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Hannelore Risch Danziger Straße 5a, 67454 Haßloch |
Personen und Erfahrungen
Pfarrerstochter, Pfarrfrau,
Pfarrerswitwe, Pfarrdiakonin, Pfarrerin, Ruheständlerin
Als ich neun Jahre alt war,
brach der zweite Weltkrieg aus und mein Vater, obwohl er Pfarrer war, wurde
sofort eingezogen. Sein Kollege Karl Hust musste dann allein das Großdorf Haßloch betreuen, was heute ein Arbeitsgebiet für zwei
Pfarrerinnen und zwei Pfarrer ist. Meine Mutter, Luise Schreiner, eine typische
Pfarrfrau von damals, öffnete in diesen notvollen Jahren um
so mehr unser Pfarrhaus in der Bahnhofstraße. Viele nannten es deshalb
‚das Haus der offenen Tür‘. Frauen, deren Männer im Krieg oder gefallen waren,
fanden in Mutter eine einfühlsame Seelsorgerin. Auch leitete sie viele Jahre
lang einen Frauenbibelkreis, wofür sie im Pfarrschwesternbund, geführt von der
Frau des damaligen Kirchenpräsidenten, Hilde Stempel, wertvolle Impulse
erhielt. Sie setzte sich voll ein, wie auch viele andere Pfarrfrauen dieser
Zeit, und war eigentlich eine unbezahlte Gemeindehelferin. Ein unschätzbarer
Segen für die Haßlocher Kirchengemeinde!
Weil Adolf Hitler jede
kirchliche Jugendarbeit verboten hatte, richtete sie in unserem Wohnzimmer, in
Hof und Garten Jugend- und Mädchenbibelkreise ein und lud zur Leitung Reisesekretärinnen
der Burkhardthaus- und MBK-Arbeit
ein. Es fiel dem Staat nicht weiter auf, dass wir Pfarrerskinder dazu unsere
Freunde und Freundinnen aus dem Dorf wie ein Magnet anzogen. Inzwischen alt
gewordene Haßlocher erinnern sich heute noch mit Dankbarkeit
daran und sprechen mich darauf an.
Unser Pfarrhaus war damals
bis unters Dach vollgestopft mit Flüchtlingen oder Ausgebombten. Rückblickend
sagen heute verwundert meine Geschwister und ich: „Obwohl wir arm waren,
Entbehrungen und schlimme Bombennächte erlebten, hatten wir trotzdem eine
glückliche Kindheit! Wie ist das nur möglich?“ Wir fühlten uns in unserer
Familie und im Glauben an Gottes Hilfe geborgen. Diese Kindheit hatte uns sieben
Pfarrerskinder mehr geprägt als wir ahnen und später wohl auch unsere Berufsentscheidungen
mitbestimmt.
Als endlich unser Papa nach
Krieg und langer Gefangenschaft wieder in seinen Pfarrberuf einstieg, wurden
manche Gemeindepläne am Familientisch besprochen. So bekam ich schon früh
Einblicke in einen florierenden Gemeindeaufbau: Jeden Sonntag voll besetzte
Gottesdienste, ganz gleich wer predigte, lebendige Frauen- und Jugendkreise,
überfüllte Freizeiten, unzählige seelsorgerliche Gespräche, auch diakonische
Hilfe; z.B. kochte Mutter Essen, das wir Kinder in Essensträgern zu einigen
besonders Bedürftigen brachten.
Ich konnte als Teenager ab 16
Jahren eine Jungschar führen und übte mich, Gruppenstunden zu gestalten,
Ausflüge und Freizeiten mit meinen Jungscharmädchen zu leiten und mit anderen
zusammen eine blühende kirchliche Jugendarbeit aufzubauen.
Viele leidgeprüfte Deutsche
empfanden nach dem Zusammenbruch der Hitlerdiktatur ein inneres Vakuum, fragten
jetzt nach dem Sinn ihres Lebens und streckten sich nach Gott aus.
Hineingenommen in diesen geistlichen Aufbruch, den wir auch in der Pfalz
erlebten und den wir heute angesichts des kirchlichen Niedergangs uns wieder sehnlichst wünschen, fällte ich damals die persönliche
Entscheidung, Jesus Christus in mein Leben fest einzubeziehen, täglich mit ihm
in vertrauensvollem Kontakt zu sein. Diese Beziehung hat durch seine Treue mich
auch in schweren Zeiten bis heute durchgetragen.
