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Vera Gast-Kellert
Gustav-Adolf-Werk, Pistorisstraße 6, 04229 Leipzig

 

„Wir wollen nicht zweitrangig am Altar sein!“

Zur Situation lettischer Theologinnen

 

„Auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in den letzten Tagen meinen Geist ausgießen, und sie sollen weissagen“ – mit diesen Worten aus der Apostelgeschichte Kap. 2 hatte die Vereinigung Lettischer Lutherischer Theologinnen 2005 zu einer Jubiläumsveranstaltung in Riga unter dem Motto „Die Frau in der Kirche“ eingeladen. Anlass war das 30. Jubiläum der ersten Frauenordination in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland. Der derzeitige Erzbischof Jānis Vanags (seit 1992) hatte die Entscheidung seines Vorgängers, Erzbischof Jānis Matulis, inzwischen ausgesetzt mit Berufung auf die Heilige Schrift und das Argument, der damalige Beschluss sei in der Synode nicht genügend diskutiert gewesen. Bis zum Beginn der Amtszeit von Erzbischof Vanags wurden seit 1975 in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands Frauen ordiniert, von ihnen ist aber nur noch eine, Sarmīte Fišere, in Lettland tätig. Vier sind inzwischen verstorben, andere haben das Land verlassen.

Die Liste der Theologinnen, die in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands im Ausland von Erzbischof Elmārs Ernsts Rozītis ordiniert wurden, zählt dagegen fast vierzig Frauen. Daran wird ein für Lettland spezielles Problem deutlich, das sich aus der Geschichte des Landes erklärt. Die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands im Ausland ging aus den verschiedenen politisch bedingten Emigrationswellen hervor und hat Gemeinden in Schweden, Deutschland, Großbritan­nien, Tschechien, den USA, Kanada und sogar Lateinamerika.

Während die Lutherische Kirche in Lettland selbst die Unterdrückung der Sowjetmacht in ganzer Härte erlebte, hatten die Gemeinden in den westlichen Ländern theologisch stärkeren Anschluss an die Diskussionen der Kirchen im Lutherischen Weltbund, dessen Mitgliedskirchen beide sind. Nachdem in der Amerikanischen Lutherischen Kirchen in den frühen 70er Jahren die ersten Ordinationen von Frauen durchgeführt wurden, ordinierte die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands im Exil, wie die Auslandskirche damals hieß, Agnese Pone (†) 1974 in Deutschland. 1977 wurden zwei weitere Frauen ordiniert – Vera Friscone (†) in den USA und Elvira Blumenfelde-Silina (†) in England. Beide hatten noch in Lettland studiert.

Auf der erwähnten Jubiläumsveranstaltung waren deshalb viele Pfarrerinnen der Auslandskirche anwesend. Wenn auch außerhalb Lettlands lebend, so fühlen sie sich doch als Lettinnen und der Heimatkirche verbunden. Der Anteil der Frauen in der Pfarrerschaft der Auslandskirche liegt nach Auskunft ihres Erzbischofs heute zwischen 40% und 50%.

Die Präsidentin der 1995 gegründeten Vereinigung Lettischer Lutherischer Theologinnen, Vija Klīve, hat die Geschichte der Theologinnen in Lettland zusammengestellt: Ein Theologiestudium auf Universitätsniveau begann in Lettland am 4. Februar 1920 mit der Eröffnung der Theologischen Fakultät an der Universität von Lettland in Riga. Die junge unabhängige Republik Lettland war gerade entstanden. Unter den ersten 15 Studierenden waren vier Frauen. Während der 20 Jahre, in denen die Fakultät existierte, machten 234 Personen ihr Abschlussexamen, 203 Männer und 31 Frauen. Die erste Frau mit einem Abschlussexamen (1923) war Zenta Brauere. Sie gründete 1931 eine Organisation für Theologinnen, die sie auch organisierte und leitete.

