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Michael Benke
Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken

 

 

 

Von Kredit- und Glaubenskrisen - über das Lachen und das Weinen

 

Wisst Ihr eigentlich, wann es in der Geschichte der Menschheit zum ersten Mal zu einer erfolgreichen Marketing-Kampagne mit anschließender Kreditkrise kam? Ihr werdet es nicht glauben, aber das war im Paradies. Der Chef der dortigen Marketing-Abteilung war die Schlange und sie stand damals schon vor demselben Problem wie die Werbefachleute heute, denn sie wollte Dinge verkaufen, die eigentlich keiner brauchte. Erschwerend kam hinzu, dass der potentielle Käuferkreis äußerst klein war. Dennoch war schon ihr erster Werbefeldzug von Erfolg gekrönt. Es gelang der Schlange bei Adam und Eva erfolgreich Bedürfnisse zu wecken, die sie vorher gar nicht hatten. Ihre „message“, die sie - ganz professionell - persönlich mit einschmeichelnder Stimme in optimaler „location“, unter dem Baum der Erkenntnis, Adam und Eva vortrug, war folgende: „Euch werden die Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist!“ Wahnsinn! Was für ein Angebot! Eigentlich brauchten sie ja nichts davon. Sie hatten ja alles. Weder hatten sie etwas an den Augen noch waren sie besonders wissbegierig. Aber welche Gelegenheit? Wie Gott sein! Das war ja echt oberaffengeil! Daran hatten sie wirklich noch nie gedacht. Da muss man erst einmal darauf kommen! Sofort war die Gier geweckt und das Gehirn auf „stand by“ geschaltet. Aber gab es da nicht einen Haken? War es nicht bei der Todesstrafe verboten, von diesen Früchten zu essen? „Ach, was!“ versicherte die Schlange, die diesen Einwand markt-strategisch schon vorher geahnt hatte: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben!“ - „Tja, eigentlich logisch! Wenn wir wie Gott sein werden, wie sollte uns da der Alte noch etwas anhaben können. Dann werden wir die Welt beherrschen! Da soll er bloß mal kommen!“ Die letzten Bedenken und Hemmungen waren ausgeräumt. Schließlich glaubt man ja nur das, was man glauben möchte! Das ist ja heute auch nicht anders! Darum kauften Adam und Eva der Schlange das „Produkt“ ab: „Also her mit den Früchten!“

Und so unglaublich es klingen mag, aber nachdem sie das Obst verputzt hatten, bewahrheiteten sich sogleich zwei der drei Optionen: Ihnen gingen die Augen auf und sie wussten sofort um Gut und Böse. Doch war das so ganz anders als auf dem bunten Werbeprospekt. Zuerst merkten sie, dass sie nackt waren. Aber das waren sie die ganze Zeit doch auch schon und es hatte sie niemals gestört! Doch nun schämten sie sich auf einmal voreinander und eiligst flochten sie sich Lendenschürze aus Feigenblättern, weil nichts anderes da war. Und als sie Gott hörten, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Ein Gefühl, das sie vorher gar nicht kannten, das sie jetzt aber hinter die Büsche fliehen ließ. Nun aber das Allerpeinlichste, nachdem sie der Herr gestellt und Scham und Angst sich zur Panik verdichtet hatten, die allererste Lüge und Schuldzuweisung. Adam schmollte: „Das Weib, das du mir gegeben hast, gab mir davon zu essen!“ Ach, der Arme! Das Weib ist schuld und Gott natürlich auch: Hätte er diese Person da nicht ein bisschen perfekter konstruieren können? So platzte die erste Kreditblase in der Geschichte der Menschheit, weil man den falschen Versprechungen „Glauben“ geschenkt hatte. Schließlich ist jede Kreditkrise eine Glaubenskrise bzw. die Erkenntnis, dass man das Falsche geglaubt hat. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Auswirkungen waren auch damals fürchterlich: Es kam zu einer Rezession, von der sich die Menschheit bis heute nicht erholt hat: Adam und Eva flogen aus dem Paradies. Vorbei war es mit dem schönen ewigen Leben, gekündigt der freie Service „all inclusiv“ und der Gipfel: Ab jetzt mussten sie selbst für ihr Leben aufkommen, mehr „Selbstverantwortung übernehmen“ und so, meinte der Herr. Adam ackerte und schwitzte und Eva gebar unter Schmerzen ihre Kinder; eine Rasselbande, die ihnen auch noch ständig Ärger bereiten sollte.

