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Frank-Matthias Hofmann Am Ludwigsplatz 11, 66117 Saarbrücken |
Ernten - Danken - Feiern: Variationen zum Erntedankfest
Unter Mitwirkung vieler wird drei Tage lang das Erntedankfest in der City von Saarbrücken als ein Fest begangen. Der Saarländische Bauernverband signalisiert mit diesem Frühschoppen heute morgen und dem von mir als Theologen erbetenen Wort zum Erntedankfest: „Wir wissen, dass wir nicht nur auf gutes Wetter und die Natur elementar angewiesen sind, sondern auch auf Gottes gute Gabe der Schöpfung, die wir bebauen und bewahren sollen. Wir sind froh darüber und wir sind dankbar dafür. Und das soll auch an einem solchen Tag wie heute deutlich werden!“
Ein äußeres Zeichen dafür ist der geschmückte Erntekranz, der in vielen Kirchen kunstvoll gestaltet liegt. Früchte sind um den Altar gelegt. Zeichen für alles, was unserem leiblichen Leben dient und wofür wir zu danken haben. Das ist nicht nur, was wir essen und trinken, sondern dazu gehören auch Kleider und Wohnung, Arbeit, Erholung, die Sonntagruhe, Familie und Freundschaft, soziales Gefüge, gesellschaftliche Organisationen. Wir beziehen in den Dank die Menschen ein, die sich einsetzen für all das, was wir brauchen für unser irdisches Leben: Die Bäuerinnen und Bauern, die Erntehelfer und alle, die für gerechte Verteilung sorgen.
Wer mit der Landwirtschaft verbunden ist, hat vor Augen, wie das Jahr gewesen ist. Im Wort Erntedankfest stecken die drei Worte „Ernten-Danken und Feiern“ drin. Daran möchte ich entlang gehen und fragen, wie ist sie gewesen, die Ernte 2007? Was ist gut geworden? Wo gibt es Probleme? Denn nichts ist selbstverständlich in der Landwirtschaft, beim Säen und Ernten, denn die Natur ist durch uns nicht verfügbar, wir sind auf sie angewiesen und von ihr abhängig. Manches können wir durch unser Verhalten beeinflussen, manches auch nicht. Und ich frage dann auch: Wofür haben wir zu danken? Wie dürfen wir feiern?
Wie war sie, die Erntesaison 2007? Nach langem, aber mildem Winter wurden die Felder bestellt. Was gesät und gepflanzt wurde, wuchs schnell auf. Im Frühjahr kam es allerdings zu Trockenheit, vor allem der April war viel zu trocken. Im Juni und Juli kam es dann regional zu starken Unwettern: Starkregen, Sturm, Hagel.
So sind in Thüringen, wie mir ein befreundeter Winzer aus Neustadt an der Weinstraße erzählte, die Kartoffeln verfault. In der Pfalz und an der Mosel kam es zu sehr frühem Wachstumsbeginn bei den Reben, die Weinernte konnte zwei Wochen früher als normal beginnen. Die Winzer an der Mosel und in der Pfalz erwarten eine gute Weinqualität und eine sorgfältige Ernte ist möglich. Bis Mitte Oktober werden die späten Sorten gelesen, so auch der beliebte Riesling. Die Obsternte verlief ebenfalls gut, man blieb bis auf örtliche Ereignisse von Hagel verschont und kann reichlich Obst ernten.
Anders sieht es beim Getreide aus: 40,9 Millionen Tonnen Getreide insgesamt wurden in Deutschland geerntet, 6% weniger als 2006. Durch die Frühjahrstrockenheit sanken die Hektarerträge um 4,3% gegenüber dem Vorjahr. Die Ernte begann früh, zog sich aber aufgrund des vielen Regens lange hin. Die Feldwege mit ihren nassen und aufgeweichten Böden konnten nicht immer befahren werden und unterbrachen die Ernte. Vor allem in den Spätdruschgebieten stieg der Trocknungsaufwand. Oft musste das Getreide nass gedroschen werden, so dass den Landwirten zusätzliche Trocknungskosten entstanden. Gering war auch der Ertrag beim Stroh, welches in den Betrieben für die Einstreu der Tiere dringend benötigt wird. Wurden insgesamt die Anbauflächen für Getreide leicht eingeschränkt, so wurde die Roggenfläche jedoch um 25% ausgedehnt. Gestiegene Brotroggenpreise und die Nachfrage im Biokraftstoffbereich sorgten für eine Ausweitung der Kapazitäten. Ein positives Ergebnis beim Roggen kam aber nur durch diese Flächenausdehnung zustande, da es mit minus 17,1% einen Ernteeinbruch beim Roggen gab. Trotz kleinerer Ernte steht genügend Ware in Brotgetreidequalität zur Verfügung.
