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Helmut Aßmann
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Gerechtigkeit und Unsterblichkeit und die sog. mosaische Unterscheidung

 

Vor einigen Jahren veröffentlichte Prof. Dr. Dieter Wittmann an dieser Stelle einen Aufsatz zum Thema „Typen des Predigers“. Er griff dabei auf eine Typenlehre zurück, die den Zwangsneurotiker, den Schizoiden, den Depressiven und den Hysterischen als die vier Grundtypen des menschlichen Seins voneinander unterscheidet. Als Reaktion auf diesen Beitrag machte Rudolf Bohren, Emeritus der Praktischen Theologie, Wittmann den Vorwurf, er habe an die Stelle der Theologie des Wortes Gottes eine Theologie von unten bzw. eine Psychologie gesetzt. Eine Typenlehre enthält allerdings schon das Wort Gottes selbst, z.B. im 1. Psalm, wo der Psalmist unterscheidet zwischen den Gottlosen und den Gerechten. Dort heißt es: Er (der Gerechte) ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und seine Blätter verwelken nicht und alles, was er tut, gerät wohl (Ps 13). Aber so, heißt es weiter, sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verweht (Ps 14). Er weiß zu sagen: Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht, noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten (Ps 15). Er preist den Gerechten, weil er nicht im Rat der Gottlosen wandelt, noch auf dem Weg der Sünder tritt, noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt nach über seinem Gesetz Tag und Nacht (Ps 11-2). Abschließend heißt es: Der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht (Ps 16).

 

Ich will hier der Frage nachgehen, woher der Psalmist seine lehrhafte, ja geradezu apodiktische Gewissheit nimmt, mit der er hier zwei Typen einander gegenüber stellt und sie an den Anfang des Psalters stellt, indem er diesen hiermit eröffnet.

Methodisch will ich wie folgt vorgehen: Nimmt man die Baummetapher aus Vers 3 und sucht nach einer früheren Verwendung derselben, so findet man eine biblische und eine ägyptische Parallele. Die erste ist Jer177, wo es heißt: Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist. Der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt. Denn obgleich die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün; und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte (Jer177-8). Was in diesem Text fehlt, ist die Unterscheidung. Sie ist zwar implizit gegeben; denn, wenn der gesegnet ist, der sich auf den Herrn verlässt, so ist impliziert, dass der, der sich nicht auf den Herrn verlässt, nicht gesegnet ist. Da aber das Gegenteil nicht gesagt ist, nicht explizit hervorgehoben wird, kann der Text nicht die Vorlage von Psalm 1 gewesen sein.

Wir finden sie jedoch bei Amenemhotep 1); einem ägyptischen Weisheitslehrer der dritten Zwischenzeit (J. Assmann). Dort tritt die Baummetapher in den Dienst der Unterscheidung zwischen dem Besonnenen und dem Hitzigen. Der erstere wird so beschrieben wie der Psalm den Gerechten beschreibt. Er besteht das Totengericht. Der Hitzige dagegen besteht nicht. Man erkennt die Typologie von Psalm 1 in dieser Kontrastierung wieder und ist versucht anzunehmen, der Psalm habe den ägyptischen Text als Vorlage verwendet und ins Hebräische übertragen.

