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D. Dr.
Friedhelm Borggrefe Horst-Schork-Straße 66, 67069 Ludwigshafen |
Gott in der Stadt
Der neue EKD-Text und die urbane Pfalz
Gut ein Jahr
nachdem der Rat der EKD das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ mit den 12 Leuchtturm-Perspektiven für die evangelische
Kirche im 21. Jahrhundert herausgegeben hat, erschien – in der Pfalz öffentlich
wenig beachtet – im November 2007 der EKD-Text 93 mit dem anspruchsvollen Titel
„Gott in der Stadt“ (Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt,
Berlin/Hannover, 2007, 74 Seiten, eMail:versand@ekd.de oder download:
www.ekd.de) . Er will als Paralleltext zu „Wandeln und gestalten“ (EKD-Text
87) verstanden werden, wo es um die
Aufgaben der evangelischen Kirche in ländlichen Räumen geht. Bischof Dr. Wolfgang Huber bemerkt im
Vorwort, dass alle, die in Presbyterien, Bezirkssynoden und Pfarrkonventen
Verantwortung für die Kirche in der Stadt tragen, dadurch Ermutigung und
hilfreiche Anregung bekommen können. Und plädiert für einen „kirchlichen
Handlungsplan“ jeweils für die ganze Stadt im Sinne des Impulspapiers von 2006.
Das bis auf eine Ausnahme aus Theologen und Theologinnen bestehende Autorenteam mittleren Alters, acht Männer und
drei Frauen, unter der
wissenschaftlichen Begleitung von Stadtsuperintendent a. D. Hans-Werner
Dannowski, Hannover und Prof. Wolfgang Grünberg von der Arbeitsstelle Kirche
und Stadt in Hamburg wurde moderiert von Propst Ralf Meister (46 Jahre) aus
Lübeck (116.000 Evangelische). Hier
initiierte er in den Jahren 2001-2007 eine Gemeindereform mit der Bildung von
Großgemeinden (aus 26 kleinen wurden 5 große Kirchengemeinden mit neuen
Schwerpunkten), die Sanierung der Lübecker Altstadtkirchen und missionarische
Aktivitäten. Im Mai 2008 wurde er als neuer Generalsuperintendent von Berlin
eingeführt und ist jetzt dort verantwortlich für die 14 Kirchensprengel mit 800.000
Gemeindegliedern, für den Berliner Dom und die fünf Citykirchenprojekte der
Hauptstadt.
Anfrage an
die klassische Parochie
Schon das Freiheitspapier der EKD hatte versucht, bei einer soziologisch
positivistischen Grundwahrnehmung der kirchlichen Gesamtsituation, die
klassische parochiale Struktur der Kirche kritisch auf zu arbeiten und einem
Rückbau des „dörflichen Modells von Kirche“
im Kontext der Stadt mit Kirche, Pfarrhaus und dem dazukommenden Gemeindehaus das Wort zu reden
und die kirchliche Arbeit durch ein neues Management zu vitalisieren. Auch der
Stadttext geht in eine ähnliche Richtung, wenn er von den „Gestaltungsaufgaben
für eine Wiederkehr der Kirche in die
Stadt“ spricht. „Die Parochie bleibt zwar ein wesentliches „Angebot der
Beheimatung“, „sie kann aber in der jetzigen Gestalt und Form nicht allein und
unverändert bestehen bleiben, wenn die Kirche ihre Aufgaben in der Stadt
erfüllen will“ (S.61). Wenn solche Grundüberzeugungen von wichtigen Gremien der
EKD formuliert und bedacht werden, bedeutet das nicht nur im Blick auf die
Evangelische Kirche der Pfalz mit ihren vielgliedrigen, kleinteiligen
Gemeindestrukturen in immerhin 428 Pfarreien der Metropolregion Rhein-Neckar
und der Saar-Pfalz eine große Herausforderung struktureller und
kirchenrechtlicher Art.
Freude an
der Religion
Wichtig ist, darauf macht der EKD-Text aufmerksam: „Gott in der Stadt“
lebt von der Freude über eine „neue Aufmerksamkeit“ für Religion und von der
klaren Absage an die Säkularisationsthese eines Harvey Cox aus den 60er Jahren
(„Stadt ohne Gott“, „Secular city“). Es wird von einem neuen „post-säkularen
Zeitalter“ gesprochen und - vorsichtig zwar-
von einem Trend, einer „neuen
Qualität und Quantität“; ja, von einem visionären
Aspekt, der in der verstärkten Wahrnehmung der Kirche verborgen
ist und einen neuen
Zukunftshorizont für sie eröffnet.
Gottesbild
Signifikant
ist allerdings das Gottesbild des EKD-Textes. Mich persönlich erinnert es lebhaft
an Passagen aus den Schriften der Philosophen des Prager Frühlings 1968, vor 40 Jahren: Milan Machovec (vgl. Vom Sinn
des menschlichen Lebens, Freiburg 1964 besonders das Kapitel „Gott“ S. 31-41)
und Vitezlav Gardavsky (vgl. Gott ist nicht ganz tot, München, 1969).