Wirft man allerdings einen Blick auf den Weltmarkt, so ist zu sagen: Dort stehen nur noch für 60 Tage Verbrauch Getreidevorratsmengen zur Verfügung, so wenig wie nie zuvor. Dies hängt mit schlechteren Ernten in Amerika und Russland zusammen. Es hängt mit der Verbesserung der Lebensqualität der Mittelschichten in Indien und China zusammen, die höheren Wohlstand erreichen und dies bedeutet eben mehr Fleischkonsum. Macht man sich bewusst, dass für 1 Kilo Fleisch 7 Kilo Getreide verwendet werden müssen, wird deutlich, wie sich die Welternährungssituation verändert durch diese Entwicklungen. Von Afrika haben wir dabei noch gar nicht geredet. Dazu kommt die zunehmende Flächenkonkurrenz für Getreideanbau zur Lebensmittelerzeugung auf der einen und für den Anbau nachwachsender Rohstoffe wie Mais, Raps, aus denen Biokraftstoffe gewonnen werden, auf der anderen Seite.
So kommt es, dass die um 20% erhöhten Rapspreise den Landwirten Gewinne ermöglichten, obwohl die Hektarerträge durch die Trockenschäden abnahmen. Man sieht, obwohl nach außen hin manche Zahlen gleich geblieben sind, ist vieles in Bewegung unter der Oberfläche, wie Preise, Verluste und Gewinne zustande kommen. Die zunehmende Flächenkonkurrenz wird als Problem empfunden.
Gut
ist, wenn Getreide zur Ethanolgewinnung auf Flächen angebaut wird, die
andernfalls hätten stillgelegt werden müssen. Für manche Bauern bedeutet dies
eine Überlebenschance, wenn sie Getreide für Biokraftstoffe anbauen. Angesichts
der Welternährungssituation muss man sorgfältig ethisch abwägen, was wichtiger
ist. Hier sehe ich eine wichtige Aufgabe für Bauernverbände und Politik, sich
darüber zu verständigen, was wir wollen und wie wir es wollen. Dass gutes
Brotgetreide nicht verbrannt werden sollte, wenn es zur Ernährung gebraucht
wird, sollte klar sein. Dass durch Schäden kaputt gegangenes Getreide bzw.
speziell für diese Zwecke angebautes Getreide zur Energiegewinnung angebaut
wird, sollte in politisch auszuhandelnden Rahmen, wo dies angebracht und
ökologisch nicht schädlich erscheint, auch möglich sein.
In unserer Kirchen wird diese Frage auch noch heiß diskutiert und das Für und Wider erwogen. Brot ist zusammen mit Wasser das Lebenssymbol schlechthin und hoch besetzt.
Gewiss gibt es auch bereits schon seit längerem Mais und andere Energie-Pflanzen, aus denen Rohstoffe gewonnen werden, und das war nicht umstritten. Aber beim Thema „Heizen mit Weizen“ stellt sich diese Frage noch einmal neu und die Kirchen tun gut daran, wenn sie die Entwicklungen auf diesem Gebiet mit wachsamen Augen verfolgen. Wir alle wissen: Wenn man erst einmal sich auf schiefer Ebene befindet, gibt es oft kein Halten mehr. Es bleibt eine spannende Frage!
Es gibt nach dieser Ernte auch Verlierer: Für die Schweinemäster sind die Futtermittel wieder teurer geworden und sie erlangen derzeit keinen gerechten Preis für ihr Schlachtvieh. Auch die Milchbetriebe haben noch nicht viel gewonnen: Obwohl die Nachfrage nach Milchprodukten steigt und der Handel Preise bereits erhöht hat, kommt davon wenig an bei den Bauern. 40 Cent wäre ein fairer Preis für den Liter Milch, derzeit kommen nur 25-30 Cent an, was nicht zur Deckung der Kosten reicht. Faire Preise müssen hier ausgehandelt werden und wir Verbraucher müssen wieder lernen, dass Qualität eben auch ihren Preis hat und Grundnahrungsmittel nicht verramscht werden dürfen.
Allerdings dürfen die Grundnahrungsmittel auch nicht unbezahlbar werden! Über überhöhte Preise für Grundnahrungsmittel wie Brot sind schon manche Regierungen aus dem Amt gejagt worden.
