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Winfried Anslinger Emilienstraße 45, 66424 Homburg |
Gott
und Antigott
Eine kurze Geschichte der
Teufelei*
Also: „wenn´s mich fragen,
der Teufel hat´s geholt. Ja, der Deifel,
der hat´s geholt die ganze Sippschaft. Der Herr
Pfarrer glaubt´s mir nicht. Der sagt, ich soll nicht
so gottlos daherreden. Aber es stimmt, die Wahrheit ist´s
und die darf man sagen…“
Im Januar 2006 erschien
dieser Text in einem deutschen Verlag.
„Gesehen hab ich ihn sogar, den Verderber, den
Höllenfürst. Wie ich von meiner Schwester
kommen bin. Die wohnt in Schamau, da geht der Weg ab
nach Tannöd. Da hab ich ihn gesehn.
Am Waldrand ist er gestanden und hat rübergschaut
nach dem Ödhof vom Danner. Ganz schwarz war er, mit
Hut und Feder auf dem Kopf. So schaut nur einer aus. So kann nur der aussehen,
sag ich Ihnen, und wie ich mich noch mal umgewendet hab, da war er
verschwunden. Verschluckt vom Erdboden.“
Was die Pfarrersköchin Maria Lichtl, 63, in Andrea Schenkels Erfolgsroman „Tannöd“ (2007 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet) so
unbefangen bezeugt, mag manchem vorkommen wie eine postmoderne Reminiszenz an
Geisteszustände südlich der Mainlinie. Doch wie erklärt sich die Riesenauflage
des Buches, dessen Leser zumeist nördlich davon wohnen?
„Wundern braucht´s einen ja
nicht, bei dem verruchten Treiben da draußen. Hören´s
mir doch auf, wenn´s der Vater mit der Tochter hat
und alles geht drunter und drüber.“
Wundern muss es uns nicht, der
Teufel wohnt überall. Das erklärt seinen Erfolg auch literarisch. Wir haben uns
einfach nur abgewöhnt, genau hinzuschauen.
Der amerikanische Autor
Stephen King feiert Millionenerfolge mit Romanen, wo das Böse unvermittelt aus
der Alltagsidylle hervortritt und den puren Horror inszeniert. Er und seine
Leserschaft lieben es, nüchtern denkende Menschen unserer Zeit in übernatürlich
bedingte, grauenhafte Erlebnisse hineinzuziehen. In „Christine“, einem von
Kings Welterfolgen, ist das Dämonische in einem Sportauto versteckt, das sich
nachts aus der Garage stiehlt und Menschen überfährt, zerquetscht, umbringt.
Sein Besitzer, ein schüchterner High School Looser, hat
es von einem Armeeveteranen gekauft und ahnt zunächst nichts davon. Doch er gerät
mehr und mehr in den Bann seines Wagens, der sich von alleine repariert, dessen
Kilometerzähler rückwärts läuft, der ihm ungeahnte Erfolge bei den Mädchen
beschert. Seine Seele gerät so sehr in Abhängigkeit, dass zuletzt der diabolischen
Vorbesitzer des Wagens als Verstorbener in ihm wiederersteht. Zuletzt ist ein
Großteil der High School Clique ausgelöscht, auch der Fahrzeugbesitzer findet mit
seiner Familie ein schreckliches Ende. Die einzige Liebe seines Lebens, wird posthum
über ihn gesagt, sei „Christine“, sein mörderisches Auto gewesen.
King ist nur einer von vielen
Autoren, die mittlerweile in Horror machen. Das Finstere verkauft sich gut.
Auch als eigenständiges Filmgenre ist die Thematik präsent. Bekannt wurden: „Der
Exorzist“ von William Friedkin, „Shining“,
ein Familiendrama im eingeschneiten Berghotel, auf die Leinwand gebracht von
Stanley Kubrick. Der 2006 in den Kinos erschienene Hollywoodstreifen „Das Omen“
und – natürlich der Klassiker „Rosemaries Baby“ des Regisseurs Roman Polanski,
dessen Ehefrau wenige Jahre nach Fertigstellung des Werks Opfer eines satanistischen
Psychopathen wurde. Charles Manson, der Name des Mörders, brachte es daraufhin
im Regenbogenteil der Presse zu gruseliger Prominenz.
Das Böse in seiner mythisch-dämonischen
Form fasziniert ein breites Publikum und wirkt über den literarisch kulturellen
Bereich hinaus sogar aufs wirkliche Leben.
Das demonstriert eine
beängstigend lebendige Satanistenszene, die in fast allen Industriestaaten für
Unruhe sorgt. Gerichte befassen sich mit Praktiken obskurer Orden, die bei
finsteren Ritualen Mädchen vergewaltigen, nachts auf Friedhöfen Leichen ausgraben
und Nachbarn terrorisieren. Im Januar 2002 wurde ein Pärchen vor dem Bochumer
Landgericht zu hohen Haftstrafen verurteilt, weil es einen Bekannten mit
Hammerschlägen und 66 Messerstichen umgebracht hatte. Reue zeigten sie nicht,
weil dies eine „Beleidigung des Satans“ sei.
Eine Selbstmordwelle unter
Jugendlichen in Sachsen Anhalt hatte ein Jahr zuvor Behörden und Eltern
entsetzt. Bald stellte sich heraus, dass alle Opfer Kontakt zur Gothic- und Gruftiszene gehabt
hatten und sich in dunklen Internet-Foren mit Okkultismus befasst hatten. Viele
der Suizide waren auf Verabredung begangen worden.
Das Bizarre und Erschreckende
dieser Vorgänge deutet auf heftige Verwerfungen, die sich aus sozialen
Defiziten und Tradition allein nicht erklären.