Jedenfalls, über 267 Mal wird auf den 70
Seiten des Papiers in den Begriffen „Religion“ und „religiös“ gesprochen. Das
Wort „Gott“ kommt nur 32 Mal vor. Und Gott ist Gott weniger im personalen
biblischen Sinne sondern eher eine religiöse Struktur. „Wort Gottes“ wird
entsprechend zu einem Symbol. Glaube wird zu einer Erfahrung. Kirche wird zur
Verwalterin des „Amtes Christi“, ist zügig auf dem Weg zu einem mehr oder
weniger leistungsstarken Unternehmen, ängstlich darauf bedacht, schwarze Zahlen
für Jesus zu schreiben. Religion ist – im Anschluss an Detlef Pollack
(Säkularisierung – ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in
Deutschland, Tübingen 2003) – alles, was Menschen zur transzendenten
„Kontingenzbewältigung nutzen“ (S.36), alles was über die gesellschaftliche
Ordnung hinaus „eine andere Dimension der Wirklichkeit bereit hält“, alle
irrationalen Praktiken in denen Versöhnungshoffnungen und Erlösungssehnsüchte
und die „innere Einheit von Gruppen
stärkt“ (S.35): Dies wird im deutschen Kontext besonders an der Rückkehr der
Sinnfrage und an der Zunahme religiöser Gemeinschaften mit Mitgliedern aus dem
Migrationshintergrund festgemacht.
Urbanität in der Pfalz
Es wird oft
übersehen, dass die kleine, heute ca. 600.000 Mitglieder zählende, Evangelische
Kirche der Pfalz am Oberrhein in die Metropolregion Rhein-Neckar mit ihren 2,4
Mio. Einwohnern und an der Saar (1 Mio. Einwohner) in urbane Strukturen
eingebunden ist und bei der Entwicklung der regionalen Dienstleistungs- und
Wertschöpfungszentren intensiv an den Fragen nach der Stadt beteiligt ist:
Immerhin über 50% der Pfälzer Protestanten leben in Städten (Bundesdurchschnitt
80%). Und der Trend zur Stadt wächst. Trotz Umbau und Rückbau städtischer
Strukturen und sinkender Bevölkerungszahl lässt sich von einer
„Reurbanisierung“ der Gesellschaft sprechen (S.20). Es ist gut, dass der
EKD-Text, dessen Verfasser/in vornehmlich aus den Großstädten Berlin (3,4Mio.),
Hamburg (1,7 Mio.) und München (1,2 Mio.) kommen, für die Bundesrepublik in Ost und West ein
differenziertes Stadtbild aufweist. Der Text spricht formal von Kleinstadt ab
5.000 Einwohner, von Mittelstadt mit mindestens 20.000 Einwohnern und
Großstadt, die über 100.000 Einwohner zählt. Und daneben hat er auch die Megastädte und Metropolregionen der
Welt im Blick. Die Stadt wird grundsätzlich als Chance begriffen („Stadtluft
macht frei“), aber zugleich als Spannung erlebt („Stadtluft macht Angst“). Die
auch in der Pfalz bis in die Römerzeit zurück zu verfolgende Stadtkultur wird in
dem EKD-Text keineswegs historisch sondern aktuell soziologisch im Blick auf
die Zukunft bearbeitet. Die Ambivalenzen der Stadt werden wahrgenommen:
Anonymität und Freiheit, sowie die mit Rathaus, Markt und Kirche symbolisierte
Mitte der Stadt. Und die komplexen und spannungsvollen biblischen Bilder
(Jerusalem, Athen. Babel und Rom) mit ihrer Erinnerungskultur werden bedacht.
Es ist richtig, dass sich urbane Strukturen nicht nur in den z. T.
schrumpfenden Städten sondern auch in den wachsenden Metropolregionen
festmachen lassen. Reflektiert werden wachsender Wohlstand und -gleichzeitig-
wachsende Armut (vor allem bei Arbeitslosen und Migranten, bei
Alleinerziehenden und kinderreichen Familien), der Gegensatz zwischen heimisch
und fremd, die Unterscheidung zwischen „religiös und areligiös“, konfessionslos
und religionslos, die sich in der
Stadtgesellschaft angesichts der Begegnung mit dem Islam stellt (z.B. Hamburg
1,73 Mio. Einwohner: Muslime 130.000, Katholiken170.000; Protestanten 570.000;
43% Christen; vgl. auch Ludwigshafen ca. 50% Christen, 26% Katholiken, 24%
Protestanten, 15% Muslime).
Die Kirche: Amt Christi
Der für
Pfarrer und Pfarrerinnen interessanteste Teil des EKD-Textes verbirgt sich
zweifellos hinter der Überschrift: „Die Kirche“, weil hier von einem radikalen
Umbau kirchlicher Strukturen, Neuorganisation der Finanzen und der personellen
Ressourcen die Rede ist. Sehr
traditionell wird allerdings zunächst
von ihrem „Segens- und Heilungsdienst“ für die „Lebensdienlichkeit der
Stadt“ gesprochen, von ihrem „diakonischen, sozialen und anwaltschaftlichen
Einsatz für die Menschen in der Stadt“ und
von der „gemeinschaftsstiftenden Kraft des Glaubens“ (S.41). Aber
zugleich kommen in der Sprache der Manager und Macher neue Begriffe wie
„Schwerpunktkirche“, situative Nachfrage“, „Stadtregion“, „differenziertes
Angebotsensemble“, „neue kirchliche Planungs-Steuerungs- und
Organisationsformen“ ins Spiel. Was ist gemeint?
