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Willow Creek in der DDR?
Über die ersten sucherorientierten
Gottesdienste in Deutschland*
Wann wurde Willow
Creek in Deutschland bekannt?
Holger Böckel, Dozent an der Universität Halle-Wittenberg, untersucht wissenschaftlich die Aufnahme der Impulse von Willow Creek und von anderen amerikanischen Gemeinden in Deutschland. Er geht davon aus, dass das Prinzip dieser Gemeinden „church for the unchurched“ sein zu wollen, seit Mitte der 1990er Jahre in Deutschland breit aufgenommen wird. Die entscheidenden Buchveröffentlichungen bestätigen diesen zeitlichen Ansatz.
1995 erschien das Büchlein „Ins Kino gegangen und Gott getroffen“, in dem Lynne und Bill Hybels die Geschichte, die Ziele und Prinzipien von Willow Creek vorstellen.
Im selben Jahr veröffentlichte Kai Scheunemann „Kirche für Distanzierte“, das bald das Standardwerk zum Kennenlernen des Willow-Creek-Modells wurde. Seitdem sind in Willow Creek entwickelte Gedanken aus der deutschen Gemeindeentwicklung nicht mehr wegzudenken. Willow Creek und andere amerikanische Vorbilder haben Gemeinden inspiriert, sucherorientierte Gottesdienste (Seeker-Services) auch hierzulande anzubieten.
Sicherlich hatten schon vor Mitte der 1990er Jahre Gemeindeleiter aus Deutschland durch Studienreisen in die USA und englischsprachige Buchveröffentlichungen den Ansatz von Willow Creek kennen gelernt. Und auch in deutscher Sprache gab es Aufsätze über und Hinweise zu Willow Creek, die aber nicht weiter als in die 1980er Jahre zurückreichen. Deshalb mag es für viele eine überraschende Entdeckung sein: In Deutschland gab es schon lange zuvor missionarisch ausgerichtete Gottesdienste für Kirchendistanzierte – auch ohne den Einfluss und ohne die Kenntnis der amerikanischen Vorbilder.
Ich rede nicht von den Gottesdienstexperimenten der 1960er und 1970er Jahre, die oft aus einer Unzufriedenheit mit erstarrten Gottesdiensten geboren wurden und einfach näher bei den Menschen und ihren Lebensbezügen sein wollten. Diese kreativen Gottesdienste hießen Beatmessen, Gesprächsgottesdienste, politische Nachtgebete oder schlicht „Gottesdienst in anderer Form“. Sie fanden oft auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag ein Forum und wirkten von dort aus auf die Kirchengemeinden zurück. Oft schüttete man damals das Kind mit dem Bade aus und verabschiedete sich nicht nur von traditionellen Formen, sondern auch von wesentlichen Inhalten des Glaubens.
Die Gottesdienste, die sich als Vorläufer der sucherorientierten Gottesdienste verstehen dürfen, waren anders: nämlich nicht als Experimente und Events angelegt, sondern als Teil einer nachhaltigen Gemeindeentwicklung einer evangelistischen Gemeinde.
Ich spreche von einer Reihe von Gottesdienstformaten, wie sie zum Beispiel in vier ostdeutschen Kirchengemeinden konzipiert wurden. Diese vier Konzepte sind aufgelistet in den Materialien für die vom 13. bis 17. Mai 1977 in Görlitz tagende Bundessynode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Die Unterlagen zu dieser Synode gehören zu den ganz wenigen Dokumenten, die über missionarisch ausgerichtete Gottesdienstreformen in der DDR heute allgemein zugänglich sind. Ich verdanke den Hinweis auf die Görlitzer Synode Pfarrer Matthias Bartels. Er arbeitet am 2004 gegründeten Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung an der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald u.a. über den Gemeindeaufbau in der DDR.
