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Michael Behnke Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken |
Kirchen nach dem Sozialismus
Wie christlich sind die neuen EU-Mitgliedsstaaten, die zum Ostblock gehörten?
Es muss gegen Ende der 90er Jahre gewesen sein. Nachmittagsunterricht. Ich saß zum ersten Mal nach den Sommerferien mit meinen fünf Ethikschülern der 5. und 6. Jahrgangsstufe zusammen, um mein Programm mit ihnen zu besprechen, als es an der Tür klopfte. Herein kam ein schmales, ziemlich verunsichert wirkendes Mädchen, das sich als Janine aus Leipzig vorstellte. Da sie weiterhin den Ethikunterricht besuchen möchte, wurde sie zu mir geschickt. Das Interesse meiner internationalen Schülerschar (2 Vietnamesen, 1 Ägypter, 1 Pfälzer und 1 Saarländer) war schlagartig geweckt: „Wo issen des? Wie issen das dort so? Was issen dort anerscht als bei uns?“ Nachdem ich der sichtlich verdutzten Janine das Ganze ins Deutsche übersetzt hatte, gab sie beredt Antwort auf unsere Fragen. Die für mich interessanten Aussagen bezogen sich auf den Religionsunterricht und das Christentum in den neuen Bundesländern. RU gebe es auch in Leipzig, doch seien die Gruppen so klein, dass sie als Jahrgangskurse Nachmittagsunterricht bekämen. Der Ethikunterricht hingegen finde als normaler Klassenunterricht in den Morgenstunden statt. Also genau umgekehrt wie bei uns! Darum war Janine auch so erstaunt, dass von 270 Schülern der 5. und 6. Klasse des Helmholtz-Gymnasiums in Zweibrücken gerade mal 6 den Ethikunterricht besuchten.
Zum Christentum konnte sie so gut wie gar keine Angaben machen. Sie selbst sei nicht getauft, wie alle in ihrer Familie und Verwandtschaft. Christen kenne sie keine, habe auch nie Kontakt zu irgendwelchen kirchlichen Gruppen gehabt.
Wohlgemerkt, das waren die Aussagen einer 12-jährigen, die aus einem total entchristlichten Milieu stammte. Davon ist nichts Repräsentatives abzuleiten. Für mich war es aber der erste schulische Kontakt mit einer Realität in den neuen Bundesländern, die ich bislang nur aus Büchern, Reportagen oder Statistiken kannte. Ich wusste ja um den großen Rückgang des Christentums in der DDR noch vor der Wende. Aber hatte nicht die Nikolaikirche in Leipzig mit ihren Montagsgebeten und den sich daraus entwickelten Montagsdemonstrationen maßgeblich dazu beigetragen, dass das Regime der DDR friedlich implodierte? Sind diese Demonstrationen mit ihren Lichterketten und Gebeten nicht in das allgemeine Bewusstsein wenigstens der Leipziger übergegangen? Haben die Eltern dies nicht ihren Kindern erzählt? Janine wenigstens wusste nichts davon, obwohl sie aus einer bildungsoffenen Mittelschicht-Familie kam.
Diese Geschichte blieb zunächst Episode in meinem beschaulichen hinterpfälzer Lehrerleben. Erst vergangenes Jahr sollte sie mir wieder zu Bewusstsein kommen, als ich mit meinem Grundkurs Evangelische Religion der 11. Jahrgangsstufe in einem Projekt die folgenden Fragen untersuchen ließ:
1. Wie christlich sind die Bevölkerungen der neuen EU-Mitgliedstaaten, die zuvor zum sozialistischen Ostblock gehörten? In den letzten Jahren sind zehn ehemalige Ostblockstaaten in die EU aufgenommen worden. Allerdings wird dabei unterschlagen, dass ein elfter Staat schon seit 1990 der EU angehört, nämlich die durch die Wiedervereinigung aufgelöste DDR. Darum widmeten wir auch diesem Staat eine eigene Betrachtung.
2. Welchen Einfluss hatten die religionsfeindlichen kommunistischen Regime auf die christlichen Kirchen in den untersuchten Staaten? Der Blick wird hier auf die evangelischen Kirchen gerichtet sein.
Mittels Internet-Recherche und zusätzlicher Materialien fanden meine Schüler sehr schnell verlässliche Daten, die sie zu erstaunlichen Ergebnissen führten[1].
