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Dr. Günther Geisthardt
Eichhornstraße 17, 76822229 Landau

 

 

 

Ein blinder Fleck im kirchlichen Reformprozess: zur Wahrnehmung Evangelischer Akademien

in der "Kirche der Freiheit" (1)

 

Volker Hörner zum Ausscheiden aus dem Amt des Direktors der Evangelischen Akademie der Pfalz

 

Der deutsche Protestantismus hat in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zwei institutionelle Innovationen mit nachhaltiger Öffentlichkeitswirkung hervorgebracht: die Kirchentage und die Evangelischen Akademien. In ihrer dialogischen Ausrichtung haben die Evangelischen Akademien als Institutionen exemplarische Bedeutung für den Umgang mit Herausforderungen an eine lebendige Zivilgesellschaft gewonnen. Diese Feststellung entstammt nicht der Selbstdarstellung einer Evangelischen Akademie, sondern einer Analyse des Religionssoziologen Peter L. Berger, der das kirchliche Leben und die religiöse Situation in Deutschland einer vergleichenden Betrachtung mit nordamerikanischen Verhältnissen unterzieht (2). Als Orte des freien Diskurses auf hohem Niveau und kontroverser wie fairer Debatten genießen Evangelische Akademien ähnlich wie die Kirchentage weit über kirchliche Kreise hinaus Anerkennung und Wertschätzung.

Dabei ist beim Blick auf die Geschichte der Akademien keineswegs nur Kontinuität oder ein ungebrochener Aufwärtstrend zu registrieren. Der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (3) ist längst nicht abgeschlossen, sondern setzt sich, begünstigt durch technologischen Fortschritt und vielfältige Veränderungen im Verhältnis von Arbeitswelt und privater Lebensgestaltung (4), mit rasanter Geschwindigkeit fort: Seit den 1980er Jahren dringen verstärkt medial erzeugte Kommunikationsformen in Bereiche hinein, die zuvor der Face-to-face-Kommunikation unter Teilnehmenden vorbehalten waren. Ungeachtet ihrer offenkundigen Ritualisierung ziehen zahlreiche als Streitgespräch unter Prominenten und Experten inszenierte Talk-Runden die Aufmerksamkeit interessierter Zeitgenossen auf sich und sind gerade deshalb attraktiv für Träger politischer Verantwortung mit knappen Zeit­ressourcen. Hinzu kommen seit etwa zehn Jahren die weiter zunehmenden Möglichkeiten der Meinungsbildung und Kommunikation im und durch das Internet mit hoher Anziehungskraft insbesondere, aber nicht nur für Angehörige der jüngeren Generation.

 

Demgegenüber sind die Evangelischen Akademien erkennbar in die Jahre gekommen: Dies gilt nicht nur im wörtlichen Sinne, bezogen auf das Alter der Institution. Dies zeigt auch der Altersdurchschnitt der Teilnehmer bei klassischen Akademietagungen. Veranstaltungen in traditionellen Tagungs­formaten ist auch bei als aktuell und attraktiv bewerteten Themen keineswegs von vorneherein eine hohe Resonanz sicher. Evangelische Akademien mussten und müssen ihr Programm auf ein verändertes, weniger kalkulierbares Teilnahmeverhalten einstellen, dem kürzere Tagungseinheiten, Abendveranstaltungen und eintägige Foren eher entsprechen als Wochenendtagungen von Freitag bis Sonntag.

