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Dr. Ludwig Burgdörfer Westbahnstraße 4, 76829 Landau |
…und
ihr habt mich besucht!
Der
Besuchsdienst als Herausforderung. Rolle, Regeln, Risiko
I. Heimspiel. Im Schutzraum der eigenen vier
Wände
Der Besuch ist die vornehmste Art der Begegnung zwischen Menschen. Er stellt ein zu schützendes Kulturgut dar. Wenn er nicht gerade in der Praxis eines Arztes mit bedrohlicher Diagnose stattfindet, dann ist ein Besuch eine durch und durch positiv besetzte Angelegenheit. Der Charme des Besuches besteht vor allem darin, dass er klar als eine begrenzte Veranstaltung definiert ist. Besuch kommt vor und geht auch wieder vorbei.
Das macht ihn auf zweifache Weise sympathisch. Es handelt sich also um ein begrenztes und deshalb einigermaßen kalkulierbares Risiko. In der Regel meldet sich Besuch auch an und wird deshalb erwartet und eingeplant. Er ist, wenn er gelingen soll, kein Überfall und keine böse Überraschung. Und darum ist er möglichst auch verabredet, also gewollt und damit unter günstigen Vorzeichen eingeordnet. Besuch kommt, wann und weil er erwartet wird. Wenn jemand sagt: „Ich erwarte Besuch!“, dann ist das in der Regel eine schöne Aussicht, eine positive Perspektive.
Der Besuch ist auch ein Spiel, ein Rollenspiel. Und dieses Spiel hat mindestens zwei Hauptrollen zu vergeben: Der oder die Besuchte – und der oder die Besucherin. Wer besucht wird, hat den berühmten Heimvorteil, der, wie wir von fast jedem Fußballspiel wissen, eine gewisse Komfortabilität schafft. Gastgeber sein, das heißt: sich auskennen, auch hinter den Kulissen, Regie führen dürfen, Platzwahl haben, etwas anbieten oder auch nicht, im Schutzraum der eigenen vier Wände erstmal sicher sein. Wer kommt und besucht, dem geht es anders. Besucher müssen aus der sicheren Reserve heraus gehen, sich auf den Weg machen, suchen und finden, klingen, anklopfen, ankommen, ablegen, Platz nehmen und sich der Situation ausliefern. Im Grunde sehr ungleiche Rollen, aber gerade deshalb bekommt das Spiel seinen Reiz, seine Spannung, seine erst noch zu erobernden Schlüsselszenen. Die Bühne ist frei, die Rollen fest, aber alles andere ist offen.
Und in diesem setting kann es sein, dass Gespräche möglich werden, die es auf der Straße, über den Gartenzaun, an der Kasse des Supermarktes, aber auch in Gruppen und Kreisen der Kirchengemeinden nicht gibt. Sie stehen nämlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit ganz unter Quarantäne-Bedingungen und im Hoheitsgebiet der Privatsphäre. Da kann es sein, dass manche Scheu und manche Schamgrenze mutig überschritten wird, das Emotionen und Einblicke in das Innere eines Menschen zugelassen werden, wo es sonst nur Kulisse und Fassade zu bestaunen gibt.
Deshalb ist die Besuchsdienstarbeit in unseren Gemeinden eine so viel versprechende Sache. Deshalb entspricht sie mit Ihrer berühmten Gehstruktur einem menschenfreundlichen Entgegenkommen, wie es dem christlichen Selbstverständnis gut ansteht und entspricht. Christen als aufsuchende und nachsuchende Menschen, die sich gerne einladen lassen und im Kommen und Gehen sympathisch werden, attraktiv, interessant, anregend, wohltuend, angenehm.
Der Besuch gehört aus der Sicht Jesu zu den herausragenden Eigenschaften und Ereignissen, die bei seiner Aufzählung von lobenswerten Wohltaten in Matthäus 25 ausdrücklich Erwähnung finden. Und dort ist ja sogar die Zuspitzung des Gedankens so weiter gedacht, dass jeder Besuch, den wir beieinander machen und füreinander riskieren, im Grunde ein Besuch bei Jesus selber ist. „Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besuch.“ (Mt.25,36). Er möchte gerne von uns Besuch bekommen – und zwar indem wir einander besuchen und darum (nicht nur die Kranken) nicht aus den Augen und Herzen verlieren. Die Besuchsdienste in unseren Gemeinden vor Ort sind demnach eine der evangeliumsgemäßesten Lebenszeichen, die wir fördern und üben sollen.
Das Netz an Verbindungen und Kommunikation, das dabei gebaut und gepflegt wird, ist die Basis für jedes vitale Gemeindeleben und Gemeindewachsen und Gemeindesein. Lange bevor wir mit Veranstaltungen, Angeboten und events eine Option für Menschen werden, lange bevor sie zu uns kommen, sind wir als vorbeikommende Besucherinnen und Besucher die Visitenkarten, die als vertrauensbildende Maßnahmen wichtige Vorarbeit leisten und manchmal auch die einzige Verbindung zur Gemeinde bleiben.
Sie dürfen deshalb auch nicht als heimliche Heimsuchungen erfahren werden, bei denen die Besuchten den Eindruck nicht loswerden, sie hätten gerade eine Dauerkarte oder ein Abonnement gekauft, wenn der Besuch gegangen ist. Dem Besuch obliegt eine gewisse Absichtslosigkeit, er ist keine taktische Belagerung, kein troyanisches Pferd. Er ist an und für sich etwas wert, steht ganz selbständig und eigenwertig da, als eine menschenfreundliche Aktion, die über jeden Verdacht von Hintergedanken erhaben ist. Gerade wenn ein Besuch keinen Forderungscharakter hatte, kann er Folgen und Konsequenzen haben. Das aber aus freien Stücken und nicht als programmiertes Ergebnis.