Die Menschheit hat sich in der Zwischenzeit sehr stark entwickelt: kulturell, wirtschaftlich und intellektuell. Die Wissenschaften und die Technik erreichen Unvorstellbares. Man möchte meinen, die Menschen seien klüger geworden. Doch weit gefehlt. Gelingt es „seriösen“ Marketing-Spezialisten ein Produkt zu platzieren, das die Gier der Banken und danach der kleinen Sparer zu entfachen versteht, sind selbst Fachleute bereit, alles zu „glauben“, was man ihnen verspricht, ohne es im Einzelnen verstanden zu haben; die Gier war und ist immer größer als der Verstand bzw. sie hat es immer erreicht, das Gehirn einzuschläfern. Da werden z.B. massenweise Hypothekenkredite an Bauherren ohne Eigenkapital und Sicherheiten verhökert, schnell an andere Banken weiter verkauft, die sie wieder weiterreichen. Die geschaffenen Immobilienwerte steigen ins Uferlose und damit die Rendite dieser Papiere, um die sich nun Banken aus aller Welt reißen, bis die Kredite an der Basis wegen steigender Zinsen massenweise nicht mehr bedient werden können, so dass die Blase platzt und der Katzenjammer weltweit losgeht.

 

Wie so oft in der Geschichte der Menschheit erfüllten sich flugs wieder die ersten zwei Verheißungen: „Euch werden die Augen aufgehen und ihr werdet wissen, was gut und böse ist!“ Nur die dritte Verheißung, nämlich wie Gott zu sein, das hat auch diesmal nicht geklappt. Glaubte man doch fest daran, dass die globalisierte Marktwirtschaft alles nach ihren Gesetzen regeln werde, Staaten immer mehr an Bedeutung verlieren und eine Elite aus Konzernleitern und Großbanken die Weltherrschaft antreten werde. Zu sein wie Gott! Ein Traum so alt wie die Menschheit selbst. Und nun: Der ach so peinliche Ruf der Banken nach staatlicher Intervention. Man sei vollkommen nackt! Wenn die Politik nicht wenigsten die Liquidität verbürge, reichte es noch nicht mal mehr für Feigenblätter. Also lassen die Staaten reihum den Hut rumgehen für die klammen Banker und die armen Millionarios. Nur ackern und schwitzen werden wohl allein die kleinen Sparer, deren Notgroschen von seriösen Anlagestrategen verjuxt wurden und die nun mit ihren Steuergeldern auch noch die Zeche bezahlen dürfen. Hier haben die Menschen seit Adam und Eva dazu gelernt: Arbeitsteilung nennt man das. Das Verursacherprinzip wird brüderlich aufgeteilt: Der Gewinn, der unten erschuftet wird, verteilen die oben brüderlich unter sich. Andererseits: Der Mist, der oben verzapft wird, wird unten bezahlt und entsorgt. Das ist auch so ganz in Ordnung. Gelegentliches Murren der Unteren: das sei ungerecht, wird von den Oberen als purer Sozialneid wieder zurecht gerückt. Wo kämen wir denn da hin! Schließlich war und ist diese Methode äußerst praktisch und bewährt sich schon seit Jahrtausenden! Übrigens, hatten wir in unserer Landeskirche vor nicht allzu langer Zeit nicht auch mal so eine brüderliche Verteilaktion? Aber davon hört man gar nichts mehr. War das Ganze ein Gerücht?

 

Der Mensch, die Krone der Schöpfung! Sollen wir darüber lachen oder eher weinen?

 

Wieso lachen oder weinen? Sollte man darauf nicht mit Wut, Raserei, Aktionismus reagieren, um einer drohenden Depression, gar Selbstmordgedanken zuvor zu kommen? Wie wird es denn all den Kleinen gehen, die gerade ihre Notgroschen verloren haben, weil sie dem Banker ihres Vertrauens geglaubt haben? Nun ja, vielleicht weil der kleine Bankangestellte des Vertrauens selbst wie seine Bank sowohl schuldig als auch Opfer ist und somit in die Geschichte genauso hinein gehört wie alle, die mitgespielt haben. Der kleine Bankberater wird darüber hinaus wohl eher zu denen gehören, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, als zu denen, die mit Millionen schweren Abfindungen oder Pensionszahlungen in ihre Steuerparadiese abdüsen. Im Übrigen sind Wut und Raserei keine guten Ratgeber. Wie vorher die Gier vernebeln diese auch unser Gehirn und sorgen nicht für rationale Klarheit über unsere Situation und uns selbst. Nur ist lachen oder weinen dabei hilfreicher?