Auch leben unter uns viele Hartz-IV-Empfänger, deren Sätze zunächst einmal nicht an die steigenden Preise angeglichen werden. Hier muss nachjustiert werden, eine angemessene Anpassung für Menschen in sozial schwachen Verhältnissen fordern nicht nur Caritas und Diakonie seit einiger Zeit, zunehmend hat auch die Politik dies als notwendig erkannt. Das ist auch richtig so.
Zu Erntedank gehört auch, an die zu denken, die wenig Geld in den Taschen haben und mit denen wir die Ernte teilen sollen, weil Gott über allen Sonne und Regenbogen aufgehen lässt. Erntedank hat immer auch eine soziale Dimension, und das nicht nur, weil in vielen Gemeinden die Erntegaben vom Altar nach den Gottesdiensten zu armen, obdachlosen oder einsamen Menschen oder in Kinderheime gebracht werden!
Zur Situation im Saarland**
Werfen wir noch einen Blick speziell aufs Saarland: Es war – wie der Kreisvorsitzende des Bauernverbandes Saar im Kreisverband Neunkirchen, Dieter Hauter, resümierte – eine extreme Situation für die saarländischen Bauern. Er schreibt: „Die Getreideernte in diesem Jahr war für mich und viele Kollegen die mengenmäßig schlechteste Ernte in den letzten 30 Jahren. Der Winter war kein Winter. Wir hatten selten Temperaturen unter 0 Grad. Die Vegetation zu Beginn des Frühjahrs war eigentlich sehr erfreulich. Dann kam der Rückschlag Ende März bis Anfang Mai. Fünf Wochen ohne Niederschlag. Die Pflanzen waren enormem Stress ausgesetzt. Wir sprachen bereits landesweit von einem zu erwartenden extremen Dürrejahr und wurden dann, ab Mitte Mai, eines Besseren belehrt: Niederschläge ohne Ende. Jeden Tag gab es Regen, so dass für die Futterbaubetriebe kaum die Silage einzufahren war. “
Auch ist es bei Kartoffeln aufgrund des vielen Regens durch Kraut- und Knollenfäule mancherorts zu Ertragsverlusten bis zu 25% gekommen. Trockenheit und dann Regenmassen – das ist der Getreideernte dieses Jahr nicht so gut bekommen.
Ich muss an ein Gespräch mit einem Bekannten denken. Ich hatte als Gemeindepfarrer in Ludwigshafen-Rheingönheim gerade mit mehreren Bauern über die Trockenheit und den für Bauern wichtigen Beregnungsverband in der Vorderpfalz gesprochen, als kurz danach mir ein Bekannter „ein sonniges Wochenende“ wünschte, obwohl der Boden seit vielen Wochen unter Dürre litt. „Mann, wir brauchen Regen!“, erwiderte ich ihm. Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens bekam ich zur Antwort: „Wir sind eben keine Landwirte!“.
Nein, die meisten unter uns sind keine Landwirte. Aber essen wollen wir alle. Ich habe im Zusammenleben mit den Bauern in unserem früheren Dorf gelernt: Wir dürfen das Wetter nicht nur nach den Maßstäben unserer individuellen Freizeitbedürfnissen beurteilen. Wir müssen uns wieder viel stärker darauf besinnen, wovon wir leben und satt werden. Die natürlichen Lebensbedingungen sind und bleiben die elementaren Voraussetzungen für alle Lebensmittel, auch für die Industrieproduktion und unser Wohlbefinden am Wochenende. Es ist lebenswichtig – für unser Überleben wichtig! – dass wir das neu wahrnehmen lernen.
Da hilft es beispielsweise, wenn wir, auch wenn wir in der Stadt wohnen, uns ein kleines Pflanz- oder Kräuterbeet anlegen, mit unseren Kindern und Enkeln etwas einsäen, es gießen und dann sehen, wie die Pflanze heranwächst, Früchte trägt oder das Kraut sich entwickelt. Wir müssen wieder stärker mit der Natur und zur Natur hin leben, sonst entfremden wir uns immer mehr den elementaren Lebenszusammenhängen, dem Boden, dem Wasser, der Luft, von denen wir abhängig sind. Wir nehmen das alles viel zu selbstverständlich hin und meinen, es müsste immer so sein. Das ist es aber nicht. Da ist es gut, von den Erfahrungen derer zu lernen, die in und mit der Natur arbeiten: den Bauern, den Gärtnern, den Förstern.
