Impressum
Hannelore Risch
Danziger Straße 5a, 67454 Haßloch

Personen und Erfahrungen

 

Pfarrerstochter, Pfarrfrau, Pfarrerswitwe, Pfarrdiakonin, Pfarrerin, Ruheständlerin

 

Als ich neun Jahre alt war, brach der zweite Weltkrieg aus und mein Vater, obwohl er Pfarrer war, wurde sofort eingezogen. Sein Kollege Karl Hust musste dann allein das Großdorf Haßloch betreuen, was heute ein Arbeitsgebiet für zwei Pfarrerinnen und zwei Pfarrer ist. Meine Mutter, Luise Schreiner, eine typische Pfarrfrau von damals, öffnete in diesen notvollen Jahren um so mehr unser Pfarrhaus in der Bahnhofstraße. Viele nannten es deshalb ‚das Haus der offenen Tür‘. Frauen, deren Männer im Krieg oder gefallen waren, fanden in Mutter eine einfühlsame Seelsorgerin. Auch leitete sie viele Jahre lang einen Frauenbibelkreis, wofür sie im Pfarrschwesternbund, geführt von der Frau des damaligen Kirchenpräsidenten, Hilde Stempel, wertvolle Impulse erhielt. Sie setzte sich voll ein, wie auch viele andere Pfarrfrauen dieser Zeit, und war eigentlich eine unbezahlte Gemeindehelferin. Ein unschätzbarer Segen für die Haßlocher Kirchengemeinde!

Weil Adolf Hitler jede kirchliche Jugendarbeit verboten hatte, richtete sie in unserem Wohnzimmer, in Hof und Garten Jugend- und Mädchenbibelkreise ein und lud zur Leitung Reisesekretärinnen der Burkhardthaus- und MBK-Arbeit ein. Es fiel dem Staat nicht weiter auf, dass wir Pfarrerskinder dazu unsere Freunde und Freundinnen aus dem Dorf wie ein Magnet anzogen. Inzwischen alt gewordene Haßlocher erinnern sich heute noch mit Dankbarkeit daran und sprechen mich darauf an.

Unser Pfarrhaus war damals bis unters Dach vollgestopft mit Flüchtlingen oder Ausgebombten. Rückblickend sagen heute verwundert meine Geschwister und ich: „Obwohl wir arm waren, Entbehrungen und schlimme Bombennächte erlebten, hatten wir trotzdem eine glückliche Kindheit! Wie ist das nur möglich?“ Wir fühlten uns in unserer Familie und im Glauben an Gottes Hilfe geborgen. Diese Kindheit hatte uns sieben Pfarrerskinder mehr geprägt als wir ahnen und später wohl auch unsere Berufsentscheidungen mitbestimmt.

Als endlich unser Papa nach Krieg und langer Gefangenschaft wieder in seinen Pfarrberuf einstieg, wurden manche Gemeindepläne am Familientisch besprochen. So bekam ich schon früh Einblicke in einen florierenden Gemeindeaufbau: Jeden Sonntag voll besetzte Gottesdienste, ganz gleich wer predigte, lebendige Frauen- und Jugendkreise, überfüllte Freizeiten, unzählige seelsorgerliche Gespräche, auch diakonische Hilfe; z.B. kochte Mutter Essen, das wir Kinder in Essensträgern zu einigen besonders Bedürftigen brachten.

Ich konnte als Teenager ab 16 Jahren eine Jungschar führen und übte mich, Gruppenstunden zu gestalten, Ausflüge und Freizeiten mit meinen Jungscharmädchen zu leiten und mit anderen zusammen eine blühende kirchliche Jugendarbeit aufzubauen.

Viele leidgeprüfte Deutsche empfanden nach dem Zusammenbruch der Hitlerdiktatur ein inneres Vakuum, fragten jetzt nach dem Sinn ihres Lebens und streckten sich nach Gott aus. Hineingenommen in diesen geistlichen Aufbruch, den wir auch in der Pfalz erlebten und den wir heute angesichts des kirchlichen Niedergangs uns wieder sehnlichst wünschen, fällte ich damals die persönliche Entscheidung, Jesus Christus in mein Leben fest einzubeziehen, täglich mit ihm in vertrauensvollem Kontakt zu sein. Diese Beziehung hat durch seine Treue mich auch in schweren Zeiten bis heute durchgetragen.