Sei es nun Literatur, Film
oder Subkultur: Wie beim Wiedererwachen eines Vulkans scheint sich da etwas
durch die Oberfläche unserer rational nüchternen Kultur hindurch zu schmelzen,
aus einer Magmakammer, die immer noch heiß und höchst
ergiebig ist. Vernünftler, die solche Erscheinungen
für historisch erledigt halten wollten, weil man lange nichts gehört hatte,
außer mal einem Exorzismus im Frankenland oder einem Hexenbrand am Kongo, mögen
entsetzt sein, doch es lässt sich nicht übersehen, dass uns dieses Thema noch viel
beschäftigen wird. Das Dämonische entfaltet eine Kraft, wie man sie eigentlich
seinem Gegenteil gewünscht hätte.
Die Sache selbst ist uralt. Auf
einem kleinen Spaziergang durch die Geschichte der Teufelei können wir sehen, in
welchen Gestalten sie schon da war und was man davon halten kann.
Schon in frühen Weltbildern werden
die lebensfeindlichen, angstauslösenden Aspekte des menschlichen
Erfahrungsfeldes auf das Vorhandensein schädigender Mächte hin interpretiert. Diese
Mächte sind von Beginn an personal und numinos
aufgeladen. Sie erscheinen als Heer von Dämonen, die den lebensfördernden
göttlichen Mächten entgegenstehen. Weil vieles im Leben unerklärbar bleibt,
bewältigt der menschliche Verstand disparate Erfahrungen in mythischen
Erklärungsmustern, wobei das Reich des Numinosen meist
wie eine Parallelwelt die Lebenswirklichkeit spiegelt. Den Ambivalenzen im
sozialen und persönlichen Leben entsprechen in den Mythen antipodische
Gestalten, die für Eigenschaften wie gut oder böse, stark oder verführerisch,
intellektuell oder emotional, männlich oder weiblich stehen können. Die
Ausgestaltung der konstituierenden Erzählungen wird zusätzlich vom historischen
Kontext beeinflusst. In der griechischen Religion tauchen die Götter
überwundener Kulturen als dämonische Ursprungsgestalten wieder auf, die von der
herrschenden Götterfamilie depotenziert, verbannt, oder
vernichtet wurden: Chronos hat seinen Vater Uranos entmannt, er wird selbst von seinem Sohn Zeus
entthront. Es fließt viel Titanenblut. Entsprechend werden die achäischen und dorischen Einwanderer mit ihren
ortsansässigen Vorläufern verfahren sein, als sie erobernd ins Land kamen.
Entwickeltere Kulturen systematisieren ihren Götterhimmel. Der Obergott
steht dort einer Hierarchie von Familienangehörigen aus Titanen, Giganten,
Zyklopen und anderen Wesen vor. Auch dem Dämonenheer wird ein Lenker vorangestellt,
dessen Souveränitätsmerkmale das himmlische Urbild parodieren: In der Religion
des Zarathustra steht Ahura Mazda, dem Schöpfergeist
des Weltanfangs, der böse Geist Ahriman gegenüber, der
mit seinem Reich in die Welt einbricht und einen 12.000 jährigen Kampf
heraufbeschwört.
Die Gläubigen sollen sich an
den Geist der Güte halten, wollen sie gerettet werden. In den davon
beeinflussten gnostischen Systemen bilden die dualistischen Reiche ihren je
eigenen Beamtenapparat heraus, welcher auf vielfältige Weise in den Weltlauf
eingreift. Die numinose Hierarchie trägt Züge der
wirklichen Gesellschaftspyramide, die durch wachsende Produktivität komplexere Strukturen
hervorgebracht hatte.
Wie im Himmel, also auch auf
Erden. Und umgekehrt.
In der jüdisch-christlichen
Tradition spielt der Teufel wegen des strengen Monotheismus zunächst kaum eine
Rolle. Die Urgeschichte erklärt die Herkunft der Paradiesschlange nicht. Auslöser
für das menschliche Elend ist zumeist der Ungehorsam gegen Gott. Dieser zürnt
den Treulosen und schickt Hunger, Feinde und Pestillenz.
Mit dem Bundesschluss am
Sinai rückt die Bundestreue Israels in den Mittelpunkt und scheint zur
Erklärung der historischen Wechselfälle bis
hin zur Prophetenzeit auszureichen. Erst in der Spätphase des alten Testaments
verdichten sich die Unglücksmomente zur Gestalt des Satan, eines Engels am
göttlichen Hof. Im Falle Hiobs erhebt er sich als Widersacher Gottes zu eigenständiger
Bedeutung und darf eine Wette auf die Glaubenstreue Hiobs abschließen.
Offenbar lässt das Konzept
des liebenden und strafenden Gottes Lücken, die nicht befriedigen: Wenn trotz frommer
Gesetzesbeachtung immer wieder Unglück eintritt, muss der Zusammenhang von Tun
und Ergehen einmal zerbrechen. Die offensichtliche Nachsicht des eigenen Gottes
für die Sünden fremder Völker, die sein Gesetz überhaupt nicht respektieren, provoziert
die Frage, wozu Abraham überhaupt seine exklusive Heilszusage erhalten hat. Das
Theodizeeproblem stellt vor die Alternative: Entweder
ist der Herr nicht allmächtig, oder er toleriert untragbare Ungerechtigkeiten.
Warum dann noch an ihn glauben? Eine der möglichen Lösungen erfordert den machtvollen
Widersacher Gottes, dem die Verantwortung für all das zugewiesen werden kann.
Gott hält sich vorläufig zurück, lässt der Welt ihren bösen Lauf, wird am Ende
der Zeit aber alles in Ordnung bringen. Gegenwartserfahrungen
werden historisiert, die Tilgung allen Unrechts in eine ferne Zukunft verlagert.
