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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

 

 

Das Ende der Unvernunft

 

Nachdem die Krise der Finanzmärkte einige Wochen ihren Lauf genommen hatte und die staatlichen Rettungspakete für notleidende Banken geschnürt waren, begannen professionelle Beobachter sich darüber zu wundern, dass von Vertretern der evangelischen Kirchen so gut wie nichts zu diesen ganzen Vorfällen zu hören war. Immerhin hätten die evangelischen Kirchen in früheren Zeiten sich doch häufig und gerne zu politischen und wirtschaftlichen Vorgängen geäußert. Einzig Bischof Wolfgang Huber saß in einer ARD-Talk-Runde bei Anne Will und forderte, die Zeit der Politikerbeschimpfung müsse nun zu Ende sein.

So sehr er damit Recht hat, so deutlich zeigt sich aber auch, dass dieser Appell zur Wiederentdeckung des Staates als wirtschaftlichem Akteur allein noch keine angemessene ethische Haltung ausmacht. Den (National-)Staat als Reparaturbetrieb einer aus den Fugen geratenen Finanzwirtschaft zu loben und dabei das globale Politikversagen im vergangenen Jahrzehnt als wesentliche Mitursache des Zusammenbruchs zu verschweigen, wäre nichts anderes als einem schnell wirkenden Aufputschmittel das Wort zu reden, das den Patienten der Heilung keinen Schritt näherbringt und bei nachlassender Wirkung nach einer neuen, noch stärkeren Dosis rufen lässt.

Warum also gibt es aus den evangelischen Kirchen bis jetzt kaum orientierende Beiträge zu dem, was sich seit einigen Monaten auf den globalen Finanzmärkten abspielt? Wer auf diese Frage eine ehrliche Antwort geben will muss realisieren, dass die Kirchen selbst in unterschiedlich starkem Maße von den Auswirkungen der Krise betroffen sind. Man hörte in den vergangenen Wochen von Landeskirchen, die in hoch spekulative Papiere investiert hatten und jetzt Millionenverluste verkraften müssen. Wer selbst betroffen ist, muss aber zunächst einmal Rechenschaft abgeben darüber, wie es passieren konnte, dass Verantwortliche für kirchliche Gelder sich ganz offensichtlich auf Finanzmärkten tummelten, die sich jeder öffentlichen Kontrolle entzogen. Da genügt es auch nicht als Ausrede, dass diese Verantwortlichen sich damit rechtfertigen können, in den Äußerungen der Kirchen habe vor einigen Jahren ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der es schon damals nahelegte, nicht nur vom „Unternehmen Kirche“ zu reden, sondern tatsächlich wie ein Unternehmen zu handeln. Wie aber handelt ein Unternehmen? Es handelt so, dass es Geld verdient. Da die Kirche aber weder selbst etwas produziert noch vorhandene Produkte verkauft, sind der Möglichkeit, Geld zu verdienen, recht enge Grenzen gesetzt. Da bleibt eigentlich nur das Agieren auf dem Kapitalmarkt. Genau dazu fühlte man sich ermutigt und bekam dabei von der Politik ein gutes Gewissen gemacht.

Hier wäre nun eigentlich der Punkt, an dem Vertreter der Kirche klare Worte an die Adresse der Politik aussprechen müssten. Vor dem Lob für die Bereitschaft der Bundesregierung, die unvorstellbare Summe von 500 Milliarden Euro gefährdeten Banken als Sicherheit zur Verfügung zu stellen, müsste die Kritik daran stehen, dass durch eine einseitig an den Interessen der Finanzwirtschaft orientierte Politik jahrelang jenes Verhalten gefördert worden ist, dessen Folgen sich jetzt so verheerend auf das deutsche Bankenwesen auswirken. Tatsächlich ist die gegenwärtige Finanzkrise zumindest auch eine Folge verfehlter Finanzpolitik. Ihren Ausgangspunkt nahm diese Politik in den USA in den späten 1990er Jahren, als ein im Jahr 1933 vom US-Kongress erlassenes Gesetz, das sog. „Glass-Steagall-Gesetz“, zurückgenommen wurde. Inhalt dieses Gesetzes war die den Banken auferlegte Trennung zwischen Kredit- und Wertpapiergeschäft. Die Aufhebung dieses Gesetzes wirkte auf den Finanzmarkt extrem deregulierend, denn nun war die rechtliche Grundlage gegeben, kreditfinanzierte Spekulationen im großen Stil zu betreiben. Der Handel mit Wertpapieren wurde nun immer öfter mit Krediten finanziert und der überwiegende Teil des Handels mit Aktien und Anleihen fiel auf den sog. „Sekundärhandel“, also den Handel mit bereits ausgegebenen Wertpapieren, die keinerlei Finanzierungsfunktion mehr haben. Das ganze ähnelte mehr der Situation im Spielkasino als regulärem Wirtschaften.

