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Dr. Klaus Bümlein Ludwigstraße 80, 67346 Speyer |
Karl Barth und die Pfälzer
Die Wirkung der Theologie Karl Barths eilt unserer Zeit voraus. Mit diesem Satz schließt ein Nachruf auf Karl Barth, der nach seinem plötzlichen Tod am 10.12.1968 im Evangelischen Kirchenboten der Pfalz erschien. Eine ausführliche und liebevolle Würdigung. Sie stammt von dem wohl frühsten Barth-Schüler in der Pfalz, Pfarrer und Dekan Lic. Karl Groß (1897-1974).[1] Eingehend werden die Stationen des Theologen Barths erinnert: der Pfarrer in Safenwil, die aufrüttelnde Römerbrief-Auslegung 1919, der Ruf nach Göttingen ohne Habilitation und Promotion, die Jahre an den Universitäten Münster und Bonn, der Beginn seines Lebenswerks in der Kirchlichen Dogmatik, Barths Weckruf 1933 Theologische Existenz heute und die Arbeit für Barmen 1934, die neue Zuwendung zu den Deutschen in der Katastrophe 1945, Christengemeinde und Bürgergemeinde 1946, das ökumenische Zeugnis. Mein Denken kreist um die Glorie Gottes, zitiert er Barth. Aber das schließe die Menschlichkeit Gottes nicht aus, sondern ein.
In diesem Beitrag von Karl Groß finden wir sympathisch zusammengefasst, was ein engagierter Pfälzer Pfarrer über Jahrzehnte hin Barth theologisch und menschlich verdankt. Auch in Briefen kommt Groß immer wieder auf Barths Einfluss zurück. Am 9. Mai 1951 gratulierte er Barth zum Geburtstag und erinnerte daran, wie er Barth 1922/23 in Göttingen gehört habe. Wiederholt war er bei ihm eingeladen. Vorher habe er bei Wobbermin in Berlin studiert. Aber als er den Römerbrief zu lesen bekam, war das eine, ja die Wende. Barths schlichter Satz Gott ist Gott habe ihn seither nie losgelassen. Er dankt Barth noch einmal für die Unterstützung im Kirchenkampf und für die Bereitschaft, immer neu auf alle Fragen und Nöte einzugehen.[2]
Karl Barth und die Pfälzer! Wie kann ich das komplexe Thema für eine knappe Übersicht darstellen? Die Pfälzer Theologen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert lasse ich ganz beiseite. Dabei wäre es reizvoll, Barths Verhältnis zu dem Hauptverfasser des Heidelberger Katechismus Zacharias Ursinus (1534-1583) zu untersuchen, der seit 1578 in Neustadt gewirkt hat und dort gestorben ist. Oder den Anklängen an Heinrich August Ebrard (1818-1888) nachzugehen, der als Konsistorialrat in Speyer 1853-1861 eine ganze Ära pfälzischer Kirchengeschichte bestimmt hat.[3] Davon soll nicht die Rede sein. Beschränken wir uns auf einige von Barths Zeitgenossen und Briefpartnern in der Pfalz! Ich will mich konzentrieren auf fünf Personen, die verschiedenen Generationen angehören: Hans Schmidt (1884-1957), Lic. Karl Groß (1897-1974), Heinz Wilhelmy (1906-1980), Karl Handrich (1913-1994) und Hans Joachim Oeffler (1930-2005). Hilfreich für diese Beschränkung waren die Gespräche, die sich im Kreis der KTA am 25.4.08.in Kaiserslautern und bei der Ruheständlertagung am 8.5.08 in Klingenmünster ergaben.
Ich möchte meine Darstellung gliedern mit Hilfe eines Kirchenvaters, der für Barth eminent wichtig war, obwohl er weder Theologe noch Protestant gewesen ist. Ich bin diesem Kirchenvater gleich mehrmals im Februar dieses Jahres in der Bruderholz-Allee 26 begegnet. Mit Titeln aus Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) Werk also sollen die einzelnen Sätze dieser Skizze überschrieben sein: Allegretto – Largo – Allegro ma non troppo – Menuetto maestoso – Rondo und Finale. Wir werden hören, dass Mozart sogar in einem Brief nach Pirmasens zum Klingen kommt.
Für das Finale möchte ich auch aufheben, was ich persönlich über die Bedeutung Barths für uns Pfälzer in Zukunft denke.
1. Allegretto – Die Verbindungen zu Barth bis 1933
Göttingen, Münster, Bonn waren die drei ersten Universitätsstationen des Schweizers Barth während der Weimarer Republik. Für Barth Zeiten des ungestümen und prinzipiellen Aufbruchs, der Suche nach einer neuen Theologie. Pfälzer und Pfälzerinnen waren an allen drei Universitäten unter den Studierenden.
In Göttingen mit Karl Groß auch Karl Köhler (1900 -1960), Pfarrer und Dekan in Bad Dürkheim, seit 1950 der erste Leiter unserer Akademie.[4] In Münster findet sich Heinz Wilhelmy (1906-1980) ein, aber auch Karl Traut (1909-1987)[5] und Theophil Blitt (1904-1982).[6] Auch meine Schwiegermutter Käthe Sehnert (1908- 1996) hörte Barth in Münster, etwa über Die Geschichte der Protestantischen Theologie seit Schleiermacher und erzählte immer wieder von den munteren offenen Abenden.
Seit 1930 lehrte Barth in Bonn. Hier fand sich eine ganze Reihe Pfälzer Studierender ein: Karl Willi Emrich (geboren 1912, im Krieg vermisst), Paul Esselborn (1913-1994), Hermann Heß (1907-1993), Johannes Keßler (1911-1988), Friedrich Roos (1909-1994), Hans Schlimmer (1912-1944 gefallen). Von Studentinnen ist mir aus dieser Zeit neben Käthe Sehnert nur Esther Mann (1908-1989) bekannt, verheiratet mit Friedrich Theyson (1905 – 1997).
Sie sind nicht alle Barthianer und leidenschaftliche Schüler des Meisters geworden. Aber diese frühen Hörer brachten den frischen Wind einer neuen Theologie in die so fest gefügten kirchenpolitischen Fronten der Pfalz, in der, in den zwanziger Jahren, zwischen der Mehrheit der Liberalen und der gestärkten Minderheit der Positiven das theologische Terrain klar vermessen schien. Vergessen wir nicht, dass in diesen Jahren bis 1933 nicht nur Barths Römerbrief in sechs Auflagen erschien und keineswegs nur von Theologiestudenten gelesen wurde. 1932 begann die Kirchliche Dogmatik, nach dem ersten Entwurf von 1927, zu erscheinen.
Barth war auch in der Pfalz so berühmt, dass ihn Hans Schmidt (1884-1957), das Haupt der Positiven Vereinigung, 1930, ja schon 1929 zu einem Vortrag nach Kaiserslautern einlud.[7] Eine aufreizende Vorstellung, dass Barth im Jubeljahr der Protestation von Speyer 1929 einen kritischen Gegenvortrag in Kaiserslautern gehalten hätte! Schmidt schrieb als Pfarrer in Kaiserslautern: Gestatten Sie mir heute namens der Positiven Vereinigung die Anfrage, ob Sie nicht uns in der Pfalz in der ersten Hälfte des Juli einen Vortrag hauptsächlich vor Theologen halten können. Nicht ohne pfälzisches Selbstbewusstsein schrieb Schmidt weiter: Sie sind vielleicht erstaunt, von der Positiven Vereinigung einen Ruf zu bekommen, wir hätten Sie gerne einmal in unserer Pfalz. Ich glaube nicht, dass der liberale Protestantenverein Sie rufen würde, darum wollen wir den Versuch machen. Das Thema überlassen wir Ihnen, vielleicht aber nehmen Sie auf uns Rücksicht, dass Sie etwas bringen, wodurch Sie nicht sich in Widerspruch zur Positiven Vereinigung und zum Positiven Bekenntnisglauben setzen.[8] Barth musste absagen und schrieb am 9. Mai 1929 vom Bergli im Kanton Zürich: Es geht leider nicht. Ich habe dieses Semester Studienurlaub, verbringe ihn hier in der Schweiz und möchte meine sehr nötige Arbeit durch keine Vortragsreisen unterbrechen.[9] Hans Schmidt wiederholte seine Einladung mit Briefen vom 18.7.1929 und vom 25. 11.1930.[10] Was hätte es für die Entwicklung der Pfalz seit 1933 bedeutet, wären Schmidt selber und andere Pfälzer Theologen damals Barth direkt begegnet?