Die Methode
Zunächst untersuchten wir den Anteil der christlichen Bevölkerung (getrennt nach den großen Kirchen) im heutigen Deutschland. Danach warfen wir den Blick auf die Entwicklung in der ehemaligen DDR. Schließlich betrachteten wir uns die christlichen Bevölkerungsanteile der neuen EU-Staaten von Nord nach Süd. Wir begannen also mit Estland und endeten in Bulgarien.
Ehemalige BRD und heutiges Deutschland
Nach einer fowid-Untersuchung aus dem Jahr 2005[2] waren 1961 96,6% der Westdeutschen Mitglieder der großen christlichen Konfessionen (51,1% ev, 45,5% rk). Im Jahr 1987 ging der Wert auf 84,5% zurück (41,6 ev, 42,9 rk). Im Jahr der Wiedervereinigung, 1990, fiel der Anteil auf 72,3% (36,9 ev, 35,4 rk). Schließlich sank der Wert für 2005 auf 61,85% ab (30,8 ev, 31,0 rk), Tendenz weiter fallend. Der Anteil der Konfessionslosen hingegen ist von 3,9% im Jahr 1970 auf 32,5% in 2005 angestiegen, Tendenz steigend.
Natürlich lässt sich weiterhin ein innerdeutsches Gefälle zwischen alten und neuen Bundesländern erkennen. So liegt der Anteil der Konfessionslosen in den neuen Bundesländern zwischen 66,1% in Thüringen und 80,6% in Sachsen-Anhalt. In den alten Bundesländern liegt der Anteil der Konfessionslosen in Bayern bei 20,9% und in Berlin (incl. Ost) bei 69%.
DDR
Die Verfassung der DDR schrieb Religionsfreiheit vor und gewährte sie auch formal. Allerdings versuchte der atheistisch ausgerichtete Staat den Einfluss der Kirchen zurück zu drängen und vor allem die Jugend dem Einfluss der Kirche zu entziehen.
Im Jahr 1950 waren 95% der DDR-Bürger Mitglied einer christlichen Konfession (85 ev, 10 rk). Doch führte die aggressive antikirchliche Politik seit 1950 dazu, dass die evangelischen „Jungen Gemeinden“ kriminalisiert wurden und aus den Oberschulen und Universitäten entfernt wurden. In der Folgezeit wurden junge Christen immer wieder vom Besuch der Oberschule und der Universität ausgeschlossen. Dazu kamen andere offene oder subtilere Repressalien. Diese Politik führte schließlich dazu, dass der Anteil der Christen bis 1989 auf 30% (25 ev, 5% rk) zurück gegangen ist. Weniger als ein Drittel der ehemals 95% Christen sind nach 40 Jahren religionsfeindlicher Politik in der DDR übrig geblieben und mit der Wende hat diese Tendenz nicht abgenommen. Die ostdeutschen Kirchen verlieren weiterhin Mitglieder[3].
Estland
Seit der Reformation wurde dieses Land durch die skandinavische Form des Luthertums geprägt. Die Estnisch Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) hatte 1917 über 920.000 Mitglieder. Nach Jahrzehnten der Verfolgung und Unterdrückung durch die atheistisch geprägte Politik der Sowjetunion wurde die Bevölkerung der Religion entfremdet. Heute bekennen sich noch 167.000 Esten (13,6%) zum Luthertum, das damit immer noch die bedeutendste christliche Gruppierung stellt. Obwohl eine Minderheit ist die EELK heute eine quasi offizielle Kirche in Estland. Sie ist verantwortlich für die Gottesdienste zu Beginn von Parlamentseröffnungen, ihr Erzbischof ist die Zentralfigur in der öffentlichen Religion. Außerdem dominiert die EELK die Theologenausbildung an der Universität in Tartu und an der kirchlichen Hochschule in Talinn.
Heute gehören nur noch ca. 30% der Bevölkerung christlichen Kirchen an. Neben der EELK sind 12,8% der Bevölkerung orthodox, 0,5% Baptisten und 0,5% römisch-katholisch. Insgesamt gibt es zehn christliche Kirchen und Gemeinschaften[4].
Damit liegt der Anteil der Konfessionslosen wie in der ehemaligen DDR bei 70%.
Lettland
Wie sein nördlicher Nachbar Estland wurde Lettland seit der Reformation vom Luthertum geprägt. Die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands hat nach eigenen Angaben 580.000 Mitglieder (2006). Damit sind 26% der Letten Glied dieser Kirche. Zwischen 2004 und 2007 hat die lutherische Kirche 24.500 neue Mitglieder gewonnen und gehört damit zu den wenigen Kirchen Europas, die im 21. Jahrhundert wächst. Allerdings ist sie streng konservativ ausgerichtet: Sie lehnt strikt Homosexualität und die Frauenordination ab[5].