Auf diesem Humus wächst die apokalyptische Literatur mit ihrem Vorgriff auf
mythisches Endzeitgeschehen, wo Weltuntergang und Endgericht den idealen
Anfangszustand rehabilitieren.
Im neuen Testament bleibt der
Teufel in seiner Rolle als mächtiger Gegenspieler Gottes. Er versucht Jesus
nach dessen 40-tägiger Fastenzeit und hält die Zeitgenossen durch mancherlei
Schaden an Leib und Seele in Bann. Doch Jesus vertreibt alle Dämonen und
demütigt ihren Obersten. Sein Kreuzestod bricht den Zauber des Bösen, kann es
jedoch nicht ganz zerstören. So müssen die Frommen bis zum Weltende weiterhin
auf die verderblichen Anschläge des Höllenfürsten gefasst sein, ja sie haben
sogar mit dessen zeitweiliger Herrschaft zu rechnen, die sich in Verfolgung und
mancherlei Versuchungen manifestiert. Nur im Lichtkreis der göttlichen Gnade
kann dem widerstanden werden, ist Rettung vor Hölle Tod und Teufel möglich.
Die Kirchenväter bauen weiter
am satanologischen Lehrgebäude: Demnach war der
Teufel ursprünglich ein mächtiger Engelfürst, der sich gegen Gott empörte, weil
dieser ihm befohlen habe, dem frisch geschaffenen Adam zu huldigen: „Bin ich
denn nicht mehr als dieser?“ Da im Himmel Ungehorsam in kosmischer Härte bestraft
wird, beauftragt Gott den Erzengel Michael, den Empörer mit seinem Heer auf den
Grund der Unterwelt hinabzuschleudern. Um das monotheistische
Konstruktionsprinzip nicht zu verletzen, stellt die kirchliche Angelologie dem Satan in der Gestalt des Erzengels Michael einen
starken Bezwinger entgegen, der nach Gottes Oberbefehl handelt. So bleibt eine
Machtdifferenz zwischen Gott und dem zum Widergott emporgestiegenen Satan Luzifer
erhalten. Michael ist in der Kunstgeschichte der am häufigsten dargestellte
Engel, erkennbar an Schwert, Schild und Waage. Luzifer erscheint in denselben
Darstellungen meist mit Drachenflügeln, Schlangenleib und chimärenartigen
Attributen als Ausgeburt des Bösen.
Wahrscheinlich halfen Einflüsse
der persischen Zarathustra Religion bei der Einrichtung der Hölle als Wohnort
des Satan. Hier findet der Strafvollzug für die
verworfenen Seelen statt. Sie landen in einem See aus Feuer, wo unvorstellbare
Qualen auf sie warten. Griechisches Erbe ist die ewige Zeitdauer. Schon aus den
schauerlichen Tiefen des Tartaros gab es kein Zurück.
Germanischer Herkunft ist der Name Hölle.
Die elaborierteste
Höllenbeschreibung liefert Dante in seiner göttlichen Komödie. Dort, wo Luzifer
bei seinem Höllensturz landete, habe sich ein tiefer Krater gebildet, in dem
sich neun infernalische Kreise auftun. Bis zum Mittelpunkt der (durchaus schon in
Kugelgestalt vorgestellten) Erde reichen die Strafbezirke, die wie Terrassen
eines antiken Amphitheaters aussehen. Hinter
dem Höllentor erreicht Dante, der sich in Begleitung des antiken Dichters
Vergil befindet, zunächst die Vorhölle. Dort laufen Menschen rastlos umher,
weil sie von Ungeziefer gepeinigt werden. Es sind jene, die zu Lebzeiten sich zwischen
Gut und Böse nicht entscheiden konnten. Darunter tut sich der Limbus auf, Behausung für die antiken Philosophen und
Schriftsteller: Aristoteles, Homer und Ovid begegnen ihm. Auch Gestalten des
Mittelalters, die, von christlicher Taufe „schuldlos“ unberührt, ein achtbares
Leben geführt haben: z.B. Averroes und Sultan
Saladin. Der erste Höllenkreis ist Ort des Gerichts. Hier müssen die
Verstorbenen vor einem Ungeheuer ihre Sünden beichten, um dann in die
verschiedenen Abteilungen verwiesen zu werden: Wollüstige wie Helena und
Kleopatra gelangen so in den zweiten Kreis. Die Gefräßigen kommen in den
dritten, wo sie vom Höllenhund Cerberus geschunden werden. Im Vierten finden
sich Verschwender und Geizige. Der Fünfte Kreis ist für die Zornigen reserviert,
sie zerreißen sich dort gegenseitig in Raserei. Im sechsten Kreis büßen die
Ketzer in flammenden Särgen. Der siebte Kreis gehört Gewalttätern wie Alexander
dem Großen und Attila, im achten und neunten finden sich Bosheit und Betrug,
die schlimmsten Sünden: Schmeichler und Huren wälzen sich in ätzendem Kot, Simonisten, die mit Kirchenämtern handelten, stecken
kopfüber in Felslöchern, aus denen ihre brennenden Sohlen herausragen. Zu Dantes
Erstaunen finden sich dort nicht wenige kirchliche Würdenträger bis hin zu
einem Papst. Auch Mohammed und die Gattin des Ägypters Potiphar,
die Joseph verleumdete, fehlen nicht. Auf dem Höllengrund steckt Luzifer selbst
in einem See aus Eis. In drei Mäulern kaut er auf ewig die drei Erzverräter:
Judas, Brutus und Cassius. (Martin Luthers Zeit war noch nicht gekommen). Aus
der Hölle gibt es kein Entrinnen.