2. Largo oder die Jahre 1933 bis 1945
Was so vielfältig munter begonnen hatte, wurde durch den Sieg des Nationalsozialismus jäh und nachhaltig unterbrochen. Die große Mehrheit der Pfarrer erwartete einen hoffnungsvollen kirchlichen wie nationalen Neuaufbruch und schloss sich zeitweise den Deutschen Christen an.[11]
Nicht dass Barths Stimme theologisch zum Verstummen gebracht worden wäre. Seine Theologische Existenz heute wurde von nicht wenigen als wahrhaft orientierende Hilfe im allgemeinen Wirrwar verstanden. Das hat nicht nur Karl Groß immer wieder zum Ausdruck gebracht. Am 11.7.1933 schrieb aus Thaleischweiler Heinz Wilhelmy direkt an Barth: Als einer Ihrer alten Münsteraner Schüler, wenn ich so sagen darf, drängt es mich, Ihnen zu schreiben, wie sehr ich mich gefreut habe über die Offenheit und den Mut, mit denen Sie die derzeitige, chaotische kirchliche Lage beurteilt haben, noch mehr darüber, dass Sie alle, die in der Gefahr standen zu vergessen, dass sie Theologen sind, unüberhörbar an ihre theologische Existenz erinnert haben. [12] Auch Handrich hat Theologische Existenz heute verschlungen und betont, dass ihm dabei ein Licht aufgegangen sei.[13] Im Landauer Predigerseminar las der Direktor Hans Stempel mit den Vikaren die Schrift: einer der Gründe, die zu seiner Entlassung und zur Schließung des Predigerseminars im Dezember 1933 beitrugen.
Ich möchte nicht eingehen auf die Konflikte der pfälzischen Kirche bis zur Gründung der Pfarrbruderschaft im September 1934. Bei der Bekenntnissynode in Barmen nahm kein Pfälzer teil.[14] Nach Barths Weigerung, in Bonn den Führereid in der vorgeschriebenen Form zu leisten, wurde er Ende 1934 entlassen und war seit seiner Berufung nach Basel der direkten Handlungsmöglichkeiten im nationalsozialistischen Deutschland beraubt.[15]
Für Pfälzer Studierende wurde es bis 1945 schier unmöglich, in Basel Barth regelmäßig zu hören. Die kleine Schar der deutschen Studenten, die durch große Schwierigkeiten hindurch den Weg nach Basel fand’, stellte nach Barths Erfahrung später draußen zum größten Teil eine zuverlässige und brauchbare kleine Truppe dar.[16] Einen Basler Studierenden aus der Pfalz habe ich für diese Zeit nicht ausfindig machen können. Als der Vikarskurs 1938 mit Schaller das Missionsfest in Basel besuchte, war an einen Gesprächskontakt mit Barth nicht zu denken. Sonst wäre die Reise nicht erlaubt worden.[17]
Die Wirkungen von Barths Theologie spielten sich weithin abseits der kirchlichen Öffentlichkeit ab: vor allem in den Kreisen der Pfarrbruderschaft, die das Barmer Bekenntnis auf seine Folgerungen bedachte. Besonders wach war man in der Arbeitsgemeinschaft um den Herxheimer Pfarrer Wiedmann (1906-1973), zu dem auch Karl Handrich gehörte. Peter Rummer urteilte in seiner wissenschaftlichen Hausarbeit sogar: Dieser Kreis ist der einzige innerhalb der Pfarrbruderschaft, in dem die Barthsche Theologie eine zentrale Rolle spielte.[18] Wirkungen von Barths Theologie wurden sichtbar in dem exponierten Konflikt Wilhelmys mit seiner eigenen Kirchenleitung. Es wird schwer möglich sein abzuschätzen, wie viele in der Pfalz Barths Werke weiter lasen und für ihre Arbeit als Pfarrer auswerten konnten. Ein sehr trauriges und stilles Largo klang zwischen Basel und den Pfälzern bis 1945 aus.
3. Allegro ma non troppo – Vom Kriegsende bis zum zweiten Barth-Besuch
1953
Das alles veränderte sich allmählich nach dem Kriegsende. Nun wurde es in allem Chaos und aller Bedrängnis der ersten Monate 1945 wieder möglich, Kontakt mit der außerdeutschen Welt literarisch, kulturell wie auch theologisch aufzunehmen. Barth selber nahm mehrfach Stellung zur Lage im zerstörten und verworrenen Deutschland, als Freund und Warner.[19] Im Sommersemester 1946 bereits las er, morgens um sieben, in dem halbzerstörten Bonner Schloss seine Dogmatik im Grundriss. Die Hörerschaft, mehr als die Hälfte Nicht-Theologen, ließ Barth Menschen sehen, die mit ihren ernsten Gesichtern … das Lächeln erst wieder lernen mussten.[20] Aber was für ein Hunger, nun wieder abseits von dröhnender Propaganda den Lebens -und Schuld-Fragen nachzugehen und neue Orientierungen im Zusammenbruch zu entdecken. Das war so in Bonn und in Heidelberg wie im 1946 neu eröffneten Mainz.
Schon 1945 formierten sich neu die kirchlichen Gruppen in der Pfalz. Die 1934 begründete Pfarrbruderschaft legte am 16. Juli 1945 vierzehn Sätze zur Erneuerung der Kirche vor; sie waren vor allem von Hans Stempel verfasst.[21] Die pfälzische Pfarrbruderschaft begriff sich dabei als jene Gruppierung, die den Kampf für die Anliegen der BK während des Kirchenkampfes zu führen gesucht hatte. Auch die Liberalen konnten sich als Freunde der Union, mit Richard Bergmann als integrierender Persönlichkeit, schon 1945 konstituieren.
Eine neue Gruppierung ging in dem Verlangen nach einer durchgreifenden Erneuerung und in der Barth-Orientierung weiter. Am 14.11.1945 wurde im Limburgerhof, auf Handrichs Initiative vor allem, die Kirchlich-Theologische Arbeitsgemeinschaft gegründet. Dabei fanden sich mit Handrich Johannes Bähr, die Gemeindehelferinnen Lene Menzel und Irmgard von Bistram, sowie der Verwaltungsmann Willy Hussong zusammen. Sehr bald gehörten Karl Groß, Karl Wiedmann, Hans Sauer, Paul Werron, Willy Bechberger, Dr. Paul Esselborn, Heinz Wilhelmy, Helmut Bernius und Otto Schneider dazu.[22] Auch wenn keineswegs alle Barth-Hörer oder Studenten in Göttingen, Münster, Bonn und dann Basel gewesen waren: hier fand Barths Theologie intensives Gehör. Das Barmer Bekenntnis gemeinsam mit dem theologischen Werk des Baslers schien die beste Gewähr zu bieten für einen wirklichen Neubeginn.[23]
Bald setzte von neuem ein Zustrom
von Pfälzer Studierenden ein, die in Basel Karl Barth hörten. Auch Briefkontakte
konnten neu beginnen. Heinz Wilhelmy wandte sich am 16.7.1946 an Barth, bat ihn
um einen Vortrag und um Hilfen bei der Neuordnung der Pfälzischen Kirche.[24]Aber auch
ein Briefpartner wie Hans Schmidt schrieb am 17.7.1952 nach Basel. Er arbeite
an einer größeren Schrift über Hitler und
seine Zeit, religiös gesehen. Er spricht von seiner Belastung durch die Bultmannfrage und geizt nicht mit
Kritik an Barth selber: Auch kann ich
Ihre Stellung zur Deutschen Geschichte, vor allem zu Bismarck nicht gelten
lassen. Ich habe viel Geschichte studiert und stehe auf dem Standpunkt Leopolds
v. Ranke. Ich sehe in aller Geschichte den Faden Gottes. Dem Leser des
Briefes stockt noch heute der Atem, wenn er liest, wie Hans Schmidt seine
eigene Verstrickung weit über 1933 hinaus abtut und über andere urteilt: Mit der Partei war ich schon bald nach der
Machtübernahme fertig. Die letzte Parteiversammlung habe ich im August 33
mitgemacht. Allerdings habe ich mich noch sehr lange von Hitler selbst täuschen
lassen, weil ich glaubte, er wisse von den üblen Erscheinungen nichts … Die
heutigen Führer der Bekenntnisfront waren keine Helden, vielleicht mit Ausnahme
von Wilhelmy, der es wagte, ein offenes Wort zu sagen. Die andern lispelten nur
und bekannten hinter verschlossenen Türen.[25]
Für Handrich aber ist die Anfälligkeit seiner protestantischen Kirche gegenüber Hitlers Nationalsozialismus ein Ärgernis und ein Ruf zur gründlichen Buße. Bereits am 7.11.1945 schreibt er von Tübingen aus nach Basel, schildert die Missstände in der Pfälzer Kirche und bittet Barth, durch einen Besuch, durch Worte oder durch Lieferung seiner Bücher bei ihrer Beseitigung mitzuhelfen.[26] Von da an entwickelte sich eine Brief- und Lebensbeziehung von erstaunlicher Dichte. Mehr als 120 Briefe von Karl Handrich sind im Basler Archiv aufbewahrt. Handrich versorgte den Schweizer mit brandaktuellen Nachrichten aus der Pfalz, in diesem Naturschutzpark für religiöse Irrlehren[27] Er bat ihn um Stellungnahmen zu pfälzischen Kirchendebatten. 1947 ließ sich Barth sogar zu einem theologischen Votum über den Pfälzischen Katechismus herbei.[28] Immer wieder machten sich Pfälzer um Handrich auf den Weg nach Basel, um mit dem Meister stundenlang zu debattieren. Und vor allem: Es gelang Handrich, zwei Mal tatsächlich Barth in die Pfalz zu holen.