 

Von dem vorsokratischen Philosophen Heraklit von Ephesus wird erzählt, dass „sooft er sich unter Leute begab und so viele ringsum sah, die übel lebten, ja vielmehr übel zugrunde gingen, musste er weinen und bedauerte alle, die ihm froh und glücklich entgegen kamen.“(1)  An anderer Stelle wird überliefert, wie er über die Politiker seiner Heimatstadt dachte: „Recht täten die Ephesier, wenn sie sich alle Mann für Mann aufhängten und den Unmündigen ihre Stadt hinterließen.“ (2) Das spricht wohl eher für Wut, doch soll das Weinen bei ihm vorrangig gewesen sein. Es sei schließlich zum Heulen, wenn man ständig sehen musste, wie die Menschen schlafend durchs Leben gingen, ohne zu wissen, dass sie schlafen und blind sind für die Wahrheit des ewigen Logos. Sein Weinen sei schließlich so schlimm gewesen, dass der Fluss, in den er ständig stieg und von dem er behauptete, er sei nie derselbe, in Wirklichkeit der Strom seiner Tränen gewesen sein soll.

 

Ganz anders dürfte Demokrit von der thrakischen Stadt Abdera die Dinge gesehen haben. Er sei niemals ohne zu lachen unter Leuten gewesen. Das Tun und Streben seiner Landsleute schien ihn nur zu amüsieren. Nichts konnte er ernst nehmen, was seine Abderiten so veranstalteten. So wurden die Abderiten unter seiner Deutung zu den „Schildbürgern“ des klassischen Griechenlands. Sehr viel später sollte Friedrich Nietzsche in die gleiche Kerbe hauen, wenn er über Gott und den Menschen schrieb: „Hat ein Gott die Welt geschaffen, so schuf er den Menschen zum Affen Gottes, als fortwährenden Anlass zur Erheiterung in seinen allzu langen Ewigkeiten.“ (3)

Was sollen wir nun von unserem Exkurs in die Philosophie halten? Führen lachen oder weinen in der von uns dargestellten Weise den Menschen nicht dazu, seine Mitmenschen zu verachten? Sind bei beiden Ausdrucksformen nicht auch Boshaftigkeit und Verzweiflung zu spüren? Ist es schließlich der Misanthrop, der hinter beiden Masken sich verbirgt?

Michel de Montaigne hat sich in dieser Weise für Demokrit entschieden: „Mir gefällt die Gemütsart Demokrits besser, nicht weil es angenehmer ist zu lachen als zu weinen, sondern weil sie eine größere Geringschätzung ausdrückt und uns strenger richtet als die andere; denn mir scheint, wir könnten, wenn es nach unseren Verdiensten ginge, nie genug verachtet werden. Dem Beweinen und Erbarmen ist stets eine gewisse Wertschätzung dessen beigemischt, was man beweint; die Dinge, die man verspottet, hält man hingegen für wertlos. Meiner Meinung nach findet sich in uns weniger Elend als Eitelkeit, und weniger Infamie als Ignoranz. Nicht so sehr vom Bösen sind wir erfüllt wie von Leere. Wir sind erbarmungs- wie nichtswürdig. Das Besondere unseres Menschseins besteht darin, dass wir zugleich des Lachens fähige und lächerliche Wesen sind.“ (4)

Montaigne, der tiefsinnige Beobachter der menschlichen Seele hat sich für das Lachen entschieden. Enttäuscht vom Treiben der Menschen, zieht er sich für Jahre in den Turm seines Schlosses zurück, um über den Mensch und seine Zeit nachzudenken. Im Grunde ist er ein Misanthrop geworden. Ähnliches wird von Heraklit berichtet: „Endlich wurde er des Zusammenseins mit den Menschen völlig überdrüssig, schied aus ihrer Gesellschaft aus und lebte einsam im Gebirge.“ (5)

Offenbar - so das recht ernüchternde Ergebnis - führen uns sowohl das Lachen wie das Weinen in die Verzweiflung am Menschen und damit in die selbst gewählte Isolation. Ist damit die ganze Fragestellung für einen gläubigen Christen abgetan?