All das zeigt, dass Besuchen eine Arbeit auf höchstem Niveau ist. Guter Wille und Kommunikationsfreudigkeit sind gewiss unverzichtbar. Niemand wird sich dafür zur Verfügung stellen, der von chronischer Menschenscheu geplagt ist. Aber die besten Grundvoraussetzungen für einen freundlichen Umgang miteinander sind noch nicht genug, um auf Dauer gerne und mit Freude im Besuchsdienst mitzuarbeiten.
Deshalb will dieser Aufsatz eine Anleitung zum Konditionstraining dafür sein. Rollenverständnis und Regelwerk sollen vorgestellt und plausibel gemacht werden. Und auch Fallbeispiele für eine überlebensstrategisch wichtige Reaktionsfähigkeit werden am Ende angeboten, damit mit diesem Brief in der Aus- und Fortbildung ganz konkret gearbeitet werden kann.
II. Biblische Hausbesuche
Der Besuch gehört wohl in jedem Kulturkreis zu den genuinen Bestandteilen der Tradition und der Umgangsweisen. Gastfreundschaft ist zweifellos ein Qualitätsmerkmal jedweder Gesellschaftsform. Und so ist es auch kein Wunder, das uns beide Teile der Bibel ein reichhaltiges Besuchsprogramm liefern. In diesen verschiedenen Begegnungen sind durchweg alle Elemente enthalten, die uns bis heute als potentielle Möglichkeiten im Rahmen von Besuchserfahrungen erwarten. Deshalb ist es hilfreich und gut, sie anzuschauen.
Sieben davon habe ich ausgewählt.
Beispiel 1: Gott besucht Abraham und Sara (1. Mose
18)
Verheißungsvolle Gastfreundschaft
Drei Männer kommen in der Mittagshitze zum Zelt Abrahams. Und er spürt sofort, dass es Gott selber ist, der ihn besucht. Und weil die Liebe auch die Liebe zum Gast durch den Magen geht, wird nach allen Regeln orientalischer Gastfreundschaft aufgetischt und gegessen und getrunken. Da ist kein Aufwand zu groß – und da wird auch nicht abgelehnt oder etwa von zu großer unnötiger Mühe gesprochen. Die Gäste nehmen alles an und der Gastgeber gibt alles gern.
Entscheidend ist, dass im Besuch immer ein anspruchsvoller, weil zukunftsorientierter Gesprächsgegenstand eingepackt ist. Es geht um was. Mehr als das, was wir small talk nennen, passiert. Im konkreten Fall ist es die überlebenswichtige Frage nach dem Überleben, also nach Nachkommen. Angesichts des Alters von Abraham und Sara ist die Aussicht auf prophezeite Nachkommenschaft sowohl lachhaft als auch verheißungsvoll. Und allemal spannend, ja atemberaubend ist sie, alles andere als alltäglich.
Der Besuch ist also auch durch seine Kommunikation außergewöhnlich. Und er mündet schließlich in eine Verabredung, die nicht ausschließt, dass es zur Wiederholung kommt. „Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr…!“ (Vers 14)
Mindestens 3 Elemente werden hier also präsentiert: Gutes Essen, gutes weil zukunftsorientiertes persönliches Reden und die Absicht auf ein Widersehen.
Beispiel 2: Hiobs Freunde kommen (Hiob 2, 11-13ff)
Bleiben und Schweigen
Eine der schwierigsten Besuche führt in ein Trauerhaus. Dort ist das Leben ausgezogen. Statt dessen wohnt der Tod unterm Dach. Ein Besuch dort kostet Überwindung. Was soll man sagen? Wie soll man sich verhalten? Alles erscheint angesichts des Elends völlig unbrauchbar, banal, untauglich. Und das ist auch so! Und trotzdem kommen die Freunde, weil sie Freunde sind, Freunde in der Not nämlich. Und was sie tun, das ist so vorbildlich und einmalig, dass man es im Rahmen von Besuchsdienstarbeit gar nicht groß genug heraus stellen kann:
Sie kommen, sie bleiben und sie sagen (erstmal lange) nichts! Das ist eine der schwierigsten Übungen in jeder Begegnung. Angesichts des bodenlosen und trostlosen Elendes, das jemandem widerfahren ist, zu kommen, die Nähe zu riskieren, den Anblick auszuhalten und der Versuchung zu widerstehen, die Flucht durch Ausflüchte in vermeintliche Erklärungen zu suchen. Leid und Tod kennt nämlich keine Plausibilität. Dass so was von so was kommt – das stimmt hier einfach nicht. Und der wirklich ehrliche und menschenfreundliche Besuch im Haus des Elends verträgt keine Erklärungen und keine Vertröstungen.