Das schlimme daran war aber, dass dieser „Kasinokapitalismus“ auch von der Politik (und auch von so manchem Kirchenvertreter) mit dem Prozess realer Wertschöpfung, wie er Gegenstand der Wirtschaft ist, verwechselt wurde. Die Grenzen wurden systematisch verwischt, und die Politik versuchte nach Kräften, anstatt die ausufernden Finanzmärkte in ein Ordnungssystem einzubinden, die Ordnung des Gemeinwesens der Dynamik der entfesselten, sich jeder Kontrolle entziehenden Märkte anzupassen und von diesen zu profitieren. So entstand die Fiktion von der dauerhaften Geldvermehrung ohne Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität. So wie in den 20er Jahren die Aktien der aufkommenden Konsumgüterindustrie und in den 90er Jahren die Aktien der Telekommunikationsunternehmen am sog. „neuen Markt“ Objekte völlig irrationaler Spekulationen waren, die in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Wert der Unternehmen standen, so wurde in den Jahren seit 2000 mit Schuldüberschreibungen gehandelt ohne zu realisieren, das irgendwann einmal die Schulden zurückbezahlt werden müssen.

In den vergangenen Jahren setzte sich die Bundesregierung für eine Bankenreform ein, deren Regelwerk vom Basel Committee on Banking Supervision der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) entworfen wurde und die unter dem Namen „Basel II“ Anfang 2007 in der gesamten EU in Kraft getreten ist und die älteren Bestimmungen des Baseler Akkord (oder „Basel I“) aus dem Jahr 1988 ablöste. Inhalt ist die Lockerung der Bankenaufsicht zugunsten von mehr Eigenverantwortung der einzelnen Bank. Man setzte in dieser Reform nicht mehr auf rechtliche Vorschriften, sondern auf die „Marktdisziplin“ und erlaubte den Banken, die Risiken für von ihnen vergebene Kredite selbst festzulegen und entsprechendes Eigenkapital als Reserve für den Fall des Kreditausfalls zurückzulegen. Diese vorgeschriebene Mindestkapitalanforderung wurde nun zunehmend selbst über Kredit finanziert; die Risikoeinschätzung bei der Kreditvergabe dagegen wanderte von der öffentlichen Bankenaufsicht zu privaten Ratingagenturen, die mittels Gewinnbeteiligung an der Rendite mitverdienten. Riskante Kredite wurden über den New Yorker Versicherungskonzern American International Group (AIG) durch sogenannte Credit Default Swaps (CDS) versichert. Bei diesen CDS handelt es sich um Kreditderivate, die eigens für den Handel von Ausfallrisiken von Krediten oder Anleihen entwickelt wurden.

Diese jüngste Entwicklung der vergangenen Jahre brachte es mit sich, dass mehr und mehr die Rendite in den Mittelpunkt aller Bankgeschäfte gerückt ist. Die Deutsche Bank etwa prahlte gerne damit, dass es ihr gelänge, regelmäßig 25 Prozent Rendite zu realisieren und sprach in diesem Zusammenhang von „Ansprüchen des Kapitals“, die man zu erfüllen habe. Dass jedoch bei zunehmend höheren Renditeerwartungen kleine und mittelständige Unternehmen immer größere Probleme hatten, einen normalen Bankkredit zu bekommen, zeigt die Perversität dieser Wirtschaftsweise, die von der Finanzpolitik der Bundesregierung aktiv gefördert wurde.

Nun wäre es vermessen so zu tun, als hätten die Kirchen zu irgendeinem Zeitpunkt diese Entwicklung beeinflussen können. In diesen Bereichen der Politik können Kirchen wenig bis gar nichts bewirken - schon gar nicht, wenn die Politik selbst die konsequente Deregulierung der Wirtschaft zu ihrer wichtigsten Maxime erklärt hat. Sehr wohl aber hätte man etwas deutlicher auf diejenigen hören können, die vor Entwicklungen, wie wir sie heute erleben, schon frühzeitig gewarnt haben. Solche Stimmen passten allerdings nicht zu einer Kirche, die gerade dabei war, dem gesellschaftlichen Megatrend der Ökonomisierung aller Lebensbereiche bereitwillig zu folgen und immer mehr zum Kriterium des eigenen Handelns zu machen bis dahin, dass man sich die Strategien für die eigene Zukunft von Unternehmensberatern entwickeln ließ.