Das gilt nicht für das Reich,
welches sich hinter dem Erdmittelpunkt in die Gegenrichtung aus dem Höllengrund
erhebt, den Berg der Läuterung. Dort schraubt sich in
Kreisen ein Rundweg allmählich dem Licht entgegen. Gegenüber der höllischen Trostlosigkeit
dominieren hier Buße und Hoffnung. Auf sieben Terrassen werden die sieben
Todsünden gebüßt, indem die Sünder die ironische Umkehrung ihrer Taten zu
ertragen haben: Die Stolzen haben Felsen auf dem Rücken, die sie zu Boden drücken,
die Neider müssen mit zugenähten Augen und Schmutzgewändern umhergehen, die
Maßlosen werden durstig unter Kaskaden von Wasser hindurchgeführt, ohne trinken
zu dürfen. Ziel ist die allmähliche Läuterung der Seelen, die danach in die
Himmelssphären aufsteigen dürfen. Man kann die göttliche Komödie und alle darauf
folgende Literatur als Versuch interpretieren, das Böse in Bildern zu bannen
und dem Frommen einen Weg aus dem drohenden Verhängnis zu zeigen. Als
Drohhorizont bleibt das Reich des Satans stets präsent.
Der Protestantismus setzt
hier eine historische Wende. Er bricht von Anfang an mit dem Teufel. Luthers
Gewissensqualen waren noch von der Angst bestimmt, der
Macht des Satans zu verfallen, wenn er die Forderungen der Kirche nicht
erfüllt. Beim Studium der paulinischen Theologie
gelangt der Reformator jedoch zur Erkenntnis, dass Gott ihn ohne eigene
Leistung allein durch den Glauben begnadet. Gott begeht keine Fehler und kann somit
vor dem Höllenabgrund sicher bewahren: „Dem Teufel hat er sein Gewalt/
zerstört, verheert ihm all Gestalt/ Halleluja, Halleluja/ Nun kann uns kein
Feind schaden mehr/ ob er gleich murrt/ ist ´s ohn Gefähr/“ heißt es in einem reformatorischen Osterchoral.
Ein im Gottvertrauen depotenzierter Beelzebub kann
nicht mehr viel anrichten, das Kreuzesopfer des Gottessohns hat alles schon gewirkt.
Trotzdem bleibt das Böse gefährlich im Hintergrund. Manchmal erhebt es sein
Drachenhaupt noch in Gestalt weltlicher Mächte. Als 1529 auf dem Speyerer
Reichstag der alte Glaube zwangsweise wieder eingeführt werden sollte, dichtete
Luther: „Und wenn die Welt voll Teufel wär/ und wollt
uns gar verschlingen/ so fürchten wir uns nicht so sehr/ es sollt uns doch
gelingen/ der Fürst dieser Welt/ wie saur er sich
stellt/ tut er uns doch nicht(s)/ das macht, er ist gericht´/
ein Wörtlein kann ihn fällen/.“ (Die Kirchenlieder dieser Zeit sind ergiebige
Quellen satanologischer Fündlein).
Ein ähnliches Bild bietet der
Calvinismus: Johannes Calvins Hauptwerk, die „Institutio“,
beschränkt das teuflische Handeln auf die Anstiftung zur Sünde. Allerdings ist
das menschliche Geschick mehr vom göttlichen Ratschluss abhängig als von Einflüssen
widergöttlicher Mächte. Nach Calvins Lehre von der doppelten Vorsehung hat Gott den Einzelnen von Anbeginn der Welt schon
erwählt: entweder zum Heil oder zum Verderben.
Seitdem fristet der
Widersacher ein Schattendasein. Mehr und mehr befreiten sich die Protestanten
von der alten Dämonenfurcht, legten alle apotropäischen
Rituale ab, wandten sich Bildung und diesseitiger Lebensgestaltung zu.
Nur im Katholizismus und
Pietismus blieben Reste, so dass in J.S. Bachs Weihnachtsoratorium von 1734
noch wacker gesungen werden konnte: „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben/
so gib, dass wir im festen Glauben/ nach deiner Macht und Hülfe sehn/ Wir
wollen dir allein vertrauen/so können wir den scharfen Klauen/ des Feindes
unversehrt entgehn/“
Die Aufklärung gab auch
diesen Teufeleien den Rest. Seit Descartes erhob die philosophische Zunft,
nominalistisches Erbe aufnehmend, den kritischen Verstand zum alleinigen Kriterium
der Erkenntnis. Mythische und biblisch-theologische Motive wurden aus dem
Bereich des Wissens ins Reich des Glaubens verwiesen, wo sie seitdem unbekümmert
von rationalen oder empirischen Einwänden ihr Dasein fristen dürfen – ohne
jedoch als konkrete Wirklichkeit ernst genommen werden zu müssen. Kopernikus, Descartes
und Newton revolutionierten die geistige Welt so gründlich, dass der Teufel danach
seinen Bezwinger nicht mehr in Gott fand, sondern im räsonierenden Verstand,
der ihm schlichtweg die Existenz bestritt. Das Bild unserer Welt wird seit der
Aufklärung nicht mehr als von Ewigkeit her vorgegebener Kosmos erkannt, sondern
als vom Menschen geschaffenes Konstrukt.
