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Prof. Dr. Angela Berlis
University of Utrecht, Heidelberglaan 2, Postbus 80 105, NL-3508 TC Utrecht

 

Auf den Leib geschrieben: Priesterin sein

 

„Habe mich heute Nacht

an Gott verbrannt

 

Bin in ein Meer aus Brennesseln hineingeraten

ungewollt natürlich

 

Muß jetzt dafür büßen

Das Feuer ist in meine Haut gekrochen

hat meine Seele mit Rauch geschwärzt

 

Werde das brennende Gefühl nicht los

daß ich dem Feuer anheim gefallen bin

ihm nun ganz gehöre.“[1]

 

Dieses Gedicht mit dem Titel „Telegramm über eine Berufung“ habe ich vor ein paar Jahren geschrieben. Es handelt vom Gottesgeist als brennendem Feuer. Durch diesen Geist fühle ich mich in meinem Leben geführt als Frau und Priesterin.

 

Der weibliche Körper

Mein Weg ins Priesteramt war lang. „Schade, dass Angela kein Junge ist“, seufzte meine Grundschullehrerin, Frl. Petter, einmal meiner Mutter gegenüber, „sonst könnte sie Priester werden“. Meine Mutter hat mit diese Episode erzählt. Sie konnte damals nicht wissen, dass ich ein paar Jahrzehnte später tatsächlich Priesterin sein würde. Als ich mit 18 Jahren zum Wintersemester 1981/82 in Bonn das Theologiestudium begann, gab es in der alt-katholischen Kirche für Frauen noch keine Aussicht auf ein kirchliches Amt. Erst nach und nach kam es im deutschen alt-katholischen Bistum und auf internationaler Ebene zu Beschlüssen, welche die Einbeziehung von Frauen in das dreifache Amt (Diakonat, Presbyterat und Episkopat) ermöglichten. Ich habe diese Diskussionen mitgemacht und kenne die theologischen Argumente für und wider bestens. Aber es ist keine Sache des Kopfes allein; ich kann wohl sagen: Ich habe diese Debatte am eigenen Leibe erfahren. Oft argumentierten die Gegner mit dem Frauenkörper, etwa in der Behauptung, Frauen könnten Christus nicht repräsentieren, d.h. verkörpern, weil sie Frauen sind. In der heißesten Diskussionsphase sagte einmal eine Frau zu mir, für sie sei eine Schwangere am Altar das absolute Argument gegen die Frauenordination. Ich fand, dass sie Frauen auf Körper und Sexualität reduzierte. Später, als ich dann in einer Gemeinde arbeitete und hochschwanger am Altar stand, war es wieder eine Frau, die sich dazu äußerte: „An dem Ort, wo es zutiefst um das Leben in Christus geht, verkörperst Du mit deinem dicken Bauch etwas von diesem neuen Leben“. Sie hatte es begriffen, ihre Aussage machte mich froh. Zugleich war es wie eine Replik auf die andere Frau.

Ich habe mich viel mit der Frauenordination beschäftigt und mancherlei gelernt. So fühlte ich mich anfangs unbehaglich, wenn Leute über eine „Priesterin“ sprachen. Die weibliche Endung war gewöhnungsbedürftig. Obendrein erinnerte sie mich an heidnische Priesterinnen – neben denen es allerdings auch heidnische Priester gab. Eine meiner Kolleginnen in Österreich, eine Religionswissenschaftlerin, nennt sich selbst stets „Priester“. Ich finde es inzwischen ganz normal, wenn Menschen über Priesterinnen sprechen. Meine Weiblichkeit prägt mich und das Amt, das ich verwalte.

 

Durch die Brennesseln

In den Diskussionen über die Frauenordination, die in der alt-katholischen Kirche zwischen den siebziger und neunziger Jahren geführt wurden, hat mich bisweilen erschüttert, welche Frauenbilder in den Köpfen herumspukten. Das hatte ich in meiner doch recht liberalen Kirche nicht erwartet. Frauen wurden da manchmal sehr schnell auf Dienen und Kochtopf festgelegt, während gleichzeitig die Verantwortung der Laien (Männer und Frauen) gerühmt wurde. Diese Ambivalenz ist glücklicherweise geschwunden, auch wenn es natürlich immer noch Leute gibt, die erstaunt sind, dass Frauen voll im Beruf stehen und dabei zugleich Ehefrau und Mutter sein können.