Das erste Mal predigte Barth in vorderpfälzischen Meckenheim am 15.6.1947 über Psalm 55,23 Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen.[29] Tags darauf hielt er in der Winzinger Kirche einen Vortrag Die Kirche – die lebendige Gemeinde des lebendigen Herrn Jesus Christus. Am 12. August dankte Charlotte von Kirschbaum in einem Brief an Wilma Handrich für die freundliche Aufnahme, die wir in Ihrem Hause finden durften. Ich habe wohl gesehen, welche große Arbeit Sie dabei auf sich genommen haben …[30] Wilma Handrich erinnert sich noch nach vielen Jahren an das Gastgeschenk der Schweizer: echter Nescafé.
Damals eine Offenbarung für uns.[31]
In einem Bericht, der für das Amtsblatt Nr. 4/1948 von Handrich geschrieben war, werden die Tage auf sieben Seiten ausführlich dargestellt. Aus Barths Vortrag sind einige Grundthesen wiedergegeben.
1. Die Kirche ist die Gemeinde der Menschen, die zwischen Auferstehung und
Wiederkunft Jesu Christi miteinander unter die richtende Gnade und das gnädige
Gericht gestellt sind.
2. Die Kirche ist der irdische Leib ihres himmlischen Hauptes. Von Gott
her hat sie die Verheißung einer perpetuo mansura (CA VII). Von der Welt her
ist sie bedroht durch den Unglauben ihrer Mitglieder.
3. Um dieser Bedrohung willen bedarf die Kirche der dauernden
Erneuerung: Ihr Ursprung muß ihr immer neu widerfahren, sie muß dauernd in der
Reformation begriffen sein, die allein von ihrem lebendigen Herrn herkommen
kann. Die Erneuerung der Kirche ist ebenso Ereignis von obenher wie ihr
Ursprung und Sein.[32]
Der Beitrag erinnert dann an Barths Bedeutung 1933. Damals sei er zum’ Vater der Bekennenden Kirche’ geworden: Hort des Widerstandes gegen die Usurpationen einer politischen Ersatzreligion und Rufer zur Reformation einer erstarrten konsistorialen Bürger- und Beamtenkirche. Wer könnte vergessen, wie damals zur ‚Theologischen Existenz heute!’ gemahnt wurde... Handrich skizziert dann Barths weitere Entwicklung. Vom ‚Pessimismus’ des ‚Römerbriefes’ bis zum ‚Optimismus’ der Auferstehungstheologie der ‚Dogmatik im Grundriß’ … ist ein weiter, folgerichtiger und in sich einheitlicher Weg, der – Zeichen eines großen Theologen! – immer einfacher und schlichter und … tröstlicher wird.[33] Wie viel Positiv-Erwartung ist hier an Barths Theologie geknüpft! Dass diese Darstellung offenbar nicht, wie von Handrich gewollt und erhofft hatte, im Amtsblatt der pfälzischen Kirche erschien, wirft ein schräges Licht auf die realen kirchenpolitischen Kräfteverhältnisse in der Pfalz.
1948 konnte zum ersten Mal nach dem Ende des 2. Weltkriegs in der Pfalz regulär eine neue Landessynode gewählt werden. Hans Stempel, die führende Gestalt der pfälzischen Pfarrbruderschaft, schon seit 1946 Präses, wurde nun zum Kirchenpräsidenten gewählt (bis 1964). Präsident der Synode wurde bis zu seinem Tod 1961 der Lehrer Julius Cappel (1890–1961). Im Jahr darauf fanden die ersten Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland statt. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer wird bis 1963 die westdeutsche Politik bestimmen und die Integration in den Westen, den Aufbau der Bundeswehr und die Zugehörigkeit zur NATO erwirken.
In diesen Jahren rang die KTA um den Kurs einer erneuerten pfälzischen Kirche, in der deutlichen Orientierung an Karl Barths Theologie. Man blättere nur in dem seit 1949 wieder erscheinenden Pfälzischen Pfarrerblatt! Hier begegnet bis 1953 eine beachtliche Zahl von Beiträgen für einen kirchlichen Neubeginn aus dem Umkreis der KTA: Zum Wesen des Gottesdienstes, Barths Gutachten zum pfälzischen Katechismus, eine Einführung in das neue Gesangbuch, ein KTA-Entwurf für die neue KO (Verfassung), eine Predigt zu Gen 32 samt homiletischer Vorarbeit, Proteste gegen die Remilitarisierung. Karl Groß schrieb am 9.Mai 1951 in einem Geburtstagsbrief an Barth: Ganz besonders danke ich Ihnen, dass Sie die Fragen und Nöte unserer kleinen und armen Pfälz. Landeskirche auf sich genommen haben. Wir haben eine kleine Kraft, aber wir sehen vor uns ein großes Arbeitsfeld. Unsere Mitarbeit ist nicht allzu sehr begehrt; aber man möchte doch nicht ganz darauf verzichten. So sind wir dankbar. dass Sie bei Ihrer großen Beschäftigung auch unsere Fragen hören und uns immer wieder Anleitung geben, wie wir den nächsten Schritt tun können.[34] Zwar konnte die KTA in der Landessynode niemals eine Mehrheit erreichen. Aber gerade in den ersten Jahren spielte Barth bei den Grunddebatten in der Pfälzischen Kirche eine entscheidende Rolle.
Dabei ging es keineswegs nur um die gesellschaftspolitischen Grundpositionen, die sich aus Barths Theologie nahe zu legen schienen. Die KTA war zwar von Anfang an kritisch gegen die Adenauersche Westintegration und gegen einen rigiden Anti-Kommunismus und Anti-Sozialismus. Pfälzer engagierten sich 1952/53 auch eindeutig für Gustav Heinemanns Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) und erlitten das Ergebnis bei der Bundestagswahl am 6.9.1953 – 1,2 %! – als Debakel. Vor allem regte sich von Anfang Widerstand gegen eine neue militärische Ausrüstung und den Aufbau einer Bundeswehr, wie sie sich seit 1953 abzeichnete.
Aber Barths Theologie leitete die KTA auch dazu an, die intensive biblische Exegese und den Austausch mit dem Wort der Schrift ganz hoch einzuschätzen. Die KTA-Thesen vom Dezember 1945 hatten darauf besonders hingewiesen: Nur von der Verkündigung aus ist eine in die Tiefe reichende Erneuerung zu erwarten. Und das kann nicht allein Aufgabe der Pfarrer sein. Von der Pastorenkirche zu der Gemeindekirche! So heißt die Richtung, der sich die KTA verpflichtet weiß.[35] So bedeutete die Barth-Orientierung der KTA auch, wenn nicht vor allem: eine geistlich- ekklesiologische Weg-Bestimmung, eine vor allem Gemeinde- betonte Ausrichtung. Und auch in der Pfalz vertiefte man sich in die neuen Bände der Kirchlichen Dogmatik, zur Schöpfungslehre in den Bänden III/1-4 (1945-1951) und zur Versöhnungslehre IV/1-3 (1953-1959). Auf seine eher bescheidene Weise gibt Karl Groß den Widerhall in seinen Briefen zu erkennen: Jeder neue Band, den Sie herausbringen ist für uns, Ihre Schüler und Freunde, ein neues Geschenk und nicht bloß für uns, sondern auch für die ganze Kirche. Ich habe inzwischen in manch einer Gemeinde schon erlebt, welche Früchte die Beschäftigung mit der sogenannten Barthschen Theologie in den Gemeinden trägt. Es ist eine gute Frucht, eine gesegnete Unruhe.[36] Das war auch bei Heinz Wilhelmy bei seiner Parteinahme gegen soziale Missstände und vermeintliche politische Fehlentwicklungen nicht anders. Mit einem Brief vom 18.9.1948 hatte er Barth wieder eingeladen, zu einem Vortrag am Männertag in Ludwigshafen, mit dem Thema Gott in der Katastrophe und fragte Barth zugleich um eine Predigt in Ludwigshafen an. Barth schien ebenso als Prediger wichtig wie als theologischer Redner zu den abgründigen Zeitfragen.[37]
Das ganze Ineinander von Barth-Erfahrungen und -Erwartungen, von theologischen wie kirchenpolitischen Themen wurde intensiv gegenwärtig bei dem zweiten Besuch Barths in der Pfalz. Wieder hatte es Karl Handrich erreicht, dass Barth in seine Gemeinde kam, nicht in die Stadt der Kirchenleitung nach Speyer oder in den Ursprungsort der Pfälzischen Kirchenunion Kaiserlautern. Karl Handrich war seit 1948 Pfarrer in Niederkirchen. Dorthin, in den abgelegenen Provinzort, kam Barth am 27.September 1953. In einem Mehrstunden-Colloquium am 28.9.ging er auf die Fragen ein, die ihm von der Hörerschaft entgegengebracht werden.[38]
Die Gespräche Barths bilden eine eigene Abteilung in der großen Gesamtausgabe. Mit Recht, sie enthalten ein besonderes Genus im Werk Barths.[39] Und tatsächlich bewegt sich Barth hier mit einer sehr präsenten Ungezwungenheit, die den Eindruck doktrinärer Enge kaum aufkommen lässt. Schon Bonhoeffer hatte nach seiner ersten Barth-Begegnung festgestellt: Mehr noch als von seinem Schreiben und Vortragen bin ich von seiner Diskussion beeindruckt. Da ist er wirklich ganz da. Ich habe so etwas vorher nie gesehen noch für möglich gehalten.[40]
In Niederkirchen ging es gründlich zur Sache. Vikar Kuby bittet gleich zu Anfang um Stellungnahme zu Bonhoeffers Briefaussagen über Barths Offenbarungspositivismus und Bonhoeffers Vision eines religionslosen Christentums. Vikar Hild schaltet sich ein. Stud. theol. Ferdinand Hahn konfrontiert Barth mit Gogartens Entmythologisierung und Kirche, mit Bultmanns Thesen von 1941. Erstaunlich, wer alles zu Wort kommt in diesem Endlos-Disput: Frau Dr.med. Schulze und Hans Bähr, Kirchenpräsident Stempel und Gerold Metzger, die Vikare Kaffka und Ohler, Dr. iur. Schläfer und Buchhändler Greller, Pfarrer Kessler und Dekan Weber. Und immer wieder moderiert Handrich die fast schwindelerregende Vielfalt der Themen. Es geht um Gesetz und Evangelium, um politische Predigt und den Weg der Bundesrepublik in der Adenauer-Ära, um Römer 13 und die christologische Begründung des Rechts, um theologische Feinheiten wie den usus elenchticus legis und um elementare Russenangst.[41] Erstaunlich, dass trotz der aufwühlenden Bundestagswahlen am 6.9.1953 die politischen Fragen erst im letzten Fünftel die Debatte bestimmten. Barth übte dazu erstaunliche Zurückhaltung. Es war ein theologisch-praktisches Gespräch von großer Weite. Stark bestimmt war die Debatte durch die Kämpfe um Bultmanns Programm einer Entmythologisierung des Neuen Testaments. Bultmann hatte vor dem Barth-Colloquium am 12.4.1950 in Neustadt gesprochen und war vor allem von den Positiven scharf attackiert worden. Diem perdidi, so habe er am Ende ziemlich resigniert den Tag bei den Pfälzern resümiert.[42] Einen verlorenen Tag wird Barth bestimmt nicht beklagt haben. In Handrichs Gästebuch trug er sich ein. Charlotte von Kirschbaum dankte von Basel aus noch einmal schriftlich für die Gastfreundschaft, besonders Wilma Handrich und den Frauen, die im Hintergrund die debattenfreudigen Männer mit Kaffee und Broten versorgt hatten.