Schon wer einen eigenen Garten hat, und sei er noch so klein, schon wer mit seinen Kindern und Enkeln auf dem Balkon in Pflanzkästen Kräuter oder Pflanzen einsät, der lehrt die nachfolgenden Generationen etwas Elementares, wie Leben aus dem Zusammenspiel von Erde und Wasser entsteht, wie schnell es aber auch vergehen kann, wenn nicht gegossen wird und wie schnell die Pflanze vertrocknet, die Blume den Kopf hängen lässt. Das verstehen dann auch Kinder – und sie leiden mit der Pflanze, wenn sie vertrocknet.
So haben wir in unserer früheren Gemeinde mit den Kindern in Kindergarten und Kindergottesdienst in Herzform Kresse eingesät – die Kinder gossen die Saat und an Erntedank brachten sie die gewachsene Kresse mit in die Kirche – und dann nahmen sie sie mit nach Hause und zuhause wurde eine Suppe gekocht, in die die Kresse kam – oder auf einem deftigen Butterbrot – und keines unserer Kinder hat in diesem Moment nach Chio Chips oder Pommes gerufen. Das schmeckte besonders gut, weil sie es eben selbst eingesät, gepflegt, dann geerntet und gegessen haben. Sie haben erfahren, wie viel Mühe da drin steckte und wie lange es dauerte, bis man die Kresse essen konnte.
Aber sie haben dabei viel fürs Leben gelernt. Den Zusammenhang von Säen und Ernten, die andauernde Pflege, die Pflanzen nötig haben. Dann auch die Freude, wie gut das schmeckte. Das selbst geerntete Gemüse schmeckt eben immer besser als das gekaufte.
Diesen Kindern ging es dann gewiss nicht so, wie jenem einen, das vor dem Erntedankalter stand und die Rüben, an denen noch Erde klebte, die Kartoffeln und die Schwarzwurzeln ansah und sagte: „Aber da ist ja gar nichts zum Essen dabei!“ Und dabei dann wohl eher an Pommes und Ketchup oder Hamburger dachte als daran, dass auch diese Produkte erst aus Grundstoffen weiterverarbeitet werden müssen.
Auch die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend, Ursula von der Leyen, die im Materialheft der „Kirche im ländlichen Raum“ zu Erntedank 2007 einen Beitrag verfasst hat,
berichtet von einem solchen Erlebnis: „Ein Stadtkind macht Ferien auf dem
Bauernhof. Der Bauer kommt aus dem Stall, in der Hand die Milchkanne, und
bietet dem Kind ein Glas Milch an, frisch von der Kuh. Da sagt das Kind: ‚Mama,
ich will aber keine Kuhmilch, ich will Litermilch!’“
Auch diese Episode
macht deutlich, dass Ernte als Blickfang für viele Menschen, die nicht auf dem
Lande leben, etwas Ungewohntes ist. Wir sind aus den Supermärkten ganz andere
Blickfang-Angebote gewohnt: Blitzblanke Kühlregale, bunte Verpackungen,
mundfertig vorbearbeitete Speisen mit klangvollen Markennamen.
Der
Fertigspeisenkultur fehlen oft die Vitamine und Grünstoffe, die wir Menschen zu
einer gesunden Ernährung brauchen. Köche beklagen bereits den Verfall der Koch-
und Esskultur und die McDonaldisierung unserer Gesellschaft. Hier gilt es
gegenzusteuern: Sich Zeit für den Einkauf, das Zubereiten und dann auch das
gemeinsame Essen in der Familie oder mit Freunden zu nehmen – das wäre eine
Kultur des slow go, die allerorten gefordert wird, um unserer hektischen Zeit,
auch beim Essen, das manchmal einem Hinunterschlingen ähnelt, zu begegnen.
Der Erntedankaltar
in der Kirche, auch der Bauernmarkt hier in der Stadt Saarbrücken, mit seinen
oft unbearbeiteten Produkten aus eigener Ernte lenkt die Blicke ganz bewusst
auf den Zusammenhang von Natur, Landwirtschaft und Ernährung. So wie der Samen
und dann die Pflanze Zeit brauchen, um zu wachsen und heranzureifen, so sollten
auch wir uns Zeit nehmen für die Zubereitung und das Konsumieren. Es ist gut,
wenn wir uns diese Zusammenhänge an Erntedank klarmachen.
Wie die Zusammenhänge vermitteln?
