|
Dr. Martin Schuck |
Barack Obama und der amerikanische Traum von der
Einheit der Vielen
Der englische Philosoph und
Publizist Edmund Burke hielt, als er 1774 zum wiederholten Male als
Abgeordneter ins britische Unterhaus gewählt worden war, an die Bürger von
Bristol eine Rede, die bis heute zum Grundbestand politikwissenschaftlicher
Proseminare gehört. Der entscheidende erste Abschnitt dieser Rede lautet
folgendermaßen:
„Gewiss, meine Herren, es
sollte das Glück und der Ruhm eines Volksvertreters sein, in engster
Verbindung, völliger Übereinstimmung und rückhaltlosem Gedankenaustausch mit
seinen Wählern zu leben. Ihre Wünsche sollten für ihn großes Gewicht besitzen,
ihre Meinung seine hohe Achtung, ihre Interessen seine unablässige
Aufmerksamkeit. Es ist seine Pflicht, seine Ruhe, seine Freuden und seine
Befriedigungen den ihren zu opfern, und vor allem in jedem Falle ihre
Interessen den seinen vorzuziehen. Doch seine unvoreingenommene Meinung, sein
ausgereiftes Urteil, sein erleuchtetes Gewissen sollte er weder Euch, noch
irgendeinem Menschen oder irgendeiner Gruppe von Menschen aufopfern; denn er
leitet sie nicht von Eurer Gunst her, noch aus dem Recht oder der Verfassung.
Sie sind ein von der Vorsehung anvertrautes Gut, für dessen Missbrauch er voll
verantwortlich ist. Euer Abgeordneter schuldet Euch nicht nur seinen ganzen
Fleiß, sondern auch einen eigenen Standpunkt; und er verrät Euch, anstatt Euch
zu dienen, wenn er ihn zugunsten Eurer Meinung aufopfert.“
Diese Rede, kurz nach einer
erfolgreichen Wahl gehalten, bietet das komplette Gegenprogramm zu dem, was
Barack Obama kurz nach Bekanntgabe seines Wahlsieges seinen Anhängern in
Chicago ebenfalls in einer Rede mitteilte. Während Burke auf das Recht einer unabhängigen
Entscheidung bestand, die notfalls auch bewusst gegen den Willen seiner Wähler
gefällt werden muss, und mit genau dieser Haltung (die er in seinen
philosophischen Schriften begründete) die Whigs von einer
antiroyalistisch-liberalen in eine bürgerlich-konservative Partei
transformierte, beschwor Obama das Bild jenes kollektiven amerikanischen
Traumes, der mit seinem Wahlsieg Wirklichkeit geworden ist:
„Es ist die Antwort, die von
Jungen und Alten, Reichen und Armen, Demokraten und Republikanern, Schwarzen,
Weißen, Hispaniern, Asiaten, amerikanischen Ureinwohnern, Homosexuellen,
Heterosexuellen, Behinderten und Nichtbehinderten gegeben wird. Von
Amerikanern, die der Welt eine Botschaft geschickt haben, dass wir nämlich
niemals nur eine Ansammlung von Individuen oder eine Anhäufung roter und blauer
Staaten waren. Wir waren immer die Vereinigten Staaten von Amerika und wir
werden es auch immer sein.
Es ist die Antwort, die
diejenigen, denen so lange von so vielen gesagt wurde, dass sie misstrauisch
und ängstlich und zweifelnd sein sollten, angesichts dessen, was wir erreichen
können, dazu gebracht hat, ihre Hände erneut an den Bogen der Geschichte zu
legen, und ihn noch einmal hin zur Hoffnung auf eine bessere Zeit zu biegen.