Ein Höhepunkt gewiss und erinnerungswürdig! Professor Ferdinand Hahn, der das ausführliche Protokoll damals als Student gefertigt hatte, schreibt in seiner Nachbetrachtung fünfzig Jahre später auch halb resigniert: Was mich in Erinnerung an jene Tagung heute besonders bedrängt, ist die Tatsache, dass der geistliche und kirchliche Aufbruch, der mit der Dialektischen Theologie und mit der Bekennenden Kirche, nicht zuletzt dank des Einsatzes von Karl Barth gewonnen wurde, in seiner Bedeutung heute nur noch vereinzelt erkannt und berücksichtigt wird.[43]
4. Menuetto maestoso – Bis zu Barths Tod 1968
Von Resignation und Erschöpfung war nach 1953 zunächst nichts zuspüren, schon gar nicht, was die Anziehungskraft von Karl Barths Theologie angeht. Man darf wohl sagen: Nach dem Höhepunkt des Colloquiums in Niederkirchen wurden die Beziehungen zwischen dem Basel Barths und den Pfälzern noch dichter.
Die Debatten wurden in der KTA weiter geführt, aber auch bei Besuchen in Basel vertieft. Mehrere dieser Pfälzer Intensiv-Seminare in Basel sind bezeugt. Man fuhr die gewaltige Strecke in einem dicht beladenen Auto, wenn nötig an einem Tag hin und zurück. Vor allem in den Briefen Handrichs lässt sich eine präzise, wenn auch sehr persönlich gefärbte Anschauung der kirchlichen Entwicklung in der Pfalz gewinnen.
Dann die immer stattlichere Reihe der Pfälzer Studierenden in Basel. Es gab Ausnahmegestalten wie Udo Sopp, der in Basel statt Barth den marginalisierten Albert Schweitzer-Freund Fritz Buri hörte. Auch kamen nicht alle Pfälzer von Basel als entschiedene Barthianer zurück. Das gilt wohl etwa von dem Sohn von Lic. Karl Groß, Klaus Groß.[44]
Aber die meisten nahmen den Eindruck des großen Lehrers mit als eine theologische Wegweisung für die eigene Pfarrer-Existenz. Erwähnen wir wenigstens einige Namen, die Liste muss sicher erweitert werden: Hans Bähr (1931-1887), Karl Ellbrück (1927-1998), Dieter Hauck (1933-1990), Herbert Helms (1930-1998), Gottlob Hild (1922-2002), Renate Hust (geb. 1928), Karl Martin Hust (geb. 1932) Wolfgang Kohlstruck (geb. 1932), Georg Mayer (geb. 1929), Hans Joachim Oeffler (1930-2005), Fritjof Risch (1929-1993), Hans Friedrich Schlicher (1932-2005), Günter Stopka (geb. 1930), Frieder Theyson (1936-2008), Karl Gerhard Wien (geb.1936), Robert Zeßler (geb.1928). Lustig, wie Barth sich in den Briefen an Handrich immer wieder einmal über die Pfälzer Fraktion ausspricht.
Natürlich müssen zu den Basler Studierenden nicht wenige hinzugedacht werden, die intensive Leser der Kirchlichen Dogmatik geworden sind, die in Barth den originellen systematischen Vordenker, den unerschöpflich reichen Bibelausleger sich zu nutze machen. Ich denke etwa an die späteren Oberkirchenräte Heinz Kronauer (1919-2002) und Horst Hahn (geb.1936). Aber auch die Pfälzer Studierenden, die in Bonn oder Göttingen Barth-Schüler hörten und als Anhänger Barths in die Pfalz kamen. Dazu zählen etwa Frieder Knecht (geb. 1929) und Georg Meyer (geb.1929).
Ein dritter Höhepunkt der
Barth-Präsenz in der Pfalz nach 1947 und 1953, dieses Mal ohne persönliche
Anwesenheit Barths, wurde eine Akademie-Tagung im April 1961. Meine Mutter
erzählte mir begeistert davon, und ich bedaure noch heute, dass ich als Schüler
nicht dabei war. Handrich referierte im überfüllten Martin-Bucer-Haus. Wohl
hundert Personen drängten sich zu dieser Tagung, beileibe nicht nur die
Barthianer. Ja, es machte den hohen Reiz jener Tagung aus, dass es zu
denkwürdigen Kontoversen mit engagierten Bultmann-Schülern kam. Handrich
berichtete sogleich nach Basel:[45] Er
selber hielt die drei Hauptvorträge über Karl
Barth – seine Bedeutung für Theologie, Kirche und Welt. Zur politischen
Ethik Barths meinte er: Ich habe sehr
eindringlich betont, dass Ihre politischen Stellungnahmen, die oft so viel
Wirbel gemacht haben, aus den biblisch-theologischen Wurzeln Ihrer Theologie
verstanden werden müssten.
Neben Handrich sollen andere nicht vergessen werden, die ein sehr eigenes engagiertes Verhältnis zu Barth hatten. Ich erinnere hier vor allem an den Barth-Promovenden Hans-Joachim Oeffler (1930 – 23.8.2005). Er sollte über das Zentralthema der Taufe arbeiten und kam mit dieser Absicht nach dem Studium in das Vikariat. Der Briefwechsel umfasste von Oefflers Seite zwölf Nummern und war bisher nicht ausgewertet worden. Nur eine bezeichnende Episode von Barths praktischer Dialektik gegenüber pfälzischem Raufgelüste hatte Oeffler aufgezeichnet.[46] Wir folgen zunächst Oefflers eigener Darstellung.
Anlass war ein Leserbrief im Spiegel, in dem der Vikar Oeffler aus Pirmasens sich über den Hannoveraner Landesbischof Dr. Hanns Lilje geäußert hatte. Das geschah im Februar 1958. Oeffler schrieb anerkennend für Liljes Verteidigung Gustav Heinemanns. Aber dann war dem Pfälzer Vikar auch der Satz entrutscht und im Spiegel zu lesen: Hanns Lilje gilt als einer der geschicktesten Diplomaten derzeitiger westdeutscher Kirchenpolitik. Ihn in einem Titelaufsatz unter die Lupe zu nehmen, wäre eine verlohnende Aufgabe. Unerhört, dass ein Pfälzer Vikar sich so respektlos über einen Landesbischof äußerte und den Abt von Loccum gar unter die Lupe nehmen wollte!