Als Abiturientin lernte ich
auf Freizeiten der Volksmission den Theologiestudent Hermann Risch kennen und
lieben. Mir fiel sofort auf, dass er ein offenes Ohr und das helfende Wort für
manchen hatte. Er strebte ein Gemeindepfarramt an und riet mir zu einem nicht
so langen Studium der Religionspädagogik, was mir auch sehr lag. In unserer Ehe
stellte sich dann heraus, dass ich gerade durch diese Ausbildung ihn in der
Gemeindearbeit gut ergänzen konnte; denn in diesem Fach hatten die damaligen
Theologen keine Ausbildung. Natürlich half ich gern bei der Konfirmandenarbeit
und auf Freizeiten mit, auch in Bibelstunden und Gesprächen mit jungen Ehepaaren.
Frauenkreise leitete ich natürlich ohne den Pfarrer, weil dann die Frauen auch
wagen von sich selber etwas zu sagen. Wenn eine Klasse im Religionsunterricht
auffallend schwierig war, schickte mein Mann mich in Absprache mit dem
Schulleiter als Vertretung hin. Für die Schüler und Schülerinnen eine
willkommene Abwechslung!
Als wir dann im Bauerndorf Dörrmoschel wohnten, weil mein Mann dort die Pfarrstelle
innehatte, kam für mich eine neue Aufgabe der Gemeindearbeit hinzu: die Pflege
des Pfarrgartens. Es wäre nämlich in den Augen der Gemeindeglieder eine ‚Sünde‘
gewesen, wenn ich unseren Garten hätte verunkrauten
lassen! So erntete ich als junge Mutter zu meiner eigenen Überraschung Lob und
Respekt, dass ich trotz Mutterpflichten den Pfarrgarten pflegte. Manche
Gemeindeglieder schauten nicht nur über den Gartenzaun, sondern kamen gern
herein, um unsere kleinen Buben, aber auch den Rosenkohl zu beäugen.
Ganz anders war es in unserem
neuen Stadtpfarramt Ludwigshafen Süd. Ich war hauptsächlich mit unseren
inzwischen drei kleinen Söhnen und der Pflegetochter beschäftigt und konnte nur
abends an den Bibel- und Hauskreisen teilnehmen, die in unserem Wohnzimmer
stattfanden. Dabei ergänzte ich meinen Mann, der die Leitung hatte, indem ich
Erlebnisse aus dem Alltag oder Beispiele aus Kirchengeschichte und Bibel
einflocht. Theorie und Praxis! Von Anfang unserer Ehe an hatte ich die heute
längst überholte Einstellung, von ganzem Herzen Mutter und Pfarrfrau zu sein,
was mich auch befriedigte und erfüllte.
Ganz anders wurde mein
Pfarrfrauenleben, als mein Mann sich beurlauben ließ und Reisereferent der
Pfarrerbruderschaft wurde. Nun war er in Deutschland und auch im Ausland viel
unterwegs, und ich litt darunter, dass ich nicht mehr aktiven Anteil an seiner
Arbeit nehmen konnte. Er sprach meistens auswärts auf Pfarrertreffen, leitete
Seminare für Theologiestudenten, hielt Bibelwochen und war ein gefragter
Seelsorger und Berater beim Gemeindeaufbau der Pfarrbrüder. Wir wohnten damals
bei der Zentrale in Großalmerode/Hessen. Ich war hauptsächlich mit der
Erziehung unserer inzwischen sechs Kinder beschäftigt und hatte oft allein die
Verantwortung für unsere große Kinderschar. Trotzdem fühlte ich mich als Frau
des bekannten und geschätzten Pfarrers Hermann Risch geachtet und anerkannt.
Dann geschah das Einschneidenste meines Lebens: Nach 14 Ehejahren erkrankte
mein Mann an einem Gehirntumor und starb für mich überraschend mit 43 Jahren.
Und ich wurde 36-jährig Witwe und alleinerziehende Mutter von fünf Söhnen und
einer Tochter.
In den ersten Wochen erhielt
ich sehr viele Beileidsbriefe. Doch danach fühlten sich manche mir gegenüber
verunsichert, wussten nicht, was sie mit mir reden sollten und haben mich
gemieden, als hätte ich Aussatz; denn eine trauernde Witwe mit sechs Halbwaisen
erinnert einen an Tod und Verlust, auch ans eigene Sterben. So fühlte ich mich
abgelehnt und nichts mehr wert. Aber von mir wurde nun erwartet, dass ich als
gläubige Christin mit Ewigkeitshoffnung diesen Verlust gut verkraften würde.