Was hier nötig ist, ist das Bleiben und das Aushalten von sprachlosem Trauern und Entsetzen. Auch der Glaube kennt diese Solidarität der Betroffenheit und bleibt nicht etwa seinen Auftrag schuldig, wenn erst einmal das Schweigen den Raum lässt für eine Nähe und eine verweilende Zugewandtheit. Dass die Freunde später hinaus nicht umhin können, den Hiob fürsorglich mit ihren theologischen Weltbildern zu belagern und zu quälen, das steht auf einem anderen Blatt. Auch dass am Ende Gott dem Hiob und seinem beharrlichen, ja trotzköpfigen Widerspruchsgeist eher recht gibt, als den Erklärungsversuchen der Freunde, die ihm einfach die Selbstverschuldung allen Übels einreden wollen. Zuerst machen sie aber alles geradezu vorbildlich richtig. Und daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Es handelt sich also durchaus um einen gelungenen Besuch, wenn wir zu Menschen in Leid und Angst und Trauer hingehen, eine zeitlang bleiben, schweigen und wieder gehen.
Beispiel 3: Gott besucht sein Volk (Lukas 1, 68)
Gott gastiert gerne
„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk!“ Zacharias macht das Besuchs-Thema begeistert zum Lobgesang auf Gottes Leidenschaft. Gott selbst ist nicht nur zu Abraham unterwegs, sondern macht mit seinem Sohn Jesus Christus einen unübertrefflichen Besuch im Menschenhaus.
Mit dem Kommen Jesu in die real existierenden Verhältnisse, von der Krippe bis zum Kreuz, macht Gott deutlich, dass er bei uns ein – und ausgehen will und unsere Bereitschaft zur Gastfreundschaft täglich testet. „Komm Herr Jesus sei du unser Gast…“ Das alte Tischgebet markiert die Tatsache der Gastgeberschaft für Jesus am Tisch mehr als deutlich. „Herr komm in mir wohnen…“ singen wir seit alters her. Dass Gott selbst unter die Leute geht und in unseren Schwestern und Brüdern bei uns anklopft und auf Gastfreundschaft wartet, das bleibt eine der größten Herausforderungen unseres Glaubenslebens.
Wir werden niemals eine funktionierende und glaubwürdige Besuchsdienstpraxis in unseren Gemeinden etablieren, wenn wir nicht auch selber begeisterte und überzeugte Gastgeberschaft üben und praktizieren.
Beispiel 4: Maria besucht Elisabeth (Lukas 1, 39-45)
Geteilte Freude
Zwei schwangere Frauen begegnen sich. Sie führt das Wunder zusammen, das Gott an und mit ihnen tut. Was da auf die Welt kommen soll, das ist so unglaublich und wunderbar, dass es eine alleine gar nicht tragen, austragen und aushalten kann. Mitunter drängt auch die Lebensfreude und das unfassbare Glück dazu, einander aufzusuchen, um zu teilen, um sich mit zu teilen, um sich gegenseitig Anteil zu geben, an der Freude und der Spannung, die über dem ganzen Geschehen liegt. Maria eilt sich, ist schnell unterwegs, scheut nicht den beschwerlichen Weg über Stock und Stein und als beide zusammen sind, mündet ihre Begegnung in den gemeinsamen Lobpreis.
Beispiel 5: Jesus als Gastgeber (Joh.1, 35-39a)
Nähe und Nachfolge
Eine selten beachtete Geschichte erzählt uns davon, dass Jesus selbst zu sich nachhause einlädt. Die ersten Jünger sind gerade dabei, sich mit ihm etwas vertraut zu machen. Dazu gehört, ihn nach seiner Wohnung, nach seiner Adresse zu fragen. „Kommt uns seht!“ lautet Jesu Antwort. Und schon sind sie bei ihm zu Besuch. Hier wird auf ganz unspektakuläre weise der unübersehbare Zusammenhang zwischen Nähe und Nachfolge deutlich. Beides bedingt sich nämlich. Wenn wir in unseren Gemeinden zusammen wachsen wollen in Glaube, Gemeinschaft und Dienst, dann nur, wenn wir uns auch gegenseitig die Türen und Herzen füreinander öffnen. Ehe der Besuchsdienst beginnt, fängt das besuchen untereinander an.
Beispiel 6: Jesus besucht Maria und Martha (Lukas 10. 38-42)
Prioritäten setzen
Die eine dient, die andere lässt sich bedienen. Die eine möchte man vom Herd wegholen und der anderen ein bisschen mehr Sensibilität wünschen. Aber so genau, so realistisch ist das, wenn Besuche stattfinden. Die einen führen das Wort und die anderen führen die Arbeit aus. Und manchmal gerät man als Gast sogar zwischen diese Fronten. Jesus auch. Und er favorisiert das vermeintliche schlechte Benehmen der Maria, die die Gunst der Stunde nutzt und den Gast genießt. Manche Besuche scheitern auch einfach daran, dass sie nicht zu einer Begegnung oder einem Gespräch führen vor lauter Geschäftigkeit und Zimmerservice. „Eins aber ist not.!“ (Vers 24) Aktionismus und Gastfreundschaft müssen in eine gesunde Balance gebracht werden.
Beispiel 7: Jesus besucht Zachäus (Lukas 19)
Zielgruppenorientiertes Arbeiten macht unbeliebt
Jesus ist ein leidenschaftlicher Besucher und Kostgänger gewesen. Das hat ihm mitunter das Image eines „Fressers und Weinsäufers“ eingebracht. Aber er hat der so genannten „Geh-Struktur“ bereits den Vorzug gegeben, da noch niemand in diesen Kategorien dachte. Entgegenkommend ist er eben gewesen. Und als Gast hat er die Nähe zu den Menschen gesucht und gefunden. Auch darin ist er uns ein wunderbares Vorbild.