Dazu kommen ­wirt­schaft­lich definierte Anforderungen an den Betrieb der Tagungshäuser, in denen die Arbeit der Akademien in der Regel stattfindet. Angesichts knapper landeskirchlicher Mittelzuweisungen sind Kreativität und Beharrlichkeit gefordert, um andere Finanzierungsquellen zu erschließend und die für die Arbeit erforderlichen Finanzmittel einzuwerben. Dass bereits vor Jahren einzelne Akademien und/oder Tagungs­häuser wie Bad Segeberg und Mülheim/Ruhr geschlossen wurden, zeigt an, zu welchen Konsequenzen enger gewordene finanzielle Spielräume in synodalen Entscheidungs­prozessen führen können. Auch was über Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte war, besitzt keinen Garantieschein auf unabsehbar lange Zeit. Es gehört zur Stärke der Evangelischen Akademie der Pfalz, dass sie dies frühzeitig als Herausforderung für ihre eigene Ausrichtung begriffen und seit der Mitte der 1990er Jahre kontinuierlich ihre Angebote unter dem Gesichtspunkt der Zukunfts­fähigkeit ausdifferenziert und weiter entwickelt hat (5).

Die innovative Rolle der Evangelischen Akademien im (west-)deutschen Nachkriegsprotestantismus, ihre Bedeutung im Zusammenhang der Entstehung der Ostdenkschrift wie während der verschiedenen Protestbewegungen im letzten Drittel des 20. Jahr­hunderts bietet reizvolle Fragestellungen für historische Forschungen (6). Doch wie sieht es zukünftig aus? Haben Evangelische Akademien einen Ort in der „Kirche der Freiheit“? Woran zeigt sich die Notwendigkeit, auch in Zukunft Evangelische Akade­mien zu unterhalten? Um dies auszuloten, ist Akademiearbeit sowohl im Kontext gesell­schaftlicher, politischer, kultureller und wissenschaftlicher Entwicklungen als auch im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Kirche zu betrachten. Beide Blick­richtungen ergänzen sich. Denn gerade als „Fenster zur Gesellschaft“ (7) soll die Akademie der Kirche dienen, indem sie komplexe Streitfragen im Horizont des christlichen Glaubens identifiziert und im konstruktiv-kritischen Diskurs Hilfen zur Orientierung eröffnet.

Hier soll in den Blick genommen werden, welche Rolle Evangelischen Akademien in dem Prozess der Kirchenreform zukommt, den das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ vorzeichnet. Es ist das unbestreitbare Verdienst dieses Impulspapiers, eine neue, anhaltende Diskussion über nötige Reformen in der Evangelischen Kirche in Deutschland angestoßen zu haben - unter Einbeziehung der demographischen und finanziellen Daten wie unter Berücksichtigung der erforderlichen organisatorischen Konsequenzen. Das Impulspapier thematisiert verschiedene Gestalten von Kirche im Protestantismus, unterschiedliche Gemeindeformen, Angebote und Dienste der Kirche unter den Gesichtspunkten ihrer Reichweite, Milieubindung und Zukunftsfähigkeit. Unter der Zielvorgabe „Wachsen gegen den Trend“ gewichtet es einzelne Arbeitsfelder und -formen und beschreibt die anzustrebenden Ausrichtungen in diversen Teilbereichen kirchlicher Arbeit. Wie steht es dabei mit den Evangelischen Akademien? Welchen Ort haben sie in der „Kirche der Freiheit“?

Betrachtet man das Impulspapier unter dieser Fragestellung, fällt auf, dass die Evangelischen Akademien lediglich in einem Abschnitt über Erfahrungen mit „situativen Gemeindeformen und netzwerkartigen Beteiligungsstrukturen“ (8) am Rande erwähnt werden. In dem ausführlichen Kapitel über den Bildungsauftrag der Kirche (9) dagegen finden sie überhaupt keine Berücksichtigung. Angesichts der programmatischen Einleitungssätze zum „7. Leuchtfeuer“, in denen Dialogfähigkeit als wesentliches Ziel genannt wird, ist dies mehr als verwunderlich (10).

