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D. Dr. Friedhelm Borggrefe
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Gott in der Stadt
Der neue EKD-Text und die urbane Pfalz

 

Gut ein Jahr nachdem der Rat der EKD das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ mit den 12 Leuchtturm-Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert herausgegeben hat, erschien – in der Pfalz öffentlich wenig beachtet – im November 2007 der EKD-Text 93 mit dem anspruchsvollen Titel „Gott in der Stadt“ (Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt, Berlin/Hannover, 2007, 74 Seiten, eMail:versand@ekd.de oder download: www.ekd.de) . Er will als Paralleltext zu „Wandeln und gestalten“ (EKD-Text 87)  verstanden werden, wo es um die Aufgaben der evangelischen Kirche in ländlichen Räumen geht.  Bischof Dr. Wolfgang Huber bemerkt im Vorwort, dass alle, die in Presbyterien, Bezirkssynoden und Pfarrkonventen Verantwortung für die Kirche in der Stadt tragen, dadurch Ermutigung und hilfreiche Anregung bekommen können. Und plädiert für einen „kirchlichen Handlungsplan“ jeweils für die ganze Stadt im Sinne des Impulspapiers von 2006.

Das bis auf eine Ausnahme aus Theologen und Theologinnen bestehende  Autorenteam mittleren Alters, acht Männer und drei Frauen, unter der  wissenschaftlichen Begleitung von Stadtsuperintendent a. D. Hans-Werner Dannowski, Hannover und Prof. Wolfgang Grünberg von der Arbeitsstelle Kirche und Stadt in Hamburg wurde moderiert von Propst Ralf Meister (46 Jahre) aus Lübeck (116.000 Evangelische).  Hier initiierte er in den Jahren 2001-2007 eine Gemeindereform mit der Bildung von Großgemeinden (aus 26 kleinen wurden 5 große Kirchengemeinden mit neuen Schwerpunkten), die Sanierung der Lübecker Altstadtkirchen und missionarische Aktivitäten. Im Mai 2008 wurde er als neuer Generalsuperintendent von Berlin eingeführt und ist jetzt dort verantwortlich für die  14 Kirchensprengel mit 800.000 Gemeindegliedern, für den Berliner Dom und die fünf Citykirchenprojekte der Hauptstadt.

 

Anfrage an die klassische Parochie

Schon das Freiheitspapier der EKD hatte versucht, bei einer soziologisch positivistischen Grundwahrnehmung der kirchlichen Gesamtsituation, die klassische parochiale Struktur der Kirche kritisch auf zu arbeiten und einem Rückbau des „dörflichen Modells von Kirche“  im Kontext der Stadt mit Kirche, Pfarrhaus und dem  dazukommenden Gemeindehaus das Wort zu reden und die kirchliche Arbeit durch ein neues Management zu vitalisieren. Auch der Stadttext geht in eine ähnliche Richtung, wenn er von den „Gestaltungsaufgaben für eine Wiederkehr  der Kirche in die Stadt“ spricht. „Die Parochie bleibt zwar ein wesentliches „Angebot der Beheimatung“, „sie kann aber in der jetzigen Gestalt und Form nicht allein und unverändert bestehen bleiben, wenn die Kirche ihre Aufgaben in der Stadt erfüllen will“ (S.61). Wenn solche Grundüberzeugungen von wichtigen Gremien der EKD formuliert und bedacht werden, bedeutet das nicht nur im Blick auf die Evangelische Kirche der Pfalz mit ihren vielgliedrigen, kleinteiligen Gemeindestrukturen in immerhin 428 Pfarreien der Metropolregion Rhein-Neckar und der Saar-Pfalz eine große Herausforderung struktureller und kirchenrechtlicher Art.

 

Freude an der Religion

Wichtig ist, darauf macht der EKD-Text aufmerksam: „Gott in der Stadt“ lebt von der Freude über eine „neue Aufmerksamkeit“ für Religion und von der klaren Absage an die Säkularisationsthese eines Harvey Cox aus den 60er Jahren („Stadt ohne Gott“, „Secular city“). Es wird von einem neuen „post-säkularen Zeitalter“ gesprochen und - vorsichtig zwar-  von einem Trend, einer „neuen Qualität und Quantität“; ja, von einem visionären Aspekt, der in der verstärkten Wahrnehmung der Kirche verborgen ist und einen  neuen Zukunftshorizont  für sie eröffnet.