Schauen wir in die Bibel, so fällt auf, dass sich das Klagen, Zürnen und Weinen Gottes über den ungehorsamen Menschen und des Menschen über seine Mitmenschen wie ein cantus firmus durch die ganze Schrift zieht. Dabei ist zu sehen, dass über den anfänglich wütenden und strafenden Gott der immer mehr seine Gnade, Barmherzigkeit und Vergebung schenkende Herr den Sieg davon trägt, um sich schließlich in Jesus Christus als der die Welt und Menschheit liebende Gott zu offenbaren. Sein Gericht besteht nun vorrangig nicht mehr im Ab- und Hinrichten, sondern im Aufrichten seines verirrten und erbarmungswürdigen Ebenbildes und im Zuspruch der Vergebung. Das ist das Evangelium, das ist die frohe Botschaft an uns Menschen.

 

Was hat das nun mit lachen und weinen zu tun? Ist uns nur das Weinen und Klagen gestattet?

 

Zunächst können wir sehen, dass sich Gott in seinem Zorn niemals enttäuscht vom Menschen in die Einsamkeit zurück gezogen hat. Vielmehr ist er trotz all ihrer unausrottbaren Mängel und Irrtümer den Menschen (zunächst Israel) nahe geblieben und ist mit der Zeit immer mehr zum vergebenden und liebenden Herrn seiner defekten Ebenbilder geworden. Er geht dabei so weit, dass er am Leben seines Sohnes die Gottlosigkeit der Menschen aller Welt dadurch offenbart, dass Jesus, der in Treue und Gehorsam den Willen Gottes unter den Menschen kundtat, gerade deswegen von den Menschen ans Kreuz geschlagen wird. Der Gott suchende Mensch tötet Gott, wenn er ihm begegnet. Das ist der Skandal, aber auch das neue Heil. Denn wer in diesem Jesus den Mensch gewordenen Willen Gottes glaubend erkennt, begreift zugleich seine eigene Verworfen- und Sündhaftigkeit, die er nicht selbst heilen oder bessern kann. Der Glaube ist insofern zuerst eine Verzweiflung des Menschen an sich selbst und dann erst im zweiten Schritt positiv die Hoffnung auf den liebenden und vergebenden Herrn. Also erst vom Kreuz her erkennen wir, was Gott von uns will: nämlich im Leiden an der Welt, am Mitmenschen und an sich selbst Ihm zu folgen. Doch dieses Leiden ist nur der Schatten des Kreuzes und steht vielmehr im Lichte der Hoffnung auf Freude und neues Leben in der Kraft des Mitleidens und der Liebe. Hier gibt es zu lachen und auch zu weinen. Doch es ist ein Mitlachen und Mitweinen, kein Auslachen oder Verzweifeln. Denn die Spaltung des Menschen von Gott brachte ja - so sahen wir es oben - gerade die Entzweiung des Menschen vom Mitmenschen durch Scham, Angst und Lüge. Spaltung ist die Ursünde und sie verbreitet sich in der Menschheit mit immer größerem Tempo wie ein grassierendes Fieber. Die Vereinsamung und „Verameisung“ des Menschen (Theodor Lessing) greift immer weiter um sich und wird immer mehr zum Zeichen der westlichen Moderne.

 

Der Mensch, die Krone der Schöpfung! Sollen wir darüber lachen oder weinen?

 

Ja, natürlich können wir beides tun, soweit wir damit in unserem Miteinander bestärkt und getragen werden. Das Mitlachen, das die Freude teilt, und das Mitweinen, das das Leid des Bruders oder der Schwester begleitet. Der Mensch - so muss ich Montaigne berichtigen - ist vor den Augen Gottes nicht lächerlich, sondern erbarmungswürdig. In unseren Herzen wohnt mehr Elend, Böses und Gotteslästerliches als Eitelkeit, Ignoranz und Leere, obwohl wir davon auch nicht frei sind. Vor allen Dingen sind wir nicht „wertlos“, wie Montaigne schreibt, sondern von Gott trotz all unserer Schwächen geliebt und für wertvoll erachtet worden.