Der Osten Lettlands ist mehrheitlich katholisch (24%). Daneben gehören 9% der Letten der orthodoxen Kirche an[6].
Aus den Zahlen ergibt sich, dass 59% der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Konfession ist. Der Anteil der Konfessionslosen liegt bei gut 40%.
Litauen
Hier ergibt sich ein ganz anderes Bild, denn der größte Teil der Litauer, nämlich 80%, sind römisch-katholisch. Zur russisch-orthodoxen Kirche gehören 4,1% und zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Litauen nur 1,9 der Bevölkerung[7].
Auch hier durchlebte die lutherische Kirche schwere Zeiten während der Sowjetunion. Hatte die lutherische Kirche 1945 noch 120.000 Mitglieder, so verlor sie durch Flucht, Emigration und Unterdrückung den Großteil ihrer Gläubigen. Heute gehören nur noch knapp 20.000 Litauer der lutherischen Kirche an. Wie die lettischen Lutheraner hält auch die lutherische Kirche Litauens an einem dezidiert konservativen Kurs fest. Trotz großer innerer Auseinandersetzungen lehnte die Synode im Jahr 2000 sowohl die Frauenordination als auch die Segnung homosexueller Paare ab. Darüber hinaus verwarf die Synode die historisch-kritische Schriftauslegung[8].
Die Zusammenstellung der Zahlen ergibt, dass 86% der Litauer christlich geprägt sind. Man kann hier von einer christlich orientierten Gesellschaft sprechen.
Polen
ist auch heute noch ein durch und durch katholisches Land. Fast 90% der Bevölkerung gehören zu dieser Kirche und 70% der Katholiken praktizieren ihren Glauben. Daneben sind 1,3% der Polen polnisch-orthodox und nur 0,2% evangelisch-lutherisch. Weitere christliche Minderheiten sind Reformierte, Methodisten, Baptisten, Zeugen Jehovas, Pfingstler, Adventisten, altkatholische Mariaviten usw[9].
Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen hatte vor dem 2. Weltkrieg ca. 400.000 Mitglieder (75% deutsch- und 25% polnischsprachig). Infolge der Zwangsaussiedlung der deutschstämmigen Gemeindeglieder nach dem Krieg ging die Zahl auf etwa 100.000 Glieder zurück. Da in der Nachkriegszeit die Evangelischen mit den Deutschen unzutreffend identifiziert wurden, verfolgte man sie mit Misstrauen. Heute gehören noch 80.000 Polen dieser Kirche an.
Eine interessante Nebennotiz: Die ehemaligen Premierminister Jerzy Buzek und Adam Malysz sind Mitglieder der lutherischen Kirche[10].
Polen ist trotz 40 Jahre Kommunismus und Atheismus eine christliche Gesellschaft geblieben. Gut 92% der Polen gehören einer christlichen Kirche oder Gemeinschaft an.
Tschechien
Hier überwiegt wieder der Anteil der Konfessionslosen (59%). Die römisch-katholische Kirche ist mit 26,8% die größte christliche Gemeinschaft in Tschechien und nur 2,3% sind Protestanten. Weitere 3,2% gehören zu nichtchristlichen Religionsgemeinschaften. Insofern sind nur 29,1% der Tschechen Mitglied einer christlichen Kirche[11].
Der größte Teil der Protestanten gehört zur Evangelischen Kirche der böhmischen Brüder (EKBB). In ihr vereinten sich bei ihrer Gründung 1918 die lutherischen und reformierten Gemeinden Böhmen und Mährens, deren historische Wurzeln zu den böhmischen Brüdern zurück reichen. Die EKBB wurde während der deutschen Besatzungszeit verfolgt. Sie wuchs in den 50er Jahren stark an und hatte damals etwa 350.000 Mitglieder. Das kommunistische Regime ging besonders in den Jahren 1951 bis 1957 mit harter Hand gegen alle oppositionellen Kräfte vor und verfolgte auch den Klerus, was besonders die katholische Kirche betraf[12]. Doch müssen die Auswirkungen auch die EKBB getroffen haben, denn diese Kirche hat heute nur noch 120.000 Mitglieder[13].