Dass Kindergottesdienst, evangelische Kindergärten, Religionsunterricht und Konfirmandenarbeit neben der Familie vorrangige Orte christlicher Sozialisation sind, ist unstrittig. Die Forderung nach einer inhaltlichen Profilierung der Bildungs­arbeit in diesen Bereichen leuchtet ein, auch wenn die spezifischen Rahmenbedingungen der einzelnen Arbeitsfelder der Realisierung dieses Ziels erkennbar Grenzen setzen (11). Unter quantitativen Gesichtspunkten betrachtet, d. h. von der Zahl der Teilnehmer/innen bzw. der von Angeboten erreichten Personen her, kann Akademiearbeit schon ihrem Selbstverständnis nach nicht an der Spitze kirchlicher Aktivitäten stehen. Aber Quantität kann - jedenfalls in einem theologisch reflektierten kirchlichen Bezugsrahmen - nicht das einzige Kriterium für Relevanz sein. Wo soll denn, wenn dies nicht von den örtlichen Kirchengemeinden geleistet werden kann, unter Erwachsenen die Dialogfähigkeit mit anderen Religionen und Weltanschauungen entwickelt und erprobt werden? Wo finden sich Christen und Muslime zu Dialogen über das Miteinander, zur Klärung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten, zur Förderung alltagstauglicher und belastbarer Konvivenz zusammen? Gerade auf diesem Feld leistet die Evangelische Akademie der Pfalz seit Jahren einen wesentlichen Beitrag zur Klärung und Verständigung, auch in der Unterstützung der Arbeit auf der gemeindlichen Ebene wie in Kindertagesstätten und Schulen (12).

Mit Emphase beschreibt das Impulspapier Zukunftsaufgaben im Bereich der Bildung und des Dialogs zwischen gesellschaftlichen Gruppen: „Protestantische Eliten […] sind ein Segen für die Kirche wie die Gesellschaft; sie sollten in ihrem Einsatz und ihrer Beziehung zur evangelischen Kirche bewusst gefördert werden […] Neue Formen des Gespräches zwischen Kirche und Kultur, Journalisten, Juristen, Wissenschaft und Wirtschaft sollten auf vielen Ebenen eingerichtet werden 13).“ Dass diese Aufgaben seit Jahren insbesondere von den Evangelischen Akademien wahr­genommen werden, ist den Autoren des Impulspapiers offenbar entgangen. Dabei verfügen die Akademien auf etlichen Feldern über spezifische Erfahrungen, die andere kirchliche Einrichtungen - in der Regel jedenfalls - nicht haben. Das gilt u.a. für die interdisziplinäre Kommunikation theologisch relevanter Themen, die Einbeziehung von Männern und Frauen aus verschiedenen Professionen in Sachdiskussionen auf akademischem Niveau (14), die Vermittlung von Diskursrationalität und Spiritualität sowie für themenorientierte Prozesse der Klärung und Verständi­gung unter Konfliktpartnern und die Erprobung von Formen der Bürgerbeteiligung bei komplexen politischen Zukunftsfragen. So konsequent das Impulspapier in den grundsätzlichen Überlegungen zur Bildungs­arbeit argumentiert, so auffällig ist das Defizit in der konkreten, realistischen Verortung von Aufgaben. Von neuen Formen kirchlicher Arbeit wie Citykirchen, Mediengemeinden, Profilgemeinden, Passantengemeinden (16) versprechen sich die Autoren im Unterschied zur Parochie erhebliche Resonanzgewinne in bislang kirchenfernen Milieus. Gegen ein sorgsames Ausloten der Chancen dieser Arbeits­formen ist überhaupt nichts einzuwenden. Doch entspricht den hohen Erwartungen an diese Modelle auf der anderen Seite ein blinder Fleck in der Wahrnehmung von Arbeitsformen, die wie die Evangelischen Akademien bereits auf eine facettenreiche Geschichte zurückblicken können (17). Ist ihre problem- und diskursorientierte Arbeit der angestrebten Profilierung abträglich oder aus der Sicht der Impulspapier-Autoren schlichtweg überholt? (18) Trifft Peter Bergers Einschätzung der Leistung Evangelischer Akademien allenfalls für die gesellschaftliche Situation in Deutschland bis zur Jahrtausendwende zu? Das Impulspapier schweigt sich darüber aus und lässt dadurch erkennen: Evangelische Akademien haben keine erkennbare Bedeutung für die Zukunft des Protestantismus.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist legitim, ja nötig, sämtliche Dienste, Einrichtungen und Werke der Kirche mit dem Kriterium zu konfrontieren, worin ihr Beitrag zur Zukunft der evangelischen Kirche bzw. des Protestantismus besteht (19). Für eine Akademie bedeutet das neben der Klärung des eigenen Auftrags (20), sich unter anderem folgenden Fragen zu stellen: - Welche Orientierungs- und Verständigungs­leistungen kann sie unter den gegebenen Umständen erbringen - für und mit welche(n) Menschen?