Es hat lange gedauert, aber
heute Abend ist - aufgrund dessen, was wir an diesem Tag, bei dieser Wahl, in
diesem entscheidenden Moment getan haben - der Wandel in den Vereinigten
Staaten angekommen.“
Dieser Wandel - „Change“ war
das entscheidende Stichwort den ganzen Wahlkampf hindurch - ist nun aber nicht
die Hinwendung zu etwas komplett neuem, sondern die Rückkehr zur ursprünglichen
politischen Philosophie der USA und damit die direkte Anknüpfung an ihren
Gründungsmythos:
„Ich war nie der
aussichtsreichste Kandidat für dieses Amt. Wir haben nicht mit viel Geld oder
großer Unterstützung angefangen. Unser Wahlkampf entstand nicht auf den Fluren
Washingtons. Er begann in den Hinterhöfen von Des Moines, den Wohnzimmern von
Concord und auf den Veranden von Charleston. Er wurde von arbeitenden Frauen
und Männern gemacht, die auf ihre kleinen Ersparnisse zurückgriffen, um 5, 10
oder 20 Dollar für die Sache zu geben.
Er wurde stärker durch junge
Menschen, die den Mythos der Apathie ihrer Generation ablehnten, die ihr
Zuhause und ihre Familien für Arbeitsplätze verließen, die eine geringe
Bezahlung und wenig Schlaf boten.
Er wurde stärker durch die
nicht mehr ganz so jungen Menschen, die der eisigen Kälte und sengenden Hitze
trotzten, um an den Türen fremder Menschen zu klopfen, und durch die Millionen
Amerikanerinnen und Amerikaner, die sich freiwillig meldeten und an den
Organisationen beteiligten und bewiesen, dass mehr als zwei Jahrhunderte später
eine Regierung des Volkes, vom Volk und für das Volk nicht vom Erdboden
verschwunden ist. Dies ist Euer Sieg. […]
Der vor uns liegende Weg wird
lang sein. Unser Anstieg wird steil sein. Wir kommen vielleicht nicht in einem
Jahr oder einer Amtszeit dorthin. Aber, Amerika, ich war noch nie so
hoffnungsvoll wie heute Abend, dass wir dort hinkommen werden. Ich verspreche,
dass wir als Nation dorthin gelangen werden. Es wird Rückschläge und Fehlstarts
geben. Es gibt viele, die nicht mit jeder Entscheidung oder politischen
Strategie einverstanden sein werden, die ich als Präsident fälle. Wir wissen,
dass die Regierung nicht jedes Problem lösen kann.
Ich werde hinsichtlich der
vor uns liegenden Herausforderungen aber Euch gegenüber immer ehrlich sein. Ich
werde Euch zuhören, insbesondere wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Vor
allem werde ich Euch bitten, Euch an der Arbeit, der Erneuerung dieser Nation,
zu beteiligen, wie das in den Vereinigten Staaten seit 221 Jahren geschieht -
Block um Block, Stein um Stein, Handgriff um Handgriff.
Was vor 21 Monaten im Winter
begann, kann nicht in dieser Herbstnacht enden. Der Sieg allein ist noch nicht
die Veränderung, die wir anstreben. Er bietet uns lediglich die Chance, diesen
Wandel herbeizuführen. Und das kann nicht geschehen, indem wir zu dem
zurückkehren, wie die Dinge einmal waren. Es kann nicht ohne Euch geschehen,
ohne einen neuen Geist des Dienens, einen neuen Geist der Aufopferung.
Lasst uns daher einen neuen
Geist des Patriotismus, der Verantwortung, entwickeln, bei dem jeder
beschließt, sich zu beteiligen, intensiver daran zu arbeiten und sich nicht nur
um sich selbst, sondern auch um den anderen zu kümmern.
Lasst uns daran denken, dass
- wenn uns diese Finanzkrise überhaupt etwas gelehrt hat - es die Tatsache ist,
dass es keine blühende Wall Street geben kann, während die Main Street leidet.“
Es war der mittlerweile
82jährige amerikanische Publizist und Philosophieprofessor Norman Birnbaum, der
als erster eine Verbindung zwischen den beiden hier zitierten Reden herstellte.