Als Abiturientin lernte ich auf Freizeiten der Volksmission den Theologiestudent Hermann Risch kennen und lieben. Mir fiel sofort auf, dass er ein offenes Ohr und das helfende Wort für manchen hatte. Er strebte ein Gemeindepfarramt an und riet mir zu einem nicht so langen Studium der Religionspädagogik, was mir auch sehr lag. In unserer Ehe stellte sich dann heraus, dass ich gerade durch diese Ausbildung ihn in der Gemeindearbeit gut ergänzen konnte; denn in diesem Fach hatten die damaligen Theologen keine Ausbildung. Natürlich half ich gern bei der Konfirmandenarbeit und auf Freizeiten mit, auch in Bibelstunden und Gesprächen mit jungen Ehepaaren. Frauenkreise leitete ich natürlich ohne den Pfarrer, weil dann die Frauen auch wagen von sich selber etwas zu sagen. Wenn eine Klasse im Religionsunterricht auffallend schwierig war, schickte mein Mann mich in Absprache mit dem Schulleiter als Vertretung hin. Für die Schüler und Schülerinnen eine willkommene Abwechslung!

Als wir dann im Bauerndorf Dörrmoschel wohnten, weil mein Mann dort die Pfarrstelle innehatte, kam für mich eine neue Aufgabe der Gemeindearbeit hinzu: die Pflege des Pfarrgartens. Es wäre nämlich in den Augen der Gemeindeglieder eine ‚Sünde‘ gewesen, wenn ich unseren Garten hätte verunkrauten lassen! So erntete ich als junge Mutter zu meiner eigenen Überraschung Lob und Respekt, dass ich trotz Mutterpflichten den Pfarrgarten pflegte. Manche Gemeindeglieder schauten nicht nur über den Gartenzaun, sondern kamen gern herein, um unsere kleinen Buben, aber auch den Rosenkohl zu beäugen.

Ganz anders war es in unserem neuen Stadtpfarramt Ludwigshafen Süd. Ich war hauptsächlich mit unseren inzwischen drei kleinen Söhnen und der Pflegetochter beschäftigt und konnte nur abends an den Bibel- und Hauskreisen teilnehmen, die in unserem Wohnzimmer stattfanden. Dabei ergänzte ich meinen Mann, der die Leitung hatte, indem ich Erlebnisse aus dem Alltag oder Beispiele aus Kirchengeschichte und Bibel einflocht. Theorie und Praxis! Von Anfang unserer Ehe an hatte ich die heute längst überholte Einstellung, von ganzem Herzen Mutter und Pfarrfrau zu sein, was mich auch befriedigte und erfüllte.

Ganz anders wurde mein Pfarrfrauenleben, als mein Mann sich beurlauben ließ und Reisereferent der Pfarrerbruderschaft wurde. Nun war er in Deutschland und auch im Ausland viel unterwegs, und ich litt darunter, dass ich nicht mehr aktiven Anteil an seiner Arbeit nehmen konnte. Er sprach meistens auswärts auf Pfarrertreffen, leitete Seminare für Theologiestudenten, hielt Bibelwochen und war ein gefragter Seelsorger und Berater beim Gemeindeaufbau der Pfarrbrüder. Wir wohnten damals bei der Zentrale in Großalmerode/Hessen. Ich war hauptsächlich mit der Erziehung unserer inzwischen sechs Kinder beschäftigt und hatte oft allein die Verantwortung für unsere große Kinderschar. Trotzdem fühlte ich mich als Frau des bekannten und geschätzten Pfarrers Hermann Risch geachtet und anerkannt.

Dann geschah das Einschneidenste meines Lebens: Nach 14 Ehejahren erkrankte mein Mann an einem Gehirntumor und starb für mich überraschend mit 43 Jahren. Und ich wurde 36-jährig Witwe und alleinerziehende Mutter von fünf Söhnen und einer Tochter. 