Seine Hausbesuche haben aber nicht immer nur positive Resonanz ausgelöst. Dazu hat er sich zu gern in den Augen seiner kritischen Zeitgenossen die Falschen ausgesucht. Aber gesellschaftliche Klischees haben ihn bekanntlich wenig interessiert. So holt er auch den Zachäus vom Baum und bringt damit die Leute auf die Palme. Als er nämlich seine feste Absicht zum Hausbesuch bei diesem Schurken öffentlich bekannt gibt, da zieht er den ganzen Unmut der guten Leute auf sich, die insgeheim Anspruch darauf anmelden, selbst von Jesus besucht und damit entsprechend geehrt zu werden. Stattdessen sagt Jesus: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Hause einkehren!“ (Vers 5)
Wenn sich in einer Gemeinde ein Besuchsdienstkreis bildet, der sich für eine ganz bestimmte Zielgruppe entscheidet, dann muss immer damit gerechnet werden, dass es Leute gibt, die empört reagieren, weil sie der Meinung sind, dass man sich mal wieder um die Falschen richtig kümmert. Da gilt es ganz behutsam und liebevoll zu vermitteln, dass wir als Christen einen Auftrag haben, der uns eher an die verweißt, die nach Jesu Worten „verloren“ zu sein scheinen (Vers 10).
Beispiel 8: Jesus kommt (nie) zu spät (Joh.11, 21ff)
Einsicht in unsere Grenzen
Lazarus ist gestorben. Der Freund Jesus kommt zu spät. Die Schwestern sind untröstlich und sagen in absoluter Übereinstimmung. „Wärest du hier gewesen, er wäre nicht gestorben!“ Jesus zerreißt es das Herz. Er trauert offen und ohne Scheu. Es macht ihn geradezu wütend, diesen Tod als Faktum zu sehen. Und genau dieses Zu-Spät-Kommen, diese Unfähigkeit das unaufhaltsame zu stoppen begegnet uns pausenlos, wenn wir Menschen besuchen. Mindestens in zweierlei Weise passiert uns das: Einmal kommen wir definitiv immer wieder ach zu spät zu Menschen, wenn Leid und Tod bereits unumkehrbar Faktum geworden sind. Und dann trifft uns immer wieder auch die vorwurfsvolle Frage, warum wir uns erst jetzt um diesen Kummer kümmern. Aber dieses Dilemma ist vergleichsweise noch harmlos gegenüber dem resignativen Verweis auf den deus absconditus, den unbegreiflichen Gott, der nicht verhindert, das Unheil geschieht, dass Menschen immer zu früh, zu plötzlich, zu ungemein unpassend leiden und sterben müssen. Die Gottverlassenheit und die Trostlosigkeit sind da in einem verhängnisvollen Bündnis kaum noch zu entwirren. Und wir stehen da und sind sprachlos und können im Grund nur mit einstimmen in das kyrie eleison und in die Klage und frage nach dem Warum und dem Wozu.
Flüchten können wir uns dann nur noch in die Unbegreiflichkeit Gottes, der auch seinen Jesus später durch Gethsemane und Golgatha hat gehen lassen, um am Ende zu zeigen, dass Tod und Grab nicht Endstationen sind, sondern zum Weg gehören ins licht des Lebens. Aber die Empathie, mit der Jesus die Schwestern erst einmal in ihrer Trauer begleitet, die steht vor dem großen Wunder der Auferweckung. Und das ist wichtig.
Beispiel 9: Paulus besucht Lydia (Apg. 16,
14+15)
Grenzenlos
Manchmal werden Besuche eher unfreiwillig gemacht. Paulus muss wohl mehr oder weniger in das Haus der Lydia gezwungen werden. Nun hat er den großen Sprung herüber gemacht und seine Heidenmission begonnen, ist bis Philippi vor gedrungen und trifft „nur“ Frauen. Darunter ist Lydia, eine erfolgreiche Unternehmerin, die sich mit ihrem ganzen Hause taufen lässt und dann gebührend feiern will. Und da wird der Hausbesuch auf einmal zu einem wichtigen Akt der Anerkennung und Wertschätzung, zu einer Geste, die würdigt und unterstreicht, dass in diesem Hause gerade Großes geschehen ist – und dass es keine Etikette der Welt verbieten kann, dies mit gemeinsamen Feiern zu demonstrieren.
Manche Besuche haben hohe symbolische Überschussbedeutung und markieren den Wert von gelungener und gottvoller Glaubenserfahrung. Und da muss auch ein Paulus über seinen Schatten springen – und wir müssen das dann manchmal auch, wenn wir mitunter „genötigt“ werden (Vers 15).
III. Drehbuch für ein
starkes Stück: Ich mache einen Besuch
worming up
Ein Besuch fängt an, lange bevor er beginnt. Viele Fragen sind im Voraus zu klären:
- Wer soll besucht werden?
- Wie komme ich dazu, diesen Besuch zu machen?
- welchen Auftrag habe ich von wem?
- Bin ich die richtige Person für diesen Besuch, oder wäre jemand Anderes besser geeignet?
- Was qualifiziert mich gerade dorthin zu gehen?
- Wann kann und will ich diesen Besuch machen?
- In welcher Lebenssituation befindet sich der Mensch/ die Menschen?
- Ist der Anlass durch eine biografische Schwelle definiert (Geburtstag, Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Todesfall)?
- Welche Menschen werde ich womöglich zusätzlich antreffen und wie viele?
- Mit welcher Absicht, Botschaft, message will ich dahin gehen?
- Was will ich (außer mir) mitbringen?
- Welche Angebote (am Gemeindeleben zu partizipieren) kann und will ich machen?