 

Gottesbild

Signifikant ist allerdings das Gottesbild des EKD-Textes. Mich persönlich erinnert es lebhaft an Passagen aus den Schriften der Philosophen des Prager Frühlings 1968,  vor 40 Jahren: Milan Machovec (vgl. Vom Sinn des menschlichen Lebens, Freiburg 1964 besonders das Kapitel „Gott“ S. 31-41) und Vitezlav Gardavsky (vgl. Gott ist nicht ganz tot, München, 1969). Jedenfalls, über 267 Mal wird auf den  70 Seiten des Papiers in den Begriffen „Religion“ und „religiös“ gesprochen. Das Wort „Gott“ kommt nur 32 Mal vor. Und Gott ist Gott weniger im personalen biblischen Sinne sondern eher eine religiöse Struktur. „Wort Gottes“ wird entsprechend zu einem Symbol. Glaube wird zu einer Erfahrung. Kirche wird zur Verwalterin des „Amtes Christi“, ist zügig auf dem Weg zu einem mehr oder weniger leistungsstarken Unternehmen, ängstlich darauf bedacht, schwarze Zahlen für Jesus zu schreiben. Religion ist – im Anschluss an Detlef Pollack (Säkularisierung – ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland, Tübingen 2003) – alles, was Menschen zur transzendenten „Kontingenzbewältigung nutzen“ (S.36), alles was über die gesellschaftliche Ordnung hinaus „eine andere Dimension der Wirklichkeit bereit hält“, alle irrationalen Praktiken in denen Versöhnungshoffnungen und Erlösungssehnsüchte und die  „innere Einheit von Gruppen stärkt“ (S.35): Dies wird im deutschen Kontext besonders an der Rückkehr der Sinnfrage und an der Zunahme religiöser Gemeinschaften mit Mitgliedern aus dem Migrationshintergrund festgemacht.

 

Urbanität in der Pfalz

Es wird oft übersehen, dass die kleine, heute ca. 600.000 Mitglieder zählende, Evangelische Kirche der Pfalz am Oberrhein in die Metropolregion Rhein-Neckar mit ihren 2,4 Mio. Einwohnern und an der Saar (1 Mio. Einwohner) in urbane Strukturen eingebunden ist und bei der Entwicklung der regionalen Dienstleistungs- und Wertschöpfungszentren intensiv an den Fragen nach der Stadt beteiligt ist: Immerhin über 50% der Pfälzer Protestanten leben in Städten (Bundesdurchschnitt 80%). Und der Trend zur Stadt wächst. Trotz Umbau und Rückbau städtischer Strukturen und sinkender Bevölkerungszahl lässt sich von einer „Reurbanisierung“ der Gesellschaft sprechen (S.20). Es ist gut, dass der EKD-Text, dessen Verfasser/in vornehmlich aus den Großstädten Berlin (3,4Mio.), Hamburg (1,7 Mio.) und München (1,2 Mio.) kommen,  für die Bundesrepublik in Ost und West ein differenziertes Stadtbild aufweist. Der Text spricht formal von Kleinstadt ab 5.000 Einwohner, von Mittelstadt mit mindestens 20.000 Einwohnern und Großstadt, die über 100.000 Einwohner zählt. Und daneben hat er  auch die Megastädte und Metropolregionen der Welt im Blick. Die Stadt wird grundsätzlich als Chance begriffen („Stadtluft macht frei“), aber zugleich als Spannung erlebt („Stadtluft macht Angst“). Die auch in der Pfalz bis in die Römerzeit zurück zu verfolgende Stadtkultur wird in dem EKD-Text keineswegs historisch sondern aktuell soziologisch im Blick auf die Zukunft bearbeitet. Die Ambivalenzen der Stadt werden wahrgenommen: Anonymität und Freiheit, sowie die mit Rathaus, Markt und Kirche symbolisierte Mitte der Stadt. Und die komplexen und spannungsvollen biblischen Bilder (Jerusalem, Athen. Babel und Rom) mit ihrer Erinnerungskultur werden bedacht. Es ist richtig, dass sich urbane Strukturen nicht nur in den z. T. schrumpfenden Städten sondern auch in den wachsenden Metropolregionen festmachen lassen. Reflektiert werden wachsender Wohlstand und -gleichzeitig- wachsende Armut (vor allem bei Arbeitslosen und Migranten, bei Alleinerziehenden und kinderreichen Familien), der Gegensatz zwischen heimisch und fremd, die Unterscheidung zwischen „religiös und areligiös“, konfessionslos und religionslos, die sich  in der Stadtgesellschaft angesichts der Begegnung mit dem Islam stellt (z.B. Hamburg 1,73 Mio. Einwohner: Muslime 130.000, Katholiken170.000; Protestanten 570.000; 43% Christen; vgl. auch Ludwigshafen ca. 50% Christen, 26% Katholiken, 24% Protestanten, 15% Muslime).