Doch ich hatte tiefste Verlassenheitsgefühle, weil der eine mich verlassen
hatte. Als ich vor lauter Trauer kein Licht mehr sah, wünschte ich mir Bücher,
die mir in meinem Leid weiterhülfen. Doch ich fand nichts. Da begann ich selbst
meine Empfindungen aufzuschreiben. So entstand nach und nach das Buch „Gott
tröstet“, in welchem ich ehrlich meine Verzweiflung
schildere, die Verletzungen durch andere, aber auch hoffnungsvolle Aufbrüche
und erneute Trauerdepressionen. Und siehe, das Schreiben ist für mich zur
Selbsttherapie geworden; denn was sich belastend eindrücken will, soll ja in
irgendeiner Form ausgedrückt werden.
Mein Buch „Gott tröstet“ hat
inzwischen die 22. Auflage erreicht und konnte unzählige Trauernde trösten. Es
ist dann auch sogar als Hörbuch erschienen. Dadurch ermutigt habe ich im
Brockhaus- oder Hänssler Verlag nach und nach zehn
Taschenbücher herausgegeben, von denen einige wenige z. Zt. vergriffen sind.
Sie haben eine seelsorgerliche Ausrichtung und eignen sich auch für Gruppen und
Hauskreise. Ich schildere darin, was Frauen und Männer heute mit Gott erleben
und gebe nach jedem Kapitel Tipps für Gruppengespräche. Aus der Praxis für die
Praxis!
In meiner Autorentätigkeit
sehe ich eine seelsorgerliche Berufung, der ich auch in Zukunft, solange ich
noch klar denken kann, treu bleiben möchte.
In den zehn schweren
Trauerjahren, als ich nur eine sehr geringe Witwenrente erhielt, hat mir damals
auch weiter geholfen, dass ich einige wenige Religionsstunden halten konnte.
Eine schwierige Herausforderung in dieser Trauerzeit! Doch es war wichtig, dass
ich begrenzt in meinen Beruf einstieg.
In den 60er und 70er Jahren
war als Kriegsfolge nicht nur in der Pfälzischen Landeskirche der Pfarrermangel
so groß, dass überall viele Kirchengemeinden jahrelang vakant blieben. Besonders
die Pfälzer beschwerten sich deshalb lautstark bei unserer Kirchenregierung, so
dass dann Oberkirchenrat Eugen Mayer eine berufsbegleitende
Ausbildung für Pfarrdiakone einrichtete. In einem ausführlichen Gespräch mit
ihm bat er mich teilzunehmen, wozu ich mich dann entschloss. Auch meine Kinder
stimmten zu, und meine treue Mutter entlastete mich wenn nötig im Haushalt.
Dann rückte die Aufgabe, eine
vakante Pfarrstelle zu übernehmen immer näher. Darf ich das als Frau? Einige
fromme Männer und ein Prediger ermahnten mich, dass Paulus in 1. Tim. 2,12
schreibt: ‚Einer Frau gestatte ich nicht zu lehren!‘
Doch ich wusste, dass meine besondere Gabe ist, Gottes Wort möglichst
anschaulich und anwendbar zu lehren. Nicht nur den Kindern, auch Frauen und
Männern! Deshalb besuchte ich zwei Pfarrerinnen – damals gab es noch nicht sehr
viele – und erkundigte mich nach ihren Erfahrungen. Die eine sagte: „Unsere
Gemeinde hat mich von Anfang an bis heute sehr lieb und dankbar angenommen.
Aber ich darf nicht besser und beliebter sein als männliche Kollegen und darf
vor allem einem amtsbewussten Presbyter nicht seine
Macht schmälern!“ Die andere Pfarrerin warnte mich: „Ich vermute, du bist
einfallsreich und hast einen praktischen Überblick; deshalb halte klugerweise
deine Vorschläge zurück, weil es den einen oder anderen verunsichert, dass er
nicht selbst auf diese gute Idee gekommen ist und du ihm voraus bist!“ Doch sie
tröstete mich: „Aber es gibt auch in der Gemeindearbeit gestandene Männer mit
einem gesunden Selbstbewusstsein, die eine weibliche Ergänzung schätzen und
sich sogar darüber freuen.“
Da wurde mir sonnenklar: Für
mich genügt es nicht, dass meine Kirchenleitung mich beruft und ordiniert,
sondern ich benötige eine ganz persönliche Berufung von Jesus Christus, damit
ich in meinem Amt unbeirrt durchhalten kann. In dieser Zeit machte ich meine
erste Pilgerreise durch Israel. Unsere Reisegesellschaft war im Heiligen Land
besonders offen für Gottes Reden. Im Kidrontal
beobachte ich eine gemischte Schaf- und Ziegenherde. Ganz ruhig zieht sie
hinauf zu den Stadtmauern von Jerusalem. Und wer geht voran? Ich bin
überrascht: nicht ein Schäfer wie bei uns – sondern eine Hirtin! Da meine ich
Gottes bildhaftes Reden zu hören, dass ich als Frau auch eine Hirtin sein und
die Gemeinde in Richtung ‚Himmlisches Jerusalem‘ leiten solle.