Die Reaktion aus Speyer ließ nicht lang auf sich warten. Am 5. März beschloss der Landeskirchenrat auf Antrag von Kirchenpräsident Stempel, Vikar Oeffler einen Verweis zu erteilen. Sie haben sich, wie aus jeder Zeile Ihrer Einsendung deutlich wird, in einer frivolen und höhnischen Weise geäußert … Der Landeskirchenrat verlangt von Ihnen, dass Sie sich bei Bischof Dr. Lilje in gebührender Weise entschuldigen. Abdruck des Entschuldigungschreibens wollen Sie bis zum 20. März 1958 hierher vorlegen.
Klein beigeben kam natürlich
nicht in Frage. Was für ein Thema für die nächste KTA-Sitzung! Dort war man
über den Landeskirchenrat – wieder einmal – hell empört. Galle Handrich schrieb
flugs an Niemöller. Der gab Oeffler allerdings den Rat. Tragen Sie Ihren Verweis in Ehren! Dann kam Post aus Basel. Oeffler
erinnert: In einem asiatischen Briefumschlag hieß es unerwartet und
geharnischt: Schon dieser chinesische Briefumschlag
soll Ihnen deutlich machen, wie befremdet ich über Ihre Aktivitäten bin. Sie
bewegen sich nicht, wie Sie optimistischerweise annehmen, hart am Rande der
Kriminalität, sondern bereits weit jenseits dieser Grenze. Zum Donnerwetter,
Herr Oeffler, haben Sie denn nichts Wichtigeres zu tun, als Ihr Hirn und Ihre
Schreibmaschine mit solchen Sachen zu bemühen … Ich weiß sehr wohl, dass in der
Pfalz solche und ähnlich Raufgelüste umgehen. Aber müssen Sie sich denn daran
beteiligen? Ausnahmsweise werden Sie mich für diesmal an der Seite Ihrer
Kirchenleitung finden. Trotzdem habe ich mich über Ihren Brief auch wieder
gefreut und bitte, Ihre Frau zu grüßen, die Sie hoffentlich zu sinnvollen Taten
anspornt. Fröhlich Pfalz, Gott erhalts…[47]
Der Brief Barths ist so beziehungsreich und in seiner klaren Menschlichkeit so theologisch charmant, dass ich ihn nicht nur in Oefflers Zitaten aus dem Gedächtnis, sondern in seinem authentischen Text hier wiedergebe.
Basel, 10. April 1958
Lieber Herr Oeffler!
Betrachten Sie den japanischen Briefumschlag, in welchem ich Ihnen
diesen Brief schreibe als Ausdruck des tiefsten Befremdens, mit welchem ich die
mir von Ihnen übersandten Texte gelesen habe. Was Sie da angestellt haben,
liegt nicht nur, wie Sie optimistischer Weise annehmen, hart an, sondern weit
jenseits der Grenze des Kriminellen.
Wie es auch mit dem Leben, den Taten und Meinungen samt Mitra des
Bischofs Lilje stehe: die Art und Weise, wie Sie ihn angezapft haben, ist – durch
keinen status confessionis gerechtfertigt – völlig unmöglich und noch unmöglicher
der Schrieb, den Sie nachher an ihn selbst gerichtet haben. Sodass ich mich in
diesem Fall durchaus auf die Seite Ihrer kirchlichen Obrigkeit stellen muss,
auf deren Verweis Sie übrigens – auf einmal juristisch argumentierend –
ebenfalls in ganz unangemessener Weise reagiert haben. Dass Herr Dekan Gross
Sie in Schutz nimmt, ist menschlich sehr schön von ihm, ist mir sachlich doch
nur aus dem durch dauernd umgehende Raufgelüste charakterisierten Pfälzer Klima
erklärlich, in welchem es offenbar sogar für Dekan Gross noch schlimmerer
Vorfälle bedarf, um ihn zur Missbilligung der Übertretungen solcher Vikare wie
Sie zu veranlassen .Zum Donnerwetter, Herr Oeffler, haben Sie wirklich nichts
Gescheiteres zu tun, als Ihren Kopf und Ihre Schreibmaschine mit solchen
unweisen und unnötigen Unternehmungen zu beschäftigen?
Dieses gesagt, sei Ihnen für Ihren freundlichen und munteren Brief, an
dem ich mich ja doch gefreut habe, herzlich gedankt und so auch für die
Übermittlung des Mozart-Büchleins. Diesen besonderen Dank bitte ich Sie übrigens
auch an Ihren Freund bzw. an Prof. Müller-Blattau weiter zu geben, dessen
Darstellung ich gerne zur Kenntnis genommen habe. Vielleicht wollen Sie ihn auf
ein kürzlich erschienenes grosses neues Werk über den ’Unicus’ aufmerksam machen (Jean-Victor Mocquard, La
Pensée de Mozart, Editions du Seuil, Paris), in welchem ich mich wieder erkannt
habe wie bisher noch in keinem der vielen Mozart-Bücher, mit denen ich fast
sämtlich so dran bin wie in der Theologie mit Ritschl, Harnack und Troeltsch.
Ad Predigten: Selbstverständlich
muss jeder seinen eigenen Weg antreten und gehen. Wiederum dürfte es Jedem gut
sein, sich klar zu machen, dass man die Auseinandersetzung mit den
verschiedenen menschlichen und christlichen Torheiten und Bosheiten als
Prediger am sichersten ‚implizit’ d.h. eingewickelt in das Positive zum Austrag
bringt, das man selber und das auch der Hörer als Speise und Trank zum ewigen
Leben nötig hat.
Soweit diesmal. Grüssen Sie alle, die es freuen mag, von mir gegrüsst
zu werden (‚Fröhlich Pfalz, Gott erhalt’s!’) und seien Sie selbst bestens
gegrüßt von Ihrem
Karl Barth. [48]
Einen genauen Vergleich zwischen erinnertem und textgenauem Barth-Brief will ich nicht unternehmen. Was sofort ins Auge fällt: die kostbaren Hinweise zur Predigt hat Oeffler in seinem Bericht so wenig erwähnt wie jene Mozart-Anmerkung. Mit diesem Brief war es bis nach Pirmasens zu lesen von dem ‚Unicus’ Mozart und von Barths Empfehlung des Buches von Mocquard. Sogar Barths Fremdheit mit gängiger Mozart-Literatur hatte Oeffler erfahren, und den Vergleich mit der Fremdheit gegenüber den prominenten liberalen Theologen wie Ritschl, Harnack, Troeltsch für Barth.
Der reiche Briefinhalt trat für
den Empfänger jedenfalls zunächst in den Hintergrund. Man las die harte Abfuhr.
Nun war Oeffler geschlagen, die KTA ratlos über diesen Brief aus Basel. Doch
dann geschah Erstaunliches: Der gleiche Kirchenpräsident, der Oeffler mit dem Verweis
gestraft hatte, lud unversehens ein zu einem Gespräch bei Kaffee und Kuchen
nach Speyer, in die Zeppelinstraße 16. Oeffler konnte seinen Augen nicht
trauen. Der Präsident überbot sich … an
Behutsamkeit und Freundlichkeit mir gegenüber, nicht nur an diesem Nachmittag,
sondern auch bei einer ganzen Serie weiterer Vergehen. Warum dieser
Sinneswandel? Erst später erfuhr Oeffler den vermutlichen Grund: Bei einer Tagung in Davos trafen Barth,
Niemöller und Stempel zusammen. Barth fragte beiläufig bei dem Pfälzer nach
meinem Ergehen. Barth sagte nichts davon, was er mir geschrieben hatte, wohl
aber brachte er Stempel gegenüber zum Ausdruck, dass der Landeskirchenrat
deutlich überreagiert habe, und wohl auch dies, dass es einem Mann wie Lilje
gar nichts geschadet habe, von einem Vikar im Spiegel angezapft zu werden. Karl
Barths praktische Dialektik! Oeffler fasst seine Erfahrung so zusammen: Mich zusammendonner – und dann bei Stempel
sich doch auch wieder für mich zu schlagen … Und zwar in der gleichen Sache,
von der ich heute meine, ich hätte tatsächlich meine Zeit besser nützen können.
Aber wir treiben ja wohl alle einige Allotria, ohne die das Leben und auch die
strenge theologische Arbeit weniger genießbar wären.
Oeffler ließ sich die Rüge des Meisters nicht verdrießen. Weitere Briefe sind bis 1965 erhalten. Am 3.5.1965 gratulierte er Barth und legte ein ausführliches Manuskript bei, das er vor dem Taufausschuss der pfälzischen Synode gehalten hatte. Er regte die Publikation von Barths Taufvorlesung an, gleich, ob die Dogmatik weitergeführt wird oder nicht.[49]
Sprechen wir in dieser Skizze nicht von den andern Barthschen Briefpartnern. Wenigstens erwähnen will ich aber den stupenden Barth-Leser Herbert Helms (geb.1930), der fast immer eine Schrift Barths mit sich führte und bei langweiligen Routine-Sitzungen sich alsbald in das Werk des Meisters vertiefte.[50]
5. Rondo con moto – noch einmal Karl Handrich
Aber neben all den andern bleibt Karl Handrich (1913-1994) doch jener Pfälzer, der am intensivsten mit dem Barth der fünfziger und sechziger Jahre umging. Hatte der Spiegel in seiner berühmten Titelgeschichte zu Weihnachten 1960 Barth als Gottes fröhlichen Partisan tituliert, so ist Handrich wirklich Karl Barths fröhlicher Partisan geworden und geblieben.