Der Auftrag
der Kirche wird „angesichts der erwartbaren Ressourcenentwicklung“ pragmatisch
und klar beschrieben: „Sie muss weniger machen, um mehr zu erreichen.“ (S.47).
Auf diesem Hintergrund wird,
theologischer korrekt, mit Hilfe
des „dreifachen Amtes Christi“ der Auftrag der Kirche skizziert. Christus ist,
wie Moses, Priester, Prophet und König.
Drei Gemeindearbeitsformen
Für die Praxis
bedeutet das entsprechend ein langfristiges, neues kirchliches Handlungskonzept
für die Stadt. Denn es besteht „ein überproportional großer Veränderungsbedarf
bei den lokal begrenzten, rein parochial organisierten Gemeindeformen in der
Stadt“ (S.62):
Die
Finanzierung der situativen Gemeindeangebote erscheint den Verfassern des
EKD-Textes erfolgreich mit Fundraising, Fördervereinen, Stiftungen,
Eintrittsgeldern, Spenden und punktueller Projektunterstützung möglich zu sein.
Für eine verlässliche quartiersbezogene Arbeit der Kirche erscheint die
Kirchensteuer unverzichtbar. Im Blick auf alle drei Gemeindearbeitsformen
erscheint ein „neues Potential zur Erzielung von finanzieller Unterstützung“
möglich. (S.64).
Schließlich
werden angesichts des „Abbruchs der religiösen Sozialisition in den Familien
und Schulen in den Städten“ religiöse Alphabethisierungskurse gefordert, die in
den in Frage kommenden Institutionen der kirchlichen Kinder-und Jugendarbeit
das Grundwissen für einen „stimmigen Glauben“ vermitteln sollen.
Und letztlich
wird neben einer Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit ein qualifizierter
interreligiöser Dialog mit einem „kontinuierlichen oder verlässlichen Begegnungsort“ gefordert.
Personal
Gerade Mal auf
einer der 70 Seiten des Papiers wird die Personalfrage angesichts der
„Wiederkehr der Kirche in die Stadt“ diskutiert und die berechtigte Frage
gestellt, ob es „Kriterien für besonders geeignete Stadtpfarrer/innen gibt“?
Eine qualifizierte Fort-und Weiterbildung mit dem Ziel verbesserter
„Teamfähigkeit und Zukunftskompetenz“, Stärkung der geistlichen Gemeinschaft
und zugleich landeskirchenübergreifender Möglichkeiten (S. 64f) wird gefordert. Die Verlagerung der
Anstellungsträgerschaft weg von den landeskirchlichen Personalämter hin zu
neuen regionalen Institutionen. Schaffung neuer Arbeitsstellen und
Kooperationsformen zwischen Theologen, Musikern, Diakonen und Pädagogen. Und
Organisation von mindestens drei Citykirchen in Deutschland mit Kompetenz zur
Landeskirchen übergreifenden Vikarsausbildung für die Stadt.
Kritik
Im Blick auf
die finanziellen, personellen, die verfassungsrechtlichen und
kirchenpolitischen Fragen und Folgerungen ist das Papier ausgesprochen schwach,
denn die gültigen Kirchenordnungen lassen wenig Raum zu solch tiefen Eingriffen
in die kirchliche Praxis und Personalentwicklung. Ebenso wenig kann der EKD-Text
93 sein theologisches Defizit im Blick auf die Gottesfrage verbergen. „Gott in
der Stadt“ verstanden als religiöses Phänomen und die undeutliche Wahrnehmung
der Rückkehr einer vielgestaltigen „religiösen Erregung“ in das urbane Umfeld
ist zu wenig, wenn es um so tiefgreifende neue Anfänge kirchlichen Lebens in
der Stadt geht.
Es bleibt
dabei: Gott will in seiner Treue das beharrliche Gegenüber zur modernen Großstadt sein. Er
will mehr als das Phänomen einer „Gottesüberraschung“ (S. 70) sein. Er macht sich
ansprechbar, ist Anrede, und er selbst will angesprochen sein. Er will als Person, als ihr großes DUda sein
für die Stadt und rufen zur Umkehr, so wie dass im Jonabuch angesagt ist. Nicht
die Kirche mit ihrem reichen Erfahrungsschatz und ihren vielen theologischen
Einsichten und Möglichkeiten, sondern er allein will der Stadt und ihren
Menschen Hoffnung geben. Und er will, dass wir im Lichte des neuen Jerusalem an
einer Stadt arbeiten, in der seine
Gerechtigkeit wohnt. „Zwischen Babel und Jerusalem geht unser Weg“.