Während dieser Jahre lag der Prozentsatz der Theologinnen an der Fakultät zwischen 14 und 20 %. Nach dem Universitätsabschluss fanden viele von ihnen Arbeit als Religionslehrerinnen in Schulen. Frauen wurden nicht ordiniert, sehr wenigen von ihnen war es allerdings erlaubt zu predigen, unter ihnen auch Zenta Brauere.

Im Vergleich mit Deutschland lassen sich durchaus Parallelen feststellen. Beispielsweise machte 1924 die erste württembergische Theologin, Dr. Lydia Schmitt, ihr Examen. Sie wurde Lehrerin, weil es für sie keine kirchliche Anstellung gab. 1925 bildete sich in Deutschland der „Verband evangelischer Theologinnen“.

Der Zweite Weltkrieg und die sowjetische Okkupation brachten für Lettland dann einschneidende Veränderungen im kirchlichen Leben. Nach dem Krieg wurde zunächst die theologische Ausbildung in Lettland vollkommen verboten. Erst 1969 wurde ein akademisches theologisches Studium gegründet und 1976 zum Lutherischen Theologischen Seminar weiterentwickelt. Die Studenten trafen sich mit ihren Lehrern zwei bis drei Tage im Monat in den Räumen des Seminars, studierten aber im Wesentlichen zu Hause, während sie in der übrigen Zeit ihren Lebensunterhalt verdienten. In dieser Zeit wurden die ersten drei Frauen ordiniert. In der schweren Zeit nahm die Kirche ihren Dienst dankbar an. Sie hatten eine unter den Umständen mögliche theologische Schmalspurausbildung. 1975 ordinierte Erzbischof Matulis Vaira Bitena, Berta Stroza and Helena Valpetere (†). Fünf weitere Absolventinnen des Seminars wurden in der Zeit bis 1990 ordiniert: Aleksandra Dombure (†), Irma Kalēja (†), Valda Krūmāja (†), Sarmīte Fišere and Railvija Rozīte.

Mit der Perestroika in der UdSSR öffnete am 1. September 1990 die Theologische Fakultät der Universität von Lettland wieder ihre Tore für die Studierenden. Sowohl Männer wie auch Frauen schrieben sich ein. Der damalige Erzbischof Gailītis ermunterte die Frauen zum Dienst in der Kirche, die dringend gut ausgebildete Theologen und Theologinnen brauchte. Zwei Studentinnen, die ihr Studium am Seminar begonnen hatten und die es an der Theologischen Fakultät fortsetzten – Dace Rubļevska and Aida Predēle – wurden 1991 von Erzbischof Gailītis eingesegnet. Als sie ihr Studium beendeten, hatte die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands einen neuen Erzbischof, Jānis Vanags. Erzbischof Gailītis war am 22.11.1992 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Erzbischof Vanags weigert sich, weitere Frauenordinationen durchzuführen, indem er argumentiert, dass die Bibel und der gesunde Menschenverstand gegen eine Frauenordination sprächen. Allerdings erlaubte er, dass Dace und Aida ihr Studium unbeobachtet von der Öffentlichkeit abschlossen, ordinierte sie aber nicht.

Der Theologie, wie sie mit der historisch-kritischen Methode an der Theologischen Fakultät in Riga gelehrt wird, begegnet die kirchliche Leitung mit Skepsis. Ein Universitätsstudium ist für den Pfarrdienst nicht zwingend erforderlich, wohl aber der Besuch der konservativen Luther-Akademie, einer Art Predigerseminar. Wie die ganze Kirche steht diese unter dem Einfluss der fundamentalistischen „Lutherischen Kirche – Missouri Synode“ aus den Vereinigten Staaten, die keine Frauen ordiniert.