Bald danach bat ich darum, in
der vakanten Pfarrei Katzweiler nur mal probeweise einen Gottesdienst halten zu
dürfen. Um zum ersten Mal eine Frau predigen zu hören, war die große Kirche
voll besetzt. Zur Veranschaulichung mutete ich der Gemeinde sogar auf einem
Plakat eine meiner Zeichnungen zu. Beim Verabschieden baten mich einige Frauen
und die Presbyter, diese Pfarrei zu übernehmen. Ich fragte: „Wollt ihr auch
eine Frau?“ Sie antworteten: „Egal: Frau oder Mann! Hauptsache, es kommt
jemand! Wir sind die Vertretungen leid.“ Da ließ ich mir Näheres erzählen.
Daheim überlegte ich: Eine
große, vernachlässigte Dreidörfergemeinde mit damals fast 3.000 Protestanten,
in der es nicht einmal Kinder- oder Seniorenarbeit gab. Auch keinen
Frauenkreis. Nichts! Nur große Beerdigungen, weil möglichst jeder aus dem Dorf
teilnahm, aber erschreckend schlechter Gottesdienstbesuch. Also eine deutsche
Missionsstation. Für mich Anfängerin eigentlich eine Schuhnummer zu groß! Da
traf mich Gottes Wort aus Jesaja 40, Vers 10: „Fürchte dich nicht, ich bin mit
dir! Weiche nicht; denn ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ich helfe dir auch!
Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit!“
So zogen wir von
Kurhessen-Waldeck wieder zurück in die Pfalz nach Katzweiler. Meine drei
ältesten Söhne waren schon im Studium, meine drei Jüngsten besuchten die
Gymnasien in Kaiserslautern. Bei meiner Ordination hatte ich den deutlichen
Eindruck, mir wird ein geistlicher Beistand zur Seite gestellt, der mich an
manches erinnert und mir erklärt, worauf ich selbst nicht gekommen wäre. Ebenso
spürte ich, dass die Gemeinde mich herzlich annahm und große Erwartungen hatte,
wie ich mich als Pfarrdiakonin und später als Pfarrerin anstellen würde. Mich
jedoch belastete die Verantwortung für diese offenbar geistlich tote
Kirchengemeinde und ich suchte dringend Mitträger und Beter. Da entdeckte ich
in Katzweiler das Presbyterehepaar Jung, danach Ehepaar Scheffler und Oma Weber
– diese drei sind Mennoniten – und schließlich noch
die katholische Katechetin Agnes Burghart. Wir sieben ganz verschieden
Geprägten waren uns erstaunlich einig, trafen uns wöchentlich, tauschten uns
über die fortlaufende Bibellese aus und beteten miteinander um eine Erweckung
in Katzweiler, Mehlbach und Hirschhorn. Wohl daraufhin wirkte der Heilige
Geist. Ich vermute, es gibt geistliche Gesetze, die wir heute meist vergessen
haben.
Es geschah nämlich ohne große
Anstrengung wunderbarerweise ein geistlicher Aufbruch unter Frauen,
Jugendlichen und Kindern: In jedem der drei Dörfer entstand dann ein sehr
lebendiger Frauenkreis. In Hirschhorn gründete und dirigierte ich einen
ökumenischen Frauenchor, der durch seine Lieder bei Beerdigungen, auch den
katholischen, die Trauernden tröstete.
In Mehlbach und Hirschhorn
begannen Kinderkreise und in Katzweiler entstanden ein sehr aktiver Teenie-Kreis und Jungscharen, wobei auch meine Kinder sich
einsetzten. Volleyball, Völkerball, Tischtennis auf Wiese, Hof und im
Gemeindehaus – es wimmelte zeitweise von Jugendlichen und Kindern! Freizeiten
im Elsass und im Schwarzwald, wo wir selber kochten...