Der evangelische Theologe Josef Hromádka (1889-1969) muss hier erwähnt werden. Er hatte über sein Land hinaus großen internationalen Einfluss. Er bejahte besonders in der Nachkriegszeit den Realsozialismus „als Chance für die Kirche sich von den Bindungen an das Bürgertum zu befreien und den Antikommunismus zu überwinden“[14]. Hromádka gründete 1957 die „Christliche Friedenskonferenz“ die als erste internationale Initiative blockübergreifend die Atomwaffengefahr in Ost und West anprangerte[15].
Slowakei
Gemäß der Volkszählung von 2001 gehören 68,9% der Bevölkerung zur römisch-katholischen Kirche, 9% sind Lutheraner und Reformierte, 4% griechisch-katholisch und 1% orthodox. Daneben gibt es noch Methodisten, Baptisten, Adventisten und Zeugen Jehovas, die während der CSSR verboten waren.
Leider konnten keine Daten über die Evangelisch-Augsburgische Kirche und die Evangelisch-Reformierte Kirche in der Slowakei ermittelt werden.
Bei der o.a. Volkszählung nannten sich 12,9% konfessionslos, 3% machten keine Angaben[16]. Nach den Zahlen gehören demnach 82,9% der Slowaken zu einer christlichen Gemeinschaft. Auch hier ist es erlaubt, von einer christlich geprägten Gesellschaft zu sprechen.
Ungarn
Gemäß der Volkszählung von 2001 gehören 74,37% der Ungarn einer christlichen Kirche oder Gemeinschaft an. Auch hier gehört die Mehrheit der katholischen Kirche an (54,5%), 15,9% sind reformiert und 3% Lutheraner, daneben gibt es eine baptistische Minderheit (ca. 18.000).
Die kommunistische Regierung Ungarns verfolgte im Gegensatz zur DDR eine eher moderate Religionspolitik. Die christlichen Kirchen wurden kaum unterdrückt.
Der Anteil der Konfessionslosen liegt bei 14,5%. Interessant ist, dass bei der Volkszählung nur 280 Personen ausdrücklich angaben, Atheisten zu sein[17].
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn hat nach eigenen Angaben etwa 300.000 Mitglieder. Von Verfolgungen in der Nachkriegszeit wird nichts berichtet. Angaben zur erstaunlich großen reformierten Kirche Ungarns konnten nicht gefunden werden[18].
Interessant ist die Entwicklung der ungarischen Baptisten. In der Zeit von 1999 bis 2005 ist die Zahl der Gemeinden von 245 auf 330 angestiegen. Entsprechend erhöhte sich auch das Steueraufkommen um 30%. Alle anderen Kirchen mussten zur gleichen Zeit Einnahmeverluste hinnehmen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die Baptisten unter Roma und Sintis. Allein hier entstanden in den vergangenen Jahren 25 Gemeinden[19].
Slowenien
Entsprechend der Volkszählung von 2002 bekennen sich etwa 62% der Slowenen zum Christentum: 57,8% römisch-katholisch, 2,3% orthodox und 0,9% evangelisch. Der Anteil der Konfessionslosen und Atheisten liegt bei 13,6%. Problematisch ist, dass 22,8% der Slowenen keine Angabe zur Religionsangehörigkeit machten[20].
Die Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Slowenien hat etwa 18.000 Mitglieder und 13 Gemeinden. Von Verfolgungen und Benachteiligungen während der Nachkriegszeit wird nichts berichtet[21].
Rumänien
war die große Überraschung. Obwohl sich Rumänien als säkulares Land versteht und keine Staatsreligion hat, sind 98,9% der Bevölkerung Mitglieder einer christlichen Kirche oder Gemeinschaft. Der Großteil der Rumänien (86,7%) gehört zur rumänisch-orthodoxen Kirche. Der Anteil der Protestanten liegt bei 6,6%, die sich auf Reformierte, Lutheraner, Baptisten, Unitarier, Adventisten, Pentekostalen und Evangelikalen aufteilen. Zur römisch-katholischen Kirche bekennen sich – in der Mehrheit Ungarn – 5,6% der Bevölkerung. Auch die deutschen Donauschwaben sind katholisch.
Generell ist festzustellen, dass sich die ethnische und sprachliche Teilung Rumäniens in der Kirchenzugehörigkeit fortsetzt. So sind die evangelischen Kirchen stark unter den Ungarn und den deutschen Siebenbürgern vertreten. Neuprotestantische Kirchen hingegen verbreiten sich vorwiegend unter Rumänen[22].