Die Dokumente der Görlitzer Synode zeigen uns: Es gab schon in den 1970er Jahren sucherorientierte Gottesdienste in der DDR, die nach ähnlichen Prinzipien gestaltet wurden, wie sie von den großen und bekannten Gemeinden wie der Willow Creek Community Church oder der Saddleback Church formuliert wurden.
Typische
Gestaltungselemente:
In den der Bundessynode vorgestellten Gottesdiensten finden sich alle Gestaltungselemente, die noch heute für einen sucherorienterten Gottesdienst üblich sind: So gibt es Moderatoren, die ins Thema einführen, ein Theaterstück („Szene“ oder „Anspiel“ genannt), Lobpreis („Lobgesang“ ist der damalige Sprachgebrauch), zeitgemäßere Musik, eine Möglichkeit zum Feedback auf Gottesdienst und Predigt – und eine thematische Predigt.
Die Vertreter der St. Michaelis-Gemeinde in Leipzig berichten der Bundessynode, sie möchten die Menschen nicht nur über Ohr und Verstand, sondern auch durch „visuelle“ und „dramatische“ Elemente erreichen.
Thematische
Orientierung:
In landeskirchlichen Gemeinden war und ist es üblich, dass Sonntag für Sonntag ein Bibeltext ausgelegt wird, oft Vers für Vers, der dann auf das Leben der Zuhörer bezogen wird. Die 1977 der Bundessynode in Görlitz vorgestellten Gottesdienste verschiedener ostdeutscher Gemeinden sind sämtlich thematisch orientiert. Dem liegt die Erkenntnis zu Grund, dass Jesus in der Regel genau so gepredigt hat: Er begann meist bei der Situation oder bei den Nöten, Fragen und Bedürfnissen seiner Zuhörer und bezog sich dabei auf die Schrift. Er hat nicht über die Schrift, sondern mit der Schrift gepredigt.
Regelmäßigkeit:
Im Unterschied zu den Gottesdienstexperimenten, die eine missionarische Gemeindeentwicklung weniger im Blick hatten, halten die vier ostdeutschen Kirchengemeinden Regelmäßigkeit für unabdingbar, wenn Menschen durch Gottesdienste dauerhaft erreicht und in die Gemeinde integriert werden sollen. Deshalb berichtet die St. Michaelis-Kirchgemeinde für die Bundessynode über ihre neuen Gottesdienste: „In der Regel finden diese an jedem ersten Sonntag eines Monats statt.“ Die Kirchegemeinde „Zum Vaterhaus“ in Berlin-Baumschulenweg verlässt sogar alle 14 Tage die traditionelle Gottesdienstform.
Diese Regelmäßigkeit ist bis heute ein kritischer Punkt bei fast allen Gottesdiensten für Kirchendistanzierte in Deutschland. Oft finden Sie nur alle zwei Monate oder sogar vierteljährlich statt. Dann aber überwiegt der Event-Charaker und das Ziel der Integration von neuen Gottesdienstbesuchern ist schwieriger. Der Gottesdienstbesuch wird schwerer eine gute Gewohnheit.
Fokussieren auf
Kirchendistanzierte als Teil einer nachhaltigen missionarischen
Gemeindeentwicklung
Das Besondere dieser Gemeinden ist, dass sie sowohl die Gemeindeglieder im Blick haben, die nicht den Gottesdienst besuchen – heute würde man von kirchendistanzierten oder kirchenfremden Kirchenmitgliedern sprechen – als auch die unkirchlichen, säkularisierten oder atheistischen Zeitgenossen der ostdeutschen Großstädte. Und sie verfolgen dabei der Sache nach einen missionarischen Gemeindeaufbau – auch wenn dieser Begriff erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand. Ich denke, das ist der wichtigste Punkt. Und deshalb können diese Gottesdienstformate – und viele andere, von denen wir nichts wissen und die, ohne dokumentiert worden zu sein, im Dunkel der Geschichte verschwunden sind – wirklich als die ersten sucherorientierten Gottesdienste auf deutschem Boden gelten. In der ehemaligen DDR hat man einige Jahre früher als im Westen die Bedeutung eines missionarischen Gemeindeaufbaus erkannt.