Gern feierten wir mit Mennoniten zusammen manche Jugendgottesdienste. Unser
Organist Hermann Kennel gründete mit unseren jungen Sängern in Katzweiler einen
Gospelchor. Ebenso entstanden zu meiner Freude Hauskreise. Die Hirschhorner wünschten sich bald einen regelmäßigen
Samstagabend-Gottesdienst. So hatte ich an jedem zweiten Wochenende drei
Gottesdienste zu halten, die eigentlich immer gut besucht waren. Besonders
beliebt waren die Familiengottesdienste, aber auch der neue ‚Gottesdienst mal
anders‘, weil unsere Gruppen und Kreise ihn mitgestalteten.
Dass ich als Frau ein Pfarramt führte, empfand ich in dieser Gemeindearbeit
eher als Vorteil und nicht als Nachteil.
Mehlbacher Frauen fragten mich: „Wie sollen wir beten? Wir haben
ja nicht so ein Gebetsbuch wie die Pfarrer!“ Wir sprachen dann ausführlich über
dieses Thema, und danach las ich im Gottesdienst nicht mehr die Gebete der
Agende vor oder von meinen Notizen ab, sondern wagte den Sprung ins kalte
Wasser, betete frei und bekannte auch mal der Gemeinde meinen persönlichen
Glauben. Für die wachsende Mehlbacher Gemeindearbeit
musste dann bald neben der Kirche ein Gemeindehaus gebaut werden.
Doch für mich als
Verantwortliche reichten die Wochentage und Abende längst nicht mehr aus, um
alles zu bewältigen; denn es gab am Anfang in der Gemeinde kaum ehrenamtliche
Gruppenleiter. Deshalb gründete ich zusammen mit Presbyter Otto Klein nach
einem badischen Vorbild unseren ‚Förderverein für Gemeindeaufbau‘ –
eingetragener gemeinnütziger Verein. Dieser war finanziell in der Lage,
Praktikanten von verschiedenen biblischen Ausbildungsstätten als Gruppenleiter
vorübergehend für ein Taschengeld anzustellen. Der Nachteil allerdings war,
dass unsere Praktikanten angeleitet werden mussten, was mich manchmal
überforderte, und sie immer nur für eine begrenzte Zeit bei uns bleiben
konnten.
Deshalb haben jetzt mein
Nachfolger Klaus Zech und seine Frau Margit klugerweise diesen Förderverein in
einen sehr aktiven örtlichen CVJM e.V. umgewandelt, welcher nun einen
ausgebildeten Jugendreferenten fest anstellen und bezahlen kann, der den
Jugendlichen viele verschiedene Aktionen anbietet. Das hat sich inzwischen
hervorragend bewährt.
Es ist klar, dass ein
geistlicher Aufbruch nie ohne Widerstand geschieht, womit ich damals auch
gerechnet hatte. Wir erlebten Querschläge, Eifersüchteleien, Kritik, Gabenneid,
Machtkämpfe und manche Enttäuschungen; denn es ging sehr menschlich bei uns zu.
Auch meinerseits kamen Fehler vor, Versäumnisse und falsches Verhalten, was mir
leid tut und ich heute anders machen würde. So hatte ich unsere Ehrenamtlichen
viel zu wenig gelobt und kaum gefördert, auch ihren Einsatz als
selbstverständlich genommen. Ich hätte ihnen viel mehr Raum anbieten sollen, wo
sie ihre geistlichen Gaben einüben und entfalten können. Und doch hat Gottes
Geist in Menschenherzen einen festen Grund gelegt. Gott sei Lob und Dank!
Weil mir das Evangelisieren
und Missionieren nicht so lag, aber bei uns dringend nötig war, lud ich immer
wieder Evangelisten und Missionare ein, meist mit einem Team von jungen Leuten.
Ein großer Zeit- und Arbeitsaufwand, weil es noch nicht wie heute die einfache
Satellitenübertragung von ProChrist gab. Doch es
geschah damals, dass Gemeindeglieder ihren bisher verschwiegenen Glauben auf
einmal in zeugnishaften Worten und freien Gebeten
ausdrücken konnten. Für mich war es jedesmal eine
innere Beglückung, dieses nachpfingstliche Wunder mitzuerleben, wie der persönliche
Glaube mancher Gemeindeglieder auf einmal sprachfähig wird. Wunderbar! Diese
sagten z.B. daheim, im Dorf oder in der Gruppe, wie Gott ihnen geholfen hatte –
viel wirksamer als alle meine Predigten!