Der Anteil der Konfessionslosen liegt trotz jahrzehntelanger kommunistischer Herrschaft nur bei 0,2%. Bei einer Erhebung haben sich 1992 nur 11.339 Personen zum Atheismus bekannt. „Eine fantastisch geringe Zahl, wenn man die antireligiöse staatliche Schulerziehung über 50 Jahre im Kommunismus bedenkt, indem die religiöse Unterweisung und Glaubenserziehung den Kirchen selbst und der religiösen Sozialisation der Familien überlassen war.“[23] Der christliche Glaube ist trotz öffentlicher Benachteiligung der Kirchen vor der Wende eine sehr starke Kraft in Rumänien geblieben[24].
Nach den statistischen Angaben ist damit Rumänien das christlichste Land der EU noch vor Spanien mit 98,3% (2004) und Griechenland mit 97% (2004)[25].
Bulgarien
Laut der Volkszählung von 2001 bekennen sich 83,9% der Bevölkerung zu einer christlichen Gemeinschaft. Davon bekennen sich 82,6% zur bulgarisch-orthodoxen Kirche. Minderheiten sind die römisch-katholische und die armenisch-apostolische Kirche. Zu protestantischen Kirchen liegen keine Daten vor. Der Anteil der Konfessionslosen liegt unter 4% (12,2% sind Muslime).
Eine Besonderheit ist der Artikel 13 der bulgarischen Verfassung von 1991, die einerseits Religionsfreiheit gewährt und die Trennung von Staat und Religion vorschreibt, aber das orthodoxe Christentum als „traditionelle Religion Bulgariens“ hervorhebt[26].
Insofern kann man auch für das Land Bulgarien sagen, dass seine Gesellschaft christlich geprägt ist.
Tabellarische Übersicht
Wie christlich sind die neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft, die vormals zum kommunistisch-atheistischen Ostblock gehörten? Das war die Ausgangsfrage. Nach der Darstellung der Ergebnisse in geographischer Reihenfolge soll hier eine Übersicht geboten werden, die ausgeht vom jeweiligen christlichen Index, der sich für die einzelnen Gesellschaften ergab:
(Deutschland) 61,8%
Estland 30,0%
Auswertung
Das zugrunde gelegte Datenmaterial war nicht immer ausreichend. So konnten zu einigen evangelischen Kirchen keine Entwicklungslinien für die kommunistische Nachkriegszeit gefunden werden. Hier müssten speziellere Medien befragt werden, die aber den Rahmen dieser Studie gesprengt hätten. Auch blieben manche statistische Daten widersprüchlich (Vergleich Erhebungen der ZEIT und Werte aus wikipedia). Wir haben uns dabei in der Regel für die Internetversion entschieden. Im Übrigen erhebt die Studie keinen wissenschaftlichen Anspruch, vielmehr sollte ein holzschnitzartiger Überblick über die Kirchen nach dem Sozialismus für die Staaten gezeichnet werden, die Mitglieder in der Europäischen Union geworden sind.
Aus dem zusammen gestellten Material lassen sich aber einige interessante Fragen und Hypothesen ableiten:
1. Befragte man Deutsche unbefangen nach ihrer Meinung, wie es den christlichen Kirchen in den ehemaligen Ostblockstaaten ergangen sei, so werden sich wohl die meisten an die empirischen Befunde aus der ehemaligen DDR, also den neuen Bundesländern halten, wo durch staatliche Maßnahmen seitens des SED-Regimes die Kirchen dramatische Verluste hinnehmen mussten. Der uninformierte Befragte wird dieses empirische Wissen extrapolieren und zu dem Schluss kommen, dass es allen Kirchen im ehemaligen Ostblock so ergangen sei. Für Estland und Tschechien bestätigen sich zwar diese Erwartungen, doch widersprechen die Ergebnisse der Studie in sechs von zehn untersuchten Staaten diesem Vorurteil. In Rumänien, Polen, Litauen, Bulgarien, der Slowakei und Ungarn fanden wir christlich orientierte Gesellschaften mit einem Index zwischen 74 bis 98%, einem Wert, der weit über dem aktuellen Index für Gesamtdeutschland liegt (61,85%). Selbst in Slowenien (62%) liegt er noch leicht über dem deutschen Wert und in Lettland nur leicht darunter (59%).