Im Wahlkampf, so Birnbaum, hätten sich sehr viele und sehr unterschiedliche Gruppen
und Organisationen zusammengefunden, um Obama zu unterstützen: „darunter
antiimperialistische und Antikriegsgruppen, Bürgerrechtler, Verfechter der
Gesundheitsreform, Umweltgruppen und Gewerkschaften“. Damit sei zwar das
Potential für eine Massenbewegung bzw. ein langfristiges Bündnis (wie es ja
auch die Republikaner seit Ronald Reagan im Zusammenspiel von evangelikalen
Christen, Unternehmern und neokonservativen Intellektuellen fast drei
Jahrzehnte lang hatten) vorhanden, aber wenn es längerfristig wirksam werden
solle, seien große Probleme zu überwinden: neben der Selbstorganisation, der
Verankerung vor Ort und der landesweiten Koordinierung eben auch die Handhabung
der absehbaren Konflikte mit dem Weißen Haus, „dessen neuer Bewohner, wenn er
die Politik machen soll, die seine Anhänger wollen, sicherlich nicht anders
reagieren wird als seinerzeit Edmund Burke in der klassischen Dankesrede an
seine Wähler in Bristol 1774“.
Es ist schon erstaunlich, wie
schnell sich die Kommentatoren einig waren, dass Obama die Hoffnungen, die er
während des Wahlkampfes weckte, weder erfüllen kann noch erfüllen will.
„Natürlich wird uns Obama enttäuschen“, schreibt der Publizist Eric Alterman in
der Zeitschrift „The Nation“ - das sei ja „Teil des Job-Profils“. Bereits vor der
Wahl schrieb Josef Joffe in der „Zeit“ von Obama I und Obama II und meinte mit
ersterem die „Endstation Sehnsucht“ und mit letzterem die „real existierende
Politik“. So deutlich hat das zwar seither niemand mehr gesagt, aber doch wurde
immer wieder darauf hingewiesen, dass Obama nicht anders könne, als
integrierend in seine eigene demokratische Partei hinein zu wirken und die
Zusammenarbeit mit den Republikanern zu suchen. Stärkstes Signal für die
Demokraten dürfte die Nominierung von Hillary Clinton als Außenministerin sein;
die geplante Weiterbeschäftigung des derzeitigen Verteidigungsministers Robert
Gates drückt mit fast schon übertriebener Deutlichkeit aus, dass der in
Außenpolitik völlig unerfahrene Präsident alles andere als eine Abkehr von der
Doktrin der „global leadership“ planen kann.
Obama wird objektiv in einer Zwickmühle stecken, wenn es
darum geht, den Willen seiner Wähler zu erfüllen. Ein Blick auf die Statistik,
die CNN nach den Ergebnissen einer Nachwahlbefragung ermittelt hat, kann die zukünftigen
Schwierigkeiten andeuten: Obama siegte sowohl in der sehr schmalen Gruppe derer
mit über 200.000 Dollar Jahreseinkommen, als auch bei denen, die weniger als
15.000 Dollar im Jahr verdienen. Nimmt man das „untere Drittel“, also die
Gruppe derer, die unter 50.000 Dollar Jahresverdienst haben, so ergibt sich
dort eine Mehrheit für Obama von 60 zu 38 Prozent. Unter den Afroamerikanern
haben erwartungsgemäß 95 Prozent Obama gewählt, bei den Latinos, der derzeit am
schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe, siegte er mit 67 zu 31 Prozent und
bei den Asian Americans immerhin noch mit 62 zu 35. Obama ist demnach
gleichzeitig der Präsident der sehr Reichen und der ganz Armen sowie aller
politisch relevanten Minderheiten. Vor allem von den amerikanischen Kommentatoren
wird darauf hingewiesen, dass es Obama gelungen sei, als Angehöriger einer
Minderheit eine mehrheitsfähige Koalition zu schmieden. Dieses Kunststück war
deshalb möglich, weil er eben nicht als Sprachrohr der Schwarzen, sondern als
race-neutral candidate, sozusagen als „farbenblinder“ Kandidat aufgetreten ist.
Hätte er die Rassenfrage thematisiert, wäre ihm die Niederlage sicher gewesen.
Tatsächlich war der Wahlkampf weitgehend frei von diesem Thema. Deshalb war es
kein Wunder, dass die ein halbes Jahr vor der Wahl begonnene Debatte um Obamas
Gemeindepfarrer und engen Vertrauten Jeremiah Wright zur einzigen echten
Bewährungsprobe seines Wahlkampfes wurde; Obama war gezwungen, sich von ihm zu
distanzieren. Die Bemerkung der demokratischen Vizepräsidentschaftskandidatin
von 1984, Geraldine Ferraro, Obama sei nur deshalb so stark ins Rampenlicht
gerückt, weil er schwarz sei, war dagegen so abstrus, dass sie dem Kandidaten
mehr genützt als geschadet hat. Stimmt es also, was der Kolumnist Thomas Friedman
in der „New York Times“ am Tag nach dem Wahlsieg geschrieben hat? „Am 4.