- Brauche ich vor oder nach dem Besuch ein Gespräch, einen Austausch oder Beratung?
Diese Fragen beschreiben annähernd die Startbedingungen, unter denen Besuche statt finden. Daran wird deutlich, dass eine erhebliche Klärung vorab geschehen muss. Wenn es in einer Gemeinde eine erklärte Absicht gibt, Besuche zu machen, dann gilt es die Zielgruppe zu definieren und die Leute, die besuchen sollen entsprechend auszubilden und vorzubereiten. In einem Gottesdienst sollten sie schließlich gesegnet und gesendet werden. Damit bekommen sie ein öffentliches Amt, haben ein Mandat von der Gemeinde verliehen bekommen und gehen demnach nicht nur aus eigenem Antrieb, sondern als Botschafterinnen und Botschafter Ihrer Gemeinde. Das soll ihre Rolle definieren und stärken, das soll sie aus dem Verdacht einer reinen Selbstinszenierung herausholen und in aller Transparenz in die offizielle Mitarbeiterschaft integrieren.
Natürlich kann und soll es jede Menge persönlicher und privater Besuche geben, von Haus zu Haus. Aber das ist eine völlig andere Kategorie des Besuches. Worum es im Besuchsdienst einer Gemeinde geht, das übersteigt den persönlichen bzw. privaten Besuch zu Freunden oder Bekannten bei Weitem.
Zu klären ist unbedingt auch die Frage, welche Zielgruppe besucht werden soll. Es ist eben ein großer Unterschied, ob es sich ausschließlich um Geburtstagsbesuche handeln soll, oder ob man sich bewusst dazu entscheidet, die Eltern der aktuellen Konfirmandengruppe anzusprechen. Und selbst bei Geburtstagsbesuchen darf ernsthaft gefragt werden, warum traditionell nur die alten Menschen besucht werden und nicht etwa die 20, 30 oder 40 Jährigen Gemeindeglieder damit überrascht werden.
Entscheidet man sich dafür, gezielt die Kranken in der Gemeinde zu besuchen, dann braucht es dafür eine ganz andere Vorbereitung und Qualifikation. Hinzu kommt in diesem Fall ganz verstärkt auch die Notwendigkeit, sich um die pflegenden Angehörigen ebenfalls zu kümmern. Hier wird die seelsorgliche Herausforderung eine ganz andere sein.
Wenn die Frage der Zielgruppe geklärt ist, dann erst kann entschieden werden, wer für welchen Besuch bei wem geeignet ist. Dazu gehört nicht nur Lebens – und Glaubenserfahrung, sondern auch die Bereitschaft zu einer Aus- und Fortbildung für dieses Ehrenamt. Hinzu kommen andere Affinitäten, wie Lebensalter und Lebensumstände, mögliche Schnittmengen, die eine Begegnung deutlich positive Vorzeichen verleihen.
Trotzdem bleibt jeder Besuch ein unkalkulierbares Risiko, das im Voraus weder zu programmieren noch zu garantieren möglich ist. Die konkrete Lebenssituation, die wir antreffen, muss im Voraus so weit wie möglich wahrgenommen werden. Lebenszyklische Übergänge, die immer als Krisen wahrgenommen werden sind ebenso zu bedenken, wie vermeintlich unproblematische Besuche anlässlich von Geburtstagen oder Jubiläen. Zu bedenken ist immer auch die Tatsache, dass jeder Besuch auch auf Menschen trifft, die man im Voraus gar nicht unbedingt mit eingeplant hat, die aber womöglich in der konkreten Besuchssituation eine bedeutende Rolle spielen. Nachbarn, Freunde, Verwandte, sie alle können eine wesentliche Rolle mitspielen in dem starken Stück, das wir Besuch nennen.
Umso wichtiger ist es, dass ich als besuchende Person eine innere Klärung vollzogen habe, die mich sicher macht im Hinblick auf mein Auftreten und meine Mitbringsel. Was bringe ich als sichtbares Zeichen und Gruß von der Gemeinde mit, was passt? Was möchte ich als Botschaft, als Eindruck, als Anregung, als message vermitteln, andeuten, weitergeben? Wie viel Bedeutung messe ich den möglichen Störungen bei? Wie flexibel kann ich sein, wenn meine Anwesenheit womöglich gar keine Rolle spielt, ich zum Beispiel bei einem Geburtstag an die Jubilarin, den Jubilar gar nicht „rankomme“, weil unentwegt gratuliert, telefoniert oder verabschiedet und begrüßt wird? Wie viel Frustrationstoleranz kann ich aufbringen, wenn ich mich zwar angemeldet habe, aber doch spürbar nicht willkommen bin? Wie gehe ich mit geschlossenen, halboffenen Türen um, wie mit dem Abgespeist werden im Flur oder Treppenhaus? Es ist gut, das alles schon einmal vorher bedacht und in Erwägung gezogen zu haben, ehe es wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf mich niederschlägt.
Nicht ganz spontan, sondern schon mit einer gewissen Vorüberlegung sollte ich Einladungen zu Gemeindeveranstaltungen, Gruppen, Kreisen, Gottesdiensten bereit halten und auch über eine mögliche Verabredung zu einem späteren Zeitpunkt nachdenken. Natürlich kann es sein, dass während des Besuchs alle vorher angestellten Pläne einfach über den Haufen geworfen werden, weil eben doch alles ganz anders ist, wie erwartet.