 

Die Kirche: Amt Christi

Der für Pfarrer und Pfarrerinnen interessanteste Teil des EKD-Textes verbirgt sich zweifellos hinter der Überschrift: „Die Kirche“, weil hier von einem radikalen Umbau kirchlicher Strukturen, Neuorganisation der Finanzen und der personellen Ressourcen die Rede ist.  Sehr traditionell wird allerdings zunächst  von ihrem „Segens- und Heilungsdienst“ für die „Lebensdienlichkeit der Stadt“ gesprochen, von ihrem „diakonischen, sozialen und anwaltschaftlichen Einsatz für die Menschen in der Stadt“ und  von der „gemeinschaftsstiftenden Kraft des Glaubens“ (S.41). Aber zugleich kommen in der Sprache der Manager und Macher neue Begriffe wie „Schwerpunktkirche“, situative Nachfrage“, „Stadtregion“, „differenziertes Angebotsensemble“, „neue kirchliche Planungs-Steuerungs- und Organisationsformen“ ins Spiel. Was ist gemeint?

Der Auftrag der Kirche wird „angesichts der erwartbaren Ressourcenentwicklung“ pragmatisch und klar beschrieben: „Sie muss weniger machen, um mehr zu erreichen.“ (S.47). Auf diesem Hintergrund wird,  theologischer korrekt,  mit Hilfe des „dreifachen Amtes Christi“ der Auftrag der Kirche skizziert. Christus ist, wie Moses, Priester, Prophet und König.

  1. Kirche hat ein priesterliches Amt, schenkt Hoffnung und gibt Weisung und Orientierung. Dies geschieht vornehmlich in der „liebevollen Feier des Gottesdienstes“, im Anschluss an die „rhythmisierende Kraft des christlichen Festkalenders“ und mit den „lebensbegleitenden Amtshandlungen für die Menschen in der Stadt“: hier sind neue Schwerpunkte zu finden, Prioritäten zu setzen und eine entsprechende Ressourcenverteilung zu finden.
  2. Kirche hat ein prophetisches Amt, das heißt eine anwaltliche Dimension. Sie „trägt eine Heilungsdimension in das Stadtgespräch hinein“ (S.49). Erinnert wird in diesem Zusammenhang an die Funktion der Kirchen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR 1989, in der in der säkular gewordenen Stadt Kirche an die Würde des Menschen, an die Humanität des Gemeinwesens und die Solidarität mit den Schwachen erinnerte. Während das priesterliche Amt eher lokal zum Tragen kommt, sucht das prophetische Amt den öffentlichen Raum in den Medien, in Bildungsakademien und öffentlichen Gottesdiensten anlässlich von Alltagserfahrungen. Auch der anwaltschaftliche Einsatz in der Diakonie gehört in diesen Bereich.
  3. Kirche, die das königliche Amt Christi wahrnimmt, hat immer auch seine befreiende Herrschaft auch unter Fremden und Fernen, unter Nichtchristen und Andersglaubenden im Blick. Sie wendet sich an die „reichen Armen und die armen Reichen“ (Hubertus Halbfas). Hier kommt die missionarische Komponente des Evangeliums zum Tragen: Christus wird entdeckt auch außerhalb der Kirchenmauern, die oft beklagte „Milieuverengung der evangelischen Gemeinden“ muss überwunden werden.

 

Drei Gemeindearbeitsformen

Für die Praxis bedeutet das entsprechend ein langfristiges, neues kirchliches Handlungskonzept für die Stadt. Denn es besteht „ein überproportional großer Veränderungsbedarf bei den lokal begrenzten, rein parochial organisierten Gemeindeformen in der Stadt“ (S.62):