Wie lehren wir Kinder diese Zusammenhänge? Es ist für mich sehr interessant zu lesen, was Dr. Clemens Dirscherl, Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks und Agrarbeauftragter der Ev. Kirche in Deutschland schreibt: „Bauernkinder wachsen in voller Kenntnis der Arbeitswelt ihrer Eltern auf. Sie können sich schon recht früh spielerisch in Arbeitszusammenhänge mit hineinbegeben. Untersuchungen belegen, dass Bauernkinder wesentlich früher Verantwortung übernehmen können und wollen. Nicht zuletzt sind sie daher auch als Mitarbeiter in der Wirtschaft begehrt.“
Das liegt daran, dass man in der Landwirtschaft einen ganzheitlichen Prozess des Gebens, des Wachsen und den Kreislauf von Bestellung und Ernte erlebt. Wo andere in jeder freien Minute in den Wald flüchten oder durch die Äcker beim Joggen, Walken oder Nordic Walking hetzen, um die Defizite der Naturerfahrung auszugleichen, können der Bauer und seine Familie aus der Naturbindung Kraft, Ruhe und Gelassenheit schöpfen – bei aller Wetterabhängigkeit.
Freilich:
Ich will hier auch nichts verklären. Wir hatten ja schon einmal in Deutschland
eine Zeit, wo das Bauerntum und das Zurück-zur-Natur im Übermaß ideologisch
aufgeladen worden ist und wo uns dieses übersteigerte Schollenbewusstsein gar
nicht gut bekommen ist.
So
meine ich das auch nicht. Aber dass z.B. Urlaub auf dem Bauernhof, das Erleben
von Tieren, Natur und Landwirtschaft, auch Produktion einheimischer Produkte,
für Kinder und ihre Familien anregend ist, erfahren viele Tausend jährlich aufs
Neue, die diese Form des Urlaubs vor Ort oder in agrarisch geprägten Regionen
in Deutschland schätzen gelernt haben.
Auch
im Saarland kann man Urlaub auf dem Bauernhof machen. Für manche bäuerliche Familien
ist es ein weiteres Standbein für die Sicherung ihrer Existenz. Viele Städter
erleben das Land unmittelbar mit und klinken sich in das Leben auf dem
Bauernhof ein. Für Kinder sind Bauernhöfe sowieso ein Eldorado, auf dem man
ungestört und nicht gehemmt durch Verbotsregeln spielerisch stärker mit der
Natur zu leben lernt. Und manche Urlauber haben Freude daran gefunden, bei der
Ernte, dem Kühe melken oder dem Kompotteinkochen mitzumachen und waren hinterher
genauso erholt – und manchmal noch ein bisschen mehr, als wenn sie wie
Ölsardinen an einem überfüllten Adria-Strand zusammengepresst hätten liegen
müssen.
Das ganz Elementare kehrt an Erntedank zu uns zurück: Wir sind angewiesen auf Sonne und Wind, auf Tau und Regen, auf den Boden und seine Fruchtbarkeit. Der Dichter Matthias Claudius hat das als Bild genommen: „Er, Gott, sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein und wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein…“. Claudius rückt damit die Menschwerdung Jesu Christi in die Nähe der Ernte: Tau und Regen, Sonn- und Mondenschein als Einwickelpapier für das Ereignis, dass Gott Mensch wird!
Im Zeitalter der Ladenketten und Tiefkühltruhen ist uns das Elementare weithin entglitten. Wir haben uns daran gewöhnt, für Geld zu jeder Zeit alles kaufen zu können. Erdbeeren auch im Winter, manche wundern sich dann, dass die teurer als im Juni sind, denken aber nicht weiter drüber nach. Wer im Januar Erdbeeren und im November Spargel kauft, verliert am Ende jede Beziehung zu den Jahreszeiten und ihrer Bedeutung für unsere Ernährung. Dass die regionalen Produkte eigentlich immer dann auch am besten schmecken, wenn sie vor Ort wachsen und geerntet werden, wissen glücklicherweise dennoch viele und kommen zu den Erdbeerfeldern, um sich dort Erdbeeren zu pflücken. Wenn aber ein milder Winter für frühere Erdbeerernte sorgt, bringt das auch manche Bauern in Schwierigkeiten, weil dann einheimische Produkte, die eigentlich zwei Monate später geerntet werden, plötzlich mit früher ausgelieferten ausländischen Beeren konkurrieren und manchmal preislich unterlegen sind.
Also
auch so etwas kann zu einem Preisverfall und zu Geldverlust beim Bauern führen.