Unverzichtbar zu dieser Arbeit gehört eine gewisse Form von Supervision, eine Möglichkeit des Austausches, der Aufarbeitung und gemeinsamen Reflexion. Nur so können erlebte Höhen und Tiefen richtig eingeordnet und zur weiteren unverzichtbaren Professionalisierung genutzt werden. Dazu gehört vor allem eine intensive Selbstreflexion und Versöhnung mit der eigenen Geschichte im Glauben, Lieben und Hoffen. Nur mit sich selbst einverstandene, versöhnte, barmherzige, sich selbst aufrecht liebende Menschen, können zu Werbeträgern Gottes und für seine Liebe und Gnade werden. Wer bei sich selber nicht zuhause ist, sollte auch keine Besuche bei anderen machen. Zu anderen Leuten gehen, um nicht bei sich selbst sein zu müssen, ist kein gutes Motiv für die Mitarbeit in diesem wichtigen Dienst. Deshalb bedarf es immer wieder der innerbetrieblichen Bestandsaufnahme und Vergewisserung – auch im eigenen Glauben und Zweifeln – um aus sich heraus und auf andere zu zu gehen.
Chronologie eines
Besuches
Verabredung: Wann habe ich genug Zeit, um ohne Druck nach vorne und hinten für diese Begegnung bereit zu sein. Dieses Angebot mache ich der zu besuchenden Person telephonisch und zeige mich im Übrigen zu Alternativlösungen bereit. Diese Verabredung halte ich genau ein. Ich komme nicht zu früh und nicht zu spät. Ich nutze die Gunst der verabredeten Stunde.
Aufbruch: Ich breche auf nachdem ich im persönlichen Gebet mich selbst vor Gott sortiert habe und Ihn um seinen Segen für diese Begegnung gebeten habe. Das Gebet gehört genuin zur professionellen Besuchspraxis. Mein Aufbruch ist weder hektisch noch zufällig. Ich gehe diszipliniert und gut gerüstet aus dem Haus. Ich habe mich entsprechend angemessen gekleidet und mein Äußeres dem Anlass entsprechend gestaltet. Durch meine Mühe und meine Erscheinung drücke ich die Wertschätzung aus, die ich der bevorstehenden Begegnung beimesse. Mein Aufbruch kalkuliert den Weg und mögliche „Umleitungen“ ein.
Ankommen: Vor der
Haustür atme ich noch einmal tief und bewusst durch. Mein Klingeln ist dezent.
Ich warte, bis man mich herein bittet. Ich stelle mich vor und erkläre ohne
Scheu, wer ich bin und in wessen Auftrag ich komme. Ich entschuldige mich nicht
für mein Kommen.
Eintreten: Ich lasse mich führen und betrete nur Räume, die man mir öffnet. Das gilt übrigens auch für jedwedes Gespräch, das sich ergibt.
Begrüßen, Gratulieren, Kondolieren: Ich versuche möglichst die Hauptpeson zuerst zu erreichen. Gilt es eine Urkunde zu überreichen, so tue ich das nicht im Flur oder Treppenhaus, sondern möglichst vor den anwesenden Gästen und in angemessener Koordination mit meinem Auftreten. Ist eine direkte Kontaktaufnahme mit dem Jubilar/der Jubilarin im Augenblick nicht möglich, mache ich mich zum Warten bereit, ohne Unmutsäußerungen oder gar Forderungen.
Hinsetzen: Ich nehme den Platz ein, den man mir anbietet. Ich lehne die Zeichen der Gastfreundschaft in Form von Essen und Trinken nicht generell ab, wähle aber bewusst aus. Wenn ich zum Beispiel keinen Alkohol trinken will, dann sage ich das und wähle stattdessen ein anderes Getränk.
Gesprächsführung: Wenn man mir den Platz dafür einräumt gebe ich gerne einen Impuls für das Gespräch, indem ich an der konkreten Situation, dem Anlass anknüpfe und dabei mit meiner ganzen Aufmerksamkeit zuerst bei der Befindlichkeit der besuchten Menschen bin und bleibe.
Störungen: Wenn ich als Projektionsfläche für Kirche als Institution missbraucht werde, dann stelle ich mich nur sehr bedingt zur Verfügung, ohne aber zu verurteilen oder gekränkt zurück zu schlagen.
Verabschieden: Die Entscheidung, wann ich gehen kann und soll, die treffe ich alleine. Ich mache sie nicht von der Stimmung, oder gar der Zustimmung zu meiner Person oder meiner Position abhängig. Ich gehe eher früher, als man allgemein erwartet. Vorher sage ich noch, was mir unbedingt wichtig ist, also Dank, Gruß, Einladung, Verabredung o.ä., gebe Karte, Brief, Gruß, Gemeindebrief, oder sonstiges weiter, ohne Hetze und voll konzentriert. Mit besten Segenswünschen für alle, die da sind, gehe ich dann zügig ab. Das Gehen als Selbstinszenierung entwertet rückwärts den ganzen Besuch. Auch im Treppenhaus, Flur und an der Haustür mache ich jetzt keine neuen Fässer mehr auf.
Heimweg: Meinen Heimweg gestalte ich so, dass er nicht zur Bruchlandung wird. Ich begebe mich also nicht sofort kopflos in die nächste Kommunikation oder Situation, die mich schon gleich wieder völlig absorbiert, sondern ich versuche langsam wieder zurück zu kommen und gehe allem aus dem Weg, was mich daran hindern will.