Errechnet man den Durchschnitt für die zehn neuen Mitgliedsstaaten, so ergibt sich ein Wert von 69,8% (66,1% bei Berücksichtigung der DDR). Daraus lässt sich schließen, dass es dem atheistischen Sozialismus in den meisten Ländern nicht gelungen ist, seine Gesellschaften der Religion zu entfremden.
2. Bei genauerem Blick fällt auf, dass die katholischen und orthodoxen Kirchen in Staaten, in denen sie traditionell stark vertreten waren, nach dem Krieg kaum oder nur geringe Verluste hinnehmen mussten (Ausnahme Tschechien). So hatte der kommunistische Atheismus in Rumänien, Polen, Litauen, Bulgarien, Slowenien und Ungarn keine nennenswerte Erfolge erringen können.
In Staaten, in denen traditionell die Mehrheit der Gesellschaft dem Protestantismus angehörte, verlief die Entwicklung in der Nachkriegszeit anders. Hier verloren die evangelischen Kirchen bis zu 80% ihrer Mitglieder. In Estland, Lettland und der ehemaligen DDR liegt der Anteil der Konfessionslosen zwischen 40-70%. (Dramatische Verluste mussten dazu auch die evangelischen Kirchen in Polen, Litauen und der Tschechei hinnehmen.) Der gesellschaftliche Einfluss der evangelischen Kirchen hat in diesen Staaten nur noch marginalen Charakter. Die Gesellschaften in diesen Staaten sind in der Tat entchristianisiert.
3. Sind Ursachen für diese Differenzialdiagnose zu benennen? Hier zwei Hypothesen:
a. Die evangelischen Kirchen in Estland, Lettland, Litauen und Polen litten in der Nachkriegszeit besonders darunter, dass man den Protestantismus mit den verhassten Deutschen identifizierte. Darum verloren diese Kirchen viele ihrer Mitglieder durch Flucht und Emigration. Die staatliche Verfolgung und Unterdrückung erfuhren diese Kirchen stärker als der Katholizismus (Ausnahme Tschechien) oder die Orthodoxie[27].
b. Das atheistische Regime der DDR ging besonders rabiat und beharrlich gegen die Kirchen vor. Hier wurde offenbar „mit deutscher Gründlichkeit“ den Christen das Leben schwer gemacht. Dass die evangelischen Kirchen der DDR bis 1969 organisatorisch mit den Westkirchen verbunden waren, machte sie auch immer wieder verdächtig, mit dem feindlichen Westen zusammen zu arbeiten. Auch dürften sich viele Christen durch Flucht oder durch Ausreise in den Westen den Verfolgungen durch die DDR-Behörden entzogen haben. Eine Frage bleibt dennoch: Erklärt allein die staatliche Verfolgung die großen Verluste oder gibt es Momente innerhalb des Protestantismus, die die Abkehr von der Kirche begünstigten?
Ausblick: Sozialismus und/oder Säkularisierung
Die Analyse führt uns nun zu einer Fragestellung, die weit über das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Studie hinaus geht und einer eigenen Betrachtung bedarf. Es geht um folgende Überlegung: Was schadet bzw. schadete den christlichen Kirchen mehr: der atheistische Sozialismus des Ostens oder die immer weitere Bereiche erfassende Säkularisierung des Westens?
Für die katholischen und orthodoxen Kirchen scheint – nach den vorliegenden Ergebnissen – der atheistische Kommunismus keine ernsthafte Gefahr gewesen zu sein. Glaubenserziehung und religiöse Sozialisation konnten trotz staatlicher Barrieren in den Kirchen und Familien aufrecht erhalten werden. Es mag sogar sein, dass durch die atheistisch ausgerichtete Politik der ehemaligen Ostblockstaaten die Gläubigen sich umso enger an ihre kirchlichen Gemeinschaften anschlossen, in der sie Wärme, Geborgenheit und das Gefühl der Zugehörigkeit erlebten.
Die Säkularisierung mit ihren individuellen Glücksversprechungen hingegen mag hier wohl auch für die katholischen und orthodoxen Kirchen die größere Gefahr darstellen, wie ein Blick auf die deutsche Wirklichkeit verrät. Doch diese Vermutung müsste in einer gesonderten Studie belegt werden.