Mag der Import bei typisch südländischen Früchten noch verständlich sein, unverständlich
ist, wie mir eine befreundete Bäuerin erzählte, wenn Äpfel aus Ägypten und
Israel hier vor Ort billiger angeboten werden können als saarländische oder
pfälzische Äpfel, die vor der eigenen Haustür wachsen und geerntet werden. Das
ist nicht mehr normal und kann eigentlich nicht sein, dass die Transportwege
über mehrere Tausend Kilometer nicht zu Buche schlagen und dadurch einheimische
Märkte kaputt gemacht werden.
Da ist Energie offensichtlich immer noch zu billig und da wird mitnichten nachhaltig gewirtschaftet. Wir sollen ja auch nicht unsererseits einheimische Märkte in der sog. Dritten Welt mit unserer Waren kaputt machen, was leider doch in vielen Marktsegmenten der Fall ist, es sollte dann auf den Weltmärkten gleiches Recht für alle gelten und man muss sich sehr genau anschauen, ob regionale Märkte zerstört werden und ob man nicht regionale Produkte auch regional vermarkten sollte, um sie ressourcenschonend an den Mann und die Frau zu bringen.
Das gilt für unsere eigenen regionalen Märkte, aber eben auch für die regionalen Produkte in Afrika. Für Kaffeebauern in Guatemala oder Ghana muss es ebenfalls gerechte Preise geben. Leider wird der sog. Weltmarkt von den Ländern im Norden diktiert und es gibt eben gerade für die Länder Afrikas und Südamerikas keinen freien und fairen Handel. Die Zwischenhändler, Importeure und Weiterverarbeiter, die nicht in diesen Ländern ansässig sind, verdienen daran immer noch das meiste. Auch das muss sich in einer gerechten Weltwirtschaftsordnung schnellstens ändern.
Wir sitzen alle in einem Boot in unserer globalisierten Welt, was wir hier als gerecht für unsere Bauern ansehen, muss auch im Weltmaßstab Geltung erlangen. Dafür kämpfen seit Jahrzehnten Seit an Seit Misereor, Brot für die Welt und weitere Entwicklungsorganisationen.
Auch das ist ein Aspekt des Erntedankfestes 2007.
Wer vor Ort bei den Bauern, Hofläden, auf den Wochenmärkten (die freilich hauptsächlich von Älteren, nicht von Jüngeren besucht werden, wie man diese Woche in Zeitungen lesen konnte!) oder in Geschäften kauft, die regionale Produkte vertreiben, wer dann nicht nur kauft, sondern auch einmal verschiedene Sorten probiert und sich auf ein Gespräch mit denen einlässt, die säen, ernten und oftmals auch weiterverarbeiten, der kann viel lernen.
„Tag der Regionen“
In vielen Aufrufen zum Erntedankfest kann man die Forderungen nach nachhaltigem Lebensstil lesen. Das heißt aber doch, wir müssen bewusster als bisher uns für einen regionalen und fairen Lebensstil entscheiden, und damit auch einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten! Die bundesweite Aktion „Tag der Regionen“ ist kein Aufruf zu provinziellem Denken, sondern der Versuch, durch das Kaufen von regionalem und saisonalem Obst und Gemüse mitzuhelfen, Energie und Treibhausgasemissionen einzusparen. Die Zahl der weltweiten Lebensmitteltransporte erhöht sich ständig, was die Umwelt zusätzlich belastet.
Wenn überall auf der Welt regionale Produkte zu fairen Preise vertrieben werden, könnten ländliche Strukturen in allen Regionen auf dieser Erde gesunden und Menschen ein Auskommen vor Ort bieten. Auch das wäre ein soziales und wirtschaftlich gutes Zeichen in unserer globalisierten Welt, aus der niemand aussteigen kann. Man kann aber eben auch regional und lokal handeln und dennoch global denken.
Übrigens machen bei diesem „Tag der Regionen“ die Kirchen, Bauernverbände und Landwirtschaftskammern mit, Zeichen für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Lokal handeln kann dann auch heißen, z.B. zur Weinlese im Herbst zu fahren und eine Zeitlang mitzuhelfen beim „Herbsten“, dann wird man mit den Winzern das Gespräch suchen, und schnell drin sein im Thema. Wer das tut, nimmt Anteil an allem, was die Erzeuger bewegt und er merkt sehr schnell, dass hier nichts selbstverständlich ist.