- Können und sollen bei Akademieveranstaltungen altersgruppen­orientierte Segmentierungen aufgebrochen werden - und wenn ja, wie?

- Wie lassen sich kritische Diskussions­kultur, theologische Orientierung und atmosphärische Offenheit für Männer und Frauen aus unterschiedlichen Generationen, Berufen und Herkunftsmilieus stimmig und attraktiv verknüpfen?

- Mit welchen Veranstaltungsformaten erreicht die Arbeit der Akademie unter den absehbaren Verhältnissen der nächsten zehn Jahre genügend Ausstrahlung und Resonanz, um ihrem Auftrag gerecht zu werden?

Die Berichte der Evangelischen Akademie der Pfalz zeigen: Diese Fragen sind nicht nur bereits seit etlichen Jahren Gegenstand intensiver, auch selbstkritischer Reflexion (21). Sie haben darüber hinaus zu praktischen Schritten geführt, die der Akademie erweiterte Handlungsspielräume und einen vergleichsweise großen Resonanzraum in der kirchlichen und außerkirchlichen Öffentlichkeit gesichert haben.

Ist es zutreffend, dass sich „der Aufbruch des Protestantismus […] nur in der Kombination von 'Kerngeschäft und Bildung'“ (22) vollziehen kann, dann müssen sämtliche Arbeitsfelder der Kirche und ihre Wirkungen in Bildungsprozessen in den Blick genommen werden. Die Vorstellung, kirchliche Dienste könnten in der absehbaren Zukunft nach dem gleichen Muster arbeiten wie in den vom Volkskirchenmodell geprägten Nachkriegsjahrzehnten, ist unrealistisch; sie wird so auch nirgends ernsthaft vertreten. Ebenso wenig tragfähig ist jedoch eine Reform­strategie, die für die Erfüllung wesentlicher Aufgaben vage skizzierte, kaum erprobte Modelle propagiert, statt die vorhandenen Einrichtungen auf bereits durchlaufene Reformprozesse und erkennbare Innovationspotenziale hin zu untersuchen.

Das Reformprogramm des EKD-Impulspapiers hat zahlreiche affirmative wie kritische Reaktionen ausgelöst und insofern seinen Anspruch, eine intensive Reformdebatte im Protestantismus anzustoßen, ungeachtet etlicher inhaltlicher Defizite bereits jetzt eingelöst. Wo wird nun diese Debatte weitergeführt? Sind nicht gerade die von der „Kirche der Freiheit“ übersehenen Evangelischen Akademien mit ihren spezifischen Erfahrungen und Ressourcen in besonderer Weise geeignet, dies in enger Rückkopplung mit Synoden und theologischen Fakultäten sachgemäß und zielorientiert zu leisten?