Ich habe in den letzten 20 Jahren gelernt, mit Widerstand umzugehen. Immer wieder begegne ich Menschen, die gegen die Frauenordination sind. Ich fühle mich dadurch nicht persönlich angegriffen, aber verletzend ist es schon. Eine Kollegin in den Niederlanden erlebte, dass jemand die Kirche verließ, sobald sie aus der Sakristei kam. Das ist mir glücklicherweise bis heute noch nicht passiert. Doch frau muss stark sein, ein starkes Selbstbewusstsein und eine strapazierfähige Frustrationstoleranz haben. Was mich stark macht, ist, dass ich tief in mir weiß: Die Frauenordination ist richtig. Sie ist richtig für die Kirche, denn Frauen im Amt beeinflussen die Kirche tiefgreifend. Sie ist richtig für meinen persönlichen Weg. Ich wurde zu Pfingsten 1996 gemeinsam mit einer anderen Frau zur Priesterin geweiht. Dies war in zweifacher Hinsicht symbolisch: Für die Kirche bedeutete es, dass, wie schon beim ersten Pfingstfest, die Türen aufsprangen und der Wind – ein Symbol für den Pfingstgeist, der alles neu macht – hindurchwehte. Für uns Frauen bedeutete es die Anerkennung unserer geistlichen Berufung. Das Bewusstsein, dass sie richtig ist, trägt mich in meiner Arbeit und über alle Widerstände hinweg. Trotzdem habe ich mich natürlich manchmal gefragt, warum ich diejenige sein musste, die als erste in Deutschland den Weg durch die Brennesseln ins Diakonat (1988) und dann acht Jahre später ins Priesteramt für Frauen zu gehen hatte. Ich hatte es nie erstrebt, die erste zu sein. Zugleich weiß ich: Es ist, wie es ist und sein soll: Das Feuer ist mir unter die Haut gekrochen, in meinen Körper hinein.

In den ersten Jahren kam es häufig vor, dass ich die einzige Frau in einer priesterlichen Männergesellschaft war. Auch mit der Weihe weiterer Frauen hat sich daran noch nicht viel verändert – wir sind immer noch zu wenige. Wir Frauen teilen die Erfahrung, oft die einzige Frau in kirchlichen Kommissionen, bei regionalen Pastoralkonferenzen oder im Kreis der Dozenten zu sein. Ab und zu ärgere ich mich, dass ich als einzige Frau für die Interessen von Frauen einstehen und ihre Sichtweise einbringen muss. Wo Frauen ins Amt kommen, stimmt nicht mehr einfach alles so wie bisher. Es fing mit dem Weihegebet an, das sich traditionell nur auf die zwölf Apostel berief – Maria von Magdala, die „apostola apostolorum“ wurde eingefügt. Es ging weiter mit anderen Gebeten, Gebräuchen, aber auch mit der liturgischen Kleidung. So bekam unser Bischof wunderschöne Stolen aus Rumänien, die alle auf Brusthöhe eine steife Abbildung eingenäht hatten – untragbar für Priesterinnen mit Busen!

Manchmal tut es gut, aus den priesterlichen Männerkreisen auszubrechen und in Netzwerken zu verkehren, in denen Frauen unter sich sind, Erfahrungen miteinander austauschen, einander inspirieren oder einander einfach Wissen weitergeben. Als alt-katholische Frauen im Amt bzw. als alt-katholische Theologinnen haben wir uns bisher nur sporadisch getroffen, erstmals 1994 am Rande eines Internationalen Alt-Katholikenkongresses. Ein Foto von diesem Treffen hing jahrelang in meinem Arbeitszimmer. Ein ökumenisches Theologinnen-Netzwerk ist das von der niederländischen feministischen Vorhut Catharina Halkes und Fokkelien van Dijk 1976 gegründete „IWFT Vrouwennetwerk Theologie“ oder die „Europäische Gesellschaft für Theologische Forschung von Frauen“ (ESWTR). Natürlich sind meine Fragen nicht immer identisch mit denen anderer Frauen. Trotzdem erfahre ich in diesen Frauennetzwerken solidarische Schwesternschaft und habe über die Jahre viele Freundschaften geknüpft, die tragen.