Folglich konnte auch gut und
böse nicht mehr von heiligen Schriften hergeleitet werden, sondern musste aus der
Vernunft selbst sich ergeben. Kant und Rousseau traten in die Rolle als
Gesetzgeber ein. Der Königsberger Philosoph erkannte in seiner „Kritik der
praktischen Vernunft“ zum ersten die uneigennützige Handlung, zum zweiten die
Sorge ums Allgemeinwohl und zum dritten die Freiheit der ethischen Entscheidung
als die Grundpfeiler jeder Moral. Alle drei Tugenden überwinden die natürliche
Neigung des Menschen, sich egoistisch nach den partikularen Interessen seiner
Person zu verhalten. Verdienst besteht darin, das Allgemeine dem Eigenen
vorzuziehen. Allerdings setzt die Pflichtethik des kategorischen Imperativs die
vollkommene Freiheit des Individuums voraus, das sich keinem vorgegebenen Kosmos
unterordnet und keinem göttlichen Gesetz zu beugen hat, sondern nur den
universal einsichtigen Kriterien der Vernunft. Das Gute war nicht länger eine
Frucht der Furcht, die höllischen Strafen hatten keine Funktion mehr. Der
Teufel wurde arbeitslos. In der Rückschau zeigt sich, dass sein
Anstellungsvertrag im Kleingedruckten die Erziehung des Menschengeschlechts zur
Tugend beinhaltet hatte.
Das Heil war auf den Mühen eines
tugendsamen Lebenswegs gewachsen, bestärkt durch Sakrament und Gebet einer
historisch vorgegebenen, seligmachenden Heilsanstalt.
Wie begründet sich die Moral
nach der Zertrümmerung des alten Weltbildes? Wenn der Mensch seit Jean Jacques
Rousseau nicht mehr Geschöpf Gottes ist, sondern ein entartetes Tier, muss er nach
Verlassen seines natürlichen Nestes sich fortan selbst erfinden. Dann lockt das
Heil auch nicht mehr hinter den Mauern transzendenter Paradiesgärten. An ihre
Stelle treten Zielbegriffe einer neuzeitlichen Ersatzspiritualität:
Fortschrittsglaube, Patriotismus, Sozialismus, Menschenrechte. Reicht das aus?
Studiert man Todesanzeigen
aus der DDR Zeit, aber auch aus dem Naziregime, muss dies für einen bedeutenden
Bevölkerungsteil bejaht werden. Sonst blieben Wendungen unerklärlich wie: „fürs
Vaterland sterben heißt in die Ewigkeit eingehen“ oder „Stalin lebt in den
Kämpfen der Proletarier aller Länder und der unterdrückten Völker weiter“. Nicht
alle sind mit solchen Surrogaten jedoch zufrieden. Eine Mehrzahl sucht ihr Heil
nach wie vor in den tradierten Formeln, wo noch zünftig „in Gott“ gestorben und
der Verblichene unter dem Kreuz „heimgeholt“ wird. Auch haben die neuzeitlichen
Ideologien eine unbarmherzige Seite. Es wird ausgeblendet, dass Krankheit,
Schmerz und Tod ja immer den Einzelnen betreffen und von diesem ganz persönlich
ausgehalten werden müssen. Kein Parteisekretär kann stellvertretend für den
hochgeehrten Genossen das Zeitliche segnen, kein Abteilungsleiter dem
verdienten Mitarbeiter die rentenversicherungstechnisch mindestens ebenso
verdienstvolle Grube ersparen. Beide sind froh, wenn sie nach der Beerdigung
das schwarze Zeug wieder ausziehen können.
Stellvertretend den Tod
erleiden kann nur einer: Jesus Christus, der gekreuzigte Gott – und auch diese Vertretung
ist nur symbolisch. Denn er ist nicht anwesend. Nur „im Geist“ oder sakramental
lässt er sich fassen, und er wirkt dabei oft so blass wie sein beinernes Abbild
im Herrgottswinkel, das selten abgestaubt wird.
Trotz dieser Makel klingen die
Antworten moderner Heilslehren auf die letzten Daseinsfragen noch viel trostloser.
Für den nicht religiösen Gegenwartsmenschen stellt sich eine unerfreuliche
Alternative: Entweder er fühlt sich metaphysisch verloren, „unbehaust“, in
einem sinnentleerten Universum allein gelassen – oder er definiert heroisch die
letzten Fragen zu Adiaphora und stürzt sich ins Chaos
eines oberflächlichen Kulturbetriebs, der niemals Ruhe geben darf. Auch deshalb
nicht, weil Innehalten bedrohlich werden könnte.
Der Mensch ist zum Maß aller
Dinge geworden. Zwar hat er Abstand gewonnen von den alten Ängsten, doch dafür
einen „horror vacui“ sich
eingehandelt. Der Abgrund einer sinnfreien Existenz ist nicht weniger tief als
der Abgrund in Dantes Drama. Auch er droht die Seele bis in alle Ewigkeit ins
Nichts zu stürzen, qualvoll für alle, die nicht schwindelfrei sind. Camus,
Sartre und Jaspers bauten an seinem Kraterrand zwar postmoderne Villen, die
voll gestellt waren mit gut gemeinten moralischen Imperativen, deren moribunde
Ästhetik lässt jedoch kein gutes Wohngefühl aufkommen.
Dies mag erklären, warum es
schon in der Frühzeit der Moderne zu Gegenbewegungen kam. Die Romantik, geboren
aus jugendbewegter Abwendung von der Antike und ihren klassischen Vorbildern, lehnte
mit ihren Gründervätern Novalis, Tieck und Schlegel die Weimarer Paradigmen ab und
wählte ihre literarischen Motive aus der Sagen und Mythenwelt des Mittelalters.
Sehnsucht, Mysterien und Geheimnis traten an die Stelle nüchterner Sichtweisen.