In den ersten Wochen erhielt ich sehr viele Beileidsbriefe. Doch danach fühlten sich manche mir gegenüber verunsichert, wussten nicht, was sie mit mir reden sollten und haben mich gemieden, als hätte ich Aussatz; denn eine trauernde Witwe mit sechs Halbwaisen erinnert einen an Tod und Verlust, auch ans eigene Sterben. So fühlte ich mich abgelehnt und nichts mehr wert. Aber von mir wurde nun erwartet, dass ich als gläubige Christin mit Ewigkeitshoffnung diesen Verlust gut verkraften würde. Doch ich hatte tiefste Verlassenheitsgefühle, weil der eine mich verlassen hatte. Als ich vor lauter Trauer kein Licht mehr sah, wünschte ich mir Bücher, die mir in meinem Leid weiterhülfen. Doch ich fand nichts. Da begann ich selbst meine Empfindungen aufzuschreiben. So entstand nach und nach das Buch „Gott tröstet“, in welchem ich ehrlich meine Verzweiflung schildere, die Verletzungen durch andere, aber auch hoffnungsvolle Aufbrüche und erneute Trauerdepressionen. Und siehe, das Schreiben ist für mich zur Selbsttherapie geworden; denn was sich belastend eindrücken will, soll ja in irgendeiner Form ausgedrückt werden. 

Mein Buch „Gott tröstet“ hat inzwischen die 22. Auflage erreicht und konnte unzählige Trauernde trösten. Es ist dann auch sogar als Hörbuch erschienen. Dadurch ermutigt habe ich im Brockhaus- oder Hänssler Verlag nach und nach zehn Taschenbücher herausgegeben, von denen einige wenige z. Zt. vergriffen sind. Sie haben eine seelsorgerliche Ausrichtung und eignen sich auch für Gruppen und Hauskreise. Ich schildere darin, was Frauen und Männer heute mit Gott erleben und gebe nach jedem Kapitel Tipps für Gruppengespräche. Aus der Praxis für die Praxis!

In meiner Autorentätigkeit sehe ich eine seelsorgerliche Berufung, der ich auch in Zukunft, solange ich noch klar denken kann, treu bleiben möchte.

In den zehn schweren Trauerjahren, als ich nur eine sehr geringe Witwenrente erhielt, hat mir damals auch weiter geholfen, dass ich einige wenige Religionsstunden halten konnte. Eine schwierige Herausforderung in dieser Trauerzeit! Doch es war wichtig, dass ich begrenzt in meinen Beruf einstieg.

In den 60er und 70er Jahren war als Kriegsfolge nicht nur in der Pfälzischen Landeskirche der Pfarrermangel so groß, dass überall viele Kirchengemeinden jahrelang vakant blieben. Besonders die Pfälzer beschwerten sich deshalb lautstark bei unserer Kirchenregierung, so dass dann Oberkirchenrat Eugen Mayer eine berufsbegleitende Ausbildung für Pfarrdiakone einrichtete. In einem ausführlichen Gespräch mit ihm bat er mich teilzunehmen, wozu ich mich dann entschloss. Auch meine Kinder stimmten zu, und meine treue Mutter entlastete mich wenn nötig im Haushalt.

Dann rückte die Aufgabe, eine vakante Pfarrstelle zu übernehmen immer näher. Darf ich das als Frau? Einige fromme Männer und ein Prediger ermahnten mich, dass Paulus in 1. Tim. 2,12 schreibt: ‚Einer Frau gestatte ich nicht zu lehren!‘ Doch ich wusste, dass meine besondere Gabe ist, Gottes Wort möglichst anschaulich und anwendbar zu lehren. Nicht nur den Kindern, auch Frauen und Männern! Deshalb besuchte ich zwei Pfarrerinnen – damals gab es noch nicht sehr viele – und erkundigte mich nach ihren Erfahrungen. Die eine sagte: „Unsere Gemeinde hat mich von Anfang an bis heute sehr lieb und dankbar angenommen. Aber ich darf nicht besser und beliebter sein als männliche Kollegen und darf vor allem einem amtsbewussten Presbyter nicht seine Macht schmälern!“ Die andere Pfarrerin warnte mich: „Ich vermute, du bist einfallsreich und hast einen praktischen Überblick; deshalb halte klugerweise deine Vorschläge zurück, weil es den einen oder anderen verunsichert, dass er nicht selbst auf diese gute Idee gekommen ist und du ihm voraus bist!“ Doch sie tröstete mich: „Aber es gibt auch in der Gemeindearbeit gestandene Männer mit einem gesunden Selbstbewusstsein, die eine weibliche Ergänzung schätzen und sich sogar darüber freuen.“   