Evangelische Akademien lassen sich in Anlehnung an einen von Michael Welker in Anlehnung an John Polkinghorne geprägten Begriff als Orte für „wahrheitssuchende Gemeinschaften“ verstehen. Was für diskursfähige Theologie gilt, trifft auch auf die interdisziplinär angelegte Akademiearbeit zu: „Wahrheitssuchende Gemeinschaften haben […] gemeinsam, dass sie Wahrheitsansprüche erheben und argumentativ zu erheben versuchen. Sie unterscheiden sich […] von den ihre Gewissheit beteuernden Gruppen dadurch, dass sie ihre Wahrheitsansprüche beständig auf zunehmende Sacherkenntnis und deren Richtigkeit hin prüfen. Sie tun dies, indem sie die Gewissheit im lebendigen Gespräch, beziehungsweise durch gemeinsam abgestimmte Prüfungsverfahren, beständig in Frage stellen und in Frage stellen lassen.“ (23)

 Das Evangelium ist eine ‚öffentliche Wahrheit' (24). Dem entspricht das Modell einer „offenen und öffentlichen Kirche“ (25). Um nahe bei den Menschen zu sein, um „die Botschaft von der freien Gnade auszurichten an alles Volk“ (26), muss die Differenzierung der Interessen, Bedürfnisse, Lebensstile, Milieus als Rahmenbedingung kirchlicher Arbeit ernst genommen werden, ohne dadurch eine Klassenkirche zu befördern (27). Auch Akademien, Tagungshäuser und kirchliche Zentren können auf ihre Weise gemeindeförmig wirken. Ob dies geschieht, hängt ebenso an Rahmenbedingungen wie an der konkreten Gestaltung des jeweiligen Arbeitsfeldes - durch die dafür verantwortlichen Personen.

Für Akademiearbeit und ihre Qualität gilt insofern dasselbe wie für andere Felder kirchlichen Handelns. Kirchliches Handeln ist seiner Bestimmung nach Ausdruck und Frucht des Evangeliums. So wie das Evangelium jedem einzelnen Menschen gilt, ist kirchliches Handeln personbezogene Arbeit. Der Form nach ist es vorrangig Begegnung, Interaktion, sowohl zwischen Einzelnen als auch in Gruppen. Dies gilt für Verkündigung und Feier, für Unterricht, Diakonie, Seelsorge und Gruppenarbeit, auch für die Arbeit einer Evangelischen Akademie. Dementsprechend messen Menschen die Qualität dieser Arbeit insbesondere an Faktoren, die im Wirken von Personen zum Tragen kommen. Persönliche Überzeugungskraft, Empathie und Zuwendung, Orientierungsfähigkeit und Konfliktfähigkeit sind solche Faktoren. Sachaspekte gewinnen ihr Gewicht durch ihre Vermittlung, die von Personen geleistet wird. Resonanz auf Akademiearbeit hat entscheidend mit dieser Vermittlung zu tun (28).

Was selbstverständlich klingt, ist doch nicht ohne Relevanz für das konkrete Handeln. Das EKD-Impulspapier setzt in hohem Maße auf professionelle Öffentlichkeitsarbeit, Themenmanagement und Agenda-setting (29). Für eine erfolgreiche Akademiearbeit sind diese Instrumente schon lange von Bedeutung. Freilich zeigt sich auch hier: Kirchliches Handeln bewegt sich in einem Resonanzraum, der in besonderem Maße von Vertrauen bestimmt ist, das durch Erfahrung bestätigt oder beschädigt werden kann. Öffentlich­keits­arbeit muss in einem erkennbaren Bezug zur erfahrbaren Praxis einer Institution stehen, um mehr als kurzfristige Aufmerksamkeit zu erzielen und um Glaubwürdigkeit und Vertrauen nicht zu verspielen. Nur so behalten die Leitbilder einer menschennahen und partizipatorischen Kirche (30), die die protestantische Landeskirche der Pfalz in den 1990er Jahren formuliert hat, ihre Plausibilität. Der Evangelischen Akademie der Pfalz ist zu wünschen, dass sie durch ihre Arbeit auch in den kommenden Jahren zu einer Kirche beiträgt, die den Menschen nahe ist auf der Suche nach Wahrheit und einem Leben in Freiheit und Würde dient.