Danach zerschlug Nietzsche mit dem Hammer seiner Philosophie die letzten Illusionen
der vernunftbestimmten Ideenlandschaft: Wissenschaftsglaube, Demokratie,
Menschenrechte, ebenso wie Vernunftreligion, Sozialismus, Humanismus – nichts
blieb bei seiner „Götzendämmerung“ übrig. Für ihn existierte außer der konkreten
Lebenswirklichkeit überhaupt nichts, und was blieb, war chaotisch,
selbstbestimmt, „jenseits von Gut und Böse.“
Die Spätromantik lenkte
wieder ganz zurück auf den Pfad mittelalterlicher Dämonenfurcht. E.T.A. Hoffmans
Erzählungen faszinierten eine große Leserschaft, indem sie über unheimliche
Begebenheiten und Begegnungen mit dem Teufel berichteten. In seinem Roman „Die
Elixiere des Teufels“ wird der Mönch Medardus, gegen
seinen Willen von Schicksalsmächten geleitet, zum Exekutor eines alten
Familienfluchs. Er verstrickt sich in immer neue Frevel und Verbrechen, die
sein Leben tragisch scheitern lassen.
Edgar Allan Poes Nachruhm als
Erfinder der Horror story, der Kriminalgeschichte und
des literarischen Symbolismus gründet auf seinen Fähigkeiten als Virtuose des
Grauens. In seiner stilprägenden Erzählung „Der
Untergang des Hauses Usher“ besucht der Ich-Erzähler
einen alten Adeligen auf seinem Schloss und wird dort Zeuge schauerlicher
Vorgänge: Die Schwester des Hausherrn wurde lebendig in der Familiengruft
begraben und erscheint mitten in der Nacht als Wiedergängerin
blutüberströmt vor den beiden Männern. Der Hausherr stirbt vor Schreck, der
Erzähler flieht aus dem Gemäuer und gewahrt, wie das Schloss zerberstend in
seinen Wallgräben versinkt. Szenerie und Handlungsablauf sind typisch für das
Genre des Schauerromans, der später Autoren wie Mary Shelley (Frankenstein), H.G.
Wells (Krieg der Welten) und Bram Stoker (Drakula) hervor
brachte. Deren Werke haben ihrerseits auf Film und Fantasy
Literatur der Gegenwart eingewirkt und üben Einfluss aus bis zur Gothic und Dark wave Szene, welche ihre spezifischen Motive und einen allen
gemeinsamen Kulturpessimismus in
Popmusik, Mode und Literatur übersetzen.
Die Frage, wie es geschehen
konnte, dass der „alt böse Feind“ irgendwann doch wieder aus dem
Sperrmüllhaufen der Geschichte auferstand, indem er aus der Ecke der Sekten und
Esoteriker sich heraus schleichend, plötzlich neben uns steht, beantwortet sich
nicht allein aus der Faszination des Bösen. Es spielt auch das Zerbrechen
weltlicher Hoffnungen hinein. Schon die französische Revolution kippte moralisch
im Terror der Guillotine ab und scheiterte politisch mit den napoleonischen
Kriegen. Dann kamen die vergeblichen bürgerlichen Erhebungen bis zur Mitte des
19. Jahrhunderts, in dessen zweiter Hälfte Wirtschaftskrisen schlimmes Massenelend
hervorbrachten. Das optimistisch begonnene 20 Jahrhundert führte schnell in die
Katastrophe zweier Weltkriege. Nach den Gräueln von Faschismus und Stalinismus forderten
neokoloniale Auseinandersetzungen noch einmal so viele Opfer, während die
industrialisierte Welt durch ein Gleichgewicht des Schreckens jahrzehntelang am
Rand der Selbstauslöschung entlang balancierte. Der historische Sieg des einen
ideologischen Lagers zeitigte eine turbokapitalistisch befeuerte Globalisierung,
deren Folgen am klarsten in der Klimakatastrophe zum Ausdruck kommen. So zieht
sich seit dem Sieg der Aufklärung ein gegenläufiger Kältestrom durch die
Geschichte, der uns Betrachtern vor allem eine bittere Lektion zu erteilen
scheint: Das Projekt der Aufklärung ist gescheitert, seine humanistischen
Perspektiven aussichtslos. Dem Menschen ist es bis heute nicht gelungen, Herr
seiner Geschichte zu werden. Eher hat es den Anschein, als werde die Menschheit
trotz einer aufgeklärt wissenschaftlichen Kultur, die ihr technische Herrschaft
über weite Sektoren der Natur verlieh, trotz ethisch begründeter
Handlungsmaximen im Politischen, Rechtlichen, Moralischen, immer noch – oder
gerade deswegen – von finsteren Mächten geführt. Das Böse scheint entweder aus
dem Menschen selbst zu kommen, oder es nistet in Strukturdefiziten seiner gesellschaftlichen
Organisationsformen.
Ernst Blochs Diktum, wonach
angesichts unserer Weltlage die Existenz des Teufels empirisch leichter zu
beweisen sein könnte als ein Sein Gottes, gilt heute mehr denn je. Hier dürften
entscheidende Motive für das immer wieder erwachende Interesse am dunklen
Horror liegen. Stimmung und Mentalität vieler folgten damit nur dem
pessimistischen Fazit der Ereignisse. Von daher verwundert nicht, wenn der
schwarzromantische Grundton dieser Kulturabteilung gut ins politisch konservative
Lager passt, mit fließenden Übergängen zum Rechtsradikalismus.
Wir dürfen dabei jedoch nicht
übersehen, dass die teuflische Thematik es seit ihrer offiziellen Abdankung mit
der Aufklärungsepoche nie wieder zu einer umfassenden gesellschaftlichen Bedeutung
gebracht hat. Sie bleibt Randthema, eines von vielen konkurrierenden Interpretaments für Erscheinungen unserer Zeit. Wir müssen
daher den Teufel, anders als unsere Vorfahren, mit geschärftem Blick suchen. Es
sei denn er taucht gelegentlich als rhetorische Floskel in politischen Debatten
auf, wenn der Gegner als „großer Satan“ oder „Reich des Bösen“ dämonisiert
wird, aber das nimmt glücklicherweise niemand ernst.