Bezogen auf die evangelischen Kirchen, liegt die Vermutung nahe, dass sowohl der Sozialismus als auch die Säkularisierung ernsthafte Bedrohungen waren bzw. sind. Traditionell akzentuiert der evangelische Glaube Freiheit und Verantwortung des Einzelnen gegenüber Gott und dem Nächsten. Der Bezug zur Glaubensgemeinschaft ist nachgeordnet und die Kirche verliert damit oft ihre den Einzelnen stützende Kraft. Die Nächstenliebe wird dazu als tätiger Gottesdienst an Mitmensch und Welt verstanden und im Begriff des Berufes säkularisiert. Damit ist aber die Säkularisierung ein konstitutives Moment des Protestantismus. In Fragen der Arbeitsmoral und der kapitalistischen Wirtschaftsethik hat der Protestantismus Grundlegendes für die moderne Welt geleistet (Max Weber). Doch war und ist es oft nur ein kleiner Schritt für den einzelnen Evangelischen, sich in seinem ethisch-religiösen Tun ganz der Welt hinzugeben, sich in ihr aufzulösen, also sich selbst zu säkularisieren[28]. Immerhin war es das Programm der liberalen Theologie, dass sich die von Jesus nicht gewollte Kirche im christlichen Staate auflöse[29].
Ein empirischer Beleg für die Säkularismusthese mag ein Blick auf die vorwiegend protestantisch geprägten Staaten Westeuropas liefern. Entsprechend haben die evangelischen Kirchen in den Niederlanden, Großbritanniens aber auch Deutschlands große Verluste durch Kirchenaustritte zu verkraften (der demographische Wandel kann hier nicht berücksichtigt werden!). Die relativ stabilen Zahlen der skandinavischen lutherischen Staatskirchen sprechen allerdings dagegen.
Es wurde in der Studie aber auch deutlich, dass dort, wo evangelische Kirchen einen streng konservativen also antisäkularen Kurs verfolgen, diese Gemeinschaften wachsen. Dies zeigte sich für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland und bei den Erfolgen der Baptisten in Ungarn.
Die Säkularisierung ist aber nicht nur ein Phänomen des Westens, sondern auch Teil und Folge des die Menschheit beglückenden Programms des ehemaligen osteuropäischen Sozialismus'. Viele biblische Hoffnungen scheinen sich hier verwirklichen zu wollen. Der neue Mensch soll erzogen und gebildet werden. Gleichheit und soziale Gerechtigkeit sollen so geschaffen werden, ein Reich der Freien und Gleichen, ein Friedensreich auf Erden![30] Das ist ein Programm, das viele religiös-ethisch denkende Menschen angezogen und das seinen Reiz bis auf den heutigen Tag nicht verloren hat. Wie sagte Ernst Bloch? „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, gewiss aber auch: nur ein Christ kann ein guter Atheist sein!“[31] Im atheistischen Christen verschwindet die Grenze zwischen Gott und Welt und er wendet sich ganz zur Welt. Gott ist insofern immanent transzendent oder transzendent immanent[32].
Die evangelischen Theologen Jürgen Moltmann („Theologie der Hoffnung“) und Dorothee Sölle („Atheistisch an Gott glauben“) wurden entscheidend von Bloch inspiriert und hatten und haben innerhalb der heutigen Theologen- und Pfarrerschaft und damit in den evangelischen Kirchen eine große Wirkung entfaltet.
Es war zudem das Verdienst Moltmanns, die christliche Eschatologie vom Jenseits auf das Diesseits, also auf die Welt zu richten. In der Nachfolge des Gekreuzigten sollen sich Christen für die Armen und Unterdrückten in der geschichtlichen Wirklichkeit der Welt engagieren und damit auf das Reich Gottes hin arbeiten. Hier verbinden sich biblische Hoffnungserzählungen mit sozialistischen Utopien im Streben nach einer besseren Welt im Diesseits.
In der katholischen Theologie hat daran anknüpfend Johann Baptist Metz diese Gedanken entfaltet. Metz gilt als Begründer der „Politischen Theologie“, die starke Auswirkungen auf die lateinamerikanische „Theologie der Befreiung“ hatte. Es geht Metz darum, „die Autorität der Leidenden in die Theologie neu einzuführen bzw. wieder daran zu erinnern; die Theodizee-Frage sieht er als bleibenden Auftrag an Kirche und Theologie, die „memoria passionis“ zu bewahren und auf diese Weise zu einer Humanisierung der Welt in Offenheit auf deren eschatologische Vollendung durch Gott beizutragen.“[33]
Die Frage Sozialismus und/oder Säkularisierung ist demnach nichts, was von außen auf die Kirchen zukommt, sondern ins Zentrum von Bibel, Glaube und christlicher Hoffnung führt. Wer es mit der Nachfolge Christi ernst nimmt, der sieht sich an das Leiden der Welt gewiesen. Dabei besteht die latente Gefahr für jeden Glaubenden, dass er sich an die Welt verliert.