Da war es zu heiß und zu trocken, da kam der Regen nicht zur rechten Zeit, und ganz schnell ist ein Teil der Ernte verdorben, Schädlinge befallen die Früchte. Es ist also keine Marotte, wie ich anfangs meinte, wenn ich mich mit meinen Bauern unterhalten habe und die oftmals über das Wetter stöhnten: Da steckt viel Lebens- und Arbeitserfahrung und Bauernweisheit dahinter und mancher würde gut daran tun, sich die althergebrachten Bauernregeln und -kalender herzunehmen, um auf diese Weise viel über die natürlichen Abläufe der Jahreszeiten zu erfahren.
Wenn das Wetter nicht passt, dann heißt das eben nicht nur, wie für die meisten von uns: „Wir können nicht spazieren oder ins Freibad gehen“, sondern für die Bauern bedeutet das: Weniger ernten und produzieren, ganz schnell steht dann auch die gesamte Existenz des Bauern, des Gärtners oder des Winzers auf dem Spiel. Mehrere schlechte Ernten hintereinander – und der Hof muss geschlossen werden, die Existenz ist ruiniert. Mit dieser Unsicherheit müssen alle die leben, die von der Natur abhängig sind.
Vielen Menschen unter uns ist nicht mehr bewusst, dass alles, was sie für das Leben brauchen, von der Fruchtbarkeit der Erde herrührt. Wir kaufen Milch in Tüten oder als Bestandteil süßer Riegel, die Gesundheit vorgaukeln und Kinderzähne verderben. Kühe sind allenfalls vor Augen als Glückstiere für bestimmte Schokoladenmarken, deren Farbe lila und nicht mehr schwarz-weiß oder braun ist. Und vielen kommt nicht mehr in den Sinn, wie viel Erfahrung und Arbeit, wie viel Pflege auch da nötig ist, bevor und damit die Kühe Milch geben.
Verantwortung für die
Bewahrung der Schöpfung
Ich habe bis jetzt versucht, herauszufinden, was die Bedeutung des Erntedankfestes ist und dass wir auf eine Bewusstseinsänderung hinarbeiten müssen, dass Nahrungsmittel uns wieder mehr wert werden und wir die Arbeit der Bauern, der Erzeuger neu schätzen lernen. Wenn wir vom Wert dieser Arbeit sprechen, müssen wir auch über gerechte und faire Preise für die Erzeuger reden. Bauern müssen und können rechnen, wenn sie den Verkaufspreis von Brötchen in Beziehung setzen zum Preis, den sie für ihren Weizen erhalten. Sie kennen die Konkurrenten des Weltmarktes und die schwierige Bürokratie. Sie erleben aber auch, dass wir Verbraucher Druck ausüben in unserem Bestreben, alles möglichst billig zu bekommen.
Dieses „Geiz-ist-geil“-Mentalität ist mitverantwortlich für manche Fehlentwicklungen, wie etwa für die kriminellen Machenschaften von Verarbeitung von Abfallfleisch: Auch aus dem Abfall soll noch Geld herausgepresst werden.
Und dennoch sollen und dürfen wir heute danken: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut“, heißt es im 1. Timotheusbrief 4, 4-5.
Gewiss werden Freude und Dank immer wieder gedämpft durch schlechte Beispiele, die das verdunkeln, was Gott gut geschaffen hat. Darum ist es wichtig, dass wir am Erntedankfest bei unserem Dank auch auf die Realitäten unserer Existenz und ihrer Bedingungen schauen: Wir leben mit dieser Erde mit wackeligen Schichten, mit klimatischen Bedrohungen, dem zunehmenden Klimawandel, mit Stürmen und Fluten, mit Dürre und Hitze. Unter Dornen und Disteln müssen Adam und Eva – das heißt: der Mensch – das Land bebauen. Lebensbedingungen dieser Erde sind nicht überall gut. Die unbeschwerten Paradiese gibt es wohl nur in den Katalogen der Urlaubsindustrie.
Der Dank fällt aber auch manchen Bauern schwer, die an den Wust von Bürokratie denken, an das Sterben von Höfen (Wachsen oder Weichen, hieß lange die Devise!), an die Schwierigkeiten der Nachfolge, an die Probleme von Jungbauern, eine Partnerin zu finden, die das Leben auf dem Hof mitträgt und mitgestaltet und es mit zu ihrer eigenen Lebensaufgabe macht. Da gibt es große Sorgen. Wenn Höfe seit Generationen die Familien ernährt haben und nun zu sterben drohen, dann können auch Selbstwertgefühl und Stolz verloren gehen.