Dabei vollzog er aber eine Umdeutung der Vorlage, die uns Einblicke in den Paradigmenwechsel gibt, der sich zwischen Ägypten und Israel ereignet hat und den Jan Assmann die mosaische Unterscheidung 2) genannt hat. Diese vollzieht sich nicht in der Weise, dass die wahre Religion von der falschen unterschieden wird - der Begriff wahre Religion geht ja erst auf Augustin zurück -, sondern so, dass eine Typenlehre aus ihrem beschreibenden Kontext in einen theologischen Kontext transferiert wird, der durch die Gesetzesfrömmigkeit bestimmt ist. Auch der ägyptische Weise hofft im Totengericht zu bestehen, aber der israelitische Fromme besteht im Gericht und in der Gemeinde der Gerechten, wie es sich aus der Negation schließen lässt, in der es heißt: Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht und die Sünder nicht in der Gemeinde der Gerechten (Ps 15), also schon jetzt. Der Begriff der Gerechtigkeit fehlt in der ägyptischen Vorlage, ebenso das Gesetz. Es gibt aber den Begriff der Gerechtigkeit in Ägypten. Es ist die Maat. An ihr orientiert sich der König in seinem Handeln und auch der Besonnene richtet sein Handeln an ihr aus. Da der Hitzige sich nicht an ihr orientiert, diese aber, die ägyptisch: die Maat, heißt und eine Gottheit ist, gilt: Wer nicht die Maat zum Maßstab seines Handelns macht, ist gottlos. Der Schritt vom Hitzigen zum Gottlosen ist somit folgerichtig auch im Sinn des ägyptischen Denkens. Somit verschärft der Psalm die Position Amenemhoteps. Die Diesseitigkeit des Gerichts, das durch die Gemeinde der Gerechten repräsentiert wird, tritt an die Stelle des Totengerichts, denn die Gottlosen bestehen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten (Ps 15). Die Gerechtigkeit wird zu einer diesseitigen Instanz, während sie in Ägypten eine jenseitige ist: das Totengericht. Jahwe regiert nicht erst durch das Totengericht wie die Maat, sondern bereits jetzt durch Recht und Gerechtigkeit, wie sie durch das Gesetz verkörpert sind.

Dieser Verdiesseitigung und Ethisierung des in der Typologie enthaltenen Gegensatzes impliziert ein neues Verständnis der Maat. Diese wird aus dem kosmotheistischen Kontext in Ägypten herausgelöst und in ein Gottesverständnis transferiert, das Gott als den Geber des Gesetzes, und die Gerechtigkeit als eine Frucht des Lebens nach dem Gesetz ansieht. Während in Ägypten die Maat durch den König repräsentiert wird, ist in Israel der Gerechte der Repräsentant des Gesetzes, dessen Studium er sich bei Tag und Nacht widmet. Es ist der hier geschilderte Typ des Pharisäers. Dieser Bruch mit der ägyptischen Überlieferung macht deutlich, wie sich die mosaische Überlieferung in Israel auswirkte. Sie heißt deshalb mit Recht die mosaische Unterscheidung, weil sie das formulierte und schriftlich fixierte Gesetz des Moses voraussetzt, und weil sie einen Wandel im religiösen Bewusstsein dokumentiert, den man einen Paradigmenwechsel nennen kann. Setzen wir anstatt „der Gerechte“ der Gerechtfertigte ein und interpretieren wir den Psalm damit richtig, so sind wir nicht weit von der Rechtfertigungslehre des Paulus entfernt, die sich ja auf die Aussage Hab 2, 4: „Der Gerechte wird seines Glaubens leben“, und auf die in Gen 15,7 : Und Abraham glaubt und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet, stützt; und wir sind nicht weit von dem simul justus et peccator Luthers entfernt.

Der Gerechtfertigte und der Sünder sind zwar zwei einander entgegengesetzte Typen, aber diese bestehen in einer Person:

der Besonnene - der Hitzige;

der Gerechte - der Gottlose.

Nach einem gründlichen Durchdenken der Aussagen Amenemhoteps ergab sich die Notwendigkeit, zu den Aussagen des 1. Psalms fortzuschreiten. Denn erstens ist die Repräsentanz der Maat durch den Pharao in der 3. Zwischenzeit ins Wanken gerate und es war schon in der ägyptischen Weisheit nach einem Ausweg gesucht worden. Aber der Durchbruch zu der Repräsentanz der Gerechtigkeit im Einzelnen durch das Gesetz gelang erst in Israel. Zweitens war der Glaube an die jenseitige Instanz des Totengerichts ins Wanken geraten und erst durch die Idee der Gerechtigkeit Gottes konnte eine Antwort auf die Frage gegeben werden, wie ethisches Handeln belohnt wird und das Gleichgewicht zwischen Sittlichkeit und Glückseligkeit hergestellt werden kann. Aber erst Paulus hat diesen israelitischen Gedanken in letzter Konsequenz vollendet.

 

Anmerkungen:

1) Irene Grumach: Untersuchungen zur Lebenslehre des Amenope (Diss. Basel 1970), München 1971 (Münchner ägyptologische Studien 23).

2) Jan Assmann: Die mosaische Unterscheidung, München und Wien 2003.

 


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