Einen Sonderaspekt bietet die
Fantasyliteratur. Als Beispiel seien die eskapistischen
Mythen im Werk J.R.R Tolkiens genannt. In seinem bekanntesten Roman, dem „Herrn
der Ringe“, kämpft der mythische Kontinent Mittelerde mit seinen Bewohnern gegen
die Macht des erschröcklichen Sauron.
Zentrale Rolle spielen dabei 20 Ringe der Macht, die bis auf drei vom Bösen
geraubt worden sind. Entscheidend ist jedoch ein einziger Ring. Jener, den Sauron persönlich geschmiedet hat und mit dessen Hilfe er seine
Herrschaft auf den ganzen Erdkreis ausdehnen will. Dieser Ring war im Kampf
verloren gegangen und wurde von einem Mitglied des wackeren Hobbitvolkes
wieder gefunden. Als heraus kommt, dass es sich um den Ring Saurons
handelt, unternimmt eine Schar Verwegener die gefährliche Reise ins Reich des
Bösen, um das Ding im Schicksalsberg zu vernichten. Als es nach vielen
Abenteuern gelingt, ist die Welt
gerettet. Auffällig sind die vielen Anleihen bei der germanischen
Mythologie, („Mittelerde“ = Mitgard), ist die
feudalistische Gesellschaftsstruktur, ist die beherrschende Rolle von Zauber,
Omen und dämonischen Wesen. Die handelnden Subjekte werden vormodern wieder zu
Werkzeugen numinoser Mächte. Das gilt für die meisten
Produkte dieser Gattung. Verfilmungen benötigen daher neugotische Kulissen, am besten in neuseeländischen
Naturlandschaften. Auf politische Resignation folgt hier die artistisch
inszenierte Regression.
Fassen wir unseren kurzen Spaziergang
zusammen, hat das Dämonische durchaus unterschiedlichen Zwecken gedient. Im
Anfang zur Erklärung disparater Lebenserfahrungen. Biblisch und frühkatholisch
zur Rechtfertigung des göttlichen laisser faire. Schließlich
zur Erziehung des Menschengeschlechts im Danteschen Sinn. Nach Reformation und
Aufklärung kam es in romantischen Stimmungslagen zur Wiederentdeckung von
Schreckensabgründen im menschlichen Erleben. Ähnlich heftig erschrak die
Postmoderne angesichts der Bodenlosigkeit ihres Weltbildes. Gegenwärtig scheint
der Teufel im resignativen Unbehagen an Kultur und
Geschichte zu stecken.
Es gibt eine weltanschauliche
und eine literarische Teufelei. Die weltanschauliche ist notwendig, um ein
Weltbild zu stützen. Sie behandelt ihren Gottseibeiuns mit Respekt und Furcht. Das literarische Geteufel ist eher
respektlos. Es bricht dem Dämonischen die objektive Spitze ab und hält es ironisch
auf Distanz. Die Leser/innen wissen, dass ihnen ein kunstvolles Mysterienspiel
vorgeführt wird, während sie auf dem sicheren Sofa sitzen.
Die literarische Spielart reicht
weit in unsere Kultur hinein bis ins Triviale. Ihre Beliebtheit lässt sich am
Fernsehschirm messen, wenn man die Einschaltquoten beim Tatort mit derjenigen
beim Wort zum Sonntag vergleicht. Beiden Spielarten ist
gemeinsam, dass sie das Böse als Grundmuster menschlicher Weltkonstruktion
erweisen.
Es bleibt die Frage: Gibt es
den Teufel wirklich?
Bis heute ist keine wissenschaftliche
Methode bekannt, mit welcher die Existenz von Gott oder Teufel zu beweisen oder
zu widerlegen wäre. Seit der Spätscholastik (Wilhelm v. Occam)
wohnen Glaube und Wissen auf verschiedenen Planeten. Auch wäre zu klären, was
wir unter „Wissen“ und „Glauben“ verstehen wollen. Das menschliche Leiden an
der Welt kümmert sich jedoch um derlei Akademisches nicht, daher bleibt Klärungsbedarf.
Gibt es Möglichkeiten zu „vernunftgemäßem“ Umgang mit diesen Widersprüchen? Hier
wären Theologie und Naturwissenschaften gefragt. Doch leider gibt es bis heute allenfalls
komplementäre Denkansätze und die Diskussion bewegt sich abseits des mainstream. Wenn beide Fakultäten neu ins Gespräch kämen, könnten
neuere weltbildprägende Erkenntnisse wie aus der Relativitätstheorie,
der Heisenbergschen Unschärferelation, Chaostheorie, Quantenfluktuation und die
aktuellen Spekulationen um eine Stringtheorie in die Diskussion einfließen und eome neue Schöpfungstheologie begründen helfen, was antimodernistischen
Kampagnen im Namen eines unverstandenen Glaubens der Boden entzöge.
In unserer Epoche wird eine
Vermittlungstheologie jedoch eher nicht mehr gelingen. Dagegen spricht schon die geistige Trägheit unserer
Universitätstheologie und deren naturwissenschaftliche Unbildung. Denkbar wäre eine
Brückenbildung jedoch durchaus:
Schöpfung könnte als
permanenter und zielgerichteter Prozess der Hervorbringung immer neuer Formen
und Inhalte im Ganzen des Seienden dargestellt werden – mit der Tendenz zu
wachsender Komplexität und Unabhängigkeit von der jeweiligen Umwelt. Evolution könnte
denkbar werden als die Weise, wie der Schöpfungsprozess in die für uns
begreifbare Raumzeit hineinragt. Ob für diesen Rahmen das biblische Zeugnis ausreicht
oder der Ergänzung durch andere religiöse Traditionen bedarf, muss sich zeigen.