Mit der Produktion dessen, was wir brauchen, sind auch neue Probleme entstanden: Paradoxerweise werden auch Prämien für Nichtproduktion bezahlt. Man erteilt Patente auf Tieren und Pflanzen. Die Forschung und Technik arbeiten an genetischen Veränderungen des Saatguts. Wollen wir das?
Der Mensch als Macher und Herr des Lebens? Gentechnisch verändertes Saatgut oder reproduktionstechnisch hergestellte Menschen: Das alles zeigt, wozu der Mensch fähig ist. Viele neue Entwicklungen bieten Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitsabläufe und zur Erhöhung der Ernteerträge. Aber manches weckt auch die Furcht vor Risiken, die nicht mehr beherrschbar sind und die irreversible Folge haben können, etwa bei der Ausbreitung verseuchten Saatguts durch Wind auf Nachbarfelder.
Das Feiern des Erntedanktages erinnert uns auch daran: Bleibt bewahrt vor Überheblichkeit und Größenwahn! Unser Leben bleibt ein Geschenk, über das wir nicht verfügen. Über der Schöpfung liegt ein Glanz, den wir nicht selbst hergestellt haben. Diese Erde ist uns nur zu treuer und guter Haushalterschaft übergeben. Wir sollen sie bebauen – ja, aber eben auch bewahren. Wie es in der biblischen Schöpfungsgeschichte heißt. Und dieses Bewahren ist manchmal im Bewusstsein von uns verloren gegangen, wir müssen es Schritt für Schritt wieder zurückgewinnen, damit wir verantwortlich mit allem umgehen, was uns anvertraut ist.
Die Bibel schärft uns den Blick für die Verantwortung, die wir für nachfolgende Generationen haben. Dass wir ihnen eine bebaubare und menschenfreundliche Welt übergeben und ihnen noch Handlungsspielräume belassen, innerhalb derer sie eigene Entscheidungen treffen können. Gottes Wort macht uns frei dazu, nicht nur stets den eigenen Nutzen im Blick zu haben, aus der reinen Nutzenabwägungsfalle herauszukommen, Verantwortung für andere zu übernehmen und genau ethisch abzuwägen, ob der zu beschreitende Weg gut ist oder nicht.
Dient das, was wir tun, den Menschen? Dient es kommenden Generationen? Lässt es die Welt lebenswert? Wie wird unser Erbe sein? Hoffentlich keine Hypothek für künftige Generationen!
Der Erntedanktisch erinnert uns daran, dass Einsatz und Leistung nicht alles sind. Aussaat, Wachsen und Reifen, Ernten – all das schärft den Blick für das Wunderbare, das über die ökonomische Verwertung als Nahrungsmittel hinaus in diesem Prozess liegt. Ernte heißt für alle, soweit wir uns als Christen verstehen, Teilnahme an Gottes Schöpfung. Wer dieses Wunderbare sieht, wird dankbar. Ernten und danken gehört zusammen.
Aus dieser Haltung wächst die Übernahme von Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung. Nachhaltiger Umgang mit dem bebauten Land, mit der Natur, schafft die Grundlage dafür, auch in Zukunft ernten zu können. Was wir morgen ernten wollen, müssen wir heute säen. Auch im übertragenen Sinne: Wenn wir heute unseren Kindern und Kindeskindern nicht Ehrfurcht vor dem Leben, Wahrhaftigkeitsstreben und Gerechtigkeitssinn vorleben und lehren, dann können wir nicht erwarten, dass sie morgen Verantwortung für eine solidarischen und zukunftsfähige Gesellschaft mit menschlichem Antlitz übernehmen können oder wollen. Heute christliche Grundeinstellungen und daraus folgendes Wertebewusstsein zu säen, ist auch ein Beitrag zur Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Wobei wir wissen müssen, dass die christlichen Kirchen nun auch nicht wieder reine „Werte-Beschaffungs-Unternehmen“ sind, auf das sie gerne von manchen in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit reduziert werden.
Bebauen und bewahren – dieser Auftrag aus dem biblischen Schöpfungsbericht gilt auch für uns moderne Menschen. Mit dem Beackerten und Bebauten pfleglich umzugehen, die Schöpfung bewahren und entwickeln, und Ehrfurcht, Freude und Dank Raum im Miteinander geben, das ist die frohe Botschaft des Erntedankfestes. Gut, dass es Erntedank gibt.
** Die Zwischenüberschriften
wurden von der Redaktion eingefügt.