Der Briefwechsel setzt intensiv 1947 ein und reicht bis zu Barths Tod. Im Brief vom 20.7.1948 dankte Handrich für Barths Widmungs-Exemplar von KD III/2.[51] Bis zum Fragment der Tauflehre KD IV/4 wird Handrich alle weiteren Bände des grandiosen Hauptwerks erhalten und auf seine Weise dankbar kommentieren. Schon 1951 gab Handrich den Witz eines ehemaligen DC-Kollegen weiter nach Basel: Wenn Karl Handrich noch einen Jungen bekommt, dann nennt er ihn Barthold und seine Tochter Barmenia.[52] Es bleibt beim Du: so bekräftigt 1963 Barth die gewachsene und bewährte Freundschafts-Beziehung.
So sehr Handrich dabei der grenzenlos Empfangende und Beschenkte bleibt, er gab dem Meister in Basel doch auch vieles zurück. Immer neu wurde Barth mit Pfälzer Wein bedacht. Schon 1949 dankte Barth auf einer handschriftlichen Karte für Pfälzer Köstlichkeiten.[53]
Handrich ließ es keineswegs bei
Wein-Geschenken genug sein. Er versorgte Barth auch mit Büchern zur
Zeitgeschichte: Adolf Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier (1951),
Schwerin von Krosigk (zu Weihnachten 1951) über Rommels Tod (Mai 1952). So ging
das weiter Jahr um Jahr, und manches Mal wird Charlotte von Kirschbaum
eingespannt, um die eventuellen Wünsche auch richtig erraten zu können. Einen
wunderbaren Treffer landete Handrich, als er Barth sofort die Erinnerungen Carl
Zuckmayers zusandte. Als wär’s ein Stück
von mir wurde zum Auslöser einer späten Freundschaft zwischen dem Theologen
und dem Erfolgsautor aus Mainz.[54] In
seinem ersten Brief an Zuckmayer vom 16.5.1967 schrieb Barth: Jemand hat mir Ihr Buch ‚Als wär’s ein
Stück von mir’ geschenkt, und ich habe es in einem Zuge gelesen. Niemand
anders als Karl Handrich war der genannte Jemand.
Für Pfälzer Leser bietet die
Brieffolge Handrichs nicht weniger als eine scharfe Skizze der Pfälzischen
Kirchenentwicklung und einen immer neuen Kommentar zu der Entwicklung der
Bundesrepublik. 1948 heißt es über die pfälzischen Kirchenverhältnisse: Es herrscht hier die trübwarme Luft einer
gut spießbürgerlichen Familie, in deren Wohnung kein Fenster geöffnet werden
darf.[55] Handrich
berichtete von Pfälzer Kirchenwahlen, vom weiter lastenden und neuen
Militarismus. In Deutschland werden schon
wieder das Horst-Wessel-Lied gesungen und der Badenweiler Marsch gespielt. [56]
Am aufregendsten und theologisch wichtigsten finde ich Handrichs Briefe dort, wo er erkennen lässt, wie er mit Barths Theologie seine Gemeinde aufbauen will, als Prediger, Seelsorger und Lehrer. Als sich Handrich für den ersten Band der Versöhnungslehre bedankt, nannte er drei Wünsche an den Autor in Basel: Barth möge die polemische Diskussion nicht aufgeben zugunsten einer Altersmilde, er solle bitte auch in der Kirchlichen Dogmatik Hinweise auf die kirchliche Praxis nicht vergessen und – dem Humor auch künftig Raum lassen![57] So enthält dieser Briefwechsel ein wichtiges Stück Rezeptionsgeschichte, nicht auf der Ebene der akademischen Theologie, sondern im Bereich der Gemeinde.[58] Das alles kann hier nur in äußerster Kürze angedeutet werden.
6. Finale
Was hat Karl Barth den Pfälzern bedeutet? Ich habe einige Erkundungen mitgeteilt. Bei aller Vorläufigkeit machen diese Skizzen deutlich, wie stark das Netzwerk vor allem zwischen Basel und der Pfalz entwickelt war. Es wird sich lohnen, dieses Erbe weiter zu erschließen.
Ältere Barth-Schüler wie Karl Groß dankten Barth nicht weniger als eine das ganze Pfarrer-Leben prägende theologische Orientierung.[59] Bei manchen der KTA-Mitglieder um Handrich stand der Auftrag zur nonkonformistischen kirchenpolitischen wie politischen Einmischung voran. Barth sollte helfen, den Kurs kirchlicher Selbstkritik und eines demokratischen, obrigkeitskritischen Deutschland zu verfolgen, der sich nicht vom Antikommunismus der Adenauer-Ära gefangen nehmen ließ. Für eine Gruppe der KTA wurde die Kritik der Kindertaufe als Hebel von Kirchenreform verstanden und mit Berufung auf Barths Tauflehre verfochten. So geriet die Pfälzische KTA über der Tauffrage in einen Totalkonflikt mit der Mehrheit der Landessynode.[60] Vergessen wir aber nicht jene Barth-Schüler neben Handrich, die von Barths theologischem Gesamtwerk fasziniert blieben und versuchten, die großen Impulse des Meisters in die Alttags- und Perspektivarbeit der eigenen Gemeinde umzusetzen.
So mag diese Skizze auch dazu ermuntern, weitere bisher unbekannte Korrespondenz-Stücke mit Karl Barth aufzufinden. Nicht nur der Verfasser wird sich darüber freuen. Im Karl Barth Archiv selber ist man an weiteren Entdeckungen hoch interessiert.[61]
Und Barth in der Zukunft? Dass Barth auch künftig wichtig bleiben und werden wird, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Bei den theologischen Examina habe ich von 1975 an die letzten System-Barthianer erlebt. Dann war bei der jüngeren Generation Barth wie verschollen, auch wenn es nie an einzelnen Barth-bezogenen Prüfungsthemen gemangelt hat. In den neunziger Jahren habe ich dann erlebt, wie Barth von neuem anziehend und zukunftsträchtig studiert wurde. Es ist ein eigenes Thema zu erforschen, warum Barth bald nach seinem Tod sozusagen theologisch in den Hintergrund geriet. Sein Todesjahr 1968 bezeichnet zugleich einen symbolischen Einschnitt: mit dem Aufbruch der Studentenbewegung, der Autoritätskritik und der außerparlamentarische Opposition. Ebenso ließen die ersten Entwürfe einer feministischen Theologie aufhorchen. Barth erschien plötzlich als Hüter einer patriarchalen und autoritären Theologie, die sich feministischen, psychologischen, soziologischen Rückfragen verweigerte. Seine Gotteslehre galt etwa für Ernst Bloch als Geheimkabinett und feste Burg der Transzendenz.[62]
Bei allen Flauten und Höhen theologischer Moden: Es leuchtet mir ein, was ein liberaler Historiker wie Walter von Loewenich in seinen Erinnerungen über Barth schrieb. Der Eindruck des Genialen drängte sich jedenfalls dem jugendlichen Hörer förmlich auf … Karl Barth unterschied sich von seinen theologischen Zeitgenossen – L. nennt Althaus und Heim, Hirsch und Bultmann – dadurch, dass er es wagte, mit einer selbstverständlich gewordenen Tradition zu brechen und unbeirrt von links und rechts den entgegengesetzten Weg zu gehen. Er trat an das riesige Erbe mit neuen Augen heran und es erschloß ihm ungeahnte Perspektiven … Nichts an ihm war kleinstilig; ich bin kaum mehr einem so großzügigen Menschen in meinem Leben begegnet … Es ist mir wahrhaftig nicht leicht gefallen, mich theologisch von der Welt Karl Barths zu trennen.[63]
Ich selber habe Barth nicht persönlich kennen gelernt. Aber die Beschäftigung mit seiner Theologie durchzog mein Studium. In Heidelberg versuchte Heinz Eduard Tödt so etwas wie eine Synthese zwischen Barth und den Hauptintentionen der liberalen Theologie von Troeltsch. Mein Doktorvater Edmund Schlink war ja auf eigene Weise ein Barth-Schüler, und gleich nach dem ersten Examen machte mich Handrich mit Barths Welt vertraut.[64] Gemeinsam fuhren wir 1973 nach Basel in die Bruderholzallee. Ich staunte über die leibhaftige Präsenz der theologischen Väter, von Petrus Lombardus über die Johann Quenstedt und Johann Gerhard, die Turretini und Wolleb, über Schleiermacher und Rothe, und die Pfälzer Ebrard und Philipp Theodor Culmann., über Mozart und Matthias Grünewald. Eine Klause für ‚Hieronymus im Gehäus’ und doch ein Ort , an dem Gott und die Welt im Gespräch, im Gedanken, im Gebet zueinander kamen.