Unsere Kirchendienerin Ilse Kiefaber, die inzwischen in der Ewigkeit ist, hatte die
Gabe, Alte, Kranke und Einsame zu besuchen. Wenn sie dabei Offenheit erlebte,
fragte sie gern zum Abschied auf pfälzisch: „Soll ich noch für eich bäte?“ Bei
Zustimmung sprach sie dann ein freies Gebet und fügte spontan einen Segen
hinzu. Zu meiner Freude unternahmen auch noch einige andere Gemeindeglieder
einen solchen seelsorgerlichen Dienst.
Einen besonderen
Vertrauensvorschuss erlebte ich immer wieder von Trauernden. Sie sagten mir:
„Sie haben es ja selbst erlebt, wie weh es tut, einen lieben Menschen zu
verlieren und allein zurück zu bleiben!“ Ich versuchte dann von meinen Leiderfahrungen etwas weiterzugeben und verschenkte oft
mein Buch „Gott tröstet“, weil ich
leider zu wenig Zeit für eine Trauerbegleitung hatte, die dringend nötig
gewesen wäre. Doch etwas später fragte ich meistens nach, welches Kapitel im
Buch schwierig sei, und wir sprachen dann darüber; denn wenn Trauernde ihre
Gefühle in sich verschließen, besteht die Gefahr, dass sie seelisch oder
körperlich krank werden.
Als ich den Ruhestand langsam
ins Auge fasste, fürchteten meine erwachsenen Kinder, ich würde in ein Loch
fallen. So ließ ich mich für ein Jahr vom Dienst beurlauben, konnte von der
Pfarrwitwenpension leben, war dann oft als Reisereferentin auf
Frühstückstreffen für Frauen an vielen Orten in der BRD unterwegs, auch in
Österreich. Ebenso schrieb ich in das Buch „Reifwerden für Gottes neue Welt“
über das Leben meiner Mutter. Diese zweifache Erfahrung wurde dann später auch
wegweisend für meinen Ruhestand, den ich zuerst in Katzweiler und jetzt im
Heimatort meiner Kindheit und Jugend verbringe.
Hier in Haßloch
bin ich meinen verstreut wohnenden Kindern und Enkeln etwas näher gerückt, und
wir können uns an manchen Wochenenden treffen. Auch habe ich inzwischen, dem
Alter entsprechend, meinen Reisedienst verkürzt und bin meistens nur noch in
der Umgebung oder hier in der Frauenarbeit und in unserem Hauskreis aktiv.
Ebenso traf sich ein Gesprächskreis von jüngeren, trauernden Frauen über eine
längere Zeit in meinem Wohnzimmer, was ihnen half, ihre Trauer zu verarbeiten.
Um eine solche Trauergruppe leiten zu können, machte ich in Karlsruhe eine
entsprechende Fortbildung.
Jetzt wo ich wieder mehr Zeit
habe, entdecke ich gerade mit Freude etwas ganz Neues: ‚Stufen des Lebens‘ – Reli für Erwachsene. Mit Bodenbildern und bewegbaren, 30 cm
großen Biblischen Erzählfiguren, die ich gebastelt habe, lassen sich
Bibelgeschichten anschaulich darstellen und regen die Betrachter zum
Rundgespräch an. Besonders Frauen, auch die Bewohner unseres Altenheims und die
‚Generation 55 +‘ beteiligen sich gern
bei den sich wechselnden Bodenbildern und verleihen den Erzählfiguren Ausdruck
und Sprache. Für mich trotz meiner Kniearthrose eine neue Entdeckung; denn mein
Wahlspruch ist: „Man wird so alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu!“ Er
steht nicht in der Bibel!
Bücher von Hannelore
Risch:
Brockhaus Verlag:
Gott hört dein Gebet – Geschichten der Hoffnung
Gott führt – Schwere Lebenswege bewältigen
Allen Menschen große Freude
Gesegnet um zu segnen
Gott tröstet – Von der Kraft die Trauer zu überwinden
ERF Verlag:
Gott tröstet – Hörbuch
Hänssler Verlag:
Was Frauen mit Gott erleben
Vergeben hilft leben
Wie Gott hilft – Ermutigung in schwierigen Situationen