Da wurde mir sonnenklar: Für mich genügt es nicht, dass meine Kirchenleitung mich beruft und ordiniert, sondern ich benötige eine ganz persönliche Berufung von Jesus Christus, damit ich in meinem Amt unbeirrt durchhalten kann. In dieser Zeit machte ich meine erste Pilgerreise durch Israel. Unsere Reisegesellschaft war im Heiligen Land besonders offen für Gottes Reden. Im Kidrontal beobachte ich eine gemischte Schaf- und Ziegenherde. Ganz ruhig zieht sie hinauf zu den Stadtmauern von Jerusalem. Und wer geht voran? Ich bin überrascht: nicht ein Schäfer wie bei uns – sondern eine Hirtin! Da meine ich Gottes bildhaftes Reden zu hören, dass ich als Frau auch eine Hirtin sein und die Gemeinde in Richtung ‚Himmlisches Jerusalem‘ leiten solle.

Bald danach bat ich darum, in der vakanten Pfarrei Katzweiler nur mal probeweise einen Gottesdienst halten zu dürfen. Um zum ersten Mal eine Frau predigen zu hören, war die große Kirche voll besetzt. Zur Veranschaulichung mutete ich der Gemeinde sogar auf einem Plakat eine meiner Zeichnungen zu. Beim Verabschieden baten mich einige Frauen und die Presbyter, diese Pfarrei zu übernehmen. Ich fragte: „Wollt ihr auch eine Frau?“ Sie antworteten: „Egal: Frau oder Mann! Hauptsache, es kommt jemand! Wir sind die Vertretungen leid.“ Da ließ ich mir Näheres erzählen.

Daheim überlegte ich: Eine große, vernachlässigte Dreidörfergemeinde mit damals fast 3.000 Protestanten, in der es nicht einmal Kinder- oder Seniorenarbeit gab. Auch keinen Frauenkreis. Nichts! Nur große Beerdigungen, weil möglichst jeder aus dem Dorf teilnahm, aber erschreckend schlechter Gottesdienstbesuch. Also eine deutsche Missionsstation. Für mich Anfängerin eigentlich eine Schuhnummer zu groß! Da traf mich Gottes Wort aus Jesaja 40, Vers 10: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir! Weiche nicht; denn ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ich helfe dir auch! Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit!“

So zogen wir von Kurhessen-Waldeck wieder zurück in die Pfalz nach Katzweiler. Meine drei ältesten Söhne waren schon im Studium, meine drei Jüngsten besuchten die Gymnasien in Kaiserslautern. Bei meiner Ordination hatte ich den deutlichen Eindruck, mir wird ein geistlicher Beistand zur Seite gestellt, der mich an manches erinnert und mir erklärt, worauf ich selbst nicht gekommen wäre. Ebenso spürte ich, dass die Gemeinde mich herzlich annahm und große Erwartungen hatte, wie ich mich als Pfarrdiakonin und später als Pfarrerin anstellen würde. Mich jedoch belastete die Verantwortung für diese offenbar geistlich tote Kirchengemeinde und ich suchte dringend Mitträger und Beter. Da entdeckte ich in Katzweiler das Presbyterehepaar Jung, danach Ehepaar Scheffler und Oma Weber – diese drei sind Mennoniten – und schließlich noch die katholische Katechetin Agnes Burghart. Wir sieben ganz verschieden Geprägten waren uns erstaunlich einig, trafen uns wöchentlich, tauschten uns über die fortlaufende Bibellese aus und beteten miteinander um eine Erweckung in Katzweiler, Mehlbach und Hirschhorn. Wohl daraufhin wirkte der Heilige Geist. Ich vermute, es gibt geistliche Gesetze, die wir heute meist vergessen haben.

Es geschah nämlich ohne große Anstrengung wunderbarerweise ein geistlicher Aufbruch unter Frauen, Jugendlichen und Kindern: In jedem der drei Dörfer entstand dann ein sehr lebendiger Frauenkreis. In Hirschhorn gründete und dirigierte ich einen ökumenischen Frauenchor, der durch seine Lieder bei Beerdigungen, auch den katholischen, die Trauernden tröstete.

In Mehlbach und Hirschhorn begannen Kinderkreise und in Katzweiler entstanden ein sehr aktiver Teenie-Kreis und Jungscharen, wobei auch meine Kinder sich einsetzten. Volleyball, Völkerball, Tischtennis auf Wiese, Hof und im Gemeindehaus – es wimmelte zeitweise von Jugendlichen und Kindern! Freizeiten im Elsass und im Schwarzwald, wo wir selber kochten...