Abschluss: Wenn nötig und/oder möglich mache ich mir gleich zuhause ein paar Notizen, die mir helfen, den Besuch abzuschließen und gleichzeitig etwas davon aufzubewahren. Das kann womöglich für ein späteres Auswertungsgespräch in der Supervision eine wichtige Hilfe sein. Schließlich kann und sollte auch an dieser Stelle das Gebet wieder seinen Platz haben, das in Fürbitte und Dank diesen Menschen und meine Begegnung mit ihm bewusst abgibt und in Gottes Hände legt.
IV. Rolle, Regeln, Risiko. Selbstschutzregeln für eine längerfristig befriedigende Mitarbeit im Besuchsdienst
1. Ich melde meinen Besuch an, frage nach, ob es erwünscht wird, verabrede mich.
2. Ich komme persönlich, aber nicht privat.
3. Ich habe einen Dienstauftrag, bin von meiner Kirchengemeinde legitimiert und autorisiert.
4. Ich repräsentiere nicht in erster Linie mich selbst, sondern meine Gemeinde.
5. Trotzdem bringe ich mich mit, so wie ich bin, mit dem Talent zum Glauben und zum Zweifeln
6 Ich höre auf die Leute, aber ich gehöre ihnen nicht.
7. Demnach bestimme ich selber so weit wie möglich Zeitraum, Länge, Intensität, Themenschwerpunkte, wie viel ich esse und trinke.
8. Ich stelle mich darauf ein, dass ich mit meinem Erscheinen vieles auslöse, was mit mir direkt nichts zu tun hat (Rechtfertigungsdruck, Erinnerung an schlechte Erfahrungen mit „Kirche“, Grundsatzfragen, Lebensthemen: „Was ich schon immer einmal sagen wollte...).
9. Jeder Besuch eröffnet eine unkalkulierbare Abenteuerreise, über dessen Verlauf und Ziel bis zuletzt niemand Bescheid weiß. Bis zur Verabschiedung ist noch alles möglich.
10. Ich weiß, dass es Tage und Situationen gibt (z.B. Geburtstag mit viel Besuch), die einem Besuch im Grunde keine Chance lassen. Eine wirkliche Begegnung ist dann nicht möglich. Dafür kann ich nichts. Ich habe meine Sache trotzdem gut gemacht.
11. Ich wähle bewusst aus, was ich mitbringe und schreibe grundsätzlich eine Karte, in der Wesentliches steht.
12. Ich stehe für das Abladen von Vorurteilen, pauschalen Anklagen nicht stellvertretend zur Verfügung – und ich sage das auch.
13. Ich plane meinen Besuch in meinen Tagesplan so ein, dass ich nicht unter Zeitdruck stehe.
14. Ich bin offen für die Bitte um ein Gebet, einen Psalm, einen Liedvers und habe inwendig oder auswendig dabei, was ich dafür brauche.
15. Ich akzeptiere auch die Verweigerung über den Glauben zu sprechen.
16. Ich bleibe bei allen Fragen echt und wahrhaftig bei dem, was ich für mich sagen kann – und wenn es dadurch erhebliche Unsicherheiten im Umgang mit mir bzw. den Themen des Glaubens gibt.
17. Ich verlange nicht von mir, die ganze Kirchengeschichte, das Papsttum und den Unfrieden auf der Welt zu erklären.
18. Die WARUM-Frage, die Frage nach Gottes „Abwesenheit“ muss ich für mich schon einmal und immer wieder durchdacht und durchlitten haben, ehe ich ausgerechnet beim Besuchsdienst damit konfrontiert werde.
19. Ich weiß, dass ich gehen muss, ehe alle Fragen beantwortet und alle Rätsel gelöst sind.
20. Das Geheimnis von gelingender Begegnung ist Sympathie! Sympathie haben, das heißt wörtlich übersetzt: mitleidend sein, mitfühlend also, zugewandt, zugeneigt, echt und achtsam.
V. Wie viel Glaube
passt in einen Besuch? Der Besuch als missionarische Gelegenheit
Erlebter Glaube drängt zur Weitergabe. Deshalb arbeiten viele überzeugte Christinnen und Christen bewusst im Besuchsdienst mit. Sie haben Gott in ihrem Leben erfahren und das macht sie mutig und motiviert sie zum Zeugnis und zur Weitergabe. „Wir können ja nicht schweigen…“ (Apg. 4,20).
Darum ist Glaube immer der Rede wert, sucht die Kommunikation, braucht den Dialog und den Austausch – unaufdringlich und echt. Der Hausbesuch ist zweifellos eine der vornehmsten und wertvollsten Möglichkeiten, über den Glauben zu sprechen. Er findet schließlich im Schutzraum der Privatsphäre statt und nimmt das Schamgefühl ernst. Deshalb gilt grundsätzlich diese Ebene der Begegnung als geradezu ideal für den Austausch von Glaubenserfahrungen. Und trotzdem muss mit einer gewissen feinfühligen Dosierungskompetenz gearbeitet werden, damit wir nicht schon wieder einmal Antworten auf Fragen geben, die uns die Leute gar nicht gestellt haben.
Es wird also ganz darauf ankommen, herauszuhören und aufzuspüren, welche Anliegen und „Bestellungen“ an uns gerichtet werden. Dabei ist es wichtig, das wir als Besuchende mit einer Grundhaltung antreten, die die Menschen, die wir besuchen nicht als chronisch „unheilbaren“ Heiden ansieht, denen wir in irgend einer Art überlegen wären, sondern sie wertschätzend betrachten als Leute, die von Gott zum Glauben an ihn wie geschaffen sind. Deshalb haben sie einen berechtigten Anspruch an uns, dass wir mit Auskunftsfähigkeit und Auskunftsbereitschaft in Sachen Christsein zu ihnen kommen.