 

Für die klassische Philosophie seit Sokrates begann die Weisheit mit einem Akt der Selbsterkenntnis. Dies gilt auch für den christlichen Glauben. Der Bezugspunkt ist hierbei aber nicht die Vernunft, sondern das Kreuz. Beide Wege haben aber gemeinsam, dass sie zu einem bescheidenen Resultat führen. Für Sokrates ergibt sich daraus die prinzipielle Ungesichertheit und Vorläufigkeit menschlichen Wissens („Ich weiß, dass ich nichts weiß!“) und der auf den Skandal des Kreuzes Schauende erfasst vor dessen Forum erst die tiefe Verkehrt- und Verlorenheit seiner Existenz und begreift damit seine Heilsbedürftigkeit, die er nicht aus eigener Kraft herstellen, sondern sich nur von Gott „gratis“ schenken lassen kann. In beiden Fällen ein schmerzlicher Prozess, der zur Demut, aber nicht aus der menschlichen Gemeinschaft führt. Denn beide Akte der Selbsterkenntnis öffnen den Weg der Solidarität und des Mitleidens mit dem Nächsten. Sokrates bleibt nach seinem Todesurteil in Athen - trotz offener Gefängnistüren - und trinkt den Schierlingsbecher im Kreise seiner Freunde. Platon schickt den zum Licht der Erkenntnis Gekommenen zurück in die Höhle, um die dort Angeketteten zu befreien, selbst auf die Gefahr hin, dass er dort getötet wird.

Es gibt hier aber auch Irrwege: Demokrit, Heraklit und Montaigne sind in ihrer jeweiligen anthropologischen Analyse auf die Erbärmlichkeit und Lächerlichkeit der Menschen gestoßen. Biblisch gesprochen, erkannten sie deren heillose Sündhaftigkeit. Nur bezogen sie dieses Resultat nicht auf sich selbst, sondern fühlten sich ob ihrer „höheren Erkenntnisse“ über den Normalsterblichen erhaben. Darum zogen sie sich alle aus der Menschenwelt zurück und kündigten in ihrer selbst gewählten Isolation die seinsmäßige Solidarität mit ihren Gattungsgenossen und schmollten oder spotteten vor sich hin. Ein Verrat aus erkenntnistheoretischer Eitelkeit? Oder doch eher eine simple Projektion, nachdem hier die „Splitter in den Augen“ der Nächsten störten, aber das Brett vor dem eigenen Kopf nicht wahrgenommen wurde? (Matth 7,3) Wie auch immer, ein Mechanismus, der sich zu allen Zeiten größter Beliebtheit erfreute und erfreut! Theologisch beschreibt dies aber die Sünde in ihrer Urform: Wer sich von seinem Mitmenschen trennt, entfernt sich gleichzeitig von Gott.

Die im Glauben erfolgte Selbsterschütterung im Blick auf das Kreuz führt aber aus der nur negativen Bestimmtheit hinaus ins Licht eines positiven Neuanfangs. Ein Schritt, der uns in die Solidarität mit der gesamten verlorenen Schöpfung zurück nimmt. Denn vom Kreuz her im Blick auf Ostern sehen wir ein Heil, das uns die Hoffnung auf eine gemeinsam bewohnte Schöpfung öffnet, in der wir als begnadete Sünder füreinander arbeiten und miteinander leben dürfen, in der wir miteinander lachen und weinen dürfen.

 

Lachen und weinen; hilft uns das bei künftigen Glaubens- und Kreditkrisen?

 

Unser Leben muss vor Gott täglich neu in Freiheit und Nächstenliebe gewagt und geführt werden. Das erfordert Mut. Manche Entscheidung wird sich als Irrweg herausstellen. Das ist Teil unserer begrenzten, „sündigen“ Existenz. Kann man in diesem Rahmen konkrete Gefahren benennen? Bei Weltwirtschaftskrisen hält man es für ein probates Mittel, wenn alle Zentralbanken die Leitzinsen senken, um dem leeren Finanzmarkt neues billiges Geld zuzuführen. Dadurch soll sich der Finanzmarkt erholen und die Wirtschaft weiter mit Kredite bedienen, was einer drohenden Massenarbeitslosigkeit vorbeugen soll. Das hat bis jetzt immer funktioniert. Wie ist es aber bei Glaubenskrisen, bei denen sich immer mehr Menschen von den Kirchen abwenden? Meiner Sicht nach reagieren die evangelischen Kirchenleitungen ähnlich wie der Finanzmarkt: Man senkt die Eintrittsbedingungen und generell die Anforderungen an die Gemeindeglieder, gleichzeitig sucht man mit Managementstrategien effizienter und rationaler zu arbeiten und das Personal entsprechend zu schulen und zu führen. Die freien Kapazitäten sollen dann der Arbeit in den Gemeinden zur Verfügung stehen. Dort sollen besonders niederschwellige Angebote gemacht werden.