November 2008, kurz nach 23 Uhr Ostküstenzeit, endete der amerikanische
Bürgerkrieg.“ In die gleiche Kerbe schlug der Historiker Niall Ferguson, der im
„Spiegel“-Interview behauptete, Obamas Wahlsieg bedeute „den Tod des Rassismus,
das Ende der uramerikanischen Sünde“. Immerhin ist es ja so, und darauf hat der
deutsche Journalist Albert Scharenberg hingewiesen, dass die ersten 16
US-Präsidenten den 44. Präsidenten als Sklaven hätten besitzen können.
Vermutlich wird es bei diesem
Thema die größten Enttäuschungen geben. Zwar ist der klassische Rassismus, der
Schwarze durch rassistische Gesetze ganz offensiv benachteiligt, tatsächlich
fast verschwunden und es ist schon lange nicht mehr zu übersehen, dass es eine
schwarze Mittelschicht gibt, die den Aufstieg auch in höchste politische Ämter
schaffen kann. Colin Powell und Condoleezza Rice haben es vorgemacht, die neue
First Family wird es die nächsten Jahre für alle sichtbar bestätigen. Allerdings
gibt es immer noch so etwas wie einen „sozialen Rassismus“, der ungleich
subtiler wirkt und deshalb schwerer zu beseitigen ist: Nach wie vor werden von
den Gerichten der Bundesstaaten mehr Schwarze als Weiße bei gleichen Delikten
zum Tod verurteilt und nach wie vor bestehen vor allem in den Südstaaten, aber
nicht nur dort, die Eigentumsverhältnisse aus der Zeit der Sklaverei fort;
gerade in den Südstaaten sind auch die alten Vorurteilsstrukturen noch sehr
lebendig. Die Enttäuschung diesbezüglich wird genau darin bestehen, dass der
race-neutral, also „farbenblinde“ Kandidat keine Programme entwickeln kann, die
zum Ziel haben, die vielfältigen, noch aus der Zeit der Sklaverei herrührenden
Benachteiligungen der Schwarzen zu beenden. Da die professionellen
Meinungsmacher, wie oben zitiert, der amerikanischen Nation einflüstern, die
Zeit des Rassismus sei nun endgültig vorbei, weil es ein Schwarzer geschafft
habe, Präsident zu werden, dann lautet die mitzulesende Botschaft, dass die
soziale Lage der Unterschicht (zu der nach wie vor der überwiegende Teil der
Schwarzen gehört) nichts mit der langen Geschichte von Ausgrenzung,
Diskriminierung und Unterdrückung zu tun hat, sondern ausschließlich Ergebnis
individuellen Unvermögens ist. Man kann dann weiterhin ein Faktum verdrängen,
auf das amerikanische Soziologen immer wieder hinweisen: Dass nämlich die reale
Rassentrennung in den Wohngebieten und Schulen heute eben nicht geringer,
sondern größer ist als in den großen Zeiten der Bürgerrechtsbewegung.
Von vielen Kommentatoren
wurde Obama bedauert für die unlösbaren Aufgaben, die vor ihm liegen. Er selbst
sprach in seiner Rede nach dem Wahlsieg davon, es sei „unsere Zeit […] den
amerikanischen Traum zurückzugewinnen und die grundlegende Wahrheit zu
bekräftigen, dass wir aus vielen als eins hervorgegangen sind“. Horkheimer und
Adorno haben vor mehr als 60 Jahren in der „Dialektik der Aufklärung“
geschrieben: „Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die
Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun.“ Genau darin liegt die
Aufgabe, die von diesem alten amerikanischen Traum, den Obama „zurückgewinnen“
will, gestellt wird: Die Wähler Obamas warten darauf, dass er endlich
ausgeträumt und verwirklicht wird.
|
index / forum palatina / rezension
/ forum
/ archiv / links / e-mail |