Ist diese Gefahr für den modernen Protestantismus größer als für den Katholizismus und die Orthodoxie? Das Datenmaterial legt es nahe.
Doch sind und bleiben diese Gedanken rein spekulativ. Sie empirisch zu belegen, wäre wohl eine interdisziplinäre Aufgabe für eine Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen.
Wie sagte unser aller Kaiser: „Na, schau'n wir mal!“ Oder wie fragten meine begeisterten Schüler nach der Schlussbesprechung zu unserem Europa-Projekt: „Ei, wann klingelt's dann?“
[1] Die Schüler sollten sich dabei auf Artikel des Internet-Lexikon „wikipedia“ beschränken. Dazu lag ihnen ein Schaubild mit statistischen Angaben zu Europas Religionen vor; aus: DIE ZEIT 4/2004, S.13.
[2] Art.: Religionen in Deutschland, in: www.wikipedia.de.
[3] Alle Angaben aus: Art.: Christen und Kirchen in der DDR, in: www.wikipedia.de.
[4] Alle Angaben aus den Artikeln: Estland; Estnisch-Evangelisch-Lutherische Kirche, in: www.wikipedia.de.
[5] Art.: Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands, in: www.wikipedia.de.
[6] Art.: Lettland, in: www.wikipedia.de.
[7] Art.: Litauen, in: www.wikipedia.de.
[8] Art.: Evangelisch-Lutherisch Kirche in Litauen, in: www.wikipedia.de.
[9] Art.: Polen, in: www.wikipedia.de.
[10] Art.: Evangelisch-Augburgische Kirche in Polen, in: www.wikipedia.de
[11] Art.: Tschechien, in: www.wikipedia.de.
[12] A.a.O.
[13] Art.: Evangelische Kirche der böhmischen Brüder, in: www.wikipedia.de.
[14] Art.: Josef Hromátka, in: www.wikipedia.de
[15] A.a.O.
[16] Art.: Slowakei, in: www.wikipedia.de.
[17] Art.: Ungarn, in: www.wikipedia.de.
[18] Art.: Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn, in: www.wikipedia.de.
[19] Art.: Baptisten in Ungarn, in: www.wikipedia.de.
[20] Art.: Slowenien, in: www.wikipedia.de
[21] Weblink zu Art.: Slowenien, a.o.a.O.
[22] Art.: Rumänien, in: www.wikipedia.de.
[23] Jürgen Henkel, Einführung in Geschichte und kirchliches Leben der Rumänischen Orthodoxen Kirche. Forum Orthodoxe Theologie Bd. 6, LIT-Verlag Berlin 2007, S. 157.
[24] Siehe dazu: Hilke Gerdes, Rumänien. Mehr als Dracula und Walachei, Berlin 2007, S.30f.
[25] Siehe Schaubild aus: DIE ZEIT 4/2004, s.o. Anm. 1.
[26] Art.: Bulgarien, in: www.wikipedia.de.
[27] Siehe Art.: Polen; Lettland, Estland, a.a.O.
[28] Bereits Immanuel Kant weist in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der bloßen Vernunft“ von 1793 in diese Richtung: „Die Stiftung Christi, die Kirche, das Reich Gottes auf Erden, kann nur in uns sein. Religion kann kein öffentlicher Zustand sein.“ – „Die Kirche muss anfangen, sich zu einem ethischen Staat Gottes zu bilden.“
[29] Siehe dazu Klaus Berger, Jesus, Pattloch München 2007, S. 529-531.
[30] Es war geradezu die Lebensaufgabe des Philosophen Ernst Bloch diesen Utopien Sprache zu verleihen, indem er sie mit den messianischen Hoffnung der Bibel in Verbindung brachte: Prinzip Hoffnung, 3 Bde 1954-1959.
[31] Ernst Bloch, Atheismus im Christentum, Suhrkamp-Verlag 1968, S.84.
[32] Im dialektischen Geschwurbel der Begriffe besteht dennoch die Gefahr, dass Gott und Welt in dieser Weise nicht mehr auseinander zu halten sind. Etwas überspitzt gesagt, gilt hier für die danach verfahrende Theologie das Gleiche wie bei der Toyota-Werbung: „Nichts ist unmöglich!“
[33] Art.: Johann Baptist Metz, in: www.wikipedia.de.