Gern feierten wir mit Mennoniten zusammen manche Jugendgottesdienste. Unser Organist Hermann Kennel gründete mit unseren jungen Sängern in Katzweiler einen Gospelchor. Ebenso entstanden zu meiner Freude Hauskreise. Die Hirschhorner wünschten sich bald einen regelmäßigen Samstagabend-Gottesdienst. So hatte ich an jedem zweiten Wochenende drei Gottesdienste zu halten, die eigentlich immer gut besucht waren. Besonders beliebt waren die Familiengottesdienste, aber auch der neue ‚Gottesdienst mal anders‘, weil unsere Gruppen und Kreise ihn mitgestalteten. Dass ich als Frau ein Pfarramt führte, empfand ich in dieser Gemeindearbeit eher als Vorteil und nicht als Nachteil.

Mehlbacher Frauen fragten mich: „Wie sollen wir beten? Wir haben ja nicht so ein Gebetsbuch wie die Pfarrer!“ Wir sprachen dann ausführlich über dieses Thema, und danach las ich im Gottesdienst nicht mehr die Gebete der Agende vor oder von meinen Notizen ab, sondern wagte den Sprung ins kalte Wasser, betete frei und bekannte auch mal der Gemeinde meinen persönlichen Glauben. Für die wachsende Mehlbacher Gemeindearbeit musste dann bald neben der Kirche ein Gemeindehaus gebaut werden.

Doch für mich als Verantwortliche reichten die Wochentage und Abende längst nicht mehr aus, um alles zu bewältigen; denn es gab am Anfang in der Gemeinde kaum ehrenamtliche Gruppenleiter. Deshalb gründete ich zusammen mit Presbyter Otto Klein nach einem badischen Vorbild unseren ‚Förderverein für Gemeindeaufbau‘ – eingetragener gemeinnütziger Verein. Dieser war finanziell in der Lage, Praktikanten von verschiedenen biblischen Ausbildungsstätten als Gruppenleiter vorübergehend für ein Taschengeld anzustellen. Der Nachteil allerdings war, dass unsere Praktikanten angeleitet werden mussten, was mich manchmal überforderte, und sie immer nur für eine begrenzte Zeit bei uns bleiben konnten.

Deshalb haben jetzt mein Nachfolger Klaus Zech und seine Frau Margit klugerweise diesen Förderverein in einen sehr aktiven örtlichen CVJM e.V. umgewandelt, welcher nun einen ausgebildeten Jugendreferenten fest anstellen und bezahlen kann, der den Jugendlichen viele verschiedene Aktionen anbietet. Das hat sich inzwischen hervorragend bewährt.

Es ist klar, dass ein geistlicher Aufbruch nie ohne Widerstand geschieht, womit ich damals auch gerechnet hatte. Wir erlebten Querschläge, Eifersüchteleien, Kritik, Gabenneid, Machtkämpfe und manche Enttäuschungen; denn es ging sehr menschlich bei uns zu. Auch meinerseits kamen Fehler vor, Versäumnisse und falsches Verhalten, was mir leid tut und ich heute anders machen würde. So hatte ich unsere Ehrenamtlichen viel zu wenig gelobt und kaum gefördert, auch ihren Einsatz als selbstverständlich genommen. Ich hätte ihnen viel mehr Raum anbieten sollen, wo sie ihre geistlichen Gaben einüben und entfalten können. Und doch hat Gottes Geist in Menschenherzen einen festen Grund gelegt. Gott sei Lob und Dank!

Weil mir das Evangelisieren und Missionieren nicht so lag, aber bei uns dringend nötig war, lud ich immer wieder Evangelisten und Missionare ein, meist mit einem Team von jungen Leuten. Ein großer Zeit- und Arbeitsaufwand, weil es noch nicht wie heute die einfache Satellitenübertragung von ProChrist gab. Doch es geschah damals, dass Gemeindeglieder ihren bisher verschwiegenen Glauben auf einmal in zeugnishaften Worten und freien Gebeten ausdrücken konnten. Für mich war es jedesmal eine innere Beglückung, dieses nachpfingstliche Wunder mitzuerleben, wie der persönliche Glaube mancher Gemeindeglieder auf einmal sprachfähig wird. Wunderbar! Diese sagten z.B. daheim, im Dorf oder in der Gruppe, wie Gott ihnen geholfen hatte – viel wirksamer als alle meine Predigten!