  1. Quartier: Der Umbau  und Abbau der vorhandenen Gemeindestrukturen der Parochie hin zur „Kirche im Quartier“(S.52) entspricht den Herausforderungen des priesterlichen Amtes der Kirche. Dabei gilt es, eine bessere „Quartierswahrnehmung“, ein „Quartiersbewußtsein“, „neue Steuerungsformen und Führungskompetenzen“, „Steigerung des Teamgeistes“ und „passgenaue Angebote“  zu entwickeln. Dies ist nur möglich in einer regional organisierten Kirche mit zentraler Personal-und Finanzbewirtschaftung.
  2. Profil: Der Aufbau eines neuen Handlungsinstrumentes mit neuen Schwerpunkten und Akzenten dient vornehmlich der Entwicklung des prophetischen Amtes der Kirche in der Stadt. Stichwort: „Profil-oder Richtungsgemeinde“. Entwicklung von Stadtteilkirchen, die einen „überregional  ‚guten Ruf’ für eine bestimmten Bereich haben“: von der Kirchenmusik bis zum evangelikalen Frömmigkeitsprofil, von der Jugendkirche bis zur Stadtmissionsgemeinde, Anstaltsgemeinde usw.
  3. Situativ: Aufbau einer „situativ-missionarischen Gemeindearbeit“. Hier werden alle neueren Aktivitäten der „Passantenreligiosität“ und der Citykirchenarbeit aufgezählt: Kirchencafés, nächtliche Kirchenführungen, kirchenmusikalische Angebot, Bibelfeste, Ausstellungen etc. Das alles soll nicht nur Offenheit der Kirche für die Stadt, sondern das königliche Amt der Kirche weiter entwickeln.

Die Finanzierung der situativen Gemeindeangebote erscheint den Verfassern des EKD-Textes erfolgreich mit Fundraising, Fördervereinen, Stiftungen, Eintrittsgeldern, Spenden und punktueller Projektunterstützung möglich zu sein. Für eine verlässliche quartiersbezogene Arbeit der Kirche erscheint die Kirchensteuer unverzichtbar. Im Blick auf alle drei Gemeindearbeitsformen erscheint ein „neues Potential zur Erzielung von finanzieller Unterstützung“ möglich. (S.64).

Schließlich werden angesichts des „Abbruchs der religiösen Sozialisition in den Familien und Schulen in den Städten“ religiöse Alphabethisierungskurse gefordert, die in den in Frage kommenden Institutionen der kirchlichen Kinder-und Jugendarbeit das Grundwissen für einen „stimmigen Glauben“ vermitteln sollen.

Und letztlich wird neben einer Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit ein qualifizierter interreligiöser Dialog mit einem „kontinuierlichen oder verlässlichen  Begegnungsort“ gefordert.

 

Personal

Gerade Mal auf einer der 70 Seiten des Papiers wird die Personalfrage angesichts der „Wiederkehr der Kirche in die Stadt“ diskutiert und die berechtigte Frage gestellt, ob es „Kriterien für besonders geeignete Stadtpfarrer/innen gibt“? Eine qualifizierte Fort-und Weiterbildung mit dem Ziel verbesserter „Teamfähigkeit und Zukunftskompetenz“, Stärkung der geistlichen Gemeinschaft und zugleich landeskirchenübergreifender Möglichkeiten  (S. 64f) wird gefordert. Die Verlagerung der Anstellungsträgerschaft weg von den landeskirchlichen Personalämter hin zu neuen regionalen Institutionen. Schaffung neuer Arbeitsstellen und Kooperationsformen zwischen Theologen, Musikern, Diakonen und Pädagogen. Und Organisation von mindestens drei Citykirchen in Deutschland mit Kompetenz zur Landeskirchen übergreifenden Vikarsausbildung für die Stadt.

 

Kritik

Im Blick auf die finanziellen, personellen, die verfassungsrechtlichen und kirchenpolitischen Fragen und Folgerungen ist das Papier ausgesprochen schwach, denn die gültigen Kirchenordnungen lassen wenig Raum zu solch tiefen Eingriffen in die kirchliche Praxis und Personalentwicklung. Ebenso wenig kann der EKD-Text 93 sein theologisches Defizit im Blick auf die Gottesfrage verbergen. „Gott in der Stadt“ verstanden als religiöses Phänomen und die undeutliche Wahrnehmung der Rückkehr einer vielgestaltigen „religiösen Erregung“ in das urbane Umfeld ist zu wenig, wenn es um so tiefgreifende neue Anfänge kirchlichen Lebens in der Stadt geht.

Es bleibt dabei: Gott will in seiner Treue das beharrliche  Gegenüber zur modernen Großstadt sein. Er will mehr als das Phänomen einer „Gottesüberraschung“ (S. 70) sein. Er macht sich ansprechbar, ist Anrede, und er selbst will angesprochen sein.  Er will als Person, als ihr großes DUda sein für die Stadt und rufen zur Umkehr, so wie dass im Jonabuch angesagt ist. Nicht die Kirche mit ihrem reichen Erfahrungsschatz und ihren vielen theologischen Einsichten und Möglichkeiten, sondern er allein will der Stadt und ihren Menschen Hoffnung geben. Und er will, dass wir im Lichte des neuen Jerusalem an einer Stadt arbeiten, in der  seine Gerechtigkeit wohnt. „Zwischen Babel und Jerusalem geht unser Weg“.


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