Die Frage der Frauenordination darf also nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss auch im Zusammenhang mit anderen geschichtlich bedingten gesellschaftlichen und kirchlichen Fragen in Lettland gesehen werden, wie der Bedeutung von Hierarchie, Autorität und Amt, dem Mangel an gut ausgebildeten Pfarrern, aber auch mit dem Frauenbild in der lettischen Gesellschaft. Aber das ändert sich langsam seit dem Beitritt des Landes zur Europäischen Union. Die lange Isolierung macht sich immer noch bemerkbar. „Wir müssen lernen zu diskutieren, wir brauchen eine Diskussionskultur“, meint eine der lettischen Theologinnen. Der Kontakt mit dem Ausland ist wichtig.

Trotz der negativen Haltung von Erzbischof Vanags gegenüber der Frauenordination zeigen die Frauen weiterhin ein lebhaftes Interesse am Theologiestudium. Das einzige geistliche Amt, in dem auch Frauen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland zurzeit tätig sein können, ist das der „Evangelistin“. Dieses Amt wird als „geistliche Betreuerin der Gemeinde“ mit „beschränkten Befugnissen“ beschrieben. Sie darf weder trauen noch das Abendmahl einsetzen. Daneben gibt es sogenannte „Kaplane“, die in verschiedenen Institutionen außerhalb der Kirche als Seelsorger und Seelsorgerinnen arbeiten, zum Beispiel in Krankenhäusern, Gefängnissen, bei der Armee, an Flughäfen u.a. Die für diese Arbeit benötigten Qualifikationen werden von der jeweiligen Institution festgelegt. Die meisten haben eine theologische Ausbildung, müssen aber nicht zwingend Geistliche sein. Eine dieser „Kaplane“ ist die Gefängnisseelsorgerin Rudīte Losāne. 2002 schloss sie ihr Studium mit einem Mastertitel in Theologie und Religionsgeschichte an der Theologischen Fakultät ab und arbeitet jetzt als Seelsorgerin in einem Frauengefängnis. Wenn sie mit den Frauen Abendmahl feiern will, dann steht sie vor einem Problem. Ein männlicher Seelsorger darf das Frauengefängnis nicht betreten. Als nicht ordinierte Theologin darf sie kein Abendmahl einsetzen. Also muss sie geweihte Oblaten und geweihten Wein mitnehmen! Das bestätigt, was der Dekan der Theologischen Fakultät, Ralfs Kokins, als zum Katholizismus neigende Tendenzen in seiner Kirche bezeichnet. Dennoch lässt sich Rudīte nicht verbittern. Es gibt auch Gelegenheiten, im Gottesdienst zu predigen bei den wenigen Pfarrern, die die Frauenordination nicht ablehnen und die angesichts ihrer großen Arbeitsbelastung weibliche Unterstützung annehmen.

Auf der Jubiläumsveranstaltung 2005 sprach die junge lettische Theologin Zilgme Eglīte in ihrer Andacht aus, was die Theologinnen in Lettland fühlen. Sie selbst ist 1995 von Erzbischof Elmārs Ernsts Rozītis ordiniert worden, lebt in Lettland, kann dort aber nicht als Pfarrerin arbeiten, sondern verdient ihren Lebensunterhalt in der Wirtschaft. Als Zeichen für die vielen Kummertränen, die die betroffenen Theologinnen geweint haben, bekommen alle Anwesenden ein Stück Bernstein. Das soll die Hoffnung ausdrücken, dass die Kummertränen zu Freudentränen werden. „Wir haben einen Traum. Wir möchten über die verschiedenen Arten sprechen, wie Frauen gemeinsam mit Männern mit ihren geistlichen Gaben der Kirche dienen können. Aber wir wollen nicht zweitrangig am Altar sein!“

Die Jubiläumspredigt schloss Lauma Zušēvica, 1995-2001 Pröpstin der Zentralregion der Auslandskirche, mit den Worten: „Das war der ganze Sinn unseres Dienstes: dass andere Menschen Gott loben.“ Damit betont sie, dass die Frage der Frauenordination für die lettischen Theologinnen nicht ein Kampf von Frauen um bestimmte Rechte ist, sondern dass die Frauen ihrer Berufung folgen, um und Gott und den Menschen zu dienen.

 

Vera Gast-Kellert ist Vorsitzende der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk


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