Die St. Michaelis-Gemeinde in Leipzig berichtet: „Den Gottesdienst nach Agende I halten wir nicht für antiquiert, meinen jedoch, dass er allein heute nicht mehr ausreicht für eine missionarische Gemeinde, die alle Gemeindeglieder erreichen will. In ihrer Gesamtkonzeption bemüht sich unsere Gemeinde um die verschiedenen Bewohner einer Großstadt und versucht, ihnen – wenn überhaupt möglich – gerecht zu werden.“
Dass das Ziel einer Integration neuer Gottesdienstbesucher in bestehende traditionelle Gemeinden tatsächlich – zumindest ansatzweise – gelingt, wird auch berichtet. Die Kirchengemeinde „Zum Vaterhaus“ in Berlin-Baumschulenweg schreibt: „[…] wir konnten in der Folgezeit sogar eine erfreuliche ‚Rückkopplung’ zu den agendarischen Gottesdiensten feststellen. Die neue Form hatte mehr Leute als bisher zum Besuch des ‚normalen’ agendarischen Gottesdienstes angeregt.“ Zu dieser „Rückkopplung“ beigetragen hat sicherlich auch, dass man in Berlin-Baumschulenweg bereit war, Elemente aus dem sucherorientierten Gottesdienst in die „normalen“ Gottesdienste mit einfließen zu lassen: „Was einst als Unterstützung der neuen Gottesdienste begann, ist heute fester Bestandteil jedes Sonntagvormittags.“ Die neuen Gottesdienste verändern diese Gemeinde nach und nach, neue Gruppen entstehen, die neuen Gottesdienstbesucher kommen zu Gemeinde-Seminaren und nehmen an Familienfreizeiten teil.
Der neue Gottesdienst sorgte in Berlin nicht für eine Spaltung der Gemeinde, sondern wirkte im Gegenteil integrativ: „Wir sind froh darüber, nicht sagen zu müssen, dass sich durch die verschiedenen Gottesdienste verschiedene Einzelgemeinden gebildet haben, wenn es auch sicherlich Gemeindeglieder gibt, die den einen oder anderen Gottesdienst lieber besuchen.“
Die Bundessynode reagierte auf diese ihr vorgestellten Berichte, indem sie die Gemeinden in der DDR in einem Brief ermutigte, sich zu öffnen für die „verschiedenen gottesdienstlichen Formen“ und hebt die Bedeutung von „Gebet und Lobgesang“ besonders hervor.
Soweit die Bundessynode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR 1977 in Görlitz. Spannend wäre jetzt zu erfahren, wie es weitergegangen ist mit den neuen Gottesdiensten in den erwähnten vier Kirchengemeinden. Welche Arbeitsformen sind geblieben? Wie haben sich die Gemeinden entwickelt und wo stehen sie heute? Das untersucht zur Zeit der schon erwähnte Matthias Bartels in Greifswald.
Seine Ergebnisse stehen uns noch nicht zur Verfügung. Deshalb richten wir unseren Blick noch einmal auf den gut dokumentierten Anfang der Entwicklung. Welche Schlüsse ziehen wir nun aus der Erkenntnis, dass es deutsche Wurzeln eines sucherorientierten Gottesdienstes gibt? Drei Gedanken dazu:
Amerikanisierung
des Gottesdienstes?
Wer in Deutschland
versucht, Prinzipien eines sucherorienterten Gottesdienstes traditionellen landeskirchlichen
Gemeinden zu vermitteln, stellt immer wieder fest: Bei einigen Menschen ist der
Eindruck entstanden, bei diesen Gottesdiensten handle es sich um einen amerikanischen
Export-Artikel, der nicht zu uns passt. Manche haben sogar Angst: Erleben wir
eine Amerikanisierung unserer gemeindlichen Kultur und unserer Ausdrucksformen
des Glaubens? Schwappt da was über den großen Teich zu uns rüber?