Warum Barth für uns Pfälzer wichtig bleiben und werden wird, das will ich am Ende persönlich andeuten. Ich tue es ohne den Anspruch, die entscheidenden Kernthemen auch nur zu nennen. Für manche ist und bleibt etwa der Barth der gesellschaftspolitischen Zwischenrufe und der unbequemen Einmischungen vorrangig zukunftsträchtig. Was mir selber an Barth wichtig ist, fasse ich in vier Themen:
GOTT. ‚Gott ist Gott’ Das war der Satz, der Karl Groß nicht mehr
losgelassen hat. Dass von Gott reden, etwas anderes meint als ‚in erhöhtem Ton
vom Menschen reden’. Das war ein Grundanliegen, vom Römerbrief-Kommentar bis zu
den letzten Skizzen. ‚Der ewig reiche Gott’, mit Anselm von Canterbury id quo maius nihil cogitari potest. GOTT in
seiner Souveränität, in seinem Heiligen Namen, wie ihn die Bibel ehrfürchtig
umkreist. Für mich ist dafür etwa der § 28 in KD II/1, S. 228(-361) ein
zentraler Text: Der Liebende in der
Freiheit!
FREIHEIT das Zweite. GOTT für den Menschen, Gott der unsere Freiheit gewährt, erneuert. Die Freiheit zur Einmischung, zum ideologiekritischen Widerspruch gegen ‚Götzen’ und Zerstörungsmächte und zur persönlichen Verantwortung. Protestantische Freiheit, in der Gemeinde wie im Einzelnen. Die Freiheit zum Neuanfang, zu Verwunderung und Betroffenheit und Verpflichtung, die noch in der späten Einführung in die evangelische Theologie zur theologischen Existenz zählen.[65] Und wiederum: Wie stark gehört die Freiheit aus Gott und vor Gott in die Architektur der Kirchlichen Dogmatik mit hinein![66]
JESUS CHRISTUS. Das bleibt das entscheidende Wort von Gott her, Zuspruch und Anspruch. Das leibhaftige Wort der Versöhnung, die Gnade in Person. Wie es Barth in dem Mozartgespräch wenige Wochen vor seinem Tod noch einmal zusammenfasste: Das letzte Wort, das ich als Theologe und auch als Politiker zu sagen habe, ist nicht ein Begriff wie ‚Gnade’, sondern ist ein Name: Jesus Christus. Er ist die Gnade, und er ist das Letzte, jenseits von Welt und Kirche und auch von Theologie. Wir können ihn nicht ‚einfangen’ Aber wir haben es mit ihm zu tun.[67] Oder wie faszinierend neu zu lesen, die Jesus-Darstellung in § 64,3 der KD IV/2, S. 173-293: Der königliche Mensch!
ÖKUMENE. JESUS für die Welt. Vielleicht haben auch wir unierten Pfälzer den Reformierten Barth als Theologen der evangelischen Union zu entdecken. So wie es auch Schleiermacher war. Aber Barth ging es auch früh um die Ökumene mit der römisch-katholischen Kirche, ein theologisches Gespräch mit Anselm, Thomas und Bonaventura bis hin zu Przywara, von Balthasar und Küng, bis zum Zweiten Vaticanum. Dazu verdient Aufmerksamkeit Barths Offenheit zur Orthodoxen Kirche, der griechischen Patristik, die Barth an wichtigen Stellen zur Geltung bringt. Es ist nicht der böse, sondern es ist der leidende Mensch, dem er, dem Gott selbst … zur Seite tritt und zu Hilfe kommt.[68] Und weiter: die Verantwortung der Christenheit gegenüber Israel, dem Judentum nicht nur des Alten Testaments, sondern dem, das heute lebendig glaubt.[69] Schließlich geht es Barth auch um die Ökumene im griechischen Wortsinn: den ganze Erdkreis, den Kosmos (Joh 3,16; 2 Kor 5,19).
Das alles ist hier nur in dürftiger Knappheit angedeutet. Ich glaube, wir haben gute Gründe in der Pfalz, uns neu in Karl Barth zu vertiefen und lernen, neu anzufangen. Sah Barth doch darin das Besondere seiner theologischen Arbeit, dass es gelte, stets neu mit dem Anfang anzufangen … Fortfahren heißt in der theologischen Wissenschaft immer: noch einmal mit dem Anfang anzufangen.[70]
[1] Evangelischer Kirchenbote Nr. 2 vom 12. Januar 1969, S. 22-23.
[2] Im Karl Barth-Archiv. Dr. Drewes hat mir freundlich die Kopien von Groß’ Briefen an Barth zur Verfügung gestellt. Karl Groß war der erste Vorsitzende der Kirchlich-Theologischen Arbeitsgemeinschaft (=KTA). Vgl. etwa Heinz Kronauer in: Blätter für Pfälzische Kirchengeschichte (BPfKG) 64, 1997, S. 275.
[3] In Barths Bibliothek stehen noch heute einige Werke Ebrards, wie ich feststellen konnte.
[4] Biundo 2808. Köhler hatte nach Heidelberg und Tübingen zuletzt in Göttingen studiert.
[5] Biundo 5477. Traut war lange Religionslehrer am altsprachlichen Gymnasium (Immanuel-Kant-Gymnasium) in Pirmasens.
[6] Vgl. Hans Blitt, Theophil Blitt, Leben und Wirken als Pfarrer in Gimmeldingen, Neustadt 2004, S. 13.
[7] Briefe im Karl Barth Archiv. Diese Korrespondenz mit Hans Schmidt, die mir nur vom Hörensagen bekannt war, ist eine richtige Neuentdeckung im Barth Archiv. Bereits am 28.4.1928 hatte sich Schmidt an Barth gewandt und ihm dringlich die Lektüre 0tto Stockmayers (1838-1917), eines führenden Theologen der Heiligungsbewegung empfohlen. Am 8.Mai 1928 dankte ihm Barth aus Münster und äußerte leise Vorbehalte gegen Stockmayer mit seinen Sonderlehren. Er fügte aber hinzu: Ich sage das nicht, weil ich nicht offen sein möchte für allen Zuwachs an Erkenntnis, aber weil ich meine, gerade gegenüber der Gemeinschaftsbewegung etwas zu hüten zu haben, was preisgegeben wäre, wenn mein innerliches Weiterkommen den Wünschen entsprechen würde, die man mir von dort aus entgegenbringt. Das werden Sie mir nun sicher auch nicht übel nehmen, wie ich ja die gute Absicht Ihres Briefs durchaus empfinde und Ihnen dafür dankbar bin. KBA 9229.74.
[8] Brief von Hans Schmidt vom 30.April 1929. Nebenbei erwähnt Schmidt, dass die Positive Vereinigung Barth gerne auf dem Heidelberger Lehrstuhl gehabt hätte. Barth war davon nichts bekannt, wie er in seiner Antwort schreibt.
[9] Karl Barth 9.5.1929 an Hans Schmidt (KBA 9229.95).
[10] Im Barth Archiv erhalten. Hans Schmidt wurde mit seinen Reden gegen die bolschewistische Gefahr mit Recht als Vorkämpfer der nationalen Erhebung bezeichnet. Er selbst verstand sich noch 1941, zwar in deutlicher Absetzung von den Nationalkirchlern, als glühender Nationalsozialist, der in dem Führer die von Gott gesandte Persönlichkeit sah. Documenta Band III, S.267. Vgl. Thomas Fandel, Konfession und Nationalsozialismus, Paderborn 1997, S.340 und 112.
[11] Richard Bergmann fasst die Tatsache ebenso nüchtern wie klar in den Satz: Die übergroße Mehrheit der pfälz. Pfarrerschaft ist den Weg der DC mitgegangen. Documenta , Neuausgabe 1, S.95.
[12] Karl Barth Archiv (KBA) 9333.487.
[13] So hat er mir immer wieder im Gespräch berichtet.
[14] Karl Groß bestätigt diese Tatsache in seinen Erinnerungen und fügt hinzu: Ich hatte vorher nicht einmal davon gehört. ZASP 150.84. 1, S.48.
[15] Eberhard Busch, Karl Barths Lebenslauf, München 1977, S.268- 275.
[16] Eberhard Busch, a.a.O. S. 280.
[17] Keiner von uns durfte in Basel eine Vorlesung von Karl Barth besuchen…Keiner eine Schweizer Zeitung lesen. Theo Schaller, Erinnerungen,(maschinenschriftlich) S.34
[18] Peter Rummer, Geschichte der pfälzischen Pfarrbruderschaft bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs, (maschinenschriftlich), S.15.
[19] Man vergleiche etwa von Barth. Die Deutschen und wir, 1945; Ein Wort an die Deutschen, 1945; Die evangelische Kirche nach dem Zusammenbruch des dritten Reiches. 1946.
[20] K. Barth, Dogmatik im Grundriss, Zürich, 3.Auflage 1947, Vorwort S.5.
[21] Verhandlungen der vorläufigen Landessynode 1946/47, S.55-58.