In wiefern Sie diese dann aber in Anspruch nehmen, dass bestimmen Sie ganz allein. Das macht den Besuchsdienst zu einer anstrengenden und anspruchsvolle Dienstleistung, die eine hohe soziale, emotionale, theologische und kommunikative Kompetenz verlangt Ich muss mich immer auch darauf einstellen, definitiv nicht nach dem Glauben gefragt zu werden. Das muss und brauche ich nicht zu ändern. Wenn es passiert, habe ich nicht etwa versagt, sondern meine Rolle im Rahmen dessen, was mein Gegenüber „bestellt“ und gewollt hat, gut ausfüllt. Es gilt zu respektieren, dass ich noch nicht gefragt worden bin und trotzdem soll ich positiv motiviert und interessiert bleiben.
Verschweigen und Warten und Reifen hat auch seine Zeit und gehört zu den unveräußerlichen Menschenrechten. Darum gilt: „Wenn dich dein Kind/ dein Gegenüber morgen fragt…“. Dann sollst du deine Bringschuld nicht verweigern und über den Grund deiner Hoffnung sprechen. Aber erst dann.
Eine wunderbare Bestätigung findet sich ausgerechnet bei Karl May und seiner unnachahmlichen Schilderung der Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand.
Und das klingt im Original dann so:
VI: Angebot und
Nachfrage
Dialog zwischen Winnetou und Old Shatterhand:
Old Shatterhand sagt: „Ob ich ein guter Christ bin, das weiß ich nicht, das weiß nur Gott, aber ich möchte gerne einer sein.“
Darauf Winnetou: „So hältst du uns für Heiden?“
Old Shatterhand: „Nein. Ihr glaubt an den großen Geist und betet keine Götzen an.“
Winnetou: „So erfülle mir eine Bitte!“
Old Shatterhand: „Gern! – Welche?“
Winnetou: „Sprich nie vom Glauben zu mir! Trachte nie danach, mich zu bekehren! Ich habe dich sehr lieb und möchte nicht, dass unser Bund zerrissen wird. Es ist so…: Der Glaube der Weißen mag richtig sein, wir roten Männer können ihn noch nicht begreifen. Wenn uns die Christen nicht verdrängten und ausrotteten, würden wir sie für gute Menschen und auch ihre Lehre für gut halten. Dann fänden wir wohl auch Zeit, das zu lernen, was man wissen muss, um euer heiliges Buch und euere Priester zu verstehen. Aber wer langsam und sicher tot gedrückt wird, kann nicht glauben, dass die Lehre dessen, der ihn tötet, eine Lehre der Liebe ist.“
Darauf antwortet Old Shatterhand verteidigend: „Du musst unterscheiden zwischen der Lehre und ihrem Anhänger, der sich nur äußerlich zu ihr bekennt, aber nicht nach ihr handelt.“
Winnetou kontert: „So sagen die Bleichgesichter alle. Sie nennen sich gern Christen, handeln aber nicht danach. Wir aber haben unsern großen Manitou, der will, dass alle Menschen gut sein sollen. Ich bemühe mich, ein guter Christ zu sein, ein besserer Christ als viele, die sich zwar so nennen, aber keine Liebe besitzen und nur nach ihrem Vorteil trachten. Also sprich nie zu mir vom Glauben und versuche nie, aus mir einen Mann zu machen, der ein Christ genannt wird, ohne es vielleicht zu sein. Das die Bitte, die du mir erfüllen musst.“
Darauf schildert Old Shatterhand zum weiteren Verlauf: „Ich habe sie ihm erfüllt und nie ein Wort über meinen Glauben zu ihm gesagt. Aber muss man reden? Ist nicht die Tat eine viel gewaltigere, eine viel überzeugendere Predigt als das Wort? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Sagt die Heilige Schrift, und nicht in Worten, sondern durch mein Leben, durch mein Tun bin ich der Lehrer Winnetous gewesen, bis er einst, nach Jahren, an einem mir unvergesslichen Abend, mich selbst aufforderte, zu sprechen. Da saßen wir beisammen und in jener weihevollen Stunde ging all der im stillen gesäte Samen auf und brachte herrliche Frucht“(aus: Karl May, Winnteou 1, Seite 392f).
Literatur
Gärtner, Heiderose, Gute
Gespräche führen. Ein Arbeitsbuch für gelingende Besuche im Krankenhaus,
Altenheim und in der Gemeindearbeit, Gütersloher Verlagshaus, 2004
Vorländer Wolfgang, Vom
Geheimnis der Gastfreundschaft, Brunnen 2007
May Karl, Winnetou, Band 1
Domay, Methfessel (Hrsg.):
Arbeitsbuch Trauernde begleiten, Gütersloher Verlagshaus, 2004
Risch Hannelore, Gott
tröstet, Brockhaus Verlag, Wuppertal, 1989
Brathuhn, Drolshagen, Lamp, Schneider (Hrsg.): Manchmal wird das Wort zum Zeichen.
Texte für schwere Stunden, Gütersloher Verlagshaus, 2005
Schmidbauer Wolfgang,
Hilflose Helfer. Über die seelische Problematik der helfenden Berufe, Rowohlt
Verlag, Reinbeck 1992
Stroeken Harry, Kleine Psychologie des Gesprächs. Ein
praktischer Ratgeber, Vandenhoek & Ruprecht,
Göttingen Zürich, 1993