Wir können diesen Menschen zeigen: Es gibt eine eigene deutsche und landeskirchliche
Tradition von sucherorientierten Gottesdiensten. Ohne den Einfluss von Willow
Creek und anderen amerikanischen Gemeinden sind in Deutschland schon früh
sucherorientierte Gottesdienste entstanden, die in vielen Prinzipien und
Kriterien für solche Gottesdienste mit Willow Creek & Co übereinstimmen, auch
wenn sie sich in einzelnen Elementen zum Teil von den bekannten amerikanischen
Gäste-Gottesdiensten unterscheiden. Wer sich für diesen Punkt interessiert, dem
sei die Doktorarbeit empfohlen, die 2006 erschienen ist und die Gemeinsamkeiten
und Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen sucherorientierten
Gottesdiensten herausgearbeitet hat (Christian Schwank: Gottesdienste für
Kirchendistanzierte. Konzepte und Perspektiven).
Es ist schade, dass die
spezifische Ausprägung und die eigene Geschichte und Tradition der hierzulande
gefeierten Gottesdienste für Kirchendistanzierte in der Diskussion bisher so
gut wie nicht wahrgenommen wird. Die Kritiker haben insofern recht als die
Diskussion um Gottesdienste für kirchendistanzierte Menschen Amerika-fixiert ist
und man eher von Chicago und Saddleback neue Impuluse erwartet als von Berlin
und Leipzig.
Eine Idee setzt
sich durch!
Dass verschiedene Christen an verschiedenen Orten unabhängig voneinander auf ähnliche Ideen gekommen sind, zeigt: Die Zeit war reif für diese Idee. Und bekanntlich ist ja nichts stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Der sucherorienterte
Gottesdienst entspricht eben unserem neugierigen, suchenden und kritischen
Zeitgenossen. Und dabei ist vom Grundsatz her nicht entscheidend, ob dieser
Zeitgenosse in einer von der Marktwirtschaft oder in einer vom Sozialismus
geprägten Gesellschaft lebt.
Es gehört übrigens zu
den erstaunlichen Erfahrungen der neueren Kirchengeschichte, dass „die ganz
anderen gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR fast ohne Einfluss auf das
Selbstverständnis und Verhalten der Gemeindeglieder geblieben“ sind, wie die
Studie „Fremde Heimat Kirche“ der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1992
formuliert. Deshalb waren die missionarischen Arbeitsformen der Kirchen in Ost
und West so überraschend ähnlich, nicht nur in Ost- und Westdeutschland,
sondern auch in den beiden Hälften der damals in Blöcken geteilten Welt.
Globalisierung und
Kontextualisierung
Einerseits gleichen sich also die Formen eines sucherorientierten Gottesdienstes überall auf der Welt. Das zeigt: Mit ihren kreativen Ideen, das Evangelium in ihrer Zeit zum Klingen zu bringen und die weltweiten Zeichen der Zeit zu erkennen, waren Christen schon immer Vorreiter einer Globalisierung, die für sie eine geistliche Dimension hat.
Dass es andererseits doch auch wesentliche Unterschiede gibt zeigt: Christen haben schon immer genau in ihre Zeit und Gesellschaft hineingehorcht und sind aufmerksam zuhörend den Menschen vor Ort so begegnet, wie sie es gerade brauchten. Das meint Kontextualisierung des Evangeliums. Die Prinzipien einer missionarischen Kirche haben liebevoll-kreative Christen in der ehemaligen DDR schon in den 1970er Jahren beherzigt. Wir stehen mit unseren Bemühungen, Menschen in Deutschland mit sucherorientierter Gemeindearbeit zu erreichen, in ihrer guten Tradition.
* Es handelt sich um einen Vortrag, der in verschiedenen Gemeinden in der Pfalz gehalten wurde. Der Vortragsstil wurde weitgehend beibehalten, auf einen Anmerkungsapparat verzichtet.