 

Der Beitrag wurde erstveröffentlicht in: Klaus Bümlein/ Katrin Platzer/ Georg Wenz (Hrsg.), Stationen und Initiativen. Festschrift zur Verabschiedung von Akademiedirektor Volker Hörner, Speyer 2008, 16-33

 

1 Den Erfahrungshintergrund dieser Überlegungen bilden die Mitarbeit bei der Planung und Durchführung von Akademietagungen (gemeinsam mit Volker Hörner) als Vorsitzender der Evangelischen Akademikerschaft Pfalz-Saar seit 1997, die Mitwirkung im Arbeitskreis „Geistige Orientierung“ und die Mitgliedschaft im Kuratorium der Evangelischen Akademie der Pfalz seit 2002. Der Aufsatz knüpft an ältere Überlegungen einer Arbeitsgruppe der Ev. Akademikerschaft Pfalz-Saar (Chancen und Defizite kirchlicher Bildungsarbeit, Evangelische Aspekte 1/1999, 15-19) an. Der Titel nimmt Bezug auf das Impulspapier des Rates der EKD: Kirche der Freiheit, Hannover 2006 (im Folgenden: Kirche der Freiheit).

2Vgl. Peter Berger, in: Forum Loccum Nr. 4 / November 1998 (www.loccum.de/folo/gast/berger.html): „Hier ist darauf hinzuweisen, dass es mindestens eine Institution gibt, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg explizit versucht, das zu verwirklichen, was hier als dialogische Vermittlung bezeichnet wurde. Gemeint ist die Evangelische Akademie, die zum erklärten Ziel hat, Vertreter unterschiedlicher Positionen in einen ungezwungenen Dialog zusammenzuführen, die sich normalerweise nur in Konfrontationssituationen begegnen.“ Ähnlich in  dem Bericht „Die Grenzen der Gemeinschaft“ an den Club of Rome, der unter Bergers Leitung für die Bertelsmann-Stiftung erarbeitet und 1997 veröffentlicht wurde. 

3Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962 (Neuaufl.: Frankfurt 1990).

4Vgl. dazu bes. U. Beck/E. Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt 1990.

5 Hier ist besonders die von Katrin Platzer entwickelte und begleitete „Junge Akademie“ zu nennen.

6 Vgl. Art. Akademie III, RGG, 4. Aufl. 1998, Bd. 1, Sp. 250.

7 Evangelische Akademie der Pfalz, Bericht über die Jahre 2002 bis 2004, Landessynode Mai 2005, 11.

8 Kirche der Freiheit, 54.

9 Ebd. 77ff.

10 Ebd. 77: „Auf Gott vertrauen und das Leben gestalten – evangelische Bildungsarbeit als Zeugnisdienst in der Welt verstehen. Im Jahre 2030 ist Bildungsarbeit eines der wichtigsten Arbeitsfelder der evangelischen Kirche. Sie führt Kinder und Jugendliche an den christlichen Glauben und an verantwortliches Leben aus Glauben heran. Sie bestärkt Christen darin, in Familie, Beruf und Gesellschaft von Gott Gutes zu sagen und den christlichen Glauben zu bezeugen. In kirchlichen wie in staatlichen Institutionen konzentriert sich evangelische Bildungsarbeit auf die Beheimatung in den Überlieferungen des Glaubens und auf die Dialogfähigkeit mit anderen Religionen und Weltanschauungen.“

11 Dies gilt insbesondere für die Kindertagesstätten und den Religionsunterricht, sofern die Rahmenbedingungen und ihre Ausgestaltung von staatlichen Instanzen bzw. Regelungen abhängig sind.

12 Zuletzt die gemeinsame Tagung mit der Evangelischen Akademikerschaft Pfalz-Saar und der Katholischen Akademie Rhein-Neckar am 18./19.04.2008 in Landau: Mission possible? Wieviel Mission verträgt eine moderne Gesellschaft? Christentum und Islam zwischen Religion und Politik.

13Kirche der Freiheit, 80.