[22] Zur Gründung vgl. die knappe Zusammenfassung von Heinz Kronauer, Die Kirchlich-Theologische Arbeitsgemeinschaft der Pfalz (KTA) 1945–1950, Blätter für Pfälzische Kirchengeschichte (BPfKG) 64, 1997, 275-279. Marc Prowe, Von der Pastorenkirche zur Gemeindekirche, Wie die ‚KTA der Pfalz’ sich bemühte, für Theologie, Verkündigung und Ordnung der Landeskirche Konsequenzen aus dem Kirchenkampf zu ziehen, Pfälzisches Pfarrerblatt Nr. 12, 2004 und Nr.1-3, 2005.
[23] Über die radikale Barmen- Orientierung der KTA informiert eindrucksvoll die Denkschrift der KTA Pfalz von Ostern/ Pfingsten 1946; sie umfasst mehr als 30 eng geschriebene DIN A 4 Seiten! Dazu Karl Handrich, Das Barmer Bekenntnis, Versuch einer Entfaltung für die Gemeinde, Ludwigshafen, ohne Jahr. (1946).
[24] Barth Archiv (KBA) 9346.941.Nr. 941. Eine Antwort Barths ist nicht bekannt.
[25] Brief Hans Schmidts vom 14.7.1952, KBA 9352.437.
[26] KBA 9345. 979.
[27] Brief Handrichs vom 9.6.1946, KBA 9346. 712.
[28] Barths Stellungnahme zum Pfälzer Katechismus ist abgedruckt Pfälzisches Pfarrerblatt, 1951, Nr. 1, S.7-8.
[29] Abgedruckt im Kaiserslauterer Gemeindeblatt Gemeindegruß.
[30] Brief ZASP Abt. 150.64 (Nachlass Handrich).
[31] Blätter für Pfälzische Kirchengeschichte (=BPfKG) 74, 2007, S.145. Vgl. zu der menschlichen Atmosphäre und den Begleitumständen dieses Barth-Besuchs auch Marianne Kronauer, Im Himmel sehen wir uns alle wieder – Persönliche Eindrücke von Begegnungen mit Karl Barth in der Pfalz 1947 und 1953, Pfälzisches Pfarrerblatt Nr.12, 2006, S. 526-529.
[32] Diese Beilage konnte ich bisher nicht im Amtsblatt entdecken. Der Text ist erhalten im ZASP Abt. 150.64. und umfasst S. 34-40.
[33] A.a.O. S. 38 f.
[34] Zitiert nach KBA 9351.302.
[35] Vgl. auch das Referat von Karl Groß Aufbau der Kirche von der Gemeinde her (um 1948) ZASP 150.84. 3.
[36] Brief vom 9. Mai 1951 (KBA 9351.302).
[37] Zitiert nach KBA 9348.858.
[38] Aus der vorbereitenden Korrespondenz für die Tagung im Nachlass Karl Handrichs lassen sich einige der gestellten Fragen erschließen. Frank-Matthias Hofmann hat sie zusammengetragen. Die schriftliche Fragen-Zusammenfassung für das Gespräch am 28.9.1953 hat sich allerdings noch nicht auffinden lassen.
[39] Eberhard Busch, Vorwort zu K. Barth, Gespräche 1959-1962, Zürich 1995, S. XI.
[40] Brief an Erwin Sutz vom 24.7.1931, DBW Band 11, S.19.
[41] Das Protokoll dieses Gesprächs wird in den Blättern für Pfälzische Kirchengeschichte (BPfKG) 75, 2008 veröffentlicht werden. Hier ist aus dem hektographierten umfänglichen Protokoll Ferdinand Hahns zitiert.
[42] Nach mündlichem Bericht Theodor Schallers. Der Vortrag Bultmanns ist zusammengefasst in. Pfälzisches Pfarrerblatt Nr.5/6 1950, S. 19f.
[43] F. Hahn, Rückblick nach
fünfzig Jahren auf eine bedeutende theologische Tagung. (Erscheint in Blätter 2008)
[44] Wie mir K. Groß im Brief vom August 2007 ausdrücklich versichert.
[45] Brief vom 24. April 1961, Durchschlag im ZASP, Abt. 150.64 (Nachlass Handrich). Die Tagung war außerordentlich gut besucht und das schöne Heim mit Dauerteilnehmern voll besetzt, am Samstag waren weit über 100 Zuhörer erschienen, darunter eine ganze Anzahl aus meiner früheren Gemeinde … Der neue Akademieleiter Prof. Carl Schneider, kein Barth-Freund, sondern ein Anhänger der griechischen Patristik, meinte anerkennend: hätte er über Origenes zu reden, könnte er nicht anders reden als ich über Barth.
[46] Oeffler gab mir diese Aufzeichnung 1994 als Beitrag zum 75. Geburtstag Heinz Kronauers.
[47] Oeffler zitiert diesen
Brief aus dem Gedächtnis, da der
Brief z.Zt. irgendwo in meinem
Umzugsgepäck steckt …
[48] Brief Barths an Hans Joachim Oeffler vom 10. April 1958 ( KBA 9258.67)
[49] Brief vom 3.5.1965 (KBA 9365).
[50] Auch als Beifahrer im Auto mochte Helms die Barth-Lektüre nicht missen, wie Herbig Rettig berichtet. Helms besaß wichtige Tonband-Mitschnitte von Barths letzten Vorlesungen. Sie sind für das Barth Archiv und die weitere Edition der Vorlesungen von aktuellem Interesse.
[51] KBA 9348.713.
[52] Brief vom 1.5.1951( KBA 9351.225).
[53] Offenbar nicht im Barth Archiv. Beim Handrich- Nachlass ZASP 150.64.
[54] Späte Freundschaft, Carl Zuckmayer- Karl Barth in Briefen, Zürich 1977, S.11.
[55] Brief vom 20.7.1948 (KBA 9348. 713).
[56] Brief vom 21.8.1951 (KBA 9351. 557).
[57] Brief vom 15.7.1953 (KBA 9353. 399).
[58] Gerade darum verdient der Briefwechsel zwischen Barth und Handrich eine genauere Darstellung, die hier nicht geleistet werden kann. Wichtige Vorarbeiten für die Jahre bis 1950 bietet vor allem Marc Prowe. Seine wissenschaftliche Hausarbeit für das Pfälzische Examen Von der Pastorenkirche zur Gemeindekirche wurde –Frank-Matthias Hofmann sei Dank! – veröffentlicht: Pfälzisches Pfarrerblatt Nr. 12, 2004 und Nr. 1-3, 2005.
[59] Das wird noch einmal in der Barth-Würdigung vom Januar 1969 im Evangelischen Kirchenboten deutlich.
[60] Der Vizepräsident der Pfälzischen Synode Dr. Ernst Schläfer trat 1965 unter anderem aus Protest gegen die Taufentscheidung zurück.
[61] Hier möchte ich meinen Dank aussprechen für die große Bereitwilligkeit und die vielfachen Hilfen, die ich von Dr. Hans-Anton Drewes im Karl Barth-Archiv erfahren habe. Danken will ich auch den Angehörigen von pfälzischen Barth-Schülern, die mir erlaubten, die Korrespondenz zu sichten und hier auszuwerten: Frau Wilma Handrich und Frau Helga Oeffler, sowie den Kollegen Hans Blitt und Klaus Groß. Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann stellte mir das Material zur Verfügung, das er besonders für die Vor- und Nachgeschichte des Barth-Colloquiums am 28. September 1953 gesammelt hatte. Im Zentralarchiv Speyer unterstützte mich tatkräftig Frau Christine Lauer, durch die Möglichkeit, Einblick zu nehmen in den Nachlass von Karl Handrich und durch zahlreiche Informationen.
[62] Ernst Bloch, Atheismus im Christentum, Frankfurt 1974, S. 72
[63] Walter von Loewenich, Erlebte Theologie, 1979, S. 60 f.
[64] Gleich nach meinem ersten Examen im Herbst 1967 wollte er mir den Auftrag zutrauen, eine Geschichte der KTA zu schreiben.
[65] Einführung in die evangelische Theologie, Zürich 1962, 2.Auflage 1963,, S. 182.
[66] Man denke nur auf den
Aufbau der Schöpfungs-Ethik in KD III/4, § 53-56: Freiheit vor Gott - Freiheit in der Gemeinschaft- Freiheit zum Leben-
Freiheit in der Beschränkung.
[67] Musik für einen Gast, Radiosendung vom 10.11.1968, in: Letzte Zeugnisse, Zürich 1969, S. 30 f.
[68] KD IV/2, S.257 f. Die Befreiung vom Bösen als der Gewalt des Üblen habe vor allem die Ostkirche wahrgenommen, was für uns betrübte Abendländer insgesamt völlig neu zu sehen wäre!
[69] Wie wichtig war es Handrich, dass noch ein Jahr vor seinem Tod 2003 seine Predigten zum Israelsonntag aus den Jahren 1951-1968 veröffentlicht wurden!
[70] Karl Barth, Einführung in die evangelische Theologie, a.a.O. S.182. Zitiert auch im Artikel Barth, von Eberhard Jüngel, TRE 5, 251 -268, hier S.254.