Die finanziellen Verluste, die einzelne Landeskirchen infolge der Krise erlitten haben, sind das eine; man könnte versucht sein zu sagen, dass es sich sozusagen um eine zwar harte, aber letztlich notwendige Lektion handelt. Zwar kann man sich auch als Kirche, wenn es gut läuft, Freunde mit dem ungerechten Mammon machen (Lukas 16, 9); aber dann muss man auch wirklich mindestens genau so klug sein wie die „Kinder dieser Welt“ (Lukas 16, 8), sonst darf man sich nämlich nicht wundern, wenn man mit ihnen zusammen untergeht, nur weil diese sich für eine Spur zu klug gehalten haben und man letztlich doch nicht schlau genug war, diese Hybris zu durchschauen.

Das Recht der Öffentlichkeit auf das glaubwürdige Reden und Handeln der Repräsentanten der Kirchen bei der Bewältigung der Krise ist jedoch eine andere, für die Glaubwürdigkeit der Kirchen viel elementarere Sache. Auf Finanzierungsinstrumente, die einem jahrelang als Allheilmittel gegen die rückgängigen Einnahmen angepriesen wurden, kann man schon mal hereinfallen ohne das Gesicht zu verlieren; wichtig ist es jedoch, sich hinterher nicht so zu präsentieren, als wäre einem dabei jeder analytische Verstand abhanden gekommen. Deshalb würden Vertreter der evangelischen Kirchen gut daran tun, denjenigen öffentlich zu widersprechen, die nach wie vor das zusammengebrochene Finanzsystem schönreden. Oder soll man etwa tatenlos zusehen, wie der FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher das entscheidende Wort zu diesem Thema sagt? „Eine sogenannte ‚Finanzkrise' kann in einer Gesellschaft, wo Finanzen die Synonyme für gesellschaftliche Rationalität geworden sind, nichts anderes sein als eine brutale Vernunftkrise. […] Es müssen irgendwo Verrückte herumlaufen, die bis Montag [15.9., der Tag, an dem der Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers gemeldet wurde, M.S.] nicht aufgefallen sind, weil ihr Wahn identisch war mit der Logik des etablierten Systems“, schrieb er am 18. September.

Nein, die Finanzen waren schon lange nicht mehr das Synonym für gesellschaftliche Rationalität. Wo dies gedacht wurde, herrschte bereits die Irrationalität des Spielkasinos und der Hütchenspieler wurde zum Leitbild des verantwortungsvollen Unternehmers verklärt. Je höher die Renditeerwartung, desto sicherer muss auf Irrationalität gebaut werden können; sie ist geradezu deren Voraussetzung. Würden Akteure am Finanzmarkt rational miteinander umgehen und ihre Karten auf den Tisch legen, würde das Spiel gar nicht erst in Gang kommen. James Kenneth Galbraith, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Sohn von John F. Kennedys Wirtschaftsberater John Kenneth Galbraith, schreibt: „Die Vorstellung, wir hätten es mit funktionierenden Märkten und rationalen Akteuren zu tun […], folgt einer irrigen Logik. Nichtregulierte Finanzmärkte hängen von Informationen und von sozialen Netzwerken ab, die in sich instabil sind und sich als explosiv erweisen können.“

Rational wäre es demnach, die internationalen Finanzmärkte wieder stärker durch nationale Bankenaufsicht zu regulieren. Man wende bitte nicht ein, die globalisierten Märkte würden das nicht zulassen. Die wirtschaftliche Globalisierung dürfte eh ihre besten Zeiten hinter sich haben. Was wir vor uns haben ist eine neue protektionistische Bewegung, die von den USA angeführt wird. Es ist deshalb mehr als legitim, die Volkswirtschaft vor den Folgen unkalkulierten Profitstrebens einiger weniger zu schützen. Wenn es in unserer Gesellschaft Konsens ist, dass jedes medizinische oder chemische Produkt von Aufsichtsbehörden genehmigt werden muss, dann sollte das gewiss auch für „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ (Warren Buffet) gelten.


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