14 Eine ähnliche Ausblendung stellt Günter Thomas im Impulspapier im Blick auf die theologischen Fakultäten und Synoden fest: 10 Klippen auf dem Reformkurs der Evangelischen Kirche in Deutschland. Oder: Warum die Lösungen die Probleme vergrößern, Evangelische Theologie 67, 2007, 361-387, bes. 372ff.

15 Vgl. das gemeinsame, von der VW-Stiftung finanziell geförderte Projekt der Ev. Akademien der Pfalz und Sachsen-Anhalts zu den „Perspektiven sozialer Sicherungssysteme“.

16 Kirche der Freiheit, 55f.

17 Anders noch die kirchentheoretische Studie von Michael Nüchtern: Kirche bei Gelegenheit, Stuttgart 1991.

18 Zielt der Satz „Denn es gibt kirchliche Angebote, denen die Konzentration auf den spezifisch evangelischen Beitrag zur Bildung verloren gegangen ist“ (Kirche der Freiheit, 78) auf die Akademiearbeit? Dann freilich müsste die Kritik konkretisiert und präzisiert werden.

19 Ebd., 42.

20 Evangelische Akademie der Pfalz, Bericht über die Jahre 2002 bis 2004, Landessynode Mai 2005, S. 11: „Die Akademie ist für die Kirche ein Fenster zur Gesellschaft und für die Gesellschaft ein Fenster zur Kirche. Sie ist ein Ort orientierender Reflexion, in der sich weltbezogene Vernünftigkeit und Sachlichkeit des Glaubens in Kontroversen argumentativ zu bewähren hat.“

21  Sie beziehen sich auf Diagnosen des gesellschaftlichen Wandels, greifen einzelne Aspekte ökonomischer Analysen auf, beschreiben Tendenzen im Wechselspiel von Religion und Kultur. Insbesondere aber reflektieren sie kontinuierlich die Entwicklung von Zuge­hörig­keit, Nähe und Distanz zur verfassten Kirche auf dem Hintergrund der EKD-Mitglied­schafts­­studien und vergleichbarer Untersuchungen, nicht zuletzt mit dem Ziel, die Relevanz der Akademiearbeit für die Kirche deutlich zu machen.

22 G. Thomas, ebd., 374.

23 Zum Begriff: Michael Welker, Wachsen in der Gewissheit, Zeitzeichen 11/2002, 18-20.

24Vgl. Lesslie Newbigin: Truth to Tell. The Gospel as Public Truth, London 1991; Wolfgang Huber: Kirche in der Zeitenwende, Gütersloh 1998.

25 Wolfgang Huber, Kirche in der Zeitenwende, Gütersloh 1998.

26 These VI der Barmer Theologischen Erklärung von 1934.

27Beispielhaft hierfür: 1 Kor 9,20ff. Vgl. auch Michael Welker, Freiheit oder Klassenkirche. Mut und Blindheit im Impulspapier des Rates der EKD, in: Zeitzeichen 12/2006, 8-11.

28 Insofern bringen diese Überlegungen auch den Dank an Akademiedirektor Volker Hörner zum Ausdruck, ebenso wie für die ermutigende Zusammenarbeit mit Katrin Platzer und Georg Wenz.

29 Kirche der Freiheit, 85ff.

30 Das Stichwort „partizipatorisch“ zielt insbesondere auf ehrenamtliche Mitwirkung am kirchlichen Handeln, auch an der Kirchenleitung. Das Impulspapier verkürzt Möglichkeiten und Ziele ehrenamtlicher Mitwirkung in der Kirche, indem es nahezu ausschließlich der Bereich der Verkündigung in den Blick nimmt. Dabei ist die qualifizierte Mitwirkung Ehrenamtlicher auch für Diakonie und Bildung von großer Bedeutung. Vgl. zum Perspektivplan: Günter Geisthardt, Suchen und Finden: Wege im Wandel, Pfälzisches Pfarrerblatt 93, 2003, 118-125, bes. 120f.

 

 

 

 

 

 


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