Nötig wäre in jedem Fall die Aufarbeitung unserer zeitgenössischen Kosmologie
und ihrer mathematisch-theoretischen Grundlagen. Evolution vollzieht sich in
der Abfolge von Varianz und Auslese. Auf der Erde geht jede menschliche Generation
auf der Stufenfolge der Formen einen Schritt weiter und bezahlt dies mit dem
Auseinanderdriften von eher erfolgreichen und eher erfolglosen Biographien, mit
der Erfahrung von Leid, Unrecht, Not. Nicht immer wird im Wirklichen das Wahre
erkennbar, denn Gottes Gedanken sind höher als unsere. Biblischer Erfahrung
entspricht, dass die Menschheit viele Umwege und Irrwege geführt wird und
bislang eine kollektive Vernunft fehlt. Schon die Propheten erkannten, dass menschliches
Unglück auch selbst verschuldet sein kann und Fehlverhalten eine Tendenz zur
Verschlimmerung hat. Das gilt im Kleinen wie im Großen.
Angesichts der globalen Probleme muss mit einem Abbruch des Experiments auf
Erden gerechnet werden – bewohnte Planeten gibt es wahrscheinlich genug. Die
Unterscheidung der lutherischen Dogmatik von Deus absconditus und Deus revelatus könnte jedoch die Integration des Bösen in den evolutiven Prozess ermöglichen. Der Teufel würde dann zur Schattenseite
Gottes mit demiurgischen Zügen. Als Personalisierung
der Notwendigkeit, Realisationen wieder zu verwerfen, um Platz für Neues zu
schaffen, oder als Chance, aus Erfahrungen zu lernen. Das Endziel der irdischen
Evolution im Kleinen wie der Schöpfung im Großen bleibt menschlichem Erkennen jedoch
ebenso rätselhaft wie ihr Ursprung. Die Erkenntnis der Unmöglichkeit einer
alles erklärenden Weltformel könnte Theologie und theoretische Physik zu
Partnern machen.
Trotz unseres Nichtwissens um
letzte Dinge sind uns Heil und Erlösung seit biblischen Zeiten zugesagt. Als Zielkategorien
für den Einzelnen, für die Menschheit und für den Kosmos, so weit er erkennbar
ist (siehe Psalm 104). Auch wenn dieser Glaube unbeweisbar bleibt, wäre es
unklug, auf ihn zu verzichten, denn er ist eines der wertvollsten Geschenke unserer
Geistesgeschichte. Die Gabe des heiligen Geistes an die christliche Gemeinde,
die uns klug macht, erhält uns diese Hoffnung, damit wir die Gegenwart
bewältigen. Was flüstert uns der heilige Geist? Vielleicht, wenn Glaubendes und
Wissendes einmal zu mehrheitlichem Konsens käme, dies:
Gott, der das Seiende in die
Welt setzt, nimmt es nach Erfüllung seiner Aufgabe wieder zurück. Er lässt es
keineswegs zunichte werden, weil er aus Liebe handelt. Das Gewesene kehrt heim in
Gottes Nähe. Kreuz und Auferstehung Jesu Christi interpretieren diesen Weg
heilsgeschichtlich für den Einzelnen. Universal könnte Heil darin erkennbar
werden, dass die Schöpfung in einem permanenten Erneuerungsprozess schrittweise
vervollkommnet wird bis zum geheiligten Sabbat des göttlichen Zur-Ruhe-Kommens am Ende der Zeit.
Gott, dem jenseits der Zeit alles gegenwärtig ist, hält alle Ereignisse in der
Hand. Der Mensch spielt bestenfalls eine synergetische Nebenrolle an einem
mittelgroßen Stern in einem durchschnittlichen System der lokalen
Galaxiengruppe. Universal nicht wahrnehmbar, doch vor Gottes Angesicht vielleicht
ein schönes Glitzern im Strom, das ihn erfreuen mag und uns vor dem
Vergessenwerden bewahrt. „Lasst euch von Jesus Christus fähig machen, Gott als
seine Priester euer Leben als ein Opfer darzubringen, das ihm Freude macht“ (1.
Petr. 2, 5). In einem solchen Konzept wäre Platz für die kreuzestheologische Erfahrung,
dass das Böse auch aus dem Menschen kommen kann, dass alles Übel seine Macht
behält, dass die Geschichte viele Irrwege ging und gehen wird. Doch neben dem
Kältestrom erscheint mit dem Evangelium zugleich ein Wärmestrom in unserer Geschichte,
der das „wandernde Gottesvolk“ der Christen gemeinsam mit Nichtchristen auf
einen guten Weg bringt und in heilsame Handlungsperspektiven eines gemeinsamen
„Weltethos“ einbindet.
Ein solches Konzept hat
nichts mit kreationistischem „intelligent design“ zu tun, eher mit Hegel und Schelling. Das dürfte
nicht allen schmecken.
Selbstverständlich sind neben
diesem christlich-heilsgeschichtlichen auch andere Modelle denkbar, die den
Teufel in moderne Weltbilder vermitteln: dualistische, stoizistische,
pantheistische.
Ob es einen Teufel gibt,
können wir auch damit noch nicht „wissen“, doch wer den Kontext der
Ermöglichung von Glauben und Wissen fleißig beackert, wird mit diesen Themen im
Sinne einer „docta spes“ umgehen
können.
* Aufsatz, erschienen in der CHAUSSEE, Zeitschrift für Literatur und Kultur Nr. 21/2008 unter dem Schwerpunktthema: „Faust und andere Teufel/ von Luzifer bis Gothic“.