche der
Freiheit, 55f.
17 Anders noch
die kirchentheoretische Studie von Michael Nüchtern: Kirche bei Gelegenheit,
Stuttgart 1991.
18 Zielt der Satz „Denn es gibt kirchliche Angebote, denen die Konzentration auf den spezifisch evangelischen Beitrag zur Bildung verloren gegangen ist“ (Kirche der Freiheit, 78) auf die Akademiearbeit? Dann freilich müsste die Kritik konkretisiert und präzisiert werden.
19 Ebd., 42.
20 Evangelische Akademie der Pfalz, Bericht über die Jahre 2002 bis 2004, Landessynode Mai 2005, S. 11: „Die Akademie ist für die Kirche ein Fenster zur Gesellschaft und für die Gesellschaft ein Fenster zur Kirche. Sie ist ein Ort orientierender Reflexion, in der sich weltbezogene Vernünftigkeit und Sachlichkeit des Glaubens in Kontroversen argumentativ zu bewähren hat.“
21 Sie beziehen sich auf Diagnosen des gesellschaftlichen Wandels, greifen einzelne Aspekte ökonomischer Analysen auf, beschreiben Tendenzen im Wechselspiel von Religion und Kultur. Insbesondere aber reflektieren sie kontinuierlich die Entwicklung von Zugehörigkeit, Nähe und Distanz zur verfassten Kirche auf dem Hintergrund der EKD-Mitgliedschaftsstudien und vergleichbarer Untersuchungen, nicht zuletzt mit dem Ziel, die Relevanz der Akademiearbeit für die Kirche deutlich zu machen.
22 G. Thomas, ebd., 374.
23 Zum Begriff: Michael Welker, Wachsen in der Gewissheit, Zeitzeichen 11/2002, 18-20.
24Vgl. Lesslie Newbigin: Truth to Tell. The Gospel as Public Truth, London 1991; Wolfgang Huber: Kirche in der Zeitenwende, Gütersloh 1998.
25 Wolfgang Huber, Kirche in der Zeitenwende, Gütersloh 1998.
26 These VI der Barmer Theologischen Erklärung von 1934.
27Beispielhaft hierfür: 1 Kor 9,20ff. Vgl. auch Michael Welker, Freiheit oder Klassenkirche. Mut und Blindheit im Impulspapier des Rates der EKD, in: Zeitzeichen 12/2006, 8-11.
28 Insofern bringen diese Überlegungen auch den Dank an Akademiedirektor Volker Hörner zum Ausdruck, ebenso wie für die ermutigende Zusammenarbeit mit Katrin Platzer und Georg Wenz.
29 Kirche der Freiheit, 85ff.
30 Das Stichwort „partizipatorisch“ zielt insbesondere auf ehrenamtliche Mitwirkung am kirchlichen Handeln, auch an der Kirchenleitung. Das Impulspapier verkürzt Möglichkeiten und Ziele ehrenamtlicher Mitwirkung in der Kirche, indem es nahezu ausschließlich der Bereich der Verkündigung in den Blick nimmt. Dabei ist die qualifizierte Mitwirkung Ehrenamtlicher auch für Diakonie und Bildung von großer Bedeutung. Vgl. zum Perspektivplan: Günter Geisthardt, Suchen und Finden: Wege im Wandel, Pfälzisches Pfarrerblatt 93, 2003, 118-125, bes. 120f.
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