Unsere Kirchendienerin Ilse Kiefaber, die inzwischen in der Ewigkeit ist, hatte die Gabe, Alte, Kranke und Einsame zu besuchen. Wenn sie dabei Offenheit erlebte, fragte sie gern zum Abschied auf pfälzisch: „Soll ich noch für eich bäte?“ Bei Zustimmung sprach sie dann ein freies Gebet und fügte spontan einen Segen hinzu. Zu meiner Freude unternahmen auch noch einige andere Gemeindeglieder einen solchen seelsorgerlichen Dienst.

Einen besonderen Vertrauensvorschuss erlebte ich immer wieder von Trauernden. Sie sagten mir: „Sie haben es ja selbst erlebt, wie weh es tut, einen lieben Menschen zu verlieren und allein zurück zu bleiben!“ Ich versuchte dann von meinen Leiderfahrungen etwas weiterzugeben und verschenkte oft mein Buch „Gott  tröstet“, weil ich leider zu wenig Zeit für eine Trauerbegleitung hatte, die dringend nötig gewesen wäre. Doch etwas später fragte ich meistens nach, welches Kapitel im Buch schwierig sei, und wir sprachen dann darüber; denn wenn Trauernde ihre Gefühle in sich verschließen, besteht die Gefahr, dass sie seelisch oder körperlich krank werden.

Als ich den Ruhestand langsam ins Auge fasste, fürchteten meine erwachsenen Kinder, ich würde in ein Loch fallen. So ließ ich mich für ein Jahr vom Dienst beurlauben, konnte von der Pfarrwitwenpension leben, war dann oft als Reisereferentin auf Frühstückstreffen für Frauen an vielen Orten in der BRD unterwegs, auch in Österreich. Ebenso schrieb ich in das Buch „Reifwerden für Gottes neue Welt“ über das Leben meiner Mutter. Diese zweifache Erfahrung wurde dann später auch wegweisend für meinen Ruhestand, den ich zuerst in Katzweiler und jetzt im Heimatort meiner Kindheit und Jugend verbringe.

Hier in Haßloch bin ich meinen verstreut wohnenden Kindern und Enkeln etwas näher gerückt, und wir können uns an manchen Wochenenden treffen. Auch habe ich inzwischen, dem Alter entsprechend, meinen Reisedienst verkürzt und bin meistens nur noch in der Umgebung oder hier in der Frauenarbeit und in unserem Hauskreis aktiv. Ebenso traf sich ein Gesprächskreis von jüngeren, trauernden Frauen über eine längere Zeit in meinem Wohnzimmer, was ihnen half, ihre Trauer zu verarbeiten. Um eine solche Trauergruppe leiten zu können, machte ich in Karlsruhe eine entsprechende Fortbildung.

Jetzt wo ich wieder mehr Zeit habe, entdecke ich gerade mit Freude etwas ganz Neues: ‚Stufen des Lebens‘ – Reli für Erwachsene. Mit Bodenbildern und bewegbaren, 30 cm großen Biblischen Erzählfiguren, die ich gebastelt habe, lassen sich Bibelgeschichten anschaulich darstellen und regen die Betrachter zum Rundgespräch an. Besonders Frauen, auch die Bewohner unseres Altenheims und die ‚Generation 55 +‘  beteiligen sich gern bei den sich wechselnden Bodenbildern und verleihen den Erzählfiguren Ausdruck und Sprache. Für mich trotz meiner Kniearthrose eine neue Entdeckung; denn mein Wahlspruch ist: „Man wird so alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu!“ Er steht nicht in der Bibel!

 

Bücher von Hannelore Risch:

 

Brockhaus Verlag:

Gott hört dein Gebet – Geschichten der Hoffnung

Gott führt – Schwere Lebenswege bewältigen

Allen Menschen große Freude

Gesegnet um zu segnen

Gott tröstet – Von der Kraft die Trauer zu überwinden

 

ERF Verlag:

Gott tröstet – Hörbuch

 

Hänssler Verlag:

Was Frauen mit Gott erleben

Vergeben hilft leben

Wie Gott hilft – Ermutigung in schwierigen Situationen


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