So weit diese Ansätze im Dienste eines Gottes- und Menschenbildes stehen, das sich im Lichte (6) des Kreuzesgeschehens verortet, wie oben beschrieben, mag dies ein hoffnungsvoller Weg sein. Doch warne ich davor, Grundpositionen des evangelischen Glaubens aus falscher Scham aufzugeben. Ich denke dabei an eine Tendenz, Gemeindeangebote und Gottesdienste als Wellness- und Wohlfühl-Veranstaltungen zu gestalten: Wir erleben im Angesicht des uns liebenden Gottes nur noch menschliche Wärme, Selbstbestätigung und Geborgenheit. Zum Beispiel das Sündenbekenntnis mit anschließender Zusage der Vergebung beim Abendmahl empfindet man vor diesem Hintergrund wohl als Zumutung und lässt es geflissentlich weg. Gerichts- und Sündenpredigten - wie ich sie mir als Konfirmand öfters anhören musste - verbieten sich von selbst. Wir sind doch alle gut und von Gott angenommen! Zuspruch ohne Zumutung kommt dabei heraus. Nicht nur die grundlegende Selbsterkenntnis, ohne Gott nur ein verlorener Sünder zu sein, wird damit dem Glaubenden nicht mehr „zugemutet“, sondern auch die daraus resultierende Nächstenliebe als grundlegende Forderung Gottes an uns. Eine mit sich selbst zufriedene Gemeinde, die sich selbst und ihr Gutsein feiert, das wäre das Resultat. Der Blick über die eigene Gemeinde hin zu den Christen und den Menschen weltweit, ihren Nöten und ihrem Elend und unser aller Leiden daran wird gemieden. Fürbittgebete konzentrieren sich auf Gemeindeprobleme. „Wir danken Gott dafür, wie gut es uns geht!“ Das Bild ist überzeichnet, doch hier würde für mich eine schleichende Glaubenskrise ihren Anfang nehmen.

Es wäre der Verlust dessen, was man theologisch „eschatologische Spannung“ nennt. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass wir Christen Bürger zweier Welten sind, des Himmels und der Erde, darin lebend sowohl als Sünder als auch als gerecht Gesprochene. Die Aufgabe dieser Spannung in unserem Glauben und damit die einseitige „Heiligung“ und Rechtfertigung dieser Welt, so wie sie eben ist, wäre nun nicht mehr zum Lachen (7).  Die Schriftstellerin Thea Dorn bestätigt diese Einschätzung für den säkularen Bereich der Öffentlichkeit: „Es wäre ein weiteres postmodernes Missverständnis zu glauben, dass es sich bei der Selbstaufklärung nur um eine Frage der Wellness handelt.“ Oder wie sagte ein katholischer „Kollege“ auf dem Kölner Weltjugendtreffen: „Wer glaubt, das Christentum sei ohne Zumutungen zu haben, der ist hier fehl am Platze!“

Hat er nicht Recht? Schließlich soll sich unser Glauben im täglichen Leben bewähren und sich nicht bei den ersten Schwierigkeiten als „fauler Kredit“ entpuppen. Wer sich klarmacht, welche weitreichenden Konsequenzen ein solcher „Irrglauben“ haben kann, sollte sich die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise vor Augen halten, deren Auswirkungen ja bis ins Portfolio unserer Landeskirche greifen: Es scheint, dass wir mal wieder aus dem Paradies geworfen werden.

 

 

1Seneca, Von der Ruhe der Seele, zit. In: Manfred Geier, Worüber kluge Menschen lachen. Kleine Philosophie des Humors, Hamburg 2006, S.55.

2Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, IX 2.

3 Friedrich Nietzsche, Der Wanderer und sein Schatten. In: Werke I, S.880.

4 M. Geier, a.o.a.O., S.77.

5 Ibit, S.56.

6 Ob sich die in den Kirchen eingeführten Managementstrategien theologisch begründen lassen, wage ich zu bezweifeln. Denn die Handlungen der Menschen allein unter den Aspekten von Kraftaufwendung und Leistungseffekt zu optimieren, erinnert eher an Grundsätze der physikalischen Mechanik. Allein das Instrument der „Evaluation“ suggeriert, man könne wie in der Physik mit Waage und Maßstab die erzielten Leistungen exakt messen, um dann an diesen Ergebnissen die vorher gesteckten Ziele objektiv zu überprüfen.    

7 „Wer nur noch vom Himmel schwätzt, der schändet auch die Erde!“ (Henry Thoreau).

 

 

 


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