 

Ein Auge, das immer mitschaut

Die feministische Theologie hat großen Einfluss auf mein Denken und meine Arbeit. Sie ist vielleicht nicht immer sofort zu bemerken; sie ist eher wie ein Auge, das mitschaut. Das kritische Nachdenken über theologische Selbstverständlichkeiten aus feministischer Perspektive färbt meine Art zu glauben und Amtsträgerin zu sein. In meinen Predigten beziehe ich oft Erfahrungen von Frauen ein oder predige über Frauen aus Bibel und Tradition. Hier liegt m.E. eine große Chance und eine wichtige Bedeutung der Frauenordination: Ordinierte Frauen erzählen Geschichte/n mit Autorität neu und tragen sie weiter.

Als Seelsorgerinnen hören Priesterinnen bzw. Pfarrerinnen die Erfahrungen von Frauen und geben ihnen einen theologischen Ort. Frauen teilen ihre (körperlichen) Erfahrungen oft leichter mit einer anderen Frau. Eine alte Frau erzählte mir einmal, sie habe mit meinem männlichen Kollegen noch nie über die schwierigen Geburten ihrer Kinder reden können, obwohl sie ihn als Gesprächspartner sehr schätzte. Das gleiche gilt für Gewalt und Vergewaltigung. Derartige Erfahrungen bekommen durch Theologinnen und Amtsträgerinnen einen Ort im theologischen Denken und Sprechen.

 

Mutter und Freundin

Ich habe den Eindruck, dass ich als Theologin und Priesterin gehört werde. Ich erfahre große Offenheit – vielleicht der Vorteil einer Pionierin. Darin liegt aber auch eine große Verantwortung. In meiner Dissertation habe ich die Geschichte der Frauen in der Anfangsphase des deutschen Altkatholizismus ausgegraben und einmal eine Geschichtswerkstatt darüber veranstaltet, offen für Studierende und Interessierte. Viele Teilnehmerinnen meldeten mir danach zurück, sie hätten das Gefühl, ihnen werde ein Stück ihrer eigenen Geschichte wiedergegeben. Für sie wurden die historischen Frauen als Vormütter und Identifikationsfiguren lebendig. Ein paar dieser Vormütter haben im 19. Jahrhundert eine Litanei verfasst, und heute gibt es Frauen, die Teile aus dieser Litanei in Frauenliturgien wiederverwenden. So wird Geschichte lebendig.

Seit den neunziger Jahren kombiniere ich Wissenschaft und Seelsorge. Auch wenn ich derzeit keine eigene Gemeinde leite, da ich eine volle Stelle als Rektorin des Alt-Katholischen Seminars und als Professorin an der Universität Utrecht habe, versuche ich diese Verbindung aufrecht zu erhalten. Denn so kann ich Einsichten aus dem einen Gebiet für das andere fruchtbar machen. Als Priesterin aber, auch als Theologin, sehe ich es als meinen Auftrag an, Menschen den christlichen Glauben aus lebendiger Tradition zu vermitteln. Persönlich kann ich dies nur wahrmachen, wenn ich die Einsichten theologischer Frauen- und Geschlechterforschung einbeziehe und auf die Spiritualität hin übersetze. Ich will ehrlich und kritisch mit der Tradition umgehen und nicht alles nur wiederholen. Ich kann und will Gott nicht nur als allmächtigen Vater verkündigen. Ich weiß, dass Gott auch Mutter und Freundin ist, die uns die Weisheit auf unseren Lebensweg schickt, deren Feuer in uns brennt.

 

Berufung

 

Angebrannt

von Gottesfeuer

 

Übergelaufen

durch Gotteshitze

 

Übergeschäumt

durch Geistflamme

 

Riechend

nach Gottesbrand

 

Im Gottesgeruch stehend

bin ich Prophetin geworden

 

Gebrandmarkt

zur Priesterin Deines Feueratems

spreche ich Linderung zu

indem ich Gottesfeuer verkünde.



[1] Dieser Beitrag erschien ursprünglich in: Aan den lijve ondervonden. Over priester zijn, in: Freda Dröes / Kitty Mul / Jasja Nottelman / Marian Papavoine (red.), Met passie en verbeelding. IWFT Vrouwennetwerk Theologie 25 jaar. Een terugblik met handreikingen voor de toekomst, Gorinchem (Narratio) 2001, 97-100. Er wurde für diese Veröffentlichung leicht überarbeitet. Das Gedicht wurde